ADB:Audorf, Jakob

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Artikel „Audorf, Jakob“ von Ludwig Julius Fränkel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 46 (1902), S. 82–84, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Audorf,_Jakob&oldid=2013516 (Version vom 2. August 2014, 00:22 Uhr UTC)
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Audorf: Jakob A., der Verfasser der „Arbeiter-Marseillaise“, war Politiker und Poet. Die Schicksale dieses Mannes waren und sind in weiteren Kreisen unbekannt, und als er am 20. Juni 1898 ziemlich bejahrt das Zeitliche segnete und man die begeisterten Nachrufe, sowie von der grandiosen Beerdigung des Dichters der „Gedrückten und Enterbten“ las, gelangte vor die Augen der meisten erst durch die Todesnotiz Aufklärung über seine Persönlichkeit. Am 1. August 1835 als Sohn eines armen Haartuchwebers, des „alten Jakob Audorf“, zu Hamburg geboren, überkam A. vom Vater, der unter den communistischen Demokraten der Vaterstadt und 1848–49 im ersten Stadium des deutschen Socialismus eine führende Stellung einnahm, das kümmerliche, nun längst durch die Maschine getödtete Gewerbe sowol, als die radicale Weltanschauung. Nachdem er fünf Jahre als Schlosser und Mechaniker gelernt hatte, wanderte er Herbst 1857 mit drei Thalern nach Deutschland hinaus, bald in die, Handwerksburschen dazumal deutscherseits untersagte Schweiz. In den überaus regsamen dortigen deutschen Arbeitervereinen, den Pflanz- und Lehrstätten der socialistischen Arbeiterpartei, gerieth A. schon jung in ein Getriebe, das fürder mehr und mehr seine Kraft aufsog und seine kaum flügge Muse tendenzlosen Aufgaben von vornherein entfremdete. Präsident des Arbeitervereins zu Winterthur seit 1858, feierte er 1859 in Zürich bei Schiller’s Säcularfest ihn begeistert als Freiheitsapostel, lernte Georg Herwegh und Robert Blum’s Sohn Hans, den nachherigen nationalen Wortführer, als Märtyrer der gemeinsamen Ueberzeugung kennen, steuerte auch zu des letzteren Studienfonds bei. 1861 gings über Mülhausen nach Paris, wo er die selbsterworbene Sprachfertigkeit so vervollkommnete, daß er noch nach einem Jahrzehnt für Zeitungsfeuilletons französische Romane treffend verdeutschte, 1863 über London heim. Daselbst brach gerade der Vater im Proletariat den anhebenden Einflüssen Ferdinand Lassalle’s Bahn, A. schloß sich dieser neuen, der socialdemokratischen Richtung, mit Leib und Seele an und blieb ihr auf die Dauer rückhaltlos treu. Delegirter zur Constituirung des „Allgemeinen deutschen Arbeitervereins“ in Leipzig, ward er dessen Vorstandsmitglied und für Hamburg Bevollmächtigter. Dabei hat A. den Lassalle’schen Standpunkt mit dessen specifisch deutschem Anstriche gegenüber den internationalen und particularistischen Machenschaften streng vertreten, nach dem Tode des Führers auf Seiten des Präsidenten Bernhard Becker, öffentlich in der Erklärung vom 7. April 1865 („Socialdemokrat“ Nr. 44) und als Vorsitzender bei der Centralfeier zu Frankfurt am 22. Mai.

Die energisch einsetzende socialistisch-radicale Bewegung stachelte A. zum Dichten. „Nicht zählen wir den Feind, Nicht die Gefahren all’! Der Bahn, der kühnen, folgen wir, Die uns geführt Lassall’!“, so lautete der Refrain jenes „Liedes der deutschen Arbeiter“, das seit 1864 unter der Marke „Arbeiter-Marseillaise“ auf den Lippen und im Herzen zahlloser Tausende von deutschen Proletariern fortlebt und, man mag dies Kampfbrevier sachlich und formell beurtheilen, wie man will, in der mächtigen socialistischen Strömung in den letzten drei Decennien einen anstachelnden Hebel abgab. Doch A., nichts weniger als eine Streitnatur, entwich vor den folgenden inneren Reibereien der „Genossen“ 1868 nach Rußland, erst nach der Verschmelzung auf dem Gothaer Congresse 1875 kehrte er zurück, an das neue „Hamburg-Altonaer Volksblatt“. Aber mit dem inzwischen völlig umgestalteten Parteikörper wenig bekannt, griff A. in die schrankenlose Ausbreitung der Ideen nicht weiter ein, und nach dem ihm ungünstigen [83] Stichentscheid bei der 1877er Reichstagswahl gegen Heinr. v. Sybel (Lennep-Mettmann), zog er wiederum ins Zarenreich, 1881 sogar zum dritten Male, als er, kaum in Hamburg eingetroffen, infolge des Socialistengesetzes ausgewiesen wurde. Mit Hülfe gründlicher russischer Kenntnisse bereiste er für eine deutsche Fabrik in Lodz Rußland bis nach Asien und gehörte, 1887 auf Verwendung des Moskauer deutschen Consuls daheim wieder zugelassen, seit 1888 dem dritten der sich folgenden Parteiorgane, dem „Hamburger Echo“, bis zum Tode als ständiger Mitarbeiter an. Seine nie deutschsprechende Gattin Anastasia Djakow pflegte ihn während längeren Siechthums hingebend. Letzteres verhinderte seine emsige Thätigkeit als regelmäßiger, beliebter Wochen-„Chroniqueur“ im „H. Echo“ nicht, und auch die lyrische Muse reizte ihn nun des öfteren. Er schuf seine Lieder und Gedichte aus dem Gemüthe des deutschen Socialdemokraten; in ihnen athmet der Mann der „schwieligen Faust“ mit seinen Freuden und Leiden. Vor allem freilich durch jene „Arbeiter-Marseillaise“ stiegen sein Name und sein Wort zum obersten Range bei ungezählten Hörern, Sängern und Lesern: „es ist ein Gedicht von historischer Bedeutung“, preist der Leit-Nekrolog seiner Zeitung panegyrisch. Sie darf nicht ästhetisch gemessen werden, ebensowenig wie ihr Vorbild, Rouget de Lisle’s „Allons enfants de la patrie“, dem die schwunghafte Melodie entstammt, aber Gottfried Keller’s Bedauern (im „Sinngedicht“, wo der junge verliebte Schuster Goethe’s „Kleine Blumen“ singt) über die Vorherrschaft dieses Trutzsangs im Handwerksburschen-Liederschatze verstehen wir. Leider haben Audorf’s politisch-polemische Poesien seine vielen, glücklich empfundenen, rein lyrischen Wander- und Liebeslieder – ganz volksliedmäßig „Schön Lenchen“ und „Vönli“ –, sowie die noch nicht extrem anklingenden Gedichte seiner älteren Periode („Am Brocken“, „Vor Römer und Paulskirche in Frankfurt a. M.“, aufs „Heidelberger Schloß“ u. a.) in den Hintergrund gedrängt. 1889–1890 gab er ein Bändchen „Reime eines deutschen Arbeiters“ als Manuscript für nähere Freunde in Druck; später, 1893 brachte der zweite Band der Sammlung „Deutsche Arbeiterdichtung. Eine Auswahl Lieder und Gedichte deutscher Proletarier“, vom Hamburger Reichstagsabgeordneten J. H. W. Dietz veranstaltet, eine größere Fülle von Audorf’s Musenkindern, außerdem das „Hamburger Echo“ und das Witzblatt „Der wahre Jakob“ gelegentliche Früchte. Aber jeden warmblütigen, oft ergreifenden Ton eines edlen Gemüths überschallen die allzu massiven, bald loswetternden, bald gesucht carikirenden – Satire und Sarkasmus höheren Stils waren ihm nicht versagt, wie das vielgenannte Spottlied „Wir sind die Petroleure“ am deutlichsten beweist –, socialdemokratischen Sturm- und Festlieder, mit denen sich A. zwar in die Herzen Hunderttausender hineingesungen, aber aus dem ihm wohlvertrauten Revier der Poesie immer mehr entfernt hat. Wenn da der Freund schöner Dichtkunst das Goethe’sche „ein garstig Lied, pfui, ein politisch Lied“ wiederholt, so muß freilich der Culturhistoriker die colossale, immer noch wachsende Wirkung dieser Audorfschen Tendenzverse nach Gebühr veranschlagen.

Dieselben Quellen wie zum Lebensabriß in Bettelheim’s „Biogr. Jahrbuch u. Dtschn. Nekrolog“ III, 142 f., besonders directe Mittheilungrn des Reichstagsabgeordneten Ignaz Auer (dessen freundschaftlichet Nachruf, „Neuer Weltkalender 1899“, S. 53–55, mit Porträt) u. des Redacteurs am „Hamb. Echo“ G. Stengele, der Audorf’s Gedichte zur Herausgabe gesammelt hat. Außer dem „Hamburger Echo“ vom 20. bis 23. Juni 1898 s. über sein Dichterschaffen „Vossische Ztg.“, 1898, Nr. 289, 3. Beilage, über dessen Politische Seite E. Kreowski’s Aufsatz „Deutsche Arbeiterdichtung“ in der „Gegenwart“, 47. Bd. (1895), Nr. 15, S. 230 f. Vgl. ferner F. Mehring, Gesch. d. dtschn. Socialdemokratie II, 543; Rob. Schweichel in d. „Neuen Zeit“, [84] IX², 624; die Stelle aus G. Keller bei E. Schmidt, Archiv f. d. Stud. d. neuer. Sprch. 97, S. 1.
Ludwig Fränkel.