ADB:Fischer, Johann Georg

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Artikel „Fischer, Johann Georg“ von Adolf Bartels in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 48 (1904), S. 569–574, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Fischer,_Johann_Georg&oldid=1701296 (Version vom 30. August 2014, 00:47 Uhr UTC)
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Band 48 (1904), S. 569–574. (Quelle)
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Fischer: Johann Georg F. Wer über den schwäbischen Dichter Johann Georg Fischer zu schreiben hat, wird sich für alle Zeit an die „Erinnerungen an Johann Georg Fischer“ von seinem Sohn Hermann Fischer, Professor in Tübingen, halten müssen, die nicht blos das gesammte vorhandene biographische Material bringen, sondern auch die dichterische Bedeutung Fischer’s zuerst in das rechte Licht stellen. Sie liegen denn auch dieser Skizze zu Grunde.

Johann Georg F. ward am 25. October 1816 in dem württembergischen Marktflecken Groß-Süßen an der Fils nahe der Schwäbischen Alb geboren. Der Ort ist evangelisch. Fischer’s Vater, gleichen Namens, war von Beruf Zimmermann und starb bereits im J. 1826, die Mutter, Anna Katharina geb. Cramer, lebte bis zum Jahre 1835. Wenn der Knabe auch in beschränkten Verhältnissen aufwuchs, die äußerste Armuth blieb ihm doch fern, und er hat sich einer glücklichen Kinderfreiheit erfreut, die ihm eine tiefe Kenntniß des Naturlebens seiner Heimath gab. In der Schule kam er tüchtig vorwärts und trat, nachdem er im J. 1830 confirmirt worden war, im Frühjahr 1831 in das Schullehrerseminar zu Eßlingen ein. „Im Seminar zogen mich Musik, Naturgeschichte und der Vortrag aus Schiller’s, theilweise Goethe’s, Bürger’s, Schubart’s, Hagedorn’s u. s. w. Schriften besonders an; die botanischen Excursionen aber waren mir am meisten nach dem Herzen.“ Im Herbste 1833 bestand F. sein Provisoratsexamen und war nun bis zum Herbste 1840 Schulgehülfe an verschiedenen Orten. Sein erstes Bändchen „Gedichte“ veröffentlichte er bereits in dieser Zeit, 1838 in Münsingen. Nachdem er darauf auch die Schuldienstprüfung gut bestanden hatte, kam er als Unterlehrer nach Bernstadt bei Ulm, und hier verlobte er sich im Februar 1841 mit Auguste Neubert, der zweitjüngsten Tochter des Pfarrers M. Ludwig August Neubert. Diese Verlobung, selbstverständlich aber auch vermehrter Wissensdrang ließen ihm das akademische Studium wünschenswerth erscheinen, und so ging er im Herbst 1841 auf das Reallehrerseminar der Universität Tübingen, wo er zwei Jahre blieb. Er hat hier noch die Bekanntschaft des wahnsinnigen Hölderlin gemacht. Die Vorlesungen und Uebungen, die er besuchte, erstreckten sich auf die verschiedensten Gebiete, in nähere Beziehung ist er zu Adalbert Keller und Friedrich Theodor Vischer gekommen. Auch das [570] Reallehrerexamen bestand F. mit Erfolg und wurde darauf Lehrer, zuerst in Langenau, dann in Ulm, 1845 aber an der Elementarschule in Stuttgart und hier Anfang 1848 definitiv angestellt. Jetzt heirathete er. Die Bewegung des Jahres 1848 zog ihn zwar ein wenig, aber nicht allzutief in ihre Kreise – zwei Gedichte jedoch machten ihn „an maßgebendster Stelle“, nämlich bei König Wilhelm selbst, mißliebig, und so erhielt er, trotz tüchtiger pädagogischer Leistungen, auf lange Jahre hinaus keine Beförderung. Schon 1841 hatte er einen zweiten Band „Dichtungen“ erscheinen lassen, 1854 folgte dann die Sammlung „Gedichte“, die ihn berühmt gemacht hat. In der zweiten Hälfte der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre ging es darauf endlich mit der äußeren Stellung aufwärts: nachdem F. 1857 noch den philosophischen Doctorgrad erworben, ward er 1858 Vorstand der Elementarschule mit dem Titel Schulinspector und 1861 Lehrer an der obern Abtheilung der Realschule zu Stuttgart, dies 1862 definitiv mit dem Titel Professor. Daneben blieb er noch bis auf weiteres Vorstand der Elementarschule und weiter der kaufmännischen Fortbildungsschule, an der er seit 1853 wirkte. Auch hat er eine Reihe von Jahren Singunterricht am Gymnasium gegeben. Erst im J. 1885, um hier gleich die äußere Laufbahn abzuschließen, ist er in den Ruhestand getreten „mit den rühmendsten Auszeichnungen von Seiten des Königs Karl, der Behörde, der Kollegen und der Stadt, in deren Dienst er vierzig Jahre thätig gewesen war“. Hier und da liest man, daß F. vom König in den persönlichen Adelstand erhoben worden sei. Das ist nicht richtig. Er hat zwar mehrere Orden bekommen, aber das Ehrenkreuz des württembergischen Kronordents, mit dem der persönliche Adel verbunden ist, nicht. Also J. G. Fischer, nicht G. von Fischer, wie u. a. auch noch in den neuesten Auflagen meiner „Geschichte der deutschen Litteratur“ und meiner „Deutschen Dichtung der Gegenwart“ steht.

Alles in allem war das Stuttgarter Leben Fischer’s ein glückliches. Zwar starb ihm im J. 1867 seine Frau, die ihm 1851 den Sohn Hermann geboren hatte, aber er fand in Bertha Feucht aus Marbach Ersatz und sah noch drei Kinder erblühen, von denen ein Sohn freilich früh wieder starb. Sein Freundeskreis umfaßte die bedeutendsten Männer Schwabens: Uhland hat er wenigstens gekannt, mit Mörike war er „nahe“ befreundet, desgleichen mit Hermann Kurz und Ludwig Seeger, auch mit Freiligrath, der bekanntlich seine letzten Lebensjahre in Cannstatt zubrachte. Manche jüngeren Männer blickten zu ihm wieder verehrungsvoll auf, so der badische Dichter Friedrich Geßler (1844–1891). Oeffentlich hervorgetreten ist F. vor allem als „Schillerredner“ – nicht weniger als vierundzwanzig Mal in den Jahren 1849 bis 1893 hat J. G. Fischer seinem großen Landsmann in öffentlicher Rede gehuldigt. Außerdem ist er noch für Uhland öfter rhetorisch eingetreten und hat bei mancher andern Dichter-Feier ein Gedicht gesprochen. Zehn Jahre lang ist er Mitglied des Verwaltungsrathes der Schillerstiftung gewesen und hat als solches öfter die Versammlungen in Weimar besucht. Sonst ist er auf Reisen ins Berner Oberland und nach Mailand, nach Wien und Dresden, nach Berlin und in die Niederlande gekommen. – Politisch war F. Großdeutscher und demokratisch gesinnt, doch ward er später ein Verehrer Bismarck’s, den er ja in seinem berühmten Gedicht „Einen Mann aus Millionen“ ersehnt hatte, und Kaiser Wilhelm’s I., und gehörte keiner Partei an, ja, haßte alles Parteiwesen. Preußenfreund wurde er darum aber nicht. Eine erregbare, aber sehr selbständige Natur, hat er im ganzen ein Leben für sich geführt, vor allem im intimsten Verkehr mit der Natur, wozu die Umgebung Stuttgarts ja Gelegenheit genug bot. Er war einer der besten Kenner des heimischen Vogellebens [571] und hat 1863 eine an Beobachtungen außerordentlich reiche kleine Schrift „Aus dem Leben der Vögel“ veröffentlicht; auch als Blumenzüchter hat er Tüchtiges geleistet. Nach seiner Pensionirung lebte er ganz seinen Blumen und Vögeln, der Dichtung und Lectüre, die bisweilen noch zu kritischer Zeitungsschriftstellerei, meist für den „Staatsanzeiger für Württemberg“, führte. Früher hat er auch für andere Blätter, wenn auch nicht viel, geschrieben. Im J. 1890 starb ihm auch die zweite Frau, und nach der Verheirathung seiner Tochter 1894 lebte er ziemlich einsam mit seinem jüngsten Sohne. Doch blieb er geistig frisch, und noch kurz vor seinem achtzigsten Geburtstage erschien eine neue Gedichtsammlung von ihm. Dieser achtzigste Geburtstag ist dann nicht blos in Württemberg, sondern in ganz Deutschland begangen worden, eine Anzahl Fischer’scher Gedichte war nun überall bekannt. Am 4. Mai 1897 starb Johann Georg F. zu Stuttgart an einer Lungenentzündung, leicht und schmerzlos.

Von F. sind bei seinen Lebzeiten, die neuen, vermehrten und verbesserten Auflagen seiner „Gedichte“ eingerechnet, achtzehn Bücher erschienen. Davon sind zwölf lyrischen Inhalts, und der Ruhm und die Bedeutung des Dichterss beruhen denn in der That auf seiner Lyrik. Ueber die beiden ersten lyrischen Veröffentlichungen, die (älteren) „Gedichte“ (1838) und die „Dichtungen“ (1841) darf man stillschweigend hinweggehen, sie sind noch ohne eigene Physiognomie, und nur ein einziges kleines Gedicht ist aus ihnen in die spätere Sammlung „Gedichte“ (1854) übergegangen. Diese hat den Dichter, wie schon bemerkt, berühmt gemacht, und im Grunde genügt es, sie allein von den Werken Fischer’s zu besitzen, da in ihr der ganze Dichter ist. Doch hat sie allerlei Umbildung und Vermehrung erfahren. Schon die zweite Auflage, 1858 erschienen, unterscheidet sich von der ersten, ist etwa um ein Viertel vermehrt und hat eine andere Ordnung, statt der drei Abtheilungen „Lieder der Liebe“, „Natur und Leben“, „Bilder vom Bodensee“ nur eine fortlaufende Reihe mit Anhang „Exkursionen am Bodensee“. Dieser Anhang, eine Art Weltanschauungsdichtung in zehn Gesängen, an eine Bodenseereise äußerlich angeschlossen, ist in der dritten Auflage von 1883 weggefallen, dafür sind einzelne Gedichte aus den folgenden Sammlungen neu aufgenommen: „Neue Gedichte“ (1865), „Den deutschen Frauen“ (1869), „Aus frischer Luft“ (1872), „Neue Lieder“ (1876), „Merlin“ (1877). Man darf sagen, daß F. in der Herübernahme von Gedichten in seine Hauptsammlung – denn das sind die „Gedichte“ in der Auflage von 1883 – äußerst, fast zu vorsichtig gewesen ist, ein wenig mehr hätte nicht geschadet. Jede der genannten Einzelsammlungen hat übrigens auch noch ihren besonderen Charakter, so daß sie, wer F. genau kennen lernen will, berücksichtigen muß: So sind in den „Neuen Gedichten“ und „Den deutschen Frauen“ Balladen „historisch-politischer Art“ enthalten, so finden wir in der letztgenannten Sammlung noch die größere Dichtung „Lenau in Wien“; „Aus frischer Luft“ bringt Zeitgedichte von 1870 und die „Bilder aus der Heimath“ „Vom Dorf“, Idyllen, deren eine später zu dem idyllischen Epos „Der glückliche Knecht“ erweitert wurde. In den „Neuen Liedern“ ist die größere Dichtung „Die Konfirmandin“ enthalten, „Merlin“, „überwiegend Naturbetrachtung“, soweit ich sehe, nur mit einem einzigen Gedicht in der dritten Auflage der „Gedichte“ vertreten. Nach dieser sind dann noch die beiden Sammlungen „Auf dem Heimweg“ (1891) und „Mit achtzig Jahren“ (1896) erschienen, beide wieder frischer als die ihnen vorangehenden Sammlungen, an denen Hermann Fischer mit Recht eine „symbolisch-orakulose Manier“ tadelt. Es ist schade, daß nicht auch aus den beiden letzten Sammlungen noch das Beste in die „Gedichte“ hat aufgenommen werden können, [572] aber bei Lebzeiten des Dichters ist keine neue Auflage von diesen mehr erschienen. Vielleicht läßt sich einmal eine die „Gedichte“ äußerst vorsichtig erweiternde Gesammtausgabe herstellen.

Den Gesammtcharakter der Fischer’schen Lyrik hat sein Sohn im Anschluß an die Sammlung von 1854 richtig dargestellt: „Leicht entzündbar, mit dem Herzen sehend und hörend, geht er den Dingen entgegen und findet mit der Spürkraft des Naturkindes das Schöne und Herzbewegende an ihnen heraus. Bald ist es mehr das verwunderte Staunen über den Reichthum der Schönheit, wie es der erste Mensch im Paradiese empfunden hat, bald mehr das leidenschaftliche Verlangen nach Ineinsschmelzen mit dem Gegenstande, bald auch der Jubel der gelungenen Vereinigung; aber immer ist ein Hauch der seligen Trunkenheit des noch jugendlich-feurigen und doch schon zur vollen Kraft gereiften Mannes zu spüren. Das Gebiet, das seine eigenste Domäne ist, erscheint schon jetzt mit aller Sicherheit umschrieben; er hat auf verschiedenen Gebieten Schönes geschaffen, ganz Eigenthümliches nur auf dem der reinen Lyrik: Natur und Eros. Denn seine Stärke ist nicht Anschauung und Schilderung, sondern Empfindung und Gefühlserguß. Selten sind Naturgefühl und Erotik bei ihm vollständig getrennt; der eigentliche Reiz seiner Gedichte liegt zum Theil eben in ihrem unauflöslichen Ineinander. Er selbst sagt darüber: ‚Auch erinnere ich mich noch heute aufs lebhafteste daran, wie mir diese und jene Blume das Bild oder ein Wort jener Dorfkonfirmandin in das Gedächtniß rief, wie ich eines auf das andere beziehen mußte, oder wie Gestalt, Farbe und Duft dieser und jener anderen Blume ein Gleichniß für diese und jene neue weibliche Erscheinung in dem städtischen Aufenthalt wurden. Ich könnte ganze Reihen von Nummern aus meinen Gedichten anführen, bei deren Entstehung mir ein bestimmter Ort, eine bestimmte Naturerinnerung, ein bestimmter Blüthenduft, diese oder jene Luft- und Lichtstimmung vorschwebten; aber immer mußte ich sie auch vergleichen mit der Vorstellung einer weiblichen Anmuth, nach der die Liebe sich sehnte. Darum werden unter meinen eigentlich lyrischen Gedichten wenige sich finden, welche diesen Zug nicht athmeten . . . Und das ist der Kernpunkt, auf welchen diese Aufzeichnungen zielen: die Natursymbolik ist die einzig wahre künstlerische Erfassung des Geheimnisses der Liebe und des Lebens. Ich bin sehr von der Meinung entfernt, als ob meine Poesieen mustergültige Erzeugnisse dieser Einsicht wären; aber eingegeben sind sie von der Empfindung, vermöge welcher ich nicht anders konnte, als aus der Natur die Menschenseele und aus der Menschenseele die Natur zu empfangen‘. Der Ausdruck Symbolik kann hier leicht zu eng verstanden werden, und mein Vater selbst hat später manchmal symbolisch im engern Sinn gedichtet. Aber richtig und schon für die Gedichte von 1854 durchaus bezeichnend ist der Ausdruck, wenn man ihn im Sinn eines naturalistischen Pantheismus, der echten Religion der Lyriker, faßt, für den alles hin und her wogt, alles Nerv, Muskel, Blut an einem großen Körper ist, alles Blüthe und alles Frucht, für den Leben nichts als Liebe, Liebe nichts als Leben ist. Wenn Goethe der eigentliche Vater dieser dichterischen Weltanschauung und nach ihm Mörike ihr bedeutendster Vertreter ist, so ist diese Grundstimmung am ausschließlichsten, vielleicht am reinsten bei meinem Vater vorhanden. Den Reiz jener älteren Gedichte bildet es nun aber, daß diese mystische Grundstimmung nicht in speculativer, sondern in echt lyrischer, mitunter „fast kindlich naiver Form vorgetragen ist.“ Man soll Hermann Fischer nicht so verstehen, als wolle er seinen Vater Goethe und Mörike gleichsetzen, sie sind allumfassend, wo J. G. Fischer nur der Specialist ist. Aber natürlich, Specialist als Lyriker wird man nicht, wie etwa als Romanschreiber oder [573] Theaterdichter, durch kluge Beschränkung, sondern durch von Anfang an vorhandene Stärke eines bestimmten Tones, die wieder auf das lyrische Temperament zurückgeht. Man wird bei den besten Gedichten Fischer’s an Mörike erinnert, oft schon durch die strophenlose Form, den Plauderton, aber doch fühlt man sofort den Unterschied: der jüngere Lyriker ist gluthvoller, auch derber. Ich weise nur auf das berühmte Gedicht „Elysium“ hin, eines der „Bubenstücke“ Fischer’s (Erinnerungen an die Knabenjahre), die besonders gut gelungen sind, eben weil sie auch starke Anschauung neben der Gefühlsunmittelbarkeit und der kindlich naiven Form haben. Gleich hoch stehen eine Anzahl Erotika – noch die letzte Sammlung bringt den wunderbaren „Blüthenstrauß“ –, dann eine Anzahl „metaphysischer“ Gedichte, wie das in die Hauptsammlung leider nicht aufgenommene „Zusammen legt’ ich beide Hände“. Ganz vortrefflich, ebenfalls an Mörike erinnernd, ist manches Idyllische wie „Beim alten Herrn“, auch das eine oder das andere derb volksthümliche wie „Fuhrleut“. Ueberblicken wir die ganze poetische Thätigkeit Fischer’s , so kann man nicht verkennen, daß er ein Zeitgenosse der Münchener ist, dem Epigonischen und Eklektischen nicht so fern wie beispieweise noch Mörike; in der That hat er auch Geibel geschätzt und den jungen Karl Busse warm begrüßt. Doch aber ragt er mit seinem Besten über die zeitgenössische Münchner Lyrik weit empor, er ist eben ein Schwabe, und in Schwaben hat sich die große lyrische Tradition und, was vielleicht noch mehr sagt, die volksthümliche Eigenart, die es zu einer Bildungsdichtung gar nicht kommen läßt, immer erhalten. Kein Lyriker ersten Ranges – deren gibt es ja überhaupt nur fünf oder sechs in Deutschland –, aber einer der vordersten unter den ziemlich zahlreichen Lyrikern zweiten Ranges, den echt lyrischen Talenten, so etwa müßte man J. G. Fischer’s Bedeutung normiren.

Eine epische Natur war er durchaus nicht, und so ist auch sein idyllisches Epos „Der glückliche Knecht“ (1881) im ganzen nicht gelungen – es ist schon unglücklich, daß er das ganze Werk in der Form der directen Anrede an den Helden schreibt. Allerdings, echtes Detail aus dem Volksleben birgt die Dichtung in Fülle, und so kann man sie immerhin jenen noch nicht nach Gebühr geschätzten Producten des vorigen Jahrhunderts zurechnen, die, wie Mörike’s „Idyll vom Bodensee“, Klaus Groth’s „Heisterkroog“ u. s. w., sich über die prosaische Dorfgeschichte durch höhere Form und mehr typische Bedeutung erheben. – Auch den Dramatiker J. G. Fischer kann man nicht allzuhoch stellen. Wir haben vier Dramen von dem Dichter: „Saul“ (1862), „Friedrich II. von Hohenstaufen“ (1863), „Florian Geyer“ (1866), „Kaiser Maximilian von Mexiko“ (1868). Hermann Fischer schreibt von ihnen: „Niemand wird behaupten, daß sie Tendenzstücke in vulgärem Sinne seien, weder auf Wildenbruchische noch auf Hauptmännische Art. Aber sie sind ganz und gar aus politischer Betrachtung und Stimmung heraus geboren; neben dem Pathos des politischen Inhalts tritt noch die rein plastische Schönheit der Sprache und einzelner Partien hervor; die psychologische Entwicklung der Helden ist die schwächste Seite, gerade wie bei Uhland“. Als das beste der vier Stücke wird der „Florian Geyer“ bezeichnet, und man wird nicht bestreiten dürfen, daß er viel Eigenes hat, mögen es zuletzt auch nur dichterische „Einfälle“ und vielfach dramatische Unmöglichkeiten sein. Vor dem „Florian Geyer“ Hauptmann’s hat der Fischer’s jedenfalls das Voraus, daß er auch wirkliche Bauern und ihre Lage darstellt, und dann den sich im Anschluß an Goethe’s „Götz“ und die Volkssprache ergebenden natürlicheren Stil. In manchen Punkten, wie z. B. in dem Verhältniß eines Mädchens zu dem Helden, gleichen sich die beiden Stücke. „Saul“ und „Friedrich II.“ sind an [574] den Hoftheatern zu Stuttgart und Weimar in den sechziger Jahren gegeben worden.

Ueber Johann Georg Fischer vergleiche außer den schon genannten „Erinnerungen an J. G. Fischer von seinem Sohne Hermann Fischer“ (mit Portrait, Tübingen 1897) die autobiographische Skizze im 4. Bande der „Deutschen Dichtung“ von 1888 und Ludwig Jakobowski’s Aufsatz in Bd. 79 von „Nord und Süd“. Von den Litteraturhistorikern hat ihn am besten Karl Weitbrecht in seiner „Deutschen Litteraturgeschichte des 19. Jahrhunderts (Sammlung Göschen) charakterisirt.
Adolf Bartels.