ADB:Friedrich Kasimir

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Artikel „Kettler, Friedrich Casimir“ von Theodor Schiemann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 15 (1882), S. 685–688, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Friedrich_Kasimir&oldid=1703658 (Version vom 19. April 2014, 18:18 Uhr UTC)
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Kettler: Friedrich Casimir K., geb. den 6. Juli 1650, Herzog von Kurland vom 2. Jan. 1682 bis 20. Jan. 1698. Ein prachtliebender, verschwenderischer Fürst, unter dem Kurland von der Höhe, die es zu Jacobs Zeiten eingenommen, rasch herabsank. K. hat seine Erziehung am Hofe des großen Kurfürsten in Berlin erhalten. Die Berichte seines Erziehers Hans Heinrich Flemming zeigen ihn uns als einen zwar leichtbegabten, aber oberflächlichen und willensschwachen weichen Jüngling. Da es mit ernsten Studien nur sehr dürftig vorwärts ging, wurde der junge Fürst auf Reisen geschickt. In Frankreich, wo er längere Zeit weilte, lag die Gefahr vor, daß er zum Katholicismus übertrete; es scheint sogar, daß ein heimlicher Uebertritt wirklich stattfand. Auf Antrieb des großen Kurfürsten schleunig aus Paris entfernt, trat er in niederländische Kriegsdienste 1672 und kämpfte nicht ohne Auszeichnung bis 1674. Als er darauf abberufen wurde, weil Ludwig XIV. Repressalien ergriff, unter denen der kurländische Handel zu leiden hatte, blieb er noch längere Zeit in Deutschland. Hier wurden wol die Einleitungen zu seiner Vermählung mit Sophia Amelia von Nassau-Siegen gemacht; im September 1678 fand die Hochzeit in Mitau statt und seit dieser Zeit scheint Herzog Jacob den Prinzen in allerdings beschränktem Maße in die Regierungsgeschäfte eingeweiht zu haben.

Die erste Schwierigkeit, die dem neuen Herzoge bei seinem Regierungsantritt im Januar 1682 entgegentrat, war die Abfindung seiner Geschwister. Herzog Jacob hatte seine jüngeren Söhne Ferdinand und Alexander reich dotirt, ihr Erbtheil jedoch meist auf ausstehende Gelder angewiesen. Dadurch, daß K. jene Forderungen übernahm, gerieth er gleich zu Anfang in Geldverlegenheiten, die ihn auch in der Folgezeit nicht zu Athem kommen ließen. Um denselben abzuhelfen, ließ er sich in höchst bedenkliche Unternehmungen ein, namentlich in Handel mit Soldaten, wie er denn z. B. bereits 1682 einen Vertrag mit Christian V. von Dänemark wegen Lieferung von 1200 Mann abschloß. Schlimmer noch war es für Kurland, daß er aus Geldnoth die großen industriellen Unternehmungen seines Vaters aus der Hand gab, indem er nicht mehr, wie jener, selbst Unternehmer blieb, sondern Fabriken und Manufakturen veräußerte, um augenblicklichen Geldverlegenheiten abzuhelfen. Dazu wurden die herzoglichen Domänen verpfändet und das Alles nicht um höherer politischer Zwecke willen, sondern um in prunkenden Festen, in Ausgaben für Tafel, Marstall, Falken, Oper und Jagd die scheinbar so bequem erworbenen Summen spurlos verschwinden zu lassen. Die schlimmen Folgen blieben nicht aus. Das Ansehen des Herzogs sank im Lande und bei den Nachbarstaaten. Der kurländische [686] Adel, der unter der thätigen Regierung Jacobs sich dem kräftigen Fürsten willig untergeordnet hatte, bereitete K. die größten Schwierigkeiten. Ein Theil des Adels weigerte sich, die Huldigung vor Abstellung der „gravamina“ zu leisten und konnte erst 1684 durch große Zugeständnisse zum Nachgeben bewogen werden. Während der ganzen Regierung des Herzogs aber dauerte das Quäruliren des Adels am polnischen Hofe fort; die Landtage gingen in Uneinigkeit hin und noch kurz vor seinem Lebensende hatte der Herzog den Kummer, daß eine Delegation des Adels mit bitteren Beschwerden über sein Regiment nach Warschau ging. Große Summen wurden außerdem durch den Türkenkrieg, für den Kurland von Jahr zu Jahr bedeutende Subsidien zu verwilligen hatte, verschlungen und als der nordische Krieg sich vorbereitete, wurde das Land durch Leistungen für die lithauische Armee angespannt. Darüber verfiel Handel und Wandel, die Landtagsschlüsse klagen darüber, daß das Kirchenwesen vernachlässigt werde und gleichzeitig beginnen immer mehr katholische Einflüsse, sich in Kurland und namentlich in Pilten geltend zu machen. Die patres societatis Jesu begannen in Mitau ein neues Gebäude zu errichten und setzten den Bau trotz aller Proteste der Landschaft im Vertrauen auf Polen ruhig fort, in Pilten aber begann eine weit gefährlichere Agitation. Auf Initiative des päpstlichen Legaten Pallavicini erhob der Bischof von Livland, Poplawski, Ansprüche auf Pilten. Es war, als hätte man nur den Tod Jacobs erwartet, um hier vorzugehen. Schon 1683 ersucht König Johann III. von Polen den Papst Innocenz XI., Poplawski zum Bischof von Pilten zu machen und wirklich nimmt Poplawski den strittigen Titel 1686 an. Der Streit war damit zwar nicht beendet, aber Herzog Fr. C. starb darüber hin und nach seinem Tode unterbrach der nordische Krieg die Thätigkeit der katholischen Partei. Diese Dinge haben den ganzen Verlauf von Fr. C.’s Regierung ausgefüllt, episodenhaft spielt dazwischen die Familiengeschichte des herzoglichen Hauses. Die Herzogin Sophia Amelia starb bereits 1688 und Fr. C. unternahm, um sich zu trösten, eine überaus kostspielige und glänzende Reise nach Deutschland, die fast drei Jahre in Anspruch nahm. Es gelang ihm, am kaiserlichen Hofe zu Wien einen lang ersehnten Titel zu erwerben. Schon Herzog Jacob war es gelungen, sich vom Kaiser die Erhebung in den Fürstenstand des hl. römischen Reiches zu erwirken (1654), den Titel Durchlauchtig hatte er aber nicht erhalten. Wahrscheinlich zum Dank für die auf kurländischem Boden für den Kaiser ausgehobenen Truppen wurde jetzt der Titel „Durchlauchtig“ Friedrich Casimir und seinen Erben verliehen (14. Jan. 1690). Kurz darauf erfolgte die zweite Vermählung des Herzogs mit der Prinzessin Elisabeth Sophie von Brandenburg, seiner Cousine, der Tochter des großen Kurfürsten. Nie ist eine Herzogin von Kurland so reich ausgestattet worden, wie diese, und es macht einen fast peinlichen Eindruck, die zahlreichen, immer erneuerten und erweiterten Witthumsverschreibungen zu lesen, welche die Herzogin sich von ihrem Gemahl ausstellen ließ. Sie theilte den Geschmack Kettler’s an Prunk und Glanz, und namentlich nach dieser zweiten Ehe stieg seine Verschwendung unmäßig. Kurz vor seinem Tode hatte Fr. C. noch die Freude, am 24. April 1697 den Zaren Peter in Mitau zu bewirthen. Peter soll damals versprochen haben, den jungen Erbprinzen Friedrich Wilhelm mit einer „Großzarischen Prinzessin zu beheirathen“ – ein Versprechen, das leider zu Kurlands Unglück später in Erfüllung gehen sollte. Noch vor Ausbruch des nordischen Krieges, aber zu einer Zeit, da die Knoten desselben bereits geschürzt waren, starb K. am 20. Jan. 1698. Er hinterließ ein Reich, das den kommenden Stürmen in keiner Weise gewachsen war.

Friedrich Wilhelm K., geb. am 19. Juli 1692, † am 21. Januar 1711.

[687] Ferdinand K., geb. am 2. November 1655, † am 4. Mai 1737 zu Danzig. Als Friedrich Casimir starb, war sein einziger Sohn Friedrich Wilhelm erst sechs Jahre alt. Nach kurländischem Staatsrecht hätten nun die Oberräthe für den minderjährigen Herzog die Regierung übernehmen müssen. Aber sowol Elisabeth Sophie, die Wittwe Friedrich Casimirs, als Ferdinand, sein Bruder, erhoben Ansprüche auf die Vormundschaft. Letzterer, damals Generallieutenant in polnischen Diensten, kam den anderen zuvor und ließ sich durch ein Rescript König Augusts von Polen bereits am 18. Febr. 1698 die Tutel über den Neffen übertragen. Elisabeth Sophie aber hatte es der Fürsprache ihres Bruders, des Kurfürsten Friedrich, zu danken, daß ihr am 9. Juli desselben Jahres die Mitvormundschaft, sowie die alleinige Sorge für die Erziehung des jungen Herzogs Friedrich Wilhelm zugewiesen wurde. Durch beide Maßregeln hatte der polnische Hof einen verfassungswidrigen Eingriff in die kurländischen Staatsgrundgesetze sich erlaubt und es ist begreiflich, daß trotz eines Compromisses der zwischen Ferdinand und den Oberräthen geschlossen wurde, die Ritter und Landschaft dagegen Protest einlegten und den Weg der Beschwerde beim polnischen Reichstage einschlugen. Alle diese Dinge waren noch im Fluß, als der nordische Krieg den kleinen Zänkereien ein Ende machte, um die Fortexistenz Kurlands überhaupt in Frage zu stellen. Herzog Ferdinand hatte wider den Willen der kurländischen Stände, in offenem Gegensatz gegen die Herzogin-Wittwe, gegen Schweden Partei genommen. Nicht nur waren die sächsischen Truppen in Kurland aufgenommen und verpflegt worden, er hatte den mißlungenen Anschlag auf Riga unterstützt und als nach der Schlacht bei Narva Karl XII. persönlich auf dem Kriegsschauplatze erschien, wurde Ferdinand, der als polnischer Generalfeldzeugmeister einen der Flügel der sächsischen Armee commandirte, vor Riga mit aufs Haupt geschlagen. Noch während der Schlacht ergriff er die Flucht; am 15. Juli 1700 verließ er Kurland und flüchtete nach Danzig. Nach Kurland ist er nie wieder zurückgekehrt. Auch Elisabeth Sophie konnte sich auf die Dauer nicht behaupten. Karl XII. hatte ihr zwar die bündigsten Versprechungen gemacht, da er aber ganz Kurland besetzte und sich daselbst einrichtete, als gedenke er für immer dort zu bleiben, wurde ihre Position unhaltbar. Am 12. Nov. 1701 verließ sie mit ihren drei Stieftöchtern und dem jungen Herzoge Kurland. Das Land aber machte nun alle Drangsale des Krieges durch. Bis 1709 stand es unter schwedischer Verwaltung, und zeitweilig von 1705–7 waren die Russen Herren im Lande und erst nach der Schlacht bei Pultawa konnte daran gedacht werden, den legitimen Herzog Friedrich Wilhelm in sein Herzogthum zurückzuführen. Auf einer Zusammenkunft zwischen Friedrich I. von Preußen und Peter dem Großen, am 26. Oct. 1709, wurde beschlossen, daß Friedrich Wilhelm wieder die Regierung seiner Staaten antreten solle, wenn er eine Nichte des Zaren heirathe. Friedrich Wilhelm war inzwischen am Baireuther Hofe erzogen worden – seine Mutter hatte in zweiter Ehe den Markgrafen von Baireuth geehelicht – hatte darauf seinen Studien in Erlangen obgelegen und nach allgemeinem Urtheil etwas gründliches gelernt. Obgleich der junge Herzog daran dachte, sich mit einer Prinzessin von Wolfenbüttel zu vermählen, konnte natürlich der russische Antrag nicht ausgeschlagen werden. Die Oberräthe erklärten ihn für mündig, nach langem Sträuben ertheilte Elisabeth Sophie ihre Zustimmung und Friedrich Wilhelm schickte Gesandte nach Petersburg mit dem Auftrage, den Heiraths- und Allianztractat mit Rußland definitiv abzuschließen. Am 20. Juni 1710 ward in Petersburg die Verlobung gefeiert, nachdem die Gesandten sich dazu hatten verstehen müssen, ihre ursprünglichen Hoffnungen tief herabzustimmen. Peter bestimmte, daß Friedrich Wilhelm seine Nichte Anna heirathen sollte, setzte die [688] Mitgift derselben von 300 000 auf 200 000 Rbl. herab, verweigerte dem Herzoge die Statthalterschaft über Livland und bestand darauf, daß die Hochzeit in Petersburg gefeiert werden solle. Es blieb Friedrich Wilhelm nichts übrig, als alle Bedingungen des Zaren anzunehmen, so schwer ihm namentlich fiel, unter den obwaltenden Verhältnissen die Reise nach Petersburg zu unternehmen. Im Mai 1710 war er in Libau eingetroffen, hatte dort den ordre de la reconnaissance – den einzigen kurländischen Orden – gestiftet, darauf in langsamen Tagereisen Kurland durchzogen und dabei das ganze Elend des durch Pest und Krieg verwüsteten Landes kennen gelernt. Einige noch erhaltene Patente des Herzogs legen Zeugniß von seinem Bestreben ab hier bessernd einzugreifen. Erst im October 1710 traf er in Petersburg ein. Am 11. November wurde die Hochzeit geräuschvoll gefeiert; am 9. Januar 1711 verließ er mit seiner jungen Gemahlin Petersburg, um sie nach Kurland zu führen. Aber schon am 13. muß er Halt machen, weil ein heftiges Fieber ihn ergriffen hatte, in Kippingshof blieb er liegen, um dort auf fremder Erde am 21. Januar zu sterben. Nur seine Leiche und seine Wittwe kamen nach Kurland, letztere um die reichen Domänen zu occupiren, die ihr als Witthum zugewiesen waren. Friedrich Wilhelm ist der letzte Kettler, der im factischen Besitz der Herzogswürde war, denn Herzog Ferdinand hat auch in der Folge seine Ansprüche nicht zur Geltung bringen können. Er ist kinderlos als 82jähriger Greis in Danzig gestorben. Die Geschichte seiner unglücklichen Bemühungen um Kurland, sowie die traurige Geschichte Kurlands von 1711–37 übergehen wir.

Ueber Quellen und Litteratur vgl. Winkelmann. Eine irgend genügende Geschichte Kurlands existirt nicht. Am zuverlässigsten ist noch immer Ziegenhorn, Staatsrecht der Herzogthümer Kurland und Semgallen, Königsberg 1772. Die vorliegenden Biographieen gehen auf archivalische Studien zurück.
Schiemann.