ADB:Friedrich Wilhelm (Kurfürst von Brandenburg)
aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Empfohlene Zitierweise:
Artikel „Friedrich Wilhelm (Kurfürst von Brandenburg)“ in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayrischen Akademie der Wissenschaften, Band 7 (1878), ab Seite 480, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Friedrich_Wilhelm_(Kurf%C3%BCrst_von_Brandenburg)&oldid=268042 (Version vom 20. August 2008, 12:27 Uhr UTC)
Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg, geb. in Berlin 16. Febr. 1620, gest. in Potsdam 9. Mai 1688. Dieser Fürst, dem die Zeitgenossen schon den Namen des »Großen Kurfürsten« beilegten, den die deutsche Geschichte alt?- den eigentlichen Begründer detS brandenburgisch-preußischen StaateS nennt, trat inS Leben ein unter Verhältnissen, die von Glück und Größe wenig zu versprechen schienen. Die RegierungSzeit seine-?- Vaters, des Kurfürsten Georg Wilhelm, ift die Epoche brandenburgischer Geschichte, in welcher dieser Staat am hoffnungs- loseften darniederlag; eigeneS Unvermögen deS Fürsten und die Uebermacht ver-[481]hängnißvoller Zeitereignisse wirkten dabei zusammen, und daß Resultat der zwanzigjährigen Regierung unter den Stürmen des großen deutschen KriegeeS war Verwüstung, Erschöpfung und Ohnmacht bi8 zum äußersten, tobende An- archie in einem Theil der Lande, Lockerung oder Auflösung jedeS staatlichen Zu- sammenhang?- in allen, gänzliche Preis-zgebung an eine fremde, im Grund feind- selige politische Führung, eine völlig den eigenen Jnteressen unheilvolle Stellung in Mitten der großen Gegensätze dez Zeitalters. Nicht häufig tritt in der Ge- schichte so helle-? Licht neben so dunkeln Schatten, wie in der Regierung dez Kurfürsten F. W. neben der seine;- Vater?-. Ein einfacheS und doch an maßgebenden Eindrücken reicheS Jugendleben. Um den Knaben einigermaßen sicher zu stellen vor dem wechselnden Kriegs- treiben der Zeit, schickte man ihn 1627 mit seinem Erzieher Joh. Friedr. v. Calcum, gen. Leuchtmar nach Cüstrin, wo er mehrere Jahre verblieb; dann hat er einige Zeit in Wolgast bei seiner Tante Marie Eleonore, der Gemahlin Gustav Adolf?-, verlebt (16Z1); zwei Jahre später stand er mit seinen Eltern an dem Sarge det? großen SchwedenkönigS und war Zeuge der feierlichen Cin- schiffung desselben zur Ueberführung in die nordische Heimath. Dat? wichtigste aber war, daß im Sommer 16Z4 beschlossen wurde, den jungen Kurprinzen zur Vollendung seiner ErziehungHfür längere Zeit nach den Niederlanden zu schicken. Die vier Jahre, welche er hier verlebte, sinds vor allen entscheidungSvoll für ihn geworden. Der Anblick diesesH niederländischen FreistaatesS, mit seiner eigenartigen Verfassung, mit seinem hochentwickelten HandelSleben, mit dem blühenden Reich- thum seine-z starken Volkes in Mitten eineS langjährigen KriegeS gewährte dem offenen Blick deSS jungen Fürsten Anschauungen freierer und größerer Art, wie sie in dem Deutschland jener Tage nirgendS zu gewinnen waren, und der Ver- kehr mit den nahe verwandten Oraniern, dem Prinzen Friedrich Heinrich, dem weltkundigen Johann Moritz, mit manchen der hervorragendsten holländischen StaatSmänner gab seinem früh aufS Ernste gerichteten Geiste eine Reife und Festigkeit, die den Jahren seineS AlterS weit vorauS war. Die politischen Grundansichten, die für die wichtigen Entscheidungen seiner ersten Regierungsz- jahre maßgebend wurden, find ihm in diesen Kreisen aufgegangen. Aber eben weil diese Anschauungen vollständig der politischen Richtung widerstrebten, welche Brandenburg jetzt unter der vorwiegenden Leitung de?- österreichisch gesinnten Grafen Adam von Schwartzenberg eingeschlagen hatte, fo war etz dessen eifrigeS Bemühen, den Kurprinzen bald wieder diesen unwillkommenen Einflüssen zu entziehen; sehr gegen seinen Wunsch wurde F. W. im Sommer 1688 in die Heimath zurückberufen und verlebte die nächsten Jahre bi?-o zum Tode seineS VaterS an dessen Hof in KönigSberg, von jeder Theilnahme an den Geschäften zurückgehalten, aber doch schon jetzt im Stillen die Hoffnung aller derer, die auS persönlichen oder patriotischen Gründen einen entschlossenen Bruch mit der jetzigen Politik von der künftigen Regierung erwarteten. Brandenburg war seit dem Prager Frieden von 16Z5 im Bündniß mit dem Kaiser, im Krieg?-zustand mit Schweden; Kurfürst Georg —Wilhelm hatte 16Z8 eine eigene Armee aufzustellen unternommen, um gemeinsam mit den Kaiserlichen daß ihm durch Erbfall zu- stehende Pommern den Schweden zu entreißen; aber dieser Versuch war aufk- kläglichste gescheitert, und seitdem hauste in den Marken eine zügellose Sol- dateSka, ebenso gewaltsam und aufzehrend wie der Feind, aber gefährlicher fast alS dieser, weil sie, auf das kaiserliche Bündniß und einen auf dieseS gerichteten Eid gestützt, dem Lande-8herrn selbst zum Theil den Gehorsam versagte. Nicht minder bedenklich waren die Zustände in den clevischen Landen, wo seit Jahren niederländische, kaiserliche, hessische Truppen die wichtigsten festen Plätze wechselnd [482]behaupteten, auf Kosten deö Landes lebten und die Regierung deZ LandeSherrn zu einer fast imaginären machten; ein Zustand, der um so bedrohlicher wurde durch die heftigsten unauSgeglichenen Zerwürfnisse der kurfürstlichen Regierung mit den dortigen Landständen und durch die weitverbreitete Neigung in den Kreisen deS eingesessenen Adels, im engsten Anschluß an die Niederlande, vielleicht gar im wirklichen Anschluß an die Union Rettung aui3 ihren Bedrängnissen und Siche- rung vor allzu anspruchSvoller Fürstengewalt zu suchen. Nur in dem Herzog- zogthum Preußen war seit einer Reihe von Jahren (1629) ein vorläufiger FriedenSzustand und damit erträgliche ökonomische Verhältnisse begründet; hieher hatte der Kurfürst in seinen letzten Jahren sich zurückgezogen; von hier, alS dem allein wenigsten;?- relativ gesicherten Boden, begann sein Nachfolger die Regene- ration des StaateS. Am 1. Decbr. 1640 starb Kurfürst Georg Wilhelm. Der politische Um- schwung, der nun erfolgte, konnte zunächst sich nur beschränkte Ziele setzen; daß Nöthigste war, auS den falschen Verbindungen sich loSzureißen, den falschen Gegnerfchaften zu entfagen, in welche die Politik SchwartzenbergS den Staat gebracht hatte. Neutralität und freie Hand war die Losung fürS nächste. Und diesesS Ziel wurde mit Glück und Geschick erreicht. ES gelang der aussässigen SoldateSka in den Marken Herr zu werden; eine günstige Fügung war eS, daß Graf Schwartzenberg, dessen Beseitigung Schwierigkeiten gemacht haben würde, eben jetzt starb (1—4. März 1641); der neue Kurfürst ließ entschieden seinen Willen erkennen, nicht länger im Schlepptau der österreichischen Politik an einem Kriege Theil zu nehmen, der für Brandenburg nur Leiden und Gefahren ohne jede AUT-sicht auf wirkliche Vortheile bot. Er trat sofort mit Schweden in Unterhandlung, und daß Resultat war ein zweijähriger Waffenstillstand (Juli 1641), der dann stillschweigend bis zum allgemeinen Frieden verlängert wurde. Zugleich wurde in Polen die Belehnung mit dem Herzogthum Preußen erreicht, nicht ohne mancherlei peinliche Bedingungen, deren sich der Kurfürst erst all- mälig zu erledigen wußte. Auch in den clevischen Landen wurde wieder festere Stellung genommen, die Beziehungen zu den Niederlanden, bald auch die zu Frankreich auf einen besseren Fuß gebracht. Ganz besonders auf die enge Ver- bindung mit den Niederlanden und mit dem verwandten Hause der Oranier ge- dachte F. W. sich in diesen westlichen Bereichen zu stützen; zuletzt besiegt-lte dieseS Verhältniß sein eigener Ehebund mit einer oranischen Prinzessin. Jn seinen ersten RegierungSjahren hatte die AuZsicht auf eine andere Eheverbindung im Vordergrund gestanden, die politisch viel folgenreicher zu werden versprach: noch bei Lebzeiten Gustav AdolfS war der Gedanke angeregt worden, die künf- tige Erbtochter von Schweden Christine dereinst mit dem brandenburgischen Kur- erben zu vermählen; die Vereinigung dieser beiden Persönlichkeiten und ihrer Reiche würde ein für den deutschen und den europäischen Norden gleich bedeutfameS Ereigniß von unberechenbaren Folgen geworden sein, für Branden- burgs allerdingZ zugleich eine sehr bedenkliche Abirrung von den natürlichen Bahnen seiner Entwicklung. Aber einige Jahre lang hat auch F. W. den doch verlockenden Plan nicht ganz aufgeben mögen, ebenso wie man am schwedischen Hofe mit mehr oder weniger Aufrichtigkeit Aussichten zu eröffnen und den Branden- burger daran festzuhalten fortfuhr. Ein paar Jahre lang blieb die Angelegen- heit in der Schwebe; die Gefahren einer so glänzenden Verbindung entgingen dem Kurfürsten so wenig, wie die seit Gustav AdolfS Tod in Schweden herrscht-nde Aristokratie die bedrohlichen Folgen verkannte, die für sie selber darauS erwachsen konnten. Mit raschem Entschlusse wandte sich endlich F. W. von dem Plane ab; in den Niederlanden fand er bei Friedrich Heinrich von Oranien und be- fonderS bei seiner staats3klugen Gemahlin bereitwilligeZ Entgegenkommen; am [483]7. Decbr. 1646 vermählte er sich mit ihrer Tochter Louise Henriette. Eine wesentlich politische Heirath auch diese; aber während die darauf gegründeten politischen Berechnungen durch die folgenden Ereignisse zumeist vereitelt oder verändert wurden, brachte sie dem Kurfürsten den Segen einer zwanzigjährigen ungetrübt glücklichen Ehe.
waren zu Osnabrück und Münster die allgemeinen Friedens-
verhandlungen in Gang gekommen. Für Brandenburg stand neben dem allge- meinen FriedenSinteresse besonde1—S die pommerifche Frage im Vordergrund. Nach- dem 1637 mit BogiZlav R17. daS eingeborene HerzogShauZ erloschen war, war daß Erbrecht deS HauseS Brandenburg auf Pommern ebenso zweifelloS, wie anderseitS die schwedische Politik sich entschlossen zeigte, die werthvolle und wohl- gelegene Eroberung nicht wieder auS der Hand zu geben. Mit der äußersten Zähigkeit wurde der diplomatische Kampf zwischen Schweden und Brandenburg geführt; zuletzt sah der Kurfürst sich doch gezwungen, dem mächtigeren Gegner zu weichen und sich mit dem Besitz von Hinterpommern zu begnügen; wenigsten?- erkämpfte er sich in den Bi?-thümern Minden, Halberstadt und Camin, sowie in der Anwartschaft auf daß ErzbiSthum Magdeburg eine ansehnliche territoriale Entschädigung, die dem Staatsgebiet eine willkommene Abrundung gab. So kam der westfälische Friede zu Stande, von dessen allgemeinen Bestimmungen namentlich der wichtige Art. 1’11, der die Gleichberechtigung deS reformirten BekenntnisseZ neben dem lutherischen auSsprach, zum guten Theil den Bemü- hungen des Kurfürsten F. W. verdankt wurde. Noch brachten freilich auch die nächsten Zeiten nicht in vollem Maße die gehofften Segnungen eineS gcdeihlichen FriedenSleben8; noch mehrere Jahre ver- zögerte sich die Einrichtung der neuen Besitzverhältnisse, erst nach fünf Jahren wurde Hinterpommern von den Schweden geräumt; der Abzug der niederländi- schen Garnisonen auS den clevifchen Festungen wurde ebenfalls?- von Jahr zu Jahr verschoben, und als nun 165() mit dem Tode deS jungen Wilhelm 1l. von Oranien die Macht deZ engbefreundeten HaufetJ in den Niederlanden für mehr alS zwei Jahrzehnte zu Ende ging und dagegen die Brandenburg wenig geneigte Aristokratenpartei von Holland dort daß Regiment ergriff, so ergaben sich daraus in den westlichen Provinzen deS Kurfürsten Zustände, die in Ver- bindung mit der wachsenden Unbotmäßigkeit der clevischen Stände dat3 landeS- herrliche Regiment in diesen Bereichen in immer zweifelhaftere Lage brachten. Zu dem allen kam daZ scharfe Zerwürfniß mit dem Miterben der jülich-clevi- schen Lande, dem Pfalzgrafen Wolfgang Wilhelm Von Neuburg, der mit allen Mächten der katholischen Partei uz1d Propaganda in enger Verbindung stand und unterstützt von seinem ehrgeizigen und energischen Sohn Philipp Wilhelm trotz allen abgeschlossenen Verträgen nie den Gedanken aufgab, die Gesammtheit dieser niederrheinischen Herzogthümer dereinst noch seinem Hause und dem katholischen Bekenntniß zu gewinnen. Jm Sommer 1651 kam e3 so weit, daß der Kurfürst F. W. sich genöthigt glaubte, selbst zu den Waffen zu greifen, um womöglich seinerseiti3 den Mitbesitzer zu beseitigen, oder ihn zu ver- —— tragSmäßigem Verhalten zu zwingen. Ein kurzer KriegSlärm war die Folge, bei welchem der Kurfürst sich von allen Freunden und Helfern verlassen sah, während dem Gegner militärische und diplomatische Hülfe von allen Seiten zu- ftrömte. F. W. mußte zufrieden sein, den allzu kühn unternommenen Versuch mit einem Vergleich zu beendigen, der im wesentlichen alles3 beim alten beließ (Octbr. 1651). Die Unzulänglichkeit der vorhandenen Kräfte hatte sich bei dieser Gelegen- heit eindringlich gezeigt; ehe man mit Erfolg die Bahnen einer kühnen und4 [484][485]often Europa’Z drohten und welche überdies in sehr unwillkommener Weise seine eigenen nach anderer Richtung hin gekehrten Pläne durchkreuzten. Für Preußen stellten sich sofort die größten Gefahren vor Augen, wenn eS dem Schwedenkönig gelang, Polen zu erobern und zu behaupten; die Beherrschung der preußischen Küste und ihrer Häfen war für ihn dann unerläßlich; Pillau und Memel, die beiden wichtigen Hafenplätze deS Kurfürsten, wurden alt?- die gelegensten Auß- gangZpunkte dafür sofort von den Schweden inS Auge gefaßt. Diesem Wunsche konnte F. W. sich unmöglich fügen; seine ganze Stellung in den Ostseegebieten und die Sicherheit dez Herzogthum8 Preußen selbst beruhte wesentlich auf dem Besitz dieser beiden Seehäfen. Eine Zeit lang wurde der Plan erwogen. ob angesicht-J der völligen Schutzlosigkeit, worin der ohnmächtige polnische LehnL-’-herr jetzt seinen preußischen Vasallen ließ, eeS nicht erlaubt und angezeigt sei, zu eigenem Nutzen und zu erklecklicher Erweiterung deS eigenen GebietZ mit dem Er- oberer gemeine Sache zu machen. Aber der Siege8übermuth Karl GuftavZ machte zunächst eine solche Einigung unmöglich, und da der Kurfürst ebenso wenig ge- sotmen war, für Polen sich in einen au8fichtZlosen Kampf zu werfen, so blieb ihm nur die bewaffnete Neutralität übrig, zu deren Aufrechterhaltung er sich mit
den Ständen deS polnischen AntheilS von Preußen verband; vorzüglich aber
rechnete er, um den Zumuthungen SchwedenS widerstehen zu können, auf die Unterstützung der Niederlande, mit denen er bereit?- im Sommer 1655 ein Defensivbündniß abgeschlossen, und die von der Alleinherrschaft der Schweden in der Ostsee alle?- schlimmste für ihren Handel dort befürchten mußten. Die Ereignisse brachten aber bald alle Berechnungen zu Falle. Jm Fluge eroberte Karl Gustav ganz Polen; König Johann Casimir flüchtete über die Grenze; ein großer Theil der polnischen Stände huldigte dem neuen Herrn, da8 alte Polenreich schien die unbestrittene Beute des3 stürmischen SiegerS sein zu sollen, der höchsten3 etwa mit den Russen Über ihre Theilung noch zu kämpfen, oder sich zu verständigen hatte. Unter diesen Umständen war die von dem Kurfürsten F. W. ergriffene NeutralitätXSftellung schwer zu behaupten, zumal die gehoffte Hülse der Niederländer ebenso auSblieb wie die von dem Kaiser er- betene. Jsolirt und noch ungenügend gerüstet mußte er sich der Uebermacht beugen; in dem KönigSberger Vertrag (17. Jan. 1656) erkannte er daß Herzog- thum Preußen al?: Lehen de8 SchwedenkönigS an, der ihm daß Bic-’:thum Erm- land noch hinzugab; dagegen mußte er polnisch Preußen und Marienburg räumen, sich zu einer Kriegt?-hülfe von 1500 M. verpflichten, Schweden die Hälfte der preußischen Seezölle überlassen und die Benutzung der preußischen Häfen für die schwedische Flotte gestatten. « Dieser KönigSberger Vertrag war eine empfindliche Niederlage. Aber bald änderten sich die Verhältnisse. Datz durch Ueberraschung bezwungene Polen erhob sich zum Volk?-- und ReligionZkrieg gegen die räuberischen und ketzerischen Schweden; bald war die Stellung Guftav8 schwer bedroht, er mußte dem brandenburgischen Vasallen einen neuen Vertrag unter vortheilhafteren Bedingungen bieten, um seine BundeZgenossenschaft für die Fortsetzung dez KriegeS zu gewinnen. Mit d dem Marienburger Vertrag vom 25. Juni 1656 trat F. W. in enge Waffen- gemeinschaft mit dem schwedischen König. Er schloß sich jetzt der EroberungsS- und TheilungSpolitik desselben gegen Polen völlig an; vier Woiwodschaften von Großpolen sollten sein Antheil an der zu erftreitenden Beute sein. Vier Wochen später kämpfte die brandenburgische Armee an der Seite der schwedischen in der dreitägigen Schlacht bei Warschau (27.——Z0. Juli1656); mit einem glänzenden Siege legte sie ihre erste Waffenprobe ab. Hiermit war fürS nächste dem drohen- den Heranftürmen der auch gegen Brandenburg ganz besonders?- erbitterten Polen gewehrt; aber von nachhaltigen Folgen ift der Sieg doch nicht gewesen; die [486]polnischen Aufgebote begannen sofort sich wieder zu sammeln, von Littauen her bedrohten sie die Grenzen deS preußischen HerzogthumS, in Livland nahm der russische Czar Alexei jetzt nachdrücklich den Krieg gegen Schweden auf, der Kur- fürst durfte sich auch von dort her nicht sicher fühlen, und die niederländische Flotte, die mm in der Ostsee erschienen war, flößte, in Hinsicht auf da—S von den Holländern immer mit begehrlichem Auge betrachtete Pillau, fast ebenso viel Argwohn ein, al?: sie die Nähe mächtiger Freunde bedeutete. Bald war ersichtlich, daß weniger auf Angriff und Eroberung als auf Vertheidigung zu
sehen war. König Karl Gustav sah sich genöthigt, um den Brandenburger bei
seinem Bündniß festzuhalten, ihm eine neue wichtige Concession zu machen. Ju dem Vertrag von Labiau (2(). Novbr. 1656) wurde der Hinblick auf große ge- meinsame Eroberungen in Polen zwar noch nicht definitiv aufgegeben, aber, für den Kurfürsten wenigstenS, trat er in zweite Reihe neben dem Hauptzugeftändniß, welcheS er jetzt forderte und erlangte: die Auflösung det?- LehnSverhältnisseS wurde auZgesprochen, F. W. trat in den souveränen Besitz deS HerzogthumS Preußen nebst Ermland. Damit war, zunächst der Zustimmung SchwedenSP abgerungen, da;- Ziel erreicht, was von Anfang dieser Verwicklungen an der brandenburgi- schen Politik vorgefchwebt hatte, die Souveränität von Preußen; ein drückendeS, oft demüthigendeZ Vafallenthum war hinweggenommen, die deutsche Herrschaft in dem alten Orden?-lande erschien nun wie neubegründet. Die Vollendung deS WerkeS aber konnte erst durch fortgesetzte schroffe poli- tische Wechselfälle herbeigeführt werden. Eine andere Phase des-3 KriegeZ begann, al8 im Sommer 1657 gleichzeitig zwei neue Kämpfer alS Gegner SchwedenS die Waffen erhoben. Von der einen Seite her begann Dänemark, ermuthigt durch die mißliche Lage Karl Gustav8 in Polen, den lang gedrohten Krieg gegen den schwedischen Erbfeind. JN derselben Zeit überschritten die Oesterreicher al?- Ver- bündete dez?- PolenkönigS die Grenze. Und indem nun Karl Gustav sich ent- schloß, vorerst dem dänischen Feinde zu begegnen und den Kampf in Polen und Preußen bis auf weiteres? fallen zu lassen, so glaubte auch F. W. in Betreff seiner BundeSverpflichtung jetzt wieder freie Hand zu haben. Rasch wurde der Parteiwechsel vollbracht; alS Karl Gustav nun in stürmischem SiegeSlauf Däne- mark, so wie früher Polen, zu Boden warf, und mit diesem Siege die schwe- dische Alleinherrfchaft in den —Oftseebereichen sich noch drohender— unmittelbar vor Augen stellte alS zuvor, so trug F. W., in Preußen aufß3 höchste gefährdet, kein Bedenken, auf die andere Seite zu treten. Die AuSsöhnung mit Polen wurde bewirkt; in den Verträgen von Wehlau und Bromberg (19. Septbr. und 6. Novbr. 1657) sprach nun auch der Polenkönig Johann Cafimir die Aner- kennung der Souverainität von Preußen au?-. Zugleich damit vollzog sich ein Umschwung der politischen Parteistellung auch nach anderer Seite hin. Mit Oester- reich, unter dessen Vermittelung die Aus5söhnung mit Polen zu Stande gekommen war, trat F. W. nun in ein enge?- Bündniß; als jetzt Kaiser Ferdinand 111. starb, gab die brandenburgische Kurftimme den Au8fchlag zu Gunsten deS habSburgischen Candidaten, deS neuen Kaiser?- Leopold l., und beide Mächte einigten sich, um im Bunde mit Polen, Dänemark und den Niederlanden der schwedischen Gewalt- politik im Norden die Stirn zu bieten. ES galt zunächst da-S fast schon bezwungene Dänemark zu retten. Jm September 1658 begann dieser neue Krieg. F. W. selbst trat an die Spitze der aus: brandenburgischen, kaiserlichen und polnischen Regimentern gebildeten Armee. Rasch wurden die Schweden au8 Holstein und Schleswig verdrängt, während eine niederländische Flotte daß von Karl Gustav belagerte Kopenhagen von der Seefeite her entsetzte; noch im December 1658 wurde die Jnsel Alsen erstürmt, nach kurzer Winterrast im Frühjahr der Kampf fortgeführt. Mit der Eroberung von Fridericia (Mai1659) gewannen die Ver-[487]bündeten den letzten festen Punkt der Schweden auf dem dänischen Festland, und inzwischen mühte sich Karl Gustav vergeblich ab, durch immer neue Stürme auf daß heldenmüthig vertheidigte Kopenhagen daß von ihm weichende KriegZglück « zu zwingen. Wol wäre etz der Wunsch dez Kurfürsten gewesen, dem Gegner nach Seeland selbst zu folgen und dort die Entscheidung herbeizuführen; aber die Schwäche der dänischen, der Mangel einer eigenen und die Unzuverlässigkeit der niederländischen Flotte vereitelte alle Versuche dieser Art. Vielmehr wandte sich F. W. im August 1659 nach Vorpommern, wo, ursprünglich gegen seinen Wunsch, die Kaiserlichen bereitS den Angriff gegen Schweden begonnen hatten. Bald war der größte Theil de?: Landes3 ihnen entrissen biZ auf Stettin und der Kurfürst durfte die Hoffnung hegen, daß der Feldzug des:- nächsten JahreZ ihm auch dieseZ und somit ganz Pommern in die Hand geben werde. Aber eben da trat eine neue Wendung ein. Eine lebhafte diplomatische Action war besonderiS in der letzten Zeit neben der kriegerischen hergegangen; die Schweden befreundeten Mächte Frankreich und England hatten unter Mitwirkung der Niederlande in den sogenannten ,,Haager Concerten« wiederholt versucht, diplomatisch zu Gunsten Karl Gustav?- zu interveniren und einen ihm günstigen Frieden zu erzwingen. Datz hatte zu nichtS geführt; aber nun wurde im November 1659 durch den pyrenäischen Frieden dem langjährigen Krieg zwischen Spanien und Frankreich ein Ende gemacht; Cardinal Mazarin, entschlossen den Ruin der schwedischen Macht nicht zu dulden, deren Bundes?-genossenschaft für Frankreich bei allen deutschen Verwicklungen so werthvoll war, hatte jetzt freie Hand und trat sofort in drohender Weise Brandenburg gegenüber. Auf Grund deS von Frankreich gewährleifteten westfälischen FriedenS forderte er die Rückgabe von Pommern an Schweden, und weder Polen, welcheS den Frieden herbeifehnte, noch Oesterreich, welcheS im eigenen Jnteresse zuerst den Kampf in Pommern provocirt hatte, zeigten sich Willen8 an der Seite deS Brandenburger-? der französischen KriegZ- drohung zu trotzen. F. W. sah sich verlassen und somit genöthigt, die fran- zösische FriedenSSvermittelung zuzulassen. Damit aber war bereitS aud3gesprochen, daß, wenn gleich Karl Gustav jetzt selbst vom Schauplatz abtrat (f Februar 1(360), doch die Stellung SchwedenZ in Norddeutschland unberührtbleiben sollte, und in dem Frieden von Oliva (Z. Mai 1660) mußte F. W. auf die eroberten vorpommerischen Lande verzichten. Die Mündungen der Oder blieben in der Hand der fremden Macht, und, waS vor allem die Situation bezeichnete, der Machtwille deS jetzt immer gebieterifcher emporftrebenden Frankreich war etz ge- wesen, der diese Entscheidung gefordert und durchgesetzt hatte. Reichen Gewinn trug immerhin auch so F. W. au?- diesem Kriege davon; militärisch und diplo- matisch hatte er sich eine achtunggebietende Stellung erkämpft, wie sie Branden- burg unter den großen Mächten der Welt noch nie besessen hatte; vor allem aber die Souveränität dez HerzogthumZ Preußen, fowol Schweden wie Polen gegenüber, war nun definitiv gewonnen, dem slavischen Vafallenthum in diesem alten deutschen Colonialland für immer ein Ende gemacht. Mit dem J. 1660 beginnt eine neue Epoche in dem Leben dez Kurfürsten F. W. Die unterbrochene FriedenZarbeit wurde wieder aufgenommen; neue Aufgaben hatten sich hinzugefunden, aber auch neue Kräfte zu ihrer Lösung. Vorerst führten die veränderten Verhältnisse im Herzogthum Preußen zu lang- jährigen und schwierigen Verwickelungen. F. W. hatte Polen und Schweden die Souverainität des LandeS abgerungen; aber die preußischen Stände, die in dem Zusammenhang mit Polen biSher immer einen erwünschten Rückhalt gegen die fürstliche Gewalt deS LandeSherrn besessen hatten, und ohne deren Zustim- mung die Auflösung deS LehnZverbandeZ vollzogen worden war, weigerten sich « aufS lebhafteste, daß neue HerrschaftSverhältniß deS Kurfürsten anzuerkennen. [488]Adel wie Städte bestanden darauf, daß ohne ihren Willen eine solche Aenderung nicht Statt finden könne; die einflußreiche, streng lutherische Geiftlichkeit, besorgt
vor weiterer Au8breitung dez reformirten Bekenntnisse?: unter der neuen Regiment?--
form in der Hand deö reformirten Fürsten, stand ihnenMPOmit Eifer zur Seite. Datz formale Recht der verbrieften Landeck-privilegien sprach in vielen Stücken für die ständische Auffassung; die Krone Polen selbst, wurde erklärt, sei nicht befugt, über daZ gegründete Anrecht der preußischen Stände auf ihren Zusammen- hang mit Polen durch einseitigen Verzicht zu verfügen; man scheute sich nicht, Verbindungen in diesem Sinne mit dem polnischen Hofe zu unterhalten, die auch von diesem nicht ganz zurückgewiesen wurden, die aber in den Augen des Kur- fürsten nicht anderS alS hochverrätherisch erscheinen konnten. Nach langen ver- geblichen Verhandlungen, die sich besonders um die Frage des stehenden HeereS, der Steuern und der von dem Kurfürsten octroyirten neuen LandeSverfassung drehten, sah sich dieser veranlaßt, endlich thätlich einzugreifen; mit militärischer Gewalt erschien er selbst in KönigSberg; vor seinem persönlichen Auftreten ver- ftummte der Widerspruch der aufsässigen Hauptstadt; der Hauptagitator, der Schöppenmeister HieronymuS Roth, wurde verhaftet, wegen hochverrätherifcher Verbindungen mit dem Au8Jland zum Tode verurtheilt und zu lebenSlänglichem Gefängniß begnadigt. Diese-? entschlossene Verfahren hatte die Wirkung, daß nach einiger Zeit wenigstenS äußerlich sich die Stände dem neuen Rechte deS Kurfürsten fügten; im October 166Z leisteten sie dem neuen Lande?-herrn die feierliche Erbhuldigung auf Grund der neuen LandeSverfassung, welche mit möglicher Schonung der alten Verhältnisse doch die Souverainität8rechte in allen wesentlichen Stücken sicher stellte. Jahre lang freilich gährte die Un- zufriedenheit noch weiter, besonderS bei einem Theil dez preußischen Adel;-z, der nur mit dem äußersten Widerstreben die Ausrichtung eineZ straffen fürstlichen RegimenteS duldete und den Gewöhnungen polnischer AdelsJfreiheit nicht entsagen wollte. Auch diesem Elemente gegenüber, welche?- selbst nach der geschehenen Huldigung nicht darauf verzichtete, verrätherische Verbindungen mit Polen zu unterhalten, mußte F. W. noch einmal zur Gewalt greifen; e8 war in dem Fall dez Obersten Christian Ludwig v. Kalkstein, der der leidenschaftlichste und ge- fährlichste Agitator in dieser Richtung von Anfang an war und im November 1672 alS Hochverräther hingerichtet wurde (vgl. d. Art. Kalkstein und Eusebiuö v. Brandt). ES muß zugegeben werden, daß in allen diesen Conflicten die Strenge de?- formalen Rechte?- auch von dem Kurfürsten und seiner Regierung nicht selten gebeugt oder gebrochen worden ift; daß aber ein höhere?- Recht staat- licher und nationaler Nothwendigkeit ihnen dabei zur Seite stand, daß nur mit starken Mitteln hier dem zerrÜttenden Einfluß polnischer StaatZlosigkeit ein Ende bereitet werden konnte, dafür gewährt die fernere Geschichte PreußenS sowol wie Polene3 volles Zeugniß. Kämpfe ähnlicher Art, wenn auch meist von minder acutem Charakter, hatte Kurfürst F. W. in den meisten LandeStheilen zu bestehen. Ueberall war die Zähigkeit desJ privilegirten ftändischen VrovinzialgeifteS der erbitterte Widersacher ftrafferer staatlicher Ordnung im Sinne eine?- einheitlichen StaatZgefügeS, wie etz F. W., mit immerhin sehr gemäßigtem Anspruch, aber mit Bewußtsein anst4rebte. Ueberall stehen die Fragen Über Reform der Steuerverfassung und über die damit zusammenhängende Unterhaltung dez stehenden HeereZ im Mittelpunkt dez StreiteS, und nicht leicht waren die Anforderungen, die an die erschöpften Lande gestellt wurden. JN der Hauptsache trug überall der energische Wille deZ Fürsten den Sieg davon, und.mehr und mehr bequemten sich allmählich die ftändischen Sonderinteressen dem Jnteresse deS GesammtstaateS, für dessen Ver- waltung ein einsichtigeS und rechtschaffeneZ Beamtenthum sich heranbildete. Be-[489]sonders wichtig war etz, daß e3 dem Kurfürsten gelang, auch in den clevisch- märkischen Landen feste Zustände anzubahnen. Hier hatte die Widerwilligkeit der Stände den doppelten Rückhalt an dem noch immer aufrecht erhaltenen Con- dominat der Pfalzgrafen von Neuburg und an den benachbarten Niederlanden, mit denen sie von jeher in naher Verbindung gestanden.. Nach langensKämpfen erzwang hier der Kurfürst durch die den Ständen aufgenöthigten Landtag8recesse Von 1660 und 1661 zuerst den factischen Besitz der vollen Lande8hoheit, und dieser Sieg über die ständische Libertät wurde vollendet, al5 1666 mit dem Pfalzgrafen Philipp Wilhelm von Neuburg der definitive Erbvergleich abge- schlossen wurde, in welchem beide Prätendenten dem bi8herfestgehaltenen Anspruch auf die Gesammtheit der jülich-clevifchen ErbschaftSlande entfagten und eine formelle Theilung der Lande nach Maßgabe de?- bie?-herigen provisorischen Besitz- standeS eintreten ließen. Der Zusammenhang dieser altverbundenen Lande wurde dadurch zerrissen, aber wenigsten?- in seinem Antheil, Cleve, Mark und RavenS- berg, war F. W. nun unbestrittener Herr, und die Segnungen eineS einsichtigen Regimentez, welche-?- sofort an eine umfassende Reform der gefammten Verwaltung ging, machten sich bald fühlbar. Hier und an anderen Stellen war der Kurfürst nicht ohne gelegentliche Anwendung oder Androhung von Gewalt zu seinem Ziele gelangt. Jn dem- selben Jahre 1666 zwang er durch eine starke militärische Demonstration die Stadt Magdeburg, die bis-H dahin beharrlich die Huldigung verweigert hatte, ihm diese zu leisten und brandenburgische Garnison aufzunehmen. Aber im Ganzen sind die großen Umwandlungen auf dem Gebiet dez inneren StaatSlebenZ, welche diese Regierung bezeichnen, doch mit verhältnißmäßig geringem Aufwand Von ZwangSmitteln durchgeführt worden. Den Bemühungen zur Kräftigung der StaatSJgewalt aber entsprach die andere Seite der Reformbestrebungen deS Kurfürsten, die durch sorgsame Pflege der materiellen Jnteressen deS LandeS demselben neue Kräfte zuzuführen und die alten zu entwickeln suchte. Mit den ersten RegierUngs3jahren Friedrich WilhelmZ beginnt die systematische Colonifation verödeter Landftriche durch Heranziehung von Einwanderern auS anderen deutschen Landschaften und besonders aus Hol- land; sie kam besonder8 der Mark Brandenburg zu Gute. Durch geeignete Ber- günstigungen wurde überall auf dem flachen Land und in den Städten der Wiederanbau der durch den Krieg herrenloS gewordenen wüsten Hufen und Bau- plätze erleichtert. Neben den Bauern wurden fremde Handwerker inS Land ge- zogen und der in Verfall gekommenen Jndustrie wirksamer Schutz und Anregung geschaffen; staatliche Concessionen und pecuniäre Unterstützung halfen neu begrün- deten Jndustriezweigen über die Schwierigkeit der ersten Anfänge hinweg, wäh- rend in anderen Zweigen der Kurfürst selbst mit fiScalischen Geldmitteln alZ Unternehmer auftrat. Für die Entwickelung des VerkehrS sorgte die von F. W. geschaffene und gegen den Widerspruch dez kaiserlichen PostregalZ wie gegen den Einspruch Polens-S behauptete brandenburgische Post, welche die entferntesten Landes5theile in regelmäßige Verbindung setzte, und deren mufterhafte Verwaltung bald in ganz Deutschland alS Vorbild galt. Allgemeine Brücken- und Wege- ordnungen kamen hinzu; der 1662—68 erbaute Friedrich-WilhelmZ-Canal schuf einen Wafserweg zwischen Oder, Spree, Havel und Elbe, der für die Entfaltung dez BinnenhandelS von der höchsten Bedeutung wurde. Ueberhaupt war auf die Pflege der HandelSinteressen im weitesten Sinne daß Bemühen dez Kurfürsten mit besonderer Vorliebe gerichtet, und angeregt von dem Vorbild der Nieder- lande ftrebte er hier zum Theil über daß zu seiner Zeit Erreichbare hinauZ, wie wenn er schon 1647 den Plan einer ostindischen HandelSgesellschaft unter brandenburgischer Flagge entwarf oder 1650 mit Dänemark über den Ankauf [490]von Tranquebar auf der Küste Koromandel alS brandenburgischer Colonie und HandelBstation verhandelte. Für die mittleren Lande war ihm durch die Herr- schaft der Schweden in Stettin und an den —Odermüdungen jede Möglichkeit zu Größerem abgeschnitten; nur die preußischen Häfen boten einen geeigneten AuZgangS- punkt für umfassendere mercantile Unternehmungen. Unablässig hat F. W. von hier au5, besonders in seinen späteren Leben8jahren, an der Erfüllung seine8 Liebling8- wunscheZ gearbeitet, seinem Staate den Eintritt in die Kreise deS WelthandelS zu selbständiger Theilnahme an demselben zu erwirken; aber noch fehlte e5 in den Landen selbst zu sehr an gewecktem Unternehmung8geift und an großen kauf- männischen Capitalien, al?- daß diese Versuche von nachhaltiger Wirkung hätten sein können. Die Hoffnung, in Pillau ein zweite?- Saardam erblühen zu sehen, erfüllte sich nicht; die an der Guineaküste errichteten Niederlassungen hatten nur kurzen Bestand, und die 1682 gegründete afrikanische HandelScompagnie, ur- sprünglich als Actienunternehmen ini3 Werk gesetzt, dann von dem Kurfürsten selbst auf RegierungSkoften übernommen, erwieS sich bald alS ein völlig unpro- ductiver Versuch, der von dem Nachfolger Friedrich Wilhelm8 bald fallen ge- — lassen wurde. Am erfolgreichsten waren die maritimen Bestrebungen dez Fürsten noch da, wo sie sich mit den militärischen Jnteressen berührten. Die kleine Kriegck3flotte, die von 1675 an, zunächst für den Bedarf deS Kriege?- gegen Schweden, mit Hülse deZ holländischen UnternehmerZ Raule geschaffen wurde, that gute Dienste, und der kleine Kaperkrieg, den 1681 der Kurfürst zur Bei- treibung schuldiger Subsidienreste gegen Spanien führte, machte die branden- burgische Flagge für einige Zeit weithin bekannt; dreißig größere und kleinere KriegSschiffe fuhren damalsS unter dieser Flagge; aber mit dem Tode dez Kur- fürsten ift auch diese Schöpfung bald wieder verfallen. Auch der regsamsten Pflege der geistigen Jnteressen ift hier zu gedenken. Jn der Geschichte dez preußischen UnterrichtsHwesenö nimmt die Regierung Friedrich Wilhelm-z eine ehrenvolle Stelle ein, wenn auch die Schäden der Z0jährigen Zerrüttung erst langsam auSheilen konnten. BesonderZ den mittleren und höheren UnterrichtSanstalten kamen seine Bemühungen zu Gute; die Gymnasien nahmen neuen Aufschwung, und zu den bestehenden Universitäten Frankfurt und K«önigSberg, die er in aller Weise förderte, gründete F. W. eine neue für die clevischen Lande in Duisburg (1655), die freilich zu dauernder Bedeutung nicht gelangt ist. Auch die Errichtung der Universität Halle wurde von ihm bereitZ in AuSsichty genommen, der Plan aber erst von seinem Nachfolger auzgeführt. Anregung und Unterstützung wissenschaftlicher Arbeiten wurde nach vielen Seiten hin gewährt, viele anfehnliche Kräfte nach Berlin gezogen. Der vaterländischen Geschichte befonderZ ließ F. W. eifrige Förderung zu Theil werden; durch die Berufung Pufendorf’S zum Geschichtschreiber feineS eigenen Lebens gab er die Veranlassung zur Entstehung eineS der bedeutendsten historischen Werke deS 17. JahrhundertS. Die nachmalige große königliche Bibliothek in Berlin dankt F. W. ihre Begründung. Entsprechend der fürstlichen Mode der Zeit und den eigenen Neigungen widmete er auch den Künsten eine verftändnißvolle Pflege, wobei freilich meist auSländifche8 Personal heranzuziehen war. Eine rege Bau- thätigkeit ward entfaltet, die Hauptstadt vergrößert und geschmückt. Zahlreiche Maler, Bildhauer, Kupferstecher, Stempelschneider arbeiteten im Dienste de8 Kur- fürsten, und durch gute Ankäufe wurde der Grund gelegt zu den nachmaligen großen Kunstsammlungen. — VorzÜglich bethätigte sich der freie und große Sinn deZ Kurfürsten auch in der Behandlung der kirchlichen Angelegenheiten. Der Gedanke der Toleranz hat in ihm einen aufrichtigen und thätigen Bekenner gehabt, so schwer der Geist des ZeitalterS auch noch seine Durchführung machte. Vermöge dieses?- streng [491]durchgeführten Grundsatzes ift da?- Verhältniß dez reformirten Fürsten und seiner H Regierung zu feinen zahlreichen katholischen Unterthanen ein fast durchweg un- getrübtesz geblieben. Dagegen gaben die unablässigen Zerwürfnisse zwischen Lutheranern und Reformirten um so mehr Anlaß zu peinlichen Störungen deB » öffentlichen FriedenS. Die versöhnliche Richtung, die angeregt von Georg Calixt, John Durie u. A. an anderen Stellen damals- nicht ganz ohne Wirkung blieb, gewann zwar die Zustimmung deS Kurfürsten, aber nur wenig die der branden- burgischen Geiftlichkeit, und die starre Unduldsamkeit besonderS der lutherischen Prediger machte trotz der Bestimmung de8 westfälischen Friedens, welche die Gleichberechtigung der Reformirten auSsprach, ein friedlicheS Nebeneinander dauernd unmöglich; der Krieg in Streitschriften und von der Kanzel herab wurde unablässig und in der gehässigsten Weise geführt. Ein 1662 von dem Kurfürsten in Berlin veranftaltete8 ReligionSgespräch blieb natürlich erfolglos3. Die Toleranz, die F. W. von den Anderzgläubigen ebenso verlangte, wie er selbst sie übte, konnte nur äußerlich erzwungen werden durch eine Reihe von Ver- ordnungen, in denen die Aufrechterhaltung dez FriedenSstandeZ zwischen den beiden Bekenntnissen wenigstens nach außen hin zum strengen Gesetz gemacht wurde. Mit der Absetzung und AuSweisung dez-z widerftrebenden Berliner Pre- digerS Paul Gerhard, dt-S bekannten LiederdichterS, zeigte der Kurfürst den ganzen Ernst seineö3 auf den kirchlichen Frieden gerichteten WillenS; eine wirkliche innere Versöhnung ift doch Nicht erreicht worden, erst der veränderte Zeitgeist einer folgenden konnte Besserung bringen. Kehren wir zu dem Gang der allgemeinen politischen Ereignisse zurück, so tritt unS nun von den sechziger Jahren ab daß dominirende Uebergewicht Frank- reich8 als die Signatur deko ZeitalterS entgegen, und F. W. von Brandenburg gebührt der Ruhm, daß er zu denen gehörte, die am ersten und am tapfersten sich diefeS VerhängnisseS zu erwehren suchten. JN dem 1658 gegründeten Rhein- bund hatte Ludwig X1?. fick) eine dienftbereite Clientel unter den deutschen Fürsten geschaffen; Oesterreich war durch den Türkenkrieg und durch ungarische Empörungen in Anspruch genommen; überdieZ wußte die französische Diplomatie die Action de-S kaiserlichen Hofes-S in den westeuropäischen Angelegenheiten bald zu lähmen durch den geheimen TheilungSJvertrag (1668) für den in Au?-sicht stehenden AusSsterbefall der spanischen Haböburger; Spanien war erschöpft, die Niederlande diplomatisch gewonnen —— alleZ war auf’S günstigste vorbereitet, um den EroberungSpläneu des3 französischen Königö3 freie8 Feld zu machen. Die Erwerbung der spanischen Niederlande war daß nächste Ziel dieser Politik. Aber die Weise, wie unter dem Deckmantel deS RheinbundeS die Franzosen militärische Position im Reich nahmen, wie die ReichSftädte im Elsaß dem westfälischen Frieden zuwider unter französische Hoheit gebracht wurden, und viele andere Uebergriffe zeigten, waS Deutschland von ferneren Erfolgen Ludwig8 )(lRs. zu gewärtigen hatte. Die kriegerischen Verwickelungen deZ BischofS Christoph Ber- nard von Münster mit den Vereinigten Niederlanden bei Gelegenheit des hollän- difch=eng’lifchenKrieges3 (1665) brachten die Gefahr eineB französischen EingreifensS auf deutschem Reich?-gebiet zuerst in unmittelbare Nähe; aber hier war e3 auch, wo Kurfürst F. W. zum ersten Male durch energischeS Einschreiten die Gefahr abwandte, die den Frieden det-z Reichs? und seine eigenen Besitzungen am Nieder- rhein bedrohte. Gestützt auf eine schnell zusammengezogene Armee von 18,000 Mann nöthigte er den krieg?-lustigen Bischof, seine Vermittlung bei den General- staaten anzunehmen und machteso die schon begonnene französische Jntervention gegenftand8loS. h Jm Frühjahr 1667 erfolgte der erste thätliche Versuch Ludwig?- I(l7., sich der spanischen Niederlande zu bemächtigen. Jn dem überaus?- verworrenen Ge-[492]s triebe diplomatischer Actionen, welches neben diesem sogenannten DevolutionZkrieg herging, war auch Kurfürst F. W. auf daß lebhafteste betheiligt. Er erkannte vollständig die Gefahr, die auch für Deutschland daß Gelangen der spanischen Niederlande an Frankreich mit sich brachte; aber da Spanien selbst machtloZ, die Generalstaaten durch Bündniß, der Kaiser durch die Verhandlung über den geheimen TheilungC«-vertrag, die wichtigsten' Reich?-fürsten durch den Rheinbund an Frankreich gefesselt waren, so war er um so weniger in der Lage, allein den Franzosen die Stirn zu bieten, al?- zu gleicher Zeit er nach—H der entgegengesetzten Seite hin sich der Gefahr zu erwehren hatte, daß ein französischer Prinz auch die Krone von Polen gewann. E8 war für daß ganze Reich, wie für den Kur- fürsten speciell eine Sache von äußerster Wichtigkeit, daß Frankreich verhindert wurde, auch noch von der polnischen Seite her Mitteleuropa zu umklammern; F. W. versprach seine Neutralität in dem Kampf um die spanischen Niederlande und erlangte dafür, daß Ludwig R17. die polnische Thronbewerbung aufgab. Die Beendigung dez Krieges?- aber wurde dann in dem Aachener Frieden (2. Mai 1668) durch die lockere und schnell vorübergehende diplomatische Combination der Triplealliance von England, den Niederlanden und Schweden in dem Sinne erwirkt, daß Frankreich sich vorläufig mit dem Erwerb der f1andrischen Grenz- festungen begnügen, seine übrigen Eroberuugen herauSgeben mußte. Hieraus: entsprang nun im Verlauf der nächsten Jahre die neue politisches, Constellation, daß Ludwig R17. mit Leichtigkeit zwei von den Mächten, die ihm in den Weg getreten waren, gewann, um mit ihrer Hülse oder Zulassung die dritte zu vernichten. England und Schweden ergaben sich gänzlich der fran- zösischen Führung; und Ludwig?- Ziel wird nun die Eroberung der Vereinigten Niederlande. Meifterhaft hat er diesen Krieg diplomatisch vorbereitet, um dem erlesenen Opfer Feinde von allen Seiten zu erwecken und ihm jede Möglichkeit einer Hülse von außen her abzuschneiden ——— nur F. W. von Brandenburg widerstand allen seinen Lockungen und hat in dieserfür die Sache der europäischen Freiheit und deS ProtestantiSmuS so gefahrdrohenden Situation sich einfichtSvoll und entschlossen auf die Seite der bedrohten Macht gestellt, die seineWarnungen biz zum letzten Moment verschmäht hatte und fast ungerüstet dem ungeheuren Angriff gegenüberstand. A13 im Frühjahr 1672 Ludwig Fly. und seine Ver- bündeten den Krieg begannen, war F. W. der einzige BundesSgenofse, auf den Holland zu rechnen hatte. E8 erfolgte der erste in leicht errungenen Siegen glänzende Feldzug der Franzosen, der biS auf Holland und Seeland daß ganze StaatSgebiet in ihre Hände brachte; e5 erfolgte die Katastrophe in den Nieder- landen selbst, der Sturz der herrschenden Aristokratenpartei, die Erhebung WilhelmS lll. von Oranien. F. W. stand zur Hülse bereit. Da die Franzosen bei ihrem Angriff ungescheut auch daß deutsche Reich5gebiet verletzt hatten, konnte Kaiser Leopold nicht umhin, wenigsten8 zum Schein dem Brandenburger ein Hülfzcorpö zu schicken, freilich nur in der zweifellosen Absicht, dessen Action zu lähmen und dem Krieg die Spitze abzubrechen. Der Erfolg war dem entsprechend. Der Feldzug der Brandenburger und Kaiserlichen am Rhein und in Westfalen hatte allerdingS die Wirkung, daß ein beträchtlicher Theil der französischen Armee von den Niederlanden abgezogen und diesen dadurch Luft gemacht wurde; aber er blieb ohne alle eigenen Thaten, und der Kurfürst mußte etz geschehen lassen, daß die Franzosen in seinen clevischen Landen sich festsetzten, ohne daß er die nöthige Unterstützung fand, um ihnen dort entgegenzutreten. EZ war ein schwerer Entschluß für ihn, nach dem ersten Anlauf von dem muthig begonnenen Kampfe abzustehen; aber da er nirgend8 Unterstützung und allerseits3 Anfeindung auf seinem Wege fand, sah er sich gezwungen, auf daß Eigene zu denken. Er schloß mit Frankreich den Frieden von Vossem (16. Juni 167Z), in welchem er von [493]dem Kriege zurücktrat und ihm dafür die clevischen Lande und Festungen aus- geliefert wurden. Nur für den Fall eineS ReichSkriegS gegen Frankreich hielt F. W. sich in dem Vertrag die Hände frei. Ju diesen aber wurde nun doch Kaiser Leopold fast wider feinen Willen durch den wachsenden Uebermuth der Franzosen, durch den Hinblick auf seine Stellung im Reich, durch die Rücksicht auf seine Beziehung zu Spanien hineingedrängt. Nun trat für den Kurfürsten jene Clausel in Kraft; nach langwierigen Verhandlungen wurde die neue Alliance mit dem Kaiser, Spanien und den Niederlanden abgeschlossen (Juli 1674); im October überschritt F. W. an der Spitze einer Armee von 20,000 Mann den Rhein, um im Elsaß an der Seite der Kaiserlichen unter Bournonville noch einmal Turenne entgegenzutreten. Allein fo günstig die militärische und politische Lage im Anfang —war, auch dieser Feldzug sollte dem Kurfürsten keine kriegerischen Lorbeern bringen. Daß der österreichische General in verrätherischen Verbin- dungen mit den Franzosen stand, ,ift nicht alS erwiesen zu betrachten, so fest man auch daran4in dem brandenburgifchen Hauptquartier damalS glaubte. Jeden- fallZ aber fehlte daß nöthige Einverständniß zwischen den beiden Verbündeten Armeen völlig, und durch Fehler von beiden Seiten kam e3 dahin, daß der Feld- zug mit gänzlichem Mißerfolg endete. Nach einem letzten unentschieden ge- bliebenen Treffen bei Türkheim (10. Jan. 1675) gingen die deutschen Truppen über den Rhein zurück, gaben den Elsaß auf und bezogen die Winterquartiere. Dem Kurfürsten F. W. hatte der Feldzug überdieZ auch seinen hoffnungSvollen ältesten Sohn gekostet, deu Kurprinzen Karl Emil, der in Straßburg an einem hitzigen Fieber plötzlich gestorben war (7. Dec. 1674). F. W. hatte hier, wo der lähmende Einfluß eineS eifersüchtigen Kampf- genossen auf ihm laftete, nicht zu zeigen vermocht, was:- er als Feldherr zu leisten im Stande war. Er zeigte e5, alS nun ein neuer Kampf sich bot, wo er auß- schließlich auf sich selbst gestellt war. ES galt der schwedischen Jnvafion in die Mark, welche französischeS Geld und französische Diplomatie dem lang wider- strebenden Verbündeten im Norden abgerungen hatte, um durch einen Angriff im Rücken den Brandenburger von dem Krieg am Rhein abzuziehen. Jm Januar 1675 hatten die Schweden die Grenze der Marken überschritten; verheerend und auSsaugend hatten sie sich in den folgenden Monaten über daß Land auSgebreitet. F. W. hatte gegen diesen Feind von keinem seiner nominellen BundeSgenossen Unterstützung zu erwarten, während zu gleicher Zeit Ludwig Jill?. ihm den Herzog Johann Friedrich von Hannover in der Flanke, den Polenkönig Johann Sobie33ki im Rücken al8 neue Feinde aufzurufen sich bemühte. So unternahm er seinen berühmten Feldzug gegen die Schweden. Anfang Juni 1675 auS den Winterquartie1en in Franken aufbrechend, Vollbrachte er den glücklich geheim gehaltenen Geschwindmarsch in die Mark; am 25. Juni erfolgte der Ueberfall von Rathenow an der Havel, wodurch daß Centrum der schwedischen Aufstellung durchbrochen wurde, drei Tage später errang der Kurfürst mit der kaum 6000 Mann starken, meist auZ Reiterei bestehenden Vorhut feiner Armee den glänzenden Sieg bei Fehrbellin über die 11,0()0 Mann starken Schweden (28. Juni). Von hier an ist, in deutschen Liedern zuerst, der Name deZ »Großen Kurfürsten« gehörtworden, und weithin erscholl die Kunde von dem herzerfrischenden deutschen Waffenfieg über die seit langem unbefiegte schwedische Armee. Nun wurde am ReichZtag in RegenSburg der ReichSkrieg gegen Schweden beschlossen, der Kurfürst durfte die Vertreibung der Schweden auS Pommern offen alS Ziel bekennen, die braunschweig ischen Herzöge und der Bischof von Münster schlossen sich an, um dasselbe in Bremen und Verden zu bewirken, der Kaiser schickte ein HülfScorpS, der König von Dänemark trat den Verbündeten bei. Noch im Herbst 1675 be- gann der Kampf in Vorpommern, wo in hartem Streit der Kurfürst Boden [494]gewann, während die Dänen Wismar eroberten. Jm Frühjahr 1676 wurde der Krieg wieder aufgenommen, die Eroberung der Jnseln Usedom und Wollin vollendet, auf dem Festland nach harter Belagerung Anklam (29. Aug.) und Demmin (10. Oct.) zur Uebergabe gezwungen; gleichzeitig vollbrachten braun- schweigische und münstersche Truppen die Eroberung von Bremen und Verden. Die Belagerung von Stettin, von dessen Bezwingung alleS abhing, konnte erst im Sommer 1677 in reguläre:: Weise unternommen werden; schon leistete dabei die neugeschaffene brandenburgische Flottille ansehnliche Dienste; aber hartnäckig widerftanden Garnison und Bürgerschaft; erst al-Z nach viermonatlicher Befchießung (Ende August bis 26. December) die Stadt fast in Trümmer gelegt und alle Munition verbraucht war, erfolgte die Capitulation, und triumphirend hielt F. W. seinen Einzug in die bezwungene Festung, die wichtigste Besitzung der Schweden auf deutschem Boden. Der Feldzug dez folgenden JahreS brachte, während schon die diplomatischen Verhältnisse sich immer bedenklicher verwirrten, die glänzend durchgeführte Landung auf Rügen (24. Sept. 1678) und die Er- oberung der Jnsel; in Folge davon capitulirte Stralsund nach kurzer Beschießung (22. Oct.), und nachdem einige Wochen später auch GreifSwald gefallen (16. Nov.), so war die gänzliche Vertreibung der Schweden auS Deutschland glücklich voll- bracht. Noch an einer Stelle aber mußte ihnen der Kurfürst mit den Waffen begegnen. Von Livland her, jetzt ihrer letzten Besitzung am Südrande der Oft- see, unternahmen die Schweden, von Polen begünstigt, Ende November den Ein- fall in das Herzogthum Preußen, wo nur geringe VertheidigungSmaßregeln getroffen waren. Aber auch hier sollte ihnen nicht-? gelingen; der bewunderungS- würdige Feldzug, den F. W. im Januar 1679 nach Preußen unternahm, bereitete der schwedischen Jnvasion daß schmählichste Ende; mit unvergleichlicher Schnelligkeit und Tapferkeit wurden auch hier alle Anschläge der Feinde zu Falle gebracht. MPO Aber auf dem diplomatischen Felde waren inzwischen die Erfolge um fo weniger günstig gewesen. Auf dem Frieden?-congreß, der schon seit dem J. 1676 in Nimwegen tagte, war Brandenburg mehr und mehr in eine ifolirte Stellung gerathen. Während die meisten Betheiligten nach Frieden ftrebten, bot der Kur- fürst alle-? auf, ihn nicht zu Stande kommen zu lassen, biz die Eroberung Pommernö alS vollendete Thatsache vorläge; aber gerade die schweren Niederlagen der Schweden waren für Ludwig 1W. Grund, diesen Krieg gern beendigt zu sehen, und am kaiserlichen Hof wie bei der Mehrzahl der deutschen ReichSstände erfreute sich die AuSsicht auf beträchtliche Machtvergrößerung dez BrandenburgerS sehr geringer Gunst. Vergeben?- ließ F. W. sich in geheimen Verhandlungen mit Frankreich zu sehr weitgehenden Concessionen herbei, um die Zustimmung deZ KönigS zum Erwerb von Schwedisch-Pommern oder wenigsten;-7 dem wichtigsten Theil desselben zu erlangen; ebenso vergeblich erbot er sich anderfeitS dem Kaiser zur umfassendsten Hülf58leistung für die Fortsetzung deS Kriege?- gegen Frankreich; vergebenS bemühte in den Niederlanden sich Prinz Wilhelm von Oranien, einen einseitigen Abschluß zu verhindern —— die entscheidenden FriedenSschlüsse erfolgten in Nimwegen, und alle BundeSgenossen gaben die Sache dez Kurfürsten auf. Die Niederlande und Spanien gingen voran (August und September 1678); dann schloß am 5. Febr. 1679 der Kaiser für sich und daß Reich den Frieden mit Frankreich und Schweden ab, auf der BasiS dez westfälischen Friedens3 und der Wiedereinsetzung SchwedenS in alle seine deutschen Besitzungen. So stand nun F. W., den errungenen SiegeSprei53 in der Hand und doch in verzweifelter Lage, allein dem mächtigen Willen LudwigZ )(1V. gegenüber, nur Dänemark noch an seiner Seite. ES folgten einige Monate, erfüllt von den lebhafteften, mit der äußersten Zähigkeit geführten Verhandlungen; selbst die Möglichkeit wurde » [495]erwogen, ob Brandenburg allein e3 wagen könne, mit den Waffen in der Hand dem französischen Machtwillen zu trotzen und fo die treulosen BundeZgenossen vielleicht zur Erneuerung dez Kampfes zu zwingen. Alle;; war vergeblich, nur die Ergebung blieb übrig; am 29. Juni 1679 wurde zu St. Germain beiPariZ der Frieden unterzeichnet, kraft dessen Vorpommern nebst Stettin an die Schweden zurückgestellt werden mußte; nur einige geringfügige Vergünstigungen waren dem Kurfürsten gewährt worden. Die Erbitterung, womit F. W. daß nun zweimal eroberte Pommern aber- malß3 in die Hände dez besiegten Feinde?- zurückfallen sah, ist ebenso begreiflich, wie daß diese Stimmung sich weniger gegen Frankreich wandte, welcheS in seinem Sinne loyal gegen Schweden handelte, alö3 gegen die BundeSgenossen, die minder loyal ihn im Stiche gelassen hatten. Mit den Niederlanden, zu deren Schutz er sich zuerst in den Kampf geworfen, und die zuerst im Separatfrieden ihr Heil gesucht, kam etz zu der feindfeligften Spannung; nicht minder mit dem kaiserlichen Hof, dem in bitterer Weise der übereilte Abschluß deB Frieden8 von Nimwegen vorgeworfen wurde, und der inzwischen (1675) die Gelegenheit des AuSsterbenZ deS piastischen HerzogShausesS von Liegnitz benutzt hatte, um die drei fchlesischen Fürftenthümer Liegnitz, Brieg und Wohlau einzuziehen, unbekümmert um die Erbansprüche dez HauseS Brandenburg. Dagegen trat F. W. nun in enge Be- ziehung zu Frankreich, welche?- allein seinen Freunden und Verbündeten Schutz und Sicherheit zu gewähren schien. Der Alliancevertrag vom 25. Oct. 1679, der in den folgenden Jahren mehrfach erneuert und modificirt wurde, verband die brandenburgische Politik aufS engste mit der französischen; der Kurfürst ver- ftattete Ludwig ITU?. für alle Bedürfnißfälle freien Durchzug durch sein Gebiet, ja den Schutz seiner Festungen; er versprach künftig für seine oder des3 Dauphin’S Kaiferwahl zu wirken; er nahm eine JahreSpension von 100,000 Livres von dem französischen König an. Und nur zu bald bekam daß Reich e3 zu empfinden, waS daß Fehlen dieseS DegenS und dieseS RatheS in Tagen der Noth ihm be- deutete, als:3 Ludwig I(1s’. nun begann, die schrankenlose Suprematie, die der Frieden von Nimwegen ihm zugestanden, thätlich auSzuüben. Die Zeiten der ReunionZkammern, deZ RaubeS von Straßburg fanden den Kurfürsten F. W. alS den Verbündeten FrankreichS, der zwar an diesen Unternehmungen keinen Theil hatte und ihre für Deutschland verhängnißvolle Bedeutung wol erkannte, aber der auch entschieden alle deutschen oder niederländischen Aufforderungen zu einer neuen Coalition gegen Frankreich ablehnte, für die er nur neue Niederlagen vorauZsah, und für die er sich nicht noch einmal den Demüthigungen von 1679 auSsetzen wollte. Datz Verhältniß zum kaiserlichen Hofe war von der Art, daß, als 1682 gegenüber der Wien selbst bedrohenden Türkengefahr der Kurfürst ein HülfS3corpS von 12,000 Mann zur Verfügung stellte, man dietz in der an- gebotenen Stärke ablehnte, in der Befürchtung, daß F. W. die Gelegenheit nur dazu benutzen werde, die von ihm beanspruchten schlefischen Fürstenthümer zu occupiren. Und wiederum, in dem Sinne jeneS verzweifelnden UnglaubenS an die WiderstandSfähigkeit deS ReicheS war e3, wenn vornehmlich auf Betreiben des Kurfürsten am 15. Aug. 168 der schmachvolle Waffenstillstand mit Frank- reich abgeschlossen wurde, in welchem Kaiser und Reich Straßburg und die ge- fammte Beute der Reunion-Skammern für die nächsten zwanzig Jahre den Fran- zosen zu überlassen erklärten. ES war eine Politik deS gerechten Groll-c3 und der Verbitterung, die aber allmählich doch besseren Erwägungen Zutritt gewähren mußte. Die Rückkehr in die natürlichen Bahnen wurde F. W. um so näher gelegt, alS nun in den achtziger Jahren die Politik Ludwig8 R1?. sich mehr und mehr durchdrang mit jenem FanatiSmuS katholischer BekehrungSsucht, der etz immer einleuchtender [496]machte, welche Gefahr von dort her nicht nur der Freiheit Europa’S, sondern auch dem evangelischen Bekenntnis; drohte. Die Verfolgungen der französischen Protestanten nahmen immer größere Dimensionen an, Frankreich begann sich zu enthüllen alS die streitfertige Vormacht der katholischen Propaganda. Und jetzt schien auch England diesem System zufallen zu sollen; im Februar 1685 bestieg den englischen Thron Jacob 1l., der katholische Stuart, der völlig den Jmpulsen Ludwig;-s R17. folgte, und die damit vor Augen gestellte AuSsicht auf ein katho- lifirendeS England im Bunde mit einem jefuitischen Frankreich mußten alle schlimmsten Befürchtungen auß den Zeiten der ReligionSkriege wieder wachrufen. F. W. begann sich seinen alten Bunde?-genossen wieder zu nähern; am 2Z. Aug. 1685 erfolgte die Erneuerung der alten Defensivalliance mit den Niederlanden, erleichtert durch die nahe persönliche und verwandtschaftliche Beziehung deS Kur- fürsten zu Wilhelm 111. von Oranien, der nun alS der entschlossenste und neben F. W. ebenbürtigste Gegner der französischen Suprematie immer mehr in den Mittelpunkt der europäischen Politik sich stellt. Während der Kurfürst bereits auch mit Schweden und mit dem kaiserlichen Hofe unterhandelte, trat das Er- eigniß ein, welcheZ vor allem den Umschwung rasch vollenden half: am 18. Oct. 1685 wurde daS Edict von NanteS, nachdem e8 schon längst aufgehört hatte, den französischen Protestanten wirksamen Schutz zu gewähren, auch formell auf- gehoben. Dieser Gewaltact eines5 sinnlosen FanatiSmuS vernichtete bei dem Kur- fürsten die letzte Möglichkeit eineS ferneren ZusammengehenS mit Frankreich; in demonstrativer Weise antwortete er auf denselben mit dem PotSdamer Edict vom 8. Nov. 1685, durch welche-Z er allen aus.?- Frankreich flüchtenden Reformirten in seinen Landen sichere Zuflucht bot, und über 15,()00 französische Flüchtlinge sind dem Rufe des3 hochherzigen Fürsten gefolgt. Nun wurde die Vereinbarung mit Kaiser Leopold bald zum Abschluß gebracht; energische Hülfeleistung gegen die Türken wurde zugesagt, um der österreichischen Macht so bald alZ möglich von dieser Seite her die Hände frei zu machen; der Kurfürst entfchloß sich für diesen Zweck zu den außerordentlichften Opfern; um den Kaiser ganz zu gewinnen ver- zichtete er jetzt gegen die alleinige Abtretung deS kleinen Schwiebuser Kreise?: auf sämmtliche Ansprüche seine-? Hause?- in Schlesien; daraufhin kam am 22. März 1686 der geheime Alliancevertrag zu Stande, der Oesterreich und Brandenburg aufZ engste vereinigte. Mit eigener Hand entwarf F. W. kurz darauf den KriegZplan für den bevorstehenden Kampf gegen Frankreich, und in dem Auge?-burger Bündniß vom 29. Juni 1686 traten die wichtigsten deutschen Fürsten, auch Spanien für Burgund und Schweden für feine deutschen Lande der Vereinigung bei. Mit Wilhelm 111. von Oranien aber wurde im tiefsten Gt—heimniß der Plan gegen England verabredet, der daß Regiment der Stuart?- dort zu Falle bringen und damit daß protestantische Jnselreich aus seiner falschen und verderbendrohenden Verbindung mit dem Frankreich Ludwig43 )(1b’. lösen sollte. Nur die Vorbereitungen zu allen den großen Wandelungen der nächsten Jahre war F. W. zu erleben beschieden. Die letzten Zeiten seine8 LebenS waren neben vielem Erhebenden auch von manchem Leidwesen getrübt. Das schlimmste freilich blieb ihm verborgen: der treulose Streich, den hinter seinem Rücken die österreichische Diplomatie ihm bei dem eigenen Sohn und Erben spielte. Durch trügliche Vorspiegelungen wurde der Kurprinz Friedrich gewonnen, einen geheimen ReverS darüber auSzustellen, daß er alsSbald nach seine-? Vaters Tode den Schwiebuser KreiS, daß einzige mit Mühe durchgesetzte Aequivalent für dies schlesischen Ansprüche desS HauseZ, dem Kaiser zurückgeben werde; erst nachdem dieser ReverS dem übelberathenen Kurprinzen mit arger Perfidie abgelocktworde1«1 war, unterzeichnete der Kaiser daß Bündniß vom 22. März 1686; F. W. aber hat von diesem an ihm begangenen Betrug keine Kenntniß mehr erhalten. [497]Daneben spielten peinliche Familienzerwürfnisse. Der Kurfürst hatte bald nach dem Tode seiner ersten Gemahlin (f 1667) sich zum zweiten Mal vermählt mit der Herzogin Dorothea von Holstein-Glück-5burg, verwittweten Herzogin von Braunschweig-Lüneburg (1668). Diese Ehe, welche an sich eine glückliche war und dem Kurfürsten noch reichen Kindersegen brachte, trübte doch insofern seine letzten Lebensjahre, alS eine sehr gehässige Spaltung zwischen der Kurfürstin und den Kindern au8 erster Ehe, besonders dem Kurprinzen Friedrich, sich immer heftiger entwickelte. E8 knüpft sich an dieses-z Zerwürfniß, in dessen Schuld sich wol beide Parteien theilten, die vielberufene Geschichte von dem Testament des Großen Kurfürsten, in welchem derselbe der gewöhnlichen Ueberlieferung nach unter dem Einfluß seiner zweiten Gemahlin Verfügungen getroffen haben sollte, welche durch LandeStheilungen zu Gunsten der jüngeren Söhne und im Widerspruch mit den Hau:?-gesetzen die Einheit der Monarchie thatsächlich aufgelöst haben würden. Die Grundlosigkeit der an sich unwahrscheinlichen Ueberlieferung ift durch neuere Forschungen nachgewiesen worden (vgl. d. Art. »Dorothea«, Bd. M Z55). Auch vonschweren körperlichen Leiden waren die letzten LebenZjahre Friedrich WilhelmS vielfach heimgesucht; als sie zuletzt von Anfang 1688 an sich zu einer Wassersucht entwickelten, stand ihm selbst die RettungSlofigkeit seine5 ZustandeS vor Augen. Biz zu den letzten Augenblicken lebte sein Geist in den großen politischen Entwürfen, an deren Vorbereitung er fo hervorragenden Antheil hatte. Noch am 7. Mai 1688 hielt er in Potsdam eine Sitzung dez geheimen Staatö- ratheS ab; zwei Tage später ging dieseS große Leben zu Ende. F. W. hatte von seinem Vorgänger in sturmbewegter Zeit ein Wirrsal staatlicher Bruchstücke übernommen, an dem etz schwer war nicht zu verzweifeln. Er übergab der Zu- * kunft ein wohlgefügteS starkeS Gebilde, daß den heftigften Stürmen gewachsen und der höchsten Entwickelung fähig war. ?ukS11(101«f» 1)S rSbuS gS8tj8 k’1«j(1O1«j(3j Wj111e1mj . . . 1j10rj ?cl)c. BSr01j11j 1695. v. Mörner, KurbrandenburgZ StaatSverträge von 1601———1700. Berlin 1867. Urkunden und Actenstücke z. Gesch. deS Kurs. Friedrich Wilhelm von Brandenburg. Berlin 1864 ff. Stenzel, Gesch. dez preußischen StaatS, Bd. 1l (1837). v. Orlich, Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst. Nach bißher noch unbekannten Original-Handschriften. Berlin 1836. v. Orlich, Gesch. deS preuß. StaateS im 17. Jahrh. Berlin 1838 f. Z Bde. Droyfen, Geschichte der preußischen Politik. Bd. 11l, 1——3. v. Ranke, Genesis deS preußischen Staate?- (Sämmtl. W. 25., 26. Bd.).

