ADB:Günther, Johann Heinrich von

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Artikel „Günther, Johann Heinrich von“ in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 10 (1879), ab Seite 173, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:G%C3%BCnther,_Johann_Heinrich_von&oldid=556794 (Version vom 16. November 2009, 22:27 Uhr UTC)
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Günther: Johann Heinrich (v.) G. wurde im Sommer 1736 zu Neu-Ruppin geboren, wo sein Vater bei dem Regiment „Kronprinz“ als Feldprediger stand. Das Gerücht, er sei ein Sohn Friedrichs des Großen gewesen, hat keinerlei Anhalt. Die Jugend, welche G. im Hause seiner verwittweten Mutter verlebte, war für ihn eine Zeit der Entbehrung. Auf den Wunsch der Mutter widmete sich G. im J. 1757 zu Halle dem Studium der Theologie, daß er jedoch bald unterbrach, um in daß preußische Heer einzutreten. Er wurde zunächst dem Commissariat zugetheilt; bald jedoch gelang es ihm, Mitkämpfer zu werden: zuerst bei dem Freibataillon Angelelly, dann im Trümbach’schen Corps Und endlich im Regiment des Generals Bawr, dessen Adjutant er wurde. Ausgezeichnet durch Tüchtigkeit und Verwendbarkeit jeder Art, mit ehrenvollen Wunden bedeckt, erhielt G. zu Schluß des siebenjährigen Krieges eine Stelle als Stabsrittmeister im Kürassier-Regiment Vasold und wurde 1773 zum Major befördert. In der kleinen Garnison arbeitete G. eifrig an Vollendung seiner allgemeinen Bildung. Dann machte er den baierischen Erbfolgekrieg mit, wurde 1788 als Obristlieutenant zu den schwarzen Husaren versetzt, avancirte hier zwei Jahre später zum Obersten und erhielt endlich 1788 von König Friedrich Wilhelm II. daß damalige Botsniakenregiment als Chef. 1789 wurde er Generalmajor, nachdem er schon vorher den Orden pour 1S m(5rjts empfangen hatte. G. verstand es in bewunderungswürdiger Weise, seine Truppe für den kleinen Krieg auszubilden. Die einzelnen, in mäßiger Entfernung von einander gelegenen Quartiere des Bosniakenregiments galten ein für allemal als feindliche Posten, die in stetem Kriege miteinander standen, und so wurde der Garnison= dienst zu einem ununterbrochenen Unterricht im Felddienst. – An dem Feldzuge 4 in der Champagne und an der Rheincampagne nahmen die Bosniaken nicht Theil; bald aber wurde G. eine unerwartete Gelegenheit zu hoher Auszeichnung in Folge von Kosciuszko’s Auftreten und dem Angriffe Madalinski’s auf Süd-Preußen [174] (März 1794), denen ein kurzer, doch erbitterter Kampf an den Ufern der Weichsel und des Narew folgte. Hier erwies sich G. als ein Parteigänger und Avantgardenführer von hoher Bedeutung, der glorreich fortsetzte, was unter tmsiethen und Belling begonnen worden war, und unter dessen Augen sich damals MännerbildetenwieYorkundBoyen. Die militärischen Mittel,welche G.zu Gebotestanden, waren sehr gering; es galt, „mittelft eines lebendigen, aus vielen Theilen zusammengesetzt-m Gliederstabes heut „auf 20 Meilen hin eine dünne Grenzlinie zu ziehen, morgen diesen langauä-gezogenen Stab zu einem compacten und widerstandsfähigen Bündel zusammenzuklappen“. In dieser Kunst erwies sich G. als Meister, und die Gefechte bei Kolno und Demniki (9. und 18. Juli) werden immer als ein paar Musterbeispiele in der Geschichte des kleinen Krieges glänzen. – Solche Erfolge zogen die Aufmerksamkeit des Königs auf G., und obgleich dieser erst der drittälteste General des Corps war, sah er sich zum Oberbefehlshaber aller auf dem linken Weichfelufer befindlichen Truppen ernannt. Seine Hoffnung auf große Thätigkeit wurde jedoch durch die Erstürmung Praga’s und die Beendigung des Krieges getäuscht. G. kehrte mit den Votzniaken in die Friedensgarnisonen zurück. 1795 ward er Generallieutenant; zwei Jahre später erhob ihn der König in den Freiherrnstand; 1802 erhielt er den schwarzen Adlerorden. – Günther’s eigentlichste Bedeutung scheint in seiner Persönlichkeit gelegen zu haben; es hieß von ihm, daß er die drei Gelübde der Keuschheit, der Armuth und des Gehorsams abgelegt habe; von seinem reichen Gehalt nahm er für seine Person nur 300 Thaler; daß Uebrige verwendete er zu Gunsten des Officiercorps oder der Armee. Seine stete Befürchtung war, daß der König schlecht bedient werde, und die Hingabe an die Pflicht war G. geradezu Leidenschaft. Am 21. April 1803 leitete er noch eine Truppenvorstellung, bat aber den Adjutanten, ihm zur Seite zu bleiben, um ihn auffangen zu können, wenn er vom Pferde stürze. Als der Adjutant am folgenden Morgen zum Vortrag kam, fand er G. am Schreibtisch, aber todt.

Erinnerungen aus dem Leben des Generallieutenant Frhrn. v. Günther, verf. v. H. v. Boyen, kgl. preuß. Kriegsminister a. D., Berlin 1834. – Generallieutenant Frhr. v. Günther und die Bosniaken, Tataren und Towarczys (Allg. Milit. Almanach, 2. Jahrg., Glogau 1838). – Minerva, 1846, Bd. 4. – Milit. Wochenbl. 1832, Nr. 825. – Th. Fontane, General v. Günther (Unser Vaterland, I. Bd. S. 224, und Wanderungen durch die Mark Brandenburg, 1. S. 71 ). – Vgl. auch E. M. Arndt, Wanderungen und Wandlungen mit dem Frhrn. v. Stein, und Droysen, Das Leben des F. M. Grafen York von Wartenburg.
Jähns.
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