ADB:Griesbach, Johann Jakob
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Griesbach: Johann Jacob G., der berühmte Textkritiker dee-S neuen TeftamenteS, wurde am 4. Januar 1745 zu Butzbach in Hessen-Darmstadt ge- boren, wo sein Vater, Konrad KaZpar G. (geb. 1705), damalS alS Prediger stand. Seine Mutter war Johanna Dorothea, geb. Rambach, Tochter des be- ’ kannten Gießener Theologen Johann Jacob Rambach, dessen Vornamen auf den Enkel übergingen. Wie ihr Vater einer der au8gezeichnetsten Schüler August Hermann Francke’S war, so war auch Gries-bach’S Mutter eine ebenso sehr durch umfassende Kenntnisse, als durch ernste Frömmigkeit hervorragende Frau. Der Vater Grie-5bach’8 war noch im J. 1745 nach Sachsenhausen und von hier im [661] J. 1747 nach Frankfurt a. M. versetzt, wo er im J. 1767 Consistorialrath ward und am 24. September 1777 starb. Der Kreis, in welchem der junge G. hier heranwuch8, ist au8 Goethe’S ,,Dichtung und Wahrheit« allgemein be- kannt; Goethe gedenkt hier auch der Mutter GrieZbach’Z neben dem Fräulein v. Klettenberg und schildert sie alS die ,,vorzüglichste« Frau dieses Kreises, die aber ,,zu streng, zu trocken, zu gelehrt« schien; ,,fie wußte, dachte, umfaßte mehr alS die andern, die sich mit der Entwickelung ihres Gefühls begnügten, und war ihnen daher lästig, weil nicht jede einen so großen Apparat auf dem Wege zur Seligkeit mit sich führen konnte und wollte«. (Vgl. Goethe’-z Werke, Hempel, Bd. )c)(l. S. 116.) Nach dem eigenen Zeugnisse dez SohneZ hat die Mutter einen sehr großen Einfluß auf seine Entwickelung gehabt; vielleicht einziges Kind war er, da der Vater durch seine amtliche Thätigkeit sehr in Anspruch genommen war, ihrer gewissenhaften Sorgfalt in der Erziehung zu- meist überlassen; die aufrichtige und ernste Frömmigkeit, die ein Hauptzug GrieSbach’8 blieb und ihn auch in der Blüthezeit des Rationaliß’-mus persönlich der kirchlichen Lehre zugethan bleiben ließ, und dabei das entschiedene Bedürf- niß, bei allen Untersuchungen gründlich zu verfahren und sich nicht an halben Resultaten genügen zu lassen, mögen bei ihm ein mütterlicheS Erbtheil sein, während er die Anlage für praktische Dinge und Neigung und Geschick zu Ver- waltungen wol mehr vom Vater erhalten hat. Unter seinen Lehrern hat be- sonders5 der gleichfalls: auS ,,Dichtung und Wahrheit" bekannte Frankfurter Rector Johann Georg Albrecht (geb. im September 1684, nach anderer Angabe 1694, seit 1728 Conrector, seit 1747 zugleich R.9otor 8c1juu0ru8 und seit 1758 Rector dez?- Gymnasium?: biz 1766, f 1770) sich um ihn verdient gemacht; neben diesem Johann Georg Purmann (seit MichaeliS 1759 Conrector, später dann Albrecht’S Nachfolger im Rectorat, f 1813). Jm Frühjahr 1762 bezog G. die Universität Tübingen, um Theologie zu studiren; er hörte hier zunächst philo- sophische Vorlesungen, dann aber auch die Theologen Reuß, Cotta und Sar- torius-, welche sämmtlich Gegner der beginnenden Aufklärung waren. Erst um Michaelis- 1764 verließ er Tübingen und wandte sich nun zunächst nach Halle, wo er zwei Jahre blieb und außer dem älteren Knapp und Nösselt besonders schon Semler hörte; dieser, mit welchem G. hernach näher befreundet ward, wurde die Veranlassung, daß er sich überhaupt kritischen und dann namentlich Studien über die Textgeschichte dez Neuen TestamenteS zuwandte. Wahrschein- lich hauptsächlich um Johann August Ernesti zu hören, aber auch um bei Jo- hann Jacob ReiSke —Orientalia zu ftudiren, ging G. darauf im Oktober 1766 nach Leipzig, wo er mit Gellert bekannt wurde und mit Goethe verkehrte (vgl. Goethe’S Werke, Hempel, Bd. 1)c1. S. 8Z9); nach einem Jahre kehrte er dann wieder nach Halle zurück. Hier setzte er seine neuteftamentlichen Studien unter Semler’S Anleitung fort und bereitete sich weiter auf eine akademische Thätig- keit vor. Am 22. October 1768 wurde er Magister der Philosophie. Doch wollte er, ehe er sich habilitirte, noch eine größere Reise machen, zumal um auf auZwärtigen Bibliotheken Forschungen für Geschichte und Kritik de?- neu- testamentlichen Textes- anzustellen. Jm Winter 1768 auf 69 traf er in Frank- furt a. M. die näheren Vorbereitungen zu dieser Reise; im April 1769 verließ er Frankfurt und ging, nachdem er mehrere deutsche Städte besucht hatte, nach Holland und sodann nach England, wo er im September 1769 eintraf und 10 Monate verweilte. Hier arbeitete er im brittischen Museum, in Oxford und Cambridge an der Vergleichung von Handschriften de?- Neuen Testaments und der Kirchenväter und legte sich die großen Sammlungen an, die er später für seine AuSgaben de?- Neuen TestamenteS verwerthete. Jm Juni 1770 ging er nach Paris, wo er vier Monate denselben Studien widmete. Am 6. October [662] 1770 traf er dann wieder nach 11K2jähriger Abwesenheit in Frankfurt ein., Zunächst blieb er hier, um seine Collectaneen durchzuarbeiten und sich nun noch näher auf seine Habilitation vorzubereiten. Ende März 1771 ging er darauf wieder nach Halle, wo er zunächst bei Semler wohnte, und habilitirte sich nun alsbald mit einer Dissertation, -»1)(-z 00äi0ibu8 quatuor 07z11ge1jorum 0rjge11jz— nj8«. Noch im Sommer 1771 eröffnete er seine Vorlesungen und zwar mit großem Erfolge. Am 25. Februar 177Z schon ward er zum außerordentlichen Professor der Theologie ernannt; vom 1. Mai 1774 datirt die Vorrede der ersten Abtheilung seiner ersten AuSgabe des griechischen Neuen TestamenteS, durch deren HerauSgabe er seinen Beruf zur neutestamentlichen Kritik über allen Zweifel erhob. Nachdem er sich noch in Halle am 16. April 1775 mit Friede- rike Juliane Schütz verheirathet hatte, erhielt er am 17. Juni 1775 einen Ruf al8 (dritter) ordentlicher Professor der Theologie nach Jena; am 2. December wurde er in diese8 Amt eingeführt, in welchem er dann mehr alS Z6 Jahre bis zu seinem Tode verblieb; Berufungen an andere Universitäten lehnte er mehrfach ab. Jn Jena wurde er am 7. Februar 1777 1)r. t11e01. und erhielt nach und nach ein akademifcheS Ehrenamt nach dem andern; im J. 1780 schon ward er zum ersten Male und hernach öfter Prorector. Seit 1782 war er Prälat und Deputirter der jenaischen Landschaft auf dem Landtage, auf welchem er bi?- zum J. 1811 ein angeseheneS Mitglied war; er zeichnete sich hier durch seine Theilnahme an den Berathungen über das Steuerwesen aus, wie er denn überhaupt sich gern an den öffentlichen Angelegenheiten betheiligte und wegen seiner besonderen Befähigung hierfür vielfach dazu veranlaßt wurde. Anfangs hielt er täglich drei Vorlesungen, hernach zwei; außer über neuteftamentliche Exegese laß er gewöhnlich ein kirchenhistorischeZ Colleg und außerdem etwa Ein- leitung inS Neue Testament, biblische Hermeneutik oder auch populäre Dogma- tik. Jm Frühjahr 1810 unternahm er eine größere Reise nach Frankfurt a-«M., Süddeutschland und der Schweiz. Jm Sommer 1811 fiel er in eine ernste Krankheit; er machte zwar noch im Oktober einen Versuch zur Wiederaufnahme seiner Vorlesungen, mußte dieselben aber im Januar 1812 ganz aufgeben. Am 24. März 1812, dem Dienstag in der stillen Woche, starb er; am Charfreitag wurde er begraben. — GrieSbach’S Verdienste um die neuteftamentliche Text- kritik sind allgemein anerkannt und werden in der Geschichte der biblischen Wissenschaft nie vergessen werden, obschon weder seine Methode noch seine Re- sultate den heutigen Ansprüchen genügen und durch die Arbeiten Lachmann’s und vor allem Tifchendorf’S und neuerdings einiger englischer Theologen längst überholt find. G. war der erste, welcher den neutestamentlichen Text selbst auf Grund deS Zeugnisse?- der Handschriften an vielen Stellen anders drucken zu lassen wagte, als es in der damalS allein verbreiteten TexteSgestalt, dem so- genannten »kke1tu8 rS0eptuS«- der, obwol an sich völlig werthlo—S, ein fast cano- nischeS Ansehen genoß, herkömmlich war, ——— ein Verfahren, welche?: Joh. Albr. Bengel (vgl. Bd. 11. S. 331), der einzige deutsche Theologe, den man GrieS- ' bach’S Vorläufer nennen kann, nur an einigen ganz wenigen Stellen (abgesehen Von der Apokalypse) und auch an diesen nur in dem Falle, wenn die betreffende neue LeZart schon einmal in einer angesehenen AuZgabe gedruckt worden war, einzuschlagen den Muth gehabt hatte, und welche8 Wetstein anzuwenden durch seine Gegner sich hatte verhindern lassen. Hierin ward GrieSbach’S Verfahren bahnbrechend, und etz ist nur zu bedauern, daß er überhaupt noch auf den ’1’e1tu8 rSOS1:Dtu8 Rücksicht nahm und die zweifelZohne besseren Le?-arten der Handschriften oder Kirchenväter, soweit er sie kannte, als Emendationen an diesem Texte anbrachte. Durch eigene Vergleichung von Handschriften auf seinen Reisen und Untersuchung aller neutestamentlichen Citate in den Schriften [663] deS Clemens von Alexandrien und des Origene8 bereicherte und verbesserte er den kritischen Apparat seiner Vorgänger. Nach den LeSarten theilte er sowol die vorhandenen Handschriften als die Textgestaltungen, welche den Kirchen- vätern vorgelegen hatten, in drei Familien, die er Recenfionen nannte, die occidentalische, die orientalische und die byzantinische, und legte hierdurch den Grund zu einer Textgeschichte; eS ist diefeS da Gries-bach’sche Recensionensystem, in welchem er schon von Bengel geäußerte Gedanken (Bengel unterschied zwei Familien), welche dann Semler weiter au?-gebildet hatte, in eine festere Gestalt brachte und zu einer vollständigen Theorie au8arbeitete; und wenn diese sich dann auch nicht vor der weiteren Forschung als unanfechtbar erwiesen hat, viel- mehr jetzt selbst der Geschichte angehört, so ist eS GrieSbach’8 Ruhm, der Be- gründer dieser wichtigen Wissenschaft zu sein, durch welche der biblischen Text- kritik, die vorher eigentlich nur Varianten zu sammeln und zu zählen verstand, eine feste Grundlage gegeben ist. Er stellte dann auch alZ Folge seine;-z Re- cenfionensystemS bestimmte kritische Grundsätze auf, die sich ihm in der weiteren Anwendung zu eigentlichen normativen Bestimmungen, die er in kurze Sätze zu- sammenfaßte, au8bildeten, nach welchen dann jedeZmal die Entscheidung für eine LeSart mit größerer oder geringerer Sicherheit zu treffen war. Dat? Resultat dieser Arbeiten liegt in seinen verschiedenen AuSgaben dez Neuen Testamente8 vor, deren erste zuerst 1774 und 75 in Z Abtheilungen erschien; eine zweite HauptauSgabe erschien1796 und 1806 in zwei Bänden; eine dritte Bearbeitung kam in einer Prachtaus5gabe in vier Folianten 1803—7 zu Leipzig bei Goeschen herau8; der Text dieser letzten AuSgabe wurde dann vielfach in HandauSgaben wieder gedruckt und wird in England- und Amerika noch alS GrieSbach’sche AuSgabe verbreitet. Vom ersten Bande der zweiten AuSgabe lieferte David Schulz 1827 eine neue Auflage. Seine kritischen Grundsätze hat G. in mehreren besonderen Schriften und Abhandlungen, hauptsächlich dann aber in der Vor- rede zum ersten Theil der zweiten Hauptauß’-gabe (1796) veröffentlicht. Von seinen übrigen Schriften ist besonder8 zu nennen seine ,,Anleitung zur gelehrten Kenntniß der Dogmatik«, hernach »Anleitung zum Studium der populären Dogmatik« genannt, welche in den Jahren 1779——— 89 in 4 Auflagen erschien und zur Beurtheilung seineS theologischen StandpunkteS, der etwa der einer milden Orthodoxie ist, von Jnteresse bleibt. Seine kleineren Schriften, meisten?- Programme, gab Gabler nach seinem Tode in zwei Bänden heraus. l—lenr. 0m: .4b1«. kJjcJ11Sta(1jj 0puS0u15t or8t0rjet- 1k:I(1. 11» .IS118»S 1850. J. Hasemann in Ersch und Gruber 1, Bd. 91, S. 28—Z5 (1871). Hein- rich Döring, Die gelehrten Theologen Deutschland?- im 18. und 19. Jahr- hundert, Bd. 1, Neustadt a. d. O. 1831, S. 531———42, wo ein Verzeichnis; seiner Schriften- Ueber GrieSbach’S Verdienste um die neutestamentliche Text- kritik sind die 1?r01Sgome11z Tifchendorf’S zu den Au?-gaben dez N. T., außer- dem der Artikel »Bibeltext deS Neuen Testament8« in der Real-Encyklopädie für prot. Theol. und Kirche von Herzog und Plitt, 2. Aufl., Bd. 1l, S. 423 f. zu vergleichen; ferner jede Einleitung in8 Neue Testament.