ADB:Hanthaler, Chrysostomus
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Hanthaler: Chrysostomus H., geb. am 14. Jan. 1690 zu Maribach bei Ried in Oberösterrich, gest. zu Lilienfeld am 2. Sept. 1754. Unter den Klostergeistlichen, welche in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts dem Aufschwunge quellenmäßiger Geschichtsforschung im Lande Oesterreich ihre beste Kraft widmeten und auch auf dem Boden der historischen Hilfswissenschaften, namentlich der Münzkunde Verdienstliches schufen, steht H. nicht in letzter Linie. Ein Sohn armer Landleute, brachte der Knabe an seinen Studienort Salzburg nur sein Talent und die eiserne Beharrlichkeit mit, welche die drückendsten Lebensverhältnisse überwinden lernt. Der Versuch, im St. Peterskloster allda den Eintritt zu finden, misslang; so wandte sich der Jüngling der juridischen Laufbahn zu und kämpfte [548] als Corrector in einer Druckerei so wie als Instructor mit der Noth des Daseines. Sein innerster Drang, als Geistlicher Muße und Mittel zur Arbeit als Gelehrter auf historischem Felde zu erlangen, fand endlich Befriedigung, da sich ihm als Theologen der Wiener Universität das Kloster Lilienfeld im Wienerwald, eine Schöpfung des vorletzten Babenbergers vom Jahr 1202, erschloss (1716) und der rastlos tätige Cistercienser nun bald als Bibliothekar des Stiftes Gelegenheit fand, seine Lieblingsneigungen in umfassendster Weise zu betätigen. Es war die Zeit, in welcher die Melker Conventualen, Bernhard und Hieronymus Pez, den Ruhm der Benediktiner Österreichs im Bereiche der Geschichtswissenschaft zu begründen beflissen waren; ihre Lorbeeren ließen H. nicht ruhen, bis auch er Gelegenheit fand, mit einem großen Quellenwerke hervorzutreten, und den bereits früher durch den Abt Linck zu Zwettl begründeten Ruf wissenschaftlichen Strebens der österreichischen Cistercienser auf dem Felde geschichtlicher Heimatkunde zu erhöhen. Mit unsäglichem Fleiße trug H., nebenbei auch als Numismatiker produktiv, den weitschichtigen Stoff zu einer Geschichte Österreichs mit besonderer Rücksicht auf sein Kloster, zusammen, welche auf 4 Folianten berechnet, schon in den Jahren 1730–45 vollendet war. Im Drucke erschien jedoch der erste Band erst 1747, der zweite im Todesjahre des Verfassers. Das Werk führt den Titel Fasti Campililienses (Jahrbücher von Lilienfeld). Der erste Band reicht bis 1300, der zweite bis 1500. Die ungemein durchsichtige Gliederung ist nach Jahrhunderten, Dekaden und Jahren. Reichhaltige Summarien, Tafeln der geistlichen Würdenträger, der weltlichen Fürsten, Adelsgeschlechter, Übersichten denkwürdiger Orte, benützter Geschichtschreiber, Betrachtungen aller Art, vor allem aber umfangreiche Urkundenanhänge lassen Hanthalers Werk noch immer als eine wichtige Fundgrube des Geschichtlichen erscheinen. Die beiden letzten handschriftlichen Bände der Fasti Campililienses blieben zufolge des Todes Hanthalers liegen und wanderten bei der Aufhebung des Klosters (1789) in die Wiener Hofbibliothek, während die bereits vorhandenen Kupferplatten zu den diplomatisch treuen Abbildungen alter Grabmäler, Siegel, Bullen, Monogramme usw. das leidige Geschick hatten, dem Küchengerät des Klosters auf den Trödelmarkt das Geleite zu geben. Der glückliche Zufall wollte es, daß volle 22 Jahre später der damalige Abt des wiederhergestellten Stiftes, der würdige Ladislaus Pyrker, das verschwundene werthvolle Vermächtniß seines hingeschicdenen Ordensbruders dem unwürdigen Verstecke entreißen konnte und nun 1818 den Nachlass Hanthalers unter dem Titel Fastorum Campililiensum Chrysostomi Hanthaler Continuatio, seu recensus genealogicus diplomaticus archivi Campililiensis zu Wien herausgab. Zum Ehrengedächtnis der Stifter und Wohlthäter seines klosters hatte H. 1744–1745 zu Linz das dreibändige Werk: Grata pro gratiis memoria eorum, quorum pietate vallis de campo liliorum et surrexit et crevit und als Numismatiker 1735–1753 eine Reihe von Exercitationes faciles de numis veterum pro tyronibus... herausgegeben. Bedeutend war der literarische Nachlass des Verstorbenen; denn im Ganzen hatte er 49 Werke unter die Feder genommen. Wir müssen aber noch einer anderen Seite geschichtswissenschaftlicher Tätigkeit Hanthalers gedenken, welche wie bedauerlich auch für seinen Ruf als Gelehrter, denn doch andererseits für seine gründliche Belesenheit in den mittelalterlichen Geschichtschreibern Zeugnis ablegt und nur im falschen Ehrgeiz ihre Erklärung findet. Die Rivalität mit den Pez Brüdern verleitete ihn, vier Chronisten der babenbergischen Epoche der gelehrten Welt vorzuführen, die nunmehr von der Wissenschaft als unterschoben oder gefälscht gebrandmarkt werden. Im Jahr 1742 veröffentlichte H. die Notulae anecdotae aus der Chronik des angeblichen Aloldus von Pechlarn für die Zeit von 1084–1056 und führte diesen Gewährsmann als „Kaplan des Markgrafen [549] Adalbert“ (1018–1055) ein, aber gleich in Gesellschaft eines zweiten Chronisten, des Ortilo, „eines der ersten Mönche von Lilienfeld“, den er im Kloster Klein-Mariazell entdeckt zu haben vorgab. Dieser zweite Findling Hauthalers, Genosse des ausgehenden 12. und beginnenden 13. Jahrhunderts, erklärt, jene Auszüge aus der Alold’schen Chronica illustr. stirpis Babenbergicae in Osterrichia dominantis als Grundlage der eigenen Chronographie gemacht und verwertet zu haben; die Chronik Alolds selbst sei bei einem Brande des Klosters Heiligenkreuz, welchem Ortilo mit anderen Mönchen vor der Uebersiedelung nach Lilienfeld angehört habe, zu Grunde gegangen. Während die Chronik des Aloldus für die Zeit von 908–1060 als Basis Ortilos ausgegeben wird, setzt sich dasweitere aus dessen angeblichen Excerpten verschiedener Quellen für die Jahre 1065–1198 und aus der eigenen Chronik für die Zeit von 1198–1230 (meist Klostergeschichte) zusammen. Während nun H. die beiden ersteren Theile besonders herausgab, erklärte er den dritten für seine Fasti Campililienses vorbehalten zu wollen. Gleiches tat er auch mit einem weiteren seiner „entdeckten“ Chronisten, dem angeblichen Ricardus, Kanoniker von Klosterneuburg, Zeitgenossen Markgraf Leopolds des Heiligen, welchen er aus den Excerpten eines gewissen Leupoldus de Newnburga, Cisterciensers von Lilienfeld um 1330 kennen gelernt habe. Diesem Ternio scriptorum veterum austriacorum (Fasti Campil. I,2,1308) fügte H. noch einen vierten „babenbergischen Chronisten“, den angeblichen Pernoldus, Beichtvater Margarethens, der Schwester des letzten Babenbergers, einen Dominikaner bei, und zwar als Geschichtschreiber der Jahre 1230–1267 (Fasti Campil. I, 789 vgl. 1312). Schon zu Zeiten Hanthalers wurde man durch Widersprüche zunächst gegen seinen Ortilo misstrauisch; ein Kritiker nannte ihn spöttisch Ortilo von „Lugenfeld“. H. mußte sich mit einem Dialogus zur Verteidigung seines Gewähresmannes abmühen. Andere hielten den Aloldus und Ortilo kurzweg für eine Fälschung, andere für eine Fiktion des 15. und 16. Jahrhunderts. Sehr misstrauisch, wenngleich schonend, benahm sich unter anderen der scharfsinnige Calles in seinen Annales Austriae. Die Verteidigung des Ortilo durch Khautz in dessen Untersuchungen des österr. Wappenschildes wog nicht schwer. Unserem Jahrhundert war es vorbehalten, durch die Bemerkungen Blumbergers, Chmels, insbesondere aber durch die Kritik Palackys, Wattenbachs u.a. die Überzeugung gewonnen zu haben, dass alle vier Chronisten Hanthalers ein System von Fälschungen seien, wobei man nur die dafür aufgewendete Mühe eines sonst so verdienstvollen und bienenfleißigen Historikers und mehr noch die Schädigung seines guten Namens bedauern müsse. Über Hanthalers Leben und Wirken: Hormayr’s Arch. VII. 1816. 1)L. 1818. IL. 1819. Oesterr. Nat.-Encycl. 1l, 500. Ersch-Gruber’s Encycl.11, 2. Bergmann, Pflege der NUmismatik in Qesterr. )XVIII. Jahrh. (Wien 1856) und Sitzungsb. d. Wiener Akademie h.-ph. Cl. (XIX. S. 31) Wurzbach, Biogr. Lex. 7. Bd. – Über s. „Chronisten“ s. bibl. austr. II. 251 Calles, ann. austr. 1. 1J-retsk. Blumberger in den Wiener Jahrb. 1839, 87. Bd. Bl. 21. Chmel, Handschr. d. Wiener Hofbibl. 1l, 656. Palacky, Abhandl. d. böhm. Gesellschaft d. Wissenschaften, 5. Folge, 2. Bd. 1841, S. 29., Wattenbach, d. oe. Freiheitsbriefe, Arch. f. K. oe. G. 8. Bd. 105–107. Vgl. s. deut. Geschschr. d. MA. 4. Aufl. 2. Bd. S. 401–402.