ADB:Haug, Martin

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Artikel „Haug, Martin“ in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 11 (1880), ab Seite 54, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Haug,_Martin&oldid=667386 (Version vom 24. Dezember 2009, 01:19 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
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Haug: Martin H., hervorragender Orientalist, geb. am 30. Januar 1827 zu Ostdorf in Würtemberg als Sohn eines Landmanns, zeigte schon früh Neigung zu gelehrten, besonders sprachlichen Studien. Zum Schullehrer bestimmt und schon im J. 1843 zum Lehrgehilfen ernannt, trieb er nebenher Latein, Griechisch und Hebräisch, bald auch Sanskrit, daß er ohne Grammatik mit Hülfe von Bopp’s Nal und Damajanti erlernte. Um sich ganz seinen Studien widmen zu können, trat er gegen den Willen seines Vaters aus dem Schulamte aus und wanderte, einen Kronenthaler in der Tasche, 1848 nach Stuttgart, wo er daß Gymnasium bezog und schon im nämlichen Jahre die Maturitätsprüfung H bestand, studirte hierauf in Tübingen unter Roth orientalische, besonders Sar8- krit-, unter Teuffel und Schwegler classische Philologie, promovirte 1851 und wandte sich dann nach Göttingen, wo er unter Ewald und Benfey seine orientalischen Studien, besonders über das Zendavesta, die Keilschrift und den Bundehesch mit Eifer fortsetzte. 1854 habilitirte er sich als Privatdocent in Bonn; seine Habilitationsrede, über die Lehre Zoroasters nach den Liedern des Zendavesta, erschien im 9. Bande der Zeitschr. d. deutschen morgenländischen Gesellschaft. All diese Jahre hindurch hatte er sich fast ausschließlich durch Ertheilung von Privatunterricht, oft unter den größten Entbehrungen, durchbringen müssen; daher nahm er gerne eine Aufforderung des bekannten Frhrn. J. v. Bunsen an, bei ihm in Heidelberg als Privatsecretär einzutreten, und ihn bei seinem Bibelwerk zu unterstützen. Im J. 1859 nahm er eine Berufung nach Indien an [55] als Professor des Sanskrit an dem englischen College in Puna. Schon vorher hatte er sein großes Werk „Die fünf GZths.’s (Leipzig 1858, 186O, in den Abhandlung. zur Kunde des Morgenlandes), vollendet, eine eingehende kritische Bearbeitung dieses wichtigsten und ältesten Documents der zoroastrischen Religion. Der Aufenthalt in Indien (1859–66) bezeichnet eine neue Periode in Haug’s wissenschaftlicher Thätigkeit, während deren sein Streben hauptsächlich darauf gerichtet ist, die an Ort und Stelle lebendigen Traditionen über die alte zoroaftrische sowol als iüber die altindische Religion der Vedas zu sammeln und zu studiren. Er verstand es, sich mit gelehrten Parsenpriestern und Brahmanen näher bekannt zu machen, die ihn über ihre Gebräuche und besonders ihr Opferritual unterrichteten und vermochte insbesondere einen Bramahnen dazu, trotz des strengen religiösen Verbots, daß auf einer solchen Profanation lastete, ihn auf das Genaueste mit den Gebräuchen bei dem aus der vedischen Zeit stammenden Somaopfer bekannt zu machen. Durch daß Interesse und Verständniß, daß er im Privatverkehr und in zahlreich besuchten öffentlichen Vorträgen für die alte Religion der Parken bekundete, regte er diese selbst zu eifrigem Studium ihrer alten Religionsbücher an, verfeindete sich freilich auch durch seinen allzu großen Eifer die christliche Propaganda. Die Reizbarkeit, welche eine hatte Jugend in ihm erzeugt hatte, verwickelte ihn bei dieser Gelegenheit und noch mehr in späterer Zeit seinen europäischen Fachgenossen gegenüber in bedauerliche Streitigkeiten. Während seines Aufenthalts in Indien veröffentlichte H. außer kleineren Arbeiten 1862 seine „kJ888.z’s On t11S 8zOre(1 18.11gus.gs mjtj11gs 2m(1 rsijgj0n Ok t11S 1?8rses„ ihrem Hauptzweck nach eine für daß englische Publicum bestimmte populäre Zusammenfassung der Ergebnisse der Zendphilologie, aber auch manches damals Neue, namentlich den ersten Versuch einer Zendgrammatik enthaltend; und 1863 in 2 Bänden seine Ausgabe und Uebersetzung des sjts.1szs. 13räbma118., in der er seine aus längerem intimen Verkehr mit indischen Pandits und Opferpriestern geschöpften Kenntnisse bezüglich des vedischen Opferrituals mit größtem Erfolg verwerthete. Eine bedeutende wissenschaftliche Ausbeute ergab auch Haug’s zur Auffuchung alter Handschriften unternommene Reise durch Guzerat im J. 1868–64, wobei er im Auftrag der englischen Regierung eine Menge werthvoller Handschriften aufkaufte, zugleich auch den Grund zu seiner eigenen umfassenden Sammlung Zend-, Pehlevi- und vedischer Handschriften legte, die nach seinem Tode von der Münchener Staatsbibliothek angekauft wurde. 1866 zur Wiederherstellung seiner durch das indische Klima zerrütteten Gesundheit nach Europa zurückgekehrt, lebte er zunächst in Zurückgezogenheit in Reutlingen und Stuttgart, wo er sein in Gemeinschaft mit Destur Hoschengdschi herausgegebenes 2S11(1–19z1118yj (3sios,rzs vollendete, wurde 1868 auf.den neu errichteten Lehrstuhl für Sanskrit und vergleichende Sprachwissenschaft an die Universität in München berufen und wirkte hier bis zu seinem in Folge eines Nerven- und Lungenleidens erfolgten frühzeitigen Tode (in Ragaz 5. Juni 1376). In seinen Vorlesungen behandelte er wie in seinen litterarischen Arbeiten mit Vorl;ebe daß Gebiet der Zend- und Pehlevilitteratur und machte daher auch vor1;ehmlrch 1;ach dieser Richtung Schule; aber er las auch über Sanskritgram- Inattks und .die verschiedenen Zweige der Sanskritlitteratur, über Keilschriften, über.bergle1chende Grammatik der indogermanischen Sprachen und über allgememe Sprachwissenschaft, und seine Collegien erfreuten sich bis zu seinem letzteIn Semester eines steigenden Besuchs. Selbst aus dem Auslande kamen Schüler herbert aus Nordamerika, England, Spanien, Portugal, Griechenland. Neben semer Lehrthätigkeit setzte H. mit einer für seine zarte Constitution nur allzu grszßen Kraftanspannung seine gelehrten Forschungen fort und veröffentlichte namentltch 1870 „t411 o1(1 1i’a1118yj–19825m(1 0108Sarz7 in Gemeinschaft mit [56] Deftur Hoschengdschi, und 1871–-74 „’1’110 boo1e ok -.4r(1a 7jrak“„ in Gemeinschaftmit demselben und E. W. West. Diese Werke (nebst der kleinen Schrift „Ueber den Charakter der Pehlevisprache“, 1869) wirkten epochemachend auf daß Studium des Pehlevi ein. Unter den auf die Erklärung des Zendavesta bezüglichen Arbeiten dieser Periode sind besonders seine Uebersetzungen des 18. Capitels des Bendids„d und der Ahunavairyaformel, des heiligsten Gebesder Zoroastrier und unter seinen Forschungen aus dem Gebiete der Sanskritphilologie seine Abhandlungen über Brahma und die Brahmanen und über Wesen und Werth des vedischen Accents (in den Sitzungsber. und Abh. der baier. Akad. d. Wiss. 1871, 1872, 1873) hervorzuheben. In der letztgenannten Schrift entwickelte er in gelehrter und scharfsinniger Weise eine neue Theorie über die Natur der indischen Accentbezeichnung, wonach man in derselben keinen eigentlichen Wort-, sondern vielmehr einen gesanglichen Accent zu erblicken habe. Begründet ist diese Ansicht namentlich auf die heutige Recitationsweise der Vedas bei den Indern, wie es überhaupt als der wissenschaftliche Grundzug der so vielseitigen Haug’schen Forschungen, nur mit Ausnahme seines, Werkes über die G5–thst’s, bezeichnet werden kann, auf allen Gebieten den Werth der modernen orientalischen Tradition gegenüber der gelehrten Kritik der europäischen Philologen hervorzuheben. In seinem Nachlasse fanden sich noch verschiedene kleinere Beiträge zur Zendphilologie vor, die in der zweiten von 1)r. West besorgten Ausgabe seiner „lJ8S8s (London 1878s) gedruckt wurden. Zahlreiche mehr populäre Aufsätze Haug’s sind in der Beilage der Augtzb. Allgem. Zeitung, streng wissenschaftlich gehaltene Recensionen in den Gött. Gel. Anz. enthalten.

Vgl. Bezzenberger’s Beiträge zur Kunde der indogerman. Sprachen I. 70–80 (daselbst auch ein Verzeichniß seiner Schriften), 175, 176. Trumpp in der Beil. zur Augsb. Allgem. Zeitung 1876, Nr. 182.

J. Jolly.
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