ADB:Herbeck, Johann Ritter von
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Herbeck: Johannes H., Componist und Dirigent, wurde am 25. December 1831 als Sohn bürgerlicher Eltern zu Wien geboren. Wie bei so Vielen reiste auch sein früh 1–rwachendeS musikalische-S Talent in dem segenZreichcn Jnstitute der Sängerknaben. Jm Stifte Heiligenkreuz machte HerbeckZ herrliche Sopran- stimme Aufsehen, sie war etz wol, die G. HellmeSberger auf den Knaben aus- merksam machte und ihn dazu bewog, der musikalischen AuSbildung desselben in Wien den Weg zu ebnen. Unter RotterS Leitung betrieb H. kurze Zeit Harmonie- lehre, bald (1847) konnte er Compositionen vorlegen: Lieder, Einige?- für ge- mischten und Männerchor, endlich 1850 eine Messe in .z–1nO11. Nicht lange war H. in die Schule gegangen; alle musikalischen Kenntnisse erwarb er durch eigene Arbeit, durch eigenen Fleiß. Wie Händel studirte er aber neben der hin- [24] gebenden Pflege der Tonkunst auf daß Eifrigste; er abfolvirte das Gymnasium, trieb sodann juridische Studien und wahrlich wie bei Händel hatte auch auf HerbeckS Entwickelung und gefammte3 Wesen die wissenschaftliche Vertiefung einen stets nachwirkenden Einfluß, wohlthuend berührte in feinen Leistungen wie in feiner Persönlichkeit immer die hohe Bildung, die leider so häufig den Künstlern fehlt. Frühzeitig gründete H. einen Hau8stand, alS zwanzigjähriger Mann heirathete er Marie HalStucker. Aus dieser sehr glücklichen Ehe entsproßten drei Söhne: Wolfgang, Ludwig und Max. –– Jm harten Kampfe errang sich H., welcher Symphonien, Psalmen und eine Vocalmesse (1854) componirte, endlich Beachtung. Der Wiener Männergesangverein, dessen Mitglied er 1852, dessen Chormeifter er 1856 geworden, wurde aber die Wiege feines Ruhme8. Was hinwiederum dieser Verein durch H. geworden, welche Siege er nun erfochten, wie et durch H. feinen Weltruf gewann, daS lebt in WienS Musikkreisen und wol weit darüber hinauS in frischefter Erinnerung. HerbeckS Chöre waren eS, die fteteS Entzücken im Publicum erregten; oft pseudonym vorgeführt, errungen sie immer Erfolge, 1862 führte er u. A. seinen gemischten Doppelchor ,,O lieber Herre Gott« alS von M. Franck 1610 componirt im historischen Concerte vor, der von der Kritik al8 ein Meisterwerk alter Kunst angeftaunt wurde. Mit seinem populärsten Chore »Zum Walde" (1859 componirt) errang H. bei der Nürnberger Sängerfahrt den ersten PreiS; der französische Krieg deS JahreS 1859 veranlaßte ihn zur Composition von Krieg8liedern ,,Wider den alten Erbfeind«. 1860 erschien fein von Hellme-9berger und Becker oft gespieltt–Z Quartett in Is’, 1861 die Symphonie in O mit obligater Harfe, 1864 die reizenden Käruthner= lieder und viele andere Männerchöre, die WeihnachtSlirder für se-chSftimmigen gemischten Chor und BlaSinstrumente, 1866 die große Messe in l:–mo11 u. s. w. Alle diese Compositionen tragen den Charakter dez Melodiösen an sich, find von dem Hauche echter Poesie erfüllt, häufig auch von grandioser Wirkung. Ju allen zeigt sich da?- feinste Gefühl für den Text deS GedichteS und seine musikalische Behandlung, treffende Jnstrumentation und ein großeS Talent, frische Klang- farben zu finden. Einen wahrhaft gewaltigen Eindruck macht die große Messe, die in ihrem Charakter an die Würde und den religiösen Ernst der alten frommen Tonmeister erinnert, aber mit allen Mitteln moderner Technik auS- gestattet ist. Die Fülle von klangreichen gemischten Chdrcn erklärt sich wol auch daraus, daß H. 1858 Chormeifter dt-S neugegründeten SingvercinS wurde. Als solcher wie al?- Chormeifter de?- Wiener MännergefangvereinS und Dirigent dcr GesellschafteSconcerte gewann H. erst recht seinen Wirkung-3kreiS und entwickelte jene singuläre Meisterschaft tm Dirigiren, die sogar im verwöhnten Wien Staunen erregte und die ihn geradezu zum Behcrrscher unsere-S Mufiklebeni3 machte. Man mußte H. dirigiren sehen, man muß gesehen haben, wie er hundertköpfige gemischte Chöre, riesige Orchester und prätentiöse Solisten zugleich lenlte, ohne einen Blick in die Partitur sofort jeden noch so kleinen Fehler merkte, verbesserte und unter gewaltiger gegen sich geradezu schonung8lofer Arbeit daß Tonwerk endlich nicht bloß fehlerfrei, sondern im Sinne de8 Cotnponiften in edler, idealer Weise vor- führte. Man muß den aukroibe-nden Proben beigewohut haben, um so recht würdigen zu können, welch’ geniale Begabung H. besaß, um Tonmassen nicht bloß zu leiten, sondern dem fpröden Stoffe Leben und Begeisterung einzuhauchen. Wahrlich etz steckte etwas JmperatorischeS in dem Manne; wenn er einherschritt im raschen Gange, zum Pulte trat, mit einem Alle berührenden und begcistcrnden Blicke sein Orchester, feine Sänger übersah und sodann den Stab hob –– da erschien er wie ein fieggewohnter stolzer Feldherr, man wußte etz, der Mann ist der verkörperte Geist, daß beseelende Princip, der geborene Führer! Dazu kam aber noch daß große Talent in der Wahl deS Repertoires3, die unermüdete [25] Thätigkeit, mit der er allen Richtungen der classischen Musik, nicht minder aber auch guten Compositionen Neuerer gerecht ward. Neben Bach, Beethoven, Haydn, Schumann, Schubert, Spohr finden wir in den Concetten der Jahre 1859 und 1860 LiZzt, Wagner, neben Ph. E. Bach, Mozart, Weber, Schumann (1861), Berlioz und Hiller. H. war ez, der 1862 HändelZ Messias, Schubert8 Lazarus (zum erftenmale), 1863 Händelö Cäcilienode, BachSs JohanniSpassion, 1864 Händel-?- Judas MakkabäuS; Bachs Matthäu8-Passion, 1866 BachS Hohe Messe (l1–1no11), Veethoven’S Christus am Qelberg, 1869 Liszt’S Elisabeth, 1870 Schu- mann. Das Paradies und die Peri, MendelSsohnS EliaS, 1877 Mozarts Requiem und Haydn’8 Schöpfung vorführte, der vielen anderen alten und neuen Com- pofitionen zu geschweigen, die durch ihn in stets gleicher Meisterschaft vorgeführt wurden. Neben diesen Verdiensten um daß Wiener Concertwesen mag gleich hier der Bedeutung Herbeck8 für die Auffindung und Bekanntmachung Schubert’scher Musik Erwähnung geschehen. Eine gewisse Congenialität zog H. stets zu SchubertS herrlichen Schöpfungen, 1865 fand er in Graz bei Hüttenbrenner SchubertS l1–111o11 Symphonie, die er noch im December desselben Jahres vor die Oeffentlichkeit brachte; den ,,häuSlichen Krieg" führte er viel später, al;-’ er Operndirector geworden war, scenisch vor. Eine große Anzahl anderer Com- positionen SchubcrtS brachte er entweder das erstcmal oder aufS Neue vor da-z Publicum, gar Viele-ö hat er bearbeitet und ausgeführt, die innige begeisterte Sympathie für den so früh vollendeten großen Tondichter ließ ihn nicht tasten, H. hat sich im SchubertcultuS nie genug gethan; von ihm rührt auch die An- regung zur Errichtung eines SchubertdenkmalS in Wien her. Aber neben dieser Thätigkeit ruhte sein eigener SchaffenSdrang nicht, zahl- reich ist auch die Anzahl der Compofitionen, die er in den Jahren 1866–––1877 geschaffen, möge hier nur an den irischen und volkSthümlichcn Chor: »Jm Maien« (1867s), an die »Waldscene« (eigene Dichtung) für Männerchor und Orchester (s1868»), an »Lied und Reigen« (1872'), ,,Gedichte Walte–rS von der V9gelwe*ide« (.1Z74s), »Symphonische Variationen" (1875), »Gedichte auS dem Trompeter von Säckingen" (187(i) und die großartige ,,Symphonie in 1)–n1011 mit -Orgel« (»1877), HerbeckS Schwanengefang (die– Drucklegung der Partitur wird unverantwortlich in die Länge gezogen!') erinnert werden. Eine neue und ruhmvolle Epoche in HerbeckS Leben begann mit seiner Ernennung zum k. k. Hofkapellmcifter. (.1863 wurde cr Vice-, 1866 erster Hofkapellmeifter.) Datz altberühmte Jnstitut bekam durch ihn nicht bloß ein wt–rthvollereS Repertoire, sondern, was die Hauptsache ift, die Exactheit und Präcifiou ihrer Aufführungen wurde fortan mit Recht bewundert, die Aufführungen der Hofcape1Jle bilden seitdem eine weitere Bereicherung unsereß MusiklebeneS. Allerdings.-; erregte die rasche Beförderung HerbeckS demselben zahlreiche Gegner, e3 war eine stattliche Phalanx von Feinden und Neidern, die sich zusammenfand, damalS freilich ift H. noch mit seinen Widersachern spielend fertig geworden. Weniger leicht konnte er daß nirgend8 faßbare, doch uni.8 überall umgebende MiaSma von Verläumdungeu zer- stören; freilich wer H. kannte, lachte deS künstlichen LügeugewebeoS und wußte, wie viel von jenen Erfindungen zu halten sei. H. selbst, dem die Begeisterung seiner neuen AmtSgenofsen cntgegenkam, ging unbekümmert um dergleichen seinen Weg. Und dieser führte immer höher. Aus dem Concertsaal war H. in die altehrwürdigen Räume der Hofcapelle gekommen, von hier führte ihn sein Ruf auf eine sehr unähnliche Stätte, in das Orchester und endlich in die DirectionZ- räume der k. k. Hofoper, 1869. («Am 1. Januar 1871 wurde er Director der Hokoper.) Oft und viel beschrieben ist diese Epoche in HerbeckS Thätigkeit. Man bedauert zumeist, daß H. auf diesen Boden versetzt ward, ja man möchte etz alS eine verhängnißvolle Selbfttäuschung ansehen, daß er annahm, als einen [26] Riß, den er selbst in sein Leben gebracht. Und man möchte meinen, Herbe-ck3 sonst fo ruhmreich und glänzend bewiesene Kraft hätte hier Schiffbruch gelitten. s NichtZ ist falscher al8 dieS. Nicht bloß, daß auch hier eine Reihe glänzender und bleibender Erfolge zu verzeichnen ist, zweifello8 hätte sich H. auch noch ganz anderer Siege rühmen können, wenn ihm nicht die Lebenslust durch kleinliche QuiSquilien und Jntriguen eingeengt worden wäre. Und waS Herbeck8 Direction erzielte, erfieht man wol am Besten in unseren Tagen, wo unser weltberühmteS Operninstitut fast nur mehr durch das3 herrliche Orchester seinen alten Ruf bewahrt. Eben dieseS Orchester aber wird nie die Wohlthat vergessen, die ihm durch daS PenfionsSstatut, für daiS H. al8 humaner Chef persönlich mit aller Kraft eintrat, zu Theil geworden. Und ebenso ungerecht wäre es, der Muftervorstellungen zu vergessen, die H. veranstaltete, in denen vor Allem die prächtigen EnsembleS und hinreißenden Chorleiftungen hervorgehoben werden müssen. Zu HerbeckS be- deutenden Tk)aten al8 Director deS OperninstituteS gehö1t aber auch fein auf- opferndeS Wirken für Wagner?- Schöpfungen; eine Thätigkeit, welche die Wagnetianer dcr äußersten Rechten ganz vergessen zu haben scheinen. H. war etz, der Wagner?- Tondichtungen in der Wiener Oper eine bleibende Stätte ge- schaffen; nachdem Heinrich Esser denselben eine Gasse gebrochen, und u. A. den Lohen- grin in mustergiltige-r Weise einstudirt. H. gelang e3, Rienzi und endlich die Meistersinger durchzusetzen und AndereZ vorzubereiten, freilich unter unvergleich- lichen Schwierigkeiten. Bei den »Meiftersingern« blieb ihm z. B. nur die Wahl, sie mit Kürzungen oder gar nicht bringen zu können, Alles hatte sich damalS gegen daß Gelingen de8 Werkes verschworen, eine Claque arbeitete dagegen, die Sänger waren schwierig, Herbeck5S Energie setzte cS doch durch. Und gewiß nicht an H. lag oe3, wenn die späteren Opern WagnerS nicht durch ihn zur Aufführung kamen. Wagner selbst stellte damals Bedingungen, die für die Wiener Bühne in jener Zeit unerfüllbar waren. Hemmnisse und Vexationen fanden sich auch sonst ein, Jntendantcn fehlten auch hier nicht, endlich war die Verquickung deö3 künstlerischen LcitersJ und financiellcn Verwalte1–S gewiß eine unfelige. So mußte denn kommen, waS kam. Trotz all' dcr 11nläugbarrn Verdienste alS humaner einsichtZvoller Chef und auzgezeichncter Dirigent, trotz seiner bei der Leitung fo- wol dem Personal gegenüber, alß auch bei der Jnfcenirung bewiesenen hohen Bildung, mußte H. doch um feine Entlassung einkommen, die Verhältnisse waren unhaltbar geworden. Eine geniale edle Künftlernatur verließ die DirectioneZ- räume des ersten Musikinftit11tee5 der Monarchie, in die nun der Director deS – Leopoldstädter Posst-11theaterS ei11zog. Man hatte mit Recht die Berufung eines großen KünstlerS an HerbeckS Stelle erwartet, über diese Ernennung war man billig erstaunt. Als ErklärungSgrund wurden financiellc Rückfichtcn angegeben, doch blieb der erwartete goldene Regen trotz mcrkwürdiger Repertoirc.zusammen- stellungen und wunderlicher Experimente auS. Und so wird etz wol bleiben, so lange immense Summen für daß ganz zwecklose Ballet und prätentiöse Sängerinnen vergeudet werden. – H., schon früher durch Verleihung dez OrdenZ der eisernen Krone in den Ritter- ftand erhoben, trat also von der Leitung dez Jsnftitute8 zurück, für daß Wiener Musikleben war er aber nicht verloren, sofort wurde ihm sein alter Wirkung?-- kreißz wieder eröffnet, zur größten Freude Aller trat er wieder an die Spitze der Gesellschaft dcr Musikkrcunde als artiftischer Director und (s1875s) alS Leiter der GefellschaftSconcerte. AufS Neue entfaltete er hier jene wunderbare Thätigkeit, von der oben gesprochen ward, auf?- Neue reihtt«n sich Erfolg an Erfolg, die Saison 1875--76 wie die 18765'77 waren von glücklichstem Vollbringen, das musikalische Wien hatte feinen H. wieder. Mit Freuden sahen die Freunde, wie ihm die Reisen, z. B. die zum Jubiläum deS Germanischen Museums in Nürn- [27] berg, wie trefflich ihm der L–andaufenthalt frommten, wie frisch sich die Lust am Schaffen in ihm erhob. Doch mitten in all’ diese Hoffnungen fiel lähmend und Entsetzen bringend die Nachricht, H. sei auf8 Neue von jener Krankheit ergriffen worden, die ihn schon zweimal gefährdet, von der Lungenentzündung. Beim Dirigiren der Probe dez GesellfchaftSconcerte3 und nicht minder bei Vorführung seiner geliebten Schubertmesse in der Hofcapelle hatte er wie gewöhnlich sich nicht geschont, wenige Tage nach der Kunde feiner Erkrankung ward Wien durch feine TodeSnachricht in tiefen Schmerz versetzt. Am 28. October 1877 Vormittags hatte dieser treffliche Künstler au?-gerungen. Wien zeigte sich selten so, wie damal8, e3 war ein echter wahrer Schmerz, eS war eine allgemeine Theilnahme, die bei HerbeckS LeichenbegängnisseTausende und aber Tausende in fchweigendem Harren auf den Straßen verfammelte, die Tausende trieb, dem imposanten Leichenzuge, bis hinaus auf den weitentfernten Centralfriedhof zu folgen. Jn kalter Nacht kamen wir erstzurück, wie ein Heer, daß seinen Führer ver- loren, in stummer Trauer, gebrochen und zerschmettert, denn unsere Klage galt nicht bloß dem Künstler, dem Dirigenten, sie galt auch dem Menschen, dem edlen, opferbereiten Freunde, dem enthusiastifchen Verehrer des Schönen und Jdealen, dem tapferen und wackeren Manne. Wir wußten etz, wa8 wir an ihm verloren und wissen VS täglich mehr. ––– Und wenn dereinft in späteren Decennien sein Gefchichtfchreiber den fonnighellen Tagen jeneS MusiklebenS kommen wird, das wir in s1olzem Selbstgefühle erstehen sahen, den Namen Johannes Herbeck wird er feiern für und für. Und jedes Blatt seines Werkes wird ein Ruhme?-blatt fein für den Mann, dessen Standbild dann einem Wiener Platze zur Ehre gereichen wird, für den Mann, zu dessen Grabe die Spätergeborenen pilgern werden! Biographische und kritische Notizen über H. sind sehr reichhaltig, aber in allen Wiener Blättern zerstreut, dasS Beste bieten unstreitig L. Speidel-z Besprechungen seiner Werke und Leistungen und dessen Bemerkungen nach HerbeckZ Tode. (Wiener Fremdenblatt.) Die Sammlung feiner Correspondenz, wie eine dez VaterS würdige Biographie steht von dessen Sohnc Ludwig zu erwarten. Die frischen und reizvollen Lieder HerbeckH wünschte man längst gesammelt zu finden, e3 wäre ein schöneS Denkmal dez dahingcgangenen Meister?-, über dessen Monu- ment man sich bieSher nicht zu einigen vermochte.