ADB:Hirzel, Konrad Melchior
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Hitzel: Konrad Me1chior H., schweizerischer Staatsmann, geboren am 31. August 1793, † am 8. Juli 1843 in Zürich. Früh verwaist, hatteseine Erziehung zumeist außerhalb seiner Vaterstadt empfangen, in Heidelberg dann von den theologischen Studien hinweg den juristischen und philosophischen sich zugewandt. 1813 nach Zürich zurückgekehrt, widmete er sich zuerst einige [495] Jahre dem Berufe der Advocatur, arbeitete dann als Secretär des Justiz- und Polizeiwesens und hielt daneben juristische Vorlesungen am politischen Institut. 1823 übernahm H., als –Oberamtmann für daß Amt Knonau bestellt, die Leitung des südwestlichsten Theiles des Kantons und erhielt dabei die Gelegenheit, seine anregende Kraft und seine administrativen Talente zu bethätigen. Als Begründer einer gemeinnützigen Bezirkögesellschaft, als Förderer der Schule, des Gewerbfleißes, der Anlegung von Straßen, wohlthätig wirksam auf den verschiedensten Gebieten, wurde er mit Recht eine wirklich populäre Persönlichkeit. Aber daneben glühte der von humanen Ideen erfüllte Philanthrop auch für anderweitige Besserungen, und der unter seiner Mitwirkung geschaffene zürcherische Griechenverein trug ihm daß hellenische Ehrenbürgerrecht ein. 185:30 hielt er sich zunächst bei der Anbahnung der politischen Umgestaltung zurück, war dann aber schon im Winter auf 1831 Mitglied der die neue Verfassung vorbereitenden Commission und der Gesandtschaft an die außerordentliche Tagsatzung, 1831 nach Annahme der Verfassung Mitglied des neu bestellten Regierungsrathes. In demselben übernahm er das Erziehungs:wesen und warf sich nun mit seiner ganzen Arbeits kraft und schwärmerischen Begeisterung auf dieses Feld, auf dem er, unterstützt durch vorzügliche anderweitige Kräfte, in allen Thei1en des Unterrichts bis zur Spitze der 1833 geschaffenen Hochschule hinauf eine gründliche, über die kantonalen Grenzen hinaus wirksam anregende Aenderung zu Stande brachte. Außerdem bestellte ihn der Große Rath 18s2 Es. d. Art. J. Heß) zum ersten Bürgermeister. Auch auf dem Boden der allgemein eidgenössischen Fragen war seine Hand spürbar; mit Kasimir Pfvffer und den Vertretern der anderen neu gestalteten Kantone auf der Tagsatzung in Luzern rief er im Frühjahr 1832 das Coucordat über die gegenseitige Garantie der regenerirten Verfassungen in das Leben, ein Vorgehen, das durch die große Mehrheit des zürcherischen Großen )1iathrs, unter Antnüpsung des Tanks an die Tagsatzungsgefandten, in der Annahme dieses Siebe11c16onco1dates am I1. Avril. anerkannt wurde, und zugleich verbunden sich hiermit die Pläne einer Neugestaltung der Bundesverfassung. Nachdem dieselbe am 17. Juli durch die Tagsatzung beschlossen worden, sah sich H. a1S Vertreter .zü1ichs unter dir 15 Glieder derRevifionscomi11ission gewählt; innerhalb derselben schloß er sich der Gruppe an, welche für eine Resorm nach größeren Umrifsrn eintrat. Allein nachdem schon durch die Tagsatzung der Bunde–5zen1wurf Einschränkungen erlitten hatte, wurde der Revision im Jahr 183s durch die uußglückte kantonale Abstimmung in Luzern der Boden vollv11ds entzogen, und der Versuch eines vorörtlichen Kreisschreibeutz mit der Er- öffnung verschiedener Ptrspectiven für daß folgende Jahr 18;:34, in welchem H. da4J Bundes präsidtum übt-1nahn1, zeigte nach des scharf beobachtenden Baumgartner Urtyeil „wohl gutes Meinung, politische Weisheit wenig", sodaß ein Antrag, im Frühling 18;.34 von dem durch ge-führten Vororte eingebracht, schon fast rtnen1 Aufgeben der Revision überhauvt gleich kam. Auch die schwa11kt–11de tachgiebigtt-it ju der A11gelrgenheit derFren1den, welche die Diplomatie nur zu gesteigerten Forderungen aufmunttrte, wurde H. zum Vorwurfe gemacht. Wenn auch die T0gsatzung jm Juli den gewählten Maßnahmen zustimmte, so war dagegen Hirzel´s eigener College Heß ls. d. Art.) durch „des Co11egen hrftiges, stürmisches, gehorsamrs Treiben zu Gunsten der sogenannten Wohlfahrt des Landes, unter der Alles verstanden wird, nur nicht Ehre und Unabhüngigteit“, tief gt–ktüntt, und der durch die äußeren Fragen herbeigeführte Hader mit Bern legte nun die Bundes revision vollends lahm. Aber auch im Schoße der zürchrischtn Regierung selbst waren in diesem Jahre über den Fragen der vorörtlicht–u Politik tiefere Meinungsve–rschiedenheiten hervorgt-treten, welche ihre Nachwirkung in dt-r Zukunft auch auf anderen Gebieten fanden, und [496] die geistigen Führer des Großen Rathes, die Juristen Keller und Ulrich mit ihrer Parteigruppe, setzten sich mehrfach in bewußten Gegensatz gegen H. und dessen Leitung der Regierungsangelegenheiten. In einer wichtigen Frage freilich gelang es hinwieder H., sich mit der Majorität der öffentlichen Meinung im Kanton in besserer Fühlung zu erhalten, als diese in erster Linie für die Capacitäten der zürcherischen Regeneration sich ansehenden Politiker. Indem nämlich 1837, in dem Verfassungsmäßigen Revisionsjahr, wo H. neben Heß zweiter Bürgermeister war, die Frage der Einführung gänzlicher Rechtsgleichheit zwischen Stadt und Landschaft spruchreif wurde, trat er entschieden für dieselbe ein. Jene radicalen Doctrinäre dagegen, obschon sonst ihren städtischen Mitbürgern denkbar stark entgegengesetzt, stemmten sich zugleich mit diesen stadtzürcherischen Elementen wider jene Verfassungsänderung als eine ochlokratische Gefahren in sich bergeude Maßregel, so daß sie sich selbst der bisherigen weitreichenden Einwirkung auf die öffentliche Meinung beraubten und, als diese Dcmokratisirung dennoch durchging, 18:I38 bei der Integralernouerung des Großen Rathes nur noch durch die indirecten Nachwahlen in die früher von ihnen beherrschte Legislative hineingelangten. – Für einen anderen Wendepunkt der kantonalen Entwickelung hatte freilich H. nunmehr ebenso wenig eine richtige Einsicht in die Situation. Die eifrig neuentwickelnde, schöpferische- Thätigkcit der Regierung war allmählig die Quelle von allerlei Bedenken, von Reg1mgen des (3weikels über die swtsckmäßigkt–it, von Mißmuth und Unzufriedenheit geworden. Jentr Widerwille gegen die leitenden Kräfte, wie er 18t.38 in den erwähnten Neuwahlen hervortrat, galt andererseits in steigendem Maße einem gerade von H. glül)end eifrig erfaßten Gebiete: gegen daiz von ihm in überf1ießendem Schaffensdrange besorgte Unterrichtswesen war Abneigung theils erwachsen, theils genährt, und man war sehr geneigt, die von Furcht erfüllten Gesinuungen, voran gegen die neue Volksschule und ihren Mittelpunkt und Meister, das Lehrerseminar in Küßnach und Dessen Director Scherr, einen jener in das Land gezogenen und mit Mißtrauen betrachteten „Fremden“, auch auf .L). zu übertragen. Dazu kam, daß in einem Momente, wo ohnehin der Vorrang zwischen Kirche oder Schule hinsichtlich der Beachtung von staatlicher Seite in Frage lag, H. selbst, entgegen einer früher getroffenen Entscheidung. sich bestimmt voranstellte. Während nämlich 18:36, a“1S oz sich darum handelte, alL= bedeutende Kraft für die Hochschule neben Schönlein und Oken auch den Verfasser des Lebens Jesu für den Ausbau der freien Wissenschaft heranzuzit–hen, H. in seiner Stellung als Präsident des ErziehungT–rathK5 gegen die Berukung von O1–.Strauß sich erklärt hatte, wog nun in dem Manne da; Gefühl einer andern Stimmung vor. Als am Ls. Jan. 18I39 die Frage über die Wiederbest–tzung der Professur der Dogmatik im Erziehungsrathe zur Abstimmung kam, gab H. bei Stimmengleichheit als Präsident den Ausschlag für die Berufung von Strauß, und damit war für den längst vorauszusehenden Sturm daß allgemeine Schlagwort gefunden. Als nach wenigen Tagen Antiftes Füßli im Großen Rathe der Kirche einen gesetzlichen Einfluß auf die Wahl der Theologie-Professoren zu erringen sich anschickte, stellte sich H. vollends in der Discussion, in langem Bortrage eine neue Reformation der zürcherischen Kirche verkündigend, dem „Buchstavenglauben“ gegenüber. Doch gegen den von ihm proclamirten „Denkglauben“ richtete sich gleich mit Mitte Februar, gestützt auf eine immer allgemeinere Populäre Zustimmung, eine wohl gegliederte Verbindung „zur Sicherung des christlichen Glaubens in Kirche und Schule". Daß in H. als dem zweiten Bürgermeister des Jahres die dergestalt angefeindete Sache der Berufung von Strauß ihren unmittelbaren Auesdruck fand, daß auf ihn in erster Linie, so als er seinen ungehört verhallenden Ruf an seine „Mitmenschen im Kanton Zürich“ erließ, Haß und Spott in wohl be- [497] rechneter Weise gehäuft wurden, mußte daß Ansehen der Regierung vollends erschüttern. Mochte nun auch, nachdem die Regierung die Berufung von Strauß bestätigt hatte, zuerst die Verschiebung der wirklichen Einberufung des Professors, dann, gegen die Einsprache des Erziehungsrathes, dessen Pensionirung beschlossen werden, es halfen diese Mittel nicht mehr gegen die siegreiche gegnerische Stimmung: diese specielle Frage war das Signal für die politische Situation geworden, und nur Abdankung des Großen Rathes und der Regierung hätten den bei steigender Erhitzung unvermeidlichen Ausbruch der Leidenschaft verhindern können. Schon im März hatten die von einer Riefenpetition des Centralcomits’s gestützten erweiterten Begehren an den Großen Rath bewiesen, wie sehr das bisher herrschende System zur Vereinzelung gebracht worden sei. Als dann im August die Regierung ungeschickt erst mit amtlichen Widerstandsmitteln hervortrat, hernach alsbald zurückwich und so den Sturm beschleunigte, der am 6. September das System der Regeneration hinwegfegte (s. d. Art. J. J. Heß), stand H. in der ersten Linie der politisch unmöglich gewordenen Persönlichkeiten. Von Luzern, wohin er, flüchtig gleich anderen Häuptern der gestürzten Partei, zuerst gegangen war, zwar bald heimgekrhrt, trat er in das Amt eines Procurators zurück. WO! entriß ihn daß mit dem Jahre 1842 beginnende Wanken des September-Erfolges durch die Wahl in den Großen Rath wieder der Zurückgezogenheit des Privatleben-S; aber zu spät, erst kurz vor seinem Tode, traf ihn die Ernennung in das Lbergericht. – H. repräsentirt wol in erster Linie den idealen Schwung. mit seinen Vorzügen und Irrthümern, wie er der neuen Aera von 183s.1 an, in der Arbeit der Regeneration der schweizerischen Kantone, eigenthümlich war. Baumgartner charakterisirt H. in scharfen Worten als einen .,Mann von vielen ausgezeichnetcu Eigenschaften, der für einen Staatsmann in hoher Stellung doch nicht solid und praktisch genug war“, als eine Erscheinung „von vielseitiger wissenschaftlicher Bildung, frohen und gemüthlichen Wesens, leicht im Auffassen, beflügelt für daß Projectiren, enthusiastisch eingenommen für Reformen im Sinne der Fortschrittsideen des Tages und unermüdlich thätig für AuLsführung dahin zielender Pläne".
Einen größeren Nt–krolog enthält: Neuer :llekrolog der Deutschen, )0Ll. Jahrg. 1. Thl. S. 630–6ss.