ADB:Hitzig, Ferdinand
aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Hitzig: Ferdinand H, bedeutender alttestamentlicher Exeget und Orientalist, geb. am Juni 180? zu Hauingen, nicht weit von Lörrach in Baden, wo sein Vater Pfarrer war, am 2x2. Januar 1875. Die erste Schulbildung genoß er auf dem Pädagogium zu Lörrach unter Nachhülfe und Anleitung seines Oht–in1H, des Kirchenrath43 Fricdr. Wilhelm H., alßsdann besuchte e1– vom Herbst 1822 bis ebeudahi11 1824 daß Lyceun: zu Karlsruhe, wo der Prälat Hebel an seiner Ausbildung mitwirtte–. Von der Schule entlassen, wandte er sich nunzu1n Studium der Theologie, im Herbst 1ds4 t1achHeidelbtrg, dann 1825 nach Halle und zuletzt, nachdem or schon im Herbst 1827 sein theologisches Staatsexamen glänzend bestanden hatte, Ostern 1828 nach Göttingen. In Heidelberg fühlte er sich am meisten durch Paulus. angeregt, während in Halle namentlich unter Gesenius’ mächtigem Einfluß sich die Vorliebe für die alttestamentliche Wissenschaft, verbunden mit dem Studium der morgenländischen Sprachen, entwickelte, und der Plan, für diest–s Fach einen akademischen Wirkungskreis zu suchen, zur Reife kam. Er promovirte 1829 in Göttingen zum Doctor der Philosophie und habilitirte sich in demselben Jahre in der theologischen Facultät zu Heidelberg. Nachdem schon seine 1831 erschienenen Erstlingswerke „Begriff der Kritik am [508] alten Testament praktisch eröriert“ und „Des Propheten Jonas Orakel über Moab“ die Aufmerksamkeit der Fachgenossen erregt und ihn als scharfen, seiner Ziele bewußten Kritiker gezeigt hatten, wurde er 1833 als ordentlicher Professor der Theologie nach Zürich an die erst im vorhergehenden Jahre eröffnete Universität berufen, welche nicht zum Mindesten durch seine eifrige Mitwirkung rasch emporblühte. Hier schloß er noch in dem Jahre seiner Berufung ein Werk ab, welches vornehmlich seinen Ruf verbreitete und, auf Ewald’s sprachlichen Forschungen begründet, Für die alttestamentliche Exegese und Kritik im gra:nmatischhistorischen Sinne bahnbrechende Bedeutung erlangte: „DerProphesesaja übersetzt und ausgelegt“, 1838, und war auch in der Folge trotz angestrengter akademischer Wirksamkeit vielseitig litterarisch thätig. Freilich wurde ihm die akademische Wirksamkeit bald nicht wenig beeinträchtigt, als im J. 1835 nach dem Erscheinen von Strauß` „Leben Jesu" die Reaction gegen die rationalistische Zt–itrichtung hereinbrach und theils die deutschen Studenten von Hitzig’s Borlesungen fern hielt, theils ihm die Heimath verschloß, nach welcher er sich trotz seiner großen Erfolge bei den Schweizern doch zurücksehnte. Zwar blieben die Schweizer Studenten ihm treu, doch hatte auch in der Schweiz die Berufung Strauß’ aus einen theologischen Lehrstuhl zu Zürich im J. 1839 für dit- rationalistische Richtung ernste Folgen und wirkte eine Zeit lang störend auf Hitzig’s Wirken, ohne daß jedoch dieser Umschwung ihn entmuthigt hätte oder gar von Einfluß auf seine Methode gewef(n wäre. Eine Reihe seiner vornehmsten exegetischen Arbeiten, welche in diese Zeit fallen, zeigen den stetigen Fortschritt auf der eingeschlagenen Bahn und ein entschiedenes Festhalten an dem freien, von theologischen Axiomen nicht abhängigen und ohne Vernachlässigung des religiösen Gehalts des alten Testaments doch in erster Linie auf den streng wissenschaftlichen Grundlagen der Grammatik und Geschichte basirten Standpunkt. Hitzig“’s hervorragende Stellung an der Züricher Hochschule hob sich mehr und mehr und kam namentlich zum Ausi–ruck, als er 1857 bei dem :25jährigen Jubiläum der Universität zum Rector gewählt in ausgesuchter Weise gefeiert wurde. Allein die ehrenvolle Aufnahme, welche ihm die Schweiz bot, konnte ihn nicht hindern, die Rückkehr in die Heimath alß daß erstrebeuswerthere Ziel anzusehen. Als daher im J. 1860 in den kirchlichen Verhältnissen Badeus wieder eine Wendung eingetreten war, und die durch den Tod Umbteit´s erledigte Professur H. angt–tragen wurde, nahm er diese bercitwilligst an. So trat er denn Ostern 1861 i11 die theologische Facultät zu Heidelberg ein und fand hier bies an sein Lebensende einen schönen und weiten Wirkungtzkreis, durch seine bedeutende geistige Kraft und einflußreiche Persönlichkeit im akademischen Lehrberuf und in der gelehrten Litteratur gleich angesehen. Auch die Regierung sc-ins Landes ehrte ihn durch Verleihung dect Charakteres eines geheimen Kirchenraths. In seinen Vorlesungen behandelte H. vornehmlich die Erklärung des alten Testaments nebst den sich an diese schließenden Stoffen, daneben auch daß neue Testament und die femitischen Sprachen. Auch war er ein Freund classischer Bildung und laß- zuweilen Collegien aus diesem Gebiet. Durch seine Schriften zur Exegese und Kritik des alten Testaments und andere, welche vorzüglich in gründlichen und geistreichen Untersuchungen aus der Sprachwissenschaft, Geschichte und Alterthumskunde der morgenländischen Völker ihren Werth haben, hat er sich als einer der gelehrtesten und scharfsinnigsten Vertreter dieses Fachs einen bedeutsamen Namen gemacht und zur Belebung dieser Studien unter den freisinnigen Exegeten der Neuzeitvielleicht am meisten beigetragen. Er war ausgezeichnet durch gründliches und umfassendes Wissen, durch Regsamkeit und Lebendigkeit des Geistes, logische Methode und Klarheit des Gedankens. Dazu kam ein scharfsichtiger kritischer Blick, seiner historischer Sinn und eine geistreiche Combinationsgabe, der auch die entlegenften [509] Beziehungen nicht entgingen und matmichfache neue, oft überraschende Resultate entsprungen. Seine eigenartige Durchdringung des alttestamentlichen Stoffes in historisch-kritischer, sprachlicher und fachlicher Beziehung, seine selbständige Auffassung der Zeitfolge, des Zusammenhangs und der Anordnung der Textbestandtheile, die sorgfältige Prüfung und Feststellung der Lesarten an der Hand der Tradition oder der Conjectur, endlich seine seine Beobachtung des hebräischen Sprachgebrauchs und der grammatischen Verhältnisse sind von dem bedeutendsten Einfluß auf den Ausbau der alttestamentlichen Wissenschaft gewesen, wenngleich seine vielfach gewagten und willkürlichen Hypothesen und Conjecturen nicht immer allseitigen Beifall fanden, und nicht verkannt werden kann, daß oft der Scharfsinn bei ihm auf die Spitze getrieben erscheint und an den hergebrachten Resultaten der Forschung ohne genügenden Grund gerüttelt wird. Ein besonderes Talent, den behandelten Gegenständen neue, von den Vorgängern noch nicht berücksichtigte Seiten abzugewinnen und ihnen weitergehende Schlußfolgerungen zu entnehmen, führten ihn nicht selten auf J–rrwege und geben seinen Deutungen leicht den Charakter des Gesuchten. Die lange Reihe seiner Commentare, welche zum Theil dem „Kurzgefaßten exegetischen Handbuch zum alten Testament" angehören, erstreckt sich über die großen und kleinen Propheten und den größten Theil der k18gj0g1t11-tm (J–esaja, Jeremia, Ezechie1, die zwölf kleinen Propheten, Psalmen, Sprüche Salomonis. Hiob, Hohrslied, Prediger Salomonis, Daniel-) und ersreut sich auch bei den Vertretern anderer theologischer Richtungen ihres reichtsn Inhalts wegen bereitwilliger Anerkennung. Daran schließen sich noch: „Die vrophetischen Bücher desalten Testaments übersetzt“, 1854. Auch auf daß neue Testament wandte er die ihm eigenen hermeneutischen Grundsätze an. doch mehr in Vorlesungen als in Schriften: „Ueber Johannes Marcus,; und seine Schriften", 1843; „sur Kritik PaulinischBr Brit-fe“, 1870. Auf die Sprache und Geschichte der morgenländischen Völker beziehen sich: „Die Erfindung des Alphabetctz“, 1840; „Urgt-schichte und Mythologie der Philistäer“ Lauch u. d. T.: ..Z:1r ältesten Völker- und Mythengeschichte“, Bd. 1-, 1845; „Geschichte des Volkes Israel“, 2 Thll–. 1868s–7“; „Sprache und Sprachen Assyrientz“, 1871, und die epigraphischen Werte: „Die Grabschrikt des Darius zu NakschiRustam“, 184ts; „Die Grabschrift des Eschmunazar“, 1855; „Die Inschrift des Mefha“, 1874Is. Außerdem lieferte er Beiträge für verschiedene wissenschaftliche Zeitschriften, wie für Hilgt–nftld’s ,.scitsch1–ist für wissenschaftliche Theologie", die „Theologischen Studien und Kritiken", Zeller’s „Tht-ologische Jahrbücher“ und die „Zeitschrift der deutschen morgenländischen Gesellschaft".
Vgl. Nekrologr in der Jlugsburger Allgemeinen Zeitung, 1875, Nr. 30 und in der Protestantischen K-irchenzeitung 1875, Nr. 8 Cvon Kneucker) und Badische Biographien 1. IF?? ff. Cvon demselben.).