ADB:Holbach, Paul Freiherr von
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Holbach: Paul Heinrich Dietrich Freiherr v. H.[1], geb. anfangs 1723 in Heidesheim bei Frankenthal (in der Rheinpfalz), † den 21. Juni 1789 in Paris, woselbst er bereits seine Jugenderziehung empfangen hatte und später, nachdem er Erbe des ungeheuren väterlichen Vermögens geworden, durch sein gastliches Haus (in der Rue royale) zu den Häuptern des damaligen litterarisch-gesellschaftlichen Pariser Lebens zählte. Außer seinem Landsmann und innigem [711] Freunde Friedrich Melchior Frhr. v. Grimm, fanden sich bei ihm hauptsächlich Diderot, d’Alembert, Condorcet, auch Bufson und Rousseau ein, um Sonntags und Donnerstags bei glänzendsten Mahlzeiten den lebhaftesten Austausch der Meinungen zu pflegen, soweit nicht etwa in den Sommermonaten ein entsprechender Eriatz auf Holbach’s Landgute in Grand-Val (im Departement Puy de Dome) eintrat. Die Pariser Salons waren ja in einem gewissen socialen Gegensatze gegen den Versailler Hof der Mittelpunkt einer ausgedehnten und einfluß- reichen geistigen Bewegung Frankreichs geworden, indem dort (häufig auch unter . Leitung geistreicher Frauen) die litterarischen Erscheinungen und insbesondere die philosophischen Tages fragen eine hingebende Besprechung fanden, welche in Juhalt und Tendenz grundsätzlich mit der schriftstellerischen Veröffentlichung der „k111(:z-O1o1s(1jo“ gleichen Schritt hielt. In diesen Kreisen tagte H. nicht nur durch eine außerordentliche Wohlthätigkeit, sondern auch durch häusliche und gesellige Tugenden, durch Herzensgüte und Anspruchlosigkeit, durch Kenntniß- reichthum und Humor hervor; selbst Rousseau, welcher allmählich ein Gegner der Encyklopädisten wurde, nahm ihn in seiner „)Jouxsene l–101018e“ zum Modelle des Hm. v. Wolmar. Nachdem H. in seinen Erstlingsschriften „tzrrst ren(1u S1 1’smpbit11(-S-1tre (:0ntr0 1A musique krsi1C;ajse“ (173-2) und -.l,ett1–8 St une (18me Sur 1’st-1t present (1e 1’0pe9r-r (175Ls), sich mit Theater-Fragen beschäftigt hatte, eröffnete er bald hernach daß ihm eigenthümliche litterarische Feld vorläufig mit „l–e c11rist.j:misn1e (1msoj1s“ (si756 unter dem Pseudonym Boulangery), und nach zehnjähriger Pause erschienen dann in äußerst rascher Abfolge: „1.ettres c1e ’ll1rsz-bu1e S1 I.(-uci1z1-e“ (1766 unter dem Pseudonym des im J. 1739 gest. Fr(Srcts), „1)e 1’j111postu1´s Sx1(:er(10ta1e“ (1767s)- „1.’sp1–it– (1u c1Srg(z ou 1S ck11–jsti:mjsi11e prjmjt–ji“*– (1767s)- „l–z Oont:1gjon S-10rese ou 1’11jstojre 11;1tursi1e t18 1a. 811perstjtj01r (1768s)- „1.es Br0tres (1c111asc1u(SS“ (.1768:)- „13r1.– n1en (1es pr0p11estjes (si768*)- „1)8sj(1 ou rlljst0jrs C18 1’1J0mme Se1o11 1e (:0cur tie (1ieu“ (1768)„ -.1;ettres T1 Bugsi1je 0u 1-rese1–3“:1tjkco11trO1es pröJuges (1768 mit Anmerkungen von Naigeon), -tl.cttresi.-bj10S01.-11jc1ues Sur r0rjgj11e (1u (1ogme c1e 1’j111mortsiits*“ (1768)- „1Fr1n10n (10S :1po1ogjsl.es clu 0bristi:u1jsme“ (1768 unter dem Pseudonym Frtöret), „1’11So10gje port:-1tjz–S ou (1j0cj011118jre :1brögC5 äe 1a 1–(51jgjo11 c11rstjeune“ (1768 unter dem Pseudonym Bernier, die Auflage von 1776 hat den Titel „I1811uer t11S01ogjc1ue en k0r1v0 (1e äj(:tio111r1ireu)- hierzu der letzte Abschnitt der von Naigeon anonym heraus gegebenen Schrift „l.e mj1j– t-1jre pbj1os0p11e ou (1ikki0u1tes Sur 1a rsijgj01r (1?68)- „1)e 1a 0ru:tut(s re1j– gjeuse“ (si769)- „l.enker (1etrujt“ (f1?69), „l.–’into1S1–unc(z 0onw.i11(:ue (1e crime er (1e ko1lje“ (1769)- „1LSSo.i Sur1es p1s(ö„ju,J0S“ (1770 unter dem Pseudonym D. M., daher für ein Werk des Du Marsais gehalten), „1,’08prjr äu Juc18jsme“ (177O)„ „lljst0jre c1–jtjque C16 .1esus–O11rjst“ (;17?0), „kJ1umsi1 c1–jtjque äS 13 Vie er (1es ouv–1–uges (1cz St. 1):u1r (1770–)- „’I8b1euu (1es:1j11ts ou 018.men (1e 1’sp1–jt er (1es pe1s0111r1g(s que 1e 011rjstjz11isi11e propose pour m0c1(318S“ (1770)- „SJ.“8tksi11e (1e 1a ns.tu19 ou (1es 1ojs c1u mo11(1S pbzsjc1ue er (1u m0t1(1e morsi*“ (1770 unter dem Pseudonym des im J. 1760 gest. Mirabeau in zwei verschiedenen Ausgaben, die Auflage von 1780 enthält auch die Widerlegung der Einwürfe Söguier’s); in dem im gleichen Jahre (1770s) erschienenen „RS6usj1 p11j1080p11jque“ sind von H.: „Reüez1i0118 Sur 1es erwints 1S 1a mo1–t“ und „1.a rsijgiOn estsi1e 116(:esjre T1 1O. lno1–81e er utj18 T1. 1u p01itjt1ues“ Dann folgten noch: „l.e bon Sens ou j(1Ses mmirenes 01Jp0StHes dOe j(16es Su1–usturenes (1772s)„ „-Tls pO1jtjque 118.turene“ (R1778„)- „8zstesms So0is.1 0u pri11cjpes 118.ture1S (1e 1A m0retle er c1e 1a p01jtj(1ue“ (1773)- „Ii1t11oorutie ou1e gouye1–11et11ent konc1ö Sur 1a mo1a1e“ (1776)„ „1.8. 1n0r016 uniyersenS“ (1776). Nach Ho1bach’s Tode gab Naigeon heraus „th1Sm(mts e1e morsie uni7ersen8“ (1790) und noch spät [712] erschien aus dem Nachlasse „l.e bon 8en8 (1u curs .l.1llesiior“ (1830). Außerdem hatte H. mehrere chemische, pharmaceutische, physiologische und medicinische Artikel in die „k1t10yo10r-(H(1ie“ geliefert und auch verschiedene naturwissenschaftliche Arbeiten der Deutschen und der Engländer ins Französische übersetzt (s. Qu(zrard, 1–9. 1J’r:-m0e 1jttczrzjre- Bd. IV. S. 119 f.). Seine Leistungen im Gebiete der sogen. exacten Wissenschaften hatten zur Folge, daß er von den Akademien zu Berlin und zu Petersburg in die Zahl ihrer Mitglieder aufgenommen wurde. Die angeführten dem Materialismus oder dem Kampfe gegen Religion gewidmeten Schriften, welche, soweit nicht pseudonym, sämmtlich anonym erschienen, hatte er seit 1756 schon längst vorbereitet und dann zahlreich gleichzeitig meistens durch Vermittelung des Buchhändlers Naigeon„) auf den Markt geworfen, so daß selbst die Genossen seines Salons häufig in Unkenntniß über den Namen des Verfassers waren. Während die Mehrzahl der übrigen, welche auch vielfach sich in Wiederholungen der gleichen Gedanken bewegen, allmählich in Vergessenheit gerieth, fand das „8)srsms c1O 1a n-1tur0“ auf eine lange Reihe von Jahren die weiteste Verbreitung (in Frankreich erlebte es noch im jetzigen Jahrhundert 20 Auflagen, eine deutsche Uebersetzung von Schreiter erschien 1783, eine neue von K. Biedermann 1841, und ein Auszug von Allhufen 1851s). Während man früher annahm, das Buch sei wol in der nächsten Umgebung Holbach’s entstanden, aber eigentlich von Lagrange oder von Diderot oder von diesen beiden gemeinschaftlich verfaßt, wird jetzt im Hinblicke auf Baron Grimm’s Veröffentlichungen von Nicmanden mehr bezweifelt, daß H. der wirkliche Verfasser sei, und dagegen kann nach den litterarischen Gewohnheiten der Encyklopädisten auch kein Einwand aus dem Umstande entnommen werden, daß in den nachgelassenen Schriften Diderot’s (neue Gesammtausgabe von Assezat, . 1875) mehrere Stellen wörtlich mit dem „8)–8tsme (1e 1a nstture“ übereinstimmen. Uebrigens war daßelbe auch unter allen Schriften Holbach’s die einzige, welche in Bälde eine mehrfache Bekämpfung fand; es erschienen nämlich: „0astj11on. liekute1tio11 C1u S)–8tßme (1e 1a 118tu1s (1771), sowie Holland (ein Freund Lambert’ss), „RStiscions p11i10Sop11iques Sur 1e Szst. (je 111 118t.11res (1772“); bekannt ist, daß auch Friedrich der Große ein1D1mnsn crjti(1ue (1u “ 8zstsme (1e 1a nature schrieb. Die Grundanschauungen, auf welchen die ganze schriftstellerische Thätigkeit Holbach’s beruhte, dürften als daß folgerichtige letzte Ergebniß einer damals in Frankreich verbreiteten Gährung der Geister zu bezeichnen sein. So war H. Materialist au-Ls Humanität, d. h. begeistert für das Wohl der Menschen wollte er dieselben glücklich machen durch Bekämpfung all’ deck-jenigen, was ihm als drückendes Vorurtheil erschien; unglücklich fühle sich der Mensch in Folge von Aberglauben, dieser aber sei aus Furcht und letztere nur aus Unwissenheit entstanden. Darum müsse der Muth geweckt und Achtung vor der Vernunft eingef1ößt werden, wozu die größte Förderung in den Naturwissenschaften liege, welche schlicht und verständig sagen, was ist, und demnach von Einbildungen und Vorurtheilen befreien. Indem aber H. hierbei die Thätigkeit des Denkens, durch welches die aufklärende und beruhigende Wissenschaft entsteht, irgend näher zu untersuchen gänzlich verschmähte, verblieb er ausschließ- lich in der negativen Tendenz der Polemik gegen alle Idealität überhaupt, welche er nahezu mit theologischen Grillen und religiösem Aberglauben identificirte. So wurde er zum fanatischen Vertreter eines einseitigsten Materialismus, welcher ihm allen Ernstes auch für daß praktische Leben in jeder Beziehung als wohlthätig und vortheilhaft erschien. Das wesentlichste Hinderniß erblickte er in der Religion, welche nicht nur entbehrlich, sondern geradezu nachtheilig sei, indem sie den Schlechten Verzeihung verheiße und die Guten durch das Maß ihrer Forderungen unterdrücke. In vielen seiner Schriften gab er dem verneinenden [713] Standpunkte bald durch Prüfungen, Enthüllungen, Entlarvungen, Befreiungen, bald durch Hinweis aufBetrug, Unduldsamkeit, Grausamkeit der Priester einen lebhaften und eindringlichen Ausdruck. Die Ethik wird völlig auf Physik zurückgeführt und unter Bekämpfung aller teleologischen Annahmen das Princip des Mechanismus auf sittliche Begriffe angewendet, so daß z. B. Selbstliebe, Menschenliebe und Haß grundsätzlich als daß nämliche bezeichnet werden, was man in der Materie Trägheit, Attraction und Repulsion nennt. Und so ist es schließlich auch der Begriff des wohlverstandehnen Interesses, auf welchen die gesellschaftlichen und politischen Grundsätze zurückgeführt werden.
- 0orrespon(1znce 1jtt(5r:1ire„ pbj10Sopbique er critjque par 1e Baron äS Stimm er 1)i(1erot (1813). 1M-Smojres p0Stllumes äS I-l-2u–mo11tsi (1800). -90s2A(: Lavigne- 1)j(1erot er 1x1. S00ists (1u b:-1rOn klo1b-1c11 (1875). K. Rosenkranz, Diderot’s Leben und Werke, Bd. II. S. 78 ff. Fr. Alb. Lange, Geschichte des Materialismus, 2. Aufl. Bd. I. S. 359
[Bearbeiten] [Zusätze und Berichtigungen]
- ↑ S. 710. Z. 6 v. u.: P. H. D. Frhr. v. Holbach wurde geboren zu Edesheim bei Landau in der Pfalz Anfang December 1723; getauft ward er am 8. December. Sein eigentlicher Familienname war Thierry (Dirre; Dietrich ist Uebersetzung davon). Den Namen Holbach und seinen Adel erhielt er durch Adoption seines Mutterbruders, des Freiherrn Franz Adam v. Holbach, der ihn in Paris erziehen ließ und ihm die Hälfte seines sehr großen Vermögens vermachte. – Pfälzisches Museum 1900, Nr. 4, S. 50 f. [Bd. 55, S. 889–890]