ADB:Homann, Johann Baptist
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Homann: Johann Baptist H., Kartenstecher und Geograph, geb. den 20. März 1668 (4,) zu Kamlach im ehemaligen Fürstenthum Mindelheim, † 1. Juki 1724 zu Nürnberg. – Er empfing feinen Schulunterricht, da er katholisch war, bei den Jesuiten in Mindelheim, bereitete sich danach vor, Mönch zu werden, „brachte noch etliche Jahre in Klöstern zu“, wandte sich aber darauf der evangelischen Kirche zu und begab sich nach Nürnberg (1687). Die Notarsstelle, welche er dort erlangte, befriedigte ihn auf die Dauer nicht; die Beweglichkeit seines Geistes und eine gewisse künstlerische mit autodidaktischer Betriebsamkeit verbundene Anlage, wiesen ihN auf ein Gebiet der Thätigkeit hin, welches in dem reichen, kunftliebenden und weiten Weltverkehr pflegenden Nürnberg schon fleißig wenn auch ohne besonderen Ruhm angebaut worden war, auf die Kartographie. Er begann in Kupfer zu stechen und erlangte, obgleich nur wenig zu seinem Unterricht vorher geschehen war, sehr bald eine solche Geschicklichkeit im Stechen von Namen und geographischen Bestimmungen, daß er von Jakob
[36] v. Sandrart und David Funck, den damals bedeutendsten Nürnberger Kartenstechern 1mdverlegern Aufträge und Beschäftigung erhielt. Die Zeit, wann dieß zuerst geschehen sei, läßt sich ebensowenig bestimmen, wie, welche Karten, die in jenen Verlagen erschienen, wir seiner Hand verdanken. Es scheint, daß er schon vor seiner ersten Abwesenheit von Nürnberg sich diesem neuen Erwerbszweige zugewendet habe. Denn 1693 hatte er heimlich Nürnberg und seine Familie (er hatte sich 1690 mit der Tochter des Sudenpredigers Ströbel, Susanna Felicitas, verheirathet und einen Sohn aus dieser Ehe) verlassen, war nach Wien in ein Dominikanerkloster gegangen und durch eine besondere von dort aus erlassene Erklärung sowol aus der evangelischen Kirche wie aus dem Nürnberger Bürgerverbande ausgeschieden. Die Gründe, welche ihn zu diesem, wie es sich bald herausstellte, übereilten Schritte veranlaßten, mögen zum Theil in religiösen Bedenken, zum Theil auch in seiner precären materiellen Lage gelegen haben; jedenfalls erkannte er sehr bald, daß er einen Fehler gemacht habe. Er ging nach Erlangen 1695 und bat von dort aus um Wiederaufnahme in daß Nürnberger Stadtgebiet und in die evangelische Gemeinde. Der Rath verzieh ihm und gestattete die Rückkehr. So wieder mit seiner Familie vereinigt, scheint er auch die Ruhe in seinen äußeren Verhältnissen gefunden zu haben, deren er bedurste, um seine kartographische Thätigkeit mit Erfolg wieder aufzunehmen. Durch seine Leistungen empfohlen, wurde er bald nach Leipzig berufen, um dort den Stich der Karten zu 011rjsro1z11Orus (Jenen–jus’ ROtiris orbjs 1.11tj(;11j zu besorgen, von der der erste Band 1701, der zweite 1706 in Leipzig erschien. Gleichzeitig mit oder kurz Nach dieser Arbeit wurde ihm die Anfertigung der Karten zu des Jesuitenpaters Heinrich Scherer „L1t1.2S 110ms 110O SS-t 0e0g1–8pbj9„ uniss91’s:1 ju S61Jt0111 ;Ist1st(es O011t1–8–0ts„ Augsburg 171O, übertragen. Man muß gestehen, daß die Behandlung dieser Karten schon eine große technische Geschicklichkeit und Sicherheit1md eine gewisse Freiheit in der Auffassung des Kartenbildes bekundet. Sie sind in vielen Stücken sorgfältiger und sauberer gearbeitet als manche der Karten, die H. später entwarf. – Alle jene Arbeiten, welche in der zeitlichen Aufeinanderfolge ihrer einzelnen Stücke sich nicht mehr genau bestimmen lassen, hatten ihrem Verfertiger zwar einen rühmlichen Namen verliehen, aber gLeichzeitig auch seinen Nürnberger Arbeitgebern entfremdet. Seine Leistungen waren indeß den interesfirten Kreisen zu bekannt, als daß er es nicht hätte wagen sollen, die eine oder die andere Arbeit unter seinem eigenen Namen erscheinen zu lassen. Die Zeitumstände waren günstig. Der spanische Erbfokgekrieg erregte in den weitesten Kreisen den Wunsch nach genauen kartographischen Darstellungen des großen Kriegsschauplatzes. Daher begann H. hier mit seiner neuen selbständigen Unternehmung. Er veröffentlichte u. d. T.: „Bc-11j tz-1Jus j11 1t.S11js„ 1si0t.ri(:js.c1uj18es 1Jr0g1sus S11 S1r-M1 Dt1S(1ioI8.11en8j St c1uOztu IIA11tmie c1e1N011Strst118 t.:tbu19. 1scenS S111S11c1zUA et- zu0tst 1JOr Io. B:1pt. 1io11r-mi1un1 .H1. 1702“ die Karte des Kriegsschauplatzes in Italien und war so – glücklich, mit den siegreich fortschreitenden.Wassen des Kaisers auch seine neue Unternehmung vom Erfolge gekrönt zu sehen. Gestützt hierauf ging er neben den ihm gleichzeitig übertragenen, schon erwähnten Arbeiten, an den Entwurf anderer Karten. Sein Fleiß, sein Geschick in der Benutzung der Umstände und der Mithilfe gelehrter Freunde, eudkich nicht zum wenigsten sein kaufmännisches Talent, mit dem er es verstand, ungeheure Massen seiner Erzeugnisse sowol durcb den Buchhandel als besonders: durch die wandernden Bilderhändler und Colporteure unter die Leute zu bringen, sicherten bald der jungen Officin Bestand und Ansehen. Indessen wiesen ihn sein wissenschaftliches Streben wie sein fachmännischer Scharfblick sehr bald auf die Ausführung eines Unternehmens hin, ’dessen Vollendung ihm sofort einen Platz vor allen seinen Concurrenten in
[37] Deutschland sichern mußte: auf die Herstellung einer die gesammte Kenntniß der Erdoberfläche umfassenden Darstellung in Form eines Atlas. Im Verlauf von noch nicht 14 Jahren stach die fleißige Hand des rüstigen Nürnberger Kartographen Neben den von fremden Firmen erforderten Karten über 100 Karten, welche 1716 vereinigt unter dem Titel: „Großer Atlas über die ganze Welt in Verlegung des H!uot0rjs gedruckt bei Joh. Ernst Adelburner“ in groß Folio erschienen. Bis zu seinem Tode vermehrte er die Zahl der Karten, welche als Supplemetite des großen Atlas erschienen, bis auf über 200, fügte dazu 1719 den „At18S Islet.1J0äj0US 9J(p1Or51-n(1js Qjm–enum prokeOtjbus in 8tuc1jo gsos–rs„pbjeo mj 11sietI10(1um l–1ub11Orjzmum zO0o111m0ä8tus„ in gewissem Sinne ein Repetitions Atlas, der auf den einzelnen Karten nur die Anfangsbuchstaben der geographischen Bestimmungen enthielt und beendete seine erfolgreiche Thätigkeit durch die Anfertigung des Astronomischen Atlas, den er unter der Anleitung des Nürnberger Professors der Mathematik, J. G. Doppelmayr, entwarf, dessen Vollendung er aber. obgleich er den größten Theil der darin enthaltenen Tabellen selbst fertig gestellt hatte, nicht mehr erlebte. Er erschien erst 1741. Dazu kommen noch zahlreiche Globen- meistens 2152 Zoll im Durchmesser und die sogenannten „81z118S18.8 zrmi1rSt1–Os“„ endlich auch eine geographische Universaluhr, auf deren Erfindung sich H. ganz besouder viel zu Gute gethan zu haben scheint. – Einer angestrengten und keineswegs fruchtlosen Thätigkeit fehlte auch die äußere Anerkennung nicht. Nürnberg und sein Rath haben den Gründer der berühmten Ofsicin immer in Ehren gehalten. Die Societät der Wissenschaften in Berlin nahm ihn 1715 unter ihre Mitglieder auf; Kaiser Karl f1., dem er seinen Großen Atlas dedicirte, ernannte ihn in demselben Jahre zum kaiserlichen Geographen und begnadigte ihn mit einer goldenen Kette und Medaille; Peter der Große endlich verlieh ihm den Titel eines kaiserlich russischen Agenten und zeichnete ihn ebenfalls.s durch Verleihung einer goldenen Kette und zweier Medaillen aus. – Es ist Homann’s Verdienst gewesen, die deutsche Kartographie zu einer für seine Zeit und ihre Verhäktnisse außerordentlichen Höhe allerdingsmeht in technischer als in wissenschaftlicher Beziehung erhoben zu haben (11os grMeur8 kr8-11(;–Ajs 11’011t 1Jojne 011c:ore 51.ttsi11t 1A (1(ö1jozts oi1 1S SjOur kl0msmi1 .s 1. p0rtes 1st grMure. I.911g1SL äu IJ’resi10)’. 111(st.I10c1e pour est11c1isr 1-!1istoire. sujs 1735. tom. VI. p. 74)„ ein Verdienst, welches um so höher anzuschlagen ist, als ihm im Beginn seiner Thätigkeit weder besondere materielle Mittel noch s ausreichende Kenntnisse zur Verfügung standen. Die ernste und unablässige Beschäftigung selbst mit dem ihn allseitig interessirenden Gegenstande hat ihn zu dem gemacht, was er geworden; eine nicht gewöhnliche Erfindungs–gabe und daß Geschick, sich in einen ihm anfänglich fremden Beruf hineinzuarbeiten und dessen einzelne Zweige bald mit Meisterschaft zu beherrschen, haben ihn dabei unterstützt; Gelehrte, wie J. G. Doppelmayr, Chr. Junker, Casp. Gottschling, J. G. Gri’gori (ICO11SSa11tOs), haben ihm ihre Hilfe gewährt. Aber bei aller AR- erkennung für seine Leistungen bleibt sein Verdienst im Wesentlichen doch auf daß Technische der Kartographie beschränkt. Geograph im modernen Sinne war er trotz aller kaiserlichen Diplome nicht. Die meisten seiner Karten sind Copien von Joh. Blaeuw, Valvasor, Nolie, d’Anville, de l’JZle, de Fer, G. M. Vischer u. A.; wenige beruhen auf Original-Aufnahmen, die H. veranlaßte oder erwarb, wie z. B. Phil. Henr. Zollmann’s klzs(11–ogravI1is„ 08rmsi1js9- Joh. Pet. Nell’s Neu-vermehrte Post-Chartr durch gans Deutschland, 1709 und wiederholt1714, Joh. Christoph Müller’s ’1’u1z1118. gsner8.1js 1lla1s0t1jonztus ICor5Unjs„O„ Joh. Majer’s 1)u0Atus Würtsmbe1sgjoj – t1S1jns„tjO 171O- Joh. Christoph Lauterbach’s Nov:-1. et 80O11rs.ts„ territOrjj lJ11110118js – (19Scrjprj0. Ein dazu gehöriger Carton, enthaltend die 11.lmische Herrschaft zu Wctin, ist „nach dem gr. Original des
[38] Seel. Herrn Pfarrers zu Altheim, VII. JohanWolfgangBach1nayr’s abgezeichnet“, A. R. k’. O. cke CF. 0. S. I3. 8. j11 I1j011etö1–139zsi“11„ 1)ri11Ojxz9„tus etc. 88,1jsbur– gs11Sjs (198.ter 0(1j1o C16 0t11erA,t11Or„ 01(1j11js.13S11S(1jOtj Sto.). Immerhin bleibt ihm aber das Verdienst, daß Her in Deutschland die geographischen Bestrebungen seines Jahrhunderts mit seinem Namen innig Verknüpfte, und durch die Mittel, welche er denselben lich, für eine wissenschaftliche Entwickelung der Geographie die Wege bahnte. Sein Werk verfiel nicht mit seinem Tode. Die Karten aus Homann’s Verlage waren gewissermaßen ein Bedürfniß für die Gebildeten in Deutschland geworden und der Gründer des Unternehmens hatte dies Bedürfniß durch kluges und geschicktes Eingehen auf die dynastischen Wünsche aller, auch der kleinsten, damaligen Duo des Herren und reichsstädtischen Raths Collegien stetig zu steigern gewußt. Sein Sohn und Nachfolger Joh. Christoph H. (geb. am August 1703) brauchte auf dem eingeschlagenen Wege nur fortzugehen, um des Erfolges sicher zu sein. Nach dessen Tode 1730 setzten Joh. Mich. Franz und J. G. Ebersberger daß- Geschäft fort, verließen aber die bisherige Gewohnheit massenhaften Copirens und gaben ihren Bestrebungen durch Herbeiziehung namhafter Gelehrten, wie des Professo1 J. M. Haase in Wittenberg und durch die Begründung der mit der Homa1m’schen Officin verbundenen kosmographischen Gesellschaft eine wissenschaftliche Stütze. Traf auch vieles, was im Anschluß hieran von den beiden bedeutendsten Mitgliedern dieser Gesellschaft, den nachmaligen Göttiinger Professoren Tobias Maier und Georg Mor. Lowitz, in wahrhaft naiver Unternehmungslust geplant wurde (;vgl. Homannische Vorschläge von den nöthigen Verbesserungen der Weltbeschreibungs Wissenschaft und einer diesfalls bei der Homann-schen Handlung zu erlichtenden Akademie, Nürnberg 1747), nicht “ ein, wie die kosmographische Akademie, daß Landvermessungs Comtoir, die Herausgabe drei Fuß im Durchmesser haltender Erd- und Himmelsgloben, so wurde doch die Wirksamkeit der Lfficin „der Ho’männischen Erben" dadurch wenig berührt. Ihr alter Ruf, die Gunst des Publikums und ihre immer sorgfältigeren und geschmackvolleren Leistungen unter der Beihülfe Güssefelds, Mannert’s u. A. gewährten ihr eine bis in den Anfang unseres Jahrhunderts,z reichende Dauer. – Ein Porträt Joh. B. Homann’t;5 findet sich in A. C. CaBpari und F. J. Bertuch’s Allgemeinen Geogr. Ephemeriden, Bd. l’1ll, Weimar 1801. Es ist nach dem größeren Gemälde Kenckel’s gestochen.
Außer den in J. G. Doppelmayr, Histor. Nachrichten von den Nürnbergischen Mathematicis und Künstlern, Nürnberg 1700, S. 142 und den in Wills Nürnbergischem Gelehrten-Lexikon, Bd. II. S. 198, und in der Fortsetzung desselben von Nopitsch, Bd. II. S. 181 gegebenen Nachweisungen vgl. J. M. Franzen’s Kurtze Nachricht von dem Homännischen Großen Landkarten- Atlas 1c., Nürnberg 1741; R0tjtjA 0mi1jum 111e1xz1srun1 geogr8.p11jOs.rt11N er - 8.St1–011omjOen–um- quA0 j11 0fü0j11et I10meun1js 111Or11111 11etsi–e(5lun1 I01–j111139rgae eJesr:tt–89 Sum etc.- Breslau 1736. – OBcar Peschel, Geschichte der Erdkunde, 1865, S. 596 – W. H. Riehl, Culturstudien aus drei Jahrhunderten, Stuttgart 1862, S. 2 ff. – Das Ausland, Jahrg. 1878 Nr. 29, 1879 Nr. 19. – Allg. Deutsche Biographie Bd. R. S. 743, Art. Hasius von Ratz-el.