ADB:König, Johann Ulrich von

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Artikel „König, Johann Ulrich von“ in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 16 (1882), ab Seite 516, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:K%C3%B6nig,_Johann_Ulrich_von&oldid=557593 (Version vom 25. Dezember 2009, 17:40 Uhr UTC)
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König: Johann Ulrich (v.s) Hofpoet, geb. zu Eßlingen in Schwaben den 8. October 1688 als Sohn eines Seniors Ministerii, im zwölften Lebensjahre verwaist, besuchte daß Stuttgarter Gymnasium, studirte erst Theologie in Tübingen, dann die Rechte in Heidelberg, hier Hofmeister eines Grafen, dessen Vater er al-ß Secretär nach Brabant begleitete, ließ sich in Hamburg nieder, stiftete mit Brockes und Richey die „teutschübende Gesellschaft“, versah 1715 Brockes’ Vearbeitung des „Bethlemitischen Kindermords mit einem Vorbericht über daß ,.Leben des Ritteres Marino", diente selbst dem italienischen Geschmack durch eine rege, gewandte, wenngleich schablonenhafte Thätigkeit für die in Hamburg herrschende Oper, historische, heroische, romantische, schäferliche Stoffe, nicht immer ohne die üblichen, zum Theil dialectischen Derbheiten einer komischen Person behandelnd. Unter den Componisten seiner Pastoralen, Singespiele, Serenaten, musikalischen Schauspiele und Lustspiele erscheinen Keiser und Telemann. „Diana“, „Carolus 7.“, „Heraclius, „Fredegunda“, „Calpurnia“, „Zoroafter“, „Die getreue Alceste“ (sehr frei und ernster nach Quinault,. 1719 in Braunschweig aufgeführt, von Wieland T. Merkur 4, 66 ff. achtungsvoll besprochen), „Heinrich der Vogler", musikalisches Lustspiel „Der gedultige Sokrates, „Cadmus, „Sancio“ 2c., alles von 1712–1727 erschienen; 1724 auch seine Oratorien .,David“. K. war ein Kenner der Musik und förderte Hasse, später Graun. Bostel und andere angesehene Hamburger standen ihm nahe. Im März 1715 wäre er beinahe einem Mörder erlegen. Er verließ 1717 Hamburg –- wo er erst 1730 zu längerem Besuch wieder erschien; Mitglied der „patriotischen Gesellschaft" – verweilte in Leipzig und am Weißenfelser Hof, bis er 1719 zu Dressden mit dem Titel eines Geheimsecretärs Hofpoet wurde, nicht mehr im Pritschmeistergewand, sondern in römischer Heroldstracht bei Festivitäten thätig. Er lernte von J. v. Besser (Bd. II S. 570) die „Ceremonialwissenschaft“, wurde dem gealterten [517] Gönner und Meister 1727 zu „Ceremonialgeschäften adjungirt“ und hatte schon im Herbst das prinzliche Beilager zu verherrlichen. Den einflußreichen Mann strebte Gottsched für seine persönlichen Interessen zu gewinnen; König’s Brief vom 26. September 1729 ist eineAnleitung zum hosirenden Streberthum. 1727 nennt er gegen Bodmer den Magister Gottsched einen jungen Mann, der sein ganzes Glück durch ihn zu machen suche. Er verschaffte ihm die außerordentliche Professur, förderte Neubers, ließ Gottscheden aber im Frühjahr 1730, unter Anderem auch durch dessen Ausfälle gegen die Oper gereizt, in gröbfter Weise die Freundschaft aussagen, blieb sein Feind und begünstigte nachmals Rost. Den früheren Hamburger Freunden mißgünstig, war er 1725 bereit mit Vodiner – die Verbindung datirt von 1723 – einen Feldzug gegen den „Hamburger Patrioten“, d. h. gegen die Seele desselben, Brockes, zu eröffnen und an einem Journal „Boberfeldische Gesellschaft" theilzunehmen, daß nicht zu Stande kam. Er stellte zahlreiche Beiträge in Aussicht: Dichtungen, Aufsätze, Uebersetzungen. Seine Bearbeitung von Pradon’s „Regulus (nach Bressand) erschien 1727; seine schätzbare Prachtauck-gabe des Canitz mit einer guten Lebensbeschreibung und einer, Boileau’sche Correctheit vertretenden Abhandlung über den Geschmack, 1727, die des Besser unvollständig, gleichfalls mit biographischer Einleitung, 1732. Er überschätzt beide als ihr Nachtreter.

Daß t11SAtr9 jts„1j911 und den ls (3trz11(1 studirend, nahm er an der Belebung des deutschen Lustspiels erfolgreichen Antheil. Zur Aufführung kleinerer Werke, auch des „Sokrates, laß er aus den „elenden, unwissenden und gemeinen Leuthen“ der „teutschen Bande Comedianten“ die besten heraus. „Der Dreßdener Schleudrian“, 1725, mit einem lustigen Harlekin, schildert mit flüchtiger Liebesintrigue und in flottem natürlichen Ton daß gewöhnliche Treiben (Schlendrian, Bookesbeutel) der mittleren Kreise. „Die verkehrte Welt“, 1725, frei nach der Operette l.S 111O11c1S r0mser8(3 vom t11es Ttre (18 1a kOjre- führt zwei sächsische Comödianten, Harlekin und Scaramutz zur Fastnachtzeit in ein wunderbares Land, wo sie hübsche Weiber kriegen. Dort geht die deutsche Sprache der französischen vor, die Wahrheit gilt alles, ein kluger Greiz ist begehrter als ein junger Schnauzhahn 1c. Satire gegen den Lohenstein“schen oder nach König’ Worten „den verdorbenen Brockesischen und seiner Anhänger üblen Geschmack“ läuft mit unter. Verse unterbrechen die Prosa. Er betont brieflich daß Wagniß gegen den Hof, „sonderlich wegen der Liebe zu außwärtigen Sprachen und Lustspielen“. Daß; bei durchgeführter Ironie etwas ermüdende Stück blieb gleich dem „Schlendrian“ lange auf dem Repertoire; Schuch gab es noch 1760.

Seine höfischen Dichtungen sind hohle Ausgeburten des besoldeten Byzantinismus. Canitz’s Vornehmheit, die frühere üppige prickelnde Sinnlichkeit Besser’s fehlt. Metrisch ist daß meiste gefällig, so die kurzzeiligen Oden. Er war Gegner des Marinismi1S und dem Reim nicht unbedingt hold. Auf polirte Form bedacht schrieb er u. A. die Abhandlung über die einsilbigen Wörter. Er dichtete für „Wirthschaften“, ließ bei der Geburt eines Prinzen Schäfer und den „befriedigten Elbftrohm“ lange Reden halten, befang die Genesung des Monarchen von einer kleinen Fußwunde wie eine Welterlöfung, versaßte einen maßlofen Panegyricus auf den verschiedenen Friedrich August und begann als Hauptwerk das Pfeudoepos auf ein Manoeuvre „August im Lager“, 1. Gesang 173r Die Einholung des preußischen Königs in Radewitz, 1730. Umarmung der Fürsten; Beschreibung der Zelte, Waffenröcke, Orden, der langen Tafel, des Festmahls; dazwischen Allegorisches. Während Hamann rief: „König unser Ruhm“, . von der „Wahrheit“ (!.) gekrönt, Richey: „Nur ein August, nur ein Augustenwürdiger König", Brockes: „So bildet ein Virgil auch itzo den mehr’ als.römischen August" und Gottsched anhob: „Du sächsischer Horaz, der deutschen Musen [518] T Lust" (ein Pindar in Oben, in Eclogen ein Virgil), untersuchte Breitinger „Critische Dichtkunst“ (1740 Kap. IL) ernstlich, ob .,August im Lager“ ein Gedicht sei? –: nein, er ist prosaisch, unpindarisch. Ein Pindar im Sachsen August?S und Brühl’s! Der Vorwurf würdeloser Liebedienerei trifft nicht K. allein, sondern fast die ganze Zeit. Canitz war ein höfischer Dichter, K. ein bezahlter Hofpoet; Canitz ein Hofmann, K. ein Höfling; Canitz ein Aristokrat, K. sein Emporkömmling, ehrgeizig, eitel, ruhmredig, empfindlich, servil nach oben, gönnerhaft nach Unten. Am Schluß auch seiner Thätigkeit stehen geistliche Gedichte. Nach Vesser’s Tod 1729 rückte er zum Ceremonienmeister und Hofrath auf, wurde Mitglied der Berliner Akademie und vom König von Polen (1740 Reichtzverwefer) geadelt. Ein Fleckfieber endete sein Leben am 14. März 1744.

Seine Gedichte gab Rost 1745 mit einer Biographie heraus. Jördens 4 Z, 55 ff. Schröder, Hamburg. Schriftstellerlexikon 4, 12l ff. – Briefe an Bodmer: Litterar. Pamphlete, 1781; Brandl, V. H. Brockes, 1878, S. 135 ff. An Gottsched: Danzel, Gottsched und seine Zeit, 1848, S. 70 ff.–W. Ereizenach, Zur Entstehungsgeschichte des neueren deutschen Lust`spiels, 1879, S. 2 f., 9.

Erich Schmidt.
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