ADB:Krause, Karl Christian Friedrich

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Artikel „Krause, Karl Christian Friedrich“ in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 17 (1883), ab Seite 75, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Krause,_Karl_Christian_Friedrich&oldid=557704 (Version vom 24. Dezember 2009, 16:01 Uhr UTC)
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Ktltuse: Karl Christian Friedrich K., geb. am 6. Mai 178lin Eisenberg (in Sachsen-Altenburg am Thüringerwald), –i– am 27. September 1832 in München, Sohn eines geistlichen Lehrers, erhielt den ersten Unterricht an der Bürgetschule seiner Vatetstadt, besuchte dann (1792) die klosterschule in Donndorf. hierauf (1794) daß Lyceum in Eisenberg, und, nachdem sein Vater Pfarrer in Nobitz geworden (1795), das Gymnasium zu Altenburg. In seinen Knabenjahren war er körperlich zart und krünklich, indem er mit Augenleiden, Kopfschmerzen und selbst epileptischen Anfällen zu kämpfen hatte, geistig aber war er früh entwickelt und zeigte eine sinnige Hingabe an die Natur, sowie eine hohe Begabung zur Musik, so daß er schon im 7. Jahre im Clavierspiele mehr als Gewdhnliches leistete. Jun Herbste 1797 bezog er die Universität Jena. um [76] Thevlvgie zr studiten, hörte aber mit größerem Eifer philosophische und mathematische Vorlesungen; in den ersteren fühlte er sich von Fichte und Schlegel sehr angezogen, Schelling aber gefiel ihm weniger. Bereits damals zeigte er einen ihm uuchmalD stets anhaftenden Mangel an haushälterischem Ordnungssitme. sowie un Fähigkeit sich in die äußeren Verhältnisse zu finden; er stürzte sich durch umiöthige kostspielige Anschaffungen in Schulden, zu deren Bezahlung er seinen Vater in Anspruch nehmen mußte. Den philosophischen Doctorgrad etwarb er am 6. October 18O1 und machte hierauf auch das übliche Candidatenexamen, obwol er entschlossen war, die theologische Laufbahn aufzugeben. Im März 1802 habilititte er sich als Privatdoeent mit einer Abhandlung -1)o phi1osOpbiue ot mztbeso08 not.ione ct ox-drum intims coninuotjoue“ und hielt mm unter reichlichem Zuspruche der Studirenden Vorlesungen über Mathematik, Logik, Naturrecht, Nuturpl;ilosophie und über das System der Philosophie. Alsbald (Ju1i 18O2s) verheirathete er sich ohne den Willen seiner Eltern mit der Tochter eines Eisenberger Weinhändlers, Amalie Fuchs, welche jedoch aus ihrem Väterlichen Vermögen keinerlei Zuschuß erhielt, und somit zog, da auch diese Gattin des häuslichen Sinnes entbehrte, in Bälde die Roth ein, welche auch stete Begleiterin des Hauses blieb, zumal da im Laufe der Zeit aus der Ehe 14 Kinder hervorgingen. Die schriftstelletische Thätigkeit begann mit „Grundlage des Naturrechts (1803), dann „Grundtiß der historischen Logik“ (1808), d. h. eine eigenthümliche tief durchdachte, aber in abstoßeudstet Sprache geschriebene Entwickelung der Kategorien, hierauf „Grundlage eines philosophischen Systems der Mathematik" (1804), „Die Factoren und Primzal)len von 1–100000“ (1804) und „Entwurf des Systems der Philosophie, 1. Abtheilung: Anleitung zur Naturphilosophie“` (1804). Da im J. 18O4 die bekannte Glanzpetiode der Universität Jena zu Ende ging, indem mehrere hervorragende Lehrer anderweitigem Rufe folgten, nahm auch beiK. die Zahl der Zuhörer merklich ab, und nachdem derselbe im Sommer 18O4 aus Verstimmung gar nicht gelesen hatte, siedelte er in der Absicht, zurückgezogen zu philosophiren, ohne Amt und ohne Subsiftenzmittel mit Frau und zwei Kindern nach Rudolstadt über, von wo er im April 1805 nach Dresden umzog, um Kunststudien zu betreiben. Dort hatte er wol einigen Erwerb durch Unterricht in der Musik und durch Privatvorlesungen, war aber doch in der Hauptsache auf seinen Vater angewiesen, welcher für ihn zweiDrittel seines jährlichen Einkommens opferte. Eine seit 1806 begonnene nähere Bekanntschaft mit dem Freimaurerorden, in welchem er 18O7 den Meistergrab in der Loge .su den dreischwertern“ erlangte, war für ihn in vieler Beziehung folgenschwer. Zunächst faßte er im März 1808 in festem Form den Gedanken eines „Menschheitsbundes", welcher sich auch auf die Menschheit der übrigen Planeten und sonstigen Weltkörpet erstrecken sollte, und indem er in Napoleon ein passendes Werkzeug zur ersten anfänglichen Realisir1mg dieser Idt–e erblickte, wobei vorerst ein Concordat aller christlichen Parteien abgeschlossen werden könne, beabsichtigte er eine Schrift „Der Weltstaat durch Napoleon" zu veröffentlichen, beschränkte sich aber vorläufig auf ein „System der Sittenlehre“ (1810), d. h. eine maurerische Ethik, woneben er für sein Ideal durch ein „Tagbkatt des Menschheitlebens`“ zu wirken suchte, welches jedoch nach einem Vierteljahre zu erscheinen aufhörte. Große geistige Anstrengung verwandte er einerseits auf „Das Urbilb der Menschheit, vorzüglich Freimaurerr gewidmet" C1811, 2. Aufl. 1851) und andererseits auf die geschichtlichen Untersuchungen „Die drei äktesten Kuustm–kunden der Freimaurer-Brüderschaft“ (1811, 2. Aufl. 1820). worin er sowol manche traditionellen Annahmen als unberechtigt zutückwies, als auch über die geheimnißvolle Symbolik sich unbefangen äußerte. Darüber erhob sich in den Logen ein gegnerischer Sturm und K. wurde aus dem Orden ausgestoßen. Zu gleicher [77] Zeit (1811) wurde er durch Etmemofe: (f. Allg. D. Biogr.fBd. VI S. 15K)) mit dem Mesmerismus bekannt gemacht und vetübte selbst mehrere magnetische Euren , wodurch er aber seine eigene Gesundheit schüdigte. Die Mißlichkeit der äußeren Lage veranlaßte ihn wieder an einen festeren Lebensplan zu denken, und indem er seit1812 seine schwärmerischen Ideen über Napoleon zurückgelegt hatte, richteten sich seine Blicke auf Preußen. Im December 1813 zog er mit Familie nach Berlin, wo er sich noch in demselben Winter mittelst der Abhandlung- „l)e Scjsntia bnmems er (18 via m! es.m pt-r7enisn(1i“ als Privatdocent habilitirte; dort gründete er die Berlinische Gesellschaft für deutsche Sprache und faßte die vorläufige Idee des von ihm sogenannten „Urwortthums, d. h. eines neuen Wörterbuches. Da sich aber die Hoffnung gänzlich zetschlug, an die Stelle des im Januar 1814 gestorbenen Fichte zu kommen, kehrte er nach vier Semestern wieder von Berlin nach Dtesden zurück (November 1815). Hier beschäftigte er sich neben dem Studium des Sanskrit und des Perfischen mit seinen Projecten betreffs Pafilalie und Pasigraphie, womit die Veröffentlichung zweier Schriften ` zusammenhing, nämlich „Ueber die Würde der deutschen Sprache“ f1816) und „Ausführliche Ankündigung eines neuen vollständigen W5rterbuches oder Urwortreichthumes der deutschen Sprache". Vom April bis September 1817 machte – er mit dem vermöglichen Fabrikanten Tamnau eine Reise nach Italien bis Neapel und zurück über Lyon und Paris; nach“her Heimkehr aber befanden er und seine Familie sich in einer wahrhaft hilflosen Lage, so daß ihre Nahrung nur in trockenem Brote bestand, während auch der Vater für die zahlreichen Köpfe nicht mehr hinreichend Unterstützung schaffen konnte; doch arbeitete K. rastlos an seinem „System der Wissenschaften“ und hielt auch Privatvorlesungen über die Grundwahtheiten der Wissenschaft (1823, gedruckt 1829). Erklärlicher Weise suchte –tsr wieder eine geregelte Lehtthätigkeit zu erlangen und nach verschiedenen Umsrageu siedelte er im August 1823 mit Frau und 12 Kindern (zwei waren unterdessen gestorben) nach Göttingen um, wo er durch Vertheidigung von :25 philosophischen Thesen sich abermals als Docent habilitirte. Nur von H. v. Thorbecke, dem nachmaligen holländischen Minister, wurde er freund!ich aufgenommen, die übrigen Amtßgenossen verhielten sich mindestens spröd gegen ihn, da auch sein Haushalt, in welchem sichtlich unaufhörliche Roth waltete, einen ungünstigen Eindruck machte. Jede Aussicht auf Anstellung als Professor zerschlug sich immer wieder, wobei allerdings die alte Feindschaft des in hohen Kreisen einflußreichen Freimaurewrdens mitwirken mochte. Qbwol rr häufig mit asthmatischen und 11ervösrn Anfällen zu kämpfen hatte, hielt er um des Unterhaltes willen womöglich täglich füns Stunden Vorlesungen, in welchen erfreulicher Weise die Zahl der Zuhörer allmählich zunahm und außerdem ertheilte er Privatunterricht in Musik. Daneben wat er fruchtbar in Veröffentkichung seiner bizher in der Stille durchgearbeiteten philosophischen Ueberzeugung; es erschienen: „Abriß des Systems der Philosophie, 1. Abtheilung Analytische Philosophie“ e1825); ,.Vorlesungen über das System der Philosophie" (1825.); „Darstellungen aus der Geschichte der Musik" (1827s); „Abriß des Systems der Logik" (“18:28); „Abriß des Systems der Rechtsphilosophie" (18281 und die erwähnten „Vorlesungen über die Grundwahrheiten der Wissenschaft“ (si829, eine 2. Auflage hiervon unter Benutzung des Nachlasses erschien unter dem Titel „Erneute Vernunftkritik“, 18ts91. Run aber brach abermals ein Mißgeschick über ihn herein. Mit dem NeujahrHtage 18si hatten Studentenum:uhen begonnen, welche gegen zwei Vertreter der Siegierung gerichtet waren und schließlich zu einem heftigen Einschreiten militärischer Gewalt führten; dabei aber waren mehrere ZuhörerKrause“8 betheiligt und unter diesen am lebhaftesten Freiherr v. Leonhardi, welcher schon im vorhergehenden Jahre wegen Beleidigung des Prosessors Wendt relegirt worden wat. und Allrens [78] (später als Rechtsphilosoph bekannt), welchem es gelang sich durch die Flucht Weiteren: zu entziehen, sowie Plath (nachmals Schwiegersohn Krause’s), welcher Jahre lang im Gefängnisse schmachtete. Die Regierung faßte Argwohn gegen K.fe1bst und wurde hierin bestärkt, als derselbe wiederholtGeldsendungen erhielt (sie waren aus dem Nachlasse der in Eisenberg gestorbenen Schwiegermutter Krauses), indem man hierin Unterstützungenseitens des im Juli1830 entstandenen Pariser Nevolutionscomites’s vermuthete. Somit wurde K. am 9. März 1831 vor die Universitäts Gerichts Deputation geladen, wobei es schließlich, während ihm nicht daß geringste Vergehen nachgewiesen werden konnte, dazu kam, daß er am 13. April versprach, zu Pfingsten Göttingen verlassen zu wollen, wogegen ihm die Regierung 20O Thaler Reisegeld und ein Zeugniß über „freiwillige“ Abreise zusicherte. K. zog mm nach München, wo er bei der Akademie der Wissenschaften eine Anzahl mathematisch-philosophischer Abhandlungen einreichte, um aus Grund derselben eine Honorarprofessur zu erlangen; Schelling aber als Präsident der Akademie erlaubte den betreffenden Vortrag nicht und erklärte sich auch als Mitglied der philosophischen Facultät der Universität gegen die Aufnahme Krauses. Außerdem hatte die hatmöverische Polizei an den für solche Dinge empsänglichen bairischen Minister Fürsten Wallerstein Mittheilungen über die ihr verdächtig erschienene Persönlichkeit Kraufe’s gemacht, und die Folge hiervon war, daß demselben am 17.März 1832 ein Ausweifungsdecretzugestellt wurde. 2lllerdingtz wurde dieses auf Fürsprache des Professors der Philosophie Franz v. Baader durch hohe Vermittlung wieder zurückgenommen, aberwelchen seine früheren körperlichen Leiden wieder befallen hatten, war durch die erneute Aussichtslosigkeit gänzlich gebrochen und erlag, nachdem er im Sommer noch im Kainzenbade bei Partenkirchen Heilung gesucht hatte, nach der Rückkehr von dort plötzlich einem Schlagflusse. Aus seinem handschriftlichen Nachlasse etschienen später (herausgegeben theils vbn Leonhardi, theils von Ahrens oder Anderen): „Die absolute Religions Philosophie`“ (1834–36); „Die Lehre vom Erkennen und von der Erkenntniß“ c1836); „Abriß der Aefthetik" (1837); „Anfang–2-gründe der Theorie der Musik" (1838); „Die reine oder allgemeine Lebens lehre und Philosophie der Geschichte" (1843) ; „Vorlesungen über psychische Anthropologie" (1848). Jüngst wurden aus dem Nachlasse Krause’s von P. Hohlseld und A. Wünsche herausgegeben „Vorlesungen über Aefthetik“ (1881) und ..Die Dresdener Bildergallerie in ihren hervorragendsten Meisterwerken" (1883). Mag man über Krause’s praktisches Ungeschick und mcmcherlei Fehlgriffe urtheilen, wie man wolle, so hat er doch jedenfalls in einer wahrhaft reinen selbstlosen Hingabe an seine Ideen gearbeitet und geduldet; sowie er überhaupt ein offener, treuer, bescheidener und liebreicher Mann wat, so fühlte er sich stets von allem Reinmenschlichen innigst begeistert. In seiner philosophischen Anschauung besaß er von Schelling her einen theoceutrischen Standpunkt, verband aber hiermit eine Verwerthung der Methode Fichte’s, und er wird immerhin als der bedeutendste selbständige Schellittgianer bezeichnet werden müssen. Sein System gliedert sich in einen analytischen Weg, welcher vom menschlichen Selbstbewußtsein zum Absoluten aufsteigt, und einen synthetischen Weg. welcher von da abwärts durch die rationelle Theologie, dann Psychologie, Naturphilojophie (diese im Anschlusse an Oken„) und Anthropologie zur philosophischen Religionslehre führt, worauf die von ihm sogenannten formalen Wissenschaften, nämlich Mathematik, Logik, Aesthetik. Ethik und Rechtslehre folgen, um in der Philosophie der Geschichte den letzten Abschluß zu finden. Während er so in der That ein allseitiges System entwickelte, verscherzte er einerseits selbst sich einen nicht unvetdiez1ten Erfolg dadurch, daß er in Folge seiner Schrulle deß Sprachpurismus in einer unverständlichen Termit;ologie schrieb (es ist dem Leser [79] doch zu viel zugemuthet, wenn er sich in die von K. beliebte Bedeutung von Worten einstudiren soll, wie z. B. „Orwesen, Malwesen, Omwesen, Satzheit, Richtheit, Faßheit, Seinheituteinheit, Vereinfelbganzweseninnefein., Wesensotomlebselbstschauen" u. dgl.). Ant-ererseits aber kam hinzu, daß K., wol nicht ganz ohne eigenes Verschulden, niemals eine eigentlich amtliche Stellung eitmahm, und kaum dürfte die Meinung irtthümlich sein, daß Kraufe’s Philosophie. wenn sie sich einer derartigen staatlichen Unterstützung erfreut hätte, wie dieselbe dem Hegelicmismus und auch dem Hetbartianismus thatsächlich zu Theil wurde-, wahrlich in gleichem Grade über gar viele Lehrstühle verbreitet gewesen wäre. Trotzdem weist der Krausianismus neben einer kleineren Gemeinde Gleichgesinnter in Deutschland auch weitere Erfolge in Belgien und in Spanien auf. H. S. Lindemann, Uebersichtl. Darstellung des Lebens und der Wissenschaftslehre K. Chr. Fr. Ktause’s und dessen Standpunktes zur Freimaurerbrüderschaft (1839). A. Procksch, K. Chr. Fr. Krause, ein Lebensbild nach seinen Briefen dargestellt (1880). Ueber Krause’s Philosophie s. außer den geschichtlichen Werken Erdmann’s und Zeller’s ’1’jberg11ien- B2c1zositi0n c1n Sy8tßme tie 15rause (1844). Paul Hohlfeld, Die Krause’sche Philosophie in ihrem geschichtl. Zusammenhange u. in ihrer Bedeutung f. d. Geistesleben d. Gegenwart (1879). Ruh. Eucken, Zur Erinnerung an K. Chr. Fr. Krause (1881). Alfy:. Cleß, Das Ideal der Menschheit (1881). Br. Martin, K. Chr. Fr. Krauses Leben, Lehre und Bedeutung (1881). Rosenthal in „Europa“ 1882 Nr. 16 f.

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