ADB:Lützow, Carl von

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Artikel „Lützow, Karl von“ von Hermann Arthur Lier in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 52 (1906), S. 142–144, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:L%C3%BCtzow,_Carl_von&oldid=1776408 (Version vom 28. Dezember 2014, 10:04 Uhr UTC)
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Lützow: Karl von L., Kunsthistoriker, wurde am 25. December 1832 in Göttingen geboren. Er war der Sohn des großherzoglich mecklenburgischen Kammerherrn und Schloßhauptmanns v. L. und seiner Gemahlin, der Tochter des Anatomen Loder in Jena, die L. durch einen frühen Tod verlor. Seine Jugend verbrachte er in Schwerin, wo er die Bürgerschule und seit Ostern 1843 das Gymnasium besuchte. Mit einem ausgezeichneten Abgangszeugniß entlassen, begab er sich im Herbste 1851 nach Göttingen, um dort classische Philologie und Archäologie zu studiren. Er hörte vor allem bei dem von ihm hochverehrten C. Fr. Hermann, bei Schneidewin und Fr. Wieseler, huldigte aber auch als Mitglied der Burschenschaft Hannovera, der er beitrat, den Freuden des studentischen Lebens. Im Frühjahr 1854 siedelte er nach München über, wo er an den alten Philhellenen Friedrich Wilhelm Thiersch empfohlen war und zunächst seine Studien unter diesem, Spengel, Halm und Prantl fortsetzte. Bald nach seiner Ankunft in München lernte er den ihm schon aus den Liedern des Mirza Schaffy vertraut gewordenen Friedrich Bodenstedt persönlich kennen und hat auf diesem Wege den meisten der geistig hervorragenden Männer, welche damals die Tafelrunde König Maximilian II. bildeten, insbesondere Geibel und dem Schweizer Heinrich Leuthold, nahegestanden. Bodenstedt führte ihn in den Geist der orientalischen Poesie ein, begeisterte ihn für die russische Litteratur und wußte auch sein Interesse für seine Uebersetzungen und Studien über Shakespeare zu gewinnen. L. hat seine Erinnerungen an diese schönen Münchener Studienjahre und an seine damaligen Münchener Beziehungen stets hochgehalten und noch kurz vor seinem Ende aufgezeichnet, was ihm davon im Gedächtniß haften geblieben war. (Vgl. Karl v. Lützow, Erinnerungen an Friedrich Bodenstedt, abgedruckt im Biographischen Jahrbuch und Deutschen Nekrolog, I. Bd. Berlin 1897, S. 42*–49*.) Nachdem L. mit der Dissertation: „De vasis fictilibus more archaico pictis“ promovirt hatte, wandte er sich nach Berlin mit der Absicht, die dortigen Antikensammlungen genauer kennen zu lernen. Indessen diente gerade dieser Berliner Aufenthalt dazu, ihn von der Beschäftigung mit dem classischen Alterthum mehr und mehr abzuziehen und dem Studium der neueren Kunstgeschichte zuzuführen. Die Veranlassung zu diesem Wechsel in seinen Neigungen boten die Berührungen mit Kugler und Lübke, den er im Herbste 1858 auf einer Studienreise nach Italien begleitete, an der auch Schnaase theilnahm. L. selbst kam damals bloß bis Florenz und betrieb dann die Vollendung seiner Habilitationsschrift für München, die sich mit der „Geschichte des Ornaments an den bemalten griechischen Thongefäßen“ beschäftigte. Am 17. Februar 1859 begann er in München seine Laufbahn als Docent, als welcher er über griechische Kunstgeschichte, griechische Lyriker, antikes Drama, Pausanias, Kunstmythologie und die Antiken der Münchener Sammlung las. [143] Vom Jahre 1861 an bis 1869 gab er ein Prachtwerk über die Münchener Antiken heraus. Das erste öffentliche Zeugniß für die neue Richtung, die er in seinen Studien eingeschlagen hatte, gab er im J. 1862 durch die Veröffentlichung seiner Lübke gewidmeten Schrift: „Die Meisterwerke der Kirchenbaukunst, eine Darstellung der Geschichte des christlichen Kirchenbaus durch ihre hauptsächlichsten Denkmäler“. Das Werk erschien bei E. A. Seemann in Leipzig, mit dem L. seitdem in eine äußerst rege Verbindung trat, namentlich nachdem er sich verheirathet hatte und wegen eines nicht recht klar gewordenen Zwischenfalles, bei dem der schon erwähnte Schweizer Leuthold eine Rolle spielte, im Frühling 1863 nach Wien übergesiedelt war, wo er die Erlaubniß erhielt, an der Universität Vorlesungen über Geschichte und Archäologie der classischen Kunst zu halten. Er betheiligte sich in Wien zunächst als „Hauptmitarbeiter“ an den „Recensionen und Mittheilungen für bildende Kunst“, die damals im Verlag der Wallishaußer’schen Buchhandlung in Wien herauskamen und begründete dann, als diese mit dem dritten Jahrgang im J. 1864 eingingen, die seit dem Jahre 1866 bei E. A. Seemann erscheinende „Zeitschrift für bildende Kunst“ mit dem Beiblatte „Die Kunstchronik“, das er in kurzer Zeit zu dem angesehensten deutschen kunstwissenschaftlichen und kritischen Organe auszugestalten verstand, und dessen Redaction er mehr als dreißig Jahre, bis zu seinem Tode, in ungetrübter Freundschaft mit dem Verleger verbunden, fortgeführt hat. In Wien, das ihm im Laufe der Jahre zur zweiten Heimath wurde, lebte er sich rasch ein. Schon im Sommer 1864 zum Docenten der Kunstgeschichte an der k. k. Akademie der bildenden Künste ernannt, wurde er im J. 1865 mit der Leitung der Bibliothek und Kupferstichsammlung der Akademie betraut. Im J. 1867 wurde er außerordentlicher und 1882 ordentlicher Professor der Architekturgeschichte an der k. k. technischen Hochschule in Wien. Trotz der Häufung amtlicher Pflichten und der Zeit raubenden redactionellen Thätigkeit fand er Muße genug, eine stattliche Anzahl kunsthistorischer Werke und viele kürzere oder längere kritische Aufsätze zu verfassen, in denen es ihm weniger darauf ankam, selbst gefundene, neue Thatsachen und eigene Forschungen zu bringen, als die Ergebnisse der Kunstgeschichte einem größeren Kreise von Kunstfreunden und Laien durch seine gewandte Feder zu vermitteln. Eine bewegliche Natur und leicht begeistert, blieb er nicht bei den in seiner Jugend gewonnenen künstlerischen Idealen stehen, sondern schritt mit der Entwicklung der Kunst fort und trat sogar nicht selten auch da für das Neue und Neueste ein, wo andere Beurtheiler sich noch vorsichtig zurückhalten zu müssen meinten. Streng aber vermied er es, sich und seine Zeitschrift in den Dienst einer Clique oder Partei einspannen zu lassen, während er seinen zahlreichen Mitarbeitern in weitgehender Weise freien Spielraum ließ. Unter seinen selbständigen Arbeiten ist die auf archivalischen Forschungen beruhende „Geschichte der kaiserl. königl. Akademie der bildenden Künste“, die im J. 1877 als Festschrift zur Eröffnung des neuen Akademiegebäudes herauskam, vielleicht an erster Stelle zu nennen. Seiner schon früh entwickelten Liebhaberei für die graphischen Künste setzte er dann in einer „Geschichte des deutschen Kupferstiches und Holzschnittes“, die in den Jahren 1889 bis 1891 als ein Theil der Groti’schen „Geschichte der deutschen Kunst“ erschien, ein bleibendes Denkmal, das seinen Werth als der erste Versuch einer zusammenfassenden Darstellung des Gegenstandes behalten wird. Unermüdlich geschäftig und immer wieder neue Pläne für schriftstellerische Unternehmungen hegend, erkrankte er im April 1897 an der Influenza, aus der sich ein schmerzhaftes Nierenleiden entwickelte. Eine hinzutretende Blutvergiftung führte seinen Tod am 22. April herbei.

[144] C. v. Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, 6. Theil. Wien 1867, S. 147, 148. – Zeitschrift für Bildende Kunst, N. F., 8. Jahrg. Leipzig 1897, S. 233–238. – Kunstchronik, N. F., 8. Jahrg. Leipzig 1897, S. 353. – Biographisches Jahrbuch und deutscher Nekrolog, 2. Bd. Berlin 1898, S. 191–193. – Seine Schriften verzeichnet bis auf die einzelnen, noch nicht gesammelten Aufsätze und Recensionen das Börsenblatt für den deutschen Buchhandel im 64. Jahrgang, 2. Bd. Leipzig 1897, S. 3635, 3636. Vgl. auch S. 3072. – Die Kunst f. Alle, 10. Jahrgang. München 1895, S. 178. 12. Jahrg. 1897, S. 274, 275. – Illustrirte Zeitung Bd. 108. Leipzig 1897. Nr. 2810, S. 590.
H. A. Lier.