ADB:Latermann, Johann

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Artikel „Latermann, Johann“ in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 18 (1883), ab Seite 11, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Latermann,_Johann&oldid=558140 (Version vom 11. Dezember 2009, 12:55 Uhr UTC)
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Latermann: Johannes L., geb. am 2. Juli 1620 zu Gellershausen bei Coburg, † 1662, ein lutherischer Theolog. Sein Vater war lutherischer Geistlicher, und wurde nicht lange nach der Geburt dieses seines Sohnes vom Coburgischen nach Quedlinburg versetzt. So geschah es, daß der junge L. seine weitere Bildung hier empfing und an der berühmten Universität Helmstädt Theologie studirte. Helmstädt stand damals an der Spitze einer neuen Bewegung in der lutherischen Kirche Deutschlands, die auf Grundlage einer gründlichen Kenntnis; der alten christlichen Kirche eine Vereinigung oder wenigstens gegenseitige Anerkennung der verschiedenen Bekenntnißkirchen herbeizuführen bestrebt war und unter dem Namen Synkretismus zum Gegenstande der heftigsten Angriffe, besonders von Seiten der lutherischen Orthodoxie gemacht worden war. Je mehr unter den Greueln des dreißigjährigen Krieges die Unmöglichkeit einer definitiven Herrschaft einer der kämpfenden Religionsparteien sich herausgestellt hatte, desto mehr wuchs im Volke selbst die Sehnsucht nach einer friedlichen Ausgleichung der Gegensätze, dere Anfang doch nur die gegenseitige Duldung und Anerkennung sein konnte. Georg Calixt, Professor in Helmstädt, war der erste, der dieser Richtung einen theologischen Aus druck gab, indem er gestützt auf solide Gelehrsamkeit, in dem Confenfus der ersten 6 Jahrhunderte den Einheitspunkt aller christlichen Confessionen gefunden zu haben glaubte. Sein Bestreben sand zwar bei Vielen und besonders bei einzelnen Fürsten, die als Inhaber des Kirchenregiments entscheidenden Einfluß auf die Gestaltung und Entwickelung ihrer Landes kirchen ausübten, lebhaften Ankkang, aber ebenso beiAndern die heftigste Opposition. Es war die jesuitische Partei in der katholischen Kirche auf der einen Seite, und die streng lutherische Partei der evangelischen Kirche auf der andern, welche dem Synkretismus den leidenschaftlichsten Widerspruch entgegenstellten. Bei den Lutheranern war es vornehmlich die milde Beurtheilung der Lehrdifferenzen zwischen der lutherischen und reformirten Kirche, welche die Synkretisten an den Tag legten und der von ihnen als Kryptocalvinismus ausgelegt wurde, wie auch ihre Anerkennung mancher katholischer Einrichtungen und ihre aufs günstigste ausgelegte Deutung katholischer Lehren den Vorwurf heimlicher Hinneigung zum Katholicismus hervorrief. In diesem heftigen Kampf, der von beiden Seiten mit größter Erbitterung geführt wurde, gab es zwei fürstliche Familien, welche dem Streben nach Einigung der Religiousparteien kräftigste Förderung angedeihen ließen und eben darum der Steigerung der leidenschaftlichen Polemik enkgegenzuarbaiten suchten. Die eine war die welfischbraunschweig-hannoversche Fürstenlinie wenigstens in einigen ihrer herrvorragendsten Glieder, die andere die brandenburgisch-hohenzollerische Fürstenlinie, deren vornehmster Repräsentant der große Kurfürst Friedrich Wilhelm damit die bewußten Ziele einer patriotisch-deutschen Kirchenpolitik verband. Es war natürlich, daß ein Mann wie Calixt mit seinen Bestrebungen das Gemeinsame in allen christlichen Bekenntnissen als daß Fundamentale des christlichen Glaubens überhaupt zur Geltung zu bringen, bei diesen Fürsten den lebhaftesten Anklang fand und seine Schüler vor allem sich ihrer Gunst erfreuteu. Ebenso darf es nicht verwundern, daß diese Fürstengunst bei vielen Synkretisten die Klippe wurde, an der ihre theologische Ueberzeugung und christliche Lauterkeit scheiterte. Auch Latermann gehörte zu diesen zweideutigen Charakteren. Mit ungewöhnlichen Gaben namentlich was die äußere Erscheinung betrifft, ausgestattet, wußte er sich leicht in die Gunst einflußreicher Personen einzuschmeicheln und durch diese [12] schon in jungen Jahren in Stellungen einzurücken, die sonst nur älteren Personen zu Theil wurden, was den Neid dieser erweckte. Diesen Umstand darf man nicht übersehen, wenn man die ungemeine Heftigkeit begreifen will, mit der sein Auftreten in größeren Kreisen von Seiten seiner Gegenpartei aufgenommen wurde. Nachdem er schon im J. 1643 auf der Universität Helmstädt unter Calixt eine Disputation gehalten und die Magisterwürde erlangt hatte, kam er in Verbindung mit der Gönnerin von Calixt, der verwittweten Herzogin Anna Sophia, einer geborenen brandenburgischen Prinzessin und Tante des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg, die auf ihrem Schlosse zu Schöningen residirte und mit den Häuptern der Helmstädtischen Schule gelehrten Umgang pflegte, auch in Schöningen selbst ein Lyceum gegründet hat. Wahrscheinlich wurde L. ein Lehrer an dieser Anstalt und hatte als solcher wohl öfter Gelegenheit vor der zu predigen. Wenigstens ist sie es gewesen, die ihn mit Empfehlungen versehen zu dem Religionsgesprüch, daß der König von Polen Wladislav 1f. 1645 in Thorn veranstalten ließ, deputirte. Dieses Gespräch, welches der wohlmeinenden Absicht des Königs gemäß ein OO11oqujum 0ztrit:-1ti7un1 sein und heißen sollte, war ohne Kenntniß der wirklichen Zustände der streitenden Parteien unternommen und artete daher bald in gegenseitige gehäfsige Streitigkeiten cms, besonders durch Schuld der lutherischen und jesuitischen Partei und trug somit nur zur Vergrößerung der bestehenden Spaltung bei. L. fühlte sich in Thorn von den Vertretern der lutherischen Confession, unter denen der streitsüchtige Calovius (Bd. 1ll, S. 712i) den maßgebendften Einfluß hatte, so abgestoßen, daß er sich vielmehr an den Präfes der refortnirten Commission anschloß. Zugleich versäumte er es nicht, sich mit den vom Kurfürsten von Brandenburg als Herzog von Preußen gesandten Abgeordneten von Königsberg, die alle der Cakixtinischen Richtung zugethan waren, in nähere Beziehung zu setzen. Als inzwischen das Thorner Gespräch in unfruchtbare Streitigkeiten auHzulaufen schien, reiste L. nach Königsberg, wohin ihn wahrscheinlich seine Gönnerin, die Herzogin Anna Sophia eingeladen hatte, da sie selbst zur Hochzeit ihrer Großnichte, der Tochter des Kurfürsten von Brandenburg mit dem Herzog von Kurland nach Königsberg gereist war. Er mußte öfter vor ihr auf dem Schlosfe predigen und auch der Kurfürst fand so viel Wohlgefallen an dem 25jährigen Gelehrten, daß er ihn 1647 zum außerordentlichen ProIesfOr der Theologie an der Königisberger Universität ernannte. Damit trat er in eine für ihn bedenkliche Nebenbuhlerschaft mit dem Haupte der streng lutherischen Partei in Königsberg, dem Prof. ord. Myslenta. Es fehlte nicht an Gelegenheit zum offenen Ausbruch des Streites. L. ward in Vorschlag gebracht, Capla11 oder Diakon-US an der Altstädtischen Kirche zu werden. Myßlenta sah darin einen neuen Versuch, wie die ihm verhaßten Synkretiften sich in alle Aemter eindrängen wollten und suchte die von der Gemeinde zu vollziehende Wahl auf alle Weise zu hintertreiben. Dies Is gelang ihm auch. Er benutzte eine vor Kurzem 164(3 gehaltene Disputation des L. C19 8(ztsi–118 (ilsi x-1–8.S(1S8tjns.tj011e, die anfangß ohne Anstoß zu erregen vorgegangen war, um darin schwere .Irrlehren nachzuweisen und die Gemeinde vor ihm zu warnen. Auf My8lenta’s Veranlassung wendeten sich sämmtliche Geistliche der drei verbundenen Städte (Altstadt, Löbenicht und Kneiphof) mit Klagen an die Obrigkeit über diesen Irrlehrer. Obwohl nun trotzdem L. gewählt wurde, so zog er es doch vor, von der Bewerbung zurückzutreten; er ward dafür vom Kurfürsten mit Verleihung der zweiten Schloß- predigerstelle entschädigt. Inzwischen ruhte Myslenta nicht, die Anklagen gegen 3. und die ganze Helmstädtsche Schule zu einer Angelegenheit der ganzen Jutherischen Kirche zu machen. Es war der litterarische Streit zwischen Calixt md seinem lutherischen Gegner zu einer solchen Höhe gediehen, daß man gern s [13] die Gelegenheit wahmahm, an einem seiner Hauptschüler ein Exempel zu statuiren. Die fragliche Disputationsschrift Ds 1zrs(108tjnstjone ward an die meisten auswärtigen theologischen Fakultäten zur Censur geschickt. Die Wittenberger, die als die getreuesten Vertreter der lutherischen Orthodoxie galten, sprachen sich sofort entschieden gegen L. als gefährlichen Irrlehrer aus, einige andere stimmten bei, doch fanden sich andere gegentheilige Stimmen. Es kam darüber zu einer scharfen Fehde zwischen Helmstädt und Königsberg, in die auch Calixt hineingezogen wurde. Ein sachliches Interesse ist diesen Streitschriften nicht beizumessen; ez- war viel zu viel persönliche Animosität und zelotischer Eifer darin. L. ließ es an heftigen Schmähschriften gegen seine Gegner, besonders Myslenta nicht fehlen, wie denn dieser und seine Parteigenossen ihn darin noch übertrafen. Der Streit verlief, als die persönlichen Vertreter vom Schauplatz abtraten. Myslenta starb 1658 und L. entzog sich weiteren Anfeindungen dadurch, daß er schon ein Jahr vorher einem Rufe als Generalsuperintendent nach Derenburg im Halbe-städt’schen Gebiete folgte. Von nun verschwindet seine Bedeutung für die Geschichte. Sein Ausgang war für ihn und seine Partei wenig riihmlich. Er wurde nicht lange nach seiner Anstellung in Derenburg ob c-r.Stjtettjs 7jo1atj011Sm 8b jstO 111111161–9 1smotu8. Er ging nach Oesterreich und wurde dort Feldprediger. Als solcher ist er 1662 daselbst gestorben. Selbst seine Parteigenossen, die Helmstädter urtheilen nicht günstig über seinen Charakter. Calixt verwahrt sich entschieden dagegen, daß er ihn jemals empfohlen habe und sein Lehrer Hornejus in Helmstädt soll von ihm gesagt haben, es werde nichts guteis aus ihm werden. Ein anderer nennt ihn vj1– k01sms (1us„m 111Sr1ts msijor. Doch fehlen auch anerkennende Urtheile nicht. Der Freund Calixt’s, der Statthalter Zach. Prüschenk von Lindenhoven nennt ihn einen ysjrum (1o0tum- pjum er j11 N1jt.igs 11c10 re1jgjonjs 0C1jo O0r(18„t11m pA„– rjter etc: m0äerAtum„ ü(:1(si c1S11jC]U9kunL1.i1.lI1ts’11Tk1„1jlllr1 ASSSrt.Orsi11mz;(im9 8t1´si1uuIII. Vgl. Hartknoch, Preuß. Kirchenhistoria S. 604. Walch, Rel. Streitigkeiten der luth. Kirche W, S. 673. Arnold, Historie der Königsbergischen Universität 1l, S. 203. Henke, Georg Calixt und seine Zeit 1l, 2. S.114, 128 – Ein Theil der Latermannischen Streitschriften findet sich auf der Königsberger Bibliothek. Arnold, Kirchengeschichte des Königreichs Preußen, 1769. S. 511.

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