ADB:Luckner, Nikolaus Graf von

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Artikel „Luckner, Nikolaus Graf v.“ von Bernhard von Poten in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 19 (1884), S. 359–361, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Luckner,_Nikolaus_Graf_von&oldid=1707058 (Version vom 20. Oktober 2014, 13:02 Uhr UTC)
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Luckner: Nikolaus Graf v. L., zuletzt Marschall von Frankreich, am 12. Januar 1722 zu Cham im bairischen Walde geboren, der Sohn des dortigen Bürgermeisters, in Passau bei den Jesuiten erzogen, wo ihm „einiger Leichtsinn und Wildheit“ nachgesagt wird, so daß man ihm den Beinamen Libertinus gegeben hatte, trat 1737 als Cadett in das bairische Infanterieregiment Morawitzky, nahm mit diesem unter Oesterreichs Fahnen an dem 1739 beendeten Türkenkriege theil, ward in letzterem Jahre Fähnrich, 1741 Lieutenant und 1743 zu Feraris-Husaren versetzt. Ob er 1744 eine Zeit lang bei dem von dem militärischen Abenteurer Johann Michael Gschray für Baiern geworbenen Freicorps gedient hat (vgl. Luckner’s Lebensbeschreibung in Streffleur’s Oesterreichischer militärischer Zeitschrift, 1861, IV), steht nicht fest. Luckner’s Aufzeichnungen erwähnen nichts davon. General Dr. K. v. Spruner läßt ihn in seinen „Charakterbildern aus der bairischen Geschichte. Erläuterungen zu den Bildern des Nationalmuseums zu München“, München 1878, auf dem Bilde Nr. 68 mit Gschray Straubing gegen die Oesterreicher vertheidigen. Als Feraris-Husaren 1745 in den Sold der Generalstaaten überlassen wurden, ging L. mit denselben nach den Niederlanden, machte dort die Feldzüge des österreichischen Erbfolgekrieges mit und stieg 1748 zum Major auf. Hier wurde er dem Bruder der Erbstatthalterin, dem Herzog von Cumberland, bekannt und gelangte durch diesen bei Beginn des siebenjährigen Krieges in den hannoverschen Dienst. Am 1. Mai 1757 wurde er als Major, mit dem Auftrage ein Husarencorps zu bilden, angestellt; erst ein Jahr später schied er aus seinem Verhältniß in Holland. Es geschah auf Veranlassung der dortigen Regierung. Als es sich um diese Frage handelte, schrieb der Secretär Westphalen an den Höchstcommandirenden, den Herzog Ferdinand von Braunschweig, „L. scheine ihm nichts Großes zu sein, da man aber keinen Besseren habe, möge man ihn conserviren“ und um dieselbe Zeit äußerte Letzterer gegen Ersteren, „man möge das größere Commando an Freytag (s. d.) geben, dem er mehr zutraue und dessen Discretion man sicherer sei.“ Rasch aber gelang es L. darzuthun, daß in der unscheinbaren Hülle, welche sein Anblick zeigte, ein tüchtiger Kern stecke. Schon im Sommer 1758 charakterisirt ihn Westphalen folgendermaßen: „L., qu’à son maintien comique on eut pris pour un vendeur de Mithridat, qui, à le juger par le jargon incompréhensible de ses rapports, semblait n’avoir pas le sens commun, avait reçu de la nature un don particulier pour la petite guerre: personne n’etait plus rusé que lui, ni ne raisonnait plus juste pour tirer parti de l’occasion présente“. Im Frühjahr 1759 berichtet General Wangenheim über ihn: „L. thut Wunder; ungeachtet immer zehn gegen einen sind, greift er sie an und wirft sie immer zurück“; drei Jahre später nennt der Herzog seine Manöver „admirable“. Die Uniform seiner Husaren war zunächst ein gelbverschnürter grüner Pelz und Dolman mit rothen Hosen und ungarischen Flügelkappen von Filz; nach zwei Jahren erhielten sie weiße Dolmans und Pelzmützen mit rothen Beuteln. – Gleich bei Beginn der neuen Aera, welche mit des Herzogs Erscheinen auf dem nordwestlichen Kriegsschauplatze anhub, führte L. sich Ende December 1757 durch einen gelungenen Ueberfall auf den Oberst Grandmaison in Wahrenholz bei Gifhorn glücklich ein und diese Art von Unternehmungen war es, der er auch später einen großen Theil seiner Erfolge verdankte. Sein Angriff des französischen Lagers vor der Schlacht bei Crefeld, wo er in den Artilleriepark fiel, drei Schwadronen nacheinander warf und 60 Beutepferde zurückbrachte; der Ueberfall von 400 französischen Reitern, welche in Holzhausen standen, in der Nacht vom [360] 11. auf den 12. Juli, von denen nur wenige entkamen, weil in Folge der gegenseitigen Erbitterung die meisten niedergemacht wurden; Luckner’s überraschender Anfall auf ein Detachement bei Lahde an der Weser vor der Schlacht bei Minden, welcher ihm „für die bezeigte Bravour“ von Seiten des Herzogs ein Douceur von 1000 Thalern eintrug; sein Zug von Weilburg gegen Frankfurt (Mitte September 1759), wo er die für Bercheny-Husaren bestimmten Remonten aufhob; die Ueberwältigung einer Abtheilung gemischter Truppen zwischen Dillenburg und Siegen (29. December 1759), für welche sein Corps ein genommenes Geschütz „zum steten Andenken“ erhielt; der Erfolg, welchen er wenige Tage darauf im Westerwalde bei grimmer Winterkälte über das Regiment Beauffremont-Dragoner davon trug, sind einige der bedeutendsten solcher Husarenstreiche; sie brachten ihm und den Seinen Ruhm und reiche Beute. „Herr Jesus, was wollen wir mit allen Gefangenen machen!“ schreibt er am 24. Februar 1761 und bis zum Monat September brachte er deren in diesem Jahre 1507 ein, darunter 61 Offiziere. Der Winter, während dessen, nach Art der damaligen Kriegführung, in den größeren Operationen ein Stillstand eintrat, gewährte den leichten Truppen wenig Zeit zur Erholung; ihnen lag dann ob für die Ruhe der cantonnirenden Kameraden zu sorgen, eine Aufgabe, die um so schwieriger war, als ihnen keineswegs verächtliche Gegner gegenüberstanden, deren Führer, wie Fischer, Grandmaison, Champfort, du Blaisel nichts unversucht ließen, den Alliirten Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Luckner’s Geschick für Truppenführung und seine Erfolge hatten bald die Wirkung, daß ihm auch größere Abtheilungen, aus allen Waffen zusammengesetzt, unterstellt wurden und daß er in den vorkommenden Schlachten bedeutendere Commandos erhielt; bei einer solchen Gelegenheit, bei Wilhelmsthal am 24. Juni 1762, ließ er indeß den ihn sonst nie verlassenden Unternehmungsgeist vermissen und trug so dazu bei, daß der Sieg nicht in vollem Maße ausgenutzt wurde. Glänzend bewährte er sich dagegen, als er im October 1761 entsandt wurde, um die braunschweigischen Lande gegen die Unternehmungen des Prinzen Xaver zu schützen und er sich dieses Auftrages rasch und geschickt entledigte. Zwei Umstände sprechen für den Werth, den man Luckner’s Diensten beimaß, die Vermehrung seines Corps und seine eigene rasche Beförderung. Aus einer Compagnie zu 54 Mann wuchs das Husarencorps allmählich zu einem Regiment von vier Schwadronen zu zwei Compagnien und zu einer Stärke von 671 Mann, und L. selbst, im J. 1757 Major, ward, jedes Jahr um einen Grad befördert, 1761 Generallieutenant. „Vorzügliche Meriten erfordern auch vorzügliche Distinctiones“, schrieb Herzog Ferdinand, als er L. 1760 zum Generalmajor vorschlug; er äußerte damals die Absicht ihm das Commando über alle leichten Truppen zu geben, doch kam es dazu nicht; auch war der Herzog gegen Ende des Krieges in mancher Beziehung gegen ihn eingenommen, namentlich rügte er den unerlaubten Gewinn, der durch das Offenhalten von Vakanzen in Luckner’s Taschen floß und der ihn, neben dem Verdienste, welcher ihm als Truppenlieferant erwuchs und seinen sonstigen bedeutenden militärischen Einnahmen, in Stand setzte, bereits im Frühjahr 1761 das Gut Blumendorf bei Oldesloe für 100,000 Thaler anzukaufen. Später erwarb er das in der Nähe liegende, noch im Besitz der Familie befindliche Gut Schulenburg. In den Reihen seiner Kameraden hatte L. viele Widersacher und Feinde, darunter allerdings manche Neider. Alles dies trug dazu bei, daß, als nach Friedensschluß die hannoversche Armee reducirt ward, das Husarencorps trotz der Verwendung des General v. Spörken nicht als ein besonderes Regiment bestehen blieb, sondern mit den übrigen für den Krieg geworbenen leichten Truppen in zwei leichte Dragonerregimenter verschmolzen wurde und daß L. selbst, genau sechs Jahr nach seinem Eintritt, den kurfürstlichen Dienst quittirte. Schon während [361] des Krieges hatte er mit fremden Mächten über eine Anstellung unterhandelt, es wurden ihm mancherlei Anerbieten gemacht; jetzt fand er einen Platz – mit seinem Range und 30,000 Francs Gehalt – in Frankreich, also in den Reihen seiner Gegner, denen sein Name seit dem Jahre 1758 wohlbekannt war.

Fast 30 Jahre sollte es dauern, bis er von Neuem berufen wurde das Kriegshandwerk auszuüben. Die Revolution war ausgebrochen; der charakterlose General schloß sich ihr an und wurde gleichzeitig mit Rochambeau zum Marschall ernannt. Man hegte große Erwartungen von ihm und hoffte, daß die Taktik Friedrichs des Großen durch ihn zu Frankreichs Ruhm und Vortheil neue Triumphe feiern würde. Aber der unternehmende Parteigänger war kein Feldherr und der kecke Soldat des siebenjährigen Krieges war alt geworden, dazu lähmte die Halbheit seiner politischen Parteinahme die Energie seiner Entschlüsse. Als er an Rochambeau’s Stelle das Commando der Nordarmee erhalten hatte, rückte er freilich 22 Lieues in Flandern ein, drängte die schwachen österreichischen Abtheilungen, die ihm gegenüber standen, zurück, nahm Menin und Courtray, gab aber alle diese Vortheile wieder auf, als es hieß, Dumouriez sei nicht mehr Minister. Charakterlos schwankte er hin und her; solange Lameth, Jouy und andere Offiziere, welche ihm nahe standen, bei ihm waren, schimpfte er auf Dumouriez; hatte dieser die Oberhand, so klagte er jene an. Man gab ihm nun Lafayette zum Nachfolger und versetzte ihn zur Armee des Centrums in Metz, wo er sich ebenso unfähig erwies. Der Herzog von Braunschweig war in die Champagne eingedrungen; L., statt ihn in Flanke und Rücken zu fassen, wozu Dumouriez ihn aufforderte und wozu er trotz des üblen Zustandes, in welchem seine Truppen sich befanden, wol im Stande gewesen wäre, blieb unthätig. Dennoch wagte man nicht ihn zu beseitigen, weil man die öffentliche Meinung, welche für L. eingenommen war, fürchtete; man versetzte ihn nach Châlons, wo er die Aufsicht über eine zu sammelnde Armee haben sollte, ohne selbst ein Commando zu führen. Die Soldaten machten sich über ihn lustig und die Disciplin in der republikanischen Armee ging vollends zu Grunde. Um ihn zum Rücktritt zu bewegen, setzte man ihm den Oberst Laclos zur Seite, ohne dessen Mitunterschrift keine Anordnung Luckner’s Gültigkeit haben sollte. Dies bewog ihn endlich, seine Enthebung vom Commando nachzusuchen, die er unter Zusicherung der Fortzahlung seines ganzen Gehaltes erhielt. Damit haperte es aber bei der französischen Republik sehr bald; um seine sehr berechtigten Forderungen beizutreiben ging L. nach Paris und verfiel hier den Händen Fouquier-Tinville’s, der ihn der Mitschuld an den Verbrechen von Dumouriez und Custine anklagte. Charles Hesse, ein Sprößling des hessischen Fürstengeschlechtes, der unter jenem Namen sich der Revolution in die Armee geworfen hatte, war der Hauptbelastungszeuge, auf dessen haltlose Anschuldigungen er zum Tode verurtheilt wurde. Am 4. Januar 1794 erlitt er diesen mit der würdigen Haltung des alten Soldaten; die Revolution glaubte in ihm einen Hauptrepräsentanten der alten Armee zu treffen.

L. v. Sichart, Geschichte der königlich hannoverschen Armee, III, Hannov. 1870. – H. Wallon, Histoire du tribunal révolutionnaire de Paris, II, Paris 1880. – (Generallieutenant v. Dachenhausen), L. und seine Husaren, Verden 1863 (einzelne Ungenauigkeiten).
Poten.