ADB:Meier, Ernst Julius
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Meier: Ernst Julius M., angesehener sächsischer Geistlicher, † 1898. – Als Sohn eines Steueramterendanten wurde Ernst Julius M. am 7. September 1828 zu Zwickau in Sachsen geboren, besuchte hier das Gymnasium unter Raschig’s Directorat und bezog 1847 die Universität Leipzig, um Theologie zu studiren. Während das Fachstudium zurücktrat, aus dem nur Niedner’s kirchen- und dogmengeschichtliche Vorlesungen, wie dessen kirchenhistorisches Seminar ihn dauernd fesse1ten, wurden die philosophischen Studien um so eifriger getrieben. Christian Hermann Weiße wurde ihm „sein lieber, lieber Professor, zu dem er einen natürlichen Zug der Sympathie von Anfang an zu haben fühlte“. Bei ihm hörte er sämmtliche philosophische Collegien, wurde auch zur Vertiefung in Hegel, Schelling, Spinoza und Jakob Böhme, in Schleiermacher und Richard Rothe angeregt und zu einem selbständigen Eindringen in religiöse und kirchliche Fragen geführt. „War doch bei dem Philosophen Weiße mehr Begeisterung für die Ideale des Christenthums zu finden, als bei den meisten theologischen Docenten Leipzigs in jener Zeit.“ Daneben trieb er mit Vorliebe litterarische und ästhetische Lectüre; besonders fesselten ihn Shakespeare, Jeremias Gotthelf und die deutschen Classtker. 1849 trat er in die Lausitzer Predigergesellschaft ein, betheiligte sich an ihren wissenschaftlichen und praktischen Uebungen, war auch Mitbegründer eines unter Dr. Vornemann’s Leitung stehenden katechetischen Vereins, in dem er mehrmals katechetische Entwürfe eingab, auch Lectionen hielt.
Nachdem er 1850 die erste theologische Prüfung bestanden hatte, wandte sich der junge Candidat nach Dresden, wo er an der Privatschule des Directors [289] Petasch als Lehrer und Erzieher wirkte. In seine Stimmung beim Weggange von Leipzig läßt folgende Niederschrift blicken: „Ich bin ein Freier, Gott sei Dank! In eure spanischen Stiefel, meine Herren Theologen, komme ich aber hoffentlich nicht sobald wieder. Uebrigens keinen Groll: gründlich v-erachten . habe ich euch und eure Sippschaft lernen, um desto wahrer, inniger und tiefer an dieser einen Welt- und Menschenüberwindenden Gestalt des Gottmenschen mit Leib und Seele zu hangen.“ Persönliche Beziehungen zu Otto Ludwig, Ludwig Richter und Heydrich trugen zu seiner Vertiefung bei, auch gründliche Versenkung in Luther’s Schriften und die Zeit der Reformation. Nach bestandener Prüfung siedelte er nach Leipzig-Stötteritz über als Hauslehrer in der Familie seines verehrten Gönners Weiße. Während dieser Zeit gewann Ahlfeld als Prediger und Lehrer im Candidatenverein auf ihn großen Einfluß. Nach vorhergehender Thätigkeit als Katechet zu St. Petri in Leipzig trat er am 10. September 1854 das Pfarramt Flemmingen mit Frohnsdorf an, wurde 1864 Superintendent und Oberpfarrer zu Lößnitz im Erzgebirge, Anfang des Jahres 1867 Superintendent der Ephorie Dresden 1l und Stadtprediger, nach Theilung der Parochien Pfarrer an der Frauenkirche in Dresden. 1890 erfolgte seine Berufung als Oberhofprediger und Vicepräsident des evangelisch-lutherischen La.ndeseonsistoriums, in welcher Stellung er bis zu seinem Tode am 6. October 1898 verblieb.
Seine Bedeutung lag in seinen Leistungen als Prediger. Mit einem durchdringenden Organe und glänzender rednerischer Begabung ausgestattet, wußte er bei feierlichen Gelegenheiten, z. B. bei der Lutherfeier 1883, mit seiner Beredsamkeit die Herzen zu packen, bei Cafualreden in schwierigen Fällen das rechte Wort zu finden; aber auch jede einzelne Predigt zeichnete sich durch Gedankenfülle, glänzende Sprache, treffende Dialektik, musterhafte Verwendung der deutschen Litteratur und seine psychologische Entwicklung aus. Ein großer Theil liegt gedruckt Vor in den Sammlungen „Wir sahen seine Herrlichkeit“, 1. Sammlung (Leipzig 1871, 2. Auflage 1877); 2. Sammlung (1877, 2. Auflage 1891), „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte“ (Leipzig 1866, 2. vermehrte Auflage 1894), sowie in Zeitschriften, wie in der von seinem Freunde Zimmermann herausgegebenen homiletischen Monatsschrift „Gese und Zeugniß“, den späteren Pastoralblättern, in zahlreichen Einzeldrucken, unter denen die Predigten zur Eröffnung des Landtags und der Synode erwähnt seien.
Daneben entfaltete er eine eifrige seelsorgerische Thätigkeit. Während der drei Jahrzehnte langen Dresdener Wirksamkeit sammelte er neben der ihm in seinem Amte anvertrauten Gemeinde eine zahlreiche persönliche Gemeinde, zu der namentlich viele Beamten- und Officierzzfamilien gehörten. Großen Nachdruck legte er auf den Confirmandenunterricht, in dem er die jungen Herzen gewann, die ihm ihr Lebenlang in treuer Verehrung zugethan waren.
Einen großen Theil seiner Kraft nahm die Verwaltung in Anspruch; schon in seiner Stellung als Ephorus der großen, sich immer stärker bevölkernden Landephorie Dresden mit ihren ins Ungemessene wachsenden Vororten, in denen ihm bis zum Jahre 1874 auch das Schulwesen unterstand, noch mehr in dem einflußreichen Amte eines Oberhofpredigers; die Besetzung der geistlichen Stellen, die Prüfung der jungen Theologen, die Vorbereitungen zu den Vorlagen an die Landessynode, diese selbst, die von ihm erneuerten Kirchenvisitationen, die Theilnahme an den Eisenacher Conferenzen nahmen ihn stark, eigentlich gegen seine Neigung, in Anspruch. Die Erziehung des theologische.n Nachwuchses in den Candidatenvereinen war ihm eine wichtige Aufgabe. Die [290] Ansprachen an die Geistlichen und Lehrer der Ephorie sind gesammelt in den „ Feststunden brüderlicher Gemeinschaft“ (1871), „Stunden der Weihe für den Dienst in der Gemeinde“ (1878).
Wissenschaftlich beschäftigte er sich mit der Reformationszeit. Eine Frucht dieser Studien war sein „Nicolaus von Amsdorf“ in Meurer’s Leben bei Allvater der lutherischen Kirche. Auch für Caspar Aquila hatte er die Vor» arbeiten begonnen. Eine Freude waren ihm dogmatische und ethische Studien, Viel Erfolg hatte er mit seinen vollsthümlichen Vortrügen, wie „Iud»s Ischarioth, ein biblisches Charakterbild“, „Johannes, der Jünger, der nichl stirbt“, „Der Dienst der evangelischen Kirche am deutschen Volte mährend dn Zeit des dreißigjährigen Krieges“, wie mit den oft mit Spannung erwarteten, gern gelesenen und viel besprochenen Artiteln zu den Bußtagen und Festzeilen in der Leipziger Zeitung.
Verheirathet war M. seit 1854 mit Therese Schmidt, die aus einei Dresdner Künstlerfamilie stammte. Von drei Söhnen widmete sich einer dci juristischen, einer der Marine», einer der geistlichen Laufbahn; die Tochter ist an den Pfarrer v. Kühn an der Iohannistirche in Dresden verheirathet, du die untenstehende Biographie verfaßt hat.
Vom Königlich Sächsischen Verdienstorden besaß M. den Comthur II. Cl., vom Albrechtsorden den Comthur I. Cl., vom Sachsen-Ernestinischen Hausorben den Comthur II. Cl.
- B. Kühn, Oberhofprediger Dr. tnsol. st plnl. Ernst Julius Meier i», den Beiträgen zur sächsischen Kirchengeschichte, hrsg. Von Dibelius uni Brieger. 12. Heft (Iahresheft für 1897)). Leipzig 1898, S. 1–55. -^ G. Rietschel in Hauck’s Realencntlopadie für protestantische Theologie un> Kirche. 3. Aufl. XII, 503 f. – R. Zöpffel im Lexicon für Theoloyi« und Kirchenmesen von H. Holtzmann und N. Zöpffel. 2. Aufl. Braun schweig 1888, S. 717 d. – Kohlschmidt in: A. Nettelheim, Bio graphisches Jahrbuch und deutscher Nekrolog III (Berlin 1900), S. 39« bis 395. – Oberhofprediger v. Meier. Allgemeine evangelisch » lutherisch Kirchenzeitung (Leipzig), Jahrgang 1897, Sp. 1014–1018. – Tempe, v. Kunze und Kluge, Fünfundzwanzig Jahre Candidatenverein. Dresbei 1892. – H. I. Scheuffler, Die evangelisch-lutherische Lanbessunode u Königreiche Sachsen in ihrem eisten Vierteljahrhundert 1871–1896. Selbs! verlag des Verfassers, in Commission der Buchdruckern Julius Reiche Dresden (1897), S. 165. 2. 39. 273. 282. – Meier’s Bild befindet si auf den drei photographischen Portraigruppen , die von dem Photograph« A. Strube in Löbau (Sachsen) zusammengestellt worden sind (Löbau 1897).