ADB:Menzel, Wolfgang

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Artikel „Menzel, Wolfgang“ in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 21 (1885), ab Seite 382, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Menzel,_Wolfgang&oldid=839378 (Version vom 10. Dezember 2009, 23:18 Uhr UTC)
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Band 21 (1885), ab Seite 382. (Quelle)
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Menzel: Wolfgang M., Schriftsteller, geb. zu Waldenburg in Schlesien den 21. Juni 1798, f zu Stuttgart den 23. April 1878. – M. war der Sohn eines schlesifchen Arzte8, auS wohlhabender Familie. Er verbrachte seine Kind- heit in seiner GeburtSstadt, vom Mai 1810 an auf dem von seiner früh ver- wittweten Mutter erworbenen Rittergut Ober-ArnZdorf zwischen Strehlen und Neiße. Biz zum 16. Jahr von einem Hofmeister unterrichtet, bezog er an Ostern 1814 da8 Elisabethen-Gymnasium in Breslau, in daß er, nachdem er sich, ohne aber den AuZzug mitmachen zu können, für den Krieg von 1815 in dir Reihen deS preußischen HeereS gestellt hatte, noch im nämlichen Sommer zurück- kehrte, um nunmehr an den Bestrebungen der Turner hervorragenden Antheil zu nehmen. Ebenso war er, nachdem er 1818 die Jenaer Hochschule bezogen hatte, einer von den Gründern und eifrigsten Theilnehmern der deutschen Burschen- fchast. M. studirte Geschichte und Philosophie, mußte aber, al?- nach Sand’S Attentat den preußischen Studenten der Aufenthalt auf nichtpreußischen Hoch- schulen verboten wurde, Jena verlassen und ging nach Bonn. Dort mit der Behörde in Conflict gerathen, entzog er sich den gegen die Mitglieder der Burschenschaft gerichteten Verfolgungen, indem er sich im Frühjahr 182O nach der Schweiz wandte. Da seine Familie durch den Krieg verarmt war, mußte er selbst für sein Weiterkommen sorgen. Er ließ sich noch im selben Jahre in Aarau als Turnlehrer –– neben anderen Lehraufträgen anstellen. Schon nach zwei Jahren gab er diese Stellung auf, um von den Erträgnissen seiner Feder zu leben. Mit Troxler, Friedrich List, L. A. Follen und Mönnich gab er die ,,Europäischen Blätter" heraus- (Zürich, 1824 f.), zog aber selbst schon 1824 nach Heidelberg, weil ihm in Aarau die litterarische11 Hilfe31nittel fehlten. Ju Heidelberg griff er in die Händel zwischen Paulus, Voß und Creuzer ein (»Voß und die Symbolik"). Mit Maßmann wollte er nach München gehen und verließ Heidelberg am :21. März blieb aber in Stuttgart, wo ihm Cotta die Redaction seine?- LitteraturblatteS anbot. Menzel hat Stuttgart nur für kürzere Reisen wieder verlassen, deren zwei, die österreichische von 18Z1 und die italienische von 1835, er in eigenen Schriften geschildert hat. Er verhei- rathete sich schon ein Jahr nach seiner Ankunft mit einer Schwäbin und ver- wuchS auch durch seine starke Familie immer mehr mit Schwaben. Außerdem wurde er 1881 in die württembergische Kammer gewählt und wiederum 1848, während er für daß Frankfurter Parlament dem Candidaten der Linken weichen mußte. Zuerst der liberalen Opposition angehörig, stellte sich M. in deu Re- volution?-jahren auf die Seite der conservativeren Parteien. Der Mann, der in allem ein leidenschaftlicher und heftiger Verfechter seiner Meinungen war, hat auch darüber Manches hören müssen; c–S ift aber hier nicht der Ort darauf ein- zugehen. Seit dem Eingehen deS Cotta’schen LitteraturblatteS, dem er 18T-2 biz 1869 ein selbständigeB in anderem Verlage folgen ließ, blieb M. ohne ?efte Stellung. von dem Ertrag seiner überaus fleißigen Feder lebend, auch an meh- reren wissenschaftlichen Vereinen betheiligt – ez sei hier nur der litterarische Verein in seinen Anfängen genannt -–, biS zu seinem Tode in Stuttgart. – Seiner Schriftftellerei, die zwölf Jahre nach seinem Tode schon recht sehr vergessen ift, gerecht zu werden, ift nicht leicht; schon deck-halb, weil der Jüngere die mannigfachen Händel, in die der streitlustige Mann verwickelt war, gar nicht recht mehr begreift und sie, von irgend einem Standpunkte der Gegenwart au;3 betrachtet, mitunter fast gegenftand8loS erscheinen müssen. M. war ein sehr fleißiger und vielseitiger, w3hl aber auch ein gar zu fleißiger und vielseitiger Schriftsteller. Auf den Erwerb durch Schriftftellerei angewiesen, durch ein un- geftümeS Naturell zur lebhaften und eifrigen Geltendmachung feiner Empfin- dungen getrieben, hat M. sich nicht so recht die Zeit zur gänzlichen Au6rei?ung [383] seiner Jdeen gelassen. Was er in Theologie, Sagenkunde und Naturwissenschaft geleistet hat (»Mythologifche Forschungen und Sammlungen", ,,Odin«, »Die vorchristliche Unsterblichkeit8lehre«, ,,Christliche Symbolik", »Natutkunde im christlichen Geiste"), das darf wol am ehesten, als allzusehr den Dilettanten und Freund phantastifcher Einseitigkeiten verrathend, bei Seite gelassen werden. Daß M. feine poetischen Versuche nicht fortgesetzt hat, kann bedauert werden; denn er zeigt in ihnen viel Frische und Geist. Au-3gedehnt ist seine Thätigkeit im Gebiete der Litteratur. Er stellte sich schon in feinen ersten Schriften (,,Streck= verse", 1823) auf den Boden der Romantik, kämpfte für specifisch germanische und christliche Auffassung und Pflege der Dichtung, bekämpfte den Rationalis- muZ, so namentlich PauluZ und Voß, aber auch die Hegel’sche Philosophie, der er die Schelling8 gegenüber stellte, vor allem aber Goethe alS den Urverderber der Zeit. Man kann diese ganze Richtung au8 Menzel’S Jugendleben begreifen. Ju ländlicher Umgebung hatte er vier Jahre feiner Jugend zuge-bracht, die Ge- sellschaft war ihm in feiner Vaterstadt nur in der Gestalt eineS wenig geistvol1en ProtzenthumS vor Augen gekommen; in feine Gymnasiasten- und Studentenzeit fielen die BefreiungS-kriege. So konnte sich leicht eine Verachtung der ruhig- gemesscnen Weltbildung, eine Ueberfpannung der Jdeeu, die ohnehin in der gährendcn Zeit lagen, in ihm ausbilden. Unermüdlich eifernd und polternd hat M. diese Ansichten in seinem Litteraturblatt und in dem 1828 zuerst er- schienenen Werke ,,Die deutsche Litteratur« entwickelt; viele-?-, vielleicht daß meiste von dem, was er dort mit dem unermüdlichen Eifer eines Adepten immer wieder predigte, ist jetzt, unter ganz anderen Verhältnissen, ohne alleS Jnteresse; mitunter möchte man ihm gern beifal1en, aber er ift zu einseitig, zu blind in feinem Eifer, und namentlich feine Opposition gegen Goethe (man darf da freilich nicht vergessen, daß die schönsten Zeugnisse für Goethe?- Persönlichkeit erst später an den Tag getreten sind) ist so maßloS, daß man unwillkürlich selbst gegen daß Wahre, was er da etwa gesagt hat, unwillig sich verschließt. Diese Kund- gebungen brachten M. in Conf1icte verschiedener Art, in denen er nur immer mehr sich in feine Jdeen verbohrte, und gipfeltt-n in den Händeln mit dem jungen Deutschland, von dessen Vertretern er sich die schlimmsten Dinge sagen lassen mußte (sKottenkamp, Anti-Menzel, Stuttgart 18Z5; Börne, Menzel der Franzosenfresser, Schristen (1862), Bd. V1; Heine, Ueber den Denuncianten, Werke, Bd. )(l1’; vgl. auch Gutzkow’S »Rückblicke« und Strauß, Streitschriften, Heft 1l.), auf die er die Antwort nicht schuldig blieb. Seine Ansichten hatten sich schon früh so petrificirt, daß er sie umzubilden nicht im Stande war; daher hat er nach jener Zeit ebenso sehr jede größere Bedeutung für die Littera- tur verloren, wir seit 184Z für die Politik. –– Wohl am wichtigsten sind Menzel’S historische Werke, jedenfalls füllen sie in der Sammlung seiner Schriften den größten Raum auS. Aber seine »Gefchichte der Deutschen« (1824 ff.) hat sich auch in der That Freunde gewonnen und den patriotifchen Sinn bri Vielen genährt, während die zufammenfassenden GeschichtSübersichten seiner späteren Jahre keine bleibende Bedeutung beanspruchen können. Für Menzel’Z Biographie f. seine, von seinem Sohn Konrad heraus- gegebenen Denkwürdigkeiten (Bielefeld und Leipzig 1877), die leider in ihrer etwa8 fenilen und felbstgefälligen Redfeligkeit mehr Anekdotenkram als wirk- lich WerthvolleS enthalten. Sein Bild findet sich ebendaselbst. –– Menzel’S Werke sind aufgezählt bei Goedeke, Grundriß, lll. 1021–1024; einige Fehler ,deS btr. Artikels sind oben berichtigt, und ich trage noch die bei G. fehlenden Werke Menze1’S nach: ,,Deutsche Dichtung von der ältesten biz auf die neueste Zeit«, 3 Bde., Stuttg. 1858 f., ein Werk, da8 sich vor anderen Behandlungen des Gegenstandes- durch die Mitberücksichtigung der in lateinischer [384] Sprache gehaltenen Litteratur auszeichnet; »Kritik de8 modernen Zeitbewußt- sein8", Frankf. a. M. 1869; 2. Aufl. 1873; »Die vorchriftliche Unfterblichkeit8- lehre", 2 Bde., Leipz. 1870; »Geschichte der neuesten Jesuitenumtriebe in Deutschland", Stuttg. 1873. Auch muß ich nachtragen, daß von Menzel’Z .,Mythologischen Forschungen und Sammlungen" (Goedeke Nr. 17») nur ein Bändchen–erschienen ist, und daß feine zeitgefchichtlichen Ueberfichten nach seinem Tode zusammengefaßt wurden als »Geschichte der Neuzeit 1789–1871«, 13 Bde., Stuttg. 1877,78.

Hermann Fischer.
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