ADB:Mursinna, Christian Ludwig

aus Wikisource, der freien Quellensammlung

Wechseln zu: Navigation, Suche

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Mursinna, Christian Ludwig“ in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 23 (1886), ab Seite 81, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Mursinna,_Christian_Ludwig&oldid=681248 (Version vom 25. Dezember 2009, 06:42 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
Murrho, Sebastian (um 1450 bis 1495)
Nächster>>>
Mursinna, Samuel
Band 23 (1886), ab Seite 81. (Quelle)
Autor [[{{{9}}}|{{{9}}} in Wikisource]]
Nach PND-Nummer Suchen
unkorrigiert
Dieser Text wurde noch nicht korrekturgelesen. Allgemeine Hinweise dazu findest du auf dieser Seite.

!NUtsi1lull: Christian Ludwig M., preußischer Generalchirurgus und Professor der Chirurgie zu Berlin, gehört zu denjenigen bedeutenden Chirurgen, die, aus der Barbierstube hervorgegangen, sich zu einer angesehenen Stellung in der Wissenschaft emporgeschwungen haben. Zur Zeichnung seines Lebenslaufes benutzen wir eine im Jahre 1811 bei Gelegenheit der Feier seines 50jährigen Dienstjubiläums im Druck erschienene Autobiographie. Er war am 17. Decbr. 1744 zu Stolp in Hinterpommern als Sohn eines Tuchmachers geboren, besuchte nur bis zu seinem 12. Lebensjahre die dortige lateinische Schule, mußte dann widerwillig bei seinem Vater in die Lehre treten, wurde jedoch bereits nach einem Jahre, auf seine Bitten, von dem Magistrat der Stadt einem Bader in Stolp, und, da er von diesem sehr tyrannisirt wurde, darauf einem Stadtchirurgus in Colberg in die Lehre gegeben. Seine Lehrzeit in Colberg von 1758 an fiel in die Zeit der drei durch die Russen bewirkten Belagerungen der Festung, von denen die im Jahre176t) die schrecklichste war und mit der Uebergabe derselben endigte. M., der am Ende der Belagerungfreigesprochen worden war, war ohne Gehalt in den preußischen und russischen Feldlazarethen bis zum Frieden thätix; und wurde am 5. März 1761 von dem Generalchirurgus Theben zum wirklichen Lazarethehirurgus ernannt. In demselben Jahr war er noch I1III. 6 [82] in den Felolazarethen zu Stettin und Beilin unter Cothenius und Theben und bei der Belagerung von Schweidnitz unter Schmucker in Thätigleit, lag dann selbst 3 Monate lang lranl im Lazareth zu Breslau, wahrend welcher Zeit er steißig alle medicinischen Bücher, deren er habhaft werden tonnte, namem lich Heister und Platner, studirtc. Hier war es auch , wo er nach seiner Genesung die ersten anatomischen Studien machte, unter Leitung des als Embryologen spater so berühmt gewordenen Dr. Caspar Friedrich Wals, der von Cotheniu; beauftragt worden war, den Lazaiethehiiuigen die Anatomie vorzutragen und t-c praktischen Hebungen in derselben zu leiten. Nach erfolgtem Frieden 1763 und mit der Aushebung der Lazarethe wurden die meisten Chirurgen und auch M entlassen. Um sein Leben in Berlin zu fristen . verlauste er seine Heste übei Anatomie an begüterte Chirurgen, lehrte die Osteologie für Geld, mußte air, Ende aber doch wieder zur Barbierstube seine Zuflucht nehmen, besuchte indessen auch Vorlesungen über Physiologie, Physik, Chirurgie «. 1764 wurde er. tme früher in Breslau, Famulus bei Dr. Wolf und horte zwei Jahre lang desscr Vorlesungen über Physiologie, Logil ic. , wurde 1765 zum Compagniechirurgiu bei einem Regiment in Berlin, 1767 in Potsdam ernannt, wo er. zusammen mit dem nachherigen Professor Voitus eisrig studirte und die Lücken in sein« Erziehung auszusüllen suchte. 1772 wurde er zum Pensionärchirurgus ernanm lam nach Berlin und hatte daselbst Gelegenheit seine Studien fortzusetzen, wurl- 1775 „vorstehender Wundarzt“ in der Charit«, wo er ein Jahr lang unter Uu zelius und Henckel innerliche und äußerliche Kranke behandelte und auch Geburtshül'i trieb und, wie er selbst sagt, seine praktischen Kenntnisse als Arzt, Wundarzt unt Geburtshelfer begründete. 1776 wurde er zum Regimentschirurgus bei einem Regimente zu Bielefeld in Westfalen ernannt, machte 1778 den bairischen Erbfolgekrieg mit. in welchem er vielfach Ruhr» und Typhuskrante zu behandelr hatte. Seine dabei und bei einer bösartigen Ruhrepidemie in Westfalen, namem lich in Hersord, gemachten Erfahrungen veröffentlichte er in seiner ersten Schri'! „ Beobachtungen über die Ruhr und die Faulfieber“ , Berlin 1780; 2. Au'l 1782. Auch gab er um dieselbe Zeit seine „Medicinisch-chirurgischen Beobachtungen, nebst einigen Anmerkungen darüber“, zwei Sammlungen. Berlin I7s2, 1783; 2. Aufl. 1796 heraus, bald daraus auch seine „Abhandlung von den Krankheiten der Schwängern. Säuglinge, Gebärenden, Wöchnerinnen und Nothlager 2 Thle.. Berlin 1784. 1786; 2. Aufl. 1792. Im October 1786 wurde er ,u einem Regiment in Berlin versetzt, 1787, nach dem Tode seines Freundes Voitu« zum wirklichen Geneialchirurgus und einige Monate darauf zum Proseffor bei Chirurgie ernannt, welche Stellung er mit einer Rede „Schilderung ein« Wundarztes in einer bei seiner Einführung ins Lehramt auf dem öffentlichen Hörsaal gehaltenen Rede“. Berlin 1787, antrat. Einige Jahre später schrieb ei zur Abwehr „Berichtigung des Sendschreibens des Herrn Hofrnth Hagen >?, Berlin an den Herrn Hofrath Stark zu Jena, über zwei schwere OeburtsMe Zur Erforschung der Wahrheit“, Berlin 1791. Nach dem Feldzuge in Polen, den er 1795 mitmachte, publicirte er seine „Neue medicinisch-chirurgischen Beob achtungen“. Berlin 1796. in welchen alles Wichtige, was ihm in jenem Krieg. Vorkam, enthalten ist. Als nach dem 1797 erfolgten Tode des Geneialchirurgus Theben dessen Stelle als Ches des preußischen Militärsanitätsmesens Görcke ,u Theil ward, fühlte sich M. , der die gerechtesten Ansprüche auf diese Stellung zu haben glaubte, sehr zurückgesetzt und konnte es erst nach und nach verwinden 1798 erhielt er von der Universität Jena das Doctordiplom und 1799 wuit ihm von der Wiener Iosephsakademie der zweite Preis, in einer goldenen N daille bestehend, für seine „Abhandlung über die Durchbohrung des Schädel« ' Wien 1800, 4“ zuerkannt und er zugleich zum Mitgliede der Akademie ernllnn! m Jahre 1801 begann M. ein eigenes „Journal für Chirurgie,82 Mursinna. [83] Im Jahre 1801 begann M. ein eigenes „Journal für Chirurgie, Arzneykunde und Geburtshülfe“ (s Bde., 1801–1815) herauszugeben, welches durch die Kriegesereignisse von 1806 und 1807 eine Unterbrechung erfuhr, später aber wieder fortgesetzt wurde und eine sehr große Menge werthvoller Beiträge von M. selbst aus dem Gebiete der Chirurgie und Geburtshülfe enthält. Außerdem hatte er auch für andere Zeitschriften, wie Sta–ck’s Archiv für die Geburtshülfe (Bd. R’, 1793), Arnemann’s Magazin der Wundarzneikunst, Loder’s Magazin der Chirurgie, eine Anzahl von Aufsätzen über verwandte Gegenstände geliefert. In den Jahren 1804, 1809 und 1811 hielt er an dem Stiftungstage der medicinisch-chirurgischen Pepiniere, bei welcher er Professor war, die folgenden drei –Festreden: „Rede über die Geschichte der preußischen Chirurgie im 18. Jahrhundert“, Berlin 1804, „Ueber die Bereinigung der Chirurgie mit der Medicin“, Berlin 1809 und „Rede über die alte und neue Chirurgie“. Im Jahr 18O5 wurde M. mit der Hauptarmee unter dem Befehl des Herzogs von Braunschweig nach Westfalen geschickt und folgte 18Os dem Heere ins Feld, richtete in Halle und Erfurt Lazarethe ein und hatte nach der unglücklichen Schlacht bei Jena in Magdeburg eine große Zahl von Verwundeten, Preußen und Franzosen, zu behandeln. Nach Berlin zurückgekehrt, nahm er sich der französischen Lazarethe an, übernahm auch zugleich sein Lehramt wieder, sowie die Direction in der Charits, in welcher C300?ranzösische Kranke lagen. Bald nachher richtete er auch ein Lazareth für die preußischen Kranken und Verwundeten ein und wirkte mit allen Kräften sowohl in den Lazarethen, wie in der Stadt und auch als Lehrer. 1809 wurde er bei der bedeutenden Verringerung der Armee mit Pension in den Ruhestand versetzt, jedoch mit Beibehaltung seiner Aemter als Professor der Chirurgie und als dirigirender Wundarzt in der Charité, wurde 1810 Mitglied der wissenschaftlichen Deputation für die Medicinalangelegenheiten und in demselben Jahr bei der an Stelle des 1809 aufgehobeneu co11egjum me(1jco–c11jrurgj(:un1 neu errichteten Lehranstalt, der medicinisch-chirurgischen Militärakademie wieder in volle Thätigkeit versetzt. Im J. 1811 wurde sein 50jähriges Dienstjubiläum auf das Glänzendste gefeiert. An dem ruhmvollen Befreiungskampf von 1813–- 14 Theil zu nehmen hinderte ihn sein hohes Alter, aber nichtsdestoweniger leistete er dem Vaterlandr durch seine Behandlung der nach Berlin gebrachten verwundeten Krieger die erfprieß- lichsten Dienste und wirkte auch weiter noch rastlos, mit voller geisteskraft und unermüdlicher Thätigkeit als Lehrer, bis ihn 1818 Altersschwäche nöthig1e, seine Stelle als dirigirender Wundarzt in der Charits uiederzulegen und 1820 auch seine Vorlesungen einzustellen. Er starb am 18. Mai 1823, im Alter von 89 Jahren. – M. war ein Mann, der, bei einer sehr dauerhaften Gesundheit, sich bis ins hohe Alter eine gewisse jugendliche Munterkeit erhalten hatte. Dabei besaß er Energie des Charakters und war von unwandelbarer Rechtlich- und Chrenhaftigkeit. Bei seiner bis in ein hohes Alter ungeschwächten geistes und Körperkrakt war er weit über die gewöhnliche Grenze einer derartigen Thätigkeit hinaus ein geschickter und tüchtiger –Operateur und Accoucheur. Besonders glücklich war er in seinen Staaroperationen gewesen, die er in 40 Jahren durch Extraction 908mal verrichtet hat, von welchen Operationen nur 41 völlig verunglückt sind. Während er auch ein eifriger und anregender Lehrer .war, bekämpfte er den zu Aukang dieses Jahrhunderts durch die Angriffe Röschlaub–’s gegen die Chirurgen sich breit macheuden Brownianismus, den er, eben so wie Loder in derber Weise, aber mit Ruhe und Würde abfertigte. Er gehört zu derjenigen Classe der im vorigen Jahrhundert nicht seltenen Chirurgen, welche ohne gelehrte Vorbildung von Hause aus, als Autodidacten sich einen geachteten Namen in der Wissenschaft zu machen verstanden, indem ihr gesunder Menschenverstand und die 631nüchterne [84] Beobachtung, verbunden mit nicht gewöhnlicher operativer Geschicklichkeit, Thätigkeit und Energie sie zu den tüchtigsten Chirurgen ihrer Zeit machten. Vgl. Ch. L. Mursinna, der Jubelgreis. Ein Andenken des 5. März 1811 für seine Freunde und Verehrer, Berlin. – Neuer Nekrolog der Deutschen, Jahrg. 1823. 1l, S. 443.

E. Gurlt.
Persönliche Werkzeuge