ADB:Niemeyer, August Hermann
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Niemeyer: August Hermann N., evangelischer Theolog und Pädagog, geb. zu Halle am 1. September 1754, † am 7. Juli 1828, von mütterlicher Seite ein Urenkel August Hermann Francke’s. Nachdem er 1764 seine Mutter und 1767 seinen Vater, der Prediger an der Marienkirche zu Halle war, verloren hatte, sorgte die Wittwe eines zu Halle verstorbenen Leibarztes Lysthenius für dessen Erziehung. Nach Absolvirung der urgroßväterlichen Anstalten, des Pädagogiun1s seiner Vaterstadt, widmete er sich 1771 daselbst den theologischen Studien. 1777 begann N. seine akademische Thätigkeit zu Halle mit verschiedenen Vorlesungen, besonders auch mit Erklärungen alter Classiker, von denen er zugleich zweckmäßige Schulausgaben besorgte. In Anerkennung seiner Leistungen wurde er 1784 zum ordentlichen Professor der Theologie sowie zum Inspector des königlichen Pädagogiums und 1785 zum Mitdirector der gesammten Francke’schen Stiftungen ernannt; diese waren damals in Rückgang gekommen, und N. erwarb sich durch deren Ht-bung, vornehmlich durch sorgfältige Wahl geschickter Lehrer um dieselben große Verdienste. 1787 wurde zu Halle ein pädagogisches Seminar gegründet, dessen Leitung N. übertragen wurde zugleich mit dem Auk- – trage über Theorie des Unterrichts und der Erziehung Vorlesungen zu halten, die dann auch ein zahlreiches Auditorium fanden. Als 1806 Halle von den Franzosen besetzt und die Universität wegen politischer Demonstrationen der Studenten von Napoleon aufgehoben wurde, wurde damit auch Niemeyer? akademische Thätigkeit unterbrochen und seine Wirksamkeit war zunächst nur auf die Leitung der Francke’schen Stiftungen und seine wissenschaftlichen Arbeiten beschränkt. Im Mai 1807 wurde Ii. nebst vier anderen der geachtetsten Einwohner von Halle auf Befehl Napoleons als Geisel nach Frankreich geschickt; seine hier erlebten Reiseeindrücke hat er nachher in den zwei Bänden seiner „Beobachtungen auf einer Deportationsieise“ niedergelegt. Unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Deutschland wurde ihm seitens des Königs von Preußen eine Professur an der zu Berlin zu errichtenden Universität angetragen; aus Liebe zu seiner Vaterstadt, um sein Verbleiben daselbst zu ermöglichen, entschied er sich jedoch zum Eintritt in den westfälischen Staatsdienst und er wurde 18s)8 von dem Könige J0rsme zumKanzler der in diesem Jahre wiederhergestellten Universität Halle und zum beständigen Rector deselben ernannt. 18153 fiel N infolge seiner Flucht nach Leipzig und verleumderischer Denunciationeu, wornach er mit der preußischen Regierung politische Beziehungen unterhalten sollte, bei Jesrs me in Ungnade, ebenso erschien die Stadt und Universität Halle der französischen Regierung verdächtig, infolge dessen durch Decretnapoleons vom 15. Juli 181s die Universität zum zweiten Male aufgehoben wurde und N. seine Acmter sund Würden verlor. Nach der Schlacht bei Leipzig wurde die Universität Halle wieder eröffnet und N. trat wiederum in seine amtliche Stellung daselbst ein. 1816 empfing er einen Vt–weis des königlichen Wohlwollens durch die erneute Ernennung zum Oberconsistorialrath bei dem Consistorium der Provinsachsen. Das fünfzigjährige Jubiläum der Doctorwürde und der akademischen Wirksamkeit Niemeyer’s wurde von der Universität Halle am 18. April 1827 in ehrendster Weise begangen, dessen Feier noch erhöht wurde durch ein Glückwunschschreiben [678] an den Jubilar und durch ein Geschenk von 40,000 Thalern zum Zwecke der Errichtung eines Universitätsgebäudes als eines Lieblingswutisches Niemeyer’s. Er starb im folgenden Jahre infolge eines Schlaganfalles.
Niemeyer’s Wirksamkeit auf pädagogischem Gebiet läßt sich am deutlichsten aus seinen während seiner ganzen amtlichen Thätigkeit zeitweise erschienenen Schriften ersehen, die er den Bedürfnissen des Unterrichts entsprechend zu dessen Förderung und zur Hebung der religiös sittlichen Etkenntniß schrieb. Seine erste von ihm noch als Lehrer der Francke’schen Stiftungen 1775 veröffentlichte Schrift: „Charakteriftik der Bibel“ war übrigens theologischer Natur, lenkte aber das öffentliche Interesse auf ihn; 1831 erschien von dem Sohne des Verfassers eine neue Ausgabe derselben. Nachdem N. 1784 zum Inspector des königlichen Pä- dagogiums und 1785 zum Mitdirector der gesammten Francke’schen Stiftungen ernannt worden war, führte ihn die Leztung dieses Schulwesens auf daß Feld der Pädagogik; er besprach nun in Schulprogrammen daß Schulwesen betreffende Gegenstände, so veröffentlichte er 1787 ein Programm „Ueber den Geist des Zeitalters in pädagogischer Rücksicht“, 1. und 2. Heft, zur Klärung und Vermittlung damals herrschender extremer pädagogischer Ansichten. 1790 erschien sein „Pädagogisches Handbuch für Schulmänner und P-rivaterzieher“, dessen erster Theil jedoch keine Fortsetzung erfuhr. 1796 schrieb N. seine „Grundsätze der Erziehung und des Unterrichts für Eltern, Hauslehrer und Schulmänner“, das noch zu Lebzeiten des Verfassers acht Auflagen in drei Theilen erfuhr; eine neunte Auflage des heute noch in Fachkreisen geschätzten Werkes besorgte von 1834–39 sein Sohn 1)1. H. A. N.; gleichzeitig ließ N. zum Gebrauchte bei seinen pädagogischen Vorträgen im Seminar eine Uebersicht der in der zuletzt genannten Schrift ausgeführten Theorie der Erziehung und 1803 einen „Leitfaden der Pädagogik und Tidaktik“ erscheinen, der 1804 eine zweite verbesserte Auflage erhielt. Gleichfalls für das Seminar berechnet, doch auch al Beilage zum geschichtlichen Theil seiner „Grundsätze“ sind die 1813 herausgegebenen „Originalstellen griechischer und römischer Classiker über die Theorie der Erziehung und des Unterrichts zu betrachten, die in ihrer Zusammenstellung einen sechzhundertjährigen Zeitraum der Geschichte der Erziehung und des Unterrichts umfassen. Als christlicher Pädagog schrieb er ferner das „Handbuch für christliche Religionslehrer“, dessen zweiter Theil vor dem ersten Theil 1790 unter dem Titel „Homiletik, Pastoralauweisung und Liturgik“ erschien; der792 erschienene zweite Theil war betitelt: „Populäre und praktische Theologie oder Methodik und Materialien des christlichen Volksunterrichts. Der erste Theil erfuhr1823 und der zweite Theil 1827 die sechste Auflage. Mit diesem Handbuch hingen zusammen Niemeyer’s „Briefe an christliche Neligionslehrer“, 1. und 2. Sammlung 1796–97. Zum Zwecke des Religionsunterrichts an höheren Schulen verfaßte N. 1801 ein „Lehrbuch für die oberen ReligioniJclassen in Gelehrtenschulen“, das 1843 die 18. Auflage erhielt. Diese auf dem Gebiete der Religionslehre sich bewegenden Schriften wurden von protestantischer Seite vielsach scharf angefochten und das oben erwähnte Handbuch für christliche Religionslehrer sogar von der Regierung für den Gebrauch verboten und der Verfasser selbst mit Absetzung bedroht, welche nur der Wille des Königs verhinderte. Zugleich mit dem erwähnten Lehrbuch für die oberen Religionsclasstn erschienen die bis 1822 viermal ausgelegten „Erläuterungen, Anmerkungen und Zusätze zum Gebrauche der Lehrer“. Von Niemeyer’s Interesse für die Hebung des damals vielfach in unfruchtbarer Weise ertheilten Religions unterrichtes zeugt auch das 1798 herausgegebene Programm: „Ideen über den Plan eines Lehrbuchs für die oberen Religionsklassen“. Auch als Dichter, besonders auf dem Felde der religiösen Dichtung, hat sich R. versucht und zwar in Liedern, Hymnen und Oratorien; [679] außer mehreren früh verfaßten religiösen Dramen ließ er 1778 Gedichte und Oden, 1785 ein Gesangbuch für höhere Schulen und C1zieh1mgsanstalten erscheinen, dann schrieb er auch einige ErbauungT-schriften, wie „Philotas 1779 bis 1808, Theilc, „Timotheus 1784- 90, 2 Abtheilungen, sowie „Feierstunden während des Kriegs. – Ein vollständiges Verzeichniß von Niemeyer’s Schriften und sonstigen litterarischen Arbeiten in chronologischer Ordnung findet sich in seinem von Jacobs und Gruber verfaßten Nekrolog S. 432 Seine pädagogischen Bestrebungen gaben N. auch Anlaß zum Studium der Philosophie, “ wo er jedoch keinem bestimmten System anhing, sowie zur Beschäftigung mit Psychologie und Geschichte; auf letzterem Gebiete zogen ihn besonders Biographien, Selbstgeständnisse und unbefangen geschriebene Briefe als treues Abbild des menschlichen Gemüthes an. N. verfaßte selbst verschiedene Lebens und Charakterschilderungen; schon 1792 hatte er eine solche Arbeit dem Andenken seines Vaters gewidmet, sodann ist die Persönlichkeit Francke’s, Wesley’s und Nösselt’s von ihm biograpbisch behandelt worden; auch seine „Beobachtungen auf Reisen in und außer Deutschland“, 4 Bde., 1826, 2. Auflage, seinerzeit ein Lieblingsbuch der gebildeten Welt, enthalten eine Menge biographischer Notizen von bedeutenden Menschen, mit denen N. hier in Berührung kam; Jacobs hat in seinem „Leben und Wirken Niemeyer’ß“ eine interessante Uebersicht der Niemeyer’schen Reisen gegeben. – N. besaß bei vielseitiger Gelehrsamkeit ein tiefreligiöfes Gemüth, eine seine Beobachtungsgabe und genaue Vertrautheit mit der Natur des menschlichen Herzeues, welche Eigenschaften ihn ganz besonderszum Erzieher befähigten; außerdem stand ihm zur unbefangenen Würdigung fremder Meinungen und Bestrebungen eine natürliche Ruhe und Bt-sonnenheit zu Gebot, die ihn inmitten ganz widerstrebtsnder Bewegung eine unvarteiische Stellung nehmen ließ. Durch die Vertrautheit mitden alten Classikern war ihm eine groß- artige und doch zugleich heitere Lebensansicht eigen geworden, die ihn als Theologen und Pädagogen vor extremen Ansichten bewahrte. In seinem Wirken als Schulmann zeigte N. neben außerordentlicher Thätigkeit und Pünktlichkeit eine seltene mündliche wie schriftliche DarstellungT8gabe. Erfinder neuer bahnbrechender pädagogischer Systeme war er nicht, aber durch verständige Prüfung, gründliche Erörterung und vo1sichtige Benützung des Vorhandenen hat N. sich große Verdienste auf diesem Gebiet erworben. Auf seinen häufigen Reisen suchte er durch Berührung mit ausgtseichneten Männern des In- und Auslands Crfahrung zu sammeln, wobei ihn ein gewisses Talent für fremde Sprachen sehr unterstützte. Zu dem ihn umgebenden Lehrpersonal stand er im V%rhältniß eines älteren erfahrenen Freundes; in den Conferenzen zeigte er milde Ruhe und Besonnenheit; Widerspruch ertrug er nicht gern; kaltsinnige oder zur Ironie neigeude Naturen waren seinem warmen Gemüthe nicht zusagend.
- Heindl, Biographien d. ber. u. verdieuftv. Pädagogen u. Schulmänner. – Jacobs u. Gruber, A. H. Niemeyer, Halle 1831. – A. H. Rein, Erinnerungen an A. H. N., Crefeld 1841. – Föhlisch, Erinnerungen an Dr. A. H. N. 2c. als Pädagog in Allg. Litteraturzeit. 1835, Nr. 82.