ADB:Philippi, Friedrich Adolph
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Philippi: Friedrich Adolph P. wurde am 15. October 1809 zu Berlin als Sohn eines jüdischen Banquiers geboren. Die ersten christlichen Eindrücke erhielt er in der Marggraf’schen Vorbereitungsschule. Dieselben waren aber gleich so nachhaltig, daß sie ihn selbst in seine kindlichen Spiele hinein verfolgten: von dem Ausfall des Spiels erwartete er die Entscheidung über die Frage, ob Christus Gottes Sohn sei. Weitere Förderung brachte ihm ein zum Chtifteuthum übergetretener Vetter Jacobi, später Professor der Mathematik in Königsberg, welcher ihn aus daß Lesen des neuen Testaments hinwies. Außerdem wurde sein empfängliches Gemüth sowohl durch die „Glockentöne“, als auch die Predigten von Strauß angezogen. Er entschloß sich sogar, Strauß persönlich aufzusuchen, um ihn einen Blick in das, was ihn bewegte, thun zu lassen; er wurde aber anfangs mit den Worten: „Philippi, ehre Vater und Mutter, das ist daß erste Gebot, das Verheißung hat“ abgewiesen. Da Philippi’s Familie ihn nicht blos in seiner wachsenden Ueberzeugung von der Wahrheit des Christenthums wankend zu machen, sondern ihn sogar mit Bedrohung, später einmal sogar durch Thätlichkeiten von dem Uebertritt abzuhalten suchte, so mochte Strauß wohl zunächst den Vorwurf fürchten, er habe Zwiespalt in eine jüdische Familie gebracht, aber P. ließ ficy nicht abweisen. Je mehr aber Strauß sich von dem ernsten Streben des nach Wahrheit und Klarheit ringenden Jünglings überzeugte, desto mehr nahm er sich seiner an. In dieser Zeit tröstete P. besonders das Wort des Herrn: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid u. s. w., welches auf ihn, seitdem er es zum ersten Male gehört, einen unauslöschlichen Eindruck gemacht hatte. – von dem JoachimBthalet Gymnasium 1827 mit dem Zeugniß der Reife Nr. 1 entlassen, studirte er zuerst in Berlin unter Vöckh und hernach in Leipzig unter G. Hermann Philologie. In die Leipziger Zeit fällt sein Uebertritt zum Christenthum; er ließ sich am Weihnachtsfeste 1829 in Groß-Städteln bei Leipzig taufen; seine Pathen waren u. a. [74] die Professoren Lindner und Hahn. Nachdem er während des Sommersemefters 1830 sein philosophisches Doctorexamen bestanden hatte, unterrichtete er anfangs als Lehrer der alten Sprachen in den oberen Classen an der Blochmann’schen Erziehungsanstalt und an dem Vitzthum’schen Geschlechtsgymnasium in Dresden und hernach nach Ablegung des Oberlehrerexamens seit 1883 als Adjunctus und ordentlicher Lehrer am Joachimsthaler Gymnasium zu Berlin. Nachdem er hier 11.“2 Jahre unter Anerkennung des Directors thätig gewesen war, bewog ihn „eine überwiegende Neigung zu streng theologischen Studien, die pädagogische Laufbahn zu verlassen und alle seine Kräfte derjenigen Wissenschaft zu widmen, die ihm als daß höchste Ziel seines Lebens erschien“. Er beschäftigte sich vorzugsweise mit exegetischen und dogmatischen Studien, schloß sich besonders an Hengstenberg an, bewahrte sich aber ihm gegenüber seine Selbständigkeit und blieb überhaupt bei seinen theologischen Studien wesentlich Autodidakt. ’sodanu bereitete er sich u. a. mit den späteren Professoren Erbkam und Baumgarten auf das Licentiatenexamen vor. In der öffentlichen Rede, die er bei Gelegenheit seiner Habilitation im October 1837 hielt, stellte er sich klar und unzweideutig auf den Boden des lutherischen Bekenntnisses und zeigte damit, daß dieser Standpunkt, den er während seiner ganzen akademischen Lehrthätigkeit vertreten, ihm schon von Ansang dieser Thätigkeit an eignete. Er sing im Sommersemester 1838 an zu lesen und zwar über die Paulinischen Briese. Seine erste Schrift: „1)e (Je1Sj miy(z1sarij c11rjstj:-worum p11j1oso1zbo.t1(1i genere“ erschien 1836. Er verheirathete sich 1839 mit Jeanette Pincfon, welche gleich ihm aus voller Ueberzeugung zum Christenthum übergetreten war und im Hause des Predigers Reuscher Aufnahme gefunden hatte. Um diese Zeit stand er in besonders regem Verkehr mit Kramer, Giesebtecht, Wiese, später mit Stahl. Von wissenschaftlichen Arbeiten fallen in diese Zeit einige Aufsätze für die evangelische Kirchenzeitung und seine Schrift über „Die Lehre von dem thätigen Gehorsam Christi“ 1841. Im Herbste 1841 folgte er einem Rufe als Professor der Dogmatik und theologischen Moral nach Dorpat. Neben einer segensreichen akademischen Wirksamkeit erstreckte sich hier sein Einfluß auf die lutherische Kirche der Oftseeprovinzen, ja des ganzen russischen Reiches. Dieselbe wurde damals einerseits durch daß propagandistische Treiben der Brüdergemeinde und andererseits durch die Uebergriffe der griechischen Kirche und durch die theils durch falsche Vorspiegelungen, theilß sogar durch Gewalt durchgesetzten Massenübertritte des Landvolks schwer bedrängt. In diesen Kämpfen hat P. besonders auf den Synoden, aber auch wo sich ihm sonst die Gelegenheit dazu bot, durch mannhaftes Zeugniß und durch besonnenen Rath zu einer correcten Haltung der lutherischen Geistlichkeit des russischen Reiches wesentlich beigetragen, so daß seine Wirksamkeit in einer nach Berichten des Curators veröffentlichten Schrift über die Universität Dorpat (1866) „für die evangelische Kirche Rußlands epochemachend“ genannt wird. In seine Dorpater Zeit fällt die Ausarbeitung des Commentars zum Römerbrief, dessen erste Auflage 1848–50 in drei Abtheilungen (Fraukfurt a. M. bei Heyder u. Zimmer; 3. Aufl. 1866, ins Englische übersetzt1878) erschien. In diesem Commentare hat er den Nachweis geführt, daß die fortgeschrittene Kenntniß der Sprachgesetze und die derselben entsprechende Auslegungskunst in ihren Resultaten mit dem Schtiftverständniß der lutherischen Kirche, speciell mit ihrem Verftäudniß des Römetbriefes sich im Einklange befinde, wie es ja in der That kein anderes Mittel wissenschaftlichen Schriftverständnisses gibt, als gründliche grammatisch-logische Auslegung. Zu seinen Dorpatetn Schülern gehörte u. a. der früh vollendete Candidat Hesselberg und die Professoren v. Qettingen und v. Engelhardt. In Rostock, wohin er 1852 als Professor der neutestamentlichen Exegese ging, hielt er vorzugsweise exegetische Vorlesungen, aber auch neutest. [75] Einleitung, Symbolik, sowie Symbolik und Polemik. In die durch Baumgartens Absetzung entstandene litterarische Fehde einzutreten, sah er sich nicht veranlaßt, wiewol er von Anfang seiner Rostocker Wirksamkeit an (wol als einer der Ersten) auf die Gefährlichkeit dieser Theologie aufmerksam gemacht hatte. Dagegen fühlte er sich in seinem Gewissen gedrungen, bei Gelegenheit der zweiten Auflage des Commentars zum Nömerbrief (1856) gegen „die subjectivistische Umsetzung der objectiven biblisch-kirchlichen Versöhnungs und Rechtfertigungslehte in Hofmann’s Schriftbeweis (Zweite Hälfte. Erste Abtheilung)“ öffentlich Zeugnis; abzulegen. Auf Hofmann’s Entgegnung folgte Philippi’s Antwort unter dem Titel: „Herr Dr. Von Hofmann gegenüber der lutherischen Versöhnungs und Rechtfertigungslehre“ (Fraukfurt a. M. 1856, Heyder u. Zimmer). In dieser Schrift führt er den Nachweis, daß die Hofmann’sche Versöhnungs und Rechtsertigungslehre nicht nur der Form nach, sondern auch nach Inhalt und Wesen wie gegen Bekenntniß, Erfahrung und tiefere dogmatische Speculation, so auch gegen die heilige Schrift verstößt. Hofmann’s stark persönlich gehaltenen Vertheidigung seiner Lehre in den „Schutzschriften für eine neue Weise alte Wahrheit zu lehren“ antwortete P. mit einer kurzen „Erkläs rung“ in der Evangelischen Kirchenzeitung (1856 Nr. 62). Später betheiligten sich andere Theologen u. a. die Dorpater theologische Facultät, Harnack, Thomasius, hernach Kliefoth an der Debatte und bestätigten Philippi’s Urtheil über die Hofmann’sche Theologie, deren Unvereinbarkeit mit dem kirchlichen Bekenntniß jetzt überall eingestanden wird. Selbst nach Ritschl ist „Hofmann’s Abweichung von der lutherischen Orthodoxie in diesem Punkt (Versöhnungs und RechtfertigungslehteH) außer Zweifel gesetzt“. – An litterarischen Arbeiten lieferte P. in Rostock einzelne Aufsätze für die kirchliche Zeitschrift von Kliefoth u. Mejer, so über das Protevangelium (1855) und über „Luthers Stellung zur absoluten Prädestination“ (1860). Sein Hauptwerk, dessen Ausarbeitung gleichfalls in die Rostocker Zeit fiel, die „Kirchliche Glaubenslehre“ (C. Bertelsmann in Güterslohs) erschien von 1854 an in 9 Bänden, von denen die meisten die zweite, die ersten vier Bände schon die dritte Auflage erlebt haben. Indem er die christliche Religion als die objectiverseits durch göttliche Erlösungsoffenbarung in Christo und subjectivtrseits durch gottgewirkten Herzensglauben des Menschen vermittelte Wiederherstellung der wechselseitigen Gemeinschaft zwischen Gott und dem Menschen (1, S. 202) definirt, theilt er die Dogmatik in folgende Abschnitte: 1) Prolegomena (Bd. 1), 2) ursprüngliche Gottesgemeinschaft (Bd. 1l), ZH) Störung der Gottesgemeinschaft (Bd. IIl), 4) objeetive Wiederherstellung der Gottesgemeinschaft durch Christum (Bd. IV, 1 Christi Person und 1V, 2 Christi Werk,), 5) subjective Zuei–gnung der objectiv wiederhergestellten Gottesgemeinschaft (Bd. 7, 1 Heilsordnung, V, 2 Gnadenmittel, Rs, 3 Kirche), 6) zukünftige Vollendung der wiederhergestellten und zugeeigneten Gottes gemeinschaft (Bd. V’1). Außer seiner Professur bekleidete P. noch mehrere Nebenämter: er war Mitglied der theologischen Prüfungscommission pro 1icentj-t oO11cjons.11(1j„ seit 1874 Consistorialrath und Provisor bei der Kirchenökonomie in Rostock und bei dem Kloster zum h. Kreuz. Die theologische Doctorwürde hatte er schon 1848 von Erlangen aus erhalten. Nach dem Tode seiner ersten Frau verheirathete er sich zum zweiten Male. In den ersten Jahren seines Rostocker Aufenthaltes bestieg er ebenso wie früher in Dorpat die Kanzel; seine Predigten erschienen gewöhnlich im Druck. Nach seinem Tode sind sie („Predigten und Vorträge“, Gütersloh 1883, C. Bertelsmann) gesammelt erschienen. Auch sind von ihm zeitweise Bibelstunden und populäre Vorträge in Rostock gehalten worden. Seine Vorträge über den „Eingang des ,Johannesevangeliums (Stuttgart 1866. S. G. Liesching) und über die kirchliche Lehre von der Person Christi (ebendas. [76] 1861) sind gleichfalls gedruckt. Auf seinem sieben Wochen währet1den Krankenlager stärkte er sich durch Gebete, Psalmen und Sterbelieder. Nach Empfang des h. Abendmahls sah er dem Tode mit großer Freudigkeit und Siegesgewiß- heit entgegen. Er entschlief den 29. August 1882 mit den Worten: Christe, Sohn Gottes, erbarme dich. Nach seinem Tode sind seine Vorlesungen über Symbolik (2 Theile, Gütersloh 1884, C. Bertelsmann) und seine Vorlesungen über den Galatetbrief (daselbst 1884) veröffentlicht. Ueber sein Leben und Wirken erschienen u. a. Artikel im „Mecklenburgischen Kirchen- und Zeitblatt“, in der Luthardt’schen allgemeinen evang.-luth. Kirchenzeitung, in Münkel’s Zeitblatt, in Herzogs Realencyclopädie, endlich ein Lebensbild aus der Feder seines Collegen 1). L. Schulze (Nördlingen 1883 bei Becks).