ADB:Piccolomini, Ottavio Fürst
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Piccolomini: Octavio Fürst P., Herzog von Amalfi, kaiserlicher Generallieutenant, geb. 1599, † 1656. – P. selbst war rechtzeitig darauf bedacht, einen Mann zu finden, der ebenso befähigt wie gewillt wäre, seinen vielen Verdiensten um Staat und Kirche, in Krieg und Frieden, ein schriftliches Denkmal zu setzen, welches denn auch thatsächlich noch bei seinen Lebzeiten zu Stande kam, ein umfangreiches Manuskript unter dem Titel: „Genialogia Ihrer Fürstlichen Gnaden Herrn Octavio Fürsten Piccolomini Dura di Amalfi.“ Gleichwohl darf nicht behauptet werden, daß Piccolomini’s Biographie bereits geschrieben sei, so?rrn eine bezahlte Lobrede nicht von vornherein als Biographie verstanden werden will. Hier soll aus Grund einer Fülle urkundlichen Materials, zunächst der ausgebreiteten Correspondenz des Genannter, eine kurze Lebensskizze geboten werden, in deren engem Rahmen allerdings nur die Hauptmomente berührt oder vielmehr flüchtig angedeutet werden können.
Die Familie P. leitet mit Grund ihren Ursprung von Rom her, von wo sie im 14. Jahrhundert nach Siena übetsiedelte. Daselbst alsbald zu Einfluß und Ansehen gelangt, gab sie später der Christenheit sogar zwei Päpste: den ebenso klugen und gewandten wie gelehrten Aeneas Sylvius (Piusi1.) und dessen Schwestersohn Francesco Todeschini (Piusi11.), einen der kläglichsten Vertreter päpstlicher Nepotenwirthschaft. Octavio war der jüngste Sohn Silvio Piccolomini’s mit Violante Gerini und wurde am 11. November 1599 in Florenz geboren. Kaum siebzehnjährig trat er, „mit einer Pike auf der Achscl“, in spanische Dienste, um auf lombardischem Boden im sogenannten kleinen Kriege die Sporen zu verdienen. Als aber nach dem Ausbruch der böhmischen Revolution der Großherzog von Toscana Cosmo II. dem Kaiser noch im Jahre 1618 ein Regiment von 500 Kürassieren zu Hilfe schickte, führten die .beiden [96] Brüder Aeneas und Octavio P. als Rittmeister je hundert Reiter dieses „Florentiner Regiments“. Sie kämpften unter Führung Balthasar Marradas’ (s. A. D. B. I1, 421 ss.) im südlichen Böhmen. Hier fand bereits im August1619 ` der ältere Bruder in einem Gefecht bei Moldauthein und Bechin den Tod. – Unter Bucquoy focht Octavio in der Schlacht auf dem Weißen Berge und im folgenden Jahre bei Neuhäusel in Ungarn, wo er Beweise persönlicher Tapferkeit ablegte. Nach Bucquoy’s Fall commandirte er auf dem Rückzuge der kaiserlichen Armee sein Regiment, nach dessen Auslösung ihm eine Freicompagnie überlassen wurde. Der Kaiser verlieh ihm die Kämmererswürde. Unter Carassa de Montenegro nahm er an dem btschwerlichen Feldzuge des Jahres 1623 Theil, begehrte aber, da im Herbst des nächsten Jahres das Florentiner Regiment reorganisirt wurde und seine Compagnie demselben wieder einverleibt werden sollte, die Entlassung, um abermals in spanische Brstallung zu treten. Nachdem er eine Zeit lang der Belagerung von Bri-da beigewohnt, ging er vor deren Beendigung mit Gottfried Heinrich Pappenheim (s. A. D. B. J0(!“’, 144 ff.), der damals ebenfalls der Krone Spanien diente, als –Oberstlieutenant des Pappenheim schen 6avallerieregin1ents2 durch Graubünden nach Italien, wo er unter dem Oberbefehl des Herzogs von Feria, als Statthalters von Mailand, Verwendung fand, ohne jedoch hierbei viele Lorbeeren zu ernten, da Feria nicht vom Glück begünstigt war. Seitdem durch Wallenstein eme neue Armee errichtet worden war, hatte P., wie er sich brieflich wiederholt aussprach, „keinen größeren Wunsch, als wieder dem Kaiser zu diem–n“. Du1ch Vermittlung des HofkriegsrathisPräsideuten Rambold Collalto (f. A. D. B., 1V, 404 ff.), dessen besondere45 Wohlwollen er sich verschafft hatte, suchte er Aufnahme in daß kaiserliche Heer. Ein Zerwürfniß Collalto’s mit Wallenstein verzögerte dir Erfüllung dieseis fehnlichen Wunsches bis zum Juni 1627. Da wurde P. nicht nur kaifcrlicher Oberst, sondern auch Capitäu der Leibgarden des Generalissimus, welche Auszeichnung er, abgesehen von der Verwendung Collalto’s erwiesenermaßen dem Umstande verdankte, daß nach Aussage der Astrologen die „Nativität“ Picco1omini’s in allen ihren Einzelnheiten überaus günstig lautete. – Zugleich n1it Octavio fand auch Silvio P., dessen Neffe, Aencas’ Sohn, einen geeigneten Posten .bei den herzoglichen Garden. Ihm hatte Cardinal Francesco Barberini, der päpstliche Staatskanzler, durch Empfehlungsschreiben an den Kaiser und dessen Feldherrn die Wege geebnet. Der spätere Briefwechsel Octavio’s bezeugt, wie sehr er sich hierfür dem Cardinal zu Dank verpflichtet fühlte. Wallenstein’s Leibgarde zu Pferd bestand damals aus 700 Manu; den Kern der Garde bildeten zweihundert Lanzenreiter, die P. persönlich zu commandiren hatte. Dafür empfing er mit seinen Officieren, wo immer er sein Quartier aufschlug, „doppelte Unterhaltung“. Daß erste Quartier, daß ihm im Winter 1627–28 zugewiesen wurde, lag weit entfernt vom herzoglichrn Hoflager derselben Zeit; ts war Stargard in Hinterpommern. blieb sein eigentliches Standquartier bis in den Sommer 1629, nicht ohne daß von Seite der Bevölkerung heftige Klagen gegen vielfältige Bedrückungen erhoben worden wären, die er ihr zufügte. Indem er, alsbald nach seinem Einmarsch, der Stadt ohne irgend eine Vollmacht die Zahlung einer Ranzion von 80 000 Thalern auferlegte, zog er sich einen scharfen Verweis von Seite des Generalifsimus zu, der dem Obersten Arnim die Untersuchung dieser Angelegenheit mit den Worten auftrug: „Ist der P. unrecht, wie er denn wegen derselbigen Extorsion nicht recht haben kann, so will ich, daß er gestraft wird.“ Es bedurste einer kräftigen ,Intervention Collalto’s und sonstiger Freunde, die angedrohte Strafe von dem Bedrohten fern zu halten, was ihn Collalto um so näher führte. P. verstand es in so hohem Grade, den zürnenden Gebirter wieder für sich zu gewinnen, daß ihn derselbe bald nachher zum Obersten „zu Roß und [97] Fuß“ ernannte, d. h. ihm außer der Garde ein Cavallerie- und ein Infanterieregiment unterstellte. Eben damals (August 1628,) wurde Octavio’s zweiter Bruder, Ascanio, bis dahin Familiar des Cardinal-Staatskanzlers, auf Anregung der Cardinäle Francesco und Antonio Barkerini’s – Vettert1 des Papstes Urban 7III. – zum Erzbischof von Siena ernannt. Von nun an stand P. ununterbrochen in vertraulicher Correspondenz mit den hervorragendsten Mitgliedern der päpstlichen Curie. Seine Thätigkeit zu jener Zeit war nicht so sehr eine kriegerische, als daß ihn vielmehr Wallenstein zu allerhand wichtigeren Missionen an seine Unterfeldherren oder nach Wien verwendete. Um so werthvoller konnten und mußten seine Briefe Jedem sein, dem es darauf ankam, über die Absichten des kaiserlichen Heerführers Ausklärungen zu erhalten. Doz Frühjahr 1629 brachte den Mantuaner Krieg. Ein französisches Heer überschritt die Alpen, nachdem die Vorhut einer kaiserlichen Armee, deren Commando den Generalen Collalto, Aldiingen und Gallas anvertraut wurde, bereits zu den Spaniern in Mailand gestoßen war. An den nothwendigen Vorbereitungen hierzu war auch P. betheiligt; schon mit der Vorhut ging ein Theil seiner Regimenter nach Italieu. Er folgte im Herbst mit speciellen Aufträgen Wallenstein’s an Ambrosio Spinola, den spanischen Oberfeldherrn. Doch war seines Bleibeus vorerst nicht lange. Noch im December kehrte er nach Deutschland zurück. Seine Berichte bestärkten Wallenstein in der Ueberzeugung von der Nothwendigkeit, die Mautua11er Angelegenheit so bald wie nur möglich wieder beizulegen. „Was den Frieden in Italien anbelangt“, schrieb er an Collalto, „bitte nochn1als, der Herr Bruder wolle ihn befördern, denn er wird gewiß damit Gott, dem Kaiser und der ganzen Christenheit einen angenehmen Dienst erweisen.“ Bereitts im Februar 1680 wurde P. wieder an Collalto abgefertigt, und schon nach wenigen Wochen verlangte Wallenstein dringend seine abermalige Rückkunft. Er kam mit Drpeschen des Herzogs von Savoyen, Spim–la’;5 und Collalto’s. Sie waren von bestimmendem Einfluß auf Wallenstein. Gegen seinen Willen hatten in Norditalien die Dinge einen Lauf genommen, daß ein kräftiges Eingreifen unerläßlich geworden war. Was er au Truppen entbehren konnte, wurde nach dem Süden dirigirt. P. mußte nach dem Elsaß, einen namhaften Succurs zu betreiben. Im Juli marschirten 6000 Mann durch die Schweizer Pässe gegen Mantua, P. mit ihnen. Vier Schwadronen seines Nameus, die etliche Wochen im Veltlin campirten, „verwüsteten die Gegend auf eine Jammer erregende Weise“. Bevor noch die Verstärkungen eingetroffen waren, erfolgte die Eroberung Mantua’s, dessen beispiellose Plünderung und Verwüstung den Haß gegen Oesterreich und Spanien nur steigerte. Der Krieg war nicht zu Ende. Man kennt seinen Verlauf. Man weiß auch, welche gewaltigen Ereignisse damals in Deutschland einander folgten: die Landung Gustav Adolf’s von Schweden und die – Abdankung Wallenstein’s als kaiserlichen Oberfeldherm. Beide Thatsacheu wirkten begreiflich auch auf den Krieg in Italien zurück. Mit demselben Cifer,“ den der Kaiser früher für diesen Krieg geäußert hatte, war er nun um jeden Preis für dessen Beendigung. Auf seinen Befehl schloß Collalto im September 1680 einen Waffenstillstand. Eben waren die Feindseligkeiten wieder eröffnet; die Heere standen einander in Schlachtordnung gegenüber; eine Kugel streckte Piccolomini’s Roß zur Erde: als Mazarin die Nachricht brachte, daß am 13. October zu Regensburg der Friede geschlossen worden sei. Wenige Tage später erklärten die Franzosen diesen Frieden für unannehmbar; der Krieg begann auf’s Neue. Kurz zuvor war Ambrosio Spinola gestorben; am 18. November (nicht 19. December) erlag Rambold Collalto einer langwierigen, schweren Krankheit. Die Lage der kaiserlichen Truppen in ,Italien 111r’1. – “``““’ “ . 7
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5:tt:atsdi.di1o!k1sk l [98] war unerträglich. P. wurde nach Wien entsendet, von wo er noch vor Ausgang des Jahres mit den weitestgehenden Vollmachten zum definitiven Friedens . schlusse wieder aufbrach. Nach einem neuerlichen Waffenstillstand kam es am 6. April 1631 zum Frieden von Chierasco, der die Erfolge der kaiserlichen Waffen alle dahingab. Bis zur Durchführung seiner Bedingungen wurden beiderseits Geiseln gestellt; unter ihnen befand sich auch P. – Der Ausblick in die nächste Zukunft war kein erfreulicher. Der eifrigste Protector, den P. bisher gehabt hatte, Collalto, war für immer verloren; unaufhaltsam drangen die Schweden bis in daß Herz von Deutschland vor; die kaiserlichen und ligistischen Heere, einer starken, einheitlichen Leitung entbehren!), wichen auf allen Punkten zurück. Kein Wunder, wenn auch P., wie tausend Andere, an Wallenstein dachte und betheuerte, daß er „auf der Welt keinen größeren Trost empfände, als wenn der Herzog von Mecklenburg wieder sein früheres Commando übernähme“, obgleich er zugeftt-hen mußte, daß „Seine Hoheit in der Lage, in der sie sich befindet, eine große Genugthuung empfinden werde, frei von allem Verdrussc, den die gegenwärtigen Verhältnisse ihr bereiten würden, wie sie os sich zum größten Ruhme anrechneu kann, den Unterschied der Erfolge unter ihrem und anderem Commando zu betrachten“. „Ich weiß“, versicherte P., „wie viel ich der Güte und Leutseligkeit jenes Herrn schulde, und bin begierig, dies durch Thaten wahrer Etkenntlichteit zu bezeugen.“
Bis zum Ende September 1631 blieb P. in Ferrara internirt. Doch auch nach seiner Freigebung beeilte er sich nicht mit der Rückkehr nach Deutschland, trotzdem der Wiener Hofkriegsrath ihn kategorisch hierzu befehligte. In Venedig empfing er die Nachricht von der gänzlichen Niederlage Tilly’s;S bri Breitenfeld. Dennoch begab er sich noch nach Mailand, um erst im December bei seinen Regimentern, die inzwischen nach Böhmen gezogen worden waren, einzutreffen. Auch Böhmen war zum großen Theil vom Feinde besetzt. Prag und der ganze Nordwesten des Landes befand sich in den Händen der mit Schweden Verbündeten Sachsen. In äußerster Bedrängniß wandte sich Ferdinand II. an Wallenstein, der, ausgestattet mit der Autorität eines Dictators, zum zweiten Male sich zur Heeresleitung entschloß und sofort mit aller Energie die Wiederaukrichtung einer Armee in Angriff nahm, größer, mächtiger als zuvor. Die zahlreichen Werbungen von Truppen jeder Waffengattung heischten von selbst die Beförderung aller tüchtigeren Officiete zu höheren Chargen. Die Generale Aldringen, Gallas und (sPhilipps) Mansfeld wurden zu Ft-ldzeugmeistern und bald darauf zu Feld– marschällen, die hervorragendsten Obersten aber zu Generalwachtmeistern ernannt, nicht weniger als elf an der Zahl: Fürstenberg, Kratz, Merode, Traun, Jlow, Dt-8fours, (Rudolf) Colloredo, Holk, Haraucourt, (Hans Philipps) Brenner und Schaffgotsch. Der unter ihnen allen am sichersten eine solche Rangerhöhung erhofft hatte, P., wurde ihrer nicht gewürdigt. Er mußte sich gefallen lassen, den Befehlen General Holk’s unterstellt zu werden. – Der Düne Heinrich Holt (s. A. D. B. )c11, 735 ff.), unter derselben Constellation, im selben Jahre wie der Florentiner P. geboren, war erst im Frühjahr 1630, während des Letzterer Abwesenheit in Italien, von Wallenstein für die kaiserlichen Fahnen gewonnen und vom ersten Augenblick an in jeder Hinsicht vor Anderen ausgezeichnet worden. Dies und die neueste Auszeichnung des „dänischen Günstlings empfand P. als eine schwere persönliche Kränkung; er sah sich durch Holk aus einer bevorzugten Stellung verdrängt, die ihm nach seiner Meinung von Rechtswegen zukam. Nur mit dem größten Widorwillen gewann er es über sich, dem glücklicheren Altersgenossen Gehorsam zu leisten. Unter seiner Führung nahm er Theil an der Zurückeroberung der Städte Rackonitz, Saaz, Kralowitz, Jechnitz, Eger und Elbogen. Mit ihm bezog er, während Wallenstein mit der Hauptmacht gegen [99] Gustav Adolf vor Nürnberg lagerte, eine feste Stellung bei Forchheim. Mit ihm brach er von dort am 16. August 1632 zu einem großen Verheerungszug gegen Sachsen auf, während dessen glücklicher Durchführung Holt zum Feldmarschall-Lieutenant avancitte, indessen P. nach wie vor die bescheidene Stellung eines Obersten bekleidete. Der Tag von Lützen war es, der die glänzenden Eigenschaften Holt’s, seine seltene Begabung zum Feldherrn, in das hellfte Licht stellte. Doch gab er auch P. Gelegenheit, seine unleugbare Tapferkeit neuerdings an den Tag zu legen. Der officielle Schlachtbericht, der dem Kaiser durch Giulio Diodati, einen vertrauten Landsmann Piccolomini’s, erstattet wurde, wußte mit ganz besonderer Ausführlichkeit die landsmannschaftliche Bravour fast noch mehr zu tühmen als die ausschlaggebenden Verdienste Holk’s. Am 31. December darauf wurde P. vom Kaiser zum Generalwachtmeister ernannt. Am selben Tage aber erwirkte Wallenstein für Holt das Patent eines Feldmarschalls. Seitdem war Holk selbst bei den älteren Marschällen des kaiserlichen Heeres, Gallas und Aldiingen, ein vielbencideter, bei P. entschieden der bestgehaßte Mann.
Zu Beginn des Jahres 1633 fungirte P. 0ls Beisitzer des „Reiterrechts, daß iu Prag unter Leitung Holk’s über die feldflüchtigen Officiere und Soldaten der Lützener Schlacht zu Gericht saß. Ihm war bei der Zurüstung zum nächsten Feldzug eine nicht unwichtige Rolle zugedacht. Um so auffälliger muß es erscht–tnen, wenn er auch jetzt nicht unterließ, über alle Vorkommnisse in Wallenftrin’s Umgebung nach Rom zu berichten und z. B. die genauesten Daten über die jeweilige Heeres stärke dahin auszuliefern. Man weiß, daß die päpst1iche Politik jener Zeit eine den kaiserlichen Interessen feindselige Richtung verfolgte. P. wurde mit neuen Werbungen in Italien betraut und führte daß geworbene Volk im März seinem Auftraggeber zu. Im folgenden April stand er mit 6000 Mann zu Fuß und 2000 Reitern bei Königgrätz, dem Feinde, falls er aus Schlesien in Böhmen einbrechen sollte, die Spitze zu bieten. Im Mai marschirte er mit Wallenstein nach Schlesien. Es ist nun allgemein bekannt, daß VS dem kaiserlichen Feldherrn bei diesem Feldzug nicht so sehr um unmittelbare kriege1ische Erfolge als vielmehr darum zu thun war, die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg zu einem Separatfrieden zu nöthigen, um sodann, mit ihren Truppen vereint, die Wassen gegen die Schweden zu kehren: eine Kriegspolitik, die auf die Dauer weder in Wien noch in Madrid, am wenigsten aber in München behagen mochte. Die Unzufriedenheit wuchs immer mehr, je weniger greifbate Resultate diese Politik aufzuweisen hatte. Sie wurde von keinem eiftiger genährt als von P. Bis iu die allerhöchsten Kreise wußte er schon damals – die Beweise liegen vor – mit mehr als schlauer Berechnung daß Mißtrauen nicht allein gegen die Befähigung, auch gegen die lautere Gesinnung des Generalisfimus zu tragen. Wie schon im J. 1626 in Wallenstein’s Lager eine förmliche Militäroerschmörung bestand, als deren Seele Johann Aldringen, als deren zweifellose Tendenz aber die Beseitigung des Herzogs von Friedland vom Commando und dessen Ersetzung durch Collalto zu betrachten war, so ist es feststehende Thatsache, daß in demselben Lager bereits im August des Jahres 1633 eine zweite förmliche Verschwörung ongezettelt wurde, deren vielseitige Fäden alle in der Hand Piccolomini’s zusammenliefen, als deren nächster Zweck aber wieder nur der Sturz, und zwar von vornherein der gewaltsame Sturz des Ftiedländers zu Gunsten König Ferdinand’s 1ll., des kaiserlichen Thronerben, bezeichnet werden muß. Es ist hier nicht der Raum, jene Fäden zu entwirren. Der Ausgang der Verschwörung ist kein Geheimniß. Den Verschwörern zu gelegenster Zeit starb Holt – nach seiner eigenen Aussage an Gift. Ihm zuvor war Prinz Ulrich von Dänemark in dem Augenblicke, da er r dst [100] als .sächsischer Unterhändler einer Beredung der Friedensbedingungen mit Wallenstein’s Vollmachtträgern im offenen Felde beiwohnte, mit wohlberechneter Absicht .– auch hierfür stehen die Beweise zu Gebote – meuchlings ermordet worden. P. selbst wich kaum mehr von der Seite Wallenstein’s, der ihm allmälig wieder daß vollste Vertrauen schenkte und zu den wichtigsten, geheimnißvollsten Geschäften sich vorzüglich seiner Mithilfe bediente, wie er denn schon im October 1633 seine Bestallung zum General der Cavallerie erwirkte. Es ist ein sonst sehr unterrichtcter Zeitgenosse, der zu erzählen weis;, V8 habe Wallenstein, vom Grafen Trczka, seinem Schwager, ermahnt, dem ihm verdächtigen P. nicht allzuviel Vertrauen zu schenken, mit der Beruhigung geantwortet, es sci unmöglich, daß P. an ihm zum Verräther werde, denn „er habe in dessen Nativität eine derartige totale UebBreinstimmung der Genien, der Planeten und ihrer Einflüsse mit seiner eigenen entdeckt, daß es den Anschein gehabt, als wäre Beider Horoskop nur einer ein„zigen Person gestellt gewesen“. – Die Officicre Buttler, Gordon, Leslie und viele Andere waren von P. gewonnen, als er am 12. Januar 1684 mit den meisten übrigen Rrgimentscommandanten den bekannten ersten Pilsener Schluß unterzeichnete, durch den dieselben „bis zum letzten Blutstropfen“ bei dem Herzog-GeneralisfimuS auszuharren gelobten. Seine Meldungen hierüber an den Wiener Hof führten unmittelbar zur Absetzung des FVldherrn. In Folge seiner dirccten Einflußuahme wurde gegen Wallenstein der ausdrückliche Befehl erlassen, „sich seiner lebendig oder todt zu bemächtigeu“. Gleichzeitig mit diesem Befehl empfing P. hinter Wallenstein’s Rücken den Marschollsstab. Nach seinen, Vicco1omini“8, InstructiOnen handclten Buttler und Genossen in der Nacht dees 25. Februars 16Jz4. Es wird erklär’lich, wie man aus Eger nach Wien berichten konnte, „daß die Hauptrebellen zu denjenigen –Lbristc–n, welche sie niedergemacht, ein sehr gtoßes Vertrauen gesetzt hatteu“. – Die Summe von hunderttausend Gulden und die sehr ansohnliche böhmische Herrschaft Nachod waren außer der Marschallswürde die „Gnadengabe“, mit welcher P. für seine „guteu Dienste“ abgesunden wurde.
Die Mörder Wallenstein’s feierten einen großen Triumph in dem großen Siege der vereinigten spanisch-kaiserlichen Heeres macht bei Nördlingen (5. und (3. September 16C34s), an dem sich auch P. hervorragend betheiligte. Und dennoch zeigte sich’s, wie der Ermordete vorhergesagt, nur allzu deutlich, daß, „wenn der Kaiser auch zehn 1sjoto1–is würde erhalten, doch uichts gewonnen sei“. Man schloß, wie Wallenstein gewollt, einen Separatfrieden mit Sachsen, allein es fehlte der Mann, der den Vortheil zu nützen das Verständniß und die Kraft hatte. Seine Schüler hatten ihm allerdingis manchen taktischen Kunstgriff abgelernt, der sie befähigte, zuweilen einen größeren oder geringe1en Augenblick9zerfolg zu erringen: stra1egisches Genie-, politischen Scharfblick besaß nicht Einer, auch nicht P., zu allerletzt aber derjenige, der als Gene1–allieutenant zunächst mit der obersten Heeresleitung betraut war, Matthias Gallas (s. A. D. B. L11!, 820 ff.). Mit wechselndem Glück zog sich der Krieg immer mehr in die Länge. Die Betheiligung der Spanier führte, wie gleichfalls Wallenstein wiederholt ernstlich gewarnt hatte, nur dazu, daß „Frankreich und andere acmu1i sich auch dan-in mischten“. Es scheint, daß P., der unter Gallas über den Rhein nach Frankreich vordraug und bei dieser Gelegenheit eine große Anzahl Städte zur Uebergabe nöthigte, die Unzulänglichseit seines neuen Oberfeldherrn sehr wohl erkannte und sich deshalb bei Zeiten nach einem anderen Schauplatz seiner Thätigkeit umsah. Mit Begierde nahm er das Erbieten Spaniens an, einen Succurs von 12000 Mann nach den Niederlanden zu führen (1685). Mit den Spaniern vereinigt, zwang er Franzosen und Holländer (4. Julis), die Belagerung von Löwen aufzuheben und sich auf Roermonde zurückzuziehen. Ta- [101] gegen blieben seine Versuche auf die Schenkeuschan,ze, auf Hesdin und Pont Lt Mousson erfolglos. Er war im nächsten Jahre nach vielen Anstrengungen bemüßigt, von der Belagerung Lüttich’s wieder abzulassen; ein Vormarsch an die nordfranzösische Grenze änderte nichts an der Lage der Dinge. Und so schwankte die Wage Jahr um Jahr. In unzähligen Scharmützeln wurden Ströme Blutes vergossen. Inwieweit die Klage Piccolomini’s, es hätten ihm Uebelwollen und Eifersucht der königlich spanischen Generale und Diplomaten jede entscheidende Waffenthat vereitelt, als begründet anzusehen, muß dahingestellt bleiben. Auffallend erscheint, daß P. nach Ferdinand II. Tode zweimal um seine Erhebung in den Grafenstand einkommen mußte, bevor ihm dieselbe mit kaist-rlicher Entschließung vom 19. Juni 1638 zugestanden wurde. Eine neue Rangerhöhung stand ihm bevor. Daß Glück, daß ihn bisher geleitet hatte, stellte ihm in dem nächsten Jahre einen feindlichen Feldherrn gegenüber, der von Haus aus aller und jeder kriegerischen Befähigung vollständig entbehrte; man kennt ihn aus den Verhandlungen Richelieu´s mit Wallenstein im Frühjahr 1633: Manasses de Pas Marquis de Fcuq11icres. Als diplomatischer Agent eben nicht von Triumphen begleitet, besaß er den Ehrgeiz, den Lorbeer mit dem Degen erkämpfen zu wollen. Er lag mit einer stattlichen Armee vor Diedonhofen (Thionville9), als P. zum Entsatz dieser wichtigen Festung heranzog. Der Belagerer verfäumte die einfachsten, nothdürftigsten Vorsichtsmaßregeln und wurde so mit überlegenen Streitkräften plötzlich von allen Seiten angegriffen und nach kurzem Widerstande auf’s Haupt geschlagen (7. Juli 1639). P. selbst schätzt den Verlust des Gegnc–1s auf 5–600s`) Todte und 300C) Gefangene. Unter diesen befand sich, schwer verwundet, auch Feuqui(Zres, der bald darnach seinen Wunden erlag. Durch diesen namhaften Sieg, den er mit eigener Hand etfocht, erreichte P. den Gipfel seines Kriegsruhms; er wurde ihm von zwei Monarchen reichlich gelohnt. Der Kaiser ernannte ihn zu seinem Wirklichen Geheimen Rothe und ließ ihm nach dem Tode Feuquiöeres’ als „Ranzion“ die Summe von 34000 Gulden auszahlen; der König von Spanien verlieh ihm daß angeblich schon einem seiner Vorfahren gehörig gewescue Herzogthum Amalfi, dessen Namen er in Zukunft führte. Judessen waren auf dem deutschen Kricgstheater unter Gallas, dem „Heerverderber“, die Verhältnisse gekommen, wie sie kommen mußten. An Gallas’ Stelle trat ein neuer Beft–hlshabBr; die Wahl fiel aus den kriegslustigen, keinswegs aber besonders fähigen Erzherzog Leopold Wilhelm, zu dessen Verstärkung P. mit seinen Truppen zurückberufen wurde. Bereits am 5. September 1639 verständigte diesen der Erzherzog, daß ihm der Kaiser „das Generalcommando über deroselben Hauptarmada gnädigst aufgetragen“, mit dem dringenden Ersuchen, alsbald zu ihm zu stoßen. Mit großem Widerstreben und erst nach langem Zögern gehorchte P.; er hatte ohne Zweifel ntchts Geringeres als daß selbstständige Obercommando für sich erwartet. Erst am 5. December traf er, ohne Truppen, zu Prag im erzherzoglichen Lager ein. Drei Jahre lang war er nunmehr die Seele der kaiserlichen Kriegjührung – einer unglücklichen Führung. Der Feldzug des Jahres 1640 gegen Johann Bank–r begann mit der Eroberung von Königgrätz durch P. (1. März). Banesr wurde durch die Ueberzahl seiner Feinde aus Böhmen gedrängt, doch ohne daß ihm weiterhin ein nennenswerther Vortheil hätte abgerungen werden können. Dreimal – bei Saalfeld, Vacha und Fritzlar – lagen die feindlichen Heere in verschanzten Lagern unter den größten Entbehrungen einander gegenüber; Schlacht wurde keine gewagt. Durch die vormals Weimarische Armee unter Gusbriant verstärkt, eröffnete Bauer 1641 schon im Januar wieder die Feindseligkeiten durch einen Angriff auf Regensburg, den nur ein Zufall vereitelte. Er wendete sich gegen Cham, um neuerdings in [102] Böhmen einzubrechen, was P. trotz der Einnahme von Neuenburg nicht hindern konnte. General Geleen, der ligistische Feldherr, nahm keinen Anstand, P. wegen –Feins Aufenthaltes vor Neuenburg eines groben Versäumnisses zu beschuldigtn, in Folge dessen die sonst sichere Vernichtung Bansr’s hintertrieben worden sei. Ein Zweikampf mußte vom Kaiser persö11licll untersagt werden. Banßr starb bald nachher; das führerlose Heer empörte sich; die Gelegenheit wurde von P. nicht genützt. Er und der Erzherzog zögerten so lange, bis die feindlichen Reihen wieder gestärkt und geeinigt waren, und sahen sich nach einem blutigen, doch unrühmlichen Treffen vor Wolfenbüttel (29. Juni) zum Rückzuge genöthigt. Bankzr’s Nachfolger war Linnard Torsten;.-sson. Ihm war ein P. nicht gewachsen, auch nicht in Verbindung mit Leopold Wilhelm. Die Kriegsgeschichte hat hier- über längst ihr Urtheil gefällt. Auch in den Jahren 1641–42 fehlte es nicht an mancherlei Borthei1en auf Seite der Kaiserlichen – jedes Schulbuch zählt sie auf: – sie gingen alle und nicht sie allein bei Breitenfeld (2. November 1642) durch eine der schwersten Niederlagen des ganzen langen Krieges gründlich verloren. Erzherzog Leopold Wilhelm und P. legten ihr Commando nieder – Galls nahm wieder ihre Stelle ein.
P. ging nach Spanien, wo er im October 1643 eintraf. Hier wurde ihm bei seinem ersten Empfang zugleich mit dem Goldenen Vließ die Würde eines Granden zu Theil: Belohnungen von vornherein. Seine Bestimmung warse1bstverständlich der niederländische Boden. Widrige Umstände verhinderten seine Ankunft daselbst bis zum Mai 1644. Mehr als zwei Jahre focht er dort wieder für die spanische Sache. Fast seine ganze Thätigkeit ging darin auf, den Fall des hartbedrängten Dünkirchen zu verhüten; vergebens. Auch diesrs Bollwerk fiel in französische Hände (11. October 1646). Da hatte in Deutschland General Gallus brreits seine zweite Abdankung erhalten, ohne daß damit dem Kaiser geholfen gewesen wäre. Eben wurde zum dritten Male mit Gallas wegen Uebernahme des Oberbefehls verhandelt und P. beauftragt, ihm zu secundiren. Gallas nahm an (11. December), allein P. erschien nicht; es fehlte nicht an A11Sflüchten, ohne geradezu den Gehorsam zu verweigern, die Reife wieder und wieder hinaukzuschieben. Gallas verließ daß Heer für immer und starb. Am :z. Mai 1647 erhielt statt seiner Peter Melander Graf Holzapvel daß „Gencralcommando über alle Ihrer kaiserlichen Majestät Armaden“. – P. sah sich bitter enttäuscht. Und dennoch sollte er noch daß höchste Ziel seiner soldatischen Wünsche erreichen. Wenige Tage nach der Affaire von Zusmarshausen, am 28. Mai 1648, empfing P. mit der Bestallung als Generallieutenant den ersehnten alleinigen Oberbefehl über die kaiserliche Armee. Ihm war es beschieden, den letzten Feldzug des unseligen „großen deutschen Krieges an der Spitze der „katholischen“ Waffen auszufechten – Dank der kräftigen Mithilfe des wackeren Johann v. Werth nicht ohne thatsächlichen Waffenerfolg, doch auch nicht ohne die Schwierigkeiten sattsam kennen zu lernen, die mit der Stellung eines kaiserlichen Generalissimus gegenüber dem Oberhaupt der katholischen Liga verbunden waren. Baiern war von den siegreichen Verbündeten Schweden und Franzosen unter Wrangel und Turenne überschwemmt; eine Diversion nach Böhmen sollte die Reichsarmee dahin ablenken. Der Kaiser verlangte schlrunige Hilfe für Böhmen; Kurfürst Maximilian bestand auf der Abmachung einer sofortigen Action mit gesammter Macht zur Säuberung Baiern’s von den Feinden. Als darum P. eine Heeresabtheilung gegen Böhmen dirigirte – Prag war bedroht – und so geschwächt nur langsam gegen die Verbündeten vorrücktc, wurde er wegen „dergleichen eigenthätigen reso1utjo11SS“ mit den schwersten Vorwürfen und Ktänkungen überhäuft. Allein der Hunger zwang die Feinde, daß Land zu räumen; sie zogen gegen Donauwörth, während P. bei Ingolstadt die Donau übersetzte. Auf dem [103] Marsch nach Cham ereilte ihn am 8. November die Nachricht von dem Abschlusse des Friedens. – P. war es, der berufen wurde, den Vollzug der Friedensbedingungen zunächst in Prag mit den gegnerischen Commissäten zu bereden. Er war der kaiserliche PrincipalzCommissarius zum Friedens Executions s Convent zu Nürnberg, der am 5. October 1650 seinen feierlichen Abschluß sand. Drei Tage später unterzeichnete der Kaiser ein Schreiben – „dem Fürsten“ P. Der Reichspfer1nignteister wurde angewiesen, ihm an „jüngsthin zu Nürnberg geführten Spesen“ den Betrag von 114 566 Gulden auszuzahlen. – Ein Jahr darnach entschloß sich P. zur Ehe; seine Gemahlin war Benigna Franciesca, Tochter des Herzogs Julius Heinrich von SachsensLauenburg. Die Ehe blieb kinderloes. P. starb am 11. August 1656. Da die Söhne seines Bruders Aeneas sämmtlich vor ihm verstorben waren, bterbte ihn dessen Enkel gleiches Namens. Mit dem Enkel Ac-neas’ des Jüngeren, Octavio Aeneas Josef, erlOsch im Jahre 1757 das Geschlecht P.
Nach Urkunden der kaiserl. Archive zu Wien und zahlreicher Privatarchive.