ADB:Postel, Christian Henrich

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Artikel „Postel, Christian Henrich“ in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 26 (1888), ab Seite 465, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Postel,_Christian_Henrich&oldid=620656 (Version vom 25. Dezember 2009, 12:32 Uhr UTC)
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Band 26 (1888), ab Seite 465. (Quelle)
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Postel: Christian Henrich P., „aller Nieder-Sächsischen Poeten Groß-Vater“, wie ihn sein übertreibender Lobredner C. F. Weichmann (Einl. zum „Wittekind“) nennt, dem wir nächst dem Juristen und Archivarius Nikolaus Wilckens die einzigen authentischen Nachrichten über das Leben des Mannes verdanken, wurde am 11. October 1658 in dem Flecken Freyburg a. d. Elbe, unweit Stade, als der Sohn des Predigers Lorenz P. und der Dorothea Isentrut geboren. Ein zweiter begabter Sohn starb als Magister der Theologie in der Blüthe der Jugend, und eine Tochter, Anne Marie, heitathete den hochangesehenen Hamburger Heinrich v. Beseler. Der Vater war ein geschätzter Seelsorger und tüchtiger Theologe, der sich seinen Zeitgenossen auch litterarisch durch Predigten und das „Trauer-Freuden-Spiel Almadero und Liarta“ (1652) bekannt gemacht hat. Nach 21jähriger Thätigkeit in Freyburg wurde er 1675 an die heilige Geist-Kirche nach Hamburg berufen, wo er 1696 (3. November) in dem Bewußtsein starb, seinen Sohn als berühmten Mann zurückzulassen. Christian Henrich hat eine gediegene Erziehung und Ausbildung erhalten, zunächst im väterlichen Hause und auf der Hamburger St. Johannisschule durch den Rector Heinrich Dassov, einen trefflichen Philologen und Gottesgelehrten; dann als Schüler des Theologen Joach. Mormann, des Juristen Dan. Büttner und des berühmten Vine. Placcius, dem er auch für seine Reisen Empfehlungen an viele große Gelehrte des Auslandes verdankte. Verhältnißmäßig spät, 22 Jahre alt, bezog er die Universität, zunächst Leipzig, und, nachdem er von hier durch die Pest vertrieben war. Rostock. Am 10. Mai 1688 wurde er mit der Disputation „1)o eo quoc1 justum est circa (1ekenSjo11em S1 1. III. (1e just. et iurs zum Licentiaten beider Rechte befördert und hätte nun, nach Hamburg zurückgekehrt, seinem juristischen Berufe nachgehen können, wenn ihn nicht zu weltmännischer Vervollkommnung der Vater auf die Wanderung geschickt. Während einer umfassenden, wolvorbereiteten Reise durch Holland, Flandern, England und Frankreich, erweiterte er seinen Blick, stärkte er sein gelehrtcö Wissen, vermehrte er seine sprachlichen und litterarischen Kenntnisse. Regen Eifers legte er die Eindrücke, welche die großen Städte und Universitäten, der Verkehr mit bedeutenden Menschen in ihm zurückgelassen, in Reisebüchern nieder, die den oben genannten Biographen noch vorgelegen haben. Da Wilckens dieselben reichlicher benützt als Weichmann, und außerdem seine Aufzeichnungen aus dem frischen Verkehr mit P. stammen, so hat sein biographischer Abriß, der lange vor der Wittekind-Einleitung entstanden ist, aber erst 1770 in dem nach Wilckens’ Manuscript herausgegebenen „Hamburgischen Ehrentempel“ Chr. Ziegra’s (S. 693 bis 709) veröffentlicht wurde, höhere Bedeutung. Nach Hause zurückgekehrt, errichtet P. eine Advocatur und sieht sich bald als gesuchten Rechtsbeistand: „Wie er denn der vielen Sachen wegen darin er das 1J8trooiuium geführet, sich einen guten Credit erworben“. Der rechtsgelehrte Wilckens vergleicht ihn an anderer Stelle mit Friedr. Lindenbrog, dem großen Juristen. Um 1688 beginnt seine litterarische Wirksamkeit, und es ist nun komisch mitanzuschauen, wie der strebsame Mann die „belustigenden Beschäftigungen“ mit der Poesie, nach seiner Auffassung nur „Gewürtz in den Speisen“ des Lebensberufes gegen die übelwollende Meinung Einzelner vertheidigt, er könne darüber das Interesse der Clienten vergessen. „Wer da frägt“, heißt es in der Einleitung zur „Juno“, „wo ich dann die Zeit hernähmes Dem dienet zum Bericht, daß meines Bedünckens, einer der nicht spielen könne und nicht saufen möge, noch allemahl Zeit übrig habe.“ Bei dieser [466] breiten Bethätigung in der Oeffentlichkeit wächst sein Ansehen und Einfluß; er gilt als daß Haupt der hamburgischen Litteraten und hat die ersten Beamten und Gelehrten der „Republik“ zu Freunden, allen voran den großen Philologen Johann . Albert Fabricius (seit 1696 in Hamburg), „mit welchem er sich bey Leben „in S01j(1s, eru(1jtjo11e“ sich mamiigmahl besprochen“. Seitens der Zeitgenossen wurde P. reicheres Lob zu theil, als irgend einem seiner Mitstrebenden – man blicke nur auf die Anzeige der „ Juno“ in den „dloy-t I.jtwrsri:1 1M-tr. B-11t.a vom Februar 1700; aber gerade die laute und allgemeine Anerkennung trieb ihn immer tiefer in jene verderbliche Kunstrichtung hinein, welche durch die Namen Hofmannswaldau und Lohenstein gekennzeichnet ist. Den Fehdhandschhuh, den Christian Wernicke, ein ebenso klarer wie scharfer Kopf, den hamburgischeu Nachahmern der Schlesier hinwirft, nimmt P. beherzt auf: auf den Nadelstich, welchen er dem Gegner zufügt, antwortet dieser mit einem Keulenschlage. Die Einzelheiten dieses litterarischen Haders, der durch ein Spottfonett Postel’s gegen das Ende des Jahres 1701 veranlaßt wurde, wird man in dem Artikel über Wernicke erzählt finden; hier sollen nur die beiden ersten Strophen des verloren geglaubten Sonett3 wiedergegeben werden, so wie wir sie aus der Einleitung zur ersten Ausgabe des „Hans Sachs zusammengestellt haben, wo Wernicke das Gedicht kritisch zersetzt:

„Schau edles Schlesien, der Schwanen Vaterland,
Wie jetzt dein Lohenstein, das Wunder aller Erden,
Der Teutschland Sonne muß mit Recht genenuet werden,
So frech gelästert wird durch Stolz und Unverstand.
Daß er der Götter Sprach in Reimen angewandt,
Den Geist der Trauer-Spiel entfernt von Wald und Hrerden,
Ja daß ihn Phöbus selbst geführt mit seinen Pferden,
Wird einem Tadel-gern nach ungereimt genannt.“

Den zwei Halbversen der Terzette: „daß Hasen sich nur wagen den Löwen anzugehn“ darf man in Ergänzung des Sinnes hinzufügen: nachdem er gestorben ist. Die Fehde selbst hat damals in Deutschland weder breit noch tief gewirkt, sondern erst Werth und Wirkung erlangt, als eine ernste und gereiste Kritik die unfertigen Strebungen Wernickc’s in geläutertem Sinne aufnahm. Uebrigens war P. eine durct)aus anständige Natur, die auch moralisch weit über dem litterarischen Gelichter stand, das neben und nach ihm wirkte – den Menantes, Feustking, Hinsch – und hat als Mensch die bitteren Angriffe Wernicke’s nicht verdient. Daß er „vor Scham“ aus der Stadt geflohen und wiederum auf Reisen gegangen sei, wie man in den Litteraturgeschichten lesen kann, ist schon aus dem Grunde unrichtig, weil besagte zweite Reise nach der Schweiz und Italien bereits im J. 1700 (si7. Januar bis 15.Septen1ber“) stattgefunden hat. Von der Poesie hat sich P. erst 1702 abgewandt, nachdem der Tod seinss Freundes Gerhard Schott, der beginnende Verfall des hamburger Opernwesens und eine zunehmende Krankheit ihm die Lust an litterarischer Arbeit verdorben. Er starb 1705 (22. März) an einer kebris be0tj0-D- die in seiner schtoindsüchtigen Natur ihren Ursprung hatte. Fabriciues beklagt den Heimgang des Freundes mit einem lateinischen Gedichte, welches den hamburger Poeten einen „1Vlusis gr-Mis(1ue (1j1e(:tum“ nennt, Barthold Feind, der dem Todten im Leben gleichfalls nahe gestanden, bedauert tief „den Verlust, den der berühmte Schauplatz“ Hamburgs „an diesem braven Manne gelitten“, und die einheimischen „lloy8 1.jto1–8rj-t (3erms.njs.8“ bringen (Juli 1705) einen eingehenden Nekrolog. – In Postel’s einziger Person, urtheilt Wilckens, hätten sich die großen Eigenschaften des Juristen und Kritikers Fr. Lindenbrog, des Hellenisten und Antiquars Lukas Holsten und des Historikers und „Litterators Peter Lambeck wiedergefunden. [467] Doch war es wohl zunächst die Poesie, und zwar die Operndichtung. durch welche P. unter den Zeitgenossen seinen Ruhm begründete. Er durchdrang und überlud aber diese leichte Gattung der Poesie mit seinen reichen gelehrten Kenntnissen derart, daß man nicht mehr unterscheiden kann, wo bei ihm der Gelehrte aufhört und der Poet anfängt. Denn gerade dadurch hat der hamburger Opernunfug erst vor der Religion und einer schwächlichen Sittlichkeit seine Sanction erhalten, daß bedeutende Menschen ihr Wissen und ihre litterarischen Kräfte in den Dienst dieser Aftermuse stellten. Was in P. etwa an natürlicher Begabung für die Poesie steckte, wurde nicht zum wenigsten durch die Polyhistorie verschüttet und unbrauchbar gemacht. In erster Linie war es freilich der poetische Betrug Lohenstein’s und Hofmannswaldau’s, der seine Einbildungkraft krank machte, seinen Geschmack verdarb und ihn von jeder künstlerischen Begrenzung seiner Kräfte abzog. Wer einmal gründlich e1kennen will, welche Verheerungen Lohenstein und die galante Dichtung in ursprünglich gefunden Köpfen anrichteten, der mag die Opernquartanten der hamburger Stadtbibliothek durchgehen. Bei P. schwindet jeder brauchbare Gedanke unter der Seltsamkeit des Ausdrucks und der Last einer übel angebrachten Gclehrsamkeit. Und doch – wie rein und einfach glaubt er zu schreiben, weil er Fremdwörter verschmäht; für wie sittlich und litterarisch gesund hält er sich, weil er Liebedienerei und Mäcenatenthum haßt! Dabei fehlte es dem fleißigen Poeten weder an Geschicklichkeit in der Wahl seiner Stoffe, noch an gutem Willen und Begeisterung für die Sache. Die Freundschaft zu dem Rathtzherrn Gerhard Schott, dem Mitbegründer und späteren Leiter der hamburgischen Oper, hat ihn der Opetndichtung zugeführt. Vierzehn Jahre widmete er sich dem Unternehmen des Freundes mit Glück und Erfolg; er hat den Entwickelungsgang der Oper vom Naiven zum Rafsinirken, ihren Aufschwung und ihre höchste Blüthezeit mit durchgemacht, ihren Verfall aber und kläglichen Niedergang glücklicherweise nicht mehr erlebt. Und immer hat P. sein Publicum zu nehmen verstanden: Die unzüchtige Deutlichkeit, womit er die geschlechtlichen Verhältnisse behandelt, die Versetzung großer geschichtlicher Persönlichkeiten in die niedrige Sphäre des Posseuhaften, die reichliche Verwendung dessen, was für jene Zeiten „volksmäßig“ war, d. h. de rohen, zuchtloö-derben Witzes, die bunte MannigIaltigkeit der äußerlichen Bühneneffecte, für die keine Summe Geldes zu hoch gewesen, dienten ihm als Mittel, auf die große Menge zu wirken. Ferner hatte P. das unschätzbare Glück, daß ihm ein frischer, sruchtbarer Geist wie Reinhard Keifer als Componist zur Seite stand; dieser Gunst hat er sich freilich wieder dadurch würdig gemacht, daß er dem Musiker fingbare Weisen schrieb: Der Reichthum und die Mannigfaltigkeit der Arienformen, sowie ihre Anpassung an die Gesetze der Musik sind in der That das Einzige, was in Posiel’s Opern an Kunst erinnert. Sodann werden uns die Namen einiger Sängerinnen und Sänger überliefert, die zumal in Postel’schen Partien beim Publicum sehr beliebt waren: Der Conradi, Rischmüller, Schober und des Tenoristen Matthefon. Dichter und Componist fragten sich nur: wie producire ich am schnellsten und wie locke ich die große Masse am sichersten? Denn darum bekümmerte sich Niemand, daß in Postel’s Opern der Bau zerfahren, die Charaktere unnatürlich, das Gefühl gemacht, die Leidenschaft künstlich waren, daß alle Conflicte ausschließlich auf läppische Liebesspieleteien hinausliefen. Gleichsam um sein litteratisches Gewissen zu beruhigen, pflegte er den Texten lange wissenschaftliche Vorreden beizufügen; einmal sagt er, er schtiebe sie, damit „nicht allein das Auge durch schöne Vorstellung und das Ohr durch eine angenehme Musik möge eingenommen“, sondern auch „der Verstand möge ergetzt werden“. – und an anderer Stelle schreibt er: die Singfpicle verfasse er zu des Publicums, die Vorteden jedoch zu seinem [468] eignen Vergnügen. In den Jahren 1688–1702 hat P. das Opernhaus mit 28 Stücken versorgt. 1688: 1) „Die heilige Eugenia, Oder die Bekehrung der Stadt Alexandria zum Christenthum“ (erst 1695 gedruckt). 1689: 2) „Kain und – Abel, Oder der vetzweiflende Bruder-Mörder“. 3) „Die betrübte und erfreute Cimbria“, zu Ehren des Herzogs Christ. Albrecht v. Holstein. 4) „Xerxes in Abydos. 1690: 5) „Die Groß-Mächtige Thalestris, Oder Letzte Königin der Amazonen“. 6) „.4noi1e 11om:mum- d. i. des Römischen Reiches Glücks Schild“, zur Krönung Kaiser Jofephs. 7) „Bajazeth und Tamerlan“. Die bisher aufgeführten Opern sind sämmtlich vom Arzte J. Ph. Förtsch componirt, wie die nun folgenden von Conradi. 169r 8“) „Die schöne und getrcue Ariadne“. 9) „Diogenes Cynicus. 1692: 10) „Die Verstöhrung Jerufalems, Theil 1 (Eroberung des Tempels). 11) Dasselbe, Theil ll (Eroberung der Burg). 12.) „Der tapfere Kayser Carolus Magnus, und dessen erste Gemahlin Hermingardis. 13) „Die unglückliche Liebe des Achilles und der Polixena“. 1693: 14) „Der Große König der Afrikanischen Wenden Gensericus. 15;) „Der Königliche Prins aus Pohlen Sigismundus. 1ts94: 16s) „Der Wunderbarvergnügte Pygmalion“. 17h) „Der Groß-Mühtige Scipio Africanus. 1695: 18) „Medea“. 19h) „Die Glücklich-wiedererlangte Hermione“. Die Musik zu den Opern Nr.18 und 19 ist von Gianettini, während die folgenden Nummern K–eiser componirt hat. 1697: 20) „Der Geliebte Adonis. 1es98: 21) „Die durch Wilhelm den Großen in Britannien wieder eingeführte Irene“. 22s) „Der bey dem allgemeinen Welt-Friede von dem Großen Augustus geschlossene Tempel des Janus. 28) „Allerunterthänigster Gehorsam welcher auf dem erfreulichsten Nahmenstage des Großen Kayfers Leopold vorgestellet ward“, ein Ballet. 24.) „Der aus Hyperboreen nach Cymbrien übergebrachte güldene Apfel“ (zu Ehren des Herzogs Friedrich und der Herzogin Hedwig Sophie v. Holstein). 1699: 2s) „Die wunderbar-errettete Iphigenia“. 26) „Die An dem glücklichen Vermählungs Tage Ihr. Römisch. und Ungar. Majest. König Josephs Mit der Durchl. Printzessin Wilhelmina Amalia Vorgebildte Verbindung des großen Hercules Mit der schönen Hebe“. 170r 27) „Die Wunderschöne Psyche“, zum Gebuttstage der Königin v. Preußen, Sophie Charlotte, gedichtet. 1702: 28) „Der Todt des Grossen Vans“, eine „Traur-Music“ zum Tode Ge1hard Schotts. Ferner soll P. an Bressa11ds „Porus (1694) und am „Sicg der fruchtbaren Pomona“ (1702) stark mitgearbeitet, sowie zu „ll ’ll–jumk0 (1Sl 19’s.t0“ (1702s) den letzten Auftritt geschrieben haben. Die Nummern 1, 4, 7, 8, 18, 19 sind Uebersetzungen italienischer Originale, Nr. r3 ist aus dem Französischen übertragen, Nr. 15 geht auf eine holländische Uebersetzung des Calderonschen „l.8„ ri(1er S8 Su(-sto zurück und Nr. L5 ist nach des Euripides „Iphigenie in Aulis gearbeitet. Sein Verfahren beim Uebetsetzen schildert P. in der „Xerxes Vorrede so: „Es diene zur Nachricht, daß man sich nicht allemahl an die Worte, damit es nicht gezwungen herauskäme, sondern nur an die Erfindung gebunden, auch nach dem genjo 1o(:i ein und andere llo11t1ettst(58 und p1-1„jsi11te1–jen hinzugefüget.“ Die Texte zur „Medea“ und dem „Achilles sind allerdings wörtlich nach dem Original wiedergegeben. Am meisten ist die „Iphigenie“ von den Zeitgenossen bewundert worden: Der Muth Postel’s, mit dem Euripides zu wetteifern, imponirte, und sein Bestreben. „die Schreib-Al)rt der ,Italiener n1it der Römischen und Griechischen im Teutschen zu verknüpfen“, erschien als etwas ganz Neues. Fabricius hat nur Worte des Lobes für das Stück (13jb1. graec. 1l„ 18- 614) und Weichmann druckt es in der „Poesie der Nieder-Sachsen“ (l„ 32ts ff.,) wieder ab. Heute berührt es, zumal in den Postel’schen Zuthaten, wie der Liebesepisode zwischen Achill und Deidamia, wie eine Parodie auf des Euripides unsterbliches Wert. Die ernste Hoheit der griechischen Tragödie hat sich verflacht, [469] die Motivirung ist durch willkürliches Beschneiden oder Auslassen bedeutsamer Stellen unklar geworden und der lieblich-ernste Iphigeniencharakter schrumpfte unter Postel’s unkünstlerischer Hand zu einem kläglichen Schemen zusammen. – Die Gelegenheit-Sopern bestehen in gewöhnlichen, anmuthslosen Allegorien oder verstiegenen Personificationen und strotzen von breitem, lobrednerischem Pathos – rechte Erzeugnisse eines erfindut1gsarmen Dichters der Spätrenaissance! In seinen Originalopern hat P. jedes Stoffgebiet berührt, freilich nur an der Oberfläche. Er beginnt, dem Herkommen gemäß, mit biblischen oder halbbiblischen Stoffen: dem blassen Märtyrstück „Cugenia“ folgt die alttestamentarische Oper „Kain und Abel“ als selbstständige Arbeit – religiöse Intriguenspiele, von der Hölle und ihren Geistern inscenirt, ohne Innerlichkeit und Seele; im „Kain“ finden wir gar ein widerliches Liebesverhältuiß zwischen Bruder und Schwester, welches der Verfasser in einer gelehrten Einleitung zu rechtfertigen sucht. Schon in der „Cugenia“ läßt P., aller vorgewandten Ernsthaftigkeit zum Trotz, die komische Figur (den Diener Festus) auftreten, die nun mit verschiedenem Namen fast durch alle seine Opern geht: „als ein Gewürtz, dessen Zusatz keine Speisen verdirbet, sondern vielmehr derselben eine gewisse Schärfe giebet“. – Halb religis, halb historisch und politisch gibt sich die Doppeloper „Die Verstöhrung Jerusalems, ein Werk von moralisirender Tendenz, voll aufdtinglicher Lehrund Strafreden. Griechenland, Rom und der Orient geben dem fleißigen Opernschreiber historische und mythologische Ueberlieferungen oder Anecdoten als Stoffe her; auch die Amazonenromantik muß in der „Thalestris (nach 1.8 0.21prenesä8’s Roman „Cassandre“, 1l gearbeitet) herhalten. Dem Mittelalter entnimmt er einen Karl den Großen und Genserich, und die Geschichte seiner eigenen Zeit feiert er durch ein Festspiel, welches der Verherrlichung des RyZwijker Friedens dient. ,In der Vorrede zum „Karl“ heißt es: „Der Kayser ist etwas galant vorgestellet, weiln allen Geschichtsverständigen bekannt, daß er auch die Galanterie auff seine Kinder geerbet, indem daß dieselbe seiner Tochter Emma den galatzten Eginhard gar auff die Schulter gesetzet“. Damit ist der Charakter der Oper, welche Postel’ß- plattestes, gemeinstes Werk ist, angegeben. Ehebruch, Schändung,. Nothzucht, Verrath, Betrug, ordinäre Intriguen, unzüchtige Rivalität werden lediglich einer verlogenen Liebesleidenschaft wegen in Bewegung gesetzt. Der heldenhafte, wettetfeste Karl der Geschichte geberdet sich bald schmachtend wie ein liebegirreuder Schäfer, bald roh wie ein lüfterner Bube. Im Ausdruck blüht der Marinismus, der Witz besteht aus Cynismen. Die „Sonnen-Glut der Augen“, der Mund „von blutigen Rubinen“, der „Rosen-reiche Schnee der Wangen“, der „blat1ke Alabast des Halses, die Stirne „von Jaßminen“ und die „Perlen-reichen Brüste die nichtes sind als Amors Blut-Gerüste“ sind Metaphern, deren Herkunft unverkennbar. In der musikalischen Technik machte P. Von Oper zu Oper Fortschritte, zumal was die mehrstimmigen Sätze betrifft, die sich schließlich in großer Ausdehnung bei ihm finden. – Die 7 Texte zu Keisers Gemüths Ergötzung, bestehend in einigen Singgedichten“, 1698, (der unvermuhtlich vergnügte Philenus, der vergnügte Amyntas, der unglückliche Fischer, die verliebte Diana, die geschildette Hetmione, die biß an den Todt geliebte Jris, die rasende Cyfersucht) sind Postel’s Werk, wie wir nunmehr feststellen können. Denn von den Zeugnissen V. Feinds (Einl. zu den „Deutschen Gedichten“ 1708, S. 47 f.) und Wilckens’ abgesehen, finden wir, daß sich neben der Idee auch die ganze Eiferfuchtsarie der „geschilderten Hermione“ in der gleichnamigen Oper und die Arie der „Jris: Tragt ihr Lüfte meinen Eyd u. s. w. o wörtlich im „Karl“ (3. A.,14. Auftr.) wiederfinden. Die „Sing-Gedichte“ gehören zu den ersten deutschen, den weltlichen, Cantaten, welche, eine Nebenfrucht der Oper, aus Italien kamen. Arie, Arioso und jambische Recitative wechseln [470] ab; der Inhalt ist die Liebe, und zwar die schäfermäßige: Hoffnung, Sehnsucht, Entsagung, Eifersucht, Raserei, Trauer und Freude werden bunt und unmotivirt nebeneinandergestellt. – Den Uebergang zu dem vielberufenen Epos Fragment – „Wittekind“ bildet „Die listige Juno: Wie solche von dem Grossen Homer Im vierzehenden Buche der Jlias Abgebildet“, welche P. gleich nach der „Iphigenie“ als zweite Frucht seiner mit Ernst und Eifer betriebenen griechischen Studien im J. 1700 herausgab. Diese freie Uebertragung der „–ckse); cimäro;“ (Jl. )(1l’, 153–368) darf man nicht unterschätzen. Es ist eine Arbeit, die dem Autor zu großer Ehre gereicht und in der Geschichte der frühen Versuche, Homer Deutsch zu machen, eine hervorragende Stellung einnimmt. Was er unternommen, dessen war sich P. recht gut bewußt: „Ich bin schon vergnügt“, schreibt er, „wann Sie zu einer Aufforderung dienen möge, das andere und geschicktere dergleichen unternähmen, und mich überwinden, da mir denn noch gleichwol die Ehre bleiben soll, daß ich von den ersten gewesen, die dergleichen in Teutscher Sprache gewaget“. Der Enthusiasmus, womit er für den verkannten Homer eintritt, und sein Wunsch, ihn den Händen der Schulmeister entwunden und zum Herzenseigenthum des Volkes gemacht zu sehen, können uns in der That mit Postel’s großen Irrthümern einigermaßen aussöhnen. Die Uebertragung selbst ist trotz des weitschweisigen, überladenen Alexandriners für jene Zeiten gewandt zu nennen. Fabticius wenigstens hebt gerade diese Seite der Arbeit hervor, wenn er urtheilt (Bjb1. grtsiec. 1l- 3, 301): Non mentjzr- Si (1i1Srjm. llomerum inter (3e1–msu0S primum bu1butirs C1S8iise- postc1usm ju 1ucem pro(1jit. Lee); ei-–:cLrsy (:zrmjvs ye1–118,Oul0 (1isertisim0 eJ(pres ab er11(1ito poet-t II. chr. l’osten0„ llamburgsusi. Die Wahl gerade dieser Episode ist sehr bezeichnend für den Geschmack des Uebersetzers: Juno ist ihm das galante Frauenzimmer, welches, durch die Kunst der Aphrodite verjüngt und durch eine reizende Toilette verschönt, den für Sinnenkitzcl und Liebeslust empfänglichen Gatten bethört und einschläfert, damit er ihre Unternehmungen nicht durchkreuze. Was Homer zart und naiv andeutet, tritt P. mit wahrem Behagen zur Schlüpfrigkeit breit; ja er giebt sich Mühe, durch Zusätze den sinnlichen Reiz der Scene noch zu erhöhen. Die Rede Homers drückt er auf das Niveau der Sprache Hofmannswaldau’s herab: Er spricht von „Die Schooß“ (-es2rw0;), „Der Wunderstrick“ (k;ese; 7:0Ar).0;)- „Lieb und Brunst“ (qe).cJr7s), „Die Schlaff-geneigte Nacht“, „Die Schatten-holden Eulen“ (“?i.x-sec 2.e)-wos), „Schlasses Lieblichkeit“, übersetzt ä,“,6’Cmä1m; mit „Ambra-gleich“ und füllt des leidigen Reintes wegen die Verse mit Nichtigkeiten an. Seine Anmerkungen zeugen von einer unglaublichen Belesenheit in der lateinischen, griechischen, französischen, italienischen, englischen, spanischen und portugiesischen Litteratur, die er sämmtlich sprachlich beherrschte, und die Uebertragung der auf die Mz; okmir7; bezüglichen Scholien des Eusthatius von Thessalonice beweist, daß P. sich auch um die Litteratur der Homerkritik bekümmert hat. – Nicht weniger als diese Homerübersetzung trägt Postel’s Heldengedicht „Der grosse Wittekind“, ein gewaltiges Bruchstück, daß Weichmann, fast zwei Decennien nach dem Tode des Verfassers, 1724 in Brockes’ Auftrage herausgab, den Charakter eines Versuches. Mitten im 10. Buche und nach dem 9212. Verse bricht die Darstellung ab, eine Frucht fleißigen Studiums in den alten und neueren Epikern, Chroniken, Rittergeschichten, Wappenbüchern und Genealogien; das Stoffliche ist aus Ev. G. Happels Roman „Sächsischer Wittekind“ (lllm 1698) geschöpft. Das Werk entstand in den Jahren 1698–1701, also zu einer Zeit, wo sich P. mit dem . Epos der Alten eingehender beschäftigte. Was an Handlung in diesen 10 ersten Büchern des „Wittekind“, denen noch 14 weitere folgen sollten, steckt, ist sehr dürftig: Durch die Uebermacht der Franken besiegt, zieht sich Wittekind mit den Seinigen in heldenhaftem Kampfe an die Weser zurück und begibt sich von dort [471] aus nach Dänemark, um seinen Schwiegervater König Siegfried um Hilfe anzuflehen, während der siegreiche Karl die kriegsfreie Zeit mit Turnieren und Vernichtungszügen gegen die unbeschützten Heiligthümer der Sachsen ausfüllt. . Wittekind empfängt vom Dänenkönig ein Heer unter der At1fühwng des schönen, heldenhaften Prinzen Siegfried und tritt seine „Odysseussahrt“ an, um die frankenfeindlichen Vö1ketschaften Europas gegen den verhaßten Karl aufzureizen. Nach längerem Aufenthalte in Britannien, wo ihm zu Ehren glänzende Spiele (u. a. ein Hahnenkampf) stattfinden, und einem romantischen Seegefecht mit Piraten, wird er bei Gibraltar von einem furchtbaren Sturme überrascht; von seinen Gefährten getrennt, treibt ihn die Brandung ans Ufer, wo er eitischläst und von Fatime, dem Töchterlein des Mohrenkönigs Bedis von Granada, gefunden wird. Bedis nimmt ihn gütig auf, verspricht ihm seine wie seiner Vasallen und Freunde Hilfe, und gibt dem tapferen Fremdling zu Ehren große Gastereien, bei denen sogar – Braunschweiger Mutnme kredenzt wird. Inzwischen hat Wittekind’s Kampfgenosse Adelwig auf den „Inseln der Glücklichen“ im Feenschlosse der Galiana frivole Liebesabenteuer zu bestehen, deren Versuchungen er nur mit Mühe entrinnt. Erst nach der Einnahme von Saragossa stößt er wieder zu seinem Feldherrn Wittekind, der unterdessen von Vedis zum Führer des Maurenheeres ernannt worden ist, um gegen den siegreichen Roland den Krieg zu Führen. Es gelingt der Tapferkeit und list des Sachsenkönigs, sowol die Veste Saragossa zu nehmen, als auch die Stadt Pampelona zu überrumpeln, wobei sich eine zweite „Dolonie“ abspielt. Ein Versuch, den Feind aus dem Gebirge zu verjagen, mißlingt und hat den Tod des jungen Siegfried zur Folge . .. Es ist schwer, aus dem Wust von Beschreibungen, Episoden, philosophisch-moralischen Betrachtungen und gelehrtn Abhandlungen den c–pischen Kern herauszuschälen; in diesem durch und durch unkünstletischen Werke erinnert P. am stärksten an Lohenstein und dessen weitschweifige Gelehrsamkeit. Erfunden hat der Autor so gut wie nichts: Er glaubt gemäß jener Theorie vom „Heldengedichte“, welche das 17. Jahrhundert lehrte, daß Recht zu besitzen, Homer, Virgil, Tasso und Ariost für seine Zwecke ausgiebig plündern zu dürfen. So ist das ganze 7. Buch eine matte Nachahmung der Citce-Episode Homers, wie sie Arioft (0r1. ku1–.’ c. 6–7) und nach diesem Tasso ((3e1–us. 11b.- c. 15–16) behandelt haben; daß in Circe-Galiana nebenbei noch ein Stück von Calypso steckt, darf uns nicht wundern. Sogar das Entzauberungsmittel „Moly“ ist herübergenommen. Eine T1–aumerscheinung deck- Arminius (3. Buch) wird nach Virgil gearbeitet, und Hektors Abschied von Gattin und Knaben muß im 8. Buche zu einer tührenden Episode dienen. Das. Buch (v. 179–459) enthält außerdem eine Art von „30orea auf daß Landheer übertragen, und das 4. Buch eine Aufreizung des Aeolus durch Beelzebub, seine Winde gegen die Schiffe Wittekind’s zu senden, sowie eine Hylotomie nach dem 13. Buche der Jlias. Der Gürtel der Aphrodite findet sich im 7., der Becher Nestors im 6. und der Bogen des Pandaros mit virgilischen Einzelheiten im 9. Buche wieder. Aus der unschuldsvolleu, lieblichen Naufikaa ist die kokette Sultanstochter Fatime geworden (5. B.), aus dem „pius .slles des Virgil der „fromme Wittekind“’, wiewol diese Bezeichnung einem heidnischen Manne kaum zukommt, und aus dem „770I.25x;D07:0; ’c“)c)’tcrc1.s25c“ ein „schlauer Wanderer“; Stentor der gewaltige Rufer, erscheint in der Gestalt des maurischen Kriegers Mutallah (9. Buch). Dazu gesellt sich eine krude Vermischung antiker und germanischer Mythologie mit christlichen Anschauungen – kurz, es herrscht in dieser „Dichtung“ eine Ideen- Verwirrung ohnegleichen. Trotz aller Unselbstständigkeit und Anlehnung an Fremdes wird Postel’s „Wittekind“ in der deutschen Litteeaturgeschichte nun doch seinen Platz behaupten, denn er ist vor Klopstock’s „Messias thatsächlich der [472] einzige ernste Versuch eines Heldengedichtes, welcher die überlieferte Auffassung, als sei die heroische Poesie einzig auf Stoffe der Gegenwart und die schmeichlerische Verherrlichung der Großen und Mächtigen angewiesen, über den Haufen wirft “ und einem Stoffe der deutschen Vorzeit nationale Gewandung zu geben wußte. Witteki11d, als bekehrungsfähiger Heide von Gott geliebt, ist dem Autor daß Muster des germanischen Mamies: Alle echt deutschen Eigenschaften wie: Muth, Treue, glühende Vaterlandsliebe, Tapferkeit, Freiheit-8drang, Demuth, Stärke, Bescheidenheit im Siege, Genügsamkeit vereinigt P., wenngleich äußerlich, in der Gestalt des Wittekind. Das deutsche Volk ist ihm das edelste, stärkste, gemüthvollste – kurz: das Hoffnungsvolk der Erde, während die Franken als die natürlichen Feinde der Deutschen erscheinen und nicht einmal als Träger des Christenthums etwas gelten. Auf ihrer Seite stehen Hochmuth, Stolz, Grausamkeit, Ueppigkeit, Begehrlichkeit, Blutgier und Unduldsamkeit. Ein Ausruf wie: „O weh den Völkern, die der Franken Nachbarn sind“ (B. 3, V. 36), ist geradezu tendenzis. Der nüchterne Reimschmied wird ordentlich warm, wenn er von seinen Sachsen spricht: dann schlägt ein Funke Empfindung durch die kalte Darstellung, und der Ausdruck erhält natürlichere Farben. Während Weichmanu und eine gleichzeitige “öffentliche Stimme (Deutsche t1(:t–a 1zruc1jt. 1724, S. 326 ff.) dem „Wittckiud“ übermäßigeß Lob zollen, so zwar, daß jener gar versichert, es hätte „weun das Werk völlig wäre ausgearbeitet worden, Teutschland weit größt-rn Ruhm davon gehabt als Italien von seinem Tasso und Marino zugleich“ – hat Klopstock über der unvollkommtnen Form und dem undeutschen, kraftlosen Ausdruck Postel’s gute Absicht übersehen. Sagt er doch in seiner berühmten Abiturientenrede: „lngentiz l’jtte1(in(1iysener:1n(r1 i11jus 11ominjs kuct:1 11ju1co c:umine neo 8.(:l S8u0it:1S a nAtur8„ Semer 1eges cOmi10sjt0 1tstorumq11e tuntore, 11011 n18.g11jlicentju rex-1et0 k’ost(-1jus (1ecorNTjt“. Von den neueren Beurtheilern des „Wittekind“ äußert sich Lemcke (Von Opitz bis Gottsched S. 869 f.) sehr hart und oberflächlich, indessen Erich Schmidts (Zeitschr. f. d. A. 1882 Anz. S. 52 ff.) und GervimiS’ (sI1l, 503 treffliche Auseinandersetzungen dem Werke philologisch und historisch gerecht werden. – Von Postel’s übrigen Arbeiten sind noch die Lob- und Begräbnißtede für den hamburger Stadtcon1mandanten H. v. Delwig (1696; vgl. auch Fabricius’ I1em0r. l–1-tmb. 1„ 419–436) und ein überaus gelehrter Tractat „DS 1insu-1e 1ijsp:miese äikscu1t:1te- Oleg-n1tj0 er utj1its.ts (d70y. I.it–.I181–. 13-11t. 1704, April, S. 111 ff.,) zu nennen, in welchem sich Ansätze zu einer vernünftigen, auf die Völkerschaften Spaniens angewandten historischen Sprachvergleichung zeigen. – P. ist daß Schicksal widerfahren, daß er keine ruhige Beurtheilung fand; in dem Grade, wie seine Zeit ihn pries, verachteten ihn die folgenden Generationen. Feind hält ihn für einen Dichter, der „an Pracht, an Majestät, an Zierlichkeit, an Kunst und Schönheit“ den alten Schlesiern nichts nachgebe, und für einen durchaus selbstständigen Kopf dazu; Hunold nennt ihn „einen vortrefflichen Mann und vornehmen Poeten von hohem Geiste“ (Theatral. Ged. S. 17) und Chr. Wolf schreibt im „Ir-wjollAeismus ante 1Vl5mjO11-1eos (1707) von ihm: „0n1118S 1zo(-8eos (3erm-tnjue 7eneres jmbjbjt“. Doch wenige Jahre nach dem Erscheinen des „Wittekind“, ja schon 1721 in den „Discourse der Mahlern“ (11, 439) führen die Schweizer heftige Schläge gegen Postel’s Ansehen und Bedeutung. In der Schrift „Von dem Einfluß und Gebrauche der Einbildungskraft“ (1727, S. 33, 40, 43, 75 ff.) ziehen sie über seine nichtigen Beschreibungen, „entfernten Gleichnisse“, seine Weitläufigkeit unbarmherzig her und sehen selbst in den besseren Theilen des Wittekind mehr eine gute Uebersetzung als „das Wirken einer fruchtbaren Einbildungskraft, die durch sich selbst reich ist“. In der „Critischen Dichtkunst“ spricht Breitinger (l, 457 ff.) ausführlich von dem „gefährlichen [473] Wettstreit“, den P. mit Homer eingegangen, und Bodmer sagt im „Charakter der Teutschen Gedichte“ (l784, S. 14), dieser Wettstreit mit dem großen Griechen sei vergeblich gewesen, weil dem deutschen Poeten „Blei gefesselt den Verstand“. Auch Gottsched findet blos Worte des Hohnes für Iphigenie und Wittekind. So hat der wohlfeil erworbene Ruhm Postel nicht lange überdauert: Der einst geehrte Mann steht vor der Nachwelt nur mit dem Fluche der Lächerlichkeit beladen, den ein talentvoller Gegner ihm angehängt.

Außer den oben genannten Biographen vgl. Moller ll, 666 ff. – Jördens, 1V, 210 ff. – Lex. d. hamb. Schriftst. V1, 99 ff. – Chrysander, G. F. Händel l, 79 – Geffcken, Die ältesten Hamburg. Opern in d. Zeitschr. d. Vereins f. hamb. Gesch. III. 34 ff. – Lessings Collectaneen, in der Ausg. v. Lach.mann )cl, 353 fs.
Julius Elias.
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