ADB:Reimarus, Hermann Samuel
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ReiMlluls: Samuel R., geb. am 22. December 1694 in Hamburg, –† am 1. März 1768 ebendaselbst, Sohn eines Gymnasiallehrers, machte seine Vorbereitungsstudien am Johanneum unter Leitung seines Baters und hierauf seit 171O am akademischen Gymnasium unter dem gelehrten Joh. Akbert Fabricius (s. A .D. B. V’l, 518 ff.), und bezog sodann 1714 die Universität Jena, wo er Theologie, Philologie und Philosophie studirte; 1716 ging ernach Wittenberg, woselbst er alsbald von der philosophischen Facultät als Docent aufgenommen wurde und auch nach einer längeren Reise, welche ihn 1720–21 nach Holland und England führte, seine Lehrthätigkeit fortsetzte, bis er im J. 1723 einem Rufe zur Uebernahme des Nectorates des Gymnasiums zu Wismar folgte. – Als im J. 1727 (nicht, wie Bd. 7, S. 652 lautet, 1737) am Hamburger akademischen Gymnasium der Professor der orientalischen Sprachen, G-org El. Edzardus, mit Tode abging, bewarb sich R. aus Anhängli–chkeit an seine Vaterstadt um diese erledigte Stelle, welche ihm auch (1728) [703] übertragen wurde. Am 11. November 1728 verheirathete er sich mit einer Tochter seines früheren Lehrers Fabricius, und 40 Jahre hindurch führte er in größter Pflichttreue sein Amt, welches eigentlich seiner vollen Begabung nicht ganz entsprechen konnte.; es ergab sich auch, daß viele Gymnasiasten, welche für ihr weiteres Studium daß Hebräische nicht bedurften, ihn um besondere philologische oder philosophische Uebungsstunden baten. Einen an ihn ergangeneu Ruf nach Göttingen an Gesner’s († 1761) Stelle schlug er aus. Sein Kenntniß- reichthum erstreckte sich auf Philologie, Philosophie, Theologie, Mathematik und Naturwissenschaften, politische und litterarische Geschichte und Staatswissenschaft; in der Philosophie übte vorerst Joh. Franz Buddeus, alsbald aber Wolff einen entscheidenden Einfluß auf ihn aus. Er war ein Mann von gediegenem Charakter, ein scharfer, folgerichtiger Denker und kraft seiner unbedingten Wahrheitsliebe ein Feind des Truges jeder Art. Als Philologe beschenkte er die Wissenschaft mit einer vortrefflichen Ausgabe des Dio Cassius (in 2 Bdn., 1750–52). Hierauf folgte die Schrift: „Abhandlungen von den vornehmsten Wahrheiten der natürlichen Religion“ (1755, 7.Aufl.1798), durch welche. er bereits zeigte, welch hervorragende Stellung er innerhalb der Gruppe der Aufklärer einzunehmen berufen sei. Anknüpfend an Wolff’s ’1’i1eo1ogiz 11atur-r.1js und an die englischen Deisten führte er eine teleologische Anschauung durch, vermöge deren Gottes Güte und Weisheit in der Natureinrichtung nachgewiesen sei und daher eine natürliche Religion sich ergebe, durch welche jede positive Religion entbehrlich gemacht werde. Das einzige göttliche Wunder sei die Schöpfung, deren Erhaltung durch die Gesetze der Natur geregelt werde; überhaupt andere Wunder anzunehmen, widerspreche der Weisheit und Vollkommenheit Gottes. Indem der Zweck der Schöpfung sei, aus dem Unbelebten alle lebenden Wesen hervorzubringen und alles mit der größtmöglichen Lust der letzteren in Einklang zu setzen, müsse eben die Einrichtung der Welt als die Offenbarung Gottes betrachtet werden, und indem der Mensch auf der höchsten Stufe der lebenden Wesen stehe und von den Thieren sich durch den Besitz sittlicher Ideen unterscheide, werde der Zweck der Menschheit erst in einem künftigen Leben erreicht; so stützt er die Unsterblichkeit auf die Einfachheit der Seele, auf daß Verlangen derselben nach höherer Erkenntniß, auf die Nothwendigkeit einer künftigen Vergeltung und eine Stufenfolge fortschreitender Entwicklung. Vielfach wurde daher diese Schrift als Waffe gegen den Spinozismus und gegen den materialistischen Atheismus der Encyklopädisten benutzt, unter welchen R. selbst sich besonders gegen De la Mettrie wandte. Eine weite Verbreitung fand auch die Logik Reimarus’ unter dem Titel: „Vernunftkehre als Anweisung zum richtigen Gebrauchte der Vernunst in der Erkenntniß der Wahrheit aus zwei ganz natürlichen Regeln der Einstimmung und des Widerspruches hergeleitet“ (1756, 5. Aufl. 1790), worin ein gewichtiger Beitrag lag zu den damaligen Erörterungen der sog. prj11Ojpjz ooguitjo:1js. Dann veröffentlichte er „Allgemeiue Betrachtungen über die Triebe der Thiere, hauptsächlich über ihren Kunsttrieb, zur Erkenntniß des Zusammenhanges zwischen dem Schöpfer und uns selbst“ (1760, 4. Aufl. 1798); in Anknüpfung an obige teleologische Naturbetrachtung erscheint ihm hier die Thierwelt als eine bereits kunstsinnige Vorstufe des Menschen, und sowie er hierbei Fragen anregt, welche der Thier-Psychologie angehören, so greift er auch in die in jenen Jahren sich verbreifende Litteratur der Aesthetik ein. Neben all dieser schriftstellerischen Leistung hatte er sich seit 1745 in wiederholter Umarbeitung und Nachbesserung mit einem Werke beschäftigt, welchem er in der letzten Reduction im J. 1767 den Titel gab: „Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes; eine Veröffentlichung aber wollte er unterlassen, weil vielleicht erst in weit späterer Zeit das Publicum hinreichend reif [704] sein wüide. deilei kritische Untersuchungen zu ertragen. Nun aber tum im U?'?. 1767, d. h. im letzten Lebensjahre Reimarus', Lessing als Dramaturg nach t>' bürg und lernte allerdings den R. nicht näher persönlich kennen, trat e. Während seines bis zum April 1770 dauernden Aufenthaltes in innige« k.- ziehungen zu den Kindern desselben, nämlich der Tochter Elise und den, Sc' Johann Albrecht Heinrich, welcher Arzt war (s. u.). Hier nun sah Lessing 5. Manusciipt der Schutzschrift, erhielt aber, wahrscheinlich durch Elise, nur e Abschrift einiger Capitel derselben, welche er als einen angeblichen Bib'.iit; sund, natürlich ohne Nennung des Veisassers, in seinen Beiträgen Geschichte und Literatur aus den Schätzen der Herzoglichen Bibliothek zu N-l buttel“ allmählich von 1774 – 1777 herausgab, wovon namentlich die le? - sllnf Fragmente („Von Verschreiung der Vernunft auf den Kanzeln“. ,Un--.: lichleit einer Offenbarung, die alle Menschen glauben könnten“. ,.Durct»: Zwecke unternahm, um die Vernunstreligion im Gegensatz zu der geossentH:: Religion zu begründen. Anknüp'cnd an Spinoza. Pierre Bayle und dl« e? tischen Deisten (besonders an Toland) bekämpfte er mittels litterarischer i logischer Kritik die Schriften des alten und des neuen Testamentes, wobn »4 ' grundfützlich um eine Prüfung der Offenbarung überhaupt handelte und dc auch im Einzelnen Schritt für Schritt, zumal bei allen Wunderberichten. e: einschneidendste und gründlichste Erörterung geübt wird, so daß bei undenze?.- Beurtheilung Wohl gesagt weiden kann, er habe durch seine ebenso lrUm« :. scharfsinnige Untersuchung den Grundlagen der Orthodoxie einen empfinll«: Stoß versetzt. Dav. Friedr. Strauß. Heim. Sam. Reimaius und seine Schutz' sür die vernünftigen Verehrer Gottes (1862. 2. Aufl. 1877).