ADB:Roller, Christian Friedrich Wilhelm
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Roller: Christian Friedlich Wilhelm R,, Irrenarzt. Geboren am II. Januar 1802 zu Pforzheim, wo sein Vater Dr. Johann Christian R. Irren» und Siechenhaus»Physikus war, wendete er sich nach Abfolvirung des Pädagogiums seiner Vaterstadt und des Lyceums zu Karlsruhe 1818 dem Ltudium der Medicin zu. besuchte die Universitäten Tübingen, Göttingen und Heidelberg und legte 1822 sein medicinisches Staatsexamen ab. Nach drei» jähriger Thätigleit als praktischer Arzt in Pforzheim unternahm er im Auftrage der Sanitätsbehörde zu feiner weiteren Ausbildung eine wissenschaftliche Reife durch Franlreich . Belgien , Holland und Deutschland . velweilte längere Zeit in Paris und auf Siegburg, wo eben unter der Leitung Maximilian Iacobi's eine Lehrstätte der Psychiatrie sich eröffnet hatte. In die Heimath zurückgekehrt, er» wlgte 1827 seine Berufung als Assistenzarzt an die Heidelberger Irrenanstalt, hier war ihm neben der praktischen Förderung in der Psychiatrie zugleich Gelegen» heit gegebm, sich im Verkehr mit den Professoren der damals so blühenden Hochschule in verschiedener Richtung weiter zu bilden. Mit der Veröffentlichung sei»« ersten größeren Schrist „Ueber die Irrenanstalt nach allen ihren Be» ziehungen“, Karlsruhe 1831, auf Grund welcher ihm von Seite der Heidelberger medicinischen Facultät die Doctorwürde uonori« e»u5» zuerkannt wurde, begannen ! eme Bestrebungen, daß für Baden an Stelle der Heidelberger Anstalt eine nene. hinreichend große und den Anforderungen der Wissenschaft entsprechende Irrenanstalt errichtet werde, welche Bemühungen schließlich vom besten Erfolge gekrönt wurden. 1842 siedelte R.» welcher inzwischen zum Director vorgerückt » lli. in die neue Anstalt zu Illenau über. Er selbst hatte nach Jahre langem Herumfuchen den so geeigneten Platz aufgefunden, nach feinen Principien war der Bau ausgeführt worden und unter feiner Leitung entwickelte sich Illenau bald zur viel bewunderten Musteranstalt. Der ärztliche Dienst in derselben » urde auss beste organisirt und der Hebung de« Wartepersonals eine ganz be» sondere Sorgsalt gewidmet. Durch die Mitwirkung von Acrzten und Geistlichen [96] im Lande suchte er tüchtiges Material zum Pflegedienst zu gewinnen, durch sorgfältige Ausarbeitung von Dienstesanweisungen, Haltung von Vorträgen und fortwährende persönliche Einwirkung wußte er die Neulinge zum Dienst heranzubilden und durch Besserung ihrer materiellen Lage, wie Gründung von Cassen zu Remunerationen und Fonds für erkrankte oder unverschuldet dienstunfähig gewordene Wärter sowie durch Verleihung von Auszeichnungen an verdiente Jubilare das Personal dauernd an die Anstalt zu fesseln. Was Jllenau aber vor allem auseichnete, war das dort überall hervortretende Bestreben, dem Leben in der Irrenanstalt einen familiären Charakter einzuprägen und alle Bewohner derselben, Pfleglinge wie Bedienstete, zu einer „Jllenauer Gemeinschaft“ zu verbinden. Ein Bild der Entwicklung dieses Anstaltslebens bietet die 1865 von R. herausgegebene Schrift über Jllenau, worin auch die Geschichte, der Bau, die Organisation und der finanzielle Zustand der Anstalt ausführlich behandelt und durch Ansichten und Pläne erläutert sind.
Aber auch über die Anstalt hinaus reichte die Thätigkeit Roller’s in der Irrenfürsorge. Für die aus der Anstaltspflege Entlassenen bewahrte er eine wachsame Sorgfalt, indem er ihnen, wo es nothwendig wurde, in Verbindung mit ihren heimathlichen Behörden und Seelsorgern mit Rathschlägen und Unterstützungen beistand. Ueberhaupt war es sein unabläßliches Bestreben, die Theilnahme, Pflege und Hülfe für die geisteskranken in Baden einer immer weiteren und vollendeteren Organisation entgegenzuführen. Schon frühzeitig war ihm die Verbreitung psychiatrischer Kenntnisse unter den Aerzten, diese wichtigste Grundlage einer geordneten Irrenfürsorge, angelegen. Auf seine Anregung ordnete das badische Ministerium bereits 1851 an, daß bei Besetzung von Physikatsstellen unter sonst gleichen Verhältnissen auf diejenigen Bewerber besondere Rücksicht genommen werden sollte, welche sich durch wenigstens dreimonatlichen Aufenthalt in einer Irrenanstalt mit den Geisteskrankheiten und deren Behandlung vertraut gemacht haben. Eine große Anzahl badischer Aerzte besuchte infolge dieses Erlasses Jllenau und fand bei R. jede Unterstützung in der Erreichung ihres Zieles, sich praktische Kenntnisse in der Psychiatrie zu erwerben. Allein nicht nur für Baden wurde Jllenau eine Hochschule der Irrenheilkunde, auch von auswärts kamen Facheollegen, um bald kürzere, bald längere Zeit da zu verweilen und durch eigene Anschauung und Vetheiligung ihre Kenntnisse zu mehren und zu erweitern. Als Mitbegründer und Mitredacteur der Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie (1844), welche eine Reihe von Abhandlungen, Vorträgen und Referaten Roller’s enthielt, sowie durch seine lebhafte Theilnahme an derx psychiatrischen Vereinen wirkte er auch in weiteren Kreisen fördernd und anregend. Die 1866 herausgegebene Statistik über die ersten 20 Jahre der Jllenauer Wirksamkeit ist in mancher Beziehung von bleibendem Werthe. In den „Psychiatrischen Zeitfragen“ (Berlin 1874) behandelte R. die bedeutendsten Controverfen auf dem Gebiete der Irrenfütsorge in und außer den Anstalten und ihrer Beziehungen zum staatlichen und gesellschaftlichen Leben in zusammenfassender Weise. Es war dies seine letzte größere Arbeit. Im Herbste 1877 stellten sich bei dem bis dahin rüstigen R. die ersten Krankheitserscheinungen ein, doch arbeitete er bis zur dritten Woche vor seinem Tode angestrengt weiter, bis das auftretende Fieber seine Kräfte erschöpfte. Er starb an dem nämlichen Tage, an welchem er vor 51 Jahren seinen Dienst als Irrenarzt angetreten hatte, am 4. Januar 1878. Roller’s Leben war reich an äußeren Ehrungen, insbesondere hatten ihm in Baden der Landesherr und seine Regierung vielfache Anerkennungen und Auszeichnungen durch Verleihung von Orden und Titeln zu Theil werden lassen, auch von .anderen.deutschen Regierungen erfreute er sich [97] gleich ehrender Auszeichnungen und viele wissenschaftliche Vereine des In- und Auslandes hatten ihn zu ihrem Mitgliede erwählt.
Jllenauer Wochenblatt 1878, Nr. 4 ff. und Allgem. Zeitschr. f. Psychiatrie Bd. 35, S. 119. .