ADB:Saphir, Moritz

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Artikel „Saphir, Moriz Gottlieb“ von Anton Schlossar in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 30 (1890), S. 364–369, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Saphir,_Moritz&oldid=1822031 (Version vom 26. November 2014, 21:56 Uhr UTC)
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Band 30 (1890), S. 364–369. (Quelle)
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Saphir: Moriz Gottlieb eigentlich Moses S., Dichter und vorwiegend humoristischer Schriftsteller, wurde als der Sohn eines jüdischen Oberlandessteuereinnehmers zu Lovas-Berény in Ungarn am 8. Februar 1795 geboren und erhielt seine erste Erziehung im elterlichen Hause, insbesondere unter der Obhut [365] seiner Mutter, welche S. selbst als eine edle, milde und wohlthätige Frau schildert, die aber bald starb. Der Knabe war vom Vater für den Kaufmannsstand bestimmt, beschäftigte sich aber schon frühzeitig mit jüdisch-theologischen und sprachlichen Studien und zeigte in denselben bedeutende Geistesgaben und überhaupt ein vortreffliches Gedächtniß. Als Saphir’s Vater zum zweiten Male heirathete und nach Ofen übersiedelt war, verließ der Knabe wegen verschiedener Familienzwistigkeiten flüchtend das elterliche Haus und begab sich zu einem Oheim nach Preßburg, von dort begab er sich, 11 Jahre alt, nach Prag, wo er nicht nur seine Talmud- und rabbinischen Studien fortsetzte, sondern sich auch mit deutscher Poesie und Wissenschaft beschäftigte. Unter verschiedenen Zwistigkeiten zwischen Vater und Sohn, welche mehrere Jahre lang dauerten, in welchen Jahren S. schon kleine poetische Proben veröffentlichte, kam das Jahr 1814 heran und nach der Aussöhnung mit seinem Vater kehrte der Sohn zu demselben zurück, um sich dem Handelsgeschäfte zu widmen. Dieses entsprach aber Saphir’s Neigungen durchaus nicht. In Pest erregten schon mehrere Aufsätze aus seiner Feder die Aufmerksamkeit des Publicums, dort beschäftigte sich S. auch mit den classischen Sprachen und trat mit Bäuerle in Wien in Verbindung. Später übersiedelte sein Vater nach Moor, von dort aus ließ der junge Dichter sein erstes Buch, die „Poetischen Erstlinge“ (Pest 1821) erscheinen, das ihm vielfache Anerkennung verschaffte, infolge welcher S. im J. 1822 nach Wien übersiedelte und dort in kurzer Zeit der beliebteste Mitarbeiter von Bäuerle’s Theaterzeitung wurde. Seine scharfe Feder verursachte ihm allerdings verschiedene Mißhelligkeiten und infolge mehrerer satyrischer Aufsätze wurde er in solche Unannehmlichkeiten verwickelt, daß er, man behauptet sogar ausgewiesen, Wien verließ und sich nach Berlin wandte. – Hier begründete er mehrere Blätter, so 1826 die „Berliner Schnellpost für Litteratur, Theater und Geselligkeit“, welche er auch 1827 fortführte, in letzerem Jahre jedoch gab er schon den „Berliner Courier“ (1827–1829) heraus. Seine Angriffe erregten jedoch auch in Berlin viel mißliebiges Aufsehen, zuvörderst hatte er die berühmte Sängerin Henriette Sontag durch ein Gedicht lächerlich gemacht, später wandte er sich gegen hervorragende Berliner Bühnendichter und Schriftsteller, wie Angely, La Motte-Fouqué, Gubitz, Häring, Rellstab, v. Uechtritz u. A., welche sich gegen seine beißende Schreibweise ernst verwahrten und die er in Pamphleten: „Der getödtete und dennoch lebende Saphir oder 13 Bühnendichter und ein Taschenspieler gegen einen einzelnen Redakteur“ (Verl. 1828) und „Kommt her!“ (Berl. 1828) an den Pranger stellte. Saphir’s Bleiben in Berlin währte in Folge der entstandenen Zwistigkeiten nicht lange und er übersiedelte nach München im J. 1829. Auch hier waren es neue journalistische Unternehmungen, die er begründete, zunächst das Blatt „Der Bazar für München und Baiern“ und die Zeitung „Der deutschen Horizont“, beide Blätter währten kaum einige Jahre, von 1830–1833. Ob es wirklich der Fall gewesen, was ein (allerdings von S. beeinflußter) Biograph in das Reich der Fabel verweist, daß S. nämlich in München den König beleidigt habe und vor dem Portraite desselben Abbitte leisten mußte, bleibe dahingestellt, immerhin wurde das scandalöse Auftreten gegen das königliche Theater in München dem Redacteur der obigen Zeitschriften sehr übel genommen und zog ihm scharfe Verwarnungen sogar von Seite der Behörde zu, so daß er sich veranlaßt sah, München zu verlassen.

S. wandte sich zunächst nach Paris, wo er im Verkehr mit Heine und Börne lebte, mit letzterem sogar in einem Hause zusammen wohnte. Er hielt in Paris einige seiner später erst berühmt gewordenen Vorlesungen und wurde sogar an den königlichen Hof zu einer solchen eingeladen. In demselben Jahre 1831 kehrte S., dem vom König von Baiern die Rückkehr nach München gestattet [366] worden war, wieder in die bairische Hauptstadt zurück, redigirte daselbst den „Bairischen Beobachter“, trat 1832 zum Protestantismus über und wußte seine Feder diesmal so im Zaum zu halten, daß er sogar zum königlichen Hoftheaterindendanzrathe ernannt wurde. Im Museum zu München hielt er schon damals zahlreiche humoristische Vorlesungen ab. Im Jahre 1834 begab sich S. nach Wien, wurde Hauptmitarbeiter der „Theaterzeitung“ Bäuerle’s und begann 1837 die Herausgabe eines eigenen Blattes „Der Humorist“, welches er bis 1858 redigirte. In Wien wurden die nunmehr häufigen humoristischen Vorlesungen und declamatorischen Abende, welche er meist für wohlthätige Zwecke veranstaltete, außerordentlich beliebt und S. selbst ein Jahr lang gefeierte Persönlichkeit. Im Jahre 1848 wurde S. zwar in Wien zum Präsidenten des Schriftstellervereins gewählt, verließ aber die Residenz und begab sich nach Baden, wo er von da an öfter ebenfalls seine beliebten Vorträge abhielt. Nachdem Wien ruhiger geworden, kehrte S. zurück, machte noch im J. 1853 eine Reise nach Brüssel, wo er mit Alex. Dumas befreundet wurde, besuchte im J. 1855 Paris, woselbst er vor dem Hofe las und lebte sodann in Wien hauptsächlich seiner redactionellen Beschäftigung. Man beachtete seine hier und da noch immer scharfe Feder nach dem J. 1848 nicht mehr so wie früher, und als er einmal den Journalisten Valdeck zu heftig angriff, entwickelte sich zwar ein heftiger Zeitungskampf, es war aber von Saphir’s weiterem Treiben später wenig mehr die Rede. Im J. 1858 erkrankt, starb der 64 jährige am 5. September desselben Jahres zu Baden.

Von den Werken Saphir’s, welcher an zahlreichen hervorragenden Zeitschriften Deutschlands und Oesterreichs Mitarbeiter war, seien noch genannt: „Conditorei des Jokus“ (Leipzig 1828), „Humoristische Abende“ (Augsburg 1830), „Dumme Briefe“ (München 1834), „Am Plaudertische“ (Berlin 1843), „Wilde Rosen“, Ged. (Wien 1847), „Fliegendes Album für Ernst, Scherz, Humor“ (Leipzig 1846), 2 Bde., „Humoristische Damenbibliothek“ (Wien 1861), 6. Bde. Von 1855 an gab S. den außerordentlich beliebt gewordenen „Humoristischen Volkskalender“ (Wien 1855–58) heraus. Seine gesammelten Schriften erschienen zuerst in Stuttgart 1832 in 4 Bänden, die neuesten Ausgaben bei Karasiat in Brünn und zwar im J. 1880 unter dem Titel: „Saphir’s Schriften“ in 26. Bdn. herausgegeben. Was die litterarische Bedeutung M. G. Saphir’s anbelangt, so ist wohl selten ein Autor in so außerordentlicher Weise von der Mitwelt – wenigstens in der vormärzlichen Periode – überschätzt worden als dieser „Großmeister des deutschen Humors“, wie ihn ein Biograph nennt. Schon der Umstand, daß man an dem Schriftsteller S. nur die humoristischen Thätigkeit hervorhub, welche in der Art wie sie von ihm gehandhabt wurde, dem zeitgenössischen Publicum zusagte, ist dafür bezeichnend; denn wir besitzen auch ernstere Novellen von S., memoirenhafte Aufsätze und in den „wilden Rosen“, sowie in einer Reihe anderer lyrischer Dichtungen poetische Stücke, welche mit den humoristischen Worthaschereien, wie sie S. in die Litteratur einführte, durchaus nichts zu schaffen haben. Es scheint aber, daß S. selbst auf diese Erzeugnisse seiner Feder wenig oder gar kein Gewicht legte, obgleich gerade sie beweisen, daß er das Talent gehabt hätte, bei ernsteren Streben und bei seinen bedeutenden Geistesgaben Nachhaltigeres und Hervorragendes zu leisten. Die „humoristischen Vorlesungen“ und Kalenderspäße jedoch wenden sich denn doch an ein gar zu naives Publicum, an einen Leserkreis, wie er heutzutage überhaupt nicht mehr existirt und nur in der noch nicht verblaßten Erinnerung an den einst so gefeierten und berühmten Namen S. beruht der Erfolg, welchen Saphir’s Werke heute noch in gewissen Kreisen finden, [367] die Litteraturgeschichte kann diese Gattung von Schöpfungen nur als Curiosa auffassen, die allerdings Jahrzehnte hindurch in Oesterreich und in einem Theile Deutschlands Epoche gemacht haben. Nur aus dem letzteren Grund erscheint es gewissermaßen nöthig, an dieser Stelle der litterarischen Thätigkeit dieses Schriftstellers etwas eingehender zu gedenken. Man kann dieselbe am besten in Gruppen eintheilen, von denen die eine Gruppe die lyrischen Dichtungen umfaßt und zwar die ernsten Gedichte sowohl als die zumeist für den mündlichen Vortrag bestimmten „humoristischen“; in die zweite kleine Gruppe wären etwa die „Briefe aus Paris“, die memoirenhaften Aufzeichnungen, darunter Bruchstück seiner Selbstbiographie, welche manches Interessante bieten, einzureihen; einer eigenen Gruppe dürften die verschiedenen Skizzen aus dem Wiener Leben, die novellistischen Arbeiten ernsterer und heiterer Gattung zuzuweisen sein, und als umfassendste letzte Gruppe können die zahlreichen humoristisch-satyrischen Vorlesungen, Aufsätze, Skizzen und Plaudereien gelten, auf welche der Verfasser selbst und seine Zuhörer und Leser so großen Werth legten.

Was die lyrischen Dichtungen Saphir’s betrifft, so hat in den zwei Sammlungen „Wilde Rosen“, von denen die erstere „An Hertha“ gerichtete in eigener Ausgabe ziemlich spät, nämlich 1847, erschien, der Dichter eine große Zahl von Liebesliedern und sentimental angehauchten Versen niedergelegt und vielfach darin Heine sich zum Muster genommen, einen nachhaltigen tieferen Eindruck vermögen jedoch diese Gedichte nicht zu machen, unter denen übrigens selbstverständlich auch das eine oder andere gelungene Stück zu verzeichnen ist. Häufig finden sich hier banale Phrasen, ungeschickte sprachwidrige Ausdrücke (z. B. Wie man schreibt ein Liebgedicht. – Wandle, Frühling, weiterwärts!), selten hübschere Bilder und tiefere Gedanken. Ein zierlich ganz kurzes Märchen in Versen bietet „Goldfischleins Roman“. Von den übrigen zum Theile auch erzählenden Gedichten wären allerdings einige hervorzuheben, so insbesondere das mit Recht weithin bekannt gewordene: „Des Hauses letzte Stunde“ („Im Garten zu Schönbronnen, da liegt der König von Rom“) oder „Der alte Jüngling“, „Des Invaliden Rundgang“, „Der stille Gang“ und mehrere Andere. Die viel zahlreicheren übrigen „für Declamation“ bestimmten Gedichte sind mit verschiedenen Wortspielen und oft recht flachen Witzen durchtränkte Mittelwaare und nur einige Titel derselben seien hier angeführt um zu zeigen, wie sich der Dichter gewöhnlich dabei in Vergleichen gefällt: „Kalenderweisheit und Aprilnarren“, „Splitter und Balken“, „Frauenherz und Eisenbahn“, „Ehe-Whist und Liebe-Boston“, „Männlich und Weiblich“, „Dialect und Orthographie“, „Sterngucker und Börsenschlucker“. In dieser Weise findet sich eine Anzahl meist herzlich unbedeutender Poesien, welche allenfalls heute noch hier und da von minderen Schauspielern oder in bürgerlichen Gesellschaftskreisen zu Vorträgen gewählt werden, aber sogar hiefür schon veraltet und von Besserem überholt sind.

Die weitere Gruppe der Schriften Saphir’s, welche ernster zu nehmen ist, umfaßt, wie erwähnt, die „Pariser Briefe“, die memoirenartigen Aufzeichnungen und die kritischen Schriften sowohl des „Theater-Salons“ als auch des „Litterarischen Salons“. Ueber seinen Aufenthalt in Paris berichtet S. in sehr ansprechender Weise und bietet Federzeichnungen hervorragender Männer wie Alex. Dumas, Verdi, Scribe, Börne und Heine, welche er besucht und mit denen er viel verkehrt hat. Es sind dies oft recht gelungene Porträts oder Skizzen und auch die Darstellung der übrigen Pariser Verhältnisse in diesen Briefen zeigt den gebildeten Geist und den feinen Beobachter. Aehnliches kann von den Memoiren gelten, insbesondere von der begonnenen Selbstbiographie Saphir’s, welche leider abgebrochen und nicht fortgesetzt wurde. Dieses Bruchstück der Selbstbiographie reicht bis zum 25. oder 26. Lebensjahre Saphir’s, sie ist allerdings ebenfalls [368] mit vielen überflüssigen Witzen ausgestattet, bietet aber eine gelungene Uebersicht der früheren Lebensperiode des Dichters und manchen Einblick in die Familienverhältnisse seiner Eltern. Man findet dieses Bruchstück einer Selbstbiographie in der neuesten (Volks-)Ausgabe von Saphir’s Schriften (Brünn 1888) Bd. XXIII, S. 1–83.

Einer besonderen Gruppe kann man die novellistischen Skizzen, Novelletten und kleineren Erzählungen sowie die Darstellungen aus dem Wiener Leben, in denen wirklich oft echter Humor steckt, beizählen. Seine älteren Novellen (Der Leichenmaler, Die Unbekannte, Wahnsinn durch unglückliche Liebe, Die Liebe am Hochgericht) bieten in knapper Form so bizarre, düstere, oft schauerliche Scenen, daß man unwillkürlich zu dem Gedanken gelenkt wird, S. habe sich E. T. A. Hoffmann’s Schauererzählungen zum Muster genommen. Die übrigen später entstandenen Novelletten z. B. die „Kokettir-Novellen“ sind im geraden Gegensatz hierzu leichte mit den üblichen „Witzen“ durchzogene Erzählungen von Liebesabenteuern, komischen Situationen u. dgl. Den Skizzen aus dem Wiener Leben, die er unter den verschiedensten oft recht ungeschickten Titeln veröffentlichte, gebührt jedoch mehr Aufmerksamkeit, in diesen „Lebende Bilder“, „Humoristisch-satyrischer Bilderkasten“, „Sechse treffen“ u. dgl. überschriebenen Zusammenstellungen führt uns der Verfasser in das Kleinleben Wien’s ein oder schildert gewisse typische Gestalten mit vielem Humor, hierher gehört z. B. auch die köstliche Beschreibung der Don Carlosvorlesung in einem kleinbürgerlichen Familienkreise unter dem Titel „Don Carlos mit Butter“, die Zeichnung des „Pantoffelmanns“, des „Eckgastes“, des „Judenfeindes“, des „Visitenmörders“, die Vorführung der sechs „Lebens-Narren“: Der Gassen-Philanthrop, Der Anekdoten-Krampus, Der Fragen-Donnere, Der Visiten-Igel, Die Wittwe im Krapfenwaldel, Der litterarische Mitesserr. Aus diesen kurzen humoristischen Aufsätzen lernen wir eine Reihe von Figuren, Verhältnisse und Zustände des vormärzlichen Wien kennnen, die wohl heute noch hier und da in ähnlicher Weise vorkommen, der Verfasser wird dabei zum Culturschilderer und es ist zu bedauern, daß ihm die Kenntniß des Dialectes abgeht, welcher den Localton noch treffender charakterisiren könnte.

Als letzte Gruppe sind die zahllosen „humoristischen Vorlesungen“ anzuführen, die sich in den Werken Saphir’s zertreut finden. Gerade diese haben S. zu seinem einst so hervorragenden Namen verholfen, gerade diese sind aber von geringem litterarischem Werthe. Waren die Titel dieser Vorlesungen geradzu albern. Man urtheile z. B. über solche Titel wie: „Das ausgestopfte Beethovenfest, oder Ach und Krach vom Beethovenfeste“, „Schnurrbarts-Lamentationen“, „Die deutsche Butter in Bezug auf die deutsche Litteratur, Kunst und Censur“, „Die Naturforscher-Versammlung in der Milchstraße“, „Unseres Herrgott’s Polizeistunde im Wirthshause des Lebens“. In dieser Weise folgen sich die Ueberschriften der Vorlesungen, über deren Inhalt zu berichten wahrhaftig schwer fällt. Wortwitze und Verdrehungen sind hauptsächlich darin zur Anwendung gebracht und mit allerdings überraschender Schlagfertigkeit die seichtesten Kalauer zu Tage gefördert. S. handelt über Frauen, Liebe, Ehe, Theater und ähnliche Residenzbewohner und insbesondere der Bewohnerin nahe liegende Gegenstände, Umstellungen von Worten, Veränderungen des Sinnes der Ausdrücke und Anwendungen nahe liegender Bezeichnungen auf ferne Liegendes bilden die Hauptstücke dieser Gattung von Humor, der durchaus nicht mit demjenigen Jean Paul’s zu vergleichen ist, wie dies von verschiedenen Seiten geschah, als S. auf dem Höhepunkte seiner Beliebtheit stand. In welcher Art S. seine „Witze“ einrichtet, mögen nur einige Beispiele zeigen: „Die Esel sind die ersten Urheber und Wegbahner der Freiheit“ heißt es an einer Stelle über eine Bergpartie, die auf Eseln unternommen wurde, [369] „denn auf Eseln kann man auf hohe Berge kommen und auf den Bergen – – sagt Schiller – wohnt die Freiheit.“ – „Die Frauen sind musterhaft, wenigstens was die Haubenmuster betrifft.“ – „Warum sind in Sibirien keine Krebse? Weil an ein Zurückgehen von dort gar nicht zu denken ist.“ – „Als der Mensch geschaffen wurde, ist er sogleich gefallen und zwar in einen tiefen Schlaf.“ – „Ich hab’ einmal in Berlin einen guten Witz gemacht – der Witz war so brillant, daß er den S. dreimal 24 Stunden ins Dunkle gesetzt hat.“ – „Es geht mit dem Gelde im Leben wie mit den Ohrfeigen. Mancher, der keine verdient, kommt alle Augenblick zu einer und Einer, der recht viel verdiente, dem werden sie leider vorenthalten.“ Man ersieht aus diesen Proben, in welcher Weise S. die Pointe seiner Witze hervorzuheben wußte, von denen fast ununterbrochen einer dem andern folgt, wenn auch das eigentliche Thema, falls man überhaupt von einem solchen sprechen kann, dabei ganz außer Acht gelassen wird. Die humoristischen Vorlesungen mögen als kurzer Vortrag eine gute recht heitere Wirkung gehabt haben, in der Lectüre werden sie jedoch eintönig und langweilig, zumal begreiflicherweise eigentliche Geistesanregung darin nicht zu finden ist. In den 26 Bänden von Saphir’s Werken steckt immerhin manches Schöne und Werthvolle, manches Gedicht und manche Prosaskizze, die litterarischen Werth besitzen und eine Sammlung dieser Stücke in 2–3 Bänden wäre ein dankenswerthe Aufgabe. Die neuesten Ausgaben seiner Werke sind in gar zu leichtfertiger Weise zusammengestellt, eine sorgfältigere Behandlung hätten sie immerhin verdient.

H. Laube , Gesch. d. Deutschen Litteratur, Stuttgart 1840. III, S. 323 f. – Menzel, Deutsche Dichtung III, S. 512. – Gottschall, Die deutsche Nationallitteratur des 19. Jahrhunderts, 5. Auflage, III, S. 109. – H. R. v. Levitschnigg’s Biographie Saphir’s im „Album österr. Dichter.“ N. F. Wien 1858 ist sehr panegyrisch gehalten; sie ist wieder abgedruckt in den „Schriften“ Volks-Ausg. Bd. 14. – Goedeke, Grundriß d. d. Dchtg. III, Bd. S. 587 behandelt S. sehr eingehend, Wurzbach, Biogr. Lex. Bd. 28, S. 213 mit gewohnter Genauigkeit.
A. Schlossar.