ADB:Schlözer, Kurd von

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Artikel „Schlözer, Kurd von“ von Paul Curtius in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 54 (1908), S. 47–54, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schl%C3%B6zer,_Kurd_von&oldid=2035646 (Version vom 25. Oktober 2014, 14:33 Uhr UTC)
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Schlözer: Kurd von Sch., Dr., Wirkl. Geh. Rath, wurde am 5. Januar 1822 zu Lübeck als Sohn des dortigen kais. russ. Generalconsuls Karl v. Schlözer geboren. Ostern 1841 verließ er das Gymnasium mit dem Zeugniß der Reife und bezog die Universität Göttingen, um dort, wie nachher in Bonn, vornehmlich orientalische Sprachen zu studiren. Hierzu scheint er sich nur auf Wunsch seines Vaters entschlossen zu haben, der aus dem Enkel des berühmten Göttinger Professors einen Gelehrten machen wollte, denn Sch. hat, nachdem er im April 1845 in Berlin sein Doctorexamen „ehrenvoll“ bestanden hatte, der eigentlichen Wissenschaft für immer Valet gesagt. Auch seine schriftstellerische Thätigkeit, der sich Sch. vorwiegend seinem Vater zu Liebe gewidmet hatte, hat er nach dessen Tode (1859) aufgegeben, [48] was um so mehr zu bedauern ist, als er in seinen verschiedenen historischen Werken, die durch frische, lebendige Darstellung sich auszeichnen, ein bemerkenswerthes Talent für derartige Arbeiten gezeigt hatte.

Nach einem längeren Aufenthalt in Paris, wo Sch. bei emsigem Sprachstudium auch die vielfachen Reize und Freuden der Weltstadt mit vollen Zügen genossen hatte, kehrte er nach Berlin zurück. Trotz wiederholter Ermahnungen seiner Freunde konnte er sich für einen bestimmten Lebensberuf nicht entscheiden. Seine Absicht, Ende 1847 sich um eine Anstellung im Ministerium des Auswärtigen zu bemühen, gab er auf, als er hörte, daß es hierzu der Ablegung eines juristischen Examens bedurfte. Er beschloß alsdann „an irgend einem Blatte im streng constitutionellen Sinne sich zu betheiligen“. Aber auch das sollte ihm nicht glücken, infolge der politischen Wirren und Unruhen des „tollen“ Jahres 1848. Sch. mischte sich daher zunächst in Ermangelung einer anderweitigen Beschäftigung, trotz seiner 26 Jahre, unter die studentische Jugend und wurde actives Mitglied des Studentencorps, welches zum Wachdienst und sonstigen Officien in Berlin verwendet wurde. Ende Juli begab er sich nach Frankfurt a. M., wo er mehrere Monate blieb und dank seinen vielfachen Bekanntschaften und Empfehlungen an die Männer des Tages an dem politischen Leben und Treiben den regsten Antheil nahm; seine Briefe aus damaliger Zeit sind nicht ohne Interesse. Speciell mit Ernst und auch mit Georg Curtius stand er in regem brieflichen Verkehr über die politischen Tagesfragen. Zu Ernst Curtius, dessen älterer Bruder Theodor, der nachherige Bürgermeister von Lübeck, Schlözer’s jüngere Schwester Cäcilie geheirathet hatte, war er seit ihrem Zusammentreffen in Berlin in ein nahes freundschaftliches Verhältniß getreten. Und es steht außer Frage, daß unter Ernst Curtius’ Leitung und Einfluß Schlözer’s wissenschaftliche und geistige Entwicklung sich gestaltet hat. Was Schlözer’s äußeres Leben betrifft, so ist seine außergewöhnliche Carriere nur dadurch veranlaßt, daß Ernst Curtius ihn der Prinzessin Augusta von Preußen vorstellte, und diese den damaligen Minister des Auswärtigen v. Schleinitz zu bestimmen wußte, daß Sch. zu Anfang des Jahres 1850, ohne Ablegung des sonst üblichen Examens, im Auswärtigen Ministerium als Geh. Expedirender Secretär eine Anstellung erhielt.

So hatte Sch. endlich eine geregelte Thätigkeit gefunden, die ihm aber wenig Freude und Befriedigung bereitete; um so bedauerlicher war es für ihn, daß er in dieser eben nicht beneidenswerthen Stellung verhältnißmäßig lange bleiben sollte. Erst im November 1856 wurde Sch. unter Zulassung zur diplomatischen Laufbahn, wiederum ohne Ablegung des sonst üblichen diplomatischen Examens, der preußischen Gesandtschaft in St. Petersburg zugetheilt. Kurz zuvor war er, als das Bedürfniß einer Wiederbesetzung des Postens eines diplomatischen Vertreters der Hansestädte am königlich dänischen Hofe sich geltend machte, hierfür in Aussicht genommen. Seinem Schwager Curtius in Lübeck, der dieserhalb bei ihm angefragt hatte, antwortete Sch.: „Der ehrenvolle Antrag meines geliebten Lübeck hat mich aufs herzlichste erfreut, und es hat mich mit wahrem Stolze erfüllt, daß man ein solches Vertrauen in mich setzt. Indeß ich kann mich nicht entschließen, den preußischen Dienst zu verlassen. Eine äußerlich brillante Stellung habe ich hier freilich nicht; die Hoffnungen, die ich beim Eintritt in den hiesigen Dienst hegte, haben sich bis jetzt nicht realisirt. Dennoch bleibe ich hier, ein Rücktritt widerspricht meinem Gefühle, man muß seine Fahne nicht verlassen.“ Und Sch. that recht daran. Wenn auch die Petersburger Jahre, zumal nachdem Otto v. Bismarck am 1. April 1859 die preußische Gesandtschaft übernommen [49] hatte, für Sch. nicht leicht gewesen sein mögen, und er unter der straffen Disciplin des neuen Gesandten schwer gelitten haben wird, wie aus Briefen an seine damaligen Freunde unzweideutig hervorgeht, so hat Sch. doch sehr bald in seinem neuen Chef den hervorragend tüchtigen und bedeutenden Vorgesetzten und Lehrmeister erkannt, von dessen Seite er nicht hat weichen wollen. Zwei Versetzungsanträge, die ihm während seiner Petersburger Zeit von Berlin, und zwar auf Veranlassung seiner dortigen Freunde und Gönner gemacht worden waren, hatte Sch. rundweg abgelehnt. Das sollte sein Glück sein, denn es dürfte die Annahme berechtigt sein, daß gerade in jenen Jahren, trotz der schroffen Gegensätze und der vielen harten Kämpfe, welche er mit Bismarck zu bestehen hatte, ganz unbewußt der Grund zu dem späteren ausgezeichneten Verhältniß zwischen beiden Männern gelegt worden ist. Am 31. Mai 1861 schrieb Bismarck an den Unterstaatssecretär v. Gruner: „Sch. ist im Umgange mit Vorgesetzten schwierig, und ich habe anfangs üble Zeiten mit ihm durchgemacht, aber seine dienstliche Tüchtigkeit und Gewissenhaftigkeit haben meine Verstimmung entwaffnet.“

Als Bismarck’s Ernennung zum Staatsminister und vorläufigen Ministerpräsidenten (25. September 1862) erfolgte, war Sch. bereits im Ministerium thätig und zwar, wie sich herausstellen sollte, auf Bismarck’s directe Veranlassung, der alles daran setzte, seinen bewährten Legationssecretär an sich zu fesseln, ihn zu seinem „Adjutanten“ zu machen. Daß Sch. diesen Wünschen und wiederholten Anträgen sich nicht willfährig zeigte, wird jeder verstehen und begreifen, der ihn genau kannte. Sch. besaß einen zu ausgeprägten Selbständigkeits- und Unabhängigkeitstrieb, der ihm eine dauernde tägliche Unterordnung unter die Gewohnheiten und Wünsche eines Anderen als eine unerträgliche Fessel würde haben erscheinen lassen, ebenso wie er seiner ungebundenen Natur nach ein Feind jedes conventionellen Zwanges und einer in starrstraffe Regeln eingespannten Arbeit war.

Alles was nur von weitem nach Bureaukratismus schmeckte, war ihm verhaßt, jeder Schematismus ihm ein Gräuel. Seine Besonderheit lag, so zu sagen, in der Gelehrtenarbeit im stillen Kämmerlein; wer Sch. bei Abfassung seiner Berichte hat beobachten können, wird das bestätigen. Eine Thätigkeit im Collegium, ein Auftreten in der Oeffentlichkeit wäre gegen seine Natur gewesen. Sch. war weder Redner noch Debatter. Aus diesen und anderen Gründen, die sich auf seine ganze Persönlichkeit zurückführen lassen, wäre er auch für den Posten eines Staatssecretärs im Auswärtigen Amt durchaus nicht geeignet gewesen, wiewohl sein Name unter den Nachfolgern Hatzfeldt’s genannt wurde.

Gerade das ihm eigene kritische Selbständigkeitsgefühl führte auch dazu, daß er während seiner Thätigkeit im Ministerium häufig scharfe und abfällige Bemerkungen über die Politik Bismarck’s sich erlaubte, was den Unterstaatssecretär Thile veranlaßte, ihn darauf aufmerksam zu machen, „daß er nicht Fremden gegenüber gegen Bismarck’s Politik zu sprechen habe“. Dabei verkannte aber Sch. keinen Augenblick die gigantischen Fähigkeiten seines großen Lehrmeisters; er war aber in dem Glauben befangen, daß solche Herkuleskräfte, wie sie Bismarck nach jeder Richtung hin gezeigt, für die an und für sich nüchternen preußischen wie auch deutschen Verhältnisse und Zustände ungeeignet, gewissermaßen unverwerthbar sein müßten. Hätte Bismarck übrigens in Sch. einen direct gefährlichen Gegner erblickt, so wäre es ihm ein leichtes gewesen, ihn für alle Zeiten „kalt zu stellen“; das that Bismarck nicht, er ließ seinen früheren Legationssecretär nicht „springen“, sondern maßregelte ihn [50] zu Anfang des Jahres 1864 durch eine „Verbannung“ nach Rom, nachdem er ihn im Spätherbst des Jahres 1863 noch zur Vertretung des preußischen Gesandten v. Balan auf mehrere Wochen nach Kopenhagen gesandt hatte. Bei seiner Rückkehr von dort empfing ihn Bismarck mit den Worten: „Nun, wie geht es Rosenkranz und Güldenstern?“

Wie in Kopenhagen, so hatte Sch. namentlich seit seiner Rückversetzung aus Petersburg nach Berlin, an der Centralstelle eine der interessantesten Phasen in der preußischen Geschichte mit durchlebt. Vor allem war es ihm vergönnt gewesen, aus nächster Nähe die kolossale Schaffenskraft und den immer mächtiger werdenden Einfluß Bismarck’s zu beobachten.

In Rom war Sch. zunächst Legationssecretär unter dem Gesandten v. Willisen, und nach dessen im Sommer 1864 erfolgten Tode unter Harry Arnim, der damals mit Bismarck noch sehr liirt war, und zu dem auch Sch. nach und nach in ein gutes Verhältniß getreten ist. Die „ewige“ Stadt sollte Sch. eine zweite Heimath werden; er hatte dort während seines mehrjährigen Aufenthalts Gelegenheit den Grund für die Kenntnisse und Erfahrungen zu legen, die ihn wie keinen Anderen befähigen sollten, zu Anfang der 80er Jahre die Anbahnung des kirchlichen Friedens zwischen dem preußischen Staate und dem Vatikan in die Wege zu leiten. Die Stellung Preußens zur Curie war zu jener Zeit die denkbar günstigste; Sch. erzählt, daß der Papst eines Tages mit Monsignor Alessandro Franchi, segretario della congregazione per gli affari ecclesiastici straordinarii, die europäischen Staaten habe Revue passiren lassen und schließlich gefunden, daß er sich mit Preußen am besten stehe. Dank diesen vortrefflichen Beziehungen, wie auch infolge der zahlreichen Bekanntschaften unter den einflußreichsten Persönlichkeiten im damaligen Rom, Antonelli, Lichnowski, Hohenlohe war es Sch. möglich geworden, die Triebfäden des Vatikans und gleichzeitig die Fortschritte der italienischen Einheitsbestrebungen gründlich kennen zu lernen; er äußerte sich gelegentlich dahin, daß die weltliche Macht des Papstes nicht noch lange aufrecht zu erhalten sei, da eine Souveränität, welche die Bedingungen ihres Daseins nicht in sich selbst trägt, sondern nur durch eine fremde Macht gestützt werden konnte, auf die Dauer ein Unding sei.

Zeuge des Zusammenbruchs der weltlichen Herrschaft des Papstes sollte Sch. nicht mehr sein; Ende des Jahres 1868 erhielt er seine officielle Ernennung als Generalconsul des norddeutschen Bundes in Mexiko. Schon am 11. November hatte er seinem Schwager Curtius nach Lübeck geschrieben: „Bismarck hat mich von Varzin durch Keudell fragen lassen, ob ich Mexiko annehmen wolle; er läßt hinzufügen, daß er es mir nicht übel nehmen wolle, wenn ich ablehne, läßt mir aber sagen, daß er mich besonders geeignet hält, da die politische Bedeutung des Postens steigt.“ Noch im Mai desselben Jahres hatte Sch. den Kronprinzen von Preußen auf dessen besonderen Wunsch in Florenz begrüßt. Ueber dies Zusammentreffen schreibt Sch.: „Ich war Zeuge der großartigen Huldigungen, welche die dortige Bevölkerung unserm Kronprinzen darbrachte. Ganz Italien schien ihm so recht nachdrücklich beweisen zu wollen, daß man Sadowa in seiner vollen Bedeutung für Italien zu schätzen wisse.“

Schlözer’s Hauptaufgabe in Mexiko sollte darin bestehen, für den norddeutschen Bund einen Handelsvertrag mit der Republik abzuschließen, was um so schwieriger war, als in den dortigen maßgebenden Kreisen die Abneigung gegen das Ausland seit der habsburgischen Intervention eine fabelhafte Höhe erreicht hatte. Aber auch dieser an und für sich ihm ferner liegenden Aufgabe hat sich Sch. in verhältnißmäßig kurzer Zeit mit Geschick entledigt. Seine [51] joviale Art und Weise, die ihm manchen Freund nicht allein unter seinen Landsleuten, sondern auch bei den mexikanischen Behörden schaffte, hatte ihm seine Arbeit sehr erleichtert. Nach einem kurzen Urlaub in Deutschland schiffte sich Sch. Anfang Juli 1870 in Hamburg nach Amerika wieder ein, da eine Bestimmung des Handelsvertrages ihm die Pflicht auferlegte, noch vor dem 28. August die Ratificationen in Mexiko auszuwechseln. Am 19. Juli erhielt er auf der Rhede von New-York die überraschende Nachricht von der französischen Kriegserklärung. Daß ihm unter solchen Umständen seine Weiterreise recht schwer wurde, ist nur zu erklärlich. Es erschien ihm daher wie „Befreiung aus einem Bagno“, als ihm im März 1871 die Mittheilung zuging, daß er für den deutschen Gesandtschaftsposten in Washington designirt sei, und eine weitere Depesche des Inhalts: „Please come over for instructions without waiting any further communications“ begrüßte er mit Begeisterung.

Sch. hat es verstanden, aufrichtig freundschaftliche Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Deutschen Reiche herzustellen. Es ist ihm gelungen, im Gegensatz zu seinem Vorgänger, durch sein aller aristokratischer Ueberhebung fernes schlichtes und liebenswürdiges Wesen nicht allein seine Landsleute, sondern auch die Deutschamerikaner in kurzer Zeit für sich einzunehmen; er brachte im officiellen Verkehr die deutsche Sprache zu Ehren, seine Ansprache an den Präsidenten hatte er deutsch gehalten. Auf ausdrücklichen Wunsch von Bismarck hatte Sch. die kirchlichen Verhältnisse, insbesondere die Ausdehnung und Machtstellung des Katholicismus, in Amerika gründlich studirt und wiederholt darüber eingehend berichtet. Bei der Sondirung und Bearbeitung solcher und ähnlicher Fragen war ihm die Freundschaft mit Karl Schurz von großem Nutzen gewesen. Beide Männer hatten sich gefunden und verstanden, kein Wunder, da bei Sch. dem Hanseaten Zeit seines Lebens eine liberale Grundrichtung seines politischen Denkens unverkennbar war. Im Juli 1880 erfolgte Schlözer’s Ernennung zum Wirkl. Geh. Rath. Bismarck hatte ihn hiervon persönlich mit folgenden Worten in Kenntniß gesetzt: „Ich hoffe, daß Sie sich nicht in Ihrer Ehre verletzt fühlen, wenn ich Ihnen sage, daß ich Sie zur Exzellenz vorgeschlagen habe.“ Diese mehr scherzhaft hingeworfene Aeußerung beweist offenbar, daß zwischen beiden Männern ein ausgezeichnetes Verhältniß bestanden, wie es auch abgesehen von vorübergehenden geschäftlichen Differenzen – denn Sch. stand keineswegs im Geruch willfähriger Fügsamkeit – geblieben ist. Kam er aus Amerika oder vom italienischen Boden im Sommer auf Urlaub nach Deutschland, war er stets ein gern gesehener Gast im Hause Bismarck, in Varzin und Friedrichsruh. Nach alledem war es kaum zu verwundern, daß der Reichskanzler, als ihm zu Anfang der 80er Jahre ein Ausgleich mit Rom immer nothwendiger erschien, in erster Linie an Sch. dachte und gerade in ihm für die erfolgreiche Führung der einzuleitenden Verhandlungen die in jeder Beziehung geeignetste Persönlichkeit erblickte. Bereits im Sommer 1881, als Sch. auf Urlaub in Deutschland sich befand, erhielt er von Bismarck den höchst ehrenvollen aber sehr delikaten Auftrag nach Rom zu reisen, um dort ganz privatim in der angedeuteten Richtung Personen und Verhältnisse zu sondiren. Wenn auch Schlözer’s Recognoscirungsreise den erwünschten Erfolg gehabt hatte, so kehrte er doch zunächst nach Amerika zurück; erst zu Anfang des Jahres 1882 erfolgte seine Ernennung zum preußischen Gesandten beim heiligen Stuhl. Als solcher hat er die Verhandlungen, welche bei Einleitung und Durchführung des Rückzuges nach Aufhebung der Maigesetze sich als nothwendig erwiesen, mit Umsicht und Sachkenntniß geführt und hat durch seine ausgezeichneten Interpretationen der Wünsche des Kaisers [52] Wilhelm I. und des Fürsten Bismarck zur Wiederherstellung eines „modus vivendi“ wesentlich beigetragen. Hierbei war ihm sehr zu statten gekommen, daß es ihm nicht nur gelungen war unter den maßgebenden kirchlichen Würdenträgern sich dienstwillige Freunde zu verschaffen, wozu in erster Linie der Staatssecretär Jacobini gehörte, der auch schon im Sommer 1881 dem recognoscirenden Sch. in Rom die Wege geebnet hatte, sondern daß er vor allem das hohe Glück hatte, bei dem Papste Leo XIII. persona gratissima zu werden.

Mit dem Tode von Jacobini und speciell nach Uebernahme des Staatssecretariats durch den Cardinal Rampolla (1887), der Sch. nicht liebte und in ihm wegen seiner guten Beziehungen zum heiligen Vater einen unbequemen Gegner erblickte und daher seine Abberufung direct und indirect betrieben hat, galt Schlözer’s Stellung zeitweise für erschüttert; Bismarck indeß wollte von dem Manne seines Vertrauens nicht lassen. Bekannt ist, in wie geschickter und bemerkenswerther Weise Sch. im Herbst 1888 ein Ceremoniell festgestellt hatte, welches dem Kaiser bei Gelegenheit seiner Anwesenheit im Quirinal es möglich machte, auch dem Papste einen Besuch abzustatten, ohne mit den im Vatikan geltenden Grundsätzen und Rücksichten in Conflict zu gerathen. Wie vortrefflich das von Sch. entworfene Programm für den Kaiserbesuch im Vatikan am 12. October 1888 sich bewährt hatte, beweist die Thatsache, daß bei Wiederholung des kaiserlichen Besuches im April 1893 fast dasselbe Ceremoniell beobachtet worden ist. Wenn trotzdem die Zusammenkunft in den Gemächern des Vatikans weder den Kaiser noch den Papst voll befriedigt hat, so war Sch. dafür nicht verantwortlich zu machen. Seine Prophezeiung, „es mag alles noch so gut arrangirt und festgestellt sein, Ueberraschungen bleiben nie aus“, sollte sich leider bewahrheiten. Seine Gegner glaubten hiernach erneute Veranlassung zu haben, auf seine Beseitigung zu dringen, und mit Bismarck’s Sturz (März 1890) begannen dann auch die Angriffe gegen ihn mit besonderer Heftigkeit und zum Theil unter Anwendung recht eigenthümlicher Mittel. Abgesehen davon, daß es übel vermerkt worden war, daß Sch. seine guten Beziehungen zum Hause Bismarck andauernd aufrecht erhielt und speciell im Winter 1891 mit dem in Rom weilenden Grafen Herbert Bismarck auf das Intimste verkehrt hatte, wurde von seinen Gegnern an bestimmter Stelle wiederholt behauptet, daß Schlözer’s geistige und körperliche Kräfte in sichtbarem Abnehmen begriffen wären; dagegen ist es Thatsache, daß der Reichskanzler v. Caprivi, als Sch. im Sommer 1890 sich ihm in Berlin vorstellte, über seine geistige Frische und Rüstigkeit erstaunt gewesen ist. Es wurde ferner 1891 das Gerücht in Umlauf gesetzt, Sch. sei ein Anhänger der Freimaurerei. Man hatte gehofft, ihn dadurch beim Papst zu verdächtigen. Römische Blätter brachten sogar eines Tages eine aus Brüssel datirte Depesche des Inhalts: „Rappel Schlözer ministre Prusse près Vatican parceque Francmaçon“. Und wie war dies Gerücht entstanden? Sch. besaß einige Weingläser mit Freimaurerzeichen, die er hin und wieder seinen Tischgästen, zu denen auch hohe Geistliche gehörten, vorgesetzt hatte. Auch der bekannte Freiburger Professor Kraus hat zweifellos auf Schlözer’s Sturz mit hingearbeitet. Beide Männer verkehrten seit Jahren gern und viel miteinander; eines Tages war aber das gute Verhältniß, wie Sch. selbst erzählte, getrübt worden, und zwar durch einen Vorfall, der sich nach einem Diner zugetragen hatte, indem Sch. beim Nachhausegehen Kraus wegen einer in Gegenwart von Damen gemachten Bemerkung in harmloser mehr scherzhafter Weise zur Rede gestellt hatte, worauf dieser erwiderte, er wisse allein, was er zu thun habe. Wenn schließlich auch Aeußerungen [53] darüber gefallen sind, daß Schlözer’s Berichte einige Zeit vor seiner Entlassung seltener und dürftiger geworden waren, so wird das nicht an ihm gelegen haben, sondern an der Thatsache, daß eine Veranlassung zur Berichterstattung unter dem neuen Curs weniger häufig vorgelegten hatte, als zu Bismarck’s Zeiten. Sch. hatte sich hierzu gelegentlich dahin geäußert: „Wir deutschen Diplomaten alle, die wir nur bescheidene Vollstrecker seines (Bismarck’s) Willens an den ausländischen Höfen waren, wuchsen mit ihm und fühlten uns stark in dem Dienste, den wir dem mächtigsten Staatsmann und unserem Vaterlande leisteten. Das ist anders geworden, seitdem er gegangen. Wir durften und konnten nicht mehr im Namen einer überwältigenden Individualität sprechen, und man hörte auch im Vatikan auf meine Stimme nicht mehr, wie früher.“ Ob und welche speciellen Gründe für Schlözer’s so plötzliche Entlassung vorgelegen haben, mag dahin gestellt bleiben; die Umstände, unter denen seine Abberufung schließlich erfolgt war, „entsprechen jedenfalls nicht seinen hohen Verdiensten und der Anerkennung, die er bei Kaiser Wilhelm I. und dem Fürsten Bismarck wiederholt gefunden hatte“. Nachstehende Notizen dürften von Interesse sein.

Durch Erlaß vom 13. Juni 1892 – unterzeichnet von Marschall – war ihm sein seit Jahren üblicher Sommerurlaub von acht Wochen anstandslos bewilligt worden, und am 26. Juni erhielt Sch. durch Depeschensack einen vom 23. Juni datirten, vom Reichskanzler Grafen Caprivi unterzeichneten Erlaß, worin seine „ehrenvolle Laufbahn mit Rücksicht auf sein vorgeschrittenes Alter als abgeschlossen“ bezeichnet und er zur „Einreichung eines Gesuches um Verabschiedung“ aufgefordert wurde. Schon am folgenden Tage hatte Sch. sein Abschiedsgesuch aufgesetzt und abgesandt; vom 4. Juli aus Drontheim datirt die kaiserliche Abschiedsordre und vom gleichen Tage das Schreiben an den Papst, worin es heißt: „Mon conseiller actuel intime de Schlözer m’ayant exprimé le désir d’entrer en retraite, à cause de santé“ etc.

Der Papst, für den die Entlassung Schlözer’s ganz unerwartet gekommen ist, hat ihm sowohl mündlich, als auch durch Uebersendung seines Bildes mit der ehrenvollen eigenhändigen Unterschrift „vir fidelis et prudens multum laudabitur“ seine hohe Werthschätzung zu erkennen gegeben. Dieses Bild ist nach dem Tode Schlözer’s von seinen Erben der Stadt Lübeck geschenkt worden, und es ist auf Verfügung des Hohen Senates „zur Erinnerung an einen der hervorragendsten Söhne Lübecks der Stadtbibliothek[WS 1] zur dauernden Aufbewahrung überwiesen worden“.

Nach seiner Verabschiedung verblieb Sch. zunächst in Rom, zumal er nicht ohne weiteres seine Wohnung im Palazzo Capranica aufgeben konnte und wollte. Viele seiner Freunde, zu denen in erster Linie Monsignor de Montel und sein langjähriger Legationssecretär v. Reichenau gehörten, hielten nach wie vor zu ihm, während einige seiner früheren Getreuen, die Cardinale Galimberti und Hohenlohe, den Mandatar des alten Curses glaubten meiden zu sollen. Im Sommer 1893 siedelte Sch. nach Berlin über; im Spätherbst packte ihn eine heftige Influenza, die ihn aber nicht hinderte, nach Friedrichsruh zu fahren, weil er wünschte noch einmal in die Augen seines Lehrmeisters und Helden Otto v. Bismarck zu schauen. Das waren Schlözer’s letzte sonnige Tage.

Am 13. Mai 1894 am Pfingstsonntag endete der Tod die Leiden eines Mannes, der „zu den hervorragendsten unserer älteren Diplomaten gehörte“, der schlicht und recht stets seine Pflicht gethan und der unbeirrt um Lob und Anerkennung, „die ihm anvertrauten wichtigen Interessen auf seinen verschiedenen Posten mit Geschick und Erfolg wahrgenommen hatte“. Sch. paßte [54] an und für sich nicht in die hergebrachte diplomatische Schablone; er war ein Mensch, der menschlich fühlte und dachte, der mit Hoch und Niedrig verkehren konnte, eine Gabe, die nicht viele seiner Collegen besitzen werden. Schlözer’s Stärke als Diplomat lag in seiner völligen Vorurtheilslosigkeit, die ihn im Verein mit seinem geschichtlich veranlagten und geschichtlich geschulten Geiste das Herausschälen des Kernes ermöglichte, in seiner Fähigkeit die Anderen in ihnen nicht zum Bewußtsein kommender Weise auszuhorchen, ohne dabei selbst je mehr oder etwas anderes sich abfragen zu lassen, als er wünschte; in seinen reichen Kenntnissen und in seiner geistvoll jovialen, um nicht zu sagen, burschikosen Art, die den Anderen sicher machte und einlullte. Aeußerlich freilich war bei Sch. wenig von einem Diplomaten zu merken; das gilt sowohl von seiner Erscheinung, die mehr die eines Gelehrten war, als von seiner geradezu spartanischen häuslichen Einrichtung, die kaum mehr als die erforderliche Zahl von Stühlen und Tischen aufwies, als schließlich von seiner jeder Eleganz baren Kleidung, die von der salopp gebundenen bindfadendicken schwarzen Kravatte bis zu den altmodischen Stiefeln alles andere eher vermuthen ließ, als einen königlich preußischen Gesandten.

Wenn die Zeit gekommen sein wird, wo ein künftiger Sybel Schlözer’s römische „eigenhändig und frisch geschriebenen, ganz vertraulichen Berichte“ aus den Berliner Archiven zur historischen Bearbeitung erhält, wird ein überaus reicher Stoff der Belehrung, vielleicht auch der Ergötzung und Erheiterung daraus zu entnehmen sein, denn seinem klugen Auge entging so leicht nichts von dem, was man den Blick hinter die Coulissen der Weltgeschichte zu nennen pflegt.

Paul Curtius.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Stadtbibiothek