ADB:Schlegel, August Wilhelm von

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Artikel „Schlegel, August Wilhelm von“ in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 31 (1890), ab Seite 354, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Schlegel,_August_Wilhelm_von&oldid=849692 (Version vom 12. November 2009, 19:21 Uhr UTC)
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Band 31 (1890), ab Seite 354. (Quelle)
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Schlegel: August Wilhelm S. wurde am 8. September 1767 al8 vierter Sohn Johann Adolf Schlegel’S in Hannover geboren. Sein Talent für Sprache und VerZkunst, vom Vater und OheimH (Johann Elias S.) ererbt, kündigte sich schon an, während er daß Gymnasium seiner Vaterstadt besuchte. Er bekannte nach- malZ selbst, er sei ein leidenschaftlicher Versemacher von KindeSbeinen an ge- wesen. Unter anderm trug er 1785 bei einem SchulactuZ die Geschichte der deutschen Dichtung in Hexametern vor, feine Neigung zu Philologie und Litte- raturgeschichte dadurch schon jetzt bekundend. 1786 bezog er die Universität Göt- tingen, wo er daß Studium der Theologie sehr bald mit dem der Philologie vertauschte. Schon im Juni des nächsten Jahres verdiente er sich mit einer lateinischen Abhandlung über die Homerische Geographie (1788 gedruckt) einen akademischen Preis. Seine hauptsächlichen Lehrer waren Heyne und Bürger. Für den ersteren verfertigte er 1788 da8 Register zum vierten Bande seines »Virgil8«; mit dem letzteren wetteiferte er bald in poetischen Versuchen. Jn dem von Bürger redigirten Göttinger Musenalmanach und in Bürger’S Zeitschrift »Akademie der schönen Redekünste« erschienen Schlegel’S erste Gedichte gedruckt, in der Form ungemein glatt und gewandt; ihre äußere Technik war im allgemeinen die Bür- ger’S, der denn auch seinen »poetischen Sohn« und ,,LieblingZjünger« in pro- phetischen Versen volltönend prieZ. Seit 1789 verfaßte S. mehrere Recensionen von Werken der neuesten schönen Litteratur für die Göttinger gelehrten Anzeigen; auch sie bekundeten meistens einen reinen künstlerischen Geschmack, einen achtungZ- werthen kritischen Verstand, besondere Strenge und Feinheit in allem, was die MPO äußere Form betraf, aber weder geniale Kühnheit noch ungewöhnliche Tiefe und Größe der Auffassung: der junge Kritiker war vielfach noch von den älteren Theorien und Musterbüchern einer correcten Poesie abhängig. Bedeutender er- wiesen sich gleich seine frühesten ästhetischen und litterargeschichtlichen Charakte- riftiken, so die kritifch=philologifche Abhandlung über Schiller’S ,,Künstler« von 1791 und namentlich der Aufsatz ,,Ueber deS Dante Alighieri Göttliche Komödie« (1791) mit einer vortrefflichen Schilderung deS Menschen und Dichters Dante, die, überall Herder’schen Anregungen folgend, in daß künstlerische Wesen des großen Jtaliener8, in seine Zeit und Welt sich liebevoll versenkte, und mit einer möglichst getreuen Uebersetzung ausgewählter Abschnitte aus der »1)jVjt1a 00m- mO(1j8.« im Vers-maß dez Originals, doch mit freier behandelten Reimen. Jn den folgenden Jahren setzte S- diese UebertragungSversuche fleißig fort, und bis 1797 erschienen in mehreren Zeitschriften, besonders auch in Schiller’8 ,,Horen«, zahlreiche Proben aus Dante’8 »Hölle«, »BüßungSwelt« und »Himmelreich« verdeutscht. Neben und schon vor Dante lockte namentlich Shakespeare den jun- gen Dichter zur Uebersetzung. Gemeinsam mit Bürger begann er 1789 den ,,SommernachtStraum« zu übertragen, ließ die Arbeit aber vorerst ungedruckt, obgleich sie die ähnlichen Versuche Wieland’8 und Eschenburg’S schon jetzt mannig- fach übertraf. Aber die Thätigkeit an Shakespeare’ö Dramen begleitete ihn, als – et 1791 nach abgeschlossenen Universitätöstudien, vermuthlich durch Eschenburg’8 Vermittlung, eine sorgenfreie Hofmeifterstellung in dem reichen Muilman’schen Handel8hause zu Amsterdam fand. Er wandte sich zur Uebersetzung ,,Romeo’Z« und" ,,Hamlet’S«. Daneben dachte er an ein Trauerspiel »Ugolino«, ein Trauer- [355] spiel »Kleopatra«, eine Geschichte der griechischen Dichtkunst und andere Pläne, die vorläufig noch keine feste Gestalt gewinnen konnten. Dabei wurde Bürger’S Einfluß immer mehr und mehr durch den Schiller’Z und Goethe’S verdrängt, zumal seitdem S. 1794 al8 Mitarbeiter an den »Horen« in brieflichen Verkehr mit Schiller gekommen war. Hatte er schon früher den Dichter der »Götter Grieche-nland8« mehrfach im einzelnen nachgeahmt, so suchte er jetzt in Balladen und Romanzen, in episch-mythischen, allegorischen und sonstigen Gedichten Schil- ler’Z Stil und Geist im ganzen sich anzueignen. Ju Schlegel’8 hellenisirenden Gedichten konnte Schiller sich selbst, feine Gedanken und Gesinnungen, seine Sprache und seinen Ton wiederfinden; in der nach dem Spanischen frei bear- beiteten mohrischen Erzählung »Morayzela, Sultanin von Granada« (1796 in G. W. Becker’S »Erholungen« gedruckt) durfte er die Schreibart seiner historischen Prosaaufsätze sorgfältig nachgebildet sehen. Noch deutlicher ließosich Schiller’Z Einfluß in Schlegel’S ästhetisch-theoretischen Arbeiten wahrnehmen. Obwohl S. sich selbst weniger geschickt zur philosophischen Speculation alS zur Beobachtung glaubte, ftrebte er doch, gleich Schiller, in den »Briefen über Poesie, Silbenmaß und Sprache" (1795 und 1796 in den ,,Horen« gedruckt) daß Wesen des Rhyth- mischen philosophisch zu erklären, ohne aber über die Anfänge dieser Untersuchung, die Ableitung det-z Metrifchen auS der Natur deS Menschen überhaupt, hinaus- zukommen. AnspruchZloser und fruchtbarer an anregenden Winken waren die (damalS nicht veröffentlichten) Betrachtungen über Metrik, welche S. kurz vor jenen »Briefen« für seinen Bruder Friedrich niederschrieb, durchweg hier auf die eigene Erfahrung gestützt und besonnen gegen Klopstock’S metrische Schrullen pole- misirend. Wie zu Schiller, so sah S. jetzt aber auch bewundernd zu Goethe auf; dessen jüngste Werke, die au-?- der Anschauung des griechischen Schönheits- idealeS geborenen Dichtungen und der Roman »Wilhelm MeisterS Lehrjahre«, wurden ihm nunmehr Studium und Vorbild. Dadurch geläutert, nahm er 1795 die Uebersetzung Shakespeare’8 auf’Z neue vor und schmolz die früheren Versuche, die allzu sehr an Bürger’S Schule mahnten, vollständig um zu Schöpfungen, die,. selbst Kunstwerke von reinster Formenschönheit, mit dem bedeutenden Jnhalt auch die eigenthümliche künstlerischeForm der englischen Originale getreu wiedergaben und überall den dichterischen Geist und daß dichterische Wort Shakespeare’S er- folgreich wahrten. Der an Goethe’S Zergliederung dez »Hamlet« anknüpfende Aufsatz »Etwa8 über William Shakespeare bei Gelegenheit Wilhelm MeifterS« (in den »Horen« 1796) kündigte die Grundsätze dieser neuen UebersetzungSkunst an, als deren erste Proben gleichzeitig im März 1796 Seenen au8 dem zweiten Aufzuge de8 ,,Romeo« in Schil1er’S »Horen« erschienen. Daran schloß sich im folgenden Jahrgang derselben Zeitschrift der Aufsatz über »Romeo und Julia«, die erste von 1tnbedingter Bewunderung erfüllte Analyse eines Shakespeare’schen Stückes, die wirklich objectiv in den Geist und die ganze Schaffen8art des fremden Künstlers eindrang. Zugleich legte S. nun aber auch den »Romeo« vollständig verdeutscht vor und eröffnete mit ihm die Uebersetzung Shakespeare’scher Dramen, die 1797–––1801 in 8 Bänden zu Berlin bei Joh. Friedr. Unger herau-Skam; 181() folgte nach langjähriger Unterbrechung noch ein weiterer Halbband. Sieb- zehn Dramen Shakespeare’Z hatte S. hier übertragen: ,,Romeo«, den ,,Sommer- nachtStraum«, »JuliuZ Cäsar«, ,,WaZ ihr wollt", den ,,Sturm«, ,,Hamlet«, den »Kaufmann von Venedig«, »Wie es euch gefällt« und sämmtliche KönigSdramen von ,,König Johann" bis »Richard 1l1.« A18 er 1795 mit neuem Eifer zu dieser Uebersetzung zurückkehrte, änderte sich auch in seinen äußern LebenSverhältnissen manches bedeutsam. Jm Sommer 1795 gab er seine Amsterdamer Stellung auf und ging zunächst zu seiner Mutter nach Hannover, dann nach Braunschweig. Hier traf er wieder-mit Caroline geb. [356] Michaelis-, verwittweten Böhmer (176Z–1809) zusammen, der er schon einst in Göttingen seine Huldigungen dargebtacht und seitdem stets, auch in schweren Schicksalen und bedenklichen, nich1 ganz unverschuldeten Lebenslagen, eine treue, opferwillige Freundschaft bewahrt hatte. Mit ihr verlobte er sich, sobald er die Einwände seiner Mutter und seiner Geschwister gegen eine solche Verbindung widerlegt hatte. Auf Schiller’8 Einladung kam er im Mai 1796 über Dresden, wo er seine Schwester und seinen jüngsten Bruder besuchte, nach Jena, und al8 et hier die Verhältnisse für seine dauernde Niederlassung daselbst günstig fand, feierte er am 1. Juli 1796 seine Hochzeit mit Caroline und begründete mit ihr fein neues Heim in Jena. Von ihr wesentlich unterstützt, suchte er zumeist durch kritische Arbeiten sich sein Brod zu verdienen. Etwa dreihundert, mitunter höchst umfangreiche Recensionen schönwissenschaftlicher Schriften verfaßte er in den nächsten drei bis vier Jahren, großentheilS für die Jenaer »Allgemeine Litteratur- zeitung". darunter namentlich die große, tief eindringende Besprechung dez Vos- fischen Homer (1796), die der Schiller’schen »Horen« (1796), der Werke von Chamfort (1796), der Vosfischen Musenalmanache für 1796 und 1797 (1797), der Herder’schen »Terpsichore« (1797), de8 Goethe’schen Gedicht8 »Hermann und Dorothea« (1797), der Tieck’schen Uebersetzung de8 ,,Don Ouixote« (1799) u. a. Au8gezeichnet durch eine reiche Kenntniß der einheimischen und fremden Litteratur, durch sorgfältige Beobachtung und scharfes Urtheil im einzelnen, stetS vortrefflich in der Form und im sprachlichen AuSdruck, suchte S. alS Schüler sowohl Schil- ler’S alS Herder’8 in diesen Recensionen philosophische und historische Kritik zu vereinigen und lieber die ihm vorliegenden Werke verftändnißvoll zu zergliedern al8 kunstrichterlich über sie abzusprechen; vom ästhetischen Standpunkte deZ clas- sischen JdealiSmu8 au8, det1 Goethe und Schiller vertraten, verlangte er har- monische Durchbildung von Form und Jnhalt und kämpfte gegen den Modege- schmuck, der sich an Jffland, Kotzebue und Lafontaine, an Räuberromanen und Ritterstücken und dergl. ergötzte. AuZ seiner eigenen künstlerischen PraxiZ schöpfte er die Regeln, die er für die Uebersetzung dichterischer Meisterwerke inZ Deutsche au8sprach, hierin in der That maßgebend für immer. Während der ersten Zeit seines AufenthalteS in Jena verschönte ihm Goethe’–S und Schiller’sS theilnahm?ovolle Freundschaft manche Stunde; aber schon im Früh- ling 1797 wurde daß letztere Verhältniß durch die kritische Frechheit Friedrich Schlegel’Z empfindlich gelockert, während Goethe dem jüngeren Schriftsteller ftet-z das alte Wohlwollen ungetrübt erhielt. 1798 wurde S. auf Grund seiner Ueber- setzung Shakespeare’S zum außerordentlichen Professor in Jena ernannt; erstaun- lich fleißig und vielseitig laß er über Aefthetik, griechische, römische und deutsche Litteraturgeschichte, Methode dez Alterthum8studiumS, hielt deutsche Stilübungen und interpretirte Horaz: alle-z jedoch ohne besonderen äußeren Erfolg. Jm näm- lichen Jahre 1798 lernte er während eine?- zweimonatlichen Aufenthaltes im Mai und Juni zu Berlin Ludwig Tieck persönlich kennen, und hier schlossen die beiden und Friedrich Schlegel den FreundschaftSbund, dem alSbald Schleiermacher, Bern- hardi, NovaliS und später Schelling und andere beitraten und der zur Gründung einer neuen litterarischen, der sogenannten älteren romantischen Schule führte. Das journalistische Organ derselben wurde zunächst daß ,,Athenäum«, von August Wilhelm und Friedrich Schlegel gemeinsam heraus-3gegeben, dessen erstes Stück bald nach Ostern 1798 in Berlin erschien (im ganzen Z Bände zu je 2 Stücken, 1798–––1800). Der ältere Bruder veröffentlichte hier 1798 sein ,,Gespräch über – Klopftock’S grammatische Gespräche", später ,,Der Wettstreit der Sprachen" betitelt, in der Form eine harmlose Parodie jener Klopstock’schen »Gespräche«, gegen die S. den früher in den ,,Bemerkungen über Metrik« begonnenen Kampf hier auf einer höheren Sh1fe fortsetzte, ferner Uebertragungen aus griechischen und latei- [357] nischen Lyrikern, mehrere Kritiken über Zeitschriften, Moderomane, Tieck’8 Volks- märchen, Uebersetzungen und anderes, eine Anzahl von ,,Fragmenten« über Litte- ratur und Kunst, 1799 daß in Gemeinschaft mit Caroline unter dem Eindruck der Wackenroder’schen »HerzenSergießungen eines KlosterbruderS« verfaßte Gespräch »Die Gemälde", das, von Bildern der DreSdener Gallerie auSgehend, die christ- liche Malerei in Prosa und in mehreren eingeschobenen Sonetten äußerlich vers herrlichte, die wichtigste Frucht eineS mehrwöchentlichen Aufenthaltes in Dresden im Sommer 1798, ferner den Aufsatz ,,Ueber Zeichnungen zu Gedichten und John Flaxman’S Umrisse« und die bissigen Notizen des-S ,,Litterarischen Reichs- auzeigerS«, 1800 namentlich dieboShaft verurtheilende Besprechung Matthisson’S, Vossen?-z und F. W. A. Schmidt’-ö v. Werneuchen, die mit dem parodischen Wett- gesang der drei verspotteten Poeten endigte. Daneben war S. aber auch alS Originaldichter fleißig thätig. Eine Samm- lung seiner Gedichte erschien 1800 bei Cotta und bewies die höchste Gewandtheit und Correctheit des Verfassers in der Form: die schwierigsten Vers- und Reim- kunststücke schienen ihm spielend zu gelingen, der mannigfachsten antiken und mo- dernen Ver2formen zeigte er sich Herr, namentlich hatte er durch eine Reihe Beispiele, die von da an allen gleichzeitigen und folgenden Dichtern als Muster galten, daß deutsche Sonett auf seine reinste Form zurückgeführt. Aber die Rücksicht auf die künstliche Form herrschte so vor, daß darunter die ohnedieZ nicht sehr große Wärme deS Empfinden?- litt: selbst wo Schlegel’S Gefühl wirk- lich echt und tief war, so beim Tode seiner Stieftochter Auguste Böhmer (12. August 1800), vermochte er es poetisch nicht einfach und überzeugend wahr und warm auSzusprechen. WeitauS die Mehrzahl seiner Gedichte sind kühl, glatt und marmorkalt, künstlich gemacht, durchauS ein Werk der Reflexion. Viel frischer und unmittelbarer erwieS sich sein Talent in der Satire. Scharffinnig und witzig, aber ohne persönlich verletzende Bitterkeit verspottete S. die nüchtern mo- ralisirende, nur dem profaischen Nützlichkeit5Sprincip huldigende Aufklärung in dem ,,schönen, kurzweiligen FaftnachteSspiel vom alten und neuen Jahrhundert, tragirt am ersten Januarii im Jahr 1801«, halb im Stil der Goethe’schen Fastnacht8- spiele, halb in dem der Tieck’schen Märchenkomödien verfaßt, im Musenalmanach für 1802 gedruckt. Zur gleichen Zeitschrieb er aber (im Herbst 1800) die au8- gesucht höhnische, vernichtend grobe Satire »Ehrenpforte und Triumphbogen für den Theaterpräsidenten v. Kotzcbue bei seiner gehofften Rückkehr ins Vaterland; mit Musik; gedruckt zu Anfange des neuen JahrhundertS«. Mit burleSker Virtu- osität geißelte S. hier, indem er bald die auSgelassenften Derbheiten des Aristo- phaneS, bald die phantastische Laune Tieck’iZ sich anzueignen suchte, Kotzebue, der soeben in seinem »Hyperboräischen Efel« (1799) die Romantiker plump verfpottet hatte. Ju stets neuen Weisen und überkünstlichen Formen sang er immer das- selbe, daß ironische Lob Kotzebue’S und feiner Werke. Den Mittel- und Höhe- punkt der Satire bildete daß empfindsam-romantische Schauspiel in zwei Auf- zügen ,,Kotzebue’S Rettung oder der tugendhafte Verbannte«, voll bo8haft-witziger Anspielungen auf die meisten Werke deS Angegriffenen und auf seine neuesten Schicksale in Rußland und Sibirien. Einen höheren Flug versuchte S. 1801 mit seinem Schauspiel ,,Jon«, das am 2. Januar 1802, von Goethe vortrefflich einstudirt, in Jena, einige Monate darauf auch in Berlin von Jffland und in Frankfurt a. M. gegeben wurde und 1803 zu Hamburg im Druck erschien. S. dachte hier die Euripideische Tragödie gleichen NamenS in ähnlicher Weise modern neuzugestalten, wie Goethe dietz in seiner »JPk)igenie« gethan hatte. Die Charak- tere und die sittlichen Tendenzen des griechischen Dramas wurden veredelt, die Wahrheit ähnlich wie in der »Jphigenie« als sittlich klärende und befreiende Macht verherrlicht, die Handlung des Stücks mehr in das Jnnere der Hauptper- [358] sonen verlegt, im allgemeinen sorgfältiger motivirt und hie und da bühnenwirk- samer umgebildet. Trotz der Vereinfachung der Personen, der Beseitigung des antiken Prologö und de8 Chores gelang daß letztere jedoch nicht immer, und ge- rade die Abschnitte des Schaufpiel8, in denen S. sich am weitesten von seiner sonst bis ins Einzelne genau benutzten Vorlage entfernte, konnten dramatisch und dichterisch am wenigsten befriedigen. Sprachlich und metrisch, überhaupt formal war daß ganze Werk wieder tadellos, an poetischer Schönheit überhaupt und besonders in der Rolle der Kreusa, der nunmehrigen Hauptrolle, reich; aber schon die Wahl dez Stoffe-S, der durchauS das nationale, ja locale Jnteresse der athenischen Zuschauer und die griechisch-heidnische Götteranschauung vorau8setzte, war verfehlt. Datz Schauspiel erfuhr daher von Herder, Böttiger, Kotzebue, Merkel heftigen Widerspruch, in den vorsichtiger auch Wieland einstimmte; aber die Romantiker wetteiferten in der Anpreisung des neuen »Jon«, Goethe schlug den schlimmsten der drohenden Angriffe mit rascher Gewalt nieder und verfaßte zum Schutz de-z Schlegel’schen Werke?- am 15. Februar 1802 den Aufsatz ,,WeimarifcheS Theater«, und selbst der strenge und für S. keine?-weg8 Vorein- genommene Schiller urtheilte nicht ungünstig über das Schauspiel. Dem MPO ,,Jon« sollten nach der anfänglichen Absicht des VerfasserS noch mehr ähnliche Dramen folgen, ein »Philopono8«, ein Stück »Die Amazonen«; aber S. ließ sich von diesem Gedanken leicht durch seinen Bruder abbringen. Er schrieb an einem Rittergedicht »Tristan« in Stanzen nach Ariost’S Muster, indem er die mittel- hochdeutschen Werke Gottfried? von Straßburg und Heit1kick)’Z Von Freiberg zu Grunde legte, aber auch verschiedene Abenteuer der Lancelotsage in seine Bear- beitung deS TristanstoffeS verwob. Doch gedieh der Versuch nicht über den ersten Gesang hinaus (1811 veröffentlicht). Mit Tieck zusammen gab er, doch so, daß ihm weitaus der größte Theil der Arbeit zusiel, einen »Musenalmanach für 1802« herau8, der nach langen Mühen und Vorbereitungen endlich im November 1801 erschien, großentheilS von S. und seinem Bruder verfaßt, inhaltlich wenig be- deutend. Aber wenigstens, zeigte er litterarisch die verschiedenen Romantiker noch innig mit einander verbunden, während sich ihr menschlich-persönliches Verhält- niß schon bedenklich zu lockern begann. S. selbst fühlte sich seiner Gattin Caro- line immer fremder, während Schelling das Band innigster Freundschaft mit ihr fester und fester knüpfte. Jm Frühling 1802 beschlossen die beiden Gatten, ihre Ehe zu lösen; doch erst, nachdem mehrfache äußere Hindernisse überwunden waren, wurden sie am 17. Mai 1803 gerichtlich geschieden. Seit dem Sommer 1800 hatte S. seine Jenaer Vorlesungen aufgegeben. Den folgenden Winter hatte er in Braunschweig, vom Februar 1801 an in Berlin zugebracht. Nur noch einmal, im Herbst 1801, kam er von hier auS auf mehrere Wochen nach Jena, um für immer von dort Abschied zu nehmen. Von den Banden, die ihn früher an diesen Ort knüpften, waren die meisten gelöst. Auch seine Beziehungen zur Jenaer »Allgemeinen Litteraturzeitung« hatte er schon im October 1799 auf die schroffste Weise abgebrochen und dadurch einen heftigen Kampf hervorgerufen, der bald in pöbelhafte persönliche Skandalsucht auSartete. Der Plan, durch die Begründung kritischer Jahrbücher sich an Stelle deZ eingehenden ,,Athenäum« 1800 ein neue?-, großartig angelegtes Organ zu verschaffen, scheiterte noch im letzten Augenblicke, und S. mußte sich bequemen; einzelnes, was er für diese Zeitschrift bereits ausgearbeitet hatte, so einen Aufsatz über .Bürger’8 Werke, in der Sammlung älterer kritischer und litterargeschicht- – licher Essays abdrucken zu lassen, die er 1801 mit seinem Bruder unter dem Titel ,,Charakteristiken und Kritiken" in zwei Bänden veröffentlichte. Der Drang; unmittelbar durch seine Kritik auf die Zeitgenossen einzuwirken, ließ ihn aber damit sich nicht begnügen. So entschloß er sich zu regelmäßigen Vorlesungen [359] im Mittelpunkte der litterarischen Feinde, der Aufklärer, in Berlin. Vom De- cember 1801 an veranstaltete er hier in drei Wintersemestern hintereinander öffentliche Vorlesungen, zuerst über die Kunftlehre, dann über die Geschichte der classischen und der romantischen Litteratur. Jm Sommer 1803 hielt er ferner Privatvorlesungen über die Encyclopädie aller Wissenschaften. Von Anregungen ausgehend, die er zum großen Theile von seinem Bruder Friedrich und von Schelling empfangen hatte, versuchte S. in diesen vier VorlesungScyklen zum ersten Male mit größtem formalen Geschick, einen systematischen Jnbegriff aller romantischen Bestrebungen zu geben. Nur da5«z religiöS-mystische Element, das Schleiermacher in die litterarische Bewegung eingeführt hatte, kam dabei nicht zu seinem Rechte. Dagegen ließ S. der Polemik einen weiten Spielraum, und hier machte er sich am ersten noch mannigfacher kritischer Einseitigkeiten schuldig, wenn er Männer wie Aristoteles, Kant, Lessing, Wieland, Schiller, aber auch Luther’S Bibelübersetzung, das protestantische Kirchenlied, die Sinngedichte Logau’S u. a. lange nicht nach Gebühr schätzte oder gar unverdient befehdete. Aber reichlich wurden diese Jrrthümer ausgewogen durch die zahlreichen positiven Vorzüge der Vorlesungen. Jm Sinne Herder’S und Winckelmann’8 forderte und versuchte S. hier eine Verbindung von philosophischer Theorie und von Geschichte der Kunst; daS vermittelnde Bindeglied zwischen beidem sah er in der Kritik. Jn seiner Auffassung deZ Verhältnisses zwischen Natur und Kunst, in seiner Gliederung der einzelnen Künste, in seiner Erklärung der Sprache, der Mythologie, in seinen Bemerkungen über das Silbenmaß, in seinen Betrachtungen über den Geist der modernen Zeit und über die neueste Litteratur, über den prahlerischen TeutoniSmuS und über die koSmopolitische Aufgabe der Deutschen und sonst allerorten gab er geistreiche und zum Theil weit hinaus wirkende Anregungen. Seine Aeußerungen über daß Nibelungenlied, dessen Entstehung S. damals noch ganz so wie Fried::. Aug. Wolf die Entstehung der »Jlia8« erklärte, verfehlten nicht ihren Eindruck auf seinen Zuhörer Friedrich Heinrich von der Hagen. S. schon forderte eine Sammlung altdeutscher VolkSlieder, wie sie nach Jahrzehnten unZ Uhland lieferte. Seine Skizze der provenc,;alischen und der älteren italienischen Poesie war auch, wo er verhältnißmäßig nur wenig Material zu Gebote hatte, vortrefflich; nicht minder sein Ueberblick über die deutsche Litteratur, die er schon in eine mönchische, ritterliche, bürgerliche und gelehrte Periode gliederte. A15 den eigentlichen Ge- winn der romantischen Schule bezeichnete er Philosophie und Geschichte; auf beide wollte er die künftige Poesie begründet und überhaupt durch die Wissenschaft und durch Aneignung der Schätze aller anderen, auch der morgenländischen Litteraturen bereichert und neu belebt wissen. Nur kleine Bruchstücke dieser Vorlesungen ließ S. zunächst drucken; die Vorträge über das antike Drama nahm er später (1808) mit einigen Veränderungen vollständig in seine Wiener Vorlesungen herüber. Um seine Zuhörer mit den Litteraturwerken, über die er sprach, durch Proben auS denselben bekannter zu machen, verband S. mit seinen Vorlesungen eine ausgedehnte Uebersetzung8thätigkeit. Daß dichterische Uebertragen, an daf er jetzt die höchsten Ansprüche machte, wurde ihm mehr und mehr zur Leidenschaft. Er verdeutschte verschiedene Abschnitte aus den attischen Tragikern; auch plante er eine gesammte Uebersetzung derselben, führte seine Absicht aber nicht aus, da er hier der Strenge seiner Forderungen selbst nicht völlig genügen konnte. Da- gegen veröffentlichte er 1804 ,,Blumensträuße italienischer, spanischer und portu- giesischer Poesie« mit mustergültigen Uebertragungen auZ Dante, Petrarca, an dem er sich seit feinen UniversitätSjahren wiederholt versucht hatte, Boccaccio, Tasso, Guarini, Montemayor, Cervantes und Camoen8; auch Gries steuerte einigeZ, besonders aus Ariost, dazu bei. Durch Tieck, den er bei seiner Uebersetzung deS »Don Quixote« gelegentlich unterstützte, war S. auf Calderon hingeleitet worden.– [360] Die beiden Freunde planten die gemeinsame Herausgabe eines ,,Spanischen TheaterZ«, für welches sie Dramen von Cervantes, Lope, Calderon, Moreto und anderen. verdeutfchen wollten. 180Z ließ S. einen ersten Band desselben er- scheinen, dem erst 1809 ein zweiter folgte, beide von ihm allein ausgearbeitet. Den ,Jnhalt bildeten fünf Stücke Calderon’ö, die auf die gleichzeitige und folgende Generation in der deutschen Litteratur den bedeutsamften Einfluß auSübten: »Schärpe und Blume«, »Die Andacht z;rm Kreuze«, ,,Ueber allen Zauber Liebe«, MPO »Der standhafte Prinz", ,,Die Brücke von Mantible«. Gleichzeitig veröffentlichte S. in der »Europa« seines Bruders zur Ankündigung dieser Uebersetzung den Aufsatz ,,Ueber das spanische Theater", eine überschwängliche Lobrede auf Cal- deron, aus dessen fruchtbarer Feder auch nicht eine verwahrloste Zeile geflossen sei und dessen Werke den reinsten und potenzirtesten Stil des Romantisch- Theatralischen aufwiesen. Sonst brachte die ,,Europa« außer Gedichten und dichterischen Uebersetzungen von S. namentlich einzelne AuZschnitte au8 seinen Berliner Vorlesungen. Neben Fichte, dessen vernichtende Schrift gegen Nicolai er 1801 mit einer maliciösen Vorrede herauSgegeben hatte, war S. bald der Mittelpunkt des geistigen Lebens in Berlin geworden, und doch zog es ihn feitJahren schon fort von hier: sein Sehnen ging aus eine große Reise in’8 Ausland, besonderZ nach Jtalien. Nun lernte er 1803 durch Goethe’S Vermittlung Frau v. Staöl kennen, die, durch Napoleon’S Polizei auZ Paris ausgewiesen, sich zunächst nach Deutschland begeben hatte. Sie warb ihn alS Hau?-lehrer ihrer Kinder mit einem JahreSgehalte von 12000 FrancZ an und verschaffte ihm so auf viele Jahre hinaus eine sorgenfreie, ja bei dem eigenthümlichen Charakter ihres gegen- seitigen VerhältnisseS glänzende Stellung. A18 ihr Freund und Cavalier be- gleitete er seine »Protectrice« zunächst im April 1804 auf ihr Schloß Coppet am Genferfee und von hier aus auf zahlreichen Reisen, die ihn mit den ver- schiedensten Ländern Europa’8 und mit vielen politisch oder litterarisch bedeuten- den Personen daselbst unmittelbar bekannt machten. So kam er gegen Ende des:s Jahre8 1804 nach Jtalien. Ju Rom widmete er der Freundin, der »Mit- theilerin großer Gedanken", der er sich überhaupt von nun an auch alS Schrift- steller gefällig erwie-Z, die schöne, erst nach der Rückkehr auS Jtalien vollendete, dann aber sogleich einzeln zu Berlin 18O5 gedruckte, später von Sainte-Veuve in’S Französische übersetzte Elegie »Rom«, eine wirklich poetische Darstellung der Hauptmomente der Geschichte und Culturgeschichte des alten Roms biz zu seinem Untergang durch die Germanen, mit vielen Anklängen an antik-römische Dichter. Von Rom aus sandte er ferner 1805 ein ,,Schreiben an Goethe über einige Arbeiten in Rom lebender Künstler", dae5 sogleich in der neuen Jenaer allge- meinen Litteraturzeitung abgedruckt wurde; dieser Aufsatz, der wieder von Schlegel’S feinem Geschmack und nicht geringen Kenntnissen in den bildenden Künsten zeugte, sollte als eine Art von Zusatz zu der Uebersicht über die Kunstgeschichte der letzten Epoche, die Goethe soeben den Briefen Winckelmaun’8 beigegeben hatte, über die Persönlichkeiten und Werke neuerer Bildhauer und Maler in Rom be- richten und verweilte am auZführlichsten bei Canova, dann bei Thorwaldsen, Angelica Kaufmann, Schick, Reinhard, Koch und den anderen Künstlern, mit denen S. in Rom freundschaftlich verkehrte. Ende Juni 1805 war er mit Frau v. Stai-Sl wieder nach Coppet zurückgekehrt. Mit ihr verbrachte er den folgenden Winter großentheil8 in Genf und reiste im Frühling 1806 nach Frankreich, zuerst A nach Auxerre, dann nach Rouen, 1807 nach Schloß Acosta in Auberge-en-ville (Seine-et--Oise), im Mai 1807 zurück nach Coppet. Der beständige Verkehr mit der geistreichen, im Mittelpunkt des französischen Geifte8leben8 stehenden Dame und vollends der Aufenthalt mit ihr in Frankreich weckten in S. die Begierde, selbst [361] alS französischer Schriftsteller sich zu versuchen. So schrieb er 1805 die »00v8j– (1C–5rat:jo118 Sur 1-t cjyj1jS8tjon eu g(z11czr81 et Sur 1’orjgjne et 1a c1Som1ev09 (1O8 rc–S1igio118«- durchweg gegen die rationalistifche und materialistische Philosophie ankämpfend, gelegentlich an Gedanken aus den Berliner Vorlesungen anknüpfend, aber nur die erste Hälfte des Themas einigermaßen erschöpfend, und ließ nament- lich 1807 zu Paris die »O0mp8r8j8o11 entre 1A 1?11ßär8 ä6 1–38»0j116 et O911S ä’Ru1–jpjäS« erscheinen (von H. J. v. Collin in’S Deutsche übersetzt). Nachdem 17Z0 und 1776 schon der Jesuitenpater Brumoy und Batteux eine Vergleichung zwischen der ,,Phädra« Racine’S und der des EuripideZ angestellt hatten, wieder- holte S. diese Arbeit in einer weitaus gründlicheren und au-3führlicheren Weise. Aber im schroffen Gegenfatze zu der in Frankreich allgemein geläufigen An- schauung, wie sie besonders Laharpe ausgesprochen hatte, daß Racine die größten Fehler des Griechen durch die größten Schönheiten ersetzt habe, deckte S., der sich trotz seiner Meisterschaft im französischen Stil äußerst vorsichtig als Fremder mit augenscheinlichster Bescheidenheit seiner Aufgabe näherte, bald rücksichtslos und stellenweise selbst ungerecht gegen wahre Vorzüge Racine’8 den gewaltigen Abstand auf zwischen dem antiken Tragiker, der überall einfach-groß sei, der wahren Natur stets folge, mit weiser Kunst auf überflüssige Zuthaten verzichte und so die höchste tragische Wirkung erziele, und zwischen Racine, dessen Muse S. übertreibend die Galanterie nannte, den er einer mehrfachen Entftellung der antiken Charaktere und einer das tragische Jnteresse abfchwächenden Umbildung und Erweiterung der ursprünglichen Fabel befchuldigte. Aber auch hier blieb S. nicht bei der Betrachtung diese?- einzelnen StoffeZ stehen, sondern verall- gemeinerte gelegentlich seine Untersuchung, indem er den Unterschied zwischen der antiken und modernen Auffassung der Liebe, zwischen der griechisch-heidnischen und der modern-christlichen Weltanschauung überhaupt, die in der Tragödie zum AuSdruck kommt, erörterte und lehrreiche Ausblicke in die gesammte antike und neufranzösische, aber auch in die englische, italienische und spanische Dramatik that. Die französische Kritik nahm sich deS zu heftig angegriffenen National- dichterZ gegen S. alsbald in der leidenschaftlichsten Weise an. JU ähnlicher, oft einseitig übertreibender Weise kämpfte S. gegen den fran- zösischen Geist und französische Kunst in dem Werke der folgenden Jahre, daß sein populärsteZ und einflußreichste8 geworden ist. Jm December 1807 hatte er als Begleiter der Frau v. Staöl Coppet verlassen und über München, wo er Schelling und Caroline wiedersah, sich nach Wien begeben. Hier hielt er im Frühling 1808 vor einem stattlichen Kreise von Zuhörern, die meistens zur höchsten AdelSgesellschaft zählten, seine alsbald (zu Heidelberg 1809–––1811, dann wieder 1817 in drei Theilen) gedruckten, rasch in8 Französische, Holländische, Englische und Jtalienische übersetzten Vorlesungen über dramatische Kunst und Litteratur. Vielfach ging er dabei von denselben Grundsätzen wie bei seinen Berliner Vorlesungen aus und legte das Berliner Concept zu Grunde, ersetzte jedoch bei der genaueren, detaillirenden Ueberarbeitung des-selben das frühere Streben nach strenger philosophischer Begründung durch eine entschiedeneRücksicht auf populäre Verständlichkeit. Ohne irgendwie eine bibliographisch oder anti- quarisch erschöpfende Geschichte der dramatischen Litteratur geben zu wollen, be- gnügte er sich mit einem allgemeinen Ueberblick über daß Drama der Griechen und Römer, der Jtaliener, Franzosen, Engländer, Spanier und Deutschen. Der Mangel an gleichmäßiger Einzelforschung in allen Theilen dieses immerhin sehr ausgedehnten Gebiete-S verfchuldete überdies noch mannigfache Lücken; so wußte S. z. B. von den kirchlichen Anfängen des neueren Dramas im Mittelalter so viel wie nichts zu sagen. Ju der Absicht, Lessing’S Kampf gegen die Herrschaft des FranzofenthumS im modernen GeisteZleben fortzusetzen, schoß er öfters über [362] das Ziel hinaus: mit der französischen Tragödie verurtheilte er auch die meisten französischen Comödien, MoliSre’S Werke nicht ausgenommen; nur etwa Racine’8 ,,PlaideurZ« und die Stücke Legrand’S ließ er gelten. Aber glänzend waren seine Untersuchungen über daß Aeußere des antiken TheaterS, seine geistvolle Erklärung des Chores im griechischen Drama, seine vergleichende Charakteristik der drei attischen Tragiker und die Gegenüberstellung ihrer drei Bearbeitungen der Elektrafabel, feine rechtfertigende Erörterung des Wesens der Aristophanischen Comödie, seine sorgfältige und begeisterte Darstellung Shakespeare’8 und Calderon’S. Namentlich die Abschnitte über Shakespeare und die Geschichte de8 englischen Dramas arbeiteteS. mit liebevollem Fleiße und niemals?- ermattendem Enthusiasmus für die gedruckte AuSgabe der Wiener Vorlesungen vollständig neu und umfänglicher au-S. Wie er in diesen Vorlesungen die dramatischen Ver- irrungen einzelner Romantiker bedauerte, so sprach er sich jetzt auch in Recen- sionen und Privatbriefen gelegentlich gegen die eigensinnigen Spiele der Phantasie und gegen die gesuchte Künstlichkeit der Form bei den Romantikern auZ und verlangte dafür (im Einklang mit seinem Bruder) nationalen Gehalt «und Ernst in der Poesie. – Mit Frau v. StaSl ging S. im Mai 1808 nach Dresden und Weimar, machte jedoch, während die Freundin hier. fast drei Wochen verweilte, einen Ab- stecher nach Hannover, Göttingen und Cassel, um seine Verwandten, Lehrer und Freunde dafelbst zu besuchen. Dann folgte er feiner Gönnerin wieder nach Coppet. TheilS hier, theilS in Genf verbrachte er die nächsten anderthalb Jahre, während allerlei Gäste, unter anderen ZachariaS Werner und der Düne Oehlen- schläger, bei Frau v. Staöl einkehrten. Auch unternahm er einzelne AuSflüge in die Schweiz, die er hierauf nach Aufzeichnungen in seinem Tagebuch fragmentarisch dar- stellte. Goethe’Z Natur- und VolkZschilderungen schwebten ihm dabei al8 nachahmenZ- würdige?- Muster vor. Mit besonderer Vorliebe beschäftigte er sich aber in diesen (seit 1808 in Zeitschriften und Almanachen herauZgegebenen) Aufsätzen mit der Mundart und den alten, halb geschichtlichen, halb sagenhaften Ueberlieferungen des schweizer Volkes. Jm März 1810 begleitete er Frau v. Staöl, die wegen deZ DruckeS ihre?: Buches über Deutschland mit einem Pariser Verleger zu ver- handeln hatte, nach dem Schlosse Chaumont-sur-Loire bei Pari?-, von da nach dem nahen Schloss-e Fossez. Jn ihrem Auftrage begab er fick), als-S ihr Ende September der Aufenthalt in Frankreich gänzlich verwehrt und ihr Buch polizei- lich unterdrückt wurde, nach Paris, um für sie zu retten, was etwa noch zu retten war; dann folgte er ihrin dieVerbannung nach Coppet. Hier verfaßte er für die »Heidelberger Jahrbücher" eine umfangreiche Anzeige der von den Weimarer Kunstfreunden besorgten AuZgabe der Werke Winckelmann’Z mit mannigfachen Angriffen auf Winckelmann’S ästhetische Anschauungen und Urtheile über neuere Kunst. Ferner gab er sich dem eifrigen Studium der altdeutschen Litteratur hin und verkündigte besonders die nationale Bedeutung des NibelungenliedeZ aufZ neue in einem für das ,,Deutsche Museum« Friedrich Schlegel’Z bestimmten Auf- satze. 1811 schloß er mit der zweibändigen Sammlung seiner »Poetischen Werke« seine dichterische Thätigkeit im großen und ganzen ab. Jm Frühling 1811 wurde er auf eine Denunciation des Präfecten von Genf, Capelle, als Feind Napoleon’Z, Frankreich;; und der französischen Litteratur aus dem ganzen französischen Reiche, ja selbst aus Coppet ausgewiesen. Er zog sich zuerst nach Wien, dann nach der Schweiz zurück, schloß sich aber im Mai S 1812 in der Nähe von Bern wieder an Frau v. Staöl an, als diese sich der Machtbefugniß de8 Genfer Präfecten, der ihre Freiheit täglich mehr einschränkte, durch die Flucht entzog. Mit ihr entkam er über Wien, Kiew, Moskau und Petersburg nach Stockholm. Bernadotte, Kronprinz von Schweden, ernannte [363] ihn 1813 zum Regierung8rath und Seeretär in seinem persönlichen Dienste. MPO Jm Februar 1813 veröffentlichte S. seine Schrift ,,8u1s 1e 8y8tß111e o0vtinSutz1 St Sur S88 mpport8 Neo 1-t 8uS(16«» die sogleich in Deutschland und England wieder abgedruckt und viel gelesen wurde. Ju der Absicht, die öffentliche Meinung in Schweden, die bei den verhältnißmäßig glücklichen Zuständen dieses Landes vielfach Napoleon günstig war, gegen ihn umzuftimmen, –schildertc er, natürlich durchweg von seinem einseitigen Parteistandpunkte aus, die Geschichte der letzten Jahre, seitdem Napoleon seine Macht über Frankreich und bald über ganz Europa auZzubreiten begann, die unerfättliche KriegZlust des Corsen, die Unterdrückung und Verarmung, die Umkehr aller geordneten und durch Sitte und Alter geheiligten Verhältnisse, die Zerstörung alles nationalen Geiste3 in den Ländern, die sich dem fremden Despoten beugten. Datz französische Kaiser- reich betrachtete er als die permanent gewordene Revolution. Eine Anzahl ähnlicher politischer Schriften, Aufrufe, Berichte, die theilS allgemein patriotischer Art waren und den Sturz der Napoleonischen Macht befördern sollten, theil8 dem besonderen Jnteresse Schwedens dienten, verfaßte S., nachdem er im Frühling 1818 Bernadotte ins Hauptquartier der Nordarmee nach Stralsund und von da durch ganz Norddeutschland gefolgt war. Darunter waren die für die Vereinigung Norwegens mit Schweden wirkenden »Betrachtungen über die Politik der dänischen Regierung« (181Z), darunter das Napoleon’Z DespotiSmuS, mißtrauischeS UeberwachungSfystem und Polizeiregiment schroff skizzirende »’kab1e8tu (16 1’empir6 krm1(;ai8 S11 1813«, alZ Einleitung zu verschiedenen von der Nordarmee aufgefangenen Napoleonischen Briefen und Depeschen im Novem- ber 181Z zu Hannover und London gedruckt. S. hatte auch zu einer künftigen deutschen Verfassung allerlei Pläne entworfen, befand sich aber mit diesen Gedanken vielfach im Gegensatze zu dem Freiherrn v. Stein und zu Arndt; sein Ziel war ein deutscher Bundesstaat unter der Führung eines habSburgischen KaiserS. Seit dieser Zeit etwa nannte er sich v. Schlegel; er glaubte sich dazu berechtigt durch ein Diplom, durch welches Kaiser Ferdinand 111. einst seinem Urältervater für sich und seine männliche Nachkommeufchaft zugleich den Reichs- und ungarischen Adel verliehen hatte. Nach der Absetzung Napoleon’Z zu Fontainebleau (April 1814) begab sich S. durch die Niederlande nach England, um von hier aus Frau v. Stai-Sl über Dover und Calais nach Paris zurückzuführen. Bei ihr verbrachte er auch den folgenden Winter in Paris, biZ sie Napoleon’ö Rückkehr von Elba im März 1815 wieder nach Coppet zurücktrieb. Jm October 1815 sah sie sich durch den Gesundheitszustand ihres zweiten GemahlS Jean de Rocca genöthigt, Jtalien aufzusuchen; S. begleitete sie. Durch Piemont und Toscana reisten sie nach Pisa, wo man bi8 zum Februar blieb; dann brachte man den Frühling biz Ende Mai in Florenz zu. Eine junge Wienerin, Nina, die spätere Gattin des MalerS Overbeck, machte hier auf S. einen so tiefen Eindruck, daß er, um sie heirathen zu können, sich ernstlich nach einer von Frau v. Staöl unabhängigen Stellung in Oesterreich umsah; aber seit seiner Rückkehr nach Coppet im Sommer 1816 erkaltete seine Liebe zu der Fernen rasch. Ju Florenz beschäftigten ihn namentlich etymologische, antiquarische und kunstgeschichtliche Studien. Von den letzteren zeugte eine 1816 in nur 1()0 Exemplaren französisch gedruckte »l.SttrS Sur 1e8 0119y8u1 (1e br011Oe (1S 1A b8Sj1jque (1S St. 1ll8r(: 5c 7Sni8e«, die bald von Acerbi ins Jtalienische übersetzt und so in der »Bjb1jotecz lrz1jatm« zu Mailand veröffentlicht wurde. S. suchte darin die Behauptung des Grafen Cicognara, diese Broncepferde seien in Rom zur Zeit Nero’Z ausgeführt worden, mit Gründen zu bekämpfen, die die neueste kunstgeschichtliche Forschung sich nicht angeeignet hat; ein wenige Wochen nach seiner Schrift gedruckter Brief eines [364] Griechen Andreas Mustoxidi über denselben Gegenstand veranlaßte ihn später, in einem Anhang seine Untersuchung durch manche Zusätze und Berichtigungen im einzelnen zu verbessern. Größeren Beifall, ja selbst Anerkennung bei ViSconti und Quatremßre de Quincy fand ein 1816 in der Genfer -.13jb1iotbc?-que uujyer– 8e119« abgedruckter Aufsatz Schlegel’8: Njobö et S68 Ovkz11t8; Sur 1z c:ompo8jtion 01«jgj1181e (18 OSS St8.tuO8«- der die mit hohem Lobe ausgezeichnete Erklärung der berühmten Gruppe durch den englischen Architekten Cockerell ergänzen und be- richtigen sollte. Die Ergebnisse seiner Studien über Etymologie und etruSkische Alterthümer wollte S. in einem besonderen Werke veröffentlichen. ES blieb beim Wollen; nur einige- dieser Arbeiten verwerthete er sogleich 1816 in den »Heidel- berger Jahrbüchern« für eine überaus- ausführliche Recension von Niebuhr’S ,,Römischer Geschichte". Bei aller Anerkennung dieses grundlegenden Werkes im ganzen bestritt S. doch viel einzelnes darin, namentlich Niebuhr’8 AuSdehnung deS Begriffs der Sage, in ähnlicher Weise wie ein Jahr vorher verwandte An- sichten und schriftstellerische Eigenthümlichkeiten in den von den Brüdern Grimm herauZgegebenen »Altdeutschen Wäldern". Aber diese Studien traten in den Hintergrund, seitdem S. im Winter 1816A17 wieder in Paris sich unter Chözy’S Anleitung der schon früher von ihm gepflegten indischen Sprachkunde mit allem Eifer hingab. Nach wenigen Monaten fühlte er sich schon so weit vorgeschritten, daß er nunmehr der fremden Führung entrathen konnte. Doch räumte er zunächst, bevor er sich litterarisch auf dem neuen Gebiete versuchte, mit anderen, von früheren Zeiten her aufgehäuften Arbeitsmaterialien auf. Er hatte seit 1814 in Paris sich viel mit provenSalischen Handschriften abgegeben und allerlei zu einem »kJS8zj 11i8torjque Su1–1a t«O1«– m8»tjo11 c1e 1A 18mgue kr:-u1c;8jSS« gesammelt. Nun erschien 1816 der erste Band von Raynouard’S »0110jJc c1eS poSSj9S 0rigj1181eS (1eS tr0ub8(10urS«. S. bcsprach ihn auZführlich 1818 in der selbständig veröffentlichten Schrift »0b8ery:ttjonS Sur 1A 1st11gue et 1et1jtte5r8»ture pr0y9n(;x1198« und verwerthete dabei deu für jenen »1L.S88j« bestimmten grammatischen, lexicalischen und litterargeschichtlichen Stoff, um die Arbeit seines romanistischen Rivalen mehrfach fortzusetzen, öfterS auch mit all’ der Achtung und Rücksicht, die Raynouard’Z unbeftreitbar große Ver- dienste erheischten, wissenschaftlich zu bekämpfen. Ebenfalls-Z zu Paris 1817 er- schien zuerst deutsch, dann von ungeschickter Hand ins Französische übersetzt, Schlegel’S Aufsatz »Johann v. Fiesole; Nachricht von seinem Leben und Be- schreibung seines GemäldeZ Mariä Krönung und die Wunder deS heiligen Dominicu8«. Der kenntnißreiche Verfasser knüpste hier wieder an jene religiöse BetrachtungSweise der bildenden Kunst an, wie sie Wackenroder dereinft gelehrt hatte, und suchte am Schluß söiner sorgfältigen Beschreibung des damal8 zu PariS befindlichen GemäldeS im Gegensatze zu Winckelmann den Grundunterschied der antiken Kunst und der neueren italienischen Malerei aus der entgegengesetzten Weltanschauung und Religion der Griechen und deS in die Renaissance auS- mündenden Mittelalters zu erklären. Am 14. Juli 1817 starb Frau v. Staöl in Paris. Mit Recht empfand S. ihren Tod als einen unersetzlichen Verlust. Er hatte sie 1816 noch durch eine kurze Biographie ihres Vater8 Jakob Necker in den Brockhausischen ,,Zeit- genossen« erfreut; jetzt gab er, ohne sich zu nennen, ihr letztes Werk, die »Be- trachtungen über die französische Revolution«, heraus und plante eine ausführ- liche Biographie der geschiedenen Freundin. Statt dessen übersetzte er 1820 die . Schrift der Frau Necker de Saussüre über den Charakter und die Werke der Frau v. Staöl und fügte von seinem eigenen nur eine kurze Vorrede bei, in der er sich zwar nur einfacher und maßvoller Worte bediente, nicht8destoweniger aber dem Charakter ,,dieser einzigen Frau« volle Gerechtigkeit widerfahren ließ. [365] Ju Paris blieb er noch während dez Winters 1817,-,18. AlS er aber im Januar einen Ruf in preußische Dienste erhielt, eilte er bereitwillig ins Vater- land zurück, zuerst im Sommer 1818 nach Heidelberg. Hier verlobte er sich mit Sophie, der achtundzwanzigjährigen, klugen, vielfach gebildeten, aber auch coquetten Tochter des Professors Paulu8; schon am 80. August fand die Hochzeit statt. Dann reiste er nach Frankfurt, Coblenz und Bonn, um seine Berufung an die neuerrichtete rheinische Universität statt nach Berlin zu erwirken. Nach- dem er dietz Herlangt, holte er seine Frau, die inzwischen mit ihren Eltern nach Stuttgart gegangen war, von hier nach Heidelberg zurück. Aber schon jetzt stellten sich die unverträglichen Gegensätze in beiden Naturen so deutlich heraus, daß S., als er im November 1818 al Professor der Litteratur und Kunst- geschichte nach Bonn übersiedelte, Sophie nicht bewegen konnte, ihm dahin zu folgen. s Jn das Univerfität6-wesen fand er sich anfangs schwer; den Erwartungen, die man in seine akademische Lehrthätigkeit gesetzt hatte, entsprach er nur zum Theil. So benutzten feine Collegen ihn besonders bei feierlichen Gelegenheiten al8 akademischen Festredner in deutscher oder lateinischer Sprache, hatten aber vor seiner wissenschaftlichen Thätigkeit wenig Achtung. 1825 wurde ihm daß Rectorat der Hochschule übertragen; später aber forderte S. selbst durch bissige satirische Verse über seine Collegen und durch seine maßlose, geckenhafte Eitelkeit die Abneigung und den Spott seiner Mitbürger und der UniversitätZange- hörigen nur zu oft heraus. Verdiente Anerkennung ward ihm jetzt fast nur bei seinen indischen Studien im vollen Maße zu Teil; auch die preußische Regierung richtete sich bei ihren Bemühungen, diese Wissenschaft besonders zu fördern, ganz nach seinen Vorschlägen. Seine indischen Studien führten ihn 1820 noch einmal auf längere Zeit nach Pari-S, 1823 nach London. Um allgemeine Teilnahme der Gebildeten an ihnen zu erwecken, gab er, zuerst auch alZ alleiniger Verfasser, 1820–18Z0 die »Jndische Bibliothek« heraus (9 Stücke) mit theil8 fachmännisch gelehtten, theilS populärwissenschaftlichen Darstellungen auZ der indischen Mytho- logie und freien Nachbildung altindischer Gedichte, aber auch mit allgemeinen, der Sprachvergleichung dienenden Untersuchungen. Daran schlossen sich kritische Ausgaben de8 »Bhagavad-Gita« (182Z), des »Ramayana« (1829) und dez »Hitopadesa« (1829) mit umfangreichen Vorreden, Anmerkungen und lateinischer Jnterpretation, die »lT(Hk1eJcj0n8 Sur 1’cStu(1e äS8 1a11gueS zSiztique8 8.(1r9SS(HeS Tt 8i1– .18.meS 1ll8-o1(i11t0811- 8uiyje8 (1’u11e 19ttrS St I1. ll0ra0S klzJsm8»11– Wi180n« (1832) und mehrere in französischen Zeitschriften gedruckte Aufsätze über Jndien, den Ursprung der HinduS, die Märchen von »Tausend und eine Nacht«, soweit sie indischen UrsprungeZ sind, die ägyptische Mythologie und ähnliches –– alleS überau-J kenntnißreich und nach verschiedenen Seiten hin anregend und bei aller fachmännischen Gelehrsamkeit möglichst anmuthig und populär in der Darstellung. Neben dem Jndischen beschäftigten S. am meisten die Alterthümer –– er war auch Vorstand des Alterthumtzmuseum8 zu Bonn ––– und die bildende Kunst. Hier ergänzte die Gemäldesammlung und das Kunfturtheil seines Freundes d’Alton, was er selbst auf Reisen und bei früheren Studien von Kunstwerken kennen gelernt und darüber gedacht hatte. So verwerthete er unter anderem das früher gesammelte Material über etruSkische Alterthümer 1822 zu Vor- lesungen an der Bonner Hochschule, die erst aus seinem Nachlafse bruchftückweise in lateinischer Sprache veröffentlicht wurden, und hielt im Sommer 1827 zu Berlin, aber ohne den früheren Erfolg, Vorlesungen über die Theorie und Ge- schichte der bildenden Künste, von denen das-S von Förster und Alexis heraus- gegebene »Berliner ConversationSblatt« bald AuSzüge brachte, die sogar ins Französische übersetzt wurden. Für die Erforschung der mittelalterlichen Littera- [366] tur leistete er nichts bemerkenZwerthe-S NeueS mehr, wenn er auch Tieck’Z Schwester Sophie Knorring 1822 eine Vorrede zu ihrer Umdichtung von ,,Flore und Blanscheflur« schrieb und 1838 im »Journu1 (108 (16bat8« den umfang- und kenntnißreichen Aufsatz »-Ve 1’origi11e (1o8 1·0men8 (16 0bO7z1eri6« al8 Anzeige K von Fauriel’8 »1)6 1’OrigjuS (1e 1’Spop6e cbm-a1ere8quS äu mozsenzg8« (1832) veröffentlichte, worin er, zwar im einzelnen nicht frei von allen Mißgriffen, doch im ganzen richtig gegen Fauriel die Bedeutung deZ französischen Nordens für die Entstehung der ritterlichen Epen betonte. Auf ein Thema, das er vor mehreren Jahrzehnten glänzend beleuchtet hatte, griff er 18Z6 zurück in der von ihm selbst sehr hochgeschätzten, französisch geschriebenen Rechtfertigung Dante’8, Petrarca’8 und –Boccaccio’S gegen die Behauptung eines nach London vertriebe- . nen Neapolitaner8 Rossetti (1832), diese drei Dichter seien Mitglieder eine-Z ge- heimen BundeS zum Sturze des päpstlichen Stuhle8 gewesen. Aber während er der geschichtlichen Wahrheit gemäß den Katholicismu8 der altitalienischen Dichter vertheidigte, hatte er längst sich selbst für seine Person von allen katholifirenden Neigungen entschieden befreit. Schon 1825 prieS er in dem »Abriß von den europäischen Verhältnissen der deutschen Litteratur« (alS Vorrede zu J. H. Bohte’8 »Handbibliothek der deutschen Litteratur« gedruckt) das glückliche Verhältniß der Wissenschaft zu Staat und Kirche, die politische Gleichheit der verschiedenen Religion3parteien, die Toleranz und Denk- und Lehrfreiheit in Deutschland mit deutlichen Anspielungen auf die Gefährdung dieser Freiheit und Duldung durch die katholische Kirche in anderen Ländern. A18 er nichts desto weniger in der MonatZschrift des zu Paris lebenden Wiener Barons Eckstein »1ge 0at1101jque« im Juni 1827 »Lt n10jtjS 08t1101jc1ue« genannt wurde, wehrte er sich gegen diese Verkennung seines religiösen Charakters mit einer stellenweise übertriebenen Energie in der ,,Berichtigung einiger Mißdeutungen« (1828), indem er auf sein Protestantenthum, daß er zweiJahrzehnte zuvor doch nur Frau v. Staöl zu Liebe nicht völlig verleugnet hatte, pathetisch pochte, aber seine einstige litterarische Verehrung katholischer Ceremonien und Legenden mit der Freiheit des Künstlers, da8 Schöne überall zu nehmen, überzeugend rechtfertigte. Er benutzte diese Gelegenheit, um zugleich die völlig ungegründeten Vorwürfe entschieden abzuweisen, durch die Johann Heinrich Voß 1824 im ersten Theile der ,,Antisymbolik« seinen Protestanti8muZ verdächtigt hatte. Schlegel’S schroffe Abwehr derselben war berechtigt; weniger war ez die prunk- voll-eitle Art, mit der er sein politisch-nationales Wirken während der Freiheits- kriege hervorhob und auch auf das3 vorauSgehende Jahrzehnt seines Verkehrs-S mit Frau v.Stai-Sl auszudehnen versuchte. Hatte er schon in der ,,Berichtigung« selbst gelegentlich (wenn auch nothgedrungen, wie er zu verstehen gab) wenig brüder- lich auf den ReligionSwechsel Friedrich Schlegel’8 angespielt, so that er dietz noch viel bitterer in der Nachschrift zu der ,,Berichtigung«, während er in äußerlich würdiger Weise und scheinbar echt-protestantischem Sinne unbedingte Duldung des ReligionZwechselZ, d. h. des Uebertritt8 zum Katholici8muZ forderte, aus welchen Gründen derselbe auch immer geschehe. Mehr aber als diese Veröffent- lichung kränkten Friedrich die verschrobenen Briefe, in denen sein Bruder ihm den Krieg ankündigte. Auch in der Vorrede zu seinen »Kritischen Schriften«, die er gleichzeitig 1828 in zwei Bänden sammelte, unterschied sich S. wiederholt von den übrigen Romantikern, d. h. hauptsächlich wieder von Friedrich und wollte an dem Aergerniß, daß einst die junge Schule erregt habe, durch seine – kritischen Arbeiten keinen Antheil genommen haben. Er schloß eben auch die boShaftesten seiner früheren Aeußerungen von der neuen Sammlung aus, gab aber dafür einigen der darin aufgenommenen Kritiken Zusätze, die namentlich gegen Voß gerichtet waren. Schön zeichnete er in der Vorrede die Aufgabe der [367] philologifch-historischen Kunstkritik; die Geschichte der bildenden Künste, die er hier als einen lang schon gehegten LieblingSplan nannte, schrieb er ebensowenig wie die ebenda versprochene Abhandlung über den deutschen Ver8bau und die Kunst der dichterischen Nachbildungen; die Andeutungen, welche er gelegentlich über seine metrischen Grundsätze gab, zeigten, wie er, hierin im vollen Einklang mit Friedrich August Wolf, Kannegießer und anderen, nunmehr die VerSfüße, besonders im Hexameter, mit pedantischer Strenge abgemessen wissen wollte. Dichterisch thätig war S. in dieser Zeit namentlich als Satiriker und Epigrammatist. Eine Anzahl bissiger Sinngedichte, reich an NamenZspielen und Wortwitzen, an schlagender Kraft den ähnlichen Versuchen aus früheren Jahren nicht vergleichbar, aber noch immer treffend, wo e8 galt, einen litterarischen Gegner durch Parodie seiner Manier zu verspotten, brachte vornehmlich der Wendt’scheMusenalmanach auf 1832; andereEpigramme wurden in den Blättern für litterarische Unterhaltung 18Z0, im Berliner Musenalmanach auf 1880 und sonst mitgetheilt, die allerbo8hafteften aber erst nach Schlegel’S Tod aus seinem Nachlasse bekannt. Heftig wurde in ihnen Schiller angegriffen, gegen den bei der Veröffentlichung seines BriefwechselZ mit Goethe der alte Groll lebhaft auf- flammte, nach ihm jetzt aber auch Goethe, von dessen nachgelassenen Schriften S. wenig wissen wollte, Zelter, Heinrich Meyer; Friedrich Schlegel, Fichte, Schleier- macher und die übrigen ehemaligen der romantischen Schule wurden nicht geschont; die neueren Dichter Uhland, Rückert, Arndt, Grillparzer, Rau- pach, Müllner und andere bis auf Freiligrath, die Gelehrten Bopp, Niebuhr und David Friedrich Strauß wurden neben Schlegel’Z Bonner Collegen bis- weilen sehr derb mitgenommen. Am besten verstand sich der spottluftige Autor noch mit seinem alten FreundeTieck; doch vergab er etz auch diesem nicht, daß er die Schlegel’sche Uebersetzung Shakefpeare’scher Dramen mehrfach berichtigen zu können glaubte, ja seinei,S besseren Verständnisses Shakespeare’ö sich sogar in der Vorrede seiner Ausgabe (1825) laut rühmte. Al-z 1839 dieselbe in neuer Auflage erschien, verlangte S. offen und erfolgreich in einem Schreiben an den Verleger Reimer in Berlin. daß die von ihm übertragenen Stücke von allen fremden Correcturen und An- merkungen gereinigt und die bedenkliche Vorrede beseitigt werde; an mehreren Proben wie8 er Jrrthümer Tieck’ö nach. Sein eigenes Verdienst um die Er- kenntniß Shakespeare’S und seinen darauf gegründeten europäischen Ruhm hielt er mit berechtigtem Stolze aufrecht; auf die vielen Uebersetzer Shakespeare’S nach ihm sah er mit Verachtung herab. A18 Friedrich Wilhelm 17. den preußischen Thron bestieg, wurde neben Tieck und anderen auch S. 1841 nach Berlin berufen. Aber wegen verschiedener Mißhelligkeiten kehrte er schon im Herbst 1841 nach Bonn zurück. Namentlich war er auch durch ein Gutachten, daß man von ihm über die Grundsätze für eine neue Ausgabe der Werke Friedrich’S des Großen gefordert hatte, in Conflict mit den Akademikern, die man mit dieser Arbeit betraut hatte, besonders mit Preuß, dem Biographen Friedrich’S, gekommen. Als diese seine Vorschläge gar nicht zu beachten schienen, verfaßte er 1844, wohl für dat-z preußische Ministerium, einen »Vorläufigen Entwurf" einer kritischen Ausgabe jener Werke; die Grund- sätze, die er hier entwickelte, die Forderungen, die er an den kritischen Heraus- geber stellte, sind in den meisten Fällen auch heute noch unbedingt zu billigen. Kurz vorher hatte S. 1842 seine wichtigeren französischen Schriften als »1:J888i8 1jttHrAjrS8 (-t 11jStorjque8« mit einer größtentheil8 sachlichen, litterargeschichtlich berichtenden Vorrede herausgegeben. Es war die letzte größere Veröffentlichung, die er veranstaltete. Von dem jüngeren Geschlecht vielfach bespöttelt, noch öfter – nur dem Namen nach gekannt, starb er zu BonnMPO am 12. Mai 1845. [368] Seine sämmtlichen deutschen Werke gab, von ihm selbst noch mit dieser Aufgabe betraut, Eduard Böcking, in einer für jene Zeit mustergültigen Weise MPO heraus (12 Bände, Leipzig 1846––47). Daran reihten sich, von demselben Ge- lehrten herauZgegeben, dreiBände »0eu7rS8 S(:rite8 eu kr8.nC;9.i8« (Leipzig 1846) und ein Band »0pu80u1a 1.zti118.« (Leipzig 1848). Ein Verzeichniß der von S. nachgelassenen Briessammlung (mit einzelnen Proben daraus) lieferte Anton Klette (Bonn 1868). AuS Schlegel’S Nachlaß (jetzt in der königlichen Biblio- thek zu Dresden befindlich) theilte Jacob Minor die Handschrift der Berliner »Vorlesungen über schöne Litteratur und Kunst« mit lehrreichen Einleitungen mit (Bd. 17–––19 von Bernhard Seuffert’8 Deutschen Litteraturdenkmalen des 18. und 19. Jahrhunderts in Neudrucken, Heilbronn 1884). Die Briefe Schiller’S und Goethe’Z an S. erschienen schon 1846 zu Leipzig; die Briefe Friedrich Schlegel’Z an seinen Bruder mit einigen wenigen Antwortschreiben dez letzteren gab 1)r. Oscar F. Walzel (Berlin 1890) heraus. Ueber S. vergl. die Skizze in den »Zeitgenossen«, Bd. 1, Abtheilung 4, S. 179–182, Leipzig undAltenburg 1816. ––– Ch. GaluZky, 0uj118»um8 (1e 80111Sg91 in der »RSyuS (1SS (1euJc 111onäSS« vom 1. Februar 1846, S. 159 biS 190. –– J. W. Loebell, Fragmente zur CharakteristikWilhelm8 v. Schlegel. 1846. –– David Friedrich Strauß, A. W. Schlegel, in den »Kleinen Schrif- ten« 1862, S. 122 ff., wiederholt in den »Gesammelten Schriften«, Bonn 1876, Bd. 2, S. 119––158. –– Parisot in der »13jogra1J11je uniwr8611e«, Bd. 38, S. 339–Z46, Paris und Leipzig 1863. ––– Golb(–5ry in der RSkue g0rmeu1jque. –– Nouye11e biographie g6t161«a1e» Bd. 4Z, S. 532––539 von G.R., Paris 1864. –– RudolfHaym, Die romantische Schule, Berlin 1870. –– Wilhelm Dilthey, Leben Schleiermacher8, Bd. 1,Berlin 1870. –– Michael Bernay8, Zur EntstehungSgeschichte des3 Schlegel’schen Shakespeare, Leipzig 1872. –– Rudolf Gem-Se, Studien zu Schlegel’S Shakespeare-Uebersetzung, im Archiv für Litteraturgeschichte, Bd. 10, S. 2Z6–––262, Leipzig 1881. – Heinrich Welti, Geschichte de8 SonetteS in der deutschen Dichtung, Leipzig 1884, S. 160–175, 241–250. – Jacob Minor, Aug. Wilh. v. Schlegel in den Jahren 1805–1845, in der Zeitschrift für die österreichischen Gym- nasien, Jahrgang Z8 (Wien 1887), S. 590––613, 733––753. –– Lady Blennerhassett, geb. Gräsin Leyden, Frau v. Staöl, ihre Freunde und ihre Bedeutung in Politik und Litteratur, Bd. Z, Berlin 1889.

Franz Muncker.
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