ADB:Spiker, Samuel Heinrich
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Spiket: Samuel Heinrich S., Journalist, Geograph. Er war geb. am 24. Dec. 1786 zu Berlin, studirte 1806 mit Varnhagen v. Ense zusammen in Halle und wurde 1)1–. p11j1. Mit F. Rüh8 gab er 1814 und 1815 den 1.––4. Bd. der Zeit- schrift für die neueste Geschichte heraus:, auch redigirte er, einer der besten Kenner von Afrika für jene Zeit, von 1819––27 das ,,JOurnal für Land- und Seereisen", Band JcIc1––1-71l, dessen Mitarbeiter er schon früher gewesen war. Er hatte Beziehungen zu England und wurde alZ Lebemann von seinen Freunden, aber auch in der gegnerischen Presse scherzweise »Lord Spiker« genannt. Die Reise durch England und Schottland, die er 1816 gemacht und 1818 in zwei Bänden beschrieben hatte, wurde 1820 ins Englische übersetzt. Dagegen übersetzte S. Arbeiten von Shakespeare und W. Scott in’-z Deutsche und führte Washington MPO Jrving so geschickt in Deutschland ein, daß dieserMPOeine Zeit lang ebenso bekannt war alS jetzt kaum noch Walter Scott. 1827 kaufte er von den Spenerschen [165] Erben die »Berlinischen Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen" (Haude und Spenersche Zeitung). Nach und nach gab er diesem zweiten größeren Blatte der Hauptstadt den Charakter einer gemäßigt liberalen Zeitung, deren selten versagte Dienste der Regierung wegen der Unabhängigkeit de8 Blattes um so schätzbarer waren. S. nützte der Zeitung bei seiner cameraliftischen Bildung vorzugZweise alS Nationalökonom und durch Artikel nach englischen Quellen und über englische Litteratur. Durch seine Kenntniß der Reisen und der englischen Litteratur konnte er auch der kgl. Bibliothek gute Dienste leisten, bei der er schon von früher her Bibliothekar war. EZ lag an der Geringfügigkeit der damaligen Berliner Verhältnisse und auch an den Eigenthümlichkeiten, zumal an der Kränklichkeit Wilken’8, daß S. im Gedächtnisse mancher Berliner als Oberbiblio- thekar fortlebt, was er nicht war. Als einige Jahre nach Wilken 1848 Pertz Ober- bibliothekar wurde, hatte S. an seinem Amte wenig Freude mehr., Der Heraus- geber der 1W1ouument8 (3s8rm8mj8S- der Biograph Stein’8 und Begründer eines Regierung8blatteZ in Hannover ließ sich durch einen Berliner Zeitung8eigenthümer nicht imponiren. Am wenigsten war S. noch zur Repräsentation nöthig, denn Pertz übte dieselbe ftetS würdevol1. Die gemeinsamen Beziehungen beider zu England und zum Hofe (S. war Ritter deZ rothen AdlerordenS mit der Schleife und deS OrdenS der Ehrenlegion) machten daß Verhältnis; nicht besser. ES konnte in der That nicht zum Frieden dienen, wenn S. erzählte, wie Prinz Albrecht im engeren Kreise sich gegen ihn über eine große steife Gesellschaft lustig gemacht habe, die er einen Tag vorher gegeben hatte und dann sich herausstellte, daß Pertz an derselben theil genommen hatte. Jndessen verlor S. die Hofgunst durch das Jahr 1848. Er hatte das Unglück, daß ohne seine Schuld ein Artikel über den Prinzen von Preußen in der Spenerschen Zeitung gedruckt wurde, der sich nicht über da-Z Niveau der damaligen gewöhnlichen DenkungSart mit Bezug auf den nachmaligen Kaiser Wilhelm erhob. Unwiderruflich zogen sich daher die Brüder deS in England weilenden hohen Herrn von S. zurück. Zwar konnte man ihm ebensowenig alS zur Zeit der Fremdherrschaft seinem Freunde und nahen Ver- wandten (snicht Bruder) Christian Wilhelm Spieker (s. d.) eine äußerlich an- ständige politische Haltung absprechen, aber politischer Charakter und eine politische Prophetengabe waren ihnen nicht eigen. – 1821 hatte S. im kgl. Schlosse ein Singspiel mit Tanz aufführen lassen. Seit 1885 war er Mitglied des dramaturgischen Comit6’tS der Hofbühne. Ein entschiedene8 Verdienst erwarb er sich durch die Anstellung deS Professor Rötscher als Dramaturgen bei seiner Zeitung, obgleich damals:; J. L. Klein diesem aufSchritt und Tritt in den Weg trat. Rötscher war etz, der dem Schauspieler Dessoir eine bleibende Anstellung am kgl. Theater verschaffte. Auch wußte S. Tieck und den Minister Eichhorn für einen Plan zur Hebung der Schauspielkunst zu gewinnen. Dieser Plan scheiterte, weil Eichhorn 1848 gestürzt wurde, vielleicht auch weil die Spenerfche Zeitung ihren Einfluß bei Hofe verlor. Dieselbe hatte 1847 liberale Leitartikel von F. A. Märcker gebracht, aber auch von Alexi8 Schmidt; beide waren Hegelianer. Alexis: Schmidt war alZ Gegner Schelling’S und als Mitarbeiter nicht bloß an den Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik sondern auch an de-n Jahrbüchern der Gegenwart von Neander verhindert worden, sich in der theologischen Facultät zu habilitiren. Er bestimmte 1848 die Tendenz der Zeitung von Frank- furt am Main aus anfänglich ganz als Anhänger Gagern’S. 1849 wurde er von S. in die Reduction aufgenommen. S. starb 72 Jahre alt nach längeren Leiden am Montag Abend den 24. Mai 1858. Er war ein ziemlich großer hagerer Mann. Am 26. Mai zeigte die Zeitung an, daß sie von denjenigen Personen, die seit einer langen Reihe von Jahren an ihrer Leitung betheiligt gewesen seien, ganz im bisherigen Sinn und Geiste fortgeführt werden solle. S. hatte testa- [166] mentarisch sein Vermögen, welches aus dem Gebäude hinter dem Gießhause Nr. 1 und aus der Zeitung bestand, unter Curatel von Stadtgericht2rath Prose, Buch- druckereibesitzer Unger und Chefredacteur Alexis Schmidt alS Vorsitzenden gestellt. Nur von sittlichen Grundsätzen ausgehend war die von dem Berliner noch immer »Onkel Spener« genannte Zeitung nun bemüht, sich über den Parteien zu halten. Sie war niemals irreligöZ und nie chauvinistisch, in FriedenSzeiten voller Rück- sichten für Oesterreich, in den Krieg:?-monaten von 1864, 1866 und 1870 suchte sie die Stimmung selbst durch politische Gedichte zu heben. So war die Zeitung ein Cartellblatt für mehrere Parteien. Zu den e-ifrigsten Lesern der Spenerfchen Zeitung hatte von Jugend auf der nunmehrige König Wilhelm l. gehört, der sogar durch feinen Hofrath Louis Schneider einmal einen Leitartikel sandte, welchen er selbst ,,Dem königlichen Bruder« überschrieb und worin er darauf hinwieS, daß schon der ,,königliche« Bruder Friedrich Wilhelm 1V. die Militärreorganisation begonnen und dadurch zu Preußens Größe den Grund gelegt habe. Neben Alexis Schmidt, welcher zugleich Secretär der Börse war, und biz-z 1891 deren JahreS- bericht herauSgab, war 1)r. Kayßler, jetzt Cheftedacteur der ,,Post«, in die Reduction eingetreten und 1870 auf den Krieg8schauplatz gereist. Die Reduction de8 Blattes blieb trotz großer Sparsamkeit doch stetS eine rühmlich sorgfältige. Arg- loS hatte S- ein Eingreifen seiner Erben in die Besitzverhältnisse gestattet, wenn die Kinder seines SchwiegersohneZ, des Majors von Schmeling, mündig sein würden. Dietz war im J. 1872 der Fall. Major von Schmeling verkaufte nun, aller- dings zu hohem Preise und sehr zum Vortheile seiner Familie, aber ohne Rücksicht auf daß meist noch von S. eingesetzte RedactionZpersonal die Zeitung an eine Actiengesellschaft, durch welche die Spenersche Zeitung in ein nationalliberaleZ Parteiblatt verwandelt wurde. Wenn nun auch die Wahl deZ neuen Chefredacteur8 Wehrenpfennig, eines SchleiermacherianerS, von dem ein Buch über die christliche Ethik erwartet wurde, eine treffliche und gerade für die Spenersche Zeitung wohl- überlegte war, so konnte die Veränderung doch nur zum Untergange der Zeitung führen, da weder die bisherigen Leser derselben ein ftrengeS Parteiblatt wünschten noch die Nationalliberalen Berlin;-tz, die kurz vorher die »Berliner allgemeine Zeitung« von Julian Schmidt hatten fallen lassen, neben der »Nationalzeitung« ein zweite?- großeS Blatt hinlänglich unterstützten. So ging denn die Spenersche Zeitung im Herbst 1874 ein. Mündliche Mittheilungen von 1)r. Alexis Schmidt in Friedenau u. Geh. RechnungSrath und Archivar der kgl. Bibliothek a. D. Kunstmann in Berlin. – Koner’S Berliner Gelehrtenlexikon unter Spiker und AlexiS Schmidt. ––– Wilken’S Gesch. der Berliner Bibliothek S. 18Z. – Ueber Spiker und Washington Jrving H. Pröhle, Heine und der Harz S. 22. –– Nähere Mittheilungen über die kgl. Bibliothek zu SPiker’eZ Zeit in dem »nut1«jmentum 81zjrjtuS« überschriebenen Artikel von H. Pröhle in den »Grenzboten« von 1890 Quartal Z unter »Maßgebliche8 und UnmaßgeblicheZ«, wo indessen S. selbst unerwähnt bleibt.