ADB:Staudigl, Joseph

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Artikel „Staudigl, Joseph“ von Eusebius Mandyczewski in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 35 (1893), S. 512–513, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Staudigl,_Joseph&oldid=2220956 (Version vom 17. September 2014, 01:29 Uhr UTC)
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Wikipedia-logo-v2.svg Josef Staudigl (Sänger, 1807) in der Wikipedia
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Staudigl: Joseph St., einer der ersten deutschen Sänger unseres Jahrhunderts, war zu Wöllersdorf in Niederösterreich am 14. April 1807 geboren und starb zu Wien am 28. März 1861. Er war der Sohn eines kaiserlichen Revierjägers und sollte seinem Vater in diesem Dienste folgen. Da er jedoch von schwächlicher Constitution war, so kam er aufs Gymnasium nach Wiener-Neustadt und erregte schon hier durch seine schöne Sopranstimme einiges Aufsehen. 1823 kam er aufs philosophische Collegium nach Krems und trat 1825 als Novize in das Benedictinerstift zu Melk. Hier entfaltete sich seine Stimme zu einem prachtvollen Baß, zumal er reichliche Gelegenheit fand, sich als Kirchensänger hervorzuthun. Trotz der großen Werthschätzung, die ihm das Stift entgegenbrachte, litt es den jungen, regsamen Mann nicht lange in Melk. Er trat bald aus dem Kloster aus, ging im September 1827 nach Wien und begann Chirurgie zu studiren. Seine Mittellosigkeit zwang ihn, sich durch Gesang einen Nebenerwerb zu schaffen; er sang in verschiedenen Kirchenchören und fand nach manchen fehlgeschlagenen Versuchen endlich ein dauerndes Engagement als Chorsänger in der Hofoper, deren Chorpersonal damals unter Graf Gallenberg eben einer Erneuerung und Auffrischung unterzogen wurde. Daneben setzte er seine chirurgischen Studien fort, bis er durch einen Zufall die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Als vor einer Aufführung der „Stummen von Portici“ der gewöhnliche Pietro plötzlich erkrankte, sprang St. rasch für ihn ein und überraschte Publicum und Collegen durch seine Leistung. Nach und nach wurde er nun mit immer größeren Aufgaben betraut und wuchs in kurzer Zeit zum ersten Bassisten des Hoftheaters heran. In den Partien des Rocco, Sarastro, Bertram, Comthur, Marcell, Orovist, Moses, war er bald der größte Liebling des Publicums. Er war kein großer Gesangsvirtuose und sein schauspielerisches Talent war nicht hervorragend; aber er verstand es, seine Rollen den Intentionen des Componisten getreu musikalisch schön auszugestalten und poetisch zu verklären. Daher war er auch im Kirchen- und Oratoriengesange sowie als Liedersänger noch viel bedeutender, denn als Bühnensänger. Im J. 1831 wurde er Hofcapellsänger und war seit 1833 eine Zierde der regelmäßig wiederkehrenden Oratorienconcerte der Tonkünstler-Societät, der er, ohne ihr Mitglied zu sein, durch viele Jahre die uneigennützigsten Dienste geleistet hat. Im J. 1845 verließ er die Hofbühne und ging ans Theater an der Wien, wo er mit Pischek und der Jenny Lind im Verein unvergleichliche Triumphe feierte. Seit dem Jahre 1848 wirkte er jedoch wieder an der Hofoper. Seine Reisen ins Ausland machten ihn in aller Welt bekannt, und er erregte überall allgemeine Bewunderung. Namentlich gilt dies von London, wo er der einzige deutsche Sänger war, der in englischer Sprache sang. Bei dem Musikfeste in Birmingham 1846 sang er den Elias in Mendelssohn’s Oratorium zum ersten Mal. In der Wiedergabe von Schubert’s Liedern war er ohne Gleichen; mit dem „Erlkönig“, dem „Wanderer“, der „Gruppe aus dem Tartarus“ und ähnlichen erschütterte er seine Zuhörer bis ins Innerste. Daneben bildeten die Baßpartien in den Haydn’schen Oratorien seine eigentliche Größe. Er hat sich auch als Liedercomponist versucht. Im J. 1856 begannen seine geistigen Kräfte zu schwinden; erst bildete er sich ein, er sei Tenorist, und wollte Tenorpartien [513] singen, dann traten bedenklichere Zeichen von Geistesverwirrung auf, und er mußte der Landesirrenanstalt übergeben werden. Hier verbrachte er seine letzten Lebensjahre. St. war ein Sänger von ungewöhnlicher allgemeiner Bildung und hatte außer seinen musikalischen verschiedene Fähigkeiten anderer Art, die er alle mit gleicher Liebe und Ausdauer pflegte. Er war seit seiner frühesten Jugend ein vortrefflicher Zeichner; Malerei und Chemie interessirten und beschäftigten ihn ernsthaft ebensosehr wie Billard- und Schachspiel, in denen er außergewöhnliche Fertigkeit besaß. Daneben liebte und betrieb er das Waidmannshandwerk mit Leidenschaft. Er war ein Mann von ehrlicher künstlerischer Begeisterung, von edlen Herzens- und Charaktereigenschaften und von strenger Ordnungsliebe und Oekonomie, die es ihm auch ermöglichten, seinen Söhnen ein nicht unbedeutendes Vermögen zu hinterlassen.

E. Mandyczewski.