ADB:Theiner, Augustin

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Artikel „Theiner, Augustin“ in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 37 (1894), ab Seite 674, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Theiner,_Augustin&oldid=877275 (Version vom 25. Dezember 2009, 13:50 Uhr UTC)
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Theiner: Augustin Th., Geschichtschreiber und Kanonist, als Sohn eines -Schuhmachers geboren zu Breslau am 11. April 1804, † zu Civitavecchia am 8. August 1874. Nachdem er das Gymnasium St. Matthias besucht hatte, wandte er sich dem Studium der Theologie zu, gab dieses aber auf Zureden seines älteren Bruders J. Anton auf (dieser schreibt [Die reformatorischen Bestrebungen, 2. H., S. 163, Anm. **]: „Dagegen bestimmte ich später, als ich die Zustände der katholischen Kirche genauer kennen gelernt hatte, meinen Bruder, dem Studium der Theologie zu entsagen und die juristische Laufbahn zu wählen. Sein Geschick hat ihn auf das kirchliche Feld zurückgeführt.“) und widmete sich der Rechtswissenschaft, anfänglich in Breslau, dann in Halle, wo er im J. 1829 die juristische Doctorwürde erwarb. In dieser Zeit nahm er den reformfreundlichen Standpunkt seines Bruders ein, wie die Mitarbeit an dessen Werke über den Cölibat beweist. Mit einem von der preußischen Regierung ihm bewilligten [675] Stipendium machte er eine mehrjährige Reise durch Belgien, England und Fraukteich, auf welcher er vorzugsweise die Bibliotheken in Brüssel und Paris zu“ Studien für die Quellen des kanonischen Rechts durchsorschte, als deren Erfolg Mehrere Abhandlungen erschienen. Die Reise führte ihn schließlich nach Rom, das fortan sein Wohnort blieb. Bald trat er in nähere Beziehung zu dem späteren Erzbischof von München und Cardinal Grafen Reisach (s. A. D. B. 1)c7lll, 114), welcher damals Rector der Propaganda war. Dieser Umgang hat wohl auf die bereits begonnene Wendung in seinen Anschauungen ausschlaggel-end eingewirkt. Das Vorwort der „1)jsc1uisitionos oritiosO ju prsoipuas omiO11um ot (1eor0to,1jum Oo11ec:tio11es (Rom. 1886. 4), an denen Reisach mitgearbeitet hat, liefert den vollen Beweis der Umwandlung, indem es Luther als „nichtswürdigsten Schwindler“ (wuObri0 nec1uisimus) bezeichnet; dem späteren Cardinal Angelo Mai gewidmet leistet das Buch in der Widmung und der Eins leitung daß Mögliche, um das Vorleben des Verfassers vergessen zu machen und sich in Rom zu empfehlen. Der volle Bruch trat dadurch ein, daß Th. die Priesterweihe nahm und in die Congregation der Priester des h. Philippus Neri (Oratorianer) eintrat. In dieser Stellung hatte er volle Muße zu litterarischer Thätigkeit, eine ausgezeichnete Bibliothek zur Verfügung und Zugang zu allen maßgebenden Persönlichkeiten. Er näherte sich auch früh den Jesuiten, blieb bis .zum Jahre 1844 in bestem Einvernehmen mit ihnen, hatte unbedingt freien Zutritt zu deren Bibliothek und Archiv. Eine Reihe von Schriften war dem Ziele gewidmet: die Beeinträchtigung, welche die katholische Kirche in verschiedenen Ländern erlitten, sowie deren Verdienste darzulegen, insbesondere „Die russischen Zustände der katholischen Kirche beider Ritus in Polen und Rußland seit Katharina II. bis auf unsere Tage“ (Augtzburg 1840), „Geschichte der Rückkehr der regierenden Häuser Braunschweig und Sachsen in den Schoß der katholischen Kirche“ (Einsiedeln 1843), „Herzog Albrecht’s von Preußen, gewesenen Hochmeisters des deutschen Ordens erfolgte und Friedrich’s I., Königs von Preußen versuchte Rückkehr zur katholischen Kirche“ (mit ähnlichen Schritten, Augsburg 1846), „Zustände der katholischen Kirche in Schlesien von 1740–1758“ (Regensburg 1852, 2 Bde.), „Geschichte des Cardinals Frankenberg“ (Freiburg 1850). Wie Th. es verstanden hatte, das Vertrauen Gregor-’s 171. zu gewinnen, so gelang ihm dies auch bei Pius l)c. Er stellte diesem vor, daß es nothwendig sei, Clemens R17. zu vertheidigen gegen die vielen ungerechten Angriffe, daß Pius dies um so mehr wünschen müsse, als es ihm selbst gewiß lieb sein werde, einen sein Pontificat objectiv darstellenden Geschichtschreiber zu finden. Die „Geschichte des Pontisicats Clemens )c17.“ (Paris 1853, 2 Bde.; ital. 1M18„no 1855, 2 yo!. 129) ist zweifellos mit Billigung des Papstes erschienen, welcher bis dahin und noch bis zum Jahre 1859 kein Gönner der Jesuiten war. Mit diesem Werke hatte aber Th. die Feindschaft der Jesuiten sich zugezogen. Pius 1X. indessen erhielt ihm seine Gunst; bewogen durch die Achtung vor ihm, der in Rom wegen seiner Gelehrtheit angeftaunt wurde, und durch den Einfluß des späteren (22. Juni 1866) Cardinals Prinzen Hohenlohe, welcher erster Geheimkämmerer war, ernannte Pius l)c. ihn im J. 1855 zum Präseeten des Vati- .canischen Archivs. Ueber die damalige Stimmung in Rom gibt ein Brief des unverdächtigen Alois Flir, Rector der Anima und Auditor der Rota, Auskunft (Briefe aus Rom von Dr. Alois Flir, Innsbruck 1864, S. 72 fg.), der am 8. März 1857 schreibt: „Im Fasching speiste ich bei k’. Theiner in der vaticanischen ’1’0rr9 (1’og11j 7Snro. Unter den 7–8 Gästen waren auch Einige bei Tisch, die von großem Einflusse sind, nicht nur physisch, sondern auch kirchlich. Diesen schmeckte der Wein so weiblich, daß sie dem Papste Clemens R17. und seinem „re7eren(1jsimo 1)ikensore“ (Theiner) die lebhaftesten Toaste brachten. [676] Mir war diese Scene widerlich. Diese Herren trinken vielleicht anderswo auchH s wieder ein 1z37vi7a für das Gegentheil.“ Die neue Stellung gab Th. Gelegenheit und Muße zu umfassenden historischen Arbeiten, zur Fortsetzung der Annalen des Baronius (1856, 2 7o1.), 7eter-d. momimenta Ungarns (1859 ff.), Polens und Litthauens (1860 ff.), S18-Votum meri(1i01miium (1863 ff.), „0o(1eJe (1ominij tcmpOr9.1is S. 8eäis 2 701. f., „llistojre (1os (1(-u: oO11(:oräuts (1e 18. röpub1j(1uo i’rmiesiso er E10 1a röpub1iqus cis:t1pine Oo1101us S11 1801 St 1803“ (B.1r–18–l)u(: 1861- 2 yo1.) u. a. Ein Hauptwerk sollte die Herausgi1be der Arten des Concils von Trient, namentlich des von dessen Secretär Angelo Massarelli geführten Protocolls sein. Der Papst hatte seine Zustimmung zur Veröffentlichung gegeben. Diese selbst aber fand so viele Schwierigkeiten, daß sie sich immer mehr verzögerte und schließlich verboten wurde. Th. brachte es aber fertig, seine Handschrift in Sicherheit zu bringen. Bischof Stroßmayer von Diakovar und Kanonikus Vorsak ermöglichten den Druck, der nach Theiner’s Tode erschien als „.-Roto. gemiina. 8. 0eoumenj0j O011(:j1jj ’1’rj(19nt j11j Sub kau1o 11l„ .lu1io III. St 19j017. k?. 1lllll. ab :znge1o 1Vls88.rsi1o (-pjsOop0 ’1’lle1esit1o ejus(191n co11oj1jj Secretsi–joH oov80ripts 11un(: prjmum integrs e(1jt:1 zb .4.ugustin0 ’1’11einer etc:. .4(:ee(1unt ects. einsäem co110j1ij Sub 19j0 17. z 0ar(1. 0abrjsi0 le1-1eott0 8.rc11jep. Bo110n. äig08w 8eOun(1is Ourjs eJcps(1itjo1–8.“ 2 ’1’. 28.grzbisO (l.ejp2ig. B1sit15opk F5 k1ürte1 1874). A. v. Druffel hat (Bonner theol.Litteraturblatt1875, Sp. 337–350) eingehend dargelegt, wie ungenügend und unzuverlässig das Werk ist. Mit diesem Werke selbst hängt Theiner’s Lebensgeschick eng zusammen. Damit die Bischöfe nicht in der Lage seien, die dem vaticanischen Concil aufgedrungene Geschäftsordnung zu prüfen, wurde Th. streng verboten, daß bereits Gedruckte irgend einem Bischof zu zeigen. Er hatte aber einige Exemplare der Tridentinischen Geschäftsordnung Bischöfen gegeben, so dem Cardinal Hohenlohe. Als dies ruchbar wurde, erging am 5. Juni 1870 der Befehl an ihn, die Schlüssel des Archivs sofort an Cardoni abzugeben, die Thür zu seiner Wohnung wurde vermauert (s. Römische Briefe vom Concil von Quirinus. München 1870. S. 152, 508). Nach einem solchen Exemplare ist der Abdruck erfolgt in: Die Geschäftsordnung des Concils von Trient (Wien 1871), die Handschrift hat der nicht genannte Herausgeber, Domherr Ginzel in Leitmeritz, von dem damaligen Professor der Theologie in Prag, Sal. Meyer, der sie von mir bekam, erhalten. Man ließ Th. die Wohnung und das Einkommen. Geknickt brachte der Mann die letzten Lebensjahre zu, die früheren zahlreichen Freunde zogen sich zurück, er stand einsam und verlassen da. Am 14. October 1874 – bis dahin hatte die Leiche in Civitavecchia einbalsamirt gestanden – wurde er auf dem deutschen Friedhofe bei St. Peter in Rom beerdigt, kein Ordensbruder, kein römischer Geistlicher war zugegen, nur wenige deutsche Freunde, der Rector der deutschen Friedhofskirche verrichtete die Functionen, die Seelenmesse las ein damals in Rom zur Betreibung eines Processes gegen seinen Bischof anwesender Priester, Freiherr Rudolf v. Linde, welcher ihm auch in den letzten Lebenstagen hülfreich zur Seite gestanden war. Fürwahr ein trauriges Loos eines Mannes, der viele Jahre in Rom eine hervorragende Stellung eingenommen hatte. Noch trauriger, wenn man die Seelenstimmung desselben betrachtet. Diese leuchtet klar hervor aus Briefen an Professor Friedrich in München vom August 1870 bis März 1873 (gedruckt in der Köln. Zeitung 1874, Nr. 237, 239, 240 und Deutsch. Merkur, Beil. zu Nr. 36 von 1874), welche beweisen, daß er ganz auf dem Standpunkte des Adressaten stand. Aber offen mit seiner Ueberzeugung hervorzutreten, daß konnte man von einem Manne, der vierzig Jahre lang es verstanden hatte sich mit derselben in Rom zurecht zu finden, nicht voraussetzen. – Th. hat durch die angeführten und andere Werke und Sammlungen (z. B. Urkunden [677] zur Geschichte Ludwig’s d“. B.) unstreitig sich große Verdienste um die sGeschichtsforschung erworben, deren Würdigung hier nicht gegeben werden kann.

v. Schulte.
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