ADB:Thiersch, Friedrich Wilhelm

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Artikel „Thiersch, Friedrich“ von August Baumeister in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 38 (1894), S. 7–17, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Thiersch,_Friedrich_Wilhelm&oldid=2054230 (Version vom 18. September 2014, 18:49 Uhr UTC)
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Band 38 (1894), S. 7–17. (Quelle)
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Thiersch: Friedrich Th., berühmter Philolog, Pädagog und Philhellene (1784–1860). Friedrich Wilhelm Th. wurde am 17. Juni 1784 in dem kursächsischen Dorfe Kirchscheidungen bei Freiburg an der Unstrut geboren. Sein Vater, Benjamin, der ein kleines Bauerngut als Erbe besaß, war Bäcker und Dorfschulze, die Mutter, Henriette, war eine Tochter des dortigen Pastors Lange, welche der thatkräftige Mann, obwohl sie ihm an Bildung überlegen war, aus innerer Neigung gewonnen hatte. Unter 5 Söhnen und 2 Töchtern, welche dieser Ehe entsproßten, war Friedrich das zweite Kind, anfangs schwach und so klein, daß die Mutter ihn gern vor den Augen der Nachbarn verbarg. Kein Zweifel, daß der Sohn dieser ihn zärtlich liebenden Mutter, einer aufrichtig frommen und reichbegabten Frau, welche selbst die Familienfeste mit kleinen Gelegenheitsgedichten zierte, sein bestes Theil verdankte. Der aufgeweckte Knabe erhielt zugleich mit 2 Brüdern bei einem im Dorf befindlichen Predigtamtscandidaten den ersten Unterricht im Lateinischen; er pflegte beim Mangel eines geeigneten Raumes im Hause auf dem Dachboden seine Bücher zu studieren. Später ward er auf die Lateinschule in Naumburg gebracht, wo er ein Unterkommen in Hause des Amtsvogts Curzius fand. Vorbild und Leiter seiner Jugend aber wurde ihm der Großvater Pastor Lange, dessen Predigten, Tischreden und Scherze sich dem Gedächtniß des sinnigen Knaben einprägten. Bald nach der Confirmation erwirkte auch der Großvater ihm eine Freistelle in der Fürstenschule Pforta, welche er am 5. Juni 1798 bezog. Die berühmte Anstalt wurde damals noch ganz in alter Weise geführt: das Latein sollte dem Knaben in Fleisch und Blut übergehen, einschließlich der Versification – Th. selbst schrieb einst an einem schulfreien, sogenannten Studientage 200 Verse –; Griechisch war mehr dem Privatfleiße überlassen. Für Mathematik, Hebräisch und Französisch gab es einige Unterrichtsstunden, aber für Geschichte nur gelegentlich; dagegen Deutsch nebst Literaturgeschichte, sowie Geographie und Naturwissenschaften waren lediglich dem Privatstudium anheimgegeben. Bei den unvollkommenen Lehrmethoden kam die große Masse der Schüler wohl schlecht weg; aber die Noth der Selbsthülfe schuf Charaktere, und begabtere Naturen fanden reiche Gelegenheit, ihren Witz zu üben, den Geist zu schulen und sich im Denken auf eigene Füße zu stellen; vor allem ward Lust zur Selbstthätigkeit erweckt. Dies Wesen entsprach der eminenten philologischen Anlage von Th. vollkommen; dabei hatte er das Glück, den 1802 als Rektor eintretenden K. David Ilgen zum Lehrer in Prima zu bekommen. Auch dem Mathematiker Joh. Gottl. Schmidt trat er näher, der zugleich religiöser Dichter war und für die oberen [8] Classen Privatvorträge über christliche Moral hielt. Unter den Mitschülern war Immanuel Nitzsch, der Theologe, sein jüngerer Stubengenoß; mit Gröbel, später Rektor der Kreuzschule in Dresden, und Ludolf Dissen, später Professor in Göttingen, blieb er stets in Verbindung. Zum ersten Male öffentlich sprach Th. ein selbstverfaßtes deutsches Gedicht bei der Einweihung des neugebauten Speisesaals; er handhabte darin die alcäische Strophe in horazischer Manier; die angefügten Stanzen zeigen poetischen Fluß und religiöse Wärme. An Weihnacht 1803 übertrug der Großvater dem Neunzehnjährigen die Predigt in der heimatlichen Dorfkirche mit Erfolg. Zum Abschied von der Pforte (26. März 1804) verfaßte Th. eine Abhandlung de origine hexametri, ferner eine lateinische Ode an den Kurfürsten, ein lateinisches Gedicht in Hexametern an die Lehrer und ein deutsches in fünffüßigen Jamben an die Freunde. – In Leipzig ließ er sich nach dem Wunsche seiner Eltern als Theologen immatriculiren; die Fortsetzung der Alterthumsstudien verstand sich dabei von selbst. Aber die skeptische Kälte und Trockenheit der theologischen Professoren verleidete ihm sehr bald jenes Studium; er predigte auch als Student nur einmal, am Grabe des Großvaters Lange. Dagegen hing er bald mit Begeisterung an dem Philologen Gottfried Hermann, dem der Eifer dieses reifen Schülers Achtung abnöthigte. Th. warf sich auf Homer und Aeschylus, auf griechische Metrik und Antiquitäten oder vielmehr auf alle realen Alterthumsstudien, für welche ihm Fr. Aug. Wolf, den er besuchsweise in Halle hörte, später Heyne in Göttingen die Anregung gab. Dabei lebte er in den Dichtungen Schiller’s, welche er bei mehreren (ungedruckten) dramatischen und lyrischen Versuchen zum Muster nahm. Mit der Guitarre auf dem Rücken machte er Fußwanderungen in die sächsische Schweiz, die er in den „Briefen“ (Leipzig 1807) beschrieb. Er knüpfte einen Briefwechsel mit Jean Paul an, in die Zeitschrift „Der Freimüthige“ lieferte er ästhetische Aufsätze über neue Literaturerscheinungen. Dabei empfand er tief schmerzlich die schweren Niederlagen des Vaterlandes in den Jahren 1805–1807, deren Gang und Wirkung er zum Theil aus der Nähe beobachten konnte. Man sehe die schönen Briefe an Lange vom 10. September 1806 und an Krehl vom 18. bis 22. December 1806. Mit verdoppeltem Eifer warf er sich, zugleich von Nahrungssorgen bedrängt, auf sein Studium und bestand im Frühjahr 1807 in Dresden die theologische Prüfung. In der Examenpredigt klagte er über den Unglauben der Zeit, über die „einseitige Verstandesrichtung“ und „die stets wachsende Erkaltung und Verarmung der Gemüther“. Während derselben Tage schrieb er vier Elegien über religiöse Gemälde der Dresdener Maler Kügelgen und Hartmann, welche in Wieland’s Merkur erschienen; zugleich einen Aufsatz über deutsche Metrik für einen Damenalmanach. Den Antrag des Archäologen Böttiger, als Sekretär Millin’s nach Paris zu gehen, lehnte er ab; vielmehr zog es ihn nach Göttingen, wo er Chr. Gottl. Heyne hören und sich für eine akademische Wirksamkeit vorbereiten wollte. Er ging dahin im Sommer 1807 als Privatlehrer zweier Livländer, v. Baranoff, die ihn ganz als Freund bei sich hielten. Nach der Leipziger Dürftigkeit ging ihm jetzt das Herz auf in dem behaglichen Zustande; er schwelgte in freudiger poetischer Stimmung. Er las mit seinen Zöglingen Homer und Tacitus, hörte selbst bei Herbart Metaphysik, bei Heeren Geschichte und machte Spazierritte in die Umgegend. Schon im Herbst 1807 wurde er durch Vermittlung Heyne’s am dortigen Gymnasium als Collaborator angestellt. Er fand sich rasch in seine neue Aufgabe, den Knaben die griechische Formenlehre beizubringen, und fand in dem Amte, wie er schreibt, eine neue Blume „Berufstreue“. Diese praktischen Studien verwerthete er zu dem Hefte: „Tabellen, enthaltend eine Methode, das griechische Paradigma einfacher und gründlicher zu lehren von Fr. Thiersch“ (Göttingen 1808, 3. Aufl., [9] 1813). Der junge Pädagoge hatte viel zu thun, „um die stockende Thätigkeit in der Classe in Umtrieb zu bringen und den Eifer zu wecken“, sein Vorgänger war ganz untauglich gewesen, und die Disciplin unter 60 verwilderten jungen Leuten mußte er sich mit harter Mühe, aber nach der sichersten Methode erkämpfen, wie er ausführlich an Lange erzählt. Der rasche Erfolg gewann ihm Heyne vollständig, der ihn in einem Briefe an Joh. v. Müller „einen jungen Mann von seltenen Talenten, Feuer und Kraft“ nennt. „Er hat kürzlich gepredigt, man ist erstaunt gewesen über seine Kanzelgabe. Dieser Tage disputierte er pro gradu; sein College Wunderlich opponirte, das war eine seit langer Zeit nicht erlebte fête.“ Die am 18. Juni 1808 vertheidigte Habilitationsschrift handelte über Platon’s Symposion, mit Episoden über Hippokrates, Tyrtäus und Alcäus, dazu eine Widmung an Heyne in griechischen Hexametern. Im folgenden Winter hielt er als Privatdocent Vorlesungen über das Symposion und über akademisches Studium. Schon machte er mit Freund Dissen einen Plan zu einem Cyklus von Collegien; er arbeitete gewaltig und war im Stande, zeitenweise nur eine Nacht um die andere zu schlafen. Zu gleicher Zeit ergriff ihn eine Neigung zu Cäcilie Tychsen, welche sich indessen bald mit Ernst Schulze, dem Dichter der bezauberten Rose, verlobte, aber unvermählt blieb. Th. widmete ihrem Andenken eine kleine Sammlung Lieder, welche Fr. Richter componirte (1817). – Doch war ihm kein dauerndes Wirken in dem geliebten Göttingen beschieden. Unter der Herrschaft Jerome’s wurde die bedrohte Universität nur sehr knapp gehalten, und die Freunde selbst riethen Th., den an ihn ergehenden Ruf als Gymnasialprofessor nach München anzunehmen. – In München, wo Th. nun Ende März 1809 eintraf und seinen bleibenden Wohnsitz, eine lebenslängliche Wirksamkeit fand, warteten seiner schwere Aufgaben und ungeahnte Kämpfe. In das bis vor kurzem gegen den Protestantismus verschlossene Baierland, welches eben durch Napoleon zum Königreich erhoben und durch Zuweisung zahlreicher weltlicher und geistlicher Gebiete, auch Tyrol und Salzburg, bedeutend erweitert worden war, sollte unter Max Joseph ein neuer Geist einziehen. Des Königs zweite Gemahlin, Caroline von Baden, war Protestantin; der Minister Montgelas, ein Freigeist, trieb erleuchteten Despotismus und stärkte die Fürstenmacht durch Einziehung geistlicher Güter. Der Jurist Feuerbach, der Kirchenrath Niethammer, die Philosophen Fr. H. Jacobi und Schelling fanden sich hier mit den freisinnigen Katholiken Baader und Weiller zusammen, die Letzteren in der neubelebten Akademie der Wissenschaften, deren Generalsecretär der Gothaner Schlichtegroll war. Letzterer hatte schon den Philologen Friedr. Jacobs herbeigezogen, und dieser wieder veranlaßte Thiersch’s Berufung. Diese „protestantische Fremdencolonie“ hatte den ganzen Haß der sich zurückgesetzt glaubenden Altbaiern zu tragen, welche in Chr. von Aretin einen fanatischen Führer besaßen. Die Hetze gefiel sich in täglichen Neckereien, Pasquillen und Aufreizungen in den Wirthschaften. Man verdächtigte die Protestanten als Geheimbündler und Verschwörer gegen den verbündeten Napoleon in einer Broschüre; sogar im Theater kam es zu Demonstrationen. Die deutlichste Absicht lag vor, die fremden Eindringlinge zu verjagen, und auch der König vermochte nur zu trösten. Th., der sein Gymnasiallehramt mit regstem Eifer begonnen und Proben seines selbständigen Charakters sogar nach oben bald gegeben hatte, ließ auch sofort ein gewandt und mit Humor geschriebenes Schriftchen erscheinen: „Betrachtungen über den angenommenen Unterschied zwischen Nord- und Süd-Deutschland“, München 1809 (anonym aber 2. Auflage mit Zusätzen und dem Namen des Verfassers). Er predigte zuweilen in der protestantischen Hofkapelle; man drohte ihm mit Beschimpfung, und die Häupter der katholischen Partei (darunter Chr. v. Aretin) suchten ihn durch ihren Anblick auf der Kanzel zu verwirren. Der [10] Jugendmuth des unerschrockenen Mannes, welcher auch 1810 den Großglockner mit Lebensgefahr erstieg, blieb ungeschwächt, während sein Freund Fr. Jacobs, der Angriffe müde, in die Heimat zurückging; er blieb unbefangen heiter im Kreise der obengenannten Genossen, selbst als ihn am 28. Februar 1811, am Fastnachtsabend in der Dunkelheit an seiner Hausthür der wohlgezielte Dolchstoß eines auflauernden Mörders in den Nacken traf, glücklicherweise aber nur eine tiefe Fleischwunde verursachte. Der Mörder ward nicht entdeckt; doch war Niemand zweifelhaft über das Lager, dem er entstammte. Th. hatte sich nach dem Attentat der allgemeinsten Theilnahme zu erfreuen, insbesondere auch seitens des Hofes und der königlichen Familie. Er wurde im Laufe des Jahres berufen, die fünf Töchter Max Joseph’s, welche bekanntlich alle später entweder selbst hohe Throne bestiegen oder Thronfolgern das Leben gaben, in Litteratur, Geographie und Geschichte zu unterrichten. Er begann hier mit dem Homer von Voß, las mit den Prinzessinnen Herodot und die griechischen Tragiker in Uebersetzungen, überhaupt nur classische und ausgezeichnete Schriften; dazu gab er Vorträge über Kunst und Aesthetik, über alte und neuere Geschichte. Die Prinzessinnen wußten ganze Gesänge des Homer auswendig, sie beschrieben den Park von Nymphenburg in Hexametern und brachten nach griechischen Vorbildern ein Drama ohne Liebesgeschichte, Antiope, zu stande. Der Unterricht wurde bis zu ihrer Vermählung (1822–24) fortgesetzt. – Zu Neujahr 1811 war Th. Adjunct bei der Akademie geworden, zugleich trat er vom Gymnasium als Professor an das Lyceum über, welches damals eine Mittelstufe zur Universität bildete; bald darauf gründete man auch das von ihm zu leitende philologische Seminar zur Heranbildung von Lehrern nach dem Vorbilde des Göttinger Seminars. Auf dieser zunächst mit der Akademie, seit 1826 mit der Universität verbundenen Anstalt entfaltete Th. fast 50 Jahre lang die nachhaltigste persönliche Wirksamkeit, welche ihm später den verdienten Titel des praeceptor Bavariae eintrug. Seit 1812 gab er als Frucht seiner Anregungen „Acta philologorum Monacensium“ heraus (3 Bde. und 1 Heft vom Bd. 4, 1829), enthaltend Beiträge von ihm selbst und den Schülern in Abhandlungen und Uebersetzungen. – Im Sommer 1813 unternahm er eine Ferienreise nach Paris, um die damals dort aufgehäuften Schätze der alten Kunst zu studiren; er trat in lebhaften Verkehr mit E. Q. Visconti[WS 1], W. von Humboldt, K. Hase und andern Gelehrten, besonders auch mit dem gelehrten Griechen Korais. Die Kunde von der Schlacht bei Leipzig trieb ihn natürlich zurück. Im nächsten Frühjahr erwachte der patriotische Eifer auch in München, und Th. machte an der Spitze von zwei Studentencompagnien auf dem Marsfelde Uebungen; doch ließen seine Gönner, insbesondere der Kronprinz es nicht zu, daß er sich ernsthaft am Kriege betheilige. Im Sommer 1814 wurde er als Mitglied der Akademie aufgenommen, welcher er als Secretär der philologisch-historischen Classe von nun ab einen Haupttheil seiner Kräfte und Sorgen widmete; dennoch hegte er das Verlangen nach einem freieren Wirkungskreise, den er in Oesterreich zu finden hoffte. Allein ein Besuch in Wien (September 1814) enttäuschte ihn; er verkehrte meist mit den dortigen Griechen, deren Zukunft ihn schon damals lebhaft beschäftigte, auch mit dem Grafen Johann Capodistrias, der als russischer Minister zum Fürstencongreß gekommen war. Plötzlich erhielt Th. von seiner Regierung den Auftrag, die Handschriften, Gemälde und anderen Kunstsachen, welche von den Franzosen aus Baiern nach Paris entführt waren, zurückzufordern. So ging er denn direct von Wien über Straßburg dorthin und brachte 5 Monate in schwieriger diplomatischer Mission zu, die gerade am Abschluß war, als Napoleon’s Rückkehr ihn abermals zu flüchten zwang. Indessen wurde seine große Gewandtheit vom Minister Montgelas mit der schmeichelhaften Aeußerung anerkannt, „daß die Angelegenheit [11] von der ersten diplomatischen Behörde, die man in Paris hätte haben können, nicht besser würde besorgt worden sein“. Im Sommer 1815 hatte er ein bei Salzburg entdecktes römisches Mosaik (Theseus, Ariadne und der Minotaur) auszugraben; kurz darauf kam Salzburg an Oesterreich. Doch nach der abermaligen Gefangennahme Napoleon’s ging Th. zum dritten Male nach Paris und brachte bald die Auslieferung der Baiern gehörigen Schätze zuwege, worauf er sich erlaubte, noch zu eigenen Zwecken auf einen Monat nach England zu reisen. Das britische Museum mit den Elgin marbles und dem eben erworbenen Friese von Phigalia, die Schule in Eaton und die beiden Universitäten besuchte er unter Führung des ihm von Paris her bekannten Philologen Dobree; und fast wäre er in England geblieben, so sehr entzückte ihn das Universitätswesen! – Es folgten in München verhältnißmäßig ruhige Jahre. Th. verlobte sich auf einer Reise nach Thüringen, wo er das Elternhaus, leider ohne die Mutter, wiedersah, mit Amalie, der hochgebildeten Tochter des Generalsuperintendenten Löffler in Gotha. Zu Weihnacht 1816 ward in Nürnberg die Ehe geschlossen, deren Segen der Gatte bis an sein Lebensende genoß. Das gesellige Leben gestaltete sich sehr angenehm; die Familien Jacobi, Niethammer, Roth und Thiersch bildeten ein Kränzchen und luden einander alle 14 Tage zu Tische. Da jedoch die knappe Einnahme bei Thiersch’s Freigebigkeit und früherer wirthschaftlicher Sorglosigkeit nicht zureichte (die Reise nach England war noch zu bezahlen), auch das Schulwesen unter dem neuen Minister Zentner rückwärts ging, so war Th. schon entschlossen, einen ehrenvollen Ruf nach Göttingen (an die Stelle Fr. G. Welcker’s, 1819) anzunehmen, als der König selbst, welcher den Lehrer seiner Töchter nicht entbehren wollte (er sagte zum Minister: „Meine Kinder heulen mir die Ohren voll“), veranlaßte, daß man ihn durch Versprechungen hielt. Bald (1822) erwarb Th. aus dem Vermögen seiner Frau das „rothe Haus“ (jetzt gänzlich umgebaut, in der Arcisstraße Nr. 1 a), damals noch von Wiesen umgeben, welches er durch geschmackvolle Einrichtung und Anlage eines geräumigen Bibliotheksaales zu einem stolzen Museion umschuf, in dem er zeitlebens großartige Gastfreundschaft geübt hat. Bis 1827 wurden ihm 7 Kinder geboren, von denen nur das zweite auf einer Reise in Gotha einjährig an der Bräune starb.

Die Studien Thiersch’s bewegten sich in diesen Jahren auf den Gebieten der Sprachwissenschaft und der Archäologie. Schon 1812 war die „Griechische Grammatik des gemeinen und homerischen Dialekts, zum Gebrauche für Schulen“ erschienen, welche nebst der auszüglichen Schulgrammatik wiederholt aufgelegt wurde, und worin er, bei selbständiger Durcharbeitung des Materials, vor allem Vereinfachung erstrebte. Sein Axiom war, daß man mit dem homerischen Dialekt, als dem leichtesten, beginnen solle (ebenso sein Freund Dissen). In der Vorrede zur 4. Auflage 1855 erzählt er selbst, wie er ganz zu Anfang in München mit 5 Knaben von 10–12 Jahren den Unterricht in 6 Wochenstunden begonnen und am Ende des zweiten Monats schon ein Buch der Odyssee beendigt habe. Das Hauptverdienst dieser Lehrbücher besteht in der scharfen und klaren Darstellung der Eigenthümlichkeiten des homerischen Dialekts und in den syntaktischen Regeln, welche er gegen G. Hermann’s Angriffe in den Acta vertheidigte, in würdevoller Offenheit als dankbaren Schüler sich bekennend. Im Unterricht war Th. (seit 1826 an der Universität) nach allgemeinem Zeugniß hervorragend durch klaren und fesselnden Vortrag, sowie durch innere liebevolle Hingabe an die Schüler, deren Förderung ihm Herzenssache war. Fern von geistloser Mechanik, wirkte der Lehrer hinreißend, weil er selbst vom Gegenstande hingerissen, Wärme ausströmte und Theilnahme erweckte. Seine dichterische Anlage zog ihn zu Pindar, den er in den originalen Versmaßen zu übersetzen sich [12] mühte; 1820 erschien in zwei starken Bänden „Pindar, griechisch und deutsch mit Einleitungen und Erläuterungen“. Wenn die Nachbildung dieser schwierigsten Rhythmen der griechischen Sprache unvermeidlich hart und fremdartig ausfiel, wie dem Verfasser selbst nicht entging, und das Unternehmen übereilt war, so erregt das halbvergessene Buch doch ein gewisses Interesse durch die Zueignung an Fr. Jahn, den Turnvater, mit dem Th. aus Begeisterung für das Turnen in Paris wirkliche Freundschaft geschlossen hatte. Und diese Gesinnung scheute er sich nicht in dem Jahre der Karlsbader Beschlüsse, 1819, als eben in Preußen alle Turnplätze geschlossen wurden, offen zu bekennen. In der warm geschriebenen Widmung, die eines der schönsten Zeugnisse für Th. als Erzieher enthält, der seine Zeit und ihre Bedürfnisse verstand, nennt er Pindar „den großen griechischen Turnsänger“ und schreibt: „Stärke des Leibes ohne den Schmuck der Bildung bezeichnete den Barbaren; an der innigen Gemeinschaft leiblicher und geistiger Veredlung ward der Hellene erkannt.“ „Noch ist die edle Turnkunst mehr ein Nebenwerk der Erziehung, als ein wesentlicher Theil derselben und unauflöslich mit ihr verbunden.“ – Die archäologischen Studien, zu denen Th. durch das Kunstinteresse des Kronprinzen Ludwig und die Stiftung der Glyptothek mächtig angeregt wurde, führten zur Ausarbeitung der Abhandlungen „Ueber die Epochen der bildenden Kunst unter den Griechen“, zuerst vorgetragen in der Akademie 1816, 1819 und 1825, dann 1829 zusammengefaßt und mit polemischen Zusätzen als Band herausgegeben. Die beiden Grundgedanken dieser Schrift, 1. daß die griechische Plastik, aus Aegypten übertragen, sich Jahrhunderte lang, durch den Einfluß der Priesterschaft gehemmt, ohne Fortschritt in den überlieferten Formen erhalten habe als „hieratischer Stil“, und 2. daß nach der Blüthezeit seit Phidias bis auf Hadrian die Kunst sich wesentlich auf gleicher Höhe gehalten habe und von einem Verfall unter den Römern nicht die Rede sein könne, – diese beiden Hauptsätze sind zwar neu und direct gegen Winckelmann’s Lehre gerichtet, wurden aber sofort heftig bekämpft und sind durch die neuere Forschung stark modificirt worden. Um dem Mangel an Autopsie zu begegnen, ging Th. im Herbste 1822 mit königlicher Unterstützung auf ein halbes Jahr nach Italien, wo er besonders in Rom – Neapel blieb dem politisch Verdächtigten verschlossen – mit Thorwaldsen, Niebuhr, Ed. Gerhard u. A. lebhaften Verkehr pflog, und den Plan zu einem umfassenden Werke machte: „Reisen in Italien von Fr. Thiersch, Ludwig Schorn, Ed. Gerhard und Leo v. Klenze“, das in mehreren Bänden ein vollständiges Bild des Landes und seiner Kunstschätze bieten sollte. Es erschien nur Bd. I (1826) mit Thiersch’s Reise in Oberitalien und Schorn’s Beschreibung von Ravenna und Loretto. Auch hier ließ Th. in Venedig in Versen und erdichteten Gesprächen fingirter Personen die Klage um das Elend des gedrückten Landes ertönen. – Zurückgekehrt, trieb er seine Studien und besuchte zur Stärkung seiner Gesundheit vier Sommer hinter einander das Bad Gastein, wo er auch mit Erzherzog Johann und dem Dichter Pyrker verkehrte. Seit 1824 hatte er seinen alten Vater im Hause, der 1832 achtzigjährig starb. Auch den als Demagogen eingekerkerten Mathematiker Karl Feuerbach beherbergte er eine Zeit lang, während dessen Bruder Anselm, der Archäolog, sein treuer Schüler gewesen war. Mit dem Grafen Platen pflegte er freundschaftlichen Verkehr, nahm lebhaften Antheil an seinen Dichtungen und wurde in Sachen der Metrik, sowie in persönlichen Angelegenheiten oft von ihm in Anspruch genommen. Das Hauptinteresse aber wendete er bald den Schulen und der Sache des gelehrten Unterrichts zu, welche mit der Thronbesteigung Ludwig’s I. (October 1825) in Fluß kam. Hatte er bis dahin nur unzulänglichen Erfolg in seinem Streben für gründliche classische Bildung gefunden, so wurde er durch den frischen Zug der neuen Regierung zu [13] einer umfassenden Darstellung seiner Ideen ermuthigt, die er unter dem Titel: „Ueber gelehrte Schulen, mit besonderer Rücksicht auf Bayern“ bei dem befreundeten Cotta in rascher Folge heftweise von 1826–31 erscheinen ließ, vereinigt zu 3 Bänden. In dieser Schrift liegen diejenigen Grundsätze und Anschauungen aufgespeichert, deren Geltendmachung zusammen mit seiner praktischen Thätigkeit im Seminar und der Universität die nachhaltigste Lebenswirkung Thiersch’s ausmacht. Im ersten Bande, der von den Gymnasien handelt, kämpft er gegen die in Baiern herrschende Jesuitenmethode im Unterricht, wo das Latein nur als blanke Waffe der Stilübung gilt, und gegen die engherzige Bureaukratie, welche nur Abrichtung auf den künftigen Beruf will; er stellt das Programm der sächsischen Fürstenschulen als Muster einer humanistischen Vorbildung hin, die sich auf alte Sprachen und Mathematik beschränkt, und empfiehlt als Vorstufe die Einrichtungen der württembergischen Präceptoratsschulen. Der zweite Band war besonders zeitgemäß; er besprach die Universitäten, als gerade König Ludwig (Herbst 1826) die Universität von Landshut nach München verlegt hatte. Die Hauptfrage lag hier in dem bisher geübten Collegienzwange, einer genau vorgeschriebenen Studienordnung für jedes Fach, und dem sogen. philosophischen Biennium, welches vor Beginn des Fachstudiums absolvirt werden mußte und die mangelhafte Gymnasialbildung ergänzen sollte. Gegen diese aus der früheren Jesuitenleitung überkommenen Einrichtungen wendet sich Th., er zeigt in ausführlicher Darlegung, wie solcher Zwang zur Ertödtung alles wahren und freien wissenschaftlichen Strebens führen müsse, und fordert nach dem Beispiel aller andern deutschen Universitäten unbeschränkte Studienfreiheit, dazu größere Selbständigkeit der Universität in der Verwaltung ihrer eigenen Angelegenheiten. Die Schrift machte auf den König, der selbst in Göttingen studirt hatte, solchen Eindruck, daß er Th. und Schelling neben dem Minister in sein Privatcabinet berief und auf ihre Vorträge entgegen dem Ministerialentwurf alles genehmigte. (Man sehe die drastische Schilderung in Thiersch’s Leben I, S. 342 ff.). So ward der „Universitätsbann“ aufgehoben und „die Studenten waren fleißig nach wie vor“. Th. selbst, jetzt Professor der Beredsamkeit und alten Litteratur, bemühte sich durch persönliche Theilnahme, den geselligen Vereinigungen der Studirenden einen veredelten Charakter zu geben; er ward im J. 1829/30 zum Rector gewählt und nach einer schwungvollen Inauguralrede über den Segen der errungenen Freiheit von den Studenten mit einem großartigen Fackelzuge begrüßt, von König Ludwig mündlich und schriftlich beglückwünscht. Noch mehr! Als er in jener Rede eine Hindeutung auf die soeben erfolgte umgekehrte Wendung der Dinge in Tübingen gemacht hatte, wo durch den Minister v. Maucler die alten Corporationsrechte aufgehoben und die Zwangsmaßregeln eingeführt waren, stellte sich bei der daraus entsprungenen litterarischen Fehde die öffentliche Meinung in Württemberg selbst so erfolgreich auf Thiersch’s Seite, daß der eines Besseren belehrte König bald darauf die Verordnungen zurücknahm. – In der für die Schulangelegenheit eingesetzten Commission wurde Th. als Hauptführer mit der Redaction des Planes betraut, der am 8. Februar 1829 mit der königlichen Genehmigung publicirt wurde. Indessen, während im Auslande das Werk vielfach Anerkennung fand, verstanden die Gegner in Baiern selbst, Priester und Realisten, so heftig Lärm zu schlagen, daß der König bedenklich ward und eine Revision befahl, durch welche 1830 die Lyceen wieder hergestellt und die Lateinschulen unten verkürzt wurden. Auch wurde bei der Prüfung für das Lehramt die Behörde angewiesen, die Geistlichen „durch erleichternde Fragstellung“ zu ermuthigen; weshalb Th. aus der Commission austrat. Auch die Verbesserung der erbärmlichen Besoldung für die Lehrer, welche Th. angestrebt hatte, gerieth ins Stocken. – Mitten unter diesen [14] Erfolgen und Niederlagen beschäftigte sich Th. lebhaft auf einem ganz entlegenen Felde, welches ihn aber schon seit Jahrzehnten stark in Anspruch genommen hatte, mit dem jüngst befreiten Griechenlande. Sein Interesse an den Neugriechen bekundete er schon 1813 durch einen Aufsatz über die Schulen in Patmos, Chios und Constantinopel, wofür er auch die Akademie zu erwärmen suchte. Er war der Hetärie zur Befreiung vom Türkenjoche beigetreten und trug eine Zeit lang ihren Ring. Die Heranbildung junger Griechen zu tüchtigen Lehrern lag ihm so sehr am Herzen, daß er ein Erziehungsinstitut, „Athenäum“, für sie in München 1815 eröffnete und zeitweilig sogar in seinem Hause hielt. Die griechische Erhebung 1821 begrüßte er mit Begeisterung; er ließ den „Vorschlag zur Errichtung einer deutschen Legion in Griechenland“, München 1821, erscheinen, regte Geldsammlungen an und schrieb in der (Augsburger) Allgemeinen Zeitung, bis Oesterreichs Einspruch es ihm verwehrte. Seit 1825, als die Noth der Griechen aufs höchste gestiegen war, zugleich aber König Ludwig sich für sie bekannte und die Philhellenen auch in Paris Einfluß gewannen, machte Th. neue Ansätze und hat wahrscheinlich zuerst den Gedanken geäußert, den bairischen Prinzen Otto zum Herrscher Griechenlands zu bestellen (sur l’état actuel I, p. 311). Im November 1829 schrieb er darüber an den Philhellenen Eynard und wußte dieses Schreiben auch an Kaiser Nikolaus von Rußland zu bringen. Nachdem endlich 1830 Griechenlands Selbständigkeit erklärt war und seit der Ablehnung Leopold’s von Coburg der Präsident Johann Capodistrias, auf den Th. früher mit Vertrauen gesehen hatte, sich ganz als russischer Statthalter geberdete, konnte Th. dem Verlangen nicht widerstehen, das Land selbst zu besuchen, dessen Sprache ihm durch den Verkehr mit vielen Griechen seit lange vollkommen geläufig war. Das Wirrsal der fortwährenden Parteikämpfe zog ihn gerade an; ihn beschäftigte schon vor Antritt der Reise der Gedanke, zu vermitteln; eine politische Rolle zu spielen, lag überhaupt seinen Neigungen nicht fern. Einen gerade jetzt an ihn ergehenden Ruf zum Vorstande des Studienwesens in Sachsen lehnte er deshalb etwas vorschnell ab, im Vertrauen auf ein Wort des Ministers, der ihn hinterher täuschte und als Demagogen verdächtigte. Th. unternahm nun die Reise als Privatmann und auf eigene Kosten; – der König ließ ihm nur sagen, daß er weit entfernt sei, seinen Sohn der griechischen Nation aufdrängen zu wollen –; er fuhr am 21. August 1831 mit Fallmerayer und dem Grafen Ostermann Tolstoi ab nach Triest, von dort jedoch allein auf der griechischen Brigg „Markos Botzaris“ nach Nauplia (21. Sept.), wo er sich dem Grafen Capodistria mit Empfehlungen des Königs und des Fürsten Wrede vorstellte. Mit raschem Blick durchschaute Th., dem die Griechen aller Parteien in Masse zuströmten, die Mißgriffe der Regierung des Präsidenten, der plötzlich am 9. October durch Meuchelmord fiel. In dem Gewirr der nun um die Macht streitenden Parteien wurde es Th. beschieden, eine Zeit lang das gefährliche Amt eines Friedensstifters zu üben, wozu ihn seine versöhnliche Natur, der geübte Blick in die ihm schon vertrauten Verhältnisse und vor allem seine vollkommene Beherrschung der Volkssprache, sowie seine angeborene Beredsamkeit sehr wohl befähigten. Auch hielt man ihn trotz seiner Ableugnung für einen diplomatischen Agenten des Königs von Baiern, zumal er sofort offen für den Prinzen Otto warb. Von einer archäologischen Excursion in den Peloponnes holte man ihn nach Hydra und hörte seinen Rath, ebenso predigte er überall zum Frieden auf dem Ausfluge nach Athen und Delphi (Januar 1832). Nach einem Besuch mehrerer Inseln des ägäischen Meeres, wobei er auch Milet und Ephesus sah, kam die erfreuliche Nachricht von der Wahl des Prinzen Otto zum Könige. Aber gerade jetzt war die Gefahr eines furchtbaren Bürgerkrieges nahe, indem die provisorische Regierung zu Nauplia mit dem [15] Grafen Augustin Capodistrias an der Spitze einerseits von den Mainoten, andererseits von den Rumelioten mit einem Einfalle bedroht wurde. Als Vertrauensmann der Residenten der 3 Schutzmächte ging der bei allen Parteien gern gesehene Vermittler zu Capodistrias und erlangte die Freilassung des alten Mauromichalis aus dem Gefängnisse zu Nauplia, um die Mainoten zu beschwichtigen (25. März); sofort eilte er dann zu dem Heere der Rumelioten nach Megara und versuchte bei Kolettis, da es schon unmöglich war, den Zug aufzuhalten, demselben wenigstens einen friedlichen Charakter zu geben. Die Beredsamkeit des „Schulmeisters“, wie ihn die Griechen gern nannten (er selbst gräcisirte seinen Namen auch Είρηγαίος Θύρσιος) drang durch; Kolettis versprach, es solle keine Gewaltthätigteit vorfallen. Auf der Rückkehr vom Isthmos entging er nur durch Zufall einem von der Capodistrianischen Regierung, die seine Vermittlung ungern sah, angestifteten Hinterhalte der Klephten (30. März). Dennoch predigte der unerschrockene Mann, den die Freunde mit einer Leibwache von 10 Palikaren umgaben, nun wieder in Nauplia Versöhnung, während die Rumelioten mit Oelzweigen auf den Flinten in Argos einrückten. Nach der hierauf erfolgenden Abdankung des Aug. Capodistrias ließen jedoch die Residenten unkluger Weise wieder eine provisorische Parteiregierung zu, die den Zwist erneuerte; Kolettis marschirte gegen Nauplia, die Residenten machten Th. Vorwürfe. Dieser aber rastete weder Tag noch Nacht, und am 10. April Morgens, als die feindlichen Heere vor den Thoren von Nauplia gegen einander rückten und der Zusammenstoß unvermeidlich schien, stürzte er sich mit Lebensgefahr dazwischen, und sein geschicktes Benehmen allein hatte bei den Heerführern und den gemeinen Kriegern thatsächlich den Erfolg, das Blutvergießen zu verhüten und eine Einigung der streitenden Parteien für den Augenblick herbeizuführen. Capodistrias verließ am selbigen Abend Stadt und Land auf immer. Es ist nicht dieses Ortes, auf den einzelnen Verlauf dieser Ereignisse, welche Th. selbst in seinen Briefen und dem Buche „Sur l’état actuel de la Grèce“ ausführlich erzählt hat, näher einzugehen, noch auf die Verdächtigungen und Angriffe, welche er zum Danke für sein Eingreifen im Interesse der Menschlichkeit, dennoch später erfahren mußte. Die Diplomaten von Fach warfen ihm vor, daß er ohne Auftrag sich in die Politik gemischt habe, anstatt ihm zu danken, daß er ohne zur Zunft zu gehören, so erfolgreich ihre Geschäfte besorgte. Daß Th. an Beobachtungsgabe, an Kenntniß von Land und Leuten und in der Behandlung des griechischen Charakters jenen beglaubigten Vertretern überlegen war, geht u. a. aus den 12 Berichten hervor, die er von Januar bis September 1832 an König Ludwig sandte, ohne je eine Zeile Antwort zu erhalten. Uebrigens trat er jetzt in die Stelle eines Beobachters zurück, und obwohl er auch weiterhin ermunternd und rathgebend auftrat, und auf die verheißene aber unbegreiflich zögernde Regierung hinwies, widmete er sich dem Studium des tzakonischen Dialekts, bewahrte auch so wohl seine Besonnenheit, daß er, als einmal 60 Deputirte der Nationalversammlung willens waren, ihn als Präsidenten der Regierung vorzuschlagen, diese Ehre entschieden ablehnte: „ich würde sonst als unbesonnener Ehrgeiziger erschienen sein“. Als endlich am 8. August die Nationalversammlung die Wahl des Prinzen Otto einstimmig bestätigte, erhielt Th. den Auftrag, die Urkunde darüber nach München zu bringen und zugleich die ehrendsten Dankschreiben für seine Wirksamkeit von der Regierung sowohl wie von der Nationalversammlung. Er reiste sofort ab über Olympia, Zante, Ithaka, Corfu (wo die Capodistrianer ihn bedrohten) und hielt Mitte September Quarantäne in Triest, wo er auch einen Heimberufungsbefehl des Königs vorfand. Anfang Octobers traf er in München wieder ein, zwar ergraut, doch nach seiner Aussage frisch und verjüngt. Die Reise hatte ihm 7000 Gulden gekostet. – In dem [16] Dankschreiben der Nationalversammlung an Th. findet sich ausdrücklich die Hoffnung ausgesprochen, der junge König werde ihn mit sich führen, um für die Bildung der Nation zu wirken. Indessen war König Ludwig gegen ihn eingenommen, zum Theil durch den früheren Philhellenen v. Heydeck, welcher der russischen von Th. bekämpften Partei angehangen hatte, jetzt aber als Mitglied der Regentschaft mitging. Ferner darf als erwiesen gelten, daß der englische Resident Dawkins bei der Londoner Conferenz gegen seine Verwendung wirkte; man sehe: Apologie eines Philhellenen S. 69, 110–128. Als die Griechen bei der Landung des Königs Otto in Nauplia erfuhren, daß Th. nicht unter seinen Begleitern sei, ward lebhaftes Erstaunen rege, und eine große Anzahl der angesehensten Personen, darunter sieben Bischöfe, richteten eine förmliche Eingabe an den König von Baiern um seine Berufung, ohne Erfolg. Th. selbst, obwohl schmerzlich berührt, ließ es sich nicht verdrießen, seine Erlebnisse und Anschauungen, sowie die Ergebnisse seiner umfassenden Beobachtungen über den Zustand des Landes und die Mittel ihm aufzuhelfen, in dem französisch geschriebenen Werke „De l’état actuel de la Grèce.“ 2 Vols. 1833, niederzulegen und der künftigen Verwaltung werthvolle Fingerzeige zu geben. Seine Ansichten wurden nicht bloß von den Griechen, sondern auch von fremden, mit dem Lande vertrauten Staatsmännern, z. B. von Prokesch, als richtig und ausführbar öffentlich anerkannt. Auch seine Beurtheilung hervorragender Personen, namentlich der Capodistrias, erwies sich hinterher als zutreffend. Das verkehrte System der Regentschaft besprach er in der Allgemeinen Zeitung, soweit es ihm durch die Censur gestattet war. Noch einmal wurde ihm Gelegenheit, sich eingehender mit den griechischen Verhältnissen zu beschäftigen, als im J. 1837 sein Freund v. Rudhart nach dem Abgange Armansperg’s 10 Monate lang König Otto’s Ministerpräsident war und ihm detaillirte Mittheilungen zu publicistischen Zwecken machte. Im übrigen lebte Th. mit vollster Hingebung wieder seinem Lehramte und den Wissenschaften. Daneben erhielt er vom Minister Fürsten Wallerstein, der auf Hebung der Schulen, namentlich in der Rheinpfalz, bedacht war, 1833–36 jährlich Aufträge zur Inspection der Gymnasien. Th. dehnte aber seine Reisen viel weiter aus, um Vergleiche anzustellen; er besuchte die Lehranstalten in Baden, Hessen-Darmstadt, der preußischen Rheinprovinz; er ging 1835 nach Holland und 1836 nach Belgien und Frankreich. Die Ergebnisse seiner Beobachtungen legte er freimüthig nieder in 3 Bänden: „Ueber den Zustand des öffentlichen Unterrichts in den westlichen Staaten von Deutschland, in Holland, Frankreich und Belgien“, 1838. Im Herbst 1837 gab er bei Gelegenheit des Göttinger Universitätsjubiläums die erste Anregung zu der Gründung des Vereins von deutschen Philologen und Schulmännern, bei dessen erster Versammlung in Nürnberg 1838 er auch den Vorsitz führte. Bei diesen zu gegenseitiger Verständigung und gemeinsamer Abwehr veranstalteten Vereinigungen wirkten seine Vorträge und Vorschläge anregend und oft in kluger Weise mäßigend. – In der Zeit der politischen Reaction in Baiern (seit 1837) galt er als Oppositionsmann wegen seiner fortgesetzten publicistischen Thätigkeit in der Allgemeinen Zeitung; er schrieb zugleich die „Geschichte des Jahres 1837“ in Cotta’s historischem Taschenbuche 1839. Der kölnische Kirchenstreit über die gemischten Ehen setzte seine Feder in Bewegung für den König von Preußen; gegen das Ministerium Abel richtete er sie in der bekannten Kniebeugungsfrage in Baiern. Auch die Beschränkung der Universitätsfreiheit machte ihm wieder zu schaffen. Zu gleicher Zeit aber erfreute er sich des besondern Vertrauens des Kronprinzen Maximilian, mit dem er in Hohenschwangau Pindar und Thukydides las; nur durfte er nicht mit ihm nach Griechenland gehen. Im Herbste 1845 besuchte er mit jüngeren Freunden zum zweiten Male Italien, besonders auch Neapel [17] und Sicilien; in den dort geschriebenen „Sicilianischen Sonetten“ (1847) beklagte er die Verkümmerung des Landes. An einem bedeutsamen Wendepunkte der bairischen und deutschen Geschichte führte er wieder das Rectorat der Universität: Herbst 1847–48, als eben die durch die Gräfin Landsfeld (Lola Montez) veranlaßten Wirren diese Stätte der Wissenschaften im innersten erregt hatten. Seine Gewandtheit und Beredsamkeit vermochten nicht, die Störungen im Universitätsgebäude zu dämpfen; erst nach der vom Könige befohlenen Schließung kehrte die Besonnenheit wieder (9. Febr. 1848) und nach Zurücknahme jenes Befehls dankte der König Th. durch Ernennung zum Präsidenten der Akademie. Bei der unmittelbar folgenden Märzbewegung empfing er für seine geschickte Leitung noch einmal den Dank des Königs, zwei Tage vor dessen Thronentsagung. Unter König Max II. durfte Th. am Stiftungstage die volle Wiederherstellung der Studienfreiheit verkündigen. In den nächsten Jahren widmete er seine praktische Thätigkeit, welche ihm unerläßlich war, vorzugsweise der Akademie und den damit seiner Sorge unterstellten zahlreichen Instituten. Neben zahlreichen fachwissenschaftlichen Abhandlungen, die er schon früher fortwährend geliefert, hielt er viele Reden allgemeinen Inhalts und Nachrufe für verstorbene Mitglieder. Er nahm theil an der Stiftung des Maximilians-Ordens für Kunst und Wissenschaft (1853), auch an dem Kreise des sogenannten Symposion. Noch einmal (1852) war es ihm vergönnt, Athen und die dortigen Freunde wiederzusehen, wobei er das Erechtheion auf der Akropolis zum Gegenstand besonderen Studiums machte. Am 18. Juni 1858 wurde sein Doctorjubiläum unter großer und herzlicher Theilnahme von Nah und Fern durch Festlichkeiten und Adressen gefeiert, in denen die Schar seiner Schüler ihn als praeceptor Bavariae begrüßte. Bald darauf brachen über den rastlos Thätigen die Schwächen des Alters ein; er erbat und erhielt seine Versetzung in den Ruhestand und entschlief sanft am 25. Februar 1860. – Th. war kaum mittelgroß, aber wohlgebaut; unter der hohen Stirn blitzten lichtvolle Augen, der Mund verkündete den ihm eignen vollen Fluß der Rede, wodurch seine Persönlichkeit eine mächtige Anziehungskraft gewann. Sein Familienleben war sehr glücklich. Von drei Söhnen wurde der älteste, Heinrich (der auch sein Leben schrieb), ein berühmter Theologe, der zweite, Karl, ein bedeutender Mediciner, der dritte, Ludwig, ein geachteter Maler. Seine vielseitige Schriftstellerei ermöglichte es ihm, reiche Mittel zur Ausbildung der Söhne zu gewinnen; dabei war sein Haus in München Jahrzehnte hindurch der Mittelpunkt geistvollster Geselligkeit und durch Gastfreiheit weit berühmt. Das ganze Wesen von Th. darf nicht nach dem Maßstabe des gelehrten Philologen beurtheilt werden: er ist in seiner Vielseitigkeit und Weltgewandtheit weit eher den alten Humanisten zu vergleichen mit ihrer zur Polemik und Polypragmosyne neigenden Natur („Neigung den Armenadvocaten zu machen“ schreibt Th. sich selbst einmal zu); jedenfalls darf er in Baiern den gediegensten Vorkämpfern für eine freiere Entwicklung des Staatslebens zugezählt werden.

Fr. Thiersch’s Leben, herausgegeben von Heinrich W. J. Thiersch. 2 Bde. 1866. – Verzeichniß der Schriften in Pözl’s Rectoratsrede 1860. – Unsere Zeit IV, 460 ff. – Augsb. Allg. Zeitung 1860, Nr. 58. 61. 84. – G. Mart. Thomas, Gedächtnißrede auf Fr. Thiersch. München 1860.
A. Baumeister.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Ennio Quirino Visconti (1751–1818), Kustos der Bibliotheca Apostolica Vaticana.