ADB:Trithemius, Johannes

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Artikel „Trithemius, Johannes“ von Franz Xaver von Wegele in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 38 (1894), S. 626–630, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Trithemius,_Johannes&oldid=1702053 (Version vom 22. Oktober 2014, 23:06 Uhr UTC)
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Trithemius: Johannes T., Polyhistor und Theologe, am 1. Februar 1462 zu Trittenheim, einem Dorfe an der Mosel unterhalb Trier gelegen, von nicht unbemittelten Eltern geboren. Sein Familienname lautete ursprünglich v. Heidenberg, nach der bekannten Sitte seiner humanistischen Zeitgenossen hat er aber nach seinem Geburtsorte sich einen neuen, bleibenden gebildet. Gemäß seiner eigenen Erzählung war seine Knabenzeit eine äußerst gedrückte; nur mit der äußersten Anstrengung hat er die Hindernisse besiegt, die sein rauher Stiefvater seinem unüberwindlichen Drange nach Erwerbung der elementarsten Kennnisse und weiterhin der lateinischen Sprache entgegensetzte; zuletzt jedoch riß seine Geduld und er befreite sich mit Gewalt aus der moralischen Gefangenschaft, die ihn um seine Zukunft betrügen wollte. Er flüchtete in seinem 17. Lebensjahre zuerst nach Trier und dann nach Heidelberg, gerade zu der Zeit, in der hier ein reges wissenschaftliches Leben aufgeblüht war. Offenbar fand er hier Freunde und Gönner, die ihn u. a. auch in der griechischen und hebräischen Sprache [627] unterrichteten, so daß er später die so erworbenen Kenntnisse leicht vervollkommnen. konnte. Nach allem war er bereits auf dem besten Wege, ein rechter Gelehrter der neuen Schule zu werden. Da trat, im J. 1484, eine Wendung in seinem Leben ein, deren Ursache wir zwar kaum ahnen können. T. entschloß sich, die theologische und priesterliche Laufbahn zu ergreifen, und zwar so, daß er, wenige 20 Jahre alt, als Novize in das bei Kreuznach gelegene Benedictinerkloster Sponheim eintrat. Es mag darauf hingewiesen werden, daß Kreuznach zum Gebiet des Kurfürsten von der Pfalz gehörte. Die Abtei Sponheim selbst befand sich z. Z. nicht in der besten sittlichen oder wirthschaftlichen Lage, wie das freilich z. Z. von der Mehrzahl der verwandten Anstalten gesagt werden muß. Indeß hielt dieser Umstand T. nicht ab, sich dem erwählten Berufe mit dem vollen Feuereifer und Schwunge seiner Seele hinzugeben. Dieses ungewöhnliche Streben und der anomale Zustand der Abtei hatten die Wirkung, daß er schon 14 Monate nach Ablegung der Profeß zum Abt erwählt und als solcher bestätigt wurde. Es ist bekannt, daß T. das Mögliche aufgeboten hat, den Erwartungen, die ihn in so jungen Jahren zu einer so angesehenen Stellung erhoben hatten, gerecht zu werden. Diese seine Anstrengungen im einzelnen zu verfolgen, würde uns aber an diesem Orte zu weit führen, sie charakterisirt sich am besten schon durch die Thatsache, daß er durch diesen seinen Eifer die steigende Abneigung des größeren Theiles seines Conventes auf sich lud, die bald so hoch ging, daß der jugendliche Abt durch Erfolge anderer und der edelsten Art sie nicht zu versöhnen vermochte. Wir berühren hier die Seite der Thätigkeit Trithemius’, die das Gedächtniß seines Namens sicherer begründet hat, als sein gesammtes übriges Thun und Lassen. Indem T. sich dem Mönchsstande widmete, war seine Absicht von Anfang an nicht gewesen, dem Ideale seiner Jugend, den humanistischen Bestrebungen, untreu zu werden, und er verstand es in der That vortrefflich, die Interessen beider Richtungen erfolgreich zu verbinden. Als Gelehrter und Schriftsteller sich hervorzuthun, war offenbar in seinen Augen die Vollendung seines Berufes. Wer wüßte nicht, daß er mit unermüdlichem Eifer bestrebt war, die verarmte Bibliothek seines Klosters in Büchern und Handschriften in den verschiedensten Wissenszweigen auf eine Höhe des Reichthums zu bringen, die die Bewunderung der Zeitgenossen erweckte und überraschende Besuche von Gelehrten ersten Ranges, wie von Celtis und Alexander Hegius, nach Sponheim führte. Die Anfänge der litterarischen Wirksamkeit Trithemius’, die im Verlaufe der Jahre einen so außerordentlichen Umfang annahm, fallen bereits in diese erste Zeit seiner Sponheimer Thätigkeit. Sie sind erbaulicher, liturgischer und reformatorischer Natur, insoweit sie sich auf die Regeneration der verfallenen Disciplin in der ihm anvertrauten Abtei beziehen. Die Erneuerung seines Ordens auf Grund der Bursfelder Reformation lag ihm in der That wie kaum etwas anderes am Herzen und er hat dafür die volle Spannkraft seines Geistes aufgeboten. Daran reihen sich verschiedene Schriften, deren Ausführung in seine Sponheimer Epoche fällt, zum Theil befinden sich freilich ziemlich unbedeutende darunter. Erwähnung verdient seine „Steganographie“, eine Art von Geheimschrift, die ihn in den nicht ungefährlichen Geruch der Zauberei brachte, so daß er es vorzog, sie unvollendet zu lassen; sie ist später (1509) auch wirklich auf den Index gesetzt worden. Aber auch geschichtliche Arbeiten im engeren Sinne beschäftigen ihn schon jetzt: so die Chronik seines Klosters, eine Chronik der Herzöge von Baiern und Pfalzgrafen bei Rhein und endlich die Geschichte des Klosters Hirsau. Er war in dieser Zeit bereits ein berühmter und gesuchter Mann. Seine gelehrten Zeitgenossen, aber auch verschiedene Fürsten, ja sehr bald Kaiser Max I. haben ihm ihre Aufmerksamkeit zugewendet. Kurfürst Joachim I. von Brandenburg, der ihn bewunderte, [628] hätte ihn am liebsten ganz für sich gewonnen und T. folgte im August 1505 in der That seiner Einladung nach Berlin. Indeß während seiner Abwesenheit brach in seinem Kloster der Sturm einer Opposition gegen ihn aus, der sich freilich schon längst angekündigt hatte und deren schlecht verhehlter Zweck kein anderer als die Beseitigung des verhaßten Abtes war. Die Gründe dieses Hasses waren gemischter Natur, in erster Linie waren sie jedoch gegen seine reformirenden Bestrebungen gerichtet. T. hätte zwar, wenn er den Wünschen des Kurfürsten von Brandenburg nachgab, ohne Schwierigkeit eine Stellung in Berlin finden können, kehrte jedoch Ende Mai 1506 nach dem Mittelrhein und in sein Kloster zurück; hier aber fand er die Lage der Dinge und das Treiben seiner Gegner so abschreckend, daß er den Entschluß faßte, auf seine Abtswürde zu verzichten und den Platz zu räumen. So war er für den Augenblick heimathslos. An Anerbietungen, ihm die verlorene Stellung zu ersetzen, fehlte es ihm freilich nicht, selbst Kaiser Maximilian war bereit, ihn an seinem Hofe aufzunehmen; T. aber dankte und entschied sich für die Annahme der Abtswürde des Schottenklosters zu Würzburg, die ihm der Fürstbischof von Würzburg, Lorenz v. Bibra, ein Freund der Wissenschaften, antragen ließ. Auf diese Weise entging er der Gefahr, aus seinem Geleise geworfen zu werden. Am 3. October 1506 traf T. in Würzburg ein, und mit dieser Wendung beginnt der letzte, friedlichste und, man kann sagen, der fruchtbarste Abschnitt seines Lebens.

Die Würzburger Schottenabtei war in ihrem Bestande und Besitzthume gründlich zurückgekommen; T. unterließ zwar nichts, ihr wieder neues Leben einzuflößen, von wesentlichem Erfolge in dieser Richtung kann indeß nicht gesprochen werden. Um so erfreulichere Befriedigung fand er dagegen in der Fortsetzung seiner litterarischen Arbeiten, in dem wissenschaftlichen Verkehr mit den angesehensten Gelehrten Deutschlands, in der Anerkennung, die ihm von allen Seiten gespendet wurde. Kaiser Max lud ihn gelegentlich zu sich nach Boppard an sein Hoflager ein und legte ihm hier u. a. die bekannten acht Fragen vor, die für den Mann, der sie stellte, wie für die Art, in der sie beantwortet wurden, gleich bezeichnend erscheinen. T. war überhaupt national genug gesinnt, um für Kaiser und Reich lebhaft zu empfinden, aber die theologischen Motive überwiegen in ihm doch, und gerade historischen Fragen gegenüber war er niemals einen Augenblick unschlüssig, auf die Seite der Hierarchie zu treten und überall sein eigenes Urtheil der kirchlichen Autorität zu unterwerfen. Betreffend seine Beziehungen zu Kaiser Max und aber auch zur Beurtheilung seiner gesammten Art zu denken und zu urtheilen, ist eine der ersten Schriften, die er in Würzburg ausarbeitete, im besonderen lehrreich, nämlich seine mystische Chronologie, „De septem intelligentiis libellus“, worin die sieben Planetengeister, die nach Gottes Anordnung die Welt regieren sollen, abgehandelt werden. Diese Schrift bezeugt in heller Deutlichkeit, wie gerne sich T. in dunkle Gebiete verlor und sich darin mit Behagen versenkte, und beweist zusammen mit seinem „Antipalus maleficiorum“, der sich vollständig auf dem Standpunkte des „Hexenhammers“ bewegt, wie lebhaft seine Phantasie arbeitete und wie leicht es ihm, wie vielen seiner Zeitgenossen, wurde, allem eigenen Denken zu entsagen. In den ersten Jahren der Würzburger Epoche entstand auch die „Polygraphie“, ein Versuch auf Grund der bereits erwähnten Steganographie die Chiffrirkunst weiter auszubilden. Er schlug ihren Werth ungemein hoch an, aber für unsere Zeit, dank der beliebten abstoßenden Methode, ist sie vollständig entwerthet. Höher müssen die historischen Arbeiten Trithemius’ gestellt werden, obwol die Anerkennung, die man ihnen gezollt hat und hier und da noch zollt, eine erhebliche Einschränkung verlangt, da die Schwächen seines Charakters gerade hier in bedenklicher Weise zu Tage treten. Seine specifisch litterärgeschichtlichen Arbeiten sind noch in [629] Sponheim entstanden und sind ihrer drei: 1) „De scriptoribus ecclesiasticis“, wozu ihn Johannes v. Dalberg, Bischof von Worms, aufgefordert hatte; 2) „De luminibus sive de viris illustribus Germaniae“, wozu ihn Wimpheling ermuntert hatte, und 3) „De viris illustribus ordinis S. B.“, und zu dieser Schrift fühlte er sich als begeistertes Mitglied des Ordens von sich selbst angetrieben. Zu Arbeiten dieser Art war T. kraft seiner Belesenheit und Bücherkenntniß in hohem Grade berufen. Als werthvollste derselben erscheint die erste, die sich aber nicht streng an den kirchlichen Charakter der angeführten Schriftstellen hält; die beiden folgenden können der Natur der Sache nach nur vielfach wiederholen, aber auch inbetreff der ersten darf nicht verschwiegen werden, daß er keineswegs ohne Vorgänger arbeitete. Und auch schon hier macht die schablonenartige Fassung oft einen ermüdenden Eindruck und von einer geistvollen Behandlung im einzelnen ist keine Rede. Ueberhaupt, käme es darauf an, die genannten Schriften einer genauen Kritik zu unterziehen, so würden Fehler und Irrthümer selbst leichtsinniger Art uns entgegentreten. In jeder Beziehung die wichtigsten der historischen Schriften Trithemius’ sind seine Chronik des Klosters Hirsau (in Schwaben) und die angeblich älteste Geschichte der Franken. Die Untersuchung über den Werth derselben ist in den letzten 30 Jahren mit Eifer und Ernst geführt worden, aber jeder Unbefangene muß zugestehen, das Endergebniß spricht mit vernichtender Gewalt gegen den Verfasser. Die Hirsauer Chronik hatte T. noch in Sponheim (1495) begonnen und sie bis zum Jahre 1370 geführt, dann, durch die Zeitverhältnisse gedrängt, sie unterbrochen und erst nach seiner Uebersiedelung nach Würzburg (ca. 1509) wieder aufgenommen und zu Ende geführt, aber so, daß er zugleich den bereits ausgearbeiteten ersten Theil einer Umarbeitung unterzog. So entstanden die sog. „Annales Hirsaugienses“, deren 1. Theil die Geschichte der Abtei von 830 bis 1226, deren zweiter von da bis 1514 behandelte. Die Haltung des Werkes in dieser Form beschränkt sich jedoch nicht auf die sog. Localgeschichte, sondern verfolgt willkürlich und unwillkürlich oft eine allgemeine Richtung und beschäftigt sich zugleich mit Welt-, Reichs- und Kirchengeschichte. Das Bedenkliche dabei ist aber, daß T. sich häufig nur solcher Quellen bedient, die als Erfindungen seiner Phantasie bezeichnet werden müssen, wie namentlich der sog. Fuldaer Mönch Meginfried, der in Wahrheit niemals existirt hat und schon in der älteren Bearbeitung aufgetaucht war. Die Erfindungskraft Trithemius’ gewinnt es über sich, auf Grundlagen von ein paar dürftigen Notizen lange Seiten voll zu schreiben und unwahre Angaben in Hülle und Fülle an einander zu reihen. Bei diesem unsittlichen Vorgehen ließ er sich, scheint es, durch seinen blinden Eifer für die Erneuerung seines Ordens bestimmen und erlag der Meinung, daß er dem vermeinten guten Zwecke zu Liebe schon etwas übriges thun dürfe. Auf diesem Wege gerieth er aber unter die Zahl der geschichtlichen Fälscher und zog sich einen Vorwurf zu, von dem ihn auch die beste Absicht nicht erretten kann. Indem wir diesen unleugbaren Makel seines gen. Werkes nachdrücklich hervorheben, verlangt die Gerechtigkeit indeß zugleich, darauf aufmerksam zu machen, daß die Annales, inhaltlich gemessen, gleichwol nicht ohne Werth sind, der freilich in jedem einzelnen Falle jedes Mal erst factisch festgestellt werden muß.

Die andere vielgenannte Schrift des T. ist seine Frankenchronik des sog. Hunibald: ebenfalls eine Fälschung, die nicht einmal durch den erbaulichen Zweck entschuldigt werden kann. Die Absicht dieses plumpen Betruges ist, die Lücken der gesicherten Ueberlieferung der ältesten fränkischen Geschichte auszufüllen und sie so weit als möglich in das entfernteste Alterthum zurückzuführen. Schon seine Zeitgenossen haben aber sich des Verdachtes gegen die Glaubwürdigkeit dieser Erfindung nicht erwehren können, und selbst Kaiser Max, so zugänglich er sonst für historische Kühnheiten war, hielt mit seinen Zweifeln über die Echtheit des [630] Hunibald nicht zurück. Heut zu Tage bestreitet kaum Jemand noch den Betrug, höchstens daß man T. als den Betrogenen zu entlasten versucht, aber auch diese Milderung kann vor der echten historischen Gewissenhaftigkeit nicht bestehen, und es bleibt noch immer zu bedauern, daß ein Mann wie Görres, noch dazu in seiner noch nicht verbitterten Epoche, der Versuchung nicht widerstehen konnte, für T. eine Lanze zu brechen. Immerhin muß man es beklagen, daß ein so reiches Talent zu solcher Entartung greifen konnte, denn wer möchte in Abrede stellen, daß T. im übrigen mehr als mancher seiner concurrirenden Zeitgenossen zum Geschichtschreiber beanlagt war, wie die Darstellung des 14. und 15. Jahrhunderts in den Annales Hirs. unverkennbar darthut. Nach einer nicht unglaubwürdigen Ueberlieferung soll sich T. in den letzten Jahren seines Lebens mit dem Plane, eine ausführliche deutsche Geschichte zu schreiben, getragen haben, indeß trat der Tod der Ausführung dieses Planes entgegen. T. starb zu Würzburg am 13. December 1516.

Es kann nicht unsere Absicht sein, an dieser Stelle die überaus zahlreiche ältere und noch mehr neuere Litteratur über T. anzuführen. Ich verweise für diesen Zweck zunächst auf meine Geschichte der deutschen Historiographie S. 68, 69, 74, Anm. Die neueste Monographie von T. hat Prof. Silbernagel (Landshut 1868) zum Verf. Von besonderer Wichtigkeit über T. als Historiker sind: C. Wolff, Joh. Trithemius und die älteste Geschichte des Klosters Hirsau, und Helmsdörfer, Forschungen zur Geschichte des Abtes Wilhelm von Hirschau (Göttingen 1874). Neuere Versuche, die erwähnten Anklagen gegen T. zu entkräften, dürfen wohl dahingestellt bleiben.

Wegele.