ADB:Wernicke, Christian
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WeMicke: Christian W. (Wernigke, Warneck u. s. w.), Epigrammatiker, sagt, er sei „von Abkunft väterlicher Seite ein Sachse, von mütterlicher Seite ein Engelländer und von Geburt ein Preuße“. Erst 1888 hat Neubaur seine Jugendzeit, Elias den weiteren Lebensgang aufgeklärt. Der Vater Johannes, Stadtsecretär in Elbing, aus Alsleben, hatte sich 1647 mit Cordula Smith von Cuerdley, die einem alten englischen Adelsgeschlechte entstammte, vermählt. Als ihr zweitts Kind wurde unser W. im Januar 1661 geboren. Schon 1669 des Vaters beraubt, durchlief er frühreif die Schulen Elbings und Thorns und zeigte sich fiebzehnjährig als flinken Schwulstpoeten: „Die vom Himmel-Aganippen herstammende Krippen-Klippen beehret mit ungeschikten Lippen Christian Wernigke D. F. K. B.“ Wirklich der freien Künste beflissen, mit mannigfachen, besonders sprachlichen und litterarischen Kenntnissen ausgestattet, wandte er sich nach Hamburg und studirte seit 1680 bei Morhof in Kiel, aus dessen „Polyhistor“ er lernte, ohne sich an seine so dürre StubenpOesie zu binden. Drei Jahre lang bei Rantzaus in Stellung, feierte er die Gräfin Katharina Hedwig als Amaryllis und verfaßte einige saubere Eklogen, die mit den landläufigen blümeranten Schäfereien wenig gemein haben. Er schloß bedeutende dänische Verbindungen und wirkte längere Zeit als politischer Privatagent .in Engkand, bis ihn unliebsame Wirren nach Hamburg führten, wo er sich wieder der Litteratur zuwandte (Vorrede 1 704: es ward „der längst entschlassene poetische Geist wiederum erwecket“), satirische Händel mit Postel und Hunold ausfocht und mit Hagedorn’s Vater befreundet war. Seit 1708 war er dänischer Gesandter in Paris!- unter Ludwig R17. und der Regentschaft; eine Masse diplomatischer Arten hat Elias ans Licht gezogen. Gewiß nicht ohne eigene Schuld gerieth der selbstbewußte, herbe Mann in Hader und Bedrängniß; auch durch Krankheit gebrochen, verließ er Frankreich, um in Kopenhagen am 5. September 1725 zu sterben.
Seine Dichtungen lassen sich in einem schmalen Band zusammenfassen, und W. hat früh geschwiegen. Bodmer erneuerte 1740 das Pamphlet gegen Postel, 1749 die „Ueberschriften“, von denen zuletzt L. Fulda in Spemann’s „Nationallitteratur“ Bd. 39 eine gute Ausswahl bietet; eine kritische Ausgabe ist dringend zu wünschen und seit längerer Zeit von Elias versprochen. Etliche Cpigramme sind den Engländern durch Coleridge vermittelt worden. W. darf alz geistreichste1–, freister deutscher Schriftsteller auf der Scheide des 17. und des 18. Jahrhunderts gelten. Lessing hat ihm sein Lob nicht versagt; Hagedorn rühmt ihn früher: „Wer hat nachdrücklicher den scharfen Witz erreichs . . . An Sprach` und Wohllaut ifts er leicht, an Geist sehr schwer zu übertreffen.“ Gegen seine Form erhebt Gervinus, und wer dem ausgezeichneten Historiker nachschreibt, ungerechte Anklagen, denn lateinisch-Logauische Satzgebilde wie „So schön! daß einer nicht, die schöner ist, kan mahlen“ sind bei W. sehr selten; auch hat Gervinus irrthümlich den nur auf daß 10. anekdotische Buch bezüglichen Wink Wernicke’s, daß er „was andre wol erfunden, wol erzehle“, Verallgemeinert, da es doch den andern Büchern nicht an einer Fülle von eigenen Gedanken und Motiven gebricht und W.-, allerdings nur hie und da dem lyrischen Sinngedicht Logau’s sich nähernd, die ausgetretenen Geleise Owen’s verläßt, ohne sk1avisch dem [91] Mßrtial zu folgen. Er will mit Uebertragungen aus Sannazaro begonnen ha en.“
1697 erschienen „Ueberschriffte [so] oder Epigrammata“: das 1. Buch, das spätere 2. und 24 Nummern des 3., wol ziemlich getreu nach der Jugendhandschrift; aber sechs Bücher waren schon länger fertig. Das Jahr 1701 brachte acht Bücher, der „Poetische Versuch“ 1704 deren zehn, so daßHwir die meisten Epigramme in zwei oder drei Redactionen besitzen, denn W. ließ sich, Sinn und Vers umbildend, Boileau’s x-times (1ono 1A r-1ison und das Stilgebot p01js1e 8mi8 (:es ed 1S rspo1jses gesagt sein. In J. G. Meister’s verständigen „Unvorgreifflichen Gedancken von teutschen Epigrammatibutz“, die es scharf mit dem hochnäfigen Bouhours zu thun haben und die Entwicklung der Gattung bei unis seit Opitz verfolgen, wird der „Anonymus schon 1698 belobt, nur sei er manchmal etwas „obscur“; öffentlich aber finden wir den Meister des Epigramms erst 1708 außerhalb der Hamburgischen Polemik mit Namen genam1t. Eine vornehme, kühle, stolze Natur widmet W. seinen Anfängen in späteren Vorreden und Noten und Aenderungen, als er z. B. daß erste Buch auflöste, eine scharfe Selbstkritik. War er ehemals mit der Wendung, der Centaur reite auf sich, wohlzufrieden gewesen, so schalt er das nun bj28rrzmznt9 p91188„t0. Jugendliche Heroiden, in denen auch er dem unvermeidlichen Mariniömus und zugleich der gräflichen Amaryllis gehuldigt, parodirte er mit frivolem Spott über die Abälard und Eginhard, dieselben Schläge gegen sich selbst und das früh verlassene Vorbild Hofmannswaldau kehrend, dessen Heldenbriefen er auch mit-burlesken Knittelreimen antwortete. Sonst ist seine Form der Alexandriner, und in dies Maß streckt er gern ältere Kurzzeilen, ohne deshalb leeres Füllsel anzubringen; vielmehr geht seine Form auf das Gedrungene, Präcise, Gespitzte aus. „Wie Funken die aus Stahl zerstreut zu springen pflegen“ seien die Epigramme, sagt er, ein praktischer Vorgänger der Lessing’schen Lehre von der Ueberraschung. Er ist von Haus aus Viel streitlustiger, stachliger, maliciöser, persönlicher als Logan und verschmäht die stumpfe Weibersatire des Helden Rachel, aber auch die ungehobelte plattdeutsche Landskraft Lauremberg’s. Er gewinnt auch stereotypen Vorwürfen witzig eine neue Seite ab, und seine ergötzliche Frivolität – wem: etwa der junge Ehemann recht zeitig aufsteht, um sich auszuruhen – wird nie unfauber. Auch die harmlose Luftigkeit fehlt nicht: der dumme Mönch katalogisirt ein hebräisches Werk als „noch ein Buch das an dem End anfänget“. Aber scharfe Ironie, treffficherer Hohn waltet vor bei diesem weltklugen Mann, der die ungebildeten Edelleute und den hüstelnden bedächtigen Diplomaten abschildert und vom Hofleben nicht blos aus litterarischer Ueberlieferung berichtet. Manchmal verfällt er einem unbehaglichen Pessin1isismus, sich selbst am wenigsten schonend: er erschrecke vor seinem Spiegelbild. Aristokratisch wehrt er den r Pöbel, den Pickelhäring Diogenes, daß Put)Penspiel, das derbe Volksmäßige ab und unterscheidet sich so weit von dem Verfasser der „Veer Scherzgedichte“, daß er höhnt, Thrax schelte daß Hochdeutsch verlogen: „er glaubet es besteh die deutsche Redlichkeit In Grobheit und in N1eder Sächscher Sprach.“ Gern sehen– wir ihn dieselbe schroffe Haltung gegen geckenhafte Deutschfranzosen, noch lieber als Protestanten höherer Ordnung gegen Religionszänker herauiJ-kehren. Philosophisch reichgebildet, in alter und moderner Litteratur ungemein belesen, huldigt er mit Boileau, vom Dichter vollständige Kenntniß der Welt, zumal des Hofes fordernd, einer vornehmen Poetik. Wir beobachten die Verseinerung seines Geschmacks, wenn er allg:-mach vom Lob oder Halblob der ungleichen Schlesier Lohenstein und Hofmannswaldau zu Angriffen und Todesurtheilen übergeht, ganze Sträuße des sinnlich wuchernden oder absurd ausschweifenden Schwulstes zerzaust, kauderwälsche Tropen belacht, Epigramme auf die Marmelballen und [92] Ambmtöpfe schnellt, ironische Musterverzeichnisse anlegt und des neuen bon S8ns voll den deutschen Dichtern sagt: eure Schönen sind ja nur leblose Steinbilder mit Achataugen, Rubinlippen, Alabasterbusen, euer Sang ein bloßes Schellenspiel, eure ganze Kunst „ein unverständlich Nichts durch aufgeblasne Wort in wohlgezehlte Reim zu bringen“. Auch die Nürnberger Klingeldichter verspottet er. Seine Angriffe auf Hofmannswaldau’s Briefe und einzelne Verse Lohenstein’s riefen den lahmen Sänger Wittekind’s, Poste! in Harnisch gegen den Wecknarr oder Narrweck – W. antwortete weitschweifig 1701 mit dem „Heldengedicht Hans Sachs genannt“, dessen Motiv, Stelpos Krönung, sammt den billigen Namenwitzen dann in den Fehden zwischen Leipzig und Zürich fortspukt. Darauf griff der liederliche Litterat Hunold9Menantes die Epigramme an und gab, von W. 1704 S. 301, 324 ff. als „deutscher Mävius vetnichtend abgefettigt, eine an sogenannten Retourkutschen, aber auch an Personalien reiche Komödie „Der thörichte Pritschmeister“ zum besten, um W. durch Geträtsch über bedenkliche Londoner Abenteuer menschlich und durch die Aufdeckung von Plagiaten – doch s handelt es sich nur um unbe-wußte Reminiscenzen auß den Alten, aus Richelet u. a. – litterarisch bloßzustellen. Diese Händel wecken kein tiefereis Interesse; die Hauptsache ist Wernicke’s überlegene Stellung mitten in den großen ftilistischen Auseinandersetzungen seiner Zeit. Den Bouhourso, der einen ber 08p1–jt in Deutschland für unmöglich erklärte, hat W. nicht blos durch patriotische Entrüstung widerlegt, gegen die schlechten Uebersetzer oder gegen den Purismus Zesen’s und andrer wohlmeinender Wäscher sich auf die hohe Warte einer internationalen Bildung und zugleich einer nationalen Gesinnung geschwungen: er machte den dreisten Witz „Die deutsche Sprach hat die Franzofen“, aber er betonte auch, die Nachbarn seien allerdings unsre Lehrer in der „sogenannten O1–jtjquO“. Der schlesische Schwulst ist ihm eine Krankheit. Er predigt Vernunft wie Boileau:
y Der Abschnits gut. Der Vers fließt wohl. Der Reim? geschickt. Daß Wors in Ordnung. Nichts als der Verstand verrückt.
Aber kräftiger als der Meister des Art poestjque wiederholt er die paulinische Losung, für Kinder sei die Milch, für Männer starke Spe1se, und der Gegner niederdeutscher Dialektpoesie ist doch zu eigenrichtig, um sich eine cortecte Sprache dictiren zu lassen und meißnischer oder schlesischer Anmaßung gegenüber auf seine „pre1;ßischen“ Wörter zu verzichten. Klar scheidet er zwei Richtungen, den Marinismus und die zu niedrige Schreibart Chr. Weise’s, und erwartet Heil vom preußischen Hofe (d. h. Von Voileauisch gebildeten Männern wie Canitz): „sintemahl sich an demselben einige vornehme Hoffleute hervor gethan, welche Ordnung zu der Erfindung; Verstand und Absehn zur Sinnligkeit; und Nach- K druck zur Reinligkeit der Sprache in ihren Gedichten zu setzen gewust.“ Gewiß hat der Mann, der den Schulfuchs witzig verlachte, nach welchem „keiner lesen kan, als der mit Brillen lieset“, die Litteratur seinerseits oft durch das Glas eines ironischen Diplomaten betrachtet, aber wir kennen vor Liscow, ja vos . Lessing keinen klareren, gescheiteren Kopf. Vgl. auch Herder’s „Adrastea“. Goedeke Z, s9. – L. Neubaur, Jugendgedichte von Christian Wernigke, Königsberg 1888 (Altpreußische Monatsschrift Bd. 25); vgl. Anzeiger der Zeitschrift für deutsches Alterthum 33, 341. – J. Elias, Christian Wernicke. 1. Buch [Biographie; die Vorrede skizzirt nur ganz kurz den Inhalt des 2. und Kritik, Polemik; Cpigrammatik], Münchener Dissertation 1888. Portrait und Faesimile in Könnecke’s Bilderatlas.