ADB:Westphal, Rudolf
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Westphal: Rudolf Georg Hermann W. wurde am 3. Juli 1826 zu Obernkirchen in dem damals kurhessischen, jetzt preußischen Antheil der Grafschaft Schaumburg geboren. Der Vater war Markscheider an dem schaumburgischen Kohlenbergwerke, Sohn des Pastors Westphal in Hattendorf, eines gelehrten Theologen und tüchtigen Kanzelredners, der eine Vocation als Hofprediger nach Kassel ausgeschlagen hatte, die Mutter die schöne und kluge Tochter des fürstlich bückeburgischen Erbpachtsmüllers Becker. Es war ein blühendes und ehrenfestes altniedersächsisches Geschlecht, dem Rudolf angehörte; von seinen sechs väterlichen Oheimen waren zwei hessische Pastoren, einer Musikdirector an der Universität Jena, dann in Weimar, wo er mit Goethe verkehrte, einer Arzt, Amtsrichter, Landwirth, ein mütterlicher Oheim bückeburgischer Pastor und Kirchenrath. Der lebhafte Verkehr der Verwandten unter einander brachte Rudolf frühzeitig vielseitige Anregung, vor allem aber war der Geist der elterlichen Familie für ihn überaus günstig. Der Vater war ein genialbegabter, sinnig-ruhiger Mann, ein ausgezeichneter Mathematiker und Mechaniker, der in der bergmännischen Technik wichtige Erfindungen gemacht hatte, allgemein verehrt wegen seines edlen Charakters und der unermüdlichen Fürsorge für das Wohl seiner Bergleute. In seinen freien Stunden widmete er sich der Musik, die er von frühester Jugend an mit stiller Leidenschaft liebte; sein ebenso technisch-vollendetes wie tief empfundenes und verständnißvolles Spiel auf seiner Bologneser Geige riß auch den Sachverständigen zur Bewunderung fort. Das Verhältniß der Ehegatten zu einander war das denkbar zarteste und innigste. „Niemals wurde in der Familie ein unziemliches oder heftiges Wort gehört, man schwamm in einem Ocean von Liebe, hohe Geistesbildung war mit der edelsten Herzensbildung und mit allen Tugenden vereinigt, die das Leben beglücken können“, sagte zu mir der Pastor B. in Obernkirchen bei dem Leichenbegängnisse deS Vaters. In solcher Umgebung wuchs Rudolf unter der aufmerksamen Fürsorge und der innigsten Liebe der Eltern auf, – er erbte die geniale Begabung des Vaters und den liebenswürdigen Frohsinn der Mutter, zugleich die edle Gesittung und das warme sanfte Gefühlsleben beider. In der Elementarschule zeichnete er sich so aus, daß er von den Mitschülern „Professor“ genannt wurde, frühzeitig beschäftigte er sich mit der Bibel, namentlich mit dem A. T., in welchem er Stammbäume und chronologische Untersuchungen machte, in der „Kinderlehre“, die öffentlich in der Kirche gehalten wurde, riefen seine Kenntnisse das Staunen der Gemeinde hervor, als Kirchensänger hatte er wegen seiner schönen Stimme und seines frommen Vortrags den besten Ruf, besonders aber zeigte er in dem mathematischen Unterricht, den sein Vater jungen Bergleuten gab, eine außerordentliche Schärfe der Auffassung und selbständiges Nachdenken. Das Clavierspiel begann er frühzeitig zu treiben und bewährte hierbei in dem Verständniß bedeutender Compositionen einen so hohen Grad, daß einst der Oheim aus Weimar, der gerade zu Besuch war, in Rudolf’s Zimmer mit den Worten stürzte: „Junge, Du spielst ja wie Liszt“. Sein Gemüthsleben entwickelte sich hauptsächlich im Verkehr mit der [206] Mutter und den beiden Schwestern, welche den Bruder schwärmerisch liebten; auch die letzteren waren in musikalischer wie in anderer Beziehung hoch begabt, immer die ersten in der Schule und von wahrhaft seraphischem Charakter. Ein noch vorhandenes Gedicht, welche8 er der Ueberreichung einer Ouvertüre an die ältere Schwester beigelegt hatte, ist inhaltlich und formell entschieden anerkennenswerth. Ostern 1841 wurde W. als Secundaner in das fürstliche Gymnasium zu Bückeburg aufgenommen. Hier fühlte er sich besonders durch den Mathematiker Breithaupt und den Director Burchard, einen vortrefflichen Pädagogen, Schüler Buttmann’8, angeregt. Dem letzteren widmete er die dritte Auflage der »Griechischen Rhythmik" in Erinnerung an den Einfluß, welchen Vurchard durch den Vortrag homerischer Hexameter ,,im frischen, freien Rhythmu8 und nach den rhythmischen Cäfuren« auf sein rhythmischeZ Gefühl dauernd ausgeübt habe. Auch daß lebhafte Jnteresse für Grammatik, das er schon in der Elementarschule bewährt hatte, wurde durch Burchard in ihm erhöht und befriedigt. Daß mir vorliegende Zeugnißbuch sagt: »Er darf mit Recht zu den vorzüglichsten Schülern unserS Gymnasiums gerechnet werden und wird hoffentlich diesen Ruhm für die Folgezeit bewahren"; die Prädicate sind in den Hauptfächern meist ersten Ranges. Durch eine kurfürftliche Verordnung, welche den MaturitätSzeugnissen nicht- hessischer Gymnasien die Geltung versagte, wurde W. genöthigt an das kur- hessische Gymnasium in dem benachbarten Rinteln überzugehen. Die Abschied?-- censur von Bückeburg schließt mit den Worten: »Recht schmerzlich ift unZ die Trennung von einem so wohlgesitteten und fleißigen Schüler, wie Rudolf sich stets?- bei uuS zeigte«. JN Rinteln waren eö besonders die deutschen Aufsätze (namentlich ein Aufsatz über Jean Paul, dem er sich innerlich verwandt fühlte) aber auch wiederum die Mathematik, welche die Aufmerksamkeit der Lehrer auf Westphal? Talent lenkten. Unterdessen hatte seine Neigung zu musikalischer Beschäftigung so zugenommen, daß er öfterZ besonders in den Ferien Tag und Nacht auf seinem Spii1ett (»HauZkater« genannt) hindurchraste und in Gefahr gerieth manche seiner Schularbeiten zu versäumen. Datz Uebermaß dieser schwärme«:isch-leidenschaftlichen Beschäftigung hat wol zuerst das excentrische Wesen zum Durchbruch gebracht, daS ihn unbewußt plötzlich dann und wann überraschen konnte und später zum Verhängniß seine?- Lebens wurde. Ostern 1845 bestand er das MaturitätSexamen und bezog die Universität Marburg, um Theologie zu studiren und nach dem Willen der Mutter dereinst bücke- burgischer Pastor zu werden. Jn Marburg hörte er pflichtgemäß zunächst theologische Vorlesungen bei dem damal8 in höchster Vlüthe stehenden Professor Thiersch, der ihn durch sein tiefsinnig-mystische8 und zugleich tief-fromme8 Wesen sehr anzog, und bei dem Kirchenhistoriker Henke, bald aber schloß er sich mehr und mehr an Prosessor Gildemeister an, der ihm zuerst durch altteftamentliche Vorlesungen bekannt wurde, und einen so nachhaltigen Einfluß auf ihn au?-übte, daß sich W. kurz- weg als »Schüler Gildemeister’S« zu bezeichnen pflegte. Hier eröffnete sich ihm eine ungeahnte Welt, e1 orjSm;S 1u2c! Mit höchstem Enthusiasmus und glühen- dem Eifer begann er Sand;-krit und Arabisch zu lernen, in dem er solche Fort- schritte machte, daß Gildemeister ihm allein einen besonderen Uebuug-ScursuS gab; mit ganz besonderem Jnteresse aber hörte er die Vorlesungen über vergleichende indogermanische und semitische Grammatik, die er mit selbständigem Nachdenken dz-rchdrang und in der er sich schon eigene Ansichten zu bilden begann. Zum Zwecke der vergleichenden indogermanischen Grammatik lernte er Altnordisch, Angelsächfisch und Gothisch bei Professor Franz Dietrich und beschäftigte sich mit keltischen und slavischen Grammatiken und Lexika. Auch die Vorlesungen [207] Gildemeister’S über Encyklopädie der semitischen Philologie, indischeAlterthumS- kunde, Einleitung in das N. T., Exegese der Apokalypse u. s. w. beschäftigten ihn lebhaft. Die Musik trat schon wegen des Mangels- an einem Jnstrumente zurück, dagegen führte ihn seine alte Liebe zur Mathematik in die Vorlesungen des Prof. Hessel über Jntegral- und Disserentialrechnung, in denen er sich als den »besten mathematischen Kopf" zeigte. Ein Wendepunkt trat 1846 infolge unserer Bekanntschaft ein. Da ich hierüber in der Vorrede zu der dritten Auflage der von mir bearbeiteten ,,Grie- chischen Metrik mit besonderer Rücksicht auf die Strophengattungen und die übrigen melischen Metro." (Band Z der »Theorie der musifchen Künste der Hellenen«) auSführlich gehandelt habe, so begnüge ich mich. mit einigen An- H deutuugen. Jch zog W. in die classische Philologie, er mich in die vergleichende Grammatik. ES war eine überaus glückliche Zeit gemeinsamen StrebenZ und geistigen AuZtausche8 in wissenschaftlichen Unterhaltungen und Studien, die sich häufig die ganze Nacht bi4S zum hellen Morgen auSdehnten. Jch theilte ihm hierbei meine Ansichten über die Neugestaltung der antiken Metrik gegenüber dem Systeme meines Lehrers G. Hermann mit, ohne daß wir aber damals an eine spätere gemeinsame Arbeit dachten. W. gab von da au den Gedanken an eine pastorale Zukunft um so mehr auf, als die Bekanntschaft mit der Hegel- schen Philosophie und mit den Anschauungen von D. Fr. Strauß, L. A. Feuer- bach u. A. ihm den Gedanken daran schon längst verleidet hatte, ——— er ließ sich nunmehr als 8tu(:1jo8uS 1J11j1o1Ogj8»e immatriculiren. Die Ruhe deS Studiums war bisher schon bisweilen durch die lebhafte Theilnahme an dem Geschicke des unglücklichen Professors Sylvester Jordan, de8 patriotischen KämpferS für Verfassungs-mäßige Freiheit. det oben auf der Burg im Gesängnisse saß und mit bleichem Gesichte biSweilen am Fenster erschien, sowie durch die allgemeine Ent- rüstung über die polizeiliche Willkürherrschaft und die Unterdrückung deZ freien Denken-S getrübt worden. Da erfcholl im Februar 1848 der Ruf: »Revolution in Par.iS!« Die französischen Nachrichten durchzuckten Europa wie Blitze, denen die grollenden Donner über die schmachvollen Zustände in Deutschland folgten. Ju Marburg VolkSversammlung auf dem Rathhause (vor wenigen Tagen ein noch fast todeZwürdigeZ Verbrechen) mit Anwesenheit der angesehensten Pro- fessoren, Rede von Jordan, der unterdessen frei geworden war, unter ungeheurem Jubel, Läuten der Sturmglocken, allgemeine Bewaffnung u. f. w.! Fast alle Studenten, am meisten gerade die fähigsten und am idealsten gesinnten wurden von einem wilden Taumel fieberhafter politischer Aufregung und eines zeitweilig regellosen Lebens fortgerissen. Auch auf Westphal’S ohnehin leicht excentrischeZ Gemüth haben die damaligen Zustände einen ungünstigen Einfluß ausgeübt. Oft arbeitete er später viele Wochen Tag und Nacht in der angestrengtesten Weise und in weltentrückter Stille bedürfnißlosS und felbstloS in feine Wissen- schaft vertieft, dann aber suchte er plötzlich Erholung von der Abspannung mit seinen Commilitonen in rauschenden Symposien, denen er sich unbedacht mit der ganzen Lebhaftigkeit seines Temperamente3 hingab. Der Abschluß seiner akade- mischen Studien war insofern ungünstig, als er sie weder auf den zukünftigen Pastor noch den künftigen Gymnasiallehrer zugeschnitten hatte, — er hatte aber mehr erreicht alS dietz, er war in den Fächern, die er studirt hatte, ein Gelehrter und selbständiger Forscher geworden, ——— mithin war er auf die damalS sehr un- sichere und dornige Bahn als Univerfität53lehrer angewiesen. Bei feinem Abschiede von Marburg schenkte ihm fein Lehrer Gildemeister in Anerkennung seiner fleißigen Studien und seineS ungewöhnlichen TalenteZ Westergaard’S ru(1j(:08 1j11gu88 8em8Orjtj(:80 mit der Mahnung, den sprachver- gleichenden Studien treu zu bleiben. Mißvergnügt über seine sehr unsichere [208] Zukunft und über die AuZfichtSlosigkeit auf die sehnlichst gewünschte Verlobung. mit einer Cousine, MPO zu der er eine schwärm erische Neigung tiefPim Herzen trug, begab sich W. in seine elterliche Familie; wohin ich, der Elternlose, ihm auf seine Einladung folgte. Wir » lasen zusammen griechische Dichter und studirten für vergleichende Zwecke Vurnouf’S c:0m111e11tzjre Sur 1e sm;n9.-; Zend war in Marburg nicht gelesen worden. Ju einigen Partien de3 Avesta-Textes, den wir lasen, glaubte ich Metren zu bemerken, W. ging sofort darauf ein und entdeckte noch an demselben Tage in ungemein scharffinniger Weise den silbenzählenden VerZbau deö Avesta, der später in glänzender Weise bestätigt wurde. Von dieser Zeit an wurde er nicht müde, den ältesten metrischen Principien nachzuforschen, wie auch seine HabilitationZdissertation beweist, aber erst im J. 1860, zwölf Jahre nach der ersten Entdeckung veröffentlichte er die ersten Resultate: »Zur vergleichenden Metrik der indogermanifchen Völker« (Zeitschr. f. vergleichende Sprachforschung 1X, 437 ff.) ES ift heutzutage allgemein anerkannt, daß W. nicht allein die Zendmetren in allen wesentlichen Punkten zuerst erkannte, son- dern daß er auch das iudogermanische Urmetrum entdeckte und daß er hiermit der Gründer einer neuen Wissenschaft, der vergleichenden Metrik, geworden ist. Leider ift er bei den Jrrgängen seines Lebens nicht dazu gekommen, seine Ent- deckungen zu der Reife zu führen, wie er unter anderen Umständen vermocht hätte; aber auch so bleibt seine letzte im einzelnen recht mangelhafte Publica- tion, welche erst durch die Mühewaltung seines edlen Freundes, des Professors H. Gleditsch in Berlin, zum Abschluß gebracht werden konnte, doch ein Buch großer Gedanken, das die Nörgelei kleiner Leute nicht zu verdunkeln vermag: »Allgemeine Metrik der indogermanischen und semitischen Völker auf Grundlage der vergleichenden Sprachwissenschaft« (Berlin 1892). Ju derselben Zeit seines AufenthalteB in der elterlichen Familie fand er auch daß Au8laut2gesetz im Gothifchen, das er erst 1852 in der Zeitschrift f. vgl. Sprachf. 1l, 161 publi- cirte. ES fand rasch die Anerkennung von J. Grimm, Keller und Stenzler und gab den JmpulZ zu ähnlichen Forschungen Anderer, die W. zum Theil schon selbst gemacht, aber noch nicht veröffentlicht hatte. Ju Obernkirchen reifte der Entschluß zu unserer gemeinsamen Habilitation in Tübingen, wobei der Gedanke aus der dumpfen Atmosphäre KurhessenZ in die frische Bergluft der schwäbischen Alpen und in das freie GeisteSleben der schwäbischen Universität, die damalz eine bedeutende Anzahl von Männern ersten Ranges enthielt, überzusiedeln, erheblich mitwirkte. Bei unserer Promotion als Doctoren der Philosophie (e8 war in Hessen keine Sitte so frühzeitig wie in Preußen zu promoviren) wurde uns unbeschränkte Anerkennung zu Theil, die Abhandlungen wurden aber nach damaliger Sitte nicht gedruckt. Zum Zwecke der Habilitation reichte W. eine kleine Abhandlung ,,Ueber die Form der ältesten lateinischen Poesie" ein. Sie enthielt wiederum einen bedeutenden GährungS- stoff, der die Veranlassung zu einer ganzen Reihe von theilZ zustimmenden, theilS widerfprechenden Abhandlungen Anderer geworden ist: Die ältesten Sa- tumier seien accentuirende Verse gewesen wie die Verse der altskandinavischen Edda ohne Rücksicht auf Prosodie und die Zahl der thetischen Sylben, aber mit bestimmter Zahl der Hebungen und mit Neigung zur Alliteration. Auch diese Frage bildet einen wesentlichen Beftandtheil der vergleichenden Metrik, die schon damals W. vorschwebte, obwol er noch keine Specialftudien in der griechischen Metrik gemacht hatte, zu denen er erst durch meine Beschäftigung mit Pindar und den griechischen Tragikern, die ich alZ Schüler G. Hermann’Z schon in Leipzig energisch begonnen hatte, bewogen wurde; Daß Weitere erzählt W. selbst in der Vorrede seineS mir gewidmeten Buche8 ,,Fragmente und Lehrsätze der griechischen Rhythmiker«. Jch übernahm das schwierige und wegen des [209] f ragmentarischen Zustandes entsagungSvolle Studium der griechischen Rhythm iker, er daß noch schwierigere und weiter greifende der griechischen Musiker. Nach strammer, harter Arbeit erschien von mir 1854 die »Griechische Rhythmik" alS s erster Theil der »Metrik der griechischen Dramatiker und Lyriker nebst dn be- gleitenden musischen Künsten.« Nach unauZgesetzter gemeinsamer Thätigkeit mit Aufwendung aller unserer Kräfte folgte 1856 alZ dritter Theil (vor dem zweiten, den W. erst später erscheinen ließ) die »Griechische Metrik nach den einzelnen Strophengattungen Und metrischen Stilarten nebst den begleitenden musischen Künsten von A. Roßbach und R. Weftphal«. ES würde zu weit führen die Unterschiede unserer Metrik von der Hermann’schen und Böckh’schen hervor- zuheben, ich verweise hierüber auf die Vorrede zur ersten Auflage und namentlich der von mir neu bearbeiteten dritten Auflage der ,,Griechischen Metrik« (dritter Band, zweite Abtheilung der »Theorie der musischen Künste der Hellenen«). Daß Werk fand den ungetheilten Beifall der ersten Männer des Facheö, wie Böckh, Bergk, LehrZ u. A. und galt als bahubrechend. Ueber unser Verhältniß bei der Arbeit, daß anfänglich zu Ungunsten Westphal’Z, später eine lange Reihe von Jahren zu meinen Ungunsten aufgefaßt wurde, hat sich W. selbst in der Vorrede zu seinem »AriftoxenuZ von Tarent« (Leipzig 1883, S. IN1, wieder abgedruckt in der Vorrede zur dritten Auflage der Griech. Metr. S.1-) geäußert. Die Vorlesungen galten un?: in Tübingen alS Nebenfache— (obwol ich schon 1854 s außerordentl. Professor, natürlich ohne Gehalt, geworden war) und wurden nur soweit von uns berücksichtigt, alS e—S darauf ankam, unser Lehrtalent zu be- währen. W. hat von den angekündigten zu Stande gebracht Vorlesungen über griechische Grammatik vom sprachvergleichenden Standpunkte, griechische Staate.?-- alterthümer, Plato, Tibull, PlautuZ. Bei der AuSsichtSlosigkeit in Tübingen eine den Leben?-bedürfnissen genügende Stellung zu gewinnen, folgte mir W. 1856 nach BreSlau, wohin ich alS ordent- licher Professor der classischen Philologie berufen worden war. Er führte sich in Breslau, wo 1857 die Philologenversammlung gehalten wurde, durch einen Vor- trag ,,Ueber Terpander und die früheste Entwicklung der griechischen Lyrik. Verhandlungen der )c7111. Versammlung deutscher Philologen in BreZlau« ein, der wichtige Beiträge zu damals noch recht dunkeln Partien der ältesten Ge- schichte der griechischen Poesie enthält und die bisher in ihrer Wichtigkeit noch nicht erkannte Terpandreische Compofition deZ griechischen Nome8 wiedererweckte. Hier wurde W. Ende 1857 zum außerordentlichen Professor ernannt und nahm bis zu seinem Abgange Ostern 1862 eine allgemein anerkannte und bei seinen zahlreichen Zuhörern hoch angesehene Stellung alS Lehrer und Schristfteller ein. Bezüglich seiner ungewöhnlich erfolgreichen Thätigkeit al—S Lehrer haben ihm zwei seiner besten Schüler, selbst auSgezeichnete und schriftstellerisch verdiente Philologen, ein Denkmal bedeutungSvoller Pietät gesetzt. Der Gymnasialdirector Dr. JohanneS Oberdick in Breslau urtheilt: »Jhn zu hören war ein Genuß, man wurde begeistert und hingerissen von dem Gegeuf1ande, den er vortrug. C-S war ein umfangreiches Wirken, daß zu Tage trat, die Darstellung war scharf und bestimmt, der Vortrag klar und überzeugend, seine Beredsamkeit wirkte oft entzückend und geradezu faScinirend.« Eben derselbe beschreibt in der Vorrede zu seiner Au8gabe der 8u1zp1jo88 des;z Aeschylu8 den außerordentlich tiefgreifenden Einfluß, den W. in seinen philologischen Uebungen auf die Anregung der Studirenden zur Selbstthätigkeit hatte; Professor Hugo Gleditsch in Berlin in seiner Biographie Westphal’S hebt neben denselben Eigenschaften die Hiugebung und Aufopferung von Geist und Kraft, die W. dem Einzelnen widmete, die außerordentliche Anhänglichkeit und Verehrung, die er bei den [210] Studirenden genoß, hervor und bezeichnet ez als selbstverständlich, daß seine Collegien großen Beifall fanden und stark frequentirt wurden. Ein dritter Zus hörer berichtet: »Man war voll Staunen über die Vielseitigkeit de8 Wissens und ließ sich gerne erwärmen von dem Feuer des Vortrags." W. laS griechische Grammatik, lateinische Etymologie, Geschichte der griechischen Poesie, griechisch- römische Metrik, Mythologie der alten Völker und interpretirte Homer’ö JliaZ, griechische Lyriker, die Wespen kdeZ Aristophane8, den TimäueS deZ Plato, die Menächmen des Plautu2 und Catull’S Gedichte. Jn seinen wissenschaftlichen Arbeiten war er ungemein thätig. Auf die Veranlassung des Professors 1)r. Fr. Haase schrieb er zur Gedächtnißfeier für Fr. A. Wolf: »13Jm9nc18,tjone8 Ae8o11z-188o« 1859- eine Abhandlung, in der er feine geniale Gewandtheit in der kritischen Behandlung schwieriger Chorlieder der griechischen Tragiker und seine eminente Sprachkenntniß documentirte. Sein Hauptaugenmerk war neben seinen zahlreichen Vorlesungen der griechischen Rhythmik und Musik zugewandt, für die er unablässig die Quellen studirte. 1861 erschienen ,,Die Fragmente und die Lehrsätze der griechischen Rhythmiker. Supplement zur griechischen Rhythmik«, wodurch mein erster zwar sehr beifällig aufgenommener, aber doch nur den Anfang der Forschung enthaltender Versuch nicht allein in wesentlichen Punkten ergänzt, sondern auch vielfach berichtigt und ein fcharfsinnig emendirter Text der Rhythmiker gegeben wurde. Ju demselben Jahre veröffentlichte er einen Aufsatz über einen wichtigen Punkt der Metrik: »Ver8 und System«. (Fleckeisen’S Jahrb. f. Phil. u. Pädag. Bd. 81.) Mit besonder8 auZdauerndem, man möchte sagen, hartnäckigem Fleiße arbeitete W. in den griechischen Musikern, » die so ungemein schwierige Probleme boten. EZ ist mit Recht gesagt worden: »Das große schöpferische Talent des Verfassers bekundet sich hier noch augen- scheinlicher als in seinen früheren Werken. Die spärlich vorhandenen Nachrichten über die Musik der Griechen sind mit fo großer Umsicht und so allseitiger Combi- nation benutzt, daß dieser Zweig der Wissenschaft, für den seit 1847 nichts er- heblicheZ geleistet worden war, auf einmal einen ungeheuren Fortschritt gemacht hat." Ju derselben Weise untersuchte er die metrische Tradition det Alten systematisch, während sie bis dahin nur eklektifch und geringschätzig behandelt worden war, und erwarb sich daß Verdienst sie zuerst durchgreifend in ihrem ganzen Zusammenhange verstanden zu haben. Er gab hiervon die erste Kunde in dem Aufsatz: »Die Tradition der alten Metriker« (Philologu8 Jahrg. RR, 76——108 und 288———274). Die gesammten Resultate dieser mit der größten Anstrengung fortgesetzten und immer von neuem nachgeprüften Arbeiten waren die beiden starken Abtheilungen unserer »Metrik der griech. Dramatiker und Lyriker«; (Baud 1l, 1: »Harmonik und Melopöie der Griechen«; Band ll, 2r »Allgemeine Metrik der Griechen« 186Z und 65). Jm Zusammenhange mit seinen Studien über antike Musik hatte sich W. eine neue Au8gabe von Plutarch’8 Schrift 77:8(23 ,u0Vcme«-sg, die er mit Glück emendirte und commentirte, angelegt und fruchtbare Untersuchungen über die alten Quellen dieser besonders für die Geschichte der ältesten griechischen Lyrik wichtigen Schrift gemacht, sie erschien 1865 alt-S Theil einer unvollendet gebliebenen »Geschichte der alten und mittel- alterlichen Musik«. Jn demselben Jahre veröffentlichte er auch noch eine zu- sammenfassende Darstellung: »System der antiken Rhythmik«, die aus einem an sich gerechtfertigten Bedürfnisse hervorging, die haltbaren Resultate meiner Rhythmik mit den seinigen zu verschmelzen, aber schon- Spuren einer ihm später eigenen Eilfertigkeit zeigte. W. befand sich in seiner BreSlauer Stellung sehr wohl und schien einer glänzenden Zukunft entgegen zu gehen. Da kam sein Verhängniß über ihn. Die lang gehegte Hoffnung, daß sich seine Excentricität im Laufe der Zeit mäßigen würde, war nicht in Erfüllung gegangen. Die [211] Folgen seiner unl eugbaren Sorglofigkeit in der äußeren Lebensführung, namentlich in finanziellen Dingen, nöthigten ihn, seinen Abschied als Professor in Breslau zu nehmen und der bald darauf folgende Conflict mit jungen, gerade in der damaligen Zeit sehr aufgeregten Polen, welche sich durch eine harmlose, aber unbedachte Aeußerung von W. in seinen früheren Vorlesungen verletzt sühlten, wurde die Veranlassung, daß er BreSlau verließ. Seit seinem AuZtritte aus dem BreSlauer Amte sah sich W. genöthigt, meist ein unsteteS Wanderleben zu führen, er arbeitete aber in seiner Wissenschaft rüstig weiter, die ihm Eins und Alles war. Jeuer Umstand, der fast immer mit finanziellen Schwierigkeiten verbunden war, war der Grund, daß er seine schriftstellerischen Publicationen selten vollständig au8reifen lassen konnte, außer- dem war e3 ihm bei der öfteren Entfernung von größeren Bibliotheken nicht immer möglich den Fortschritten der Wissenschaft besonders in der Grammatik zu folgen, ——— alle seine Arbeiten enthalten aber originelle mehr oder minder wichtige Gedanken, wie von einsichtigen Veurtheilern z. B. von Professor 1)r. Otto CrusiuZ in Tübingen und anderen nicht selten hervorgehoben wurde. K Nach dem Abgange von BreSlau lebte W. zunächst bei seinen Eltern in Obernkirchen. Hier beschäftigte er sich besonders mit einer Au8gabe der griechischen Metriker. 1866 erschien ein erster Band, dem ein zweiter nicht gefolgt ist: »80rjpto1—e8 111(-trjoj C3j«zSoi, 701. 1. llep118»e8tjo11j8 (1S mStrjS 8nO11j1«jäjo11 c-t (1S poems-tte 1ibo11u8 cum 8(Jbo1jj8 et ’lrj(:bzS e1JjwmjS. -szc1-jec:tz e8t 1?roo1j ()b1«e8ton18.t11i8 g1«zmm-Jttj(:a.« Keiner der damaligen Philologen war durch seine Studien so sehr wie W. zu einer solchen Ausgabe berufen, aber etz fehlte ihm die Vergleichung der zahlreichen, damals noch meist unbekannten Handschriften und daS litterarische Material zur Emendation der zahlreichen Fragmente der griechischen Dichter, e5 kann daher die AuZgabe doch nur als eine einzelne brauchbare Bausteine enthaltende Vorarbeit zu einer neuen AuZgabe, die auch jetzt noch fehlt, angesehen werden. Der Wunsch in der Nähe einer großen Bibliothek zu leben führte W. nach Halle an der Saale. wo damals Wilhelm Studemund (f al8 ordentlicher Pro- fessor in Breslau) privatisirte. Er trat mit diesem sehr bald in ein intimeZ persönlicheZ V1-rhältniß, daß bis zum Tode beider in ungeschwächter Freundschaft seinen Ausdruck fand. W. theilte ihm unter anderen Resultaten feiner Forschung mit, daß die (1r0sx8?a cIg;c02-c2cc5 detz AriftoxenuS aus nachgeschriebenen Collegien- heften verschiedener Jahre hervorgegangen seien, eine ungemein fcharffinnige und wohlbegründete Ansicht, die infolge von Studemund’B Mittheilung an P. Mar- quardt von dem letzteren publicirt wurde. Die Hauptarbeit Weftphal’S war die lange vorbereitete zweite Auflage unseres metrischen Werkes, die ich ihm allein überließ: »Metrik der Griechen im Vereine mit den übrigen musischen Künsten von A. R. und R. W. Zweite Aufl. in zwei Bänden. Band 1: Rhythmik und Harmonik nebst der Geschichte der drei musischen DiSciplinen von R. W. Supplement: Die Fragmente der Rhythmiker und die Mufikreste der Griechen 1867. Band 2: Die allgemeine und specielle Metrik von R. W." Die Arbeit in den griechischen Dichtern, welche meinerseits immer die Hauptsache gewesen war, hatte W. nicht fortgesetzt, dagegen stellte er nunmehr seine umfassenden neuen Studien über die Rhythmiker, Musiker und Metriker in syftematischem Zusammenhange auSführlich dar und brachte die antiken Theorien und Termi- nologien zur consequenten Anwendung für alle Metren. Eine genaue Charak- teristik gibt Gleditsch in der auZführlichen Biographie, aus der wir folgendes heraus- heben: »Allenthalben zeigte sich in der neuen Bearbeitung die rührige Schaffenßkraft deS Verfassers ; ein so lebhafter, ideenreicher Geist wie W. begnügte sich eben nicht mit einzelnen Zusätzen, Streichungen und Vesserungen, sondern gab dem ge- [212] sammten Werke durch umfangreiche und eingreifende Umgestaltuugen ein neueS Gepräge.« Eine bedeutende Anzahl von neuen Capiteln hat sich allgemeine An- erkennung erworben, dagegen hat die Anwendung antiker Theorien mit ihrer schleppenden Terminologie auch Gegner gesunden, sodaß z. B. Th. Bergk dies specielle Mettik immer nur nach der ersten Auflage eitirte. Nebenarbeiten, die aus früheren Studien namentlich für die Vorlesungen hervorgegangen waren, veröffentlichte W. sehr rasch: ,,Catull’Z Gedichte in ihrem geschichtlichen Zu- sammeuhange übersetzt und erläutert" (1867); »Die Acharner des Aristophane8 in deutscher Uebersetzung" (1868); ,,Humoristische Lyrik dei-S klassischen Alterthum8. Uebersetzungen von R. W.« (1868). Die erste Schrift gab ein geiftreicheS, aber hie und da auch phantastisch-romanhafte8 Leben8bild des römischen DichterZ, in allen drei Publicatiouen zeigte fick) jedoch eine bewunderungSwürdige und entzückende Gewandtheit in der Uebertragung antiker Dichterwerke in gereimte deutsche Verse, die ihm viele Freunde erwarb, besonders auch ein dauerndeS FreundschastSver- hältniß zu Fritz Reuter, der in W. wie W. in ihm einen GeisteSverwaudten sah und ihn nach Eisenach zu sich einlud. Die Unsicherheit einer Subsiftenz in Halle bewog W. 1868 nach Jena überzusiedeln. Hier wurde er besonders mit Professor 1)r. Moritz Schmidt be- freundet, den er in seine neuen mötrischen Ansichten einweihte und als einen seiner treueften Anhänger bezeichnen durfte, wie Schmidt’s pindarische Arbeiten beweisen. Außer diesem nahmen sich Professor 1)1—. Conrad Vurfian und andere Mitglieder der Universität Weftphal’S in liebevoller Weise an. Freilich die Hoffnung auf eine akademische Anstellung ging nicht in Erfüllung und eine schwere Krankheit schien seinem Leben eine Grenze zu setzen. Daß finanzielle Bedürfniß nöthigte zu übereilten Publicationen, in denen wesentlich nur das von Bedeutung war, was au-? älterer Zeit stammte und auch dies konnte nicht sorgfältig genug begründet werden und mußte oft desultorisch und willkürlich erscheinen. Unbe- dingt bedeutungSvoll find die etwa schon neun Jahre früher begonnenen und großentheilZ fertig nach Jena mitgebrachten »Prolegomena zu AeschyluZ’ Tragödien« (1869). Sie enthalten bahnbrechende Untersuchungen über die Oekonomie der griechischen Tragödie, namentlich deS AeschyluS, die nach Terpandreischer CompositionSform gegliederten Chorika in Verbindung mit der Composition der pindarischen Epinikien, die amöbäischen Chorika, die dialogischen Partien und eine neue Ansicht über die PrometheuZ-Trilogie deZ AeschyluZ und haben Veranlassung zu einer nicht unbedeutenden Litteratur über »chorische Technik« und die pindarischen CompositionZgrundsätze gegeben. Die zahlreichen und um- fassenden grammatischen Veröffentlichungen Weftpha1’Z in dieser Zeit stehen und fallen zumeist mit der Anerkennung oder Nichtanerkennung deZ von W. auZ Gildemeister’eS Vorlesungen über vergleichende indogermanische und semitische Grammatik herübergenommenen, von Fr. v. Schlegel und Lassen herftammenden PrincipS, daß die Flexionen nicht auS ehemalS selbständigen, dann verwitterten und angeschmolzeuen Wurzeln, sondern auS »differenzirenden Lautelementen«, welche -k)ö(18c ihre flexivische Bedeutung erhalten haben, hervorgegangen seien. Bei dem damalZ fast noch unbedingten Glauben an die Theorien Bopp’Z und seiner Schule wurden Weftphal’S Ansichten um so mehr verworfen, als er nicht mit genügend-:m Material sorgfältig gearbeitet hatte; doch haben unbefangene Beurtheiler wie G. CurtiuS u. A. nicht allein die Selbständigkeit und Originalität der Weftphal’schen Forschungen, welche anregend wirkten, sondern auch manche Ansichten alS fruchtbare Entdeckungen anerkannt z. B. die Erklärung der kurz- vocalischen Conjunctiv-Aoriste im Griechischen und den Hervorgang des Con- junctivS Jmperfecti auS dem Optativ deS sigmatischen AoristS im Lateinischen 2c. E8 sind folgende Publicationen: »Philosophisch-historische Grammatik der [213] deutschen Sprache« (1869); »Methodische Grammatik der griechischen Sprache«. Theil l und 1l (1870—1872), nicht vollendet, in einigen Partien nahezu compilirt; »Verbalflexion der lateinischen Sprache« (1873). Entschieden ver-s dienstlich und den Meister der metrischen und rhythmischen Forschung bezeugend ist die »Theorie der neuhocl)deutschen Metrik« (1870). Eine Schrift »AristoxenuZ, — Original, Uebersetzung und Erläuterung«, von welcher ich die beiden ersten Bogen gedruckt gesehen habe, kam infolge des ConcurseS des Verleger8 nicht zur Veröffentlichung, dagegen tritt zuerst Weftphal’Z Gedanke, daß die rhyth- mischen Grundgesetze deZ Ariftoxenu8 auch in der modernen Musik enthalten seien, in der Schrift »Elemente dee musikalischen Rhythmus mit besonderer Rücksicht auf unsere Opernmusik« 1872 hervor, ein Gedanke, der ihn zu weiteren Pubicationen führte. Tief schmerzlich war für alle Freunde Westphal’S, welche
seine eminenten sprachvergleichenden Studien und seinen ehrenhaften Charakter
kannten, daö Erscheinen der »Vergleichenden Grammatik der ind ogermanischen Sprachen", Band 1 (1878), von der Kritik mit Recht al8 eine wüste Compilation gebrandmarkt, nach seinem eigenen Geständnisse »in der verzweifelten Lage seiner Familie (Frau und zwei Stiefsöhne) meist mit der Scheere auZ eigenen und fremden Büchern zusammengestellt«. Ju dieser traurigen Lage verschafften ihm seine Jenenser Freunde eine Lehr- stelle an dem ritterschaftlichen Gymnasium zu Fellin in Livland, wo er am Aristoxenu8 weiter arbeitete; die dürftigen Verhältnisse detz Gymnasiums bewogen ihn jedoch schon nach einem Jahre an das k. russische Gymnasium in Goldingen überzugehen. Ju beiden Lehrstellen wußte er, der Akademiker, den Unterricht in den classischon Sprachen und im Deutschen, auch in der Religion und privatim in der Musik mit bestem Erfolge zu geben und machte sich bei seinem anspruchs- losen und treuen Charakter in hohem Grade beliebt. Ju dem Gymnafial- programm von 1874 behandelte er »Die Formation des.3 russischen VerbumS« vom sprachvergleichenden Standpunkte in Epoche machender Weise. Diese Ab- handlung sowie seine entschiedenen Lehrerfolge und sein biederer Charakter, welche die Aufmerksamkeit deZ Professortz Leontiew bei einem Besuche, bezw. einer Revision des Gymnasiums auf sich gezogen hatten, veranlaßten Westphal’S Berufung in die akademische Abtheilung dez k. .Lyceum8 zu Moskau, in welchem ihm griechische Philologie und vergleichende Sprachsorschung al8 Fach zugewiesen wurden. Er gewann hierdurch vor allem ein sorgenfreieS Dasein (die Familie war in Deutschland zurückgeblieben und erhielt von Moskau auZ ihren Unter- halt) und wurde rasch der Mittelpunkt der philologischen Studien in Moskau, sodaß ihn die Universität zum ,,Ehrendoctor der griechischen Litteratur« ernannte. Mit inniger Freude und Genugthuung erinnerte er sich an die große Zahl von Freunden, die ihm vertrauenZvoll entgegen kamen, namentlich an Katkow, einen Mitbegründer dez Lyceum8, Professor Korsch u. A. Von besonderer Wichtigkeit war für ihn die Bekanntschaft mit dem Organiften der lutherischen Peter-PaulZ- kirche Johannes Bartz, einem auZgezeichneten Kenner der Werke von J. S. Bach, « mit dem jungen Musiker und Litteraten v. Melgunow und mit der musikalisch und litterarisch hoch gebildeten Wittwe deZ früheren Directors dez Lyceum8, Frau l)r. Gringmuth geb. v. SokolowSky, welche später seine Gattin wurde und bei seinen Dictaten die Feder führte. Hatte W. schon 1872 die Einheit der rhythmischen Gesetze des AristoxenuZ und der großen modernen Componisten im Grundriß dargestellt, so wurde nun neben dem Fortgange seiner Aristoxenu8- forschungen daß Studium moderner Meister seine hauptsächliche Beschäftigung. Die Resultate faßte er zusammen in der »Allgemeinen Theorie der musikalischen Rhythmik seit J. S. Bach auf Grundlage der antiken und unter Bezugnahme auf ihren historischen Anschluß an die mittelalterliche mit besonderer Berück- [214] sichtigung von Bachs Fugen und Beethovens Sonaten« (1—880). Vorher hatte er zusammen mit v. Melgunow erscheinen lassen: »J; S. Bach, Sieben Fugen für Piano« (1878). Später erschien: »Die C-Takt-Fugen des wohltemperierten Klavier8« (Fritzsch, Musikal. Wochenbl. R17, Nr. 19———26) und ,,Wie will Beethoven seine Klaviersonate in 0j8—mo11 (op. 27, Nr. 2) vorgetragen haben?" MPO(ebd. R17, Nr. 44——52); »Klangfuß und Klangver8 mit besonderer Beziehung auf BeethovenZ Klaviersonaten« (ebd. IN1, Nr. 27———31); »Die rhythmische Gliederung in C. M. v. Webers Rom1o brj11x-mw in 1)S8—(1ur von R. W. und B. SokolowZky« (ebd. Ic711, Nr. 42———47); ,,Der Rhythmus des gesungenen Vers,eS« (Allgem. Musikz. R7, Nr. 24—28). Wir fassen alle diese Publicationen der Kürze wegen schon hier zusammen, weil sie im engsten Zusammenhange mit der »Allgemeinen Theorie" stehen und meist als Specimina oder Jllustrationen zu dieser gelten können. Der Grundgedanke Westphal’S war, daß in den Werken der modernen Meister rhythmische Gesetze enthalten seien, die von den heutigen Mufiktheoretikern und selbst den größten Virtuosen infolge mangelnder oder ungeeigneter Bezeichnung in den Partituren, in denen fast nur der Taktstrich gebraucht werde, unbeachtet blieben, Gesetze über die Gliederung der Taktmaße nach Kola, Perioden, Systemen, eurhythmischen Strophen meist im Zusammen- hange mit der Phrasirung, ohne welche ein Verständniß dieser Compositionen sehr mangelhaft sei. Das Buch machte in der musikalischen Welt großeZ Auf- sehen. Zwei der größten Virtuofen jener Zeit, freilich in ihrem rhythmischen Vortrage nach dem Urtheil nicht weniger Sachverständiger »arge Subjectivisten« erklärten sich dagegen; Anton Rubinstein äußerte: ,,Häßliche ZwangZjacke«!« Franz Liszt: ,,beschränkt alle Freiheit de8 Vortrags, in den Papierkorb!«, auf praktische Musiker machte schon die meist fremdartige Terminologie einen ab- stoßenden Eindruck. Andere Musiker und Musikgelehrte dagegen sahen in dem Buche eine hervorragende und bahnbrechende Leistung, so Professor l)r. Philipp Spitta in Berlin, einer der bedeutendsten Vachforfcher, der das Manuscript las und ihm einen Verleger verschaffte, sodann die alZ Musiker und Mufikschriftsteller allgemein hochgeachteten 1)r. Hugo Riemann in Hamburg und l)r. Karl Fuchs in Berlin, die beide durch da8 Buch zu eigenen meist zustimmenden Publicationen über verwandte Gegenstände angeregt wurden. Der erstere schreibt im Lexikon 1882 8. v. Westphal: ,,DaS Werk ist von epochemachender Bedeutung, e5 wird einen lebhaften Anstoß zur Behandlung der musikalischen Rhythmik von neuen Gesichtspunkten aus geben, vielleicht auch kleine Veränderungen unserer Noten- schrift nach sich ziehen." Auch in Frankreich, Jtalien und England fand das Buch Beachtung, besonders durch Fran(;oi8 Auguste Gevaert, Musikdirector der großen Oper in Paris, dann Director deS ConservatoriumS in Brüssel, der auch Westphal’S Forschungen über antike Musik in seinem über denselben Gegenstand handelnden Werke würdigte, sowie durch MatthiS Lussy in Paris. Beide waren durch ihre biZherige Thätigkeit ganz besonders zu einem Urtheil berufen, der letztere namentlich durch seine Schriften »13J.ce1—oi(:e8 äS m6Ozmj8me« und »’krs--r.itö C19 1’01pre88io11 mu8:io81S«. ————— Der Wunsch der PeterZburger Aka- demie, daß W. zusammen mit v. Melgunow die russischen Volkslieder und ihre Melodien sammeln möchte, kam bei der Schwierigkeit der AuZführung nicht zur Verwirklichung, W. veröffentlichte nur einen Aufsatz ,,Ueber daß russische Volks- lied« (RuS815i.j W»j68tni1c. September 1879), ebd. »Ueber die Stamm- und Tempu2bildung deS russischen VerbumS« (1876) und ,,Ueber Kunst und Rhythmus" (1880). —— Jnfolge eineS schweren Typhus sah sich W. genöthigt nach manchen Schwankungen seiner Gesundheit und bei der Ungunst deZ Klimas, welches einen dauernden Wechsel des AufenthaltSorte8 unerläßlich machte, seinen Abschied zu nehmen, der ihm unter dem Ausdrucke der höchsten Anerkennung bewilligt wurde. [215] Da unterdessen feine Mutter, die eine- wohlhabende Schwester beerbt hatte, in die Lage gekommen war dem Sohne eine Rente aussetzen zu können, so siedelte er im Anfang März 1881 nach Leipzig über mit Rücksicht auf die dortige Bibliothek und die dortigen Firmen, die seine Verleger waren. Mit uugeschwächter GeifteZkraft setzte er seine AristoxenuSforschungen, die ,,Lieblingsaufgabe feineZ LebenS« fort. Der erste Band erschien 1883 ,,Ariftoxenu8 von Tarent, Melik und Rhythmik des klassischen HelleniSmuZ«, dem der zweite erst nach seinem Tode folgen sollte, ein Werk deZ auZdauerndsten FleißeS und bewunderung8- würdigen ScharssinneZ in der Durchdringung dez ZusammenhangS und in der Emendation der Fragmente. Abgesehen von den oben schon erwähnten in diese Zeit fallenden Abhandlungen und von einer wenig neues enthaltenden Darstellung der ,,Musik des Alterthum8« (Leipzig 1883) publicirte er gegen Ende seineS Leipziger Aufenthaltes einen mit viel Beifall aufgenommenen »Salon-Catull«: »CatullS . Buch der Lieder, deutsch von R. Westphal" und zwei Aufsätze in der Berliner philologischen Wochenschrift IR, Nr. 1——4 und 17———21, von denen det eine die »Mehrstimmigkeit oder Einstimmigkeit der griechischen Musik«, der andere »Platos Beziehung zur Musik« behandelte. Die von andern wieder in Angriff genommene ControVerse über den ,,SaturniuZ« bewog ihn zu zwei Anzeigen der Schrift von Keller Göttinger Gel. Anzeigen 1884, Nr. 9 und von Ramorino Berliner philolog. Wochenschrift 17, Nr. Z6. Unterdessen war W. im October 1888 von einem Schlaganfall betroffen worden, von dem er sich zwar bald erholte, der aber den Gedanken in ihm etweckte, in die Heimath zu Verwandten und vor allem in den Bereich seiner Mutter, die in Obernkirchen lebte, zurückzukehren. Jm Anfang October 1884 siedelte er nach Bückeburg und einige Jahre später nach dem benachbarten Stadthagen über. Sein Leben wurde nach dem Tode seiner zweiten Gattin, die ihn treu gepflegt und bei seinen Arbeiten durch Schreiben und Corrigiren der Druckbogen thätig gewesen war, immer trüber. Pläne, für die er viel vorgearbeitet hatte, wie eine »russische Grammatik" und »Neuhochdeutsche Sprach- und VerSlehre« kamen nicht mehr zur Verwirklichung. Seine Haupt- arbeit war die dritte Auflage unsereS früheren metrischen WerkeZ unter dem Titel: »Theorie der musischen Künste der Hellenen«. Er bearbeitete theil8 frühere Resultate zusammenfassend, theilS einzelne neue Untersuchungen mittheilend, österZ auch in Po1emik gegen Angriffe die »Griechische Rhythmik«, die ,,Griechische Harmonik und Melopöie« in Gemeinschaft mit seinem Freunde Hugo Gleditsch, der wichtige Abschnitte vortrefflich durchführte (zwei Bände, Leipzig 1885——1887). Da W. die Studien in den griechischen Dichtern nicht fortgesetzt hatte, so beab- sichtigte er in einem dritten Bande nur die Metren deS SophokleS und Horaz zu behandeln. Hiermit wäre unser frühereZ Werk und zwar gerade in seinem wichtigsten und am meisten gebrauchten Theile, an welchem ich nächst der Rhythmik den vorwiegenden Antheit in der ersten Auflage gehabt hatte, ver- ftümmelt worden. Jnfolge rascher Uebereinkunft übernahm ich die Umarbeitung deZ dritten Theile8, die ich unter dem Titel: »Griechische Metrik mit besonderer Rücksicht auf die Strophengattungen und die übrigen melischen Metra« (1889, 870 S.) ohne Westphal—’Z Mitwirkung und, wie ich nicht in Abrede stellen darf, im Gegensatz zu der von W. besorgten zweiten AuSgabe, mit der ich mich wenig hatte befreunden können, vor allem unter dem Gesichtspunkte durchführte, daß die Metrik aus den Dichtern hergestellt werden müsse und die Tradition der antiken Metriker und Grammatiker ein durcbau8 untergeordnete--ö Moment sei. Unter dem Namen seiner Frau v. SokolowSky publicirte W. wiederum eine Bearbeitung der griechischen Musik in der dritten Auflage von »AmbroS’ Geschichte der Musik« (1887, Band 1), wodurch die von Ambros selbst herrührende, Vielen lieb ge- wordene Darstellung nicht verbessert, sondern vollständig beseitigt wurde; außer- [216] H dem HverBffentlichte er einige Abhandlungen und Recensionen, welche —die Verthei- digung oder weitere Begründung einzelner Ansichten oder Anzeigen von Büchern enthielten. Zuletzt beschäftigte sich W. nur mit der AuZführung früherer Arbeiten, der schon oben erwähnten »Allgemeinen Metrik der indogermanischen und semitischen Völker" und des zweiten VandeS feineZ »AristoxenuS von Tarent. Berichtigter Ori- ginaltext nebst Prolegomena. Herausgegeben von Saran« (1893); beide erschienen als »opSra po8cumz« in nicht vollendet-2m Zustande. W. starb nach schwerem Leiden am 10. Juli 1892. Er hatte die Hoffnungen seiner Jugend nur theil- weise erfüllt, war aber seiner Wissenschaft unentwegt bis zu seinem Lebensende treu geblieben, ——— ein genialer, in seinem uneigennützig hohen Streben uner- müdlicher Jdealist, der die richtigen Wege durch da8 praktische Leben nicht zu finden vermochte. UnS, seinen Nächstftehenden, seinem einzigen überlebenden Ge- schwister, meiner Frau, und mir, seinem Jugend-freunde und Bruder, hat sein Andenken eine tiefe Wehmuth und eine nie ganz vemarbende Wunde zurückgelassen. AuSführliche Biographie mit einer sehr sorgfältigen u. vollständigen Liste aller Publicationen von Hugo Gleditsch, Biographisches Jahrbuch für Alterthum8- wissenschaft 1895.