ADB:Willem
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Willem: W., der Verfasser des Gedichts mu (1en s’os Reim-19r(1O ist der größte Dichter in niederländischer Sprache und der einzige, dessen Werk in die Weltlitteratur üb-erging. Sein Gedicht ist zugleich der Knotenpunkt in der Entwicklung des Thierepos im Sinne Jacob Grimm’s. Allerdings geht ihm eine Reihe von Gedichten in lateinischer und französischer Sprache voraus, welche einen Thierstaat mit dem Löwen als König, dem Bären, Wolf u. a. als Vasallen darstellen; aber so einheitlich, so sein und tief satirisch wie der Reinaert ist keins von ihnen. W. benutzt aus dem altfranzösischen Rom:-m (1O lieus.rt (S(1. Martin, Straßburg 1882 ff.) die erste Branche, die Erzählung (1S1 Juge– ment; aber nach anfänglich engem Anschluß wird er immer freier, und während das französische Dichtwerk mehr in drolligen Einzelheiten gefällt, aber als Ganzes ungleich und lose gefügt erscheint, setzt der Niederländer nicht nur Glanzstellen wie die Galgenrede de-s Fuchses hinzu, er gibt dem Ganzen erst den gleichmäßigen Zug der unheiligen Weltbibel, des ebenso durchgängigen, als scheinbar naiven Spottes auf die Ideale des Mittelalters, auf Gottes , Herren- und Frauendienst. Vortrefflich durchgeführt ist auch die Parodie des Heldem-pos. Gleich die etwa 1380 hinzugesügte Fortsetzung fällt völlig ab: sie läßt nach [264] dem Hoftag des Löwen, von welchem Reinaert glücklich entkommen ist, noch einen zweiten folgen, auf welchem er den Wolf Isegrim erst mit langen Reden, dann im Zweikampf besiegt. Diese Fortsetzung, die sich -Reinaerts Historie“ –5 nennt und als solche auch den umgearbeiteten ersten Theil, das Werk Willem’s umfaßt, ist gelehrt anstatt volksthümlich, ist grob satirisch, besonders gegen die Kirche. Immerhin ward diese Historie in einer nachmaligen, vermuthlich von Henrik van Alkmer herrührenden Bearbeitung gegen 1487 gedruckt und gab hierdurch die Vorlage ab für den niederdeutschen Rej111ce (1o 7os, der Lübeck 1498 gedruckt, als Origina1werk und Stols der niederdeutschen Litteratur galt und mehrmalige Uebersetzungen in vielen Sprachen, 1794 auch die dichterische Bearbeitung Goethe’s hervortief. Aus dem alten niederländischen Druck ging eine Prosa hervor, welche früh ins Englische überging und für ein niederländisches Volksbuch von 1564 (Neudruck Paderborn 1876) und dessen z. Th. in katholischem Sinn gereinigte Wiederholungen die Grundlage darbot. Aus diesem Volks buch sind wenigstens einzelne der Hottentottenfabeln geschöpft, die W. H. J. Bleek, Reineke Fuchs in Afrika, Weimar 1870, veröffentlicht hat; auch die spaßhaft verdrehten Thiererzäl)lungen der Neger in Nordamerika, welche unter dem Namen des Erzählers llt1o1e RSmus gesammelt worden sind, gehen hierauf zurück.
Von der Beliebtheit des Reinaert in seiner Zeit zeugt schon die Uebersetzung in lateinischen Distichen, welche ein Mönch Baldwinus dem Propst Johannes von Brügge (1270–1280) widmete. Dieser 1i9zsusräus Vu1pes ist am besten von Knorr, Eutin 1860 herausgegeben worden. Um 1270 dichtete Jakob van Maerlant ine Reimbibel, deren geistlichgelehrten Werth er Reinaert und den Artusromanen entgegenstellt, ebenso wie dem „Traum Madoes. Von diesem Traum wird auch in dem mnl. Gedicht von der Burggräfin von Couci kurz gesprochen. Maerlant meint ein Gedicht Willem’s, welches dieser in seinem Reinaert V. 1 ansührt, indem er sich nennt W. (1js y-m 1Vls(10O n18eote (so ist die Zeile zu lesen). Den Inhalt dieses verlorenen Gedichtes trifft wol am besten eine Vermuthung von H. E. Moltzer in der `1’jJ(18(:11rjkt voor ne(1er– 1a11(1Scbe ’1’s1– eu I.Stter1cun(16 3„ 312 Danach war es ein Traum, den allerdings nicht ein Madoe selbst, sondern dessen Dienstmann Rhonawby gehabt und in welchem er Arthur und Owain beim Schachspiel gesehn haben soll. Dieser Inhalt paßt besser zur Dichtart Willem’s, als etwa ein Leben des heil. Aidanus (Madoe heißt: mein kleiner Aed s. Zimmer’s Nennius 258), vor dessen Geburt die Eltern träumten, daß ein Stern oder der Mond in den Mund der Mutter gefallen sei.
Die Beziehung Maerlant’s auf W. trägt zur Zeitbestimmung deck- Reinaett bei; doch muß dieser schon vor 1250 angesetzt werden, weil Maer1ant in seinen frühen romantischen Dichtungen bereits W. nachgeahmt zu haben scheint, wie besonders Franck in der Ausgabe des Alexander gezeigt hat. Andrerseits begrenzt die Benutzung der Renartbranche, welche um 1210 ihre älteste überlieferte Form erhalten haben mag, die Ansetzung der Entstehungszeit. Bei diesem ziemlich weiten Spielraum ist es doppelt schwer etwa in Urkunden nach einem Wilhelmus zu suchen, den wir für den Dichter halten möchten. Am meisten hat noch für sich ein Wj1k1e1mus o1eri(:us dessen Haus bei Hulsterlo in einer Urkunde von 1269 vorkommt, nach einem Nachweise von C. A. Serrure. Die Bezeichnung als c1erjcus würde für den Dichter vortrefflich passen: o1er1cen waren die meisten uns bekannten Verfasser mittelniederländischer Gedichte. Es wurden namentlich Personen mit geistlicher Bildung, aber weltlichem Berufe: Schreiber im Dienste von Herren oder Städten so genannt.
Hulsterlo, welches der Dichter scherzhaft in die von ihm erst erfundene, [265] dem Fuchse in den Mund gelegte lügenhafte Schatzgeschichte einflicht, lag im Ostende von Flandern bei Hulst; noch andere kleine, z. Th. nicht mehr nach- ` weisbare Oertlichkeiten aus jener Gegend bezeugen, daß hier die Heimat!) des Dichters zu suchen ist. Er spricht mit Heimathsgefühl von dem Lande zwischen Gent und Antwerpen, er nennt es tsoete 1x-mt mu W868. wie der französische Epiker die (1ouoe 1s’1–zn0S im Munde führt.
Aus dem Prolog geht serner hervor, daß er für eine Dame’dichtete. Darf man annehmen, daß sie yrsuv7z .41ents (Adellind) hieß, deren Hahn Cantaert nach einem Helden der Fabel Willem’s genannt war? Leider würde auch daß nicht weiter aus die Spur Willem’s führen. Einem aristokratischen Kreise gehörte er sicher an, wie aus seinem Schelten auf (1o1–pers Smie (toren hervorgeht. Reinaert. Willem’s Gedicht mn (1en VOs Reir1zer(1e und die Umarbeitung und Fortsetzung RSjr1zer18 bistorjs hsg. und erläutert von E. Martin, Paderborn 1874. Dazu neue Fragmente des Gedichts y. (1. 7. R. Straß- burg 1889 (QF. 65). Vgl. auch J. W. Muller, VS ou(1e en C16 „jo11gere lszUner1cing mn (1eu Resinaert, Amsterdam 1884. Die Ausgabe van Heltens, Groningen 1886, geht zu weit in den Athetefen.