Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen III. Section/H4

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Heft 3 des Lausitzer Kreises Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen von Gustav Adolf Poenicke
Heft 4 der Section Markgrafenthum Oberlausitz
Heft 5 des Lausitzer Kreises
Die Beschreibungen sind auch als Einzeltexte verfügbar unter:
  1. Weidlitz
  2. Burkersdorf
  3. Jauernick
  4. Oehlisch


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Weidlitz.


Weidlitz liegt im freundlichen Schwarzwasserthal, unterhalb der dieses Thal durchschneidenden von Bautzen nach Camenz führenden Chaussee, zwei Stunden von Bautzen, 3 Stunden von Bischofswerda, 4 Stunden von Camenz entfernt. Mit dem anstossenden Rittergute Pannewitz seit 1704 vereinigt, grenzt es gegen Morgen an das Rittergut Loga und die Dreikretschamer Felder, gegen Mittag an das Rittergut Storcha, gegen Abend an die Rittergüter Lauske, Guhra und Puschwitz, gegen Mitternacht an Wetroer Felder und das Rittergut Sahritzsch.

Weidlitz und Pannewitz zusammen bilden ein Besitzthum, welches gegenwärtig, mit den zugekauften bäuerlichen Grundstücken 364 Acker enthält. Dieser Flächeninhalt theilt sich in 5 Acker Hofrehden und Wege, 11 Acker Gärten, 3 Acker Teiche, 220 Acker Felder, 41 Acker Wiesen und 84 Acker Waldungen. Zu letzteren gehört ein 25 Acker grosser Forst, welcher am sogenannten Jungfernstein in Demitzer Flur, 2 Stunden von Weidlitz entfernt liegt, und früher zum Rittergut Modewitz gehörte, im Jahr 1703 aber von dessen Besitzer Carl Gottlob von Ponickau für 2150 Thaler an das Rittergut Weidlitz verkauft und hierauf mit letzterem als Pertinenzstück verbunden wurde.

Die Bewirthschaftung beider Güter erfolgt von Weidlitz aus, woselbst das Spannvieh, 9 Pferde und 12 Zugochsen, sowie 40 Stück Allgäuer Rindvieh und 8 bis 10 Schweine stehen. In Pannewitz befindet sich die durchschnittlich 400 Stück zählende Schäferei.

Das Dorf Weidlitz ist klein, es enthält nur 3 Garten- und 3 Häuslernahrungen, sowie eine Schmiede und die am Schwarzwasser gelegene sogenannte Kobansmühle. Das Dorf Pannewitz dagegen enthält 5 Bauergüter, 2 Garten- und 11 Häuslernahrungen.

Der deutsche Name Weidlitz hat seinen Ursprung wahrscheinlich in den vielen Weiden, welche früher hier gestanden. Der Wendische Name ist Wutowczizy, welcher aus Wurodczizy entstanden sein dürfte. Wenn nun das Wendische Wort Wuroda das bedeutet, was von Weiden und andern biegsamen Hölzern zum Flechten der Zäune und dergleichen gebraucht wird, so stimmt der Wendische Name mit dem deutschen überein.

Wie und zu welcher Zeit Weidlitz entstanden, ist nicht zu ermitteln. Obwohl die Wenden und Sorben, als sie sich in der Lausitz niedergelassen, ebenso wie die Deutschen von den gebauten oder eroberten Schlössern und Stammhäusern ihren vornehmsten Familien die Namen gegeben, wie z. B. Arnsdorf, Callenberg, Döbschütz, Gersdorf, Klix, Miltitz, Nostitz, Pannewitz, Perzig u. s. w., so findet man doch weder in Grossers Merkwürdigkeiten des Markgrafenthums Oberlausitz, noch in Carpzovs Oberlausitzischem Ehrentempel, noch sonst in einer Geschichte eines Geschlechts von Weidlitz gedacht. Man kann daher nicht annehmen, dass Weidlitz Stammsitz eines alten Geschlechts gewesen. Pannewiz dagegen, welches Pannewitz bei Weidlitz genannt wird, zum Unterschied von dem bei Uhist am Taucher gelegenen Rittergut Pannewitz, kann in Beziehung gestanden haben zu dem Geschlecht von Pannewitz, welches im vierzehnten und funfzehnten Jahrhundert vielfach in der Lausitz verbreitet war. Bestimmtes ist hierüber nicht vorhanden. Wendisch heisst es Bachnetzy oder Bahnezy, und ist vielleicht von Bachnow, der Sumpf abzuleiten, da früher und bevor die Gräben und der Teich im Dorf angelegt wurden, sich viel sumpfige Stellen daselbst vorfanden.

Der älteste bekannte Besitzer von Weidlitz war Christoph von Luttitz. Nach dem Kirchenbuche von Göda liess er daselbst 1604, als Herr auf Weidlitz, einen Sohn taufen. Ob sein Vater Abraham von Luttitz auf Sollschwitz, Pannewitz und Luga vor ihm schon Weidlitz besessen, ist ungewiss.

Christoph von Luttitz vertauschte 1620 Weidlitz an Rudolf von Gersdorf gegen Dürrhennersdorf. Rudolf von Gersdorf besass es bis 1639, in welchem Jahr er am 7 März von Hans Wolff von Ponikau auf Burkau im Duell tödtlich verwundet wurde. Er starb zwei Stunden darauf, und wurde am 18. desselben Monats „adeliger Weise“ in Göda beigesetzt. Wegen seiner vielen Schulden nahmen seine Gläubiger Besitz von Weidlitz, bis es aus der Concursmasse am 25. September 1645 an Catharina von Luttitz, geborene von Rechenberg, des ältesten bekannten Besitzers von Weidlitz, Christoph von Luttitz Wittwe, verkauft wurde. Lehnträger war ihr Sohn Christoph von Luttitz auf Luga. Sie starb am 14. Mai 1662. Ihr folgten, da ihr einziger Sohn vor ihr gestorben, [26] ihre beiden Enkel, Hans Adolf und Abraham Benno von Luttitz, welche unter Vormundschaft ihrer Mutter, Sophie Helene, geborene von Osterhausen, standen. Diese, obwohl nur Vormünderin, verfuhr mit Weidlitz als wenn es ihr Eigenthum wäre, verkaufte unter andern ein Stück Feld von 3/4 Scheffel Aussat für 81/2 Thaler an den Müller in Dreikretscham, und wusste es sogar durchzusetzen, dass Weidlitz, zeither Mannlehn, in einem vom Churfürst Johann Georg II. eigenhändig unterzeichneten Rescript vom 2. Mai 1665, in ein Kunkel-, Spill- und Weiberlehn verwandelt wurde. Hierauf verkaufte sie es am 25. Februar 1666 für 3450 Thaler an Anna Catharina verwittwete von Rechenberg, geborene von Knobloch. Letztere verheirathete sich bald darauf mit Chritoph Sigismund von Raussendorf, aus dem Hause Loga, und verkaufte Weidlitz an diesen ihren Gemahl am 29. August 1668. Raussendorf verkaufte es am 15. Juni 1677 an Conrad Heinrich von Theler auf Sollschwitz und Pannewitz, durch welchen Kauf Weidlitz und Pannewitz zum erstenmal und bis 1688 einen gemeinschaftlichen Herrn erhielten.

Von Thelern kaufte Weidlitz am 18. Februar 1688 Johann Leddin, Churfürstlich Sächsischer Rath und Oberamtskanzler des Markgrafenthums Oberlausitz. Er baute 1691 ein neues Herrenhaus, welches bis 1842 stand. Nach seinem am 5. September 1693 erfolgtem Tode verkauften seine Erben am 10. November 1693 Weidlitz an Hans Heinrich von Zetschwitz auf Hähnchen, Baselitz und Piskowitz für 9200 Thaler. Dieser verkaufte es wieder an seinen Schwager Christoph Gottlob von Luttitz am 21. Februar 1695 für 10,000 Thaler und Letzterer am 17. August 1696 für 9200 Thaler an Wolf Friedrich von Luttitz auf Liesska und Osslingen, Königlich Polnischen und Churfürstlich Sächsischen Major der Cavallerie. Ihm folgte Wolff Haubold von Polenz, aus dem Hause Linz, welcher Weidlitz am 3. April 1702 für 11,600 Thaler kaufte, es aber schon am 15. März 1704 wieder an Johann Christian von Heldreich gegen Kleinwelka und Lubachau vertauschte, wobei er noch 6100 Thaler baar herauszahlen musste. Heldreich blieb nur einige Monate Besitzer. Sein Nachfolger war Ernst Gotthardt Adolf von Warnsdorf auf Zschochau, Capitaine-Lieutnant in der Churfürstlich Sächsischem Schweizergarde. Dieser kaufte am 3. Juni 1704 Weidlitz für 12,450 Thaler und am 26. Juni desselben Jahres von Conrad Heinrich von Thelern auf Sollschwitz das angrenzende Rittergut Pannewitz für 12,600 Thaler. Seit diesem Jahr blieben beide Güter vereinigt und auch in landwirthschaftlicher Hinsicht, in einer Wirthschaft verbunden.

Die ältesten bekannten Besitzer von Pannewitz waren Adam und Abraham von Baudissin, welche im Jahre 1586 in einem Kaufbuch von Sollschwitz als Besitzer von Sollschwitz und Pannewitz aufgeführt sind. Ihnen folgte 1600 Abraham von Luttitz, Vater des ältesten bekannten Besitzers von Weidlitz, Christoph von Luttitz; dann des Letzteren Bruder, Heinrich von Luttitz, von 1606 bis 1631. Hierauf gelangte Pannewitz zugleich mit Sollschwitz an Wolff Heinrich von Theler, welcher es 1647 seinem Sohne, Conrad Heinrich von Theler, hinterliess, Dieser besass es bis 1704, in welchem Jahre er es an obgedachten von Warnsdorf verkaufte.

Dem Warnsdorf folgte Wolf Gottlob von Muschwitz auf Drauschkowitz, Churfürstlich Sächsischer Rittmeister. Er kaufte Weidlitz und Pannewitz am 1. December 1712 für 25,000 Thaler und blieb bis zum 11. Januar 1730 in deren Besitz, an welchem Tag Jacob Le Coq diese Güter für 26,300 Thaler käuflich erwarb.

Jacob Le Coq, in Frankreich geboren, nach Widerruf des Edictes von Nantes mit seinem Vater nach Genf geflüchtet und daselbst erzogen, war Churfürstlich Sächsischer Geheimer Kriegsrath und ausserordentlicher Gesandter am Grossbrittanischen Hofe. Er kaufte die Güter Weidlitz und Pannewitz, um sich daselbst zur Ruhe zu setzen und machte sich um die Verschönerung derselben ausserordentlich verdient. Er erweiterte die Hofrehde von Weidlitz und baute die Wirthschaftsgebäude daselbst, welche früher nur von Fachwerk und mit Stroh gedeckt waren, neu, massiv und regelmässig auf. Er richtete das Herrenhaus prächtig ein und schmückte es mit schönen Oelgemälden, welche noch jetzt in Weidlitz sich befinden, darunter 6 Stück von Louis Sylvester. Er legte den gegenwärtig über 10 Acker sich erstreckenden Park, damals in französischem Styl, mit Terrassen und Wasserkünsten an. Diese Anlage leitete der Kunstgärtner Seehahn, welcher mehrere Jahre in Frankreich und England sich aufgehalten, 1729 nach Neschwitz berufen, daselbst unter der Fürstin von Teschen, damaliger Besitzerin von Neschwitz, den berühmten Neschwitzer Park geschaffen hatte. Auch wurden auf Le Coqs Ansuchen Weidlitz, welches damals Weiberlehn, und Pannewitz, welches noch Mannlehn war, mittelst Rescripts vom 15. August 1730 in reine Allodial- und Erbgüter verwandelt und ist in diesem Rescript ausdrücklich bemerkt, dass diesem Suchen aus besonderen Gnaden und um seiner lange Jahre geleisteten treuen Dienste willen, statt gegeben worden.

Obwohl Le Coq sich so eingerichtet, dass man annehmen konnte, er wolle sein Leben in Weidlitz beschliessen, so verkaufte er doch am 30. Juni 1746 beide Güter für 27,000 Thaler und 150 Stück Ducaten Schlüsselgeld an den Königlich Polnischen und Churfürstlich Sächsischen Cabinetsminister Heinrich Reichsgrafen von Brühl. Was Le Coq dazu bewogen, ob seine Einrichtungen ihm zu viel gekostet, ob er den späteren siebenjährigen Krieg voraussah, oder ob Brühl, da er viel Rühmens von Weidlitz und den dasigen Anlagen gehört, die Güter ihm feil gemacht, und Le Coq, um Brühls Geneigtheit sich zu erhalten, nicht umhin gekonnt, ihm solche zum Kauf anzubieten, ist nicht zu ermitteln. Le Coq starb als Churfürstlich Sächsischer Geheimerath 90 Jahr 7 Monate alt zu Dresden 1766 und ward am 18. Juni nach Neustadt beerdigt.

Brühl blieb nicht lange im Besitz dieser Güter, besuchte sie nur einmal, that für dieselben gar nichts und als er zur Leipziger Michaelismesse 1749 Geld brauchte, verkaufte er dieselben mit der gesammten Le Cop’schen Hauseinrichtung im Juli 1749 an den Churfürstlich Sächsischen Hof- und Justiziencanzlei-Secretair Friedrich Philipp Lingke. Letzterer erlangte sofort mittelst Cabinets-Resolution vom 29. Juli 1749 das Indigenat, es wurde der Kauf am 1. und 6. September 1749 vollzogen und vom Oberamt bestätigt und am 11. desselben Monats Lingke mit beiden Gütern beliehen. Als Kaufpreis zahlte Lingke beim Kaufsabschluss 5125 Thaler in Sächsischen Steuerscheinen und zur Michaelismesse 1749 halb in Louisdoren halb in Ducaten 19,875 Thaler.

Hatten zeither Weidlitz und Pannewitz nur zu oft ihre Besitzer gewechselt, so wurden sie seit dieser Zeit nicht wieder verkauft, sie erbten in den Familien fort und werden hoffentlich Familiengüter bleiben.

Die Lingkesche Familie gehörte früher dem Bergmannsstande an. Ihr Ur-Ahn, Hans Lingke, war 1470 Berggeschworner zu St. Joachimsthal. Wegen [27] vielfacher Verdienste um den Bergbau erhielt sie vom Kaiser Maximilian II. mittelst Wappenbriefes d. d. Wien, am 20. Februar 1569, ein Familienwappen, in Blau und Gold getheiltem Schild einen aufrecht stehenden Bergmann.

Lingke blieb 34 Jahre Besitzer von Weidlitz und Pannewitz. Beim Bombardement von Dresden, im Juli 1760, verlor er fast sein ganzes daselbst angelegtes bedeutendes Vermögen, darunter sein Haus auf der Moritzstrasse. Er zog sich hierauf nach Weidlitz zurück. Auch hier brachte fast jedes Jahr des siebenjährigen Krieges seinen Gütern grosse Verluste, theils in Folge der ausgeschriebenen bedeutenden Lieferungen, theils in Folge der vielen oft sehr überraschend kommenden Einquartirungen. Am 6. Juli 1760 marschirte Friedrich der Grosse selbst durch Weidlitz. Er kam mit der ersten Colonne seiner Armee von Grossenhain, brach bei Storcha links ab und die ganze Colonne nahm ihren Marsch durch die Weidlitzer Flur nach Hoierswerda zu. Der Marsch dauerte von früh 4 bis Mittag 1 Uhr. Da der Weg bei Weidlitz zu eng war, wurde die Gartenmauer durchgebrochen und ein Kürassirregiment marschirte durch den Garten und den Hof. Friedrich der Grosse mit seinem Gefolge ritt durch den Garten, fragte auf dem Hofe den Pachter Elssner, wem das Gut gehöre, und liess sich am Brunnen daselbst ein Glas Wasser reichen. Hätte damals Weidlitz noch dem Grafen Brühl gehört, so würde es wohl gleiches Schicksal erlitten haben mit denjenigen Brühlschen Gütern, durch welche Preussen marschirten.

Lingke überwand durch Umsicht und Sparsamkeit nach und nach die Verluste, welche dieser verderbliche Krieg gebracht, und es gelang ihm Weidlitz und Pannewitz seiner Familie zu erhalten. Er starb 71 Jahre alt am 3. December 1783. Ihm folgten als gemeinschaftliche Besitzer seine vier Kinder, von welchen Johann Daniel Friedrich Lingke, Buchhalter in der Leplayschen Grosshandlung zu Leipzig 1788, und Friedrich Ludwig Lingke, Advocat zu Dresden 1805, beide unverheirathet starben; Christiane Friederike aber, verheirathet an den Churfürstlich Sächsischen Kammerassistenzrath und Obersalzinspector Johann Zacharias Herrmann und Friedrich Wilhelm Lingke, Rechtscandidat, blieben bis 1816 im gemeinschaftlichen Besitz von Weidlitz und Pannewitz. Letzterer starb, ebenfalls unverheirathet, am 14. Januar, Erstere am 20. Mai 1816, ihr folgte ihr Sohn, Dr. Friedrich Wilhelm Hermann, Bürgermeister zu Dresden.

So kamen diese Güter an die Hermannsche Familie, welche aus Nürnberg stammt. Ihr Familienwappen ist ein in Schwarz und Gold getheilter Schild mit Halbmond und Stern. Paul Hermann, ein Nachkomme Hans Hermanns, Handelsherrn zu Nürnberg und des grossen Raths daselbst Mitglied, war 1692 Bürgermeister zu Torgau und hinterliess einen Sohn, Johann Zacharias Hermann, welcher ebenfalls als Bürgermeister von Torgau 1735 starb. Des Letzteren Sohn war obgedachter Kammerassistenzrath Hermann, er starb 1802. Sein Sohn Dr. Friedrich Wilhelm Hermann, verheirathet mit Charlotte Wilhelmine Kuhn aus Freiberg, besass Weidlitz und Pannewitz nur bis 1822. Die anstrengenden Arbeiten, welche das Kriegsjahr 1813 den Mitgliedern des Rathscollegiums zu Dresden auferlegt, zugleich die Sorge um die Güter seiner Mutter, welche zur Zeit der Schlacht bei Bautzen mehrmalige Plünderung erlitten und fast ihr sämmtliches Inventar verloren, hatten die Gesundheit dieses durch Geschäftstüchtigkeit und Berufstreue ausgezeichneten Mannes gebrochen. Er starb 48 Jahr alt am 11. April 1822 und hinterliess die Güter seinem Sohn Paul Hermann, welcher nach erlangter Mündigkeit am 11. October 1830 damit beliehen wurde.

Dr. Paul Hermann, nachdem er sich 1839 mit Julie von Weidenbach aus Augsburg verheirathet, gab seine juristische Praxis in Dresden auf und übernahm 1842 seine Güter, welche zeither fast immer verpachtet gewesen, zur eigenen Bewirthschaftung. Er baute 1842 und 43 das Herrenhaus zu Weidlitz von Grund aus neu auf, nach einem Riss des Baumeister Erhard zu Dresden. Den das Herrenhaus umgebenden Park liess seine Frau theilweise erweitern und in englischem Styl neu anlegen. Der Wirthschaftshof zu Pannewitz, welcher am 24. Juli 1835, in Folge Blitzschlages, abbrannte, sowie der rechte und linke Flügel des Wirthschaftshofes zu Weidlitz wurden von Dr. Hermann ebenfalls, theils in den Jahren 1835 und 36 theils 1849 und 50, von Grund aus neu, massiv und geräumiger aufgebaut, so dass nur noch die beiden Scheunen eines dieselben erweiternden Umbaues bedürfen. Um sein väterliches Erbe in jeder Hinsicht in möglichst vollkommenen Stand zu setzen, auch seinen Leuten unausgesetzt Arbeit zu verschaffen, führt Dr. Hermann fortwährend sehr umfangreiche Culturarbeiten aus. Zugleich betheiligt er sich möglichst thätig an Allem was in neuester Zeit auf Anregung der Staatsregierung zur Förderung der Sächsischen Landwirthschaft geschehen, indem er auch dies als eine Aufgabe erkannte, welche der Besitz dieser Güter ihm gestellt. Sr. Majestät der hochseelige König Friedrich August verlieh dem Dr. Hermann am 7. Juni 1852 das Ritterkreuz Seines Albrechtsordens, „für die Verdienste desselben um Verbesserung der Landwirthschaft.“

In kirchlicher Hinsicht sind Weidlitz und Pannewitz seit dem 20. Juli 1837 in die über eine Stunde entfernte Kirche zu Neschwitz eingepfarrt, da zur Zeit eine nähere protestantische Kirche nicht vorhanden. Früher waren dieselben eingepfarrt in die Kirche St. Nikolai zu Bautzen. Die Parochie Neschwitz zerfällt in 5 Schulbezirke, den Commerauer, Neschwitzer, Puschwitzer, Lugaer und Sahritzscher. Weidlitz und Pannewitz bilden mit Sahritzsch, Uebigau, Krimitz, Loga und Dreikretscham seit 1841 den Schulbezirk Sahritzsch.

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Burkersdorf.


Burkersdorf liegt in dem schönsten Theile der Oberlausitz, eine Stunde von der Böhmischen und ebensoweit von der Preussischen Grenze entfernt. Von den Fenstern des stattlichen Schlosses überschaut man die malerischen Gruppen der Böhmischen Gebirgskette, abwechselnd mit dunklen Waldungen und üppigen Wiesen, fruchtbaren Feldern und Pflanzungen, zwischen denen die stattlichen Thürme und freundlichen Häuser vieler Ortschaften der Landschaft den Ausdruck heiterer Gemüthlichkeit verleihen. Im Westen grenzt Burkersdorf mit den ehemals Gräflich Zinzendorfschen, jetzt der Brüdergemeinde zu Herrnhuth gehörigen Gütern, und im Osten raint es mit den Besitzungen des Cisterziensernonnenklosters Marienthal, welches den schönsten Punkt des an romantischen Punkten so reichen Neissethals bildet. Das Rittergut zeichnet sich grösstentheils durch neue und massive Gebäude aus, enthält nebst dem Vorwerk Oberburkersdorf 926 Acker Areal, beträchtliche Fischerei, vorzüglichen Holzbestand, Brauerei, Brennerei und Ziegelei, und übt das Patronat über die Kirche. Die Zahl der Einwohner des Dorfes Burkersdorf beträgt 500 Seelen, welche sich mit Ackerbau und Weberei beschäftigen.

In den ältesten Zeiten gehörte Burkersdorf der Familie von Gersdorf, die es bis zum Jahre 1690 besass, wo das Gut Adolf Ferdinand von Löben auf Schwerta und Volkersdorf erkaufte, von dem es an dessen Schwiegersohn den nachmals berühmten Grafen Moritz von Sachsen gelangte. Der Abbè Perau erzählt in seinen „Reveries, ouvrage posthume de M. Comte de Saxe“ über des Grafen seltsamen Ehestand folgendes: Während der Winterruhe (1712–1713) entschloss sich Frau von Königsmark, ihren Sohn, den Grafen von Sachsen, zu vermählen. Derselbe war 1696 geboren, und folglich sechzehn Jahre alt. Der Graf, seine Zeit zwischen Waffendienst und Galanterie theilend, zeigte wenig Neigung für eine bestimmte Verbindung und sprach seine Abneigung unverhohlen aus. Doch Jugendreize, Stand und Reichthum des Fräuleins Victoria von Löben, welche ihm seine Mutter erkoren, schienen seine Unbeständigkeit zu besiegen, und er wurde ganz gewonnen, als er hörte, dass seine Zukünftige Victoria hiess, ein für einen Krieger zu schmeichelhafter Name, der ihm keinen weiteren Widerspruch gestattete. Die Verbindung wurde mit einem des Dresdner Hofes würdigen Glanze vollzogen. Man hoffte, dass diese Vermählung für beide Theile sehr glücklich sein würde, doch bald folgte dem Liebesglück Abneigung und die Verbindung dauerte nicht lange.

Bei seiner Rückkehr von einem Feldzuge gegen die Türken fand Graf Moritz von Sachsen seine Gemahlin am Hofe. Die bisherige Trennung schien die Abneigung zu vermehren. Die Gräfin selbst trug viel dazu bei, durch unaufhörliche Vorwürfe über des Gemahls Untreue. Hierüber konnte sie sich nicht täuschen, der Graf von Sachsen war in dieser Hinsicht ohne Rückhalt, unfähig sich zu fixiren, liebte er beständigen Wechsel, und gab täglich neue Beweise der Unbeständigkeit. Vergeblich bemühte sich der König, eine Versöhnung der beiden Gatten zu ermitteln, auch die Frau von Königsmark, welche die Heirath gestiftet hatte, schlug sich ins Mittel: diese oft wiederholten Bemühungen bewirkten aber nur, dass der Graf seine Absicht aussprach, nach Frankreich zu gehen.

Der König von Polen hegte Bedenklichkeiten, deren Beseitigung dem Grafen Moritz wenig Mühe machte. Er wurde von dem Favoritminister unterstützt, welcher die Entfernung des Grafen vom Dresdner Hofe dringend wünschte, und daher den König für den Antrag zu stimmen suchte. Der letzte Einwurf des Königs betraf die Gräfin von Sachsen, er stellte dem Grafen vor, wie die Gemahlin nicht geneigt sein würde, ihm in das Ausland zu folgen, und der Eheherr entgegnete, dass er gar nicht beabsichtige ihr solche Anträge zu machen. Er nahm die Gelegenheit wahr, sich lebhaft über seine Abneigung auszusprechen und den König dringend zu bitten, ihm die Ergreifung der Massregeln, welche zu einer förmlichen Ehescheidung führten, zu gestatten. Der König ertheilte seine Erlaubniss, und der Graf zögerte nicht mit der Ausführung seiner Pläne. Schon hatte er geschickte Rechtsgelehrte Augsburgischer Confession, zu der er wie seine Gemahlin gehörte, befragt, doch nach den Gesetzen konnte die Ehescheidung nur durch Beweise des Ehebruchs von dem einen oder anderen Theile erfolgen. Auf der anderen Seite war der Ehebruch ein Capitalverbrechen, welches den Ueberführten der Todesstrafe unterwarf. Diese Schwierigkeit setzte den Grafen nicht in Verlegenheit, denn er war überzeugt, dass die Strafe nie an ihm vollzogen würde; es kam nur darauf an, die Einstimmung der Gräfin zu erlangen, damit die Richter die Scheidung aussprechen konnten. Er selbst unterzog sich, diese Schwierigkeiten zu beseitigen, indem er durch sein Benehmen ihr gleiche Abneigung gegen sich einflösste. In dieser Absicht besuchte er sie auf ihrem Landgute, und brachte sie durch unerhörten Eigensinn und übles Betragen [29] so wider sich auf, dass es zu den beleidigendsten Vorwürfen kam. Um ein Ende zu machen, schlug der Graf die Ehescheidung vor, worauf sie einging, und sich schriftlich bereit erklärte, zur schleunigen Vollziehung dieser Massregel auf jede Weise die Hand bieten zu wollen.

Der Graf, erfreut über den Erfolg seiner Unterhandlungen, ersuchte sie baldigst nach Dresden zu kommen, um dort die Angelegenheit ins Reine zu bringen. Der Ehebruch des Grafen mit einer Kammerfrau, bei welchem man ihn überraschte, wurde von sechs auf die Lauer gestellten Zeugen bestätigt; so hatte die Scheidungsklage Rechtsgrund, und der Gerichtshof sprach die Scheidung aus, in der er zugleich mit voller Strenge den Grafen zur Todesstrafe verurtheilte. Noch an demselben Tage wurde dieser zweite Theil des Erkenntnisses aufgehoben durch ein Begnadigungsrescript des Königs, seines Vaters; der Graf fand dasselbe unter der Serviette, als er sich zur Mittagstafel bei Sr. Majestät niederliess. Einige Zeit nach erfolgter Scheidung heirathete die Gräfin einen Sächsischen Offizier, einen Herrn von Runkel, mit welchem sie in guter Eintracht lebte. Sie starb um das Jahr 1754 und hinterliess drei Kinder; eines aus ihrer ersten Ehe war bald nach seiner Geburt gestorben. Eigenthümlich war es, dass der Graf, als die Dame nicht mehr seine Gemahlin war, diese nicht mehr unleidlich fand, ja sie sogar mit Vergnügen sah. Wenn er nachher verschiedene Male Dresden besuchte, verfehlte er nie ihr aufzuwarten und sie auf die zarteste Weise zu behandeln. Soweit der Abbé Perau; wer über den merkwürdigen Prozess sich genauer zu unterrichten wünscht, findet solchen in Cramers Denkwürdigkeiten der Gräfin Aurora von Königsmark weitläufiger dargestellt.

Der Graf von Sachsen kam in Besitz von Burkersdorf 1713, und behielt dasselbe auch nach erfolgter Trennung von seiner Gemahlin, die im Jahre 1721 stattfand. Von ihm gelangte das Gut an den Königlich Polnischen und Churfürstlich Sächsischen Generalfeldmarschall Grafen von Flemming, der es 1734 durch Tausch dem Königlich Polnischen und Churfürstlich Sächsischen Hofrath, Thomas August von Fletcher, überliess. Nach dessen Tode folgte 1747 als Besitzer von Burkersdorf sein Sohn, der Geheimerath Max Robert von Fletcher, welcher 1794 starb, und das Gut nebst Langburkersdorf, Klipphausen und Jänkendorf an seine einzige Tochter Johanna Friederike Gräfin von Reuss vererbte. Diese Dame vollendete am 28. Juni 1815, und das Gut kam an ihren Gemahl Sr. Erlaucht den Grafen Heinrich Reuss LXXIV., Grafen von Plauen, der dasselbe später an Herrn Johann Gottfried Pfeiffer verkaufte, dessen Sohn Herr Dr. jur. Julius Pfeiffer es noch besitzt.

Die alte Kirche zu Burkersdorf, nach einer unter der Kanzel befindlichen Inschrift im Jahre 1324 erbaut, war in frühester Zeit eine Tochterkirche von Hirschfeld, bildete aber seit der Mitte des sechszehnten Jahrhunderts mit dem naheliegenden Schlegel eine besondere Parochie. Das ehrwürdige Gebäude, welches fünf Jahrhunderte an sich vorüberziehen sah, besass weder hinreichenden Raum noch das nothwendige Licht, und schon die verstorbene Gräfin Reuss hatte die Absicht, ein neues Gotteshaus zu erbauen, wurde aber durch den Krieg und einen frühzeitigen Tod von der Ausführung ihres frommen Entschlusses abgehalten. Im Jahre 1590 traf der Blitz den Kirchthurm und tödtete den Schulmeister nebst seinem Sohne, und 1781 schlug abermals ein Wetterstrahl in die Kirche, als eben die Gemeinde zum Nachmittagsgottesdienste versammelt war, ohne jedoch Jemand zu verletzen.

Die Nothwendigkeit eines Neubaues der Kirche stellte sich immer mehr heraus, und im Jahre 1846 erhob sich an deren Stelle ein schönes neues Gotteshaus, welches den Ansprüchen einer Landgemeinde völlig genügt. Zum Aufbau der Kirche hatte man bereits eine Collecte von 500 Thalern gesammelt und durch das Testament des edlen Grafen Heinrich von Reuss, empfing die Gemeinde zu gleichem Zweck eine Summe von 3000 Thalern. Das Andenken des Grafen und seiner Gemahlin wird den Bewohnern Burkersdorfs stets heilig bleiben, denn ausser der schon genannten Summe zum Kirchenbau schenkte der edle Mann der Gemeinde auch eine Schuldforderung von 2700 Thalern und ein bleibendes Legat zur Erquickung für Kranke. Die Gräfin erbaute auf eigene Kosten ein neues Schulgebäude, und verwandte auf Reparatur und Verschönerung des Pfarrhauses mehr als 800 Thaler. – Ausser den bereits erwähnten herrschaftlichen Legaten besitzt die Kirche eines von 30 Thalern, gestiftet 1771 vom Pastor Bucher; eines von 100 Thalern für arme Leute in Schlegel, 1798 vom Bauer Steudtner daselbst legirt; 80 Thaler, im Jahre 1812 zu Gunsten des Schullehrers bestimmt; 50 Thaler für das Musikchor, so lange ein solches besteht, und dann für die Kirche, legirt im Jahre 1817 vom Bauer Kunack in Schlegel, als er am Reformationsfeste seine Jubelhochzeit feierte, wo unter den Gästen sich nicht weniger als 103 seiner Kinder und Kindeskinder befanden.

Otto Moser, Redact.
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Jauernick.


Nicht weit von Eisenrode, auf einsamer Bergeshöhe, liegt das Schlösschen Jauernick. Gegen Osten und Norden geniesst man von hier eine reizende Aussicht auf die niedere mit kleinen Dörfern und weissleuchtenden Edelhöfen bestreute Gegend; das Dörfchen Jauernick aber schmiegt sich bescheiden an den Berghang, der einst die zahlreichen und stattlichen Gebäude des Ortes überschaute, denn Jauernick war vor Jahrhunderten unter den nahen Städten und Flecken eine der bedeutendsten Ortschaften, welche selbst die stolze Sechsstadt Löbau an Wichtigkeit übertroffen haben soll. Der Hussitenkrieg, welcher Hunderte von stattlichen Städten und Dörfern theils vernichtete, theils zur Bedeutungslosigkeit herabzog, übte auch seinen heillosen Einfluss auf Jauernick; wo einst der stolze Flecken seine ausgedehnten Häuserreihen hinstreckte, lagert jezt ein kleines unscheinbares Dörfchen.

Jauernick wird zuerst im Jahre 1288 erwähnt, wo König Wenzeslaus von Böhmen mit dem Bischof von Meissen sich wegen der Grenzen zwischen den Gauen Budissin und den Zagost einigte. In der darüber gefertigten Urkunde wird Jauernick Jawornich genannt und gehörte zu dem Gau Budissin. Die ältesten Herren auf dem Schlosse zu Jauernick waren die von Bolberitz und später die von Nostiz, welche, wie die meisten auf den nahen Gütern gesessenen Edelleute, in unaufhörlichen Streitigkeiten mit der Stadt Löbau lebten, die sich weigerte, den Rittergutsbesitzern die Obergerichtsbarkeit zu gestatten. Die Edelleute versuchten jedes Mittel, die stolzen Bürger zu demüthigen, zogen indessen dabei regelmässig den Kürzeren und mussten sogar endlich in Folge einer landesherrlichen Entscheidung ihre Ansprüche aufgeben. So stritten die Gebrüder Henlin, Fritze, Otto und Lorenz von Nostitz von 1368 bis 1398, wo eine Entscheidung des Königs Wenzel die Ritter zur Ruhe verwiess, und der Stadt Löbau die Obergerichtsbarkeit bestätigte. Das Rathsarchiv zu Löbau soll noch jetzt im Besitze dieser Urkunde sein.

Von den Nostitzen kam Jauernick an die Familie von Gersdorf, welche in der Umgegend bereits seit Jahrhunderten bedeutende Güter besass. Zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts gehörte Jauernick dem Oberkämmerer Prenzel, einem Manne, der sich namentlich in Budissin ein segensreiches Andenken gesichert hat, indem er daselbst im Jahre 1783 eine Freischule stiftete, eine Anzahl Stipendia gründete, und auch noch in seinem Testamente die neuentstandene Freischule, sowie die Waisenhäuser der Sechsstädte reichlich bedachte. Der wackere Mann starb am 6. Februar 1794.

In der neuesten Zeit gehörte Jauernick dem Buchdruckereibesitzer F. W. Hohlfeld zu Löbau, welcher das Journal „der Sächsische Postillon“ redigirte und durch seine entschieden demokratische Gesinnung ein sehr bekannter Mann geworden ist. Bei den politischen Wirren der Jahre 1848 und 1849 spielte Hohlfeld eine sehr bemerkbare Rolle. Er war 1849 Mitglied der zweiten Kammer der Sächsischen Ständeversammlung, betheiligte sich sehr eifrig bei dem Maiaufstande in Dresden, wurde flüchtig und eilte nach dem gelobten Lande, Amerika, wo er in New-York als Arbeiter in einer Ziegelscheune sein Leben fristet. – Der jetzige Besitzer von Jauernick ist Herr A. W. Jordan.

Als im Jahre 1758 Friedrich der Grosse, nach der Schlacht bei Zorndorf, in Eilmärschen nach Sachsen ging, um die grosse Oesterreichische Armee, unter Feldmarschall Daun, daraus zu vertreiben, und Schlesien, von welchem er durch die Stellung der Oestreicher abgeschnitten war, zu befreien, wandte er sich, in der Absicht, den Feind von seinem Hauptmagazin Zittau abzuschneiden, in die Lausitz. Der rechte Flügel der Preussen stand bei Hochkirch, der linke bei Kotitz. Die Oestreicher hatten ihr Lager bei Kittlitz, am Stromberge, bei Nostitz und Glossen gegenüber. Jauernick bildete einen Stützpunkt des Oesterreichischen linken Flügels, und eine Abtheilung des Laudonschen Corps hatte hier ihr Lager aufgeschlagen. „Wenn uns die Oesterreicher hier in Ruhe lassen, verdienen sie Alle gehangen zu werden!“ sagte Feldmarschall Keith zum König, dieser aber lächelte und zeigte sich gänzlich unbesorgt. In der Nacht vom 13. zum 14. October liess der Oesterreichische Feldherr unter vielem Lärmen ein Verhau herstellen, verschleierte aber hinter dieser Arbeit den Abmarsch der Armee, die sich nach den Cunnewalder Höhen zog. Während dieses Manövers wurden die Wachtfeuer brennend erhalten, um die Preussen in dem Glauben zu erhalten, dass im Oesterreichischen Lager Alles in Ordnung sei. Morgens um fünf Uhr trafen bei den Preussischen Vorposten mehrere Oesterreichische Soldaten ein, die sich für Ueberläufer ausgaben, bald aber wuchs deren Anzahl so bedeutend, dass sie die Schildwachen überwältigen konnten. Jetzt wurde im Preussischen Lager Allarm, aber es war zu spät, denn unter Begünstigung eines dichten Nebels drangen die Oesterreichischen Colonnen bereits heran, und begannen die erschrockenen Feinde niederzumetzeln. Erst als bereits mehrere Preussische Batterieen gewonnen worden waren, und ihr Feuer gegen das Lager begannen glaubte der König an die vorhandene Gefahr und suchte durch kühnen Widerstand zu retten, was noch zu retten war. Der König hatte sein Hauptquartier in Rodewitz und wäre fast gefangen worden, wenn nicht einige wackere Husaren [31] ihren Kriegsherrn aus einem Haufen der Feinde herausgehauen und mit fortgerissen hätten; trotz dieses Unfalls aber gelang es dem siegreichen Daun dennoch nicht, Friedrich aus Sachsen zu vertreiben.

Jauernick ist nebst den Dorfschaften Kittlitz, Grossdehsa, Peschen, Eisenrode, Nechen, Breitendorf, Lauche, Carlsbrunn, die Hälfte von Wohla, Unwürde, Georgewitz, Wendisch-Paulsdorf, Wendisch-Cunnersdorf, die Hälfte von Rosenhain, Zoblitz, Bellwitz, Oppeln, Klein-Rameritz, Glossen, Lautitz, Alt- und Neu-Kunnewitz, Mauschnitz und Hasenberg in die Kirche zu Kittlitz eingepfarrt. Schon im zwölften Jahrhundert stand in Kittlitz eine Kirche, welche dem heiligen Prokopius gewidmet war, und in einer zu Breitendorf befindlichen Urkunde vom Papst Innocenz IV. vom Jahre 1252, worin eine schon früher stattgefundene Schenkung erwähnt ist, genannt wird. Die interessante Urkunde lautet in der Uebersetzung:

Innocentius IV., ein Knecht aller Knechte Gottes, Allen und jedem Christo Getreuen, denen dieser Brief vorkommen möchte, Heil und Apostolischen Segen.

Wir thun kund, wie, dass aus freiwilliger Beschenkung und Begnadigung Wir gefunden haben, dass das Dorf Uyest benannt mit aller Nutzdienst und Bothmässigkeit zur Mutter der Kirche in Kittlitz gehöre. Und da sich Jemand besagtes Dorf, oder was anderes zu ermeldeter Kirche gehöriges durch verwegenes Recht etwa unterfangen möchte, anzufeinden und zu empören (das doch nicht geschehe), denjenigen wollen Wir von der heiligen Mutter der Kirchen durch Apostolische Kraft und Gewalt abgetrieben, in Bann gethan, verflucht und verdammt haben! Und nicht allein dieser, sondern auch alle beipflichtende Gönner und Einwilliger sollen gleichmässiger Pein und Strafe gewärtig sein. Derowegen wollen wir diesem nach Kraft der Apostolischen Schriften und wahrhaften Gehorsams gebieten und anbefehlen, dass ein jeder Bischof des Meissnischen Bisthums über solcher gesetzten Meinung halten und ihr nachkommen solle. Gegeben zu Peruss im Jahre Christi 1252, den 26. Hornung. Unserer Päpstlichen Ehren im Zehnten.

Die älteste Kirche stand nur bis zum Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts, wo sie, wie einige Merkmale zeigen, durch Feuer zerstört worden zu sein scheint; 1415 geschah die Einweihung des neuen Gotteshauses, welches am Sonntage vor Petri und Pauli 1598 durch einen Blitzstrahl sammt dem Thürmlein zerstört wurde. Zwei Herren von Gersdorf auf Kittlitz bauten in den Jahren 1606 und 1607 die Kirche sammt dem Thurme von Neuem auf, aber schon nach 142 Jahren war sie wieder so baufällig, dass 1749 zu ihrem Abbruch geschritten werden musste. In demselben Jahre legte man feierlichst den Grundstein zu der noch jetzt stehenden Kirche, der Bau ging jedoch in Folge verschiedener Hindernisse so langsam von Statten, dass erst 1769 die erste Predigt darin gehalten werden konnte. Verschiedene alte Leichensteine mit den Bildnissen Nostitzischer und Gersdorfscher Familienglieder sind an der Kirchhofsmauer befestigt und ein uraltes Monument aus Granit mit dem Wappen der Nostitze hat man hinter dem Altar einmauern lassen. Die Kirche gehört nebst dem trefflichen Altare, zu den schönsten der Oberlausitz, und da die hiesige Parochie sehr gross ist, verrichten die geistlichen Aemter ein Pfarrer und ein Diakonus. Die Schule zu Kittlitz, wohin noch sieben Dörfer gewiesen sind, wird von etwa 300 Kindern besucht, welche ihren Unterricht von einem Ober- und einen Unterlehrer empfangen.

Otto Moser, Redact.





Oehlisch.


Das neuerbaute Schloss Oehlisch, in der Nähe Löbaus gelegen, gleicht namentlich, von der Gartenseite angesehen, einer italienischen Villa, und besitzt zum Theil ebenfalls neuaufgeführte Wirthschaftsgebäude. Der Name dieses uralten Ortes ist von dem wendischen Worte Wolscha, eine Erle, abzuleiten, einer Baumgattung, welche in der Umgegend von Oehlisch noch jetzt sehr häufig angetroffen wird. In der Vorzeit scheint Oehlisch ein wichtiger Vertheidigungspunkt der bedrohten Slaven gewesen zu sein, denn in der Mitte des Dorfes befindet sich noch jetzt einer der sogenannten Rundwälle – vom Volke Schwedenschanze genannt – deren die Oberlausitz aus dem Kampfe der Slaven und Deutschen noch viele zeigt. Die Schanze zu Oehlisch, am Ufer des Flusses Schöps emporsteigend, enthält einen oberen Umfang von hundertachtzig Schritten, ihre Höhe beträgt auf der westlich gelegenen Seite sechszehn Ellen, auf der östlichen aber, wo in der Tiefe der Fluss sie begrenzt, dreissig Ellen. Der innere Raum des alten Vertheidigungswerkes ist mit Bäumen bewachsen, und hier wurden häufig Bruchstücke von thönernen Gefässen, namentlich Todtenurnen, ausgegraben. Die äussere Form der Schanze erleidet jetzt eine Veränderung, indem der Besitzer eines nahe dabei liegenden Bauergutes Abgrabungen derselben vornimmt, um für seine Gebäude mehr Raum [32] zu gewinnen. Diese Schanze bildete einst eine Vertheidigungslinie mit den beiden noch ansehnlicheren und wohlerhaltenen Rundwällen bei dem nahen Dorfe Schöps.

Das Rittergut Oehlisch gehörte in den ältesten Zeiten der einst in der Oberlausitz reichbegüterten Familie von Gersdorf, welche auch Reichenbach, Mittel-Sohland, Mengelsdorf und Coswitz besass. Ritter Romvold von Gersdorf starb im Jahre 1387 auf dem Schlosse zu Sohland, und einer seiner Nachkommen, Lothar von Gersdorf, zeichnete sich als ein kühner Streiter gegen die 1426 und 1428 einbrechenden Hussiten aus. Als Peter von Gersdorf die Güter besass, fiel (1477) Hynderich Schmierziztig, nachdem er Budissin erstürmt und verheert, Löbau aber vergeblich zur Uebergabe auffordert und ohne Erfolg berannt hatte, in Sohland ein, musste aber dem tapferen Widerstande der Einwohner und ihrer herbeieilenden Freunde, namentlich der Bürger von Görlitz, weichen und sich schleunig zurückziehen. Von den Gersdorfs kamen die Güter an die Herren von Warnsdorf und von diesen an die Familie von Sander. Gottfried von Sander, Obristwachtmeister des churfürstlichen Heeres, war ein strenger Mann, der auf seine Gerechtsame pochend in unaufhörlichem Streite mit seinen Unterthanen lebte, und im Jahre 1660 am 8. Januar mit Tode abging. Ihm folgte im Besitze der Güter seine Gemahlin, Anna Sabina, geborene von Kyaw aus dem Hause Kemnitz, die am 24. October 1667 starb. Oehlisch nebst anderen Gütern fiel nunmehr an der verblichenen Frau von Sander zweite Tochter, Sophie Tugendreich, welche sich im Jahre 1670 mit Georg Ernst von Gersdorf, aus dem Hause Mittel-Horka, vermählte, der seiner Gemahlin die Güter Oberreichenbach, Oberndorf und Oehlisch für 14,000 Thaler abkaufte. Georg Ernst von Gersdorf verschied im Jahre 1713 und ihn beerbte sein Sohn, der Landesbestallte der Oberlausitz Georg Ernst von Gersdorf. Von der Familie Gersdorf kam Oehlisch in dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts an den Churfürstlich Sächsischen Hofrath und Landesältesten des Budissiner Kreises Ernst Carl Gotthelf von Kiesenwetter, von dem es in Besitz des Amtshauptmanns von Kiesenwetter und endlich des Stiftsverwesers von Kiesenwetter gelangte, von welchem Letzteren es 1842 an Herrn Johann Heinrich Ohnefalsch-Richter auf Mittelsohland und von diesem an Herrn Julius Christian Mertz überging.

Wie in den Kriegen des funfzehnten und siebzehnten Jahrhunderts war Oehlisch auch in neuerer Zeit einigemale durch nahe heftige Gefechte nicht wenig bedroht. Am 7. September 1706 fand in der Nähe des Ortes ein heftiger Kampf statt. König Carl XII. von Schweden drang mit seinen Kriegsvölkern in die Lausitz ein, und während er sein Hauptquartier in Schönberg bezog schickte er eine starke Truppenabtheilung zum Recognosciren aus, die nicht weit von Oehlisch auf ein Sächsisches Corps stiess, welches in gleicher Absicht, geführt vom General Jordan, aus dem Sächsischen Lager entsandt war. Die feindlichen Truppenmassen griffen einander an, und bald entstand ein heftiges Handgemenge, in dem General Jordan eine schwere Wunde empfing. Nach langen vergeblichen Anstrengungen, das Feld zu behaupten, mussten beide Theile den Rückzug antreten. Auch 1813, nach der Schlacht bei Bautzen, fanden bei Oehlisch verschiedene einzelne Kämpfe zwischen den zum Rückzug gezwungenen Verbündeten und den siegreichen Franzosen statt, und der Widerstand der Alliirten war um so heftiger und hartnäckiger, weil das Terrain zu einer wirksamen Vertheidigung vorzüglich geeignet ist.

Oehlisch ist in die Kirche zu St. Johannes in der Preussischen Stadt Reichenbach eingepfarrt, welche hart an der grossen Strasse von Dresden nach Breslau, zwei Meilen westlich von Görlitz dicht an der Sächsischen Grenze liegt. Am 22. Mai 1813 fiel in der Nähe zwischen den Alliirten und Franzosen das bedeutende Reitergefecht vor, in welchem Abends sieben Uhr dem Marschall Düroc, während er auf einer Höhe bei Markersdorf mit dem Herzog von Treviso, den Generalen Kirgener und la Bruyern sprach, der Leib durch eine Kugel aufgerissen wurde, die auch Kirgener tödtete und la Bruyern beide Beine wegnahm. Die beiden Rittergüter zu Reichenbach, Ober- und Niederreichenbach genannt, mit welchen Oehlisch Jahrhunderte hindurch gemeinschaftliche Besitzer hatte, sind mit schönen Wirthschaftsgebäuden versehen und auf ihren Fluren giebt es reiche Torf- und Mergellager.

Die beiden Kirchen zu Reichenbach sind die schon erwähnte Johanniskirche, mit einer hübschen Bibliothek und die kleinere, der heiligen Anna gewidmete Kirche vor dem Görlitzer Thore. Ausser Oehlisch sind noch hier eingepfarrt: Oberreichenbach, Niederreichenbach, Gosswitz, Dittmannsdorf, Biesig, Löbensmüh, Mengelsdorf, Burda, Gurig und Schöps. Die geistlichen Verrichtungen besorgen der Pfarrer und ein Diakonus, von denen Letzterer zugleich Bibliothekar ist. Vor der Reformation befand sich zu Reichenbach der Sitz eines zum Budissiner Diakonate gehörigen Erzpriesters. Der Pfarrer war bis in die neueste Zeit Lehnsherr einiger Unterthanen zu Sohland. Der erste evangelische Prediger zu Reichenbach war Georg von Waltersdorf, der jedoch von seinem Collator, Hans von Gersdorf, vertrieben wurde. Im Jahre 1548 versah das Pfarramt Franz Fleischer, ein Ungar. Das hiesige Hospital, zum armen Lazarus, ist sehr reich begütert.

Otto Moser, Red.


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