Almansor/Das Innere eines alten, verödeten Maurenschlosses
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[Bearbeiten] Das Innere eines alten, verödeten Maurenschlosses
481
Durch die Seitenfenster fallen Strahlen der untergehenden Sonne. Almansor allein.
ALMANSOR.
- Es ist der alte, liebe Boden noch,
- Der wohlbekannte, buntgestickte Teppich,
- Worauf der Väter heil'ger Fuß gewandelt!
- Jetzt nagen Würmer an den seidnen Blumen,
- Als wären sie des Spaniers Bundgenossen.
- Es sind die alten, treuen Säulen noch,
- Des stolzen Hauses stolze Marmorstützen,
- Woran ich oft mich angelehnt als Knabe.
- Oh, hätten unsre Gomeles und Ganzuls,
- Abencerragen und hochmüt'ge Zegris
- So treu, wie diese Säulen hier, getragen
- Den Königsthron im leuchtenden Alhambra!
- Es sind die alten, guten Mauern noch,
- Die glattgetäfelten, die hübsch bemalten,
- Die stets dem müden Wandrer Obdach gaben!
- Gastlich geblieben sind die guten Mauern,
- Doch ihre Gäste sind nur Eul' und Uhu.
Er geht ans Fenster.
- Still bleibt's! Nur du, o Sonne, hörtest mich;
- Mitleidig schickst du mir die letzten Strahlen,
- Und streust mir Licht auf meinen dunkeln Pfad!
- Du, güt'ge Sonne, hör mein dankbar Wort:
- Entflieh auch du nach Mauritaniens Küste
- |482Und nach Arabiens ewig heitrer Flur; –
- Oh, fürchte Don Fernand und seine Räte,
- Die Haß geschworen allem schönen Lichte;
- Oh, fürchte Doña Isabell, die Stolze,
- Die im Gefunkel ihrer Diamanten
- Allein zu glänzen glaubt, wenn Nacht ringsum;
- Oh, flieh auch du den schlimmen span'schen Boden,
- Wo schon gesunken deine Schwestersonne,
- Die goldgetürmte leuchtende Granada!
Geht vom Fenster.
- Beklommen ist mein Herz, als habe sich
- Der untergehnden Sonne Flammenball
- Auf diese arme, schwache Brust gewälzt.
- Wie morsche, glühnde Asche ist mein Leib,
- Und unter meinen Füßen wankt der Boden.
- So heimisch ist mir hier, und doch so ängstlich!
- Das Lüftchen, das mir lind die Wange kühlt,
- Haucht Grüße mir aus längstverschollner Zeit.
- In jener Schatten wechselnder Bewegung
- Seh ich die Märchen meiner Kinderjahre;
- Sie regen sich, und nicken mir, und lächeln
- Mit klugen Mienen, und verwundern sich,
- Daß jetzt der alte Freund so bang, so fremd tut.
- Dort schwankt hervor die liebe, tote Mutter,
- Und schaut wehmütiglich besorgt, und weint,
- Und winkt, und winkt mit ihrer weißen Hand.
- Und auch den Vater seh ich dorten sitzen,
- Auf grünem Sammetpolster, leise schlummernd.
Er steht sinnend. Es ist ganz dunkel geworden. Man sieht im Hintergrunde eine Gestalt, mit einer Fackel in der Hand, vorüberschreiten.
- Welch Nebelbild kam dort vorbeigeflirrt?
- War's nur ein Blendwerk, das mich toll umgaukelt?
- War's nicht der alte Hassan, der dort ging?
- |483Vielleicht liegt Hassans toter Leib im Grab,
- Und nur sein Geist noch wandelt hier als Wächter
- Der Burg, die er im Leben treu gehütet?
- Es rauscht und rollet dumpf, und immer näher,
- Als stiegen meine Väter aus den Gräbern,
- Um mir zum Gruß die Knochenhand zu reichen,
- Zum Willkommkuß die weißen, kalten Lippen –
- Sie kommen schon – Eu'r Grüßen könnt mich töten –
Mehrere Mauren stürzen hervor mit blanken Säbeln.
ERSTER MAURE.
- Das könnte wohl geschehn!
ALMANSOR zieht sein Schwert aus der Scheide.
- So komm hervor,
- Du wunderreiches, blankes Amulett,
- Und schütze mich vor solchen schlimmen Geistern!
ZWEITER MAURE.
- Wie kömmst du, Fremdling, hier in unsre Burg?
ALMANSOR.
- Ich geb die Frag' zurück, die Burg ist mein,
- Und dieser Anwalt – Zeigt sein Schwert. –
- soll mein gutes Recht
- Auf eure Haut mit roten Zügen schreiben.
ERSTER MAURE.
- Ei! ei! wenn unser Anwalt Einspruch tut,
- Ist seine Zunge nicht von Holz; fürwahr,
- Metallvoll klirret seine Eisenstimme. – Sie fechten.
ERSTER MAURE.
- Ei! ei! dein Anwalt kommt ja recht in Hitze,
- Und seine Rede sprühet Feuerfunken.
ALMANSOR.
- Schweig nur, in deinem Blut soll er sie löschen.
|484DRITTER MAURE.
- Der Spaß geht bald zu End', ergib dich uns.
Hassan, in der linken Hand eine Fackel, in der rechten einen Säbel, stürzt wild herbei.
HASSAN.
- Ho! ho! habt ihr den Alten ganz vergessen?
- Blutrache, wißt ihr ja, ist mein Gewerbe,
- Und mir gehört der dort, ich muß ihn töten.
Er ficht mit dem schon ermatteten Almansor; wie er ihn eben niederhauen will, erblickt er das Gesicht desselben beim Scheine der Fackel, und erschüttert stürzt er zu Almansors Füßen.
- Allah! Es ist Almansor ben Abdullah!
ALMANSOR.
- Das bin ich noch, und du bist Hassan noch;
- Steh auf, du treuer Diener meines Hauses.
- Ein nächtig Blendwerk hat uns hier verwirrt,
- Und bald wär mir die Vaterburg zum Grab,
- Die alte Wiege mir zum Sarg geworden.
ERSTER MAURE.
- Du schienest Spanier durch Barett und Mantel,
- Und unser Säbel nur bewillkommt Spanier.
HASSAN steht langsam auf und spricht mit strengem Tone.
- Almansor ben Abdullah! steh mir Rede:
- Wie kömmt dein Leib in diese span'sche Tracht ?
- Wer hat das edle Berberroß behängt
- Mit dieser gleißend farb'gen Schlangenhaut?
- Wirf ab die gift'ge Hülle, Sohn Abdullahs,
- Tritt auf das Haupt der Schlange, edles Roß!
ALMANSOR lächelnd.
- Du bist der alte Eifrer Hassan noch,
- Und klebst noch fest an Farben und an Formen.
- Die Schlangenhaut, die schützet wider Schlangen;
- |485So wie die Wolfsfellhülle schützt das Lamm,
- Das wehrlos fromm die Waldungen durchstreift.
- Trotz Hut und Mantel bin ich doch ein Moslem,
- Denn in der Brust hier trag ich meinen Turban.
HASSAN.
- Gelobt sei Allah! Allah sei gelobt!
- Legt euch zur Ruhe, Brüder, ich will wachen;
- Verjüngt hat plötzlich sich der alte Hassan.
Die Mauren gehn ab.
ALMANSOR.
- Wer sind die Männer, die du Brüder nanntest?
HASSAN.
- Es sind die Reste jener treuen Diener,
- Die Allah noch in diesem Land besitzt.
- Ach! ihre Zahl ist g'ring, und täglich schmilzt sie;
- Derweil die Zahl der Schelme täglich anschwillt.
ALMANSOR.
- Wie tief bist du gesunken! O Granada!
HASSAN.
- Wohl sinken muß die Stadt, wo Doppelfeinde,
- Wo drinnen Zwietracht, draußen Arglist wüten.
- Oh! Fluch der Nacht, wo diese Weiberarglist
- Mit Männerhabsucht süß gebuhlt. Oh! Fluch
- Der Nacht, wo das Verderben von Granada
- In solcher Glutumarmung ward beraten;
- Oh! Fluch der Nacht, wo einst ins Brautbett stieg
- Don Ferdinand zu Doña Isabella!
- Wo solches Paar der Zwietracht Funken schürt,
- Da flackert bald in Flammen auf das Haus.
- Nicht durch den Speer des kräftigen Leoners,
- Nicht durch des stolzen Aragoniers Lanze,
- Nicht nur das Schwert kastil'scher Ritterschaft –
- Nur durch Granada selber fiel Granada!
- |486Wenn der Erzeuger meuchelt seine Kinder,
- Die wehrlos eignen Kinder in der Wiege,
- Und wenn der Sohn die frevelhafte Rechte
- Entgegenballt dem heil'gen Haupt des Vaters,
- Und wenn der Bruder, auf des Bruders Leiche,
- Des Thrones blut'ge Stufen frech erklimmt,
- Und wenn des Reiches pflichtvergeßne Großen
- Ehrlos der Fahne ihres Erbfeinds folgen:
- Dann fliehn mit schamverhüllten Angesichtern
- Die Engel, die der Hauptstadt Tore hüten,
- Und siegreich ziehen ein der Feinde Scharen.
ALMANSOR.
- Ich denke noch des unheilschwangern Tags;
- Ich stand am Tor des Schlosses unten, plötzlich
- Sprengt rasch einher, auf schwarzem Roß, ein Reiter.
- Wild, und verstörten Blicks, und atemlos
- Fragt' er nach Vater. Schnell die Trepp' hinauf –
- Und in des Vaters offne Arme sank er.
- Da sah ich erst, es war der gute Aly –
HASSAN bitter.
- Der gute Aly!
ALMANSOR. »Aly, sprich, was bringst du?«
- Sprach schnell mein Vater. – Oh, da stürzten Bäche
- Blutdunkler Tränen über Alys Wangen,
- Und schluchzend sprach er: »In Granada haben
- Don Ferdinand und Isabell den Einzug
- Gehalten, unterm Schalle der Drommeten,
- Und König Boabdil hat ihnen kniend
- Die Schlüssel überreicht auf goldnem Becken,
- Und auf Alhambras Turm steht aufgepflanzt
- Kastiliens Fahne und Mendozas Kreuz.«
HASSAN hält sich die Augen zu.
- Oh! eine Gnade nur verlang ich, Allah!
- Lösch aus in meinem Hirn dies Bild des Greuels!
|487ALMANSOR.
- Noch schwebt mir's vor, wie dieser Botschaft Blitz
- In jedem Mund die Zunge kalt gelähmt.
- Bleich, stumm und stieren Blickes stand mein Vater,
- Die Arme hingen lang und schlaff herab,
- Die Knie schlotterten, und wie er hinsank,
- Erhub sich Weiberjammer und Geheul.
HASSAN.
- Lösch aus in meinem Hirn dies Bild des Greuels!
ALMANSOR.
- Da schloß mich an sein Herz der gute Aly;
- Hielt mir besorgt die nassen Augen zu,
- Um mir des Jammers Anblick zu verbergen,
- Und zog mich fort, und hub mich auf sein Roß –
HASSAN bitter lächelnd.
- Und trug dich fort nach seinem hübschen Schloß,
- Wo dich empfing die liebliche Zuleima,
- Und dir die Träne aus dem Aug' gelächelt,
- Vielleicht geküßt –
ALMANSOR.Du boshaft saurer Hassan!
- Vergiß nicht, daß ich noch ein Knabe war.
- Auch irrst du dich, Zuleimas Augenstrahlen
- Vermochten's nicht, mein nasses Aug' zu trocknen.
- Ich stahl mich heimlich fort aus Alys Schloß,
- Und war in wen'gen Stunden hier zurück.
- Hier auf dem Boden wälzte sich mein Vater,
- Sein Kleid zerrissen, Asche auf dem Haupt,
- Und wildzerrauft des Bartes weiße Locken.
- Hier neben ihm lag weinend meine Mutter,
- Mitsamt den Dienerinnen schwarz verschleiert.
- Und wenn es still ward, und nur eine Stimme
- Aufseufzend rief das Wort »Granada!«, so
- Ergoß sich doppelt laut die alte Klage.
|488HASSAN weinend.
- Versieget nie, ihr ew'gen Tränenquellen!
ALMANSOR.
- Sieh nicht so kläglich aus, du alter Hassan!
- Weit besser kleidet dich der Löwentrotz,
- Mit dem du, harnischglänzend, waffenklirrend,
- Zu uns Erstaunten tratest in den Saal.
- Ich seh dich noch, wie du zum Vater sprachest:
- »Ich kann nicht länger dienen dir, Abdullah,
- Dieweil mein Gott jetzt seines Knechts bedarf.«
- Und festen Gangs verließest du das Schloß,
- Und seit der Zeit sah ich dich niemals wieder.
HASSAN.
- Zu jenen Kämpfern hatt ich mich gesellt,
- Die ins Gebürge, auf die kalten Höhn,
- Mit ihren heißen Herzen sich geflüchtet.
- So wie der Schnee dort oben nimmer schwindet,
- So schwand auch nie die Glut in unsrer Brust;
- Wie jene Berge nie und nimmer wanken,
- So wankte nimmer unsre Glaubenstreue;
- Und wie von jenen Bergen Felsenblöcke
- Öfters herunterrollen, allzerschmetternd,
- So stürzten wir von jenen Höhen oft,
- Zermalmend, auf das Christenvolk im Tal;
- Und wenn sie sterbend röchelten, die Buben,
- Wenn ferne wimmerten die Trauerglocken,
- Und Angstgesänge dumpf dazwischenschollen,
- Dann klang's in unsre Ohren süß wie Wollust.
- Doch hat solch blutigen Besuch erwidert
- Unlängst Graf Aquilar mit seinen Rittern.
- Der hat zum letzten Tanz uns aufgespielt;
- Und beim Geschmetter gellender Trompeten,
- Bei der Kanonen dumpfem Paukenschalle,
- Beim Kehrausfiedeln kastilian'scher Klingen,
- |489Und bei der Kugeln lustig hellem Pfeifen,
- Flog jählings mancher Maure in den Himmel,
- Und wen'ge nur entrannen wir dem Tanzplatz.
- Doch sprich, Almansor, wie erging es Euch?
- Mit jenen Freunden floh ich jüngst hierher,
- Und fand nur öde Säle, und betrübt
- Sahn auf mich nieder diese kahlen Wände,
- Und traur'ge Ahnung gab das traur'ge Schloß.
ALMANSOR.
- Verlange nicht ein Klagelied, laß schlummern
- Die lieben Toten und Almansors Schmerzen.
- Du sahst ja damals, wie auf schwarzem Roß
- Der gute Aly hergebracht das Unglück.
- Nie kommt das Unglück ohne sein Gefolge!
- Tagtäglich kamen aus Granada schlimmre
- Botschaften her; und wie der Wandrer schnell
- Sich mit dem Antlitz auf den Boden wirft,
- Wenn ihm entgegenweht der glühnde Samum,
- So stürzten wir oft weinend hin zur Erde,
- Daß uns der Kunden gift'ger Hauch nicht töte.
- Bald hörten wir vom Abfall unsrer Priester,
- Der Morabiten und der Alfaquis; –
HASSAN.
- Gibt's irgendwo 'nen Glauben zu verschachern,
- So sind zuerst die Pfaffen bei der Hand.
ALMANSOR.
- Bald hörten wir, daß auch der große Zegri,
- In feiger Todesangst, das Kreuz umklammert;
- Daß vieles Volk dem Beispiel Großer folgte,
- Und Tausende ihr Haupt zur Taufe beugten; –
HASSAN.
- Der neue Himmel lockt viel alte Sünder.
|490ALMANSOR.
- Wir hörten, daß der furchtbare Ximenes,
- Inmitten auf dem Markte, zu Granada –
- Mir starrt die Zung' im Munde – den Koran
- In eines Scheiterhaufens Flamme warf!
HASSAN.
- Das war ein Vorspiel nur, dort, wo man Bücher
- Verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.
ALMANSOR.
- Am Ende kam die allerschlimmste Botschaft: – Stockt.
- Daß auch der gute Aly Christ geworden. – Pause.
- Da quoll kein Tropfen aus des Vaters Augen,
- Kein Klagelaut entstahl sich seinem Mund,
- Kein Haar entraufte er dem greisen Haupte; –
- Nur seine Antlitzmuskeln zuckten krampfhaft,
- Und wildverzerrt, und schneidend brach hervor
- Aus seiner Brust ein gellendes Gelächter.
- Und wie ich mich mit leisem Weinen nahte,
- Ergriff's wie Wahnsinnwut den armen Vater.
- Er zog den Dolch und nannt mich »Schlangenbrut«
- Und wollt mir schon die Brust durchstoßen – plötzlich
- Zog sich's wie sanftrer Schmerz um seine Lippen.
- »Du, Knabe, sollst die Schuld nicht büßen«, sprach er,
- Und wankte fort nach seiner stillen Kammer.
- Dort saß er schweigend, ohne Speis' und Trank,
- Drei Tage lang. Doch wie er da hervorkam,
- Schien er wie umgewandelt. Ruhig war er,
- Befahl den Knechten: all sein Hab und Gut
- Auf Maultier' und auf Wagen aufzuladen;
- Befahl den Weibern: uns mit Wein und Brot
- Für eine lange Reise zu versorgen.
- Als das geschehn, nahm er in seine Arme,
- Und trug es selbst, das allerbeste Kleinod,
- Die Rolle der Gesetze Mahomets,
- Dieselben alten, heil'gen Pergamente,
- |491Die einst die Väter mitgebracht nach Spanien.
- Und so verließen wir der Heimat Fluren,
- Und zogen fort, halb zaudernd und halb eilig,
- Als wenn es unsichtbar, mit weichen Armen
- Und schmelzend lieber Stimm', uns rückwärts zöge,
- Und dennoch Wolfsgeheul uns vorwärts triebe.
- Als wär's ein Mutterkuß beim letzten Scheiden,
- So sogen wir begierig ein den Duft
- Der span'schen Myrten- und Zitronenwälder;
- Derweil die Bäume klagend uns umrauschten,
- Wehmütig süß die Lüfte uns umspielten,
- Und traur'ge Vöglein, wie zum Lebewohl,
- Uns stumme Wandrer stumm umflatterten.
HASSAN.
- Ihr hieltet fest in Euren treuen Händen
- Den besten Wanderstab, der Väter Glauben.
ALMANSOR.
- Wo Tariks Fuß zuerst dies Land betrat,
- Setzten wir schleunig über nach Marokko,
- Wohin die Besten unsres Volkes flohn.
- Doch als wir landeten, erblich die Mutter,
- Und legte still ins Grab ihr müdes Haupt.
HASSAN.
- Von rauher Hand versetzt in fremden Boden,
- Hat welken müssen solche zarte Lilie.
ALMANSOR.
- In Trauerkleidern reisten wir von dannen,
- Und schlossen uns an jene Karawanen,
- Die nach dem heil'gen Mekka gläubig wallen.
- In Jemen, in dem Land der Stammesbrüder,
- Schloß auch Abdullah die verweinten Augen,
- Und schlummerte hinüber nach der Heimat,
- Wo kein Ximenes, keine Isabella.
|492HASSAN.
- Und gibt es in Arabien keine Örter,
- Wo man den toten Vater kann beweinen?
ALMANSOR.
- Oh, kenntest du die Qual des Ruhelosen,
- Den unsichtbare Flammengeißeln treiben!
- Noch einmal wollt ich küssen Spaniens Boden –
HASSAN.
- Und bei Gelegenheit Zuleimas Lippen.
ALMANSOR ernst.
- Des Vaters Diener ist nicht Herr des Sohnes;
- Drum, bittrer Hassan, laß dein bittres Deuteln.
- Ja, ich bekenn es, nach Zuleima schmacht ich,
- Wie nach dem Morgentau der Sand der Wüste.
- Noch diese Nacht geh ich nach Alys Schloß.
HASSAN.
- Geh nicht nach Alys Schloß! Pestörtern gleich
- Flieh jenes Haus, wo neuer Glaube keimt.
- Dort zieht man dir, mit süßen Zangentönen,
- Aus tiefer Brust hervor das alte Herz,
- Und legt dir eine Schlang' dafür hinein.
- Dort gießt man dir Bleitropfen, hell und heiß,
- Aufs arme Haupt, daß nimmermehr dein Hirn
- Gesunden kann vom wilden Wahnsinnschmerz.
- Dorten vertauscht man dir den alten Namen,
- Und gibt dir einen neu'n; damit dein Engel,
- Wenn er dich warnend ruft beim alten Namen,
- Vergeblich rufe. Oh, betörtes Kind,
- Geh nicht nach Alys Schloß; – du bist verloren,
- Wenn man in dir Almansorn wiedersieht!
ALMANSOR.
- Besorge nichts; denn niemand kennt mich mehr.
- Mein Antlitz trägt des Grames tiefe Furchen,
- |493Getrübt von salz'gen Tränen ist mein Aug',
- Nachtwandlerartig ist mein schwanker Gang,
- Gebrochen, wie mein Herz, ist meine Stimme –
- Wer sucht in mir den blühenden Almansor?
- Ja, Hassan, ja, ich liebe Alys Tochter!
- Nur einmal noch will ich sie schaun, die Holde!
- Und hab ich mich noch einmal süß berauscht
- Im Anblick ihrer lieblichen Gestalt,
- In ihre Augen meine Seel' getaucht,
- Und schwelgend eingehaucht den süßen Odem: –
- Dann geh ich wieder nach Arabiens Wüste,
- Und setze mich auf jenen steilen Felsen,
- Wo Mödschnun saß und Leilas Namen seufzte! –
- Drum sei nur ohne Sorge, alter Hassan,
- Im span'schen Mantel geh ich, unbemerkt
- Und unerkannt, im ganzen Schloß herum,
- Und meine Bundgenossin ist die Nacht.
HASSAN.
- Trau nicht der Nacht, sie birgt im schwarzen Mantel
- Viel arge Fratzenbilder, Molch' und Schlangen,
- Und wirft sie heimlich hin vor deine Füße.
- Trau ihrem bleichen Buhlen nicht, der droben
- Liebäugelnd aus den Wolken niederblinzelt,
- Und hämisch bald, mit schrägen, fahlen Lichtern,
- Die Schreckgestalten deines Wegs beflimmert.
- Trau nimmer ihrer Bastardbrut dort oben,
- Den goldnen Kindlein, die so munter funkeln,
- Und freundlich tun, und liebeschmeichelnd nicken,
- Und dennoch, wie mit tausend glühnden Fingern,
- Am Ende spöttisch auf dich niederdeuten.
- Geh nicht nach Alys Schloß! Am Eingang sitzen
- Drei dunkle Fraun und harren deiner Rückkehr,
- Um würgend dich mit Inbrunst zu umarmen,
- Im Liebeskuß dein Herzblut auszusaugen!
|494ALMANSOR.
- Wirf hemmend dich in eines Mühlrads Speichen,
- Dräng mit der Brust zurück des Stromes Flut,
- Halt mit den Armen auf des Bergquells Sturz –
- Doch halte mich nicht ab von Alys Schloß.
- Dort zieht's mich hin mit tausend Demantfäden,
- Die sich verwebt in meines Hirnes Adern
- Und in den Fasern meines Herzens; – Hassan,
- Schlaf wohl! mein altes Schwert ist mein Begleiter.
HASSAN.
- Und deine Leuchte sei dein alter Glaube.