Almansor/Waldgegend (1)
aus Wikisource, der freien Quellensammlung
< Almansor
| « Garten vor Alys Schloß | Heinrich Heine Almansor |
Saal in Alys Schloß » | |||
|
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
|||||
[Bearbeiten] Waldgegend
527
DER CHOR.
- Es ist ein schönes Land, das schöne Spanien,
- Ein großer Garten, wo da prangen Blumen,
- Goldäpfel, Myrten; – aber schöner noch
- Prangten mit stolzem Glanz die Maurenstädte,
- Das edle Maurentum, das Tarik einst
- Mit starker Hand auf span'schen Boden pflanzte.
- Durch manch Ereignis war schon früh gediehn
- Das junge Reich; es wuchs und blühte auf
- In Herrlichkeit und überstrahlte fast
- Des alten Mutterlands ehrwürd'ge Pracht.
- Denn als der letzte Omayad' entrann
- Dem Gastmahl, wo der arge Abbaside
- Der Omayaden blut'ge Leichenhaufen
- Zu Speisetischen höhnend aufgeschichtet;
- Als Abderam nach Spanien sich gerettet,
- Und wackre Mauren treu sich angeschlossen
- Dem letzten Zweig des alten Herrscherstamms –
- Da trennte feindlich sich der span'che Moslem
- Vom Glaubensbruder in dem Morgenlande;
- Zerrissen ward der Faden, der von Spanien,
- Weit übers Meer, bis nach Damaskus reichte,
- Und dort geknüpft war am Kalifenthron;
- Und in den Prachtgebäuden Cordovas,
- Da wehte jetzt ein reinrer Lebensgeist
- Als in des Orients dumpfigen Haremen.
- Wo sonst nur grobe Schrift die Wand bedeckte,
- Erhub sich jetzt, in freundlicher Verschlingung,
- |528Der Tier- und Blumenbilder bunte Fülle;
- Wo sonst nur lärmte Tamburin und Zimbel,
- Erhob sich jetzt, beim Klingen der Chitarre,
- Der Wehmutsang, die schmelzende Romanze;
- Wo sonst der finstre Herr, mit strengem Blick,
- Die bange Sklavin trieb zum Liebesfron,
- Erhub das Weib jetzund sein Haupt als Herrin,
- Und milderte, mit zarter Hand, die Roheit
- Der alten Maurensitten und Gebräuche,
- Und Schönes blühte, wo die Schönheit herrschte.
- Kunst, Wissenschaft, Ruhmsucht und Frauendienst,
- Das waren jene Blumen, die da pflegte
- Der Abderamen königliche Hand.
- Gelehrte Männer kamen aus Byzanz,
- Und brachten Rollen voll uralter Weisheit;
- Viel neue Weisheit sproßte aus der alten;
- Und Scharen wißbegier'ger Schüler wallten
- Aus allen Ländern her nach Cordova,
- Um hier zu lernen, wie man Sterne mißt,
- Und wie man löst die Rätsel dieses Lebens.
- Cordova fiel, Granada stieg empor
- Und ward der Sitz der Maurenherrlichkeit.
- Noch klingt's in blühend stolzen Liedern von
- Granadas Pracht, von ihren Ritterspielen,
- Von Höflichkeit im Kampf, von Siegergroßmut,
- Und von dem Herzenspochen holder Damen,
- Die streiten sahn die Ritter ihrer Farbe.
- Doch war's ein ernstrer Ritterkampf, worin
- Sie selber fiel, die leuchtende Granada,
- Und ritterliche Großmut war es nicht,
- Als jüngst sein Wort, womit er Glaubensfreiheit
- Verbürget hatt, der Sieger listig brach,
- Und den Besiegten nur die Wahl gelassen,
- Entweder Christ zu werden, oder fort
- Aus Spanien nach Afrika zu fliehn.
- |529Da wurde Aly Christ. Er wollte nicht
- Zurück ins dunkle Land der Barbarei.
- Ihn hielt gefesselt edle Sitte, Kunst
- Und Wissenschaft, die in Hispanien blühte.
- Ihn hielt gefesselt Sorge für Zuleima,
- Die zarte Blume, die im Frauenkäfig
- Des strengen Morgenlands hinwelken sollte.
- Ihn hielt gefesselt Vaterlandesliebe,
- Die Liebe für das liebe, schöne Spanien.
- Doch was am meisten ihn gefesselt hielt,
- Das war ein großer Traum, ein schöner Traum,
- Anfänglich wüst und wild, Nordstürme heulten,
- Und Waffen klirrten, und dazwischen rief's:
- »Quiroga und Riego!«, tolle Worte!
- Und rote Bäche flossen, Glaubenskerker
- Und Zwingherrnburgen stürzten ein, in Glut
- Und Rauch, und endlich stieg, aus Glut und Rauch,
- Empor das ew'ge Wort, das urgeborne,
- In rosenroter Glorie selig strahlend. – Geht ab.
Almansor wankt träumerisch einher.
ALMANSOR kalt und verdrossen.
- In alten Märchen gibt es goldne Schlösser,
- Wo Harfen klingen, schöne Jungfraun tanzen,
- Und schmucke Diener blitzen, und Jasmin
- Und Myrt' und Rosen ihren Duft verbreiten –
- Und doch ein einziges Entzaubrungswort
- Macht all die Herrlichkeit im Nu zerstieben,
- Und übrig bleibt nur alter Trümmerschutt,
- Und krächzend Nachtgevögel, und Morast.
- So hab auch ich mit einem einz'gen Worte
- Die ganze blühende Natur entzaubert.
- Da liegt sie nun, leblos und kalt und fahl,
- Wie eine aufgeputzte Konigsleiche,
- Der man die Backenknochen rot gefärbt
- Und in die Hand ein Zepter hat gelegt.
- |530Die Lippen aber schauen gelb und welk,
- Weil man vergaß, sie gleichfalls rot zu schminken,
- Und Mäuse springen um die Königsnase,
- Und spotten frech des großen, goldnen Zepters. –
- Es ist das eigne Blut, das uns hinaufsteigt
- Ins Aug', wodurch mit schönem roten Schimmer
- Bekleidet werden all die Rosenblätter,
- Jungfrauenwänglein, Sommerabendwölkchen,
- Und gleiche Spielerei'n, die uns entzücken.
- Ich hab die rote Brille abgelegt –
- Und sieh! welch schlechtes Machwerk ist die Welt!
- Die Vögel singen falsch; die Bäume ächzen
- Wie alte Mütterchen; die Sonne wirft,
- Statt glühnder Strahlen, lauter kalte Schatten;
- Schamlos, wie Metzen, lachen dort die Veilchen;
- Und Tulpen, Nelken und Aurikeln haben
- Die bunten Sonntagsröckchen ausgezogen,
- Und tragen ihr geflicktes, graues Hauskleid.
- Ich selbst hab mich verändert noch am meisten;
- Kaum kann ein Mädchensinn sich so verändern!
- Ich bin nur noch ein knöchrichtes Skelett;
- Und was ich sprech, ist nur ein kalter Windstoß,
- Der klappernd zieht durch meine trocknen Rippen.
- Das kluge Männlein, das im Kopf mir wohnte,
- Ist ausgezogen, und in meinem Schädel
- Spinnt eine Spinn' ihr friedliches Gewebe.
- Auch wein ich einwärts jetzt; denn als ich schlief,
- Stahl man die Augen mir, und glühnde Kohlen
- Hat man gefugt in meine Augenhöhlen.
- Du Engel oben, du, von dem die Amme
- Mir einst erzählte: daß du jede Träne,
- Die meinem Aug' entflösse, sorgsam zähltest,
- Du hast jetzt Feierabend! Mühsam war
- Dein Tagewerk, du armer Tränenzähler –
- |531Hast du dich nie verzählt? und konntest du
- Die großen Zahlen stets im Kopf behalten?
- Du bist wohl müd', und ich bin auch recht müd',
- Und auch mein Herz ist müd' vom vielen Klopfen,
- Und ausruhn wollen wir.
Er legt sich nieder, an einen Kastanienbaum gelehnt.
- Ich bin recht müd',
- Und krank, und kranker noch als krank, denn ach!
- Die allerschlimmste Krankheit ist das Leben;
- Und heilen kann sie nur der Tod. Das ist
- Die bitterste Arznei, doch auch die letzte,
- Und ist zu haben überall, und wohlfeil.
Er zieht einen Dolch hervor.
- Du eiserne Arznei, du schaust so zweifelnd
- Mich an. Willst du mir helfen?
Hassan tritt auf und naht sich leise.
HASSAN. Allah hilft!
ALMANSOR ohne ihn zu bemerken, noch immer mit dem Dolche sprechend.
- Du murmelst was von Allah und dergleichen.
- Bedarf der Dolch noch eines spitz'gen Wortes,
- Um mir das Herz im Leibe zu verwunden?
HASSAN.
- Was Allah tut, ist wohlgetan.
ALMANSOR immer noch mit dem Dolche sprechend.
- Ha, ha, ha!
- Moralisieren, scheint es, will der Dolch!
- Ich rate, schweig, denn schweigend sprichst du mehr
- Als mancher Moralist mit seinem Wortschwall.
HASSAN seufzend.
- Almansor ben Abdullah, was beginnst du?
|532ALMANSOR Hassan erblickend.
- Ha! ha! Du sprachst, zweibeinig kluges Ding!
- Trägst du nicht Hassans Bart und Hassans Augen?
- Bist du gar Hassan selbst? Das ist recht schön.
- Wir wollen Abschied nehmen. Lebe wohl!
- Gleich reis ich ab! – Zeigt ihm den Dolch. –
- Sieh, diese schmale Brücke
- Führt aus dem Land der Trauer in das Land
- Der Freude. Drohend steht am Eingang zwar,
- Mit blankem Schwert, ein kohlenschwarzer Riese –
- Der ist dem Feigen furchtbar, doch der Mut'ge
- Geht ungestört hinein ins Land der Freude.
- Ja, dorten ist die wahre Freude oder –
- Was doch dasselbe ist – die wahre Ruh'.
- Dort summt ins Ohr kein überläst'ger Käfer,
- Und keine Mücke kitzelt dort die Nase;
- Dort fällt kein grelles Licht ins blöde Aug';
- Und nimmer quält dort Hitz', und Frost, und Hunger,
- Und Durst; und, was das beste ist, dort schläft man
- Den ganzen Tag, und obendrein die Nacht.
HASSAN.
- Nein, Sohn Abdullahs, feige ist der Schwächling,
- Der keine Kraft hat, mit dem Schmerz zu ringen,
- Und ihm den Nacken zeigt, und zaghaft von
- Des Lebens Kampfplatz flieht – steh auf, Almansor!
ALMANSOR hebt eine Kastanie von der Erde.
- Durch wessen Schuld liegt diese Frucht am Boden?
HASSAN.
- Durch Wurm und Sturm; der Wurm zernagt die Fasern,
- Und leicht wirft dann der Sturm die Frucht herab.
ALMANSOR.
- Soll nun der Mensch, die allerschwächste Frucht,
- Nicht auch zu Boden fallen, wenn der Wurm,
Zeigt aufs Herz.
- |533Der schlimmste Wurm die Lebenskraft zernagte,
- Und der Verzweiflung wilder Sturm ihn rüttelt?
HASSAN.
- Steh auf, steh auf, Almansor! Nur der Wurm
- Mag sich am Boden krümmen, doch der Aar
- Fliegt stolz hinauf zum ew'gen Sonnenlichte.
ALMANSOR.
- Reiß du dem Aar die mächt'gen Flügel aus,
- Und auch der Aar ist Wurm und kriecht am Boden.
- Des Mißmuts Schere hat mir längst zerschnitten
- Die goldnen Flügel, die mich einst als Knabe
- Gen Himmel trugen, hoch, gar hoch hinauf.
HASSAN.
- Oh, zeig mir einen Stein, der kalt und stumm ist,
- Und sprich: »Das ist Almansor!« Ich will's glauben.
- Doch du bist's nicht, du, der mit offnen Augen
- Dort zaghaft liegst, und liegst, und glotzend zusiehst,
- Wie man die Schmach auf deine Brüder wälzt,
- Wie span'scher Übermut der Mauren beste
- Und edelste Geschlechter frech verhöhnt,
- Wie man sie schlau beraubt, und händeringend,
- Und nackt, und hülflos aus der Heimat peitscht –
- Du bist Almansor nicht, sonst dränge dir
- Ins Ohr der Greise und der Weiber Wimmern,
- Das span'sche Hohngelächter und der Angstruf
- Der edlen Opfer auf dem glühnden Holzstoß.
ALMANSOR.
- Glaub mir, ich bin's. Ich seh den span'schen Hund!
- Dort spuckt er meinem Bruder in den Bart,
- Und tritt ihn noch mit Füßen obendrein.
- Ich hör's: dort weint das arme Mütterchen;
- Sie aß am Freitag gerne Gänsebraten,
- Drum bratet man sie selbst jetzt, Gott zu Ehren.
- Am Pfahl daneben steht ein schönes Mädchen –
- Die Flammen sind in sie verliebt, umschmeicheln,
- |534Umlecken sie mit lüstern roten Zungen;
- Sie schreit und sträubt sich hold errötend gegen
- Die allzu heißen Buhlen, und sie weint –
- O schade! aus den schönen Augen fallen
- Hellreine Perlen in die gier'ge Glut.
- Jedoch was sollen diese Leute mir?
- Mein Herz ist ganz durchstochen wie ein Sieb,
- Hat keinen Raum für neue Schmerzenstiche.
- Der blut'ge Mann, der auf der Folter liegt,
- Hat kein Gefühl für einer Biene Stachel.
- Glaub mir's, ich bin Almansor noch, und gastfrei
- Steht meine Brust noch offen fremden Schmerzen;
- Doch durch die engen Pförtlein, Aug' und Ohr,
- Sind Riesenleiden in die Brust gestiegen,
- Die Brust ist voll – Ängstlich leise. –
- Gar ein'ge wunde Gäste
- Sind, herbergsuchend, mir ins Hirn gestiegen.
HASSAN.
- Steh auf! steh auf! sonst sag ich dir ein Wort,
- Das dich aufgeißeln wird, und neue Glut
- In deine Adern gießt – Sich zu ihm herabbeugend. –
- Zuleima
- Liegt heute nacht in eines Spaniers Armen.
ALMANSOR aufspringend und sich krampfhaft windend.
- Die Sonne ist mir auf den Kopf gefallen,
- Das Hirn ist eingebrochen, und die Gäste,
- Die dort sich eingenistet, taumeln auf,
- Umflirren mich wie graue Fledermäuse,
- Umsummen mich, umächzen mich, umnebeln
- Mich mit dem Duft vergifteter Gedanken!
Hält sich den Kopf.
- O weh! o weh! die Alte faßt mich an,
- Reißt mir das Haupt vom Rumpf, und schleudert es
- |535In einen Hochzeitsaal, wo zärtlich bellend
- Ein span'scher Hund mein süßes Liebchen küßt,
- Und schnalzend küßt und herzt – O weh! O hilf mir!
Wirft sich zu Hassans Füßen.
- O hilf dem blut'gen, abgerißnen Kopf,
- Der keine Arme hat, den Hund zu würgen –
- O leih mir deine Arme, Hassan! Hassan!
HASSAN.
- Ja, meinen Arm will ich dir leihn, Almansor,
- Und auch die starken Arme meiner Freunde.
- Wir wollen würgen jenen span'schen Hund,
- Der dir entreißen will dein Eigentum.
- Steh auf! Du sollst Zuleima bald besitzen.
Almansor steht auf.
- Als ich eu'r gestrig Nachtgespräch belauscht,
- Riet ich zu schneller Flucht, allein vergebens;
- Doch soll Almansor nicht verzweifeln, dacht ich.
- Ich habe meine Freunde hergeführt;
- Sie harren meines Winkes, und wir stürmen
- Nach Alys Schloß, wir ungeladne Gäste.
- Du nimmst dir deine Braut, und bringst sie mit
- Nach unserm Schiff, das an der Küste liegt.
- Zuleimas Liebe wird schon wiederkommen.
ALMANSOR.
- Ha, ha, ha! Liebe! Liebe! Fades Wort,
- Das einst mit schläfrig halbgeschloßnen Augen
- Ein Engel gähnend sprach. Er gähnte wieder,
- Und eine Welt voll Narren, alt und jung,
- Hat gähnend nachgelallet: »Liebe! Liebe!«
- Nein, nein! ich bin kein schmächt'ger Zephir mehr,
- Der schmeichelnd fächelt eines Mädchens Wange;
- Ich bin der Nordsturm, der ihr Haar zerzaust,
- Und rasend mit sich reißt die scheue Braut.
- |536Ich bin kein süßes Weihrauchdüftchen mehr,
- Das einer Jungfrau Nase zärtlich kitzelt;
- Ich bin der Gifthauch, der sie dumpf betäubt
- Und schwelgend dringt in alle ihre Sinne.
- Ich bin das Lamm nicht mehr, das, fromm und mild,
- Sich hinschmiegt zu den Füßen seiner Schäfrin;
- Ich bin der Tiger, der sie wild umkrallt
- Und wollustbrüllend ihren Leib zerfleischt.
- Zuleimas Leib ist's, was ich jetzt verlange;
- Ich will ein glücklich Tier sein, ja, ein Tier;
- Und in des Sinnenrausches Taumel will ich
- Vergessen, daß es einen Himmel gibt.
Ergreift hastig Hassans Hand.
- Ich bleibe bei dir, Hassan! ja, wir wollen
- Auf wilder See ein lustig Reich begründen.
- Tribut soll uns der stolze Spanier zollen;
- Wir plündern seine Küst' und seine Schiffe; –
- Auf dem Verdecke kämpf ich dir zur Seite; –
- Mein Säbel spaltet stolze Spanierschädel –
- Die Hunde über Bord! – das Schiff ist unser!
- Ich aber eile jetzt, mich zu erquicken,
- Nach der Kajüte, wo Zuleima wohnt,
- Umfasse sie mit meinen blut'gen Armen,
- Und küsse ab von ihrer weißen Brust
- Die roten Flecken – Ha! sie sträubt sich noch?
- Zu meinen Füßen, Sklavin, sollst du wimmern,
- Ohnmächtig Ding, das meine Sinne kühlt
- Nach wilder Kampfeshitze – Sklavin, Sklavin,
- Gehorche mir, und fächle meine Glut!
Beide eilen fort.