Aristobul
Inhaltsverzeichnis |
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1. Stück: Der tiefere Sinn der Heiligen Schrift
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Aristobul, der mit aristotelischer Philosophieseine heimische verband, 2
Er ist auch der, den das zweite Makkabäerbuch am Anfang erwähnt.3
Er schrieb für König Ptolemäus eine Abhandlung,worin er sich also ausläßt: 4
„Nachdem die aufgeworfenen Fragen genügend besprochen waren,brachtest auch du, König, eine Frage zur Sprache, 5
Dies soll geziemend beantwortet werden;die Antwort wird aber nicht im Widerspruch 6
Ich möchte dich bitten, die Überlieferungen so zu nehmen,wie es der Wirklichkeit entspricht, 7
Oft entlehnt unser Gesetzgeber Moses seine Ausdrücke andern Dingen;ich meine, äußerlich in die Augen fallenden Dingen, 8
Die tiefer sehen, bewundern seine Weisheitund den göttlichen Geist, weshalb er auch Prophet heißt. 9
Zu ihnen gehören die eben genannten Philosophenund einige andere nebst Dichtern, 10
Die aber, die weder Kraft noch Einsicht besitzen,vielmehr am Buchstaben kleben, 11
Ich will nun so gut als möglich diesen tiefern Sinnim einzelnen ausdeuten. 12
Sollte ich nicht das Richtige treffenund dich nicht überzeugen können, [180]
dann gib nicht dem Gesetzgeber die Schuld, 13
Der Ausdruck „Hände“ hat auch im gewöhnlichen Lebeneine höhere Bedeutung. 14
Schickst du als König deine Diener zu irgendeinem Werke aus,dann sagen wir: „Der König hat eine gewaltige Hand“ 15
Dies meint auch Moses in unserm Gesetz, wenn er sagt:„In starker Hand führte dich Gott aus Ägypten“ 16
Und bei dem Viehsterben spricht Moses zu Pharao:„Siehe, die Hand des Herrn wird auf deinem Vieh liegen, 17
Unter den Händen muß man die Macht Gottes verstehen;denn die ganze Kraft der Menschen und ihre Wirksamkeit 18
Deshalb wendet der Gesetzgeber dies trefflich auf die Gottheit an,indem er die göttlichen Wirkungen Hände nennt. 19
Das göttliche Stehen aber dürfte bei der Gottheitdie Einrichtung der Welt bedeuten. 20
Gott steht ja über allem,und alles ist ihm untergeordnet 21
Daraus entnehmen die Menschen die Unwandelbarkeit der Welt.22
Ich meine so:Nie ward der Himmel zur Erde, 23
Bei den Lebewesen ist es ebenso.Nie wird der Mensch ein Tier werden, 24
Alles ist unwandelbarund hat stets den gleichen Wechsel und Untergang. 25
So dürfte man also das göttliche Stehen erklären können,sofern alles von Gott Bestand hat. 26
Es wird auch von einem göttlichen Herabsteigen auf den Bergin der Gesetzesschrift berichtet, als das Gesetz gegeben wurde, 27
Dies Herabsteigen ist wirklich gemeint,und wer dies erklären möchte, 28
Es wird erzählt, der Berg habe gebrannt,wie der Gesetzgeber sagt, [181]
weil Gott herniederstieg, 29
Das ganze Volk, nicht weniger als hundert Myriaden stark,ohne die Kinder, lagerte sich rings um den Berg, 30
Und sie sahen alle von jedem Ort des Lagers ringsumdas Feuer brennen. 31
Daraus folgt, daß dieses Herabsteigen kein örtliches war;denn Gott ist überall. 32
Die Kraft des Feuers ist ja wunderbar,weil sie alles verzehrt; 33
Von allen so leicht brennbaren Pflanzen, die auf dem Berg wuchsen,wurde ja keine verzehrt; 34
Zudem wurde neben dem blitzähnlichen Aufleuchten des Feuersstarker Posaunenschall vernommen, 35
Vielmehr geschah alles durch göttliche Einwirkung.Daraus geht klar hervor, 36
Gott wollte eben ohne Beihilfe eines andernseine Majestät offenbaren.“ 1
Aristobul, der hebräische Philosoph, schreibt also:„Plato nahm bekanntlich unsere Gesetzgebung zum Muster, 2
Vor Demetrius Phalereusund vor der Herrschaft Alexanders über die Perser 3
Deshalb konnte der ebengenannte Philosophsicherlich vieles entlehnt haben. 4
Er war ja sehr wißbegierig,wie Pythagoras, [182]
5
Die vollständige Übersetzung des Gesetzes abererfolgte erst unter deinen Ahnen, dem König Philadelphus. 6
Dieser legte großen Wert auf diese Dinge,und zwar auf Betreiben des Demetrius Phalereus.“ 7
Dann fährt er, nach einer kleinen Pause, fort:„Man darf die göttliche Stimme nicht von gesprochenen Worten, 8
Es heißt ja jedesmal: „Gott sprach und es geschah.“9
Ich glaube, daß Pythagoras, Sokrates und Plato,nachdem sie alles erforscht, schließlich dieser Lehre folgten; 10
Auch Orpheus erklärt in den Gedichtenüber das ihm vom heiligen Wort Gelehrte, 11
Er singt also:„Nur den Berechtigten will ich erzählen. 12
Ihr, die ihr flieht der Frommen Satzungen,13
obschon für alle ward das göttliche Gesetz gegeben.14
Du aber hör, Musäus, Enkel des Lichtbringers Menes!15
Ich sing ja nur von Wahrem.16
Laß nicht den früheren Glauben,das ewige Leben dir rauben! 17
Schau auf das Gotteswort und bleib bei ihm18
und leite so des Herzens geistiges Gefäß!19
Dann schreite rüstig deinen Pfad,und schau alleinig auf den Weltenbildner, den unsterblichen! 20
Ein alter Spruch schon spricht von ihm:21
Nur Einer ist es, unabhängig,und alles wird von ihm vollendet. 22
Er selber geht darin herum.23
Doch ihn erblickt kein sterblich Auge;nur in dem Geiste schaut man ihn. 24
Er selber schafft den Sterblichen aus Gutem niemals Schlimmes.25
Ihn selbst begleiten Haß und Liebe26
und Krieg und Pest und tränenreiche Leiden.27
Doch gibt es keinen andern außer ihm.Du würdest leichthin alles sehen, 28
wenn du ihn schauen könntest.29
Doch komme lieber auf die Erde!30
Mein Sohn! Ich zeige dir, wann ich erblicke[183]
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die Spuren und die starke Hand des starken Gottes.32
Ihn selber schau ich nicht;er hat sich übrigens für mich in eine Wolke eingehüllt. 33
Zehnfache Schichten stehen aber für die Menschen da.34
Es sah wohl niemand ihn, den Herrscher aller Sterblichen,35
als jener einzige Sohn,der vom Chaldäerstamme losgerissen ward. 36
Er kannte des Gestirnes Weg,37
den Kreislauf, wie er um die Erde sich vollzieht,38
in gleichen Halbkreisen, nach eigener Achse,39
und wie es stürmisch durch die Luftund durch die Wasserfluten fährt 40
und des gewaltigen Feuers Glanz entzündet.41
Er selber wieder sitzt im hohen Himmel42
auf einem goldenen Thron;die Erde schreitet unter seinen Füßen hin. 43
Die Rechte legt er auf des Meeres Grenzen.44
Der Berge Gründe zittern ob dem Grimm;45
sie können nicht des Ungestümes Macht ertragen.46
Er ist ja ganz im Himmel,und dennoch tut er alles auf der Erde bis zum Ende. 47
Er selber hat den Anfang und die Mitte und das Ende.48
So lauten schon der Alten Sprüche,so lehrte auch der Erdgeborene, 49
der Gottes Lehr empfing in doppelter Gestaltung.50
Nicht weiter darf man sagen.Es wanken mir die Kniee, wankt mein Herz. 51
Er leitet aus der Höhe alles ordnungsmäßig.52
Mein Sohn! Merk auf!53
Hüt deine Zunge gut!Bewahr den Spruch in deiner Brust!“ 54
Auch Aratus sagt über das gleiche folgendes:„Laßt uns mit Gott beginnen! Männer! 55
Nie wollen wir den Heiligen bei Seite stellen!Die Pfade alle sind von Gott erfüllt 56
Das Meer ist voll und alle Buchten.Wir haben Gott an allen Orten. 57
Wir sind auch seiner Art.58
Der Gütige verkündet Glückliches den Menschenund treibt die Völker an die Arbeit, 59
Er sagt, wo sich das beste Feld befindetfür Stiere und für Ackerbau. 60
Er sagt auch, wann die rechten Zeiten kommenfürs Aussäen und Bewässern.“ 61
Ich glaube, diese Verse zeigen zur Genüge,daß Gottes Kraft alles durchdringt. [184]
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Wir haben, wie es sich geziemt, das Wort Zeus im Gedicht unterdrückt;denn dem Sinn nach bezieht es sich auf den wahren Gott. 63
Deshalb wurde es uns so gesagt.64
So führten wir dies nicht mit Unrecht zu den gestellten Fragen an.65
Alle Philosophen sind darüber einig,daß man von Gott heilige Begriffe haben müsse; 66
Unser ganzes Gesetz gebietet Frömmigkeit, Gerechtigkeit,Mäßigkeit und die anderen wahrhaftigen Tugenden.“ 67
Dann fährt er fort:„Gott schuf die ganze Welt 68
Diesen Tag könnte man mit Rechtdie erste Erzeugung des Lichtes nennen, 69
Man könnte das gleiche auch von der Weisheit sagen;denn alles Licht kommt von ihr. 70
Deshalb sagten auch einige aus der peripatetischen Schule,sie gleiche einer Fackel. 71
Wer ihr folge, genieße sein Leben lang Frieden.72
Noch klarer und schöner sagte einer unserer Vorfahren, Salomo,sie sei vor Himmel und Erde gewesen. 73
Dies stimmt mit dem eben Gesagten überein.74
Wenn es ferner in der Gesetzgebung heißt,Gott habe an jenem Tag geruht, 75
Sie sagt, Gott habe in sechs Tagen den Himmel und die Erdeund alles darin erschaffen. 76
Damit will sie die Zeitenund den Rang, den jedes vor dem andern einnimmt, bezeichnen. 77
So, wie Gott alles angeordnet hat,so erhält er es auch und ändert nichts daran. 78
Er wollte aber, daß wir diesen Tag als heilig halten,als ein Sinnbild unserer siebenfachen Vernunft, 79
In der Siebenzahl bewegt sich die ganze Weltaller tierischen und pflanzlichen Wesen. 80
So wird der Sabbat, das ist Ruhetag, eingeführt.81
Auch Homer und Hesiod kennen ihn aus unsern Schriftenund sagen von ihm, er sei heilig. 82
Hesiod sagt:„Es ist des Mondes letzter, vierter, siebter Tage uns heilig,“ [185]
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Homer sagt:„Dann neigte sich der siebte Tag, der heilige“ 84
Er deutet damit an, daß nur die wirklich siebenfache Vernunftdie Seele von früher gewählter Unwissenheit und Bosheit befreien kann 85
Linus sagt aber so:„Es war am siebten Tage alles fertig.“ 86
Und„Es steht der siebte Tag am Anfang und am Ende.“ 87
Und„An dem gestirnten Himmel zeigt sich alles in der Siebenzahl; Erläuterungen[1274]12. Zu Aristobul
Aristobul, ein jüdischer Philosoph, der nach seiner eigenen Angabe unter Ptolemäus Philometor (170–150 v. Chr.) gelebt haben will, gab in seinem Werk eine freie Wiedergabe des Pentateuchinhaltes mit philosophischen Erläuterungen. Er wollte der gebildeten Welt zeigen, daß das richtig verstandene mosaische Gesetz bereits alles enthalte, was die besten griechischen Philosophen später lehrten. Er wendet sich damit an heidnische Leser. Aber er begnügt sich nicht damit, die wesentliche Übereinstimmung des mosaischen Gesetzes mit der griechischen Philosophie aufzuzeigen. Er behauptet vielmehr, die griechischen Weltweisen, Pythagoras, Sokrates, Plato hätten ihre Lehren aus Moses geschöpft; ja selbst Dichter wie Homer und Hesiod hätten aus ihm manches entlehnt. Ein großer Teil der bei Euseb Praep. evang. VIII 10 und XIII 12 und Hist. eccl. VII 23,17 f erhaltenen Stücke befaßt sich damit, den wahren Sinn der biblischen Anthropomorphismen festzustellen. Das zweite Stück erläutert die Bedeutung des Sabbats als eines Ruhetages. Das dritte Bruchstück befaßt sich mit dem Datum des Passafestes.
Anmerkungen (Wikisource)Siehe auch folgende Artikel aus Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft zu dem hier dargebotenen Text: |
