Asianismus und Atticismus
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[1] [Bearbeiten] ASIANISMUS UND ATTICISMUS.Asianismus ist heut zu Tage ein vielgebrauchter Name[1]; manche identificiren den Begriff mit dem vagen der corrupta eloquentia aller Zeiten; manche verstehen darunter die gesammte kunstmässige Prosa der hellenistischen Zeit; andere hallen sich mehr an den geographischen Sinn, lassen aber dafür den Asianismus der hellenistischen Zeit in der zweiten Sophistik, deren Centrum Asien ist, wiederaufleben; darin aber sind alle einig, dass Asianismus etwas sehr verwerfliches ist. In scharfem Gegensatze hierzu steht die geringe Zahl der antiken Zeugnisse, auf Grund deren der moderne Begriff sich gebildet hat; so bekannt sie sind, müssen sie doch von Neuem vorgeführt werden. Cicero kennt in den Büchern vom Redner den stilistischen Terminus noch nicht; er bemerkt nur, dass der gebildete Asiate die Feinheit der Aussprache, wie sie auch der ungebildete Athener von selbst besitze, niemals erreichen könne.[2] Im Brutus (325) dagegen charakterisirt er gar [2] zwei Arten der asiatischen Beredtsamkeit, (genus Asiaticae dictionis), als er aber Hortensius, eine gefallene Grösse, sein Unheil abgeben soll. Die eine jagt nach eleganten Pointen,, für sie ist Beleg ausser Menekles und Xenokles von Alabanda (die er schon de orat. II 93 hatte loben lassen) der Sikeliote Timaios; die andere Art, ausgezeichnet durch hastigen Redefluss und den Schmuck künstlich gebildeter Wörter (facta, d. i. πεποιημένα), lässt er in seiner Gegenwart regieren und nennt dafür als Muster Aischines von Knidos und Aischylos von Milet. Er verwirft diesen Stil nicht, aber man merkt, was an ihm fehlerhaft ist, wenn man den Bericht über seinen eigenen Studiengang kurz vorher vergleicht (315). Auch er hat jenen Aischylos gehört, daneben einen Menippos von Stratonikeia, also einen Karer, der aber als Attiker gelten soll, si nihil habere ineptiarum Atticorum est; dann lobt er die strenge Zucht des Rhodiers Molon, der ihm die jugendliche Ueberschwenglichkeit abgewöhnt hatte. Es ist also nur ein Uebermaass, was er tadelt, und er leugnet, dass alle Asiaten daran krankten. Heftiger Tadel kommt erst im Orator heraus (24), da haben Phrygien Karien Mysien ein opimum et quasi adipatae dictionis genus erfunden, von dem die Rhodier nie etwas haben wissen wollen, geschweige die Athener. Aber diese haben selbst verschiedene gleichberechtigte Arten ausgebildet, wie er gegen seine eigenen Gegner, die radicalen Atticisten, sofort hervorhebt. Er tadelt weiterhin die zu musicalischen Clauseln jener Phryger und Karer (57), und unterscheidet an den Asiatici maxime numero servientes (230. 231) drei Fehler, das Einfügen gleichmütiger Wörter um den Rhythmus zu füllen,[3] die von Hegesias hergeleitete Zerhackung der Rede in lauter versähnliche κόμματα,[4] und die Monotonie derselben [3] selben immer wiederholten Clausel, an der das Brüderpaar von Alabanda kranke. Aber diese erhalten daneben doch ein warmes Lob, und dem Hegesias, an dem er hier auch die sententiae getadelt hat (226), wahrend er die Asiaten immer nur bei der dictio erwähnt, war im Brutus trotz dem Tadel des μειρακιῶδες seiner κόμματα, zugestanden, dass er die concinnitas erreichte. So hat Cicero sich niemals zu einer runden Verurtheilung der Asianer herbeigelassen. Selbst in der Vorrede zu seiner Uebersetzung der Kranzreden, wo er principiell nur einen Stil gelten lassen will, um die Attiker auf ihrem eigenen Boden zu schlagen, stellt er neben dieses demosthenische Ideal einerseits die Gesundheit derer qui aut Attici numerantur aut dicunt Attice, andererseits die quorum vitiosa abundantia est, quales Asia multos tulit (8), er kannte also sowohl attisch, d. i. classisch, schreibende, die nicht aus Athen waren, wie auch Asianer, die nicht den Vorwurf der Ueberfülle verdienten. Es ist deutlich, dass er im Jahre 55 die asiatischen Redner nur als geographischen Begriff kannte, dass ihm dann von atticistischer Polemik die stilistische Bedeutung des Terminus nahe gebracht ward, er aber nun mit der geographischen Beschränkung nichts anfangen kann, denn er kennt Asiaten, die nicht asianisch sind, und er muss einen Sikelioten, den er nie aufgegeben hat als Musterschriftsteller zu betrachten, mit als Typus des Asianismus nennen, [4] oder vielmehr eines Asianismus, denn er unterscheidet mehrere Arten: so wenig präcis dünkt ihn der Begriff, obwohl er gar nicht der ganzen Beredsamkeit, sondern nur der dictio, der φράσις gilt; von dem Wortschatze ist nur insofern die Rede, als die κύρια ὀνόματα den πεποιημένα gegenüber stehn, nicht die Ἀττικά den Ἑλληνικά oder σόλοικα. Die Stelle des Orator reproducirt getreu die remden Vorwurfe, Schwulst und Ueberladung an jeglichem Schmucke der Rede, vornehmlich auch in ihrer dadurch monoton werdenden Rhythmisirung. Das schien auch ihm ein Fehler, und er liess sich gern gefallen, dass er auf die Unbildung von Karern und Phrygern zurückginge; er selber kannte die Unbildung und Geschmacklosigkeit seiner Landsleute genug, die sich daher mit dem Schwulste des Hortensius befreundet hatten, bis er auf Grund seiner tiefen Griechenbildung ihnen besseres zeigte. Aber er merkte auch, dass er den atheistischen Pedanten die Asiaten nicht preisgeben durfte, ohne selbst sowohl seine eigene Stellung wie das höhere Ideal seines Redners zu gefährden. Er ist doch auch der unvergleichlich sachverständigste Mann, den wir hören künnen, und wenn für ihn der Asianismus ein unklarer Begriff und die Verurtheilung der ganzen Richtung eine Ungerechtigkeit gewesen ist, so wird er schon Recht haben. Vielleicht schon vor Cicero hat Santra gesagt, dass die Asiaten, als sie hellenisirt wurden und sich in der Rede versuchten, aus Unkenntniss der κύρια ὀνόματα auf Umschreibungen verfallen wären, die sich dann in ihrer Beredtsamkeit behauptet hätten. Quintilian citirt dies (XII 10,16), wo er die antiqua divisio inter Atticos atque Asianos bespricht,[5] d. h. die ihm aus der Tradition bekannt, seiner Zeit aber bedeutungslos war. Santras rein grammatische Bemerkung ist interessant: die Periphrase ist ja wirklich für die κοινή im Gegensatze zu der alten Sprache charakteristisch, freilich nicht für Asien mehr als für Syrien und Aegypten. Von solchen Beobachtungen hat Cicero nichts gewusst; andererseits geht Santras Urtheil die Stilkritik nichts an. Dionysios von Halikarnass ist selbst ein Karer oder wenigstens Asiate, so dass er den Namen meiden muss; aber er giebt in der [5] Vorrede seines Werkes über die attischen Redner dieselbe Lehre, die dem Cicero im Orator vorlag. Nach Alexander wäre aus einigen asiatischen Spelunken die Aftermuse hervorgekrochen, eine Phrygerin oder ein karisches Ungethüm, und hätte geherrscht, bis die in Rom centralisirte Macht dem Geschmacke der Welt den Befehl zur Umkehr und Einkehr gegeben hätte. Dionysios braucht nicht mehr zu kämpfen; der Sieg ist mittlerweile erfochten oder er darf es doch schon so darstellen. Er steht in seiner Verherrlichung des Demosthenes dem Cicero gar nicht so fern; aber er unterscheidet sich von ihm in der radicalen Verurtheilung der gesammten nachclassischen Prosa, wie er es namentlichen der Schrift über die Wortfügung ausspricht, so verschiedene Stilisten wie Duris und Polybios, Hieronymos und Hegesias in einen Topf werfend. Von ihm haben die Modernen die Anschauung, dass der Asianismus mit Hellenismus einerseits, mit corrupta eloquentia andererseits identisch wäre. Noch im Kampfe hat der Sikeliote Caecilius gestanden, als er sein Buch κατὰ Φρυγῶν schrieb, von dem der Titel, das einzige bekannte, die Tendenz offenbart; daneben stand ein Buch τίνι διαφέρει ὁ Ἀττικὸς ζῆλος τοῦ Ἀσιάνου. Wir kennen ihn auch als einseitigen Atticisten der Art, gegen die Cicero ficht, denn sein Ideal war Lysias, während er selbst Platon ganz verwarf. Auch das passt für die Zeit des Streites, und es existirt keine Instanz dagegen, dass er diese Polemik vor Dionysios geführt und ganz wesentlich zu dem Siege beigetragen hat. Er hat auch zuerst, so viel wir wissen, ein Lexikon in dem atheistischen Sinne verfasst, dem Redner die echten Worte, die κυρίαι λέξεις zu liefern, damit die Rede wieder attisch würde. Das mag er später verfasst haben als Dionysios sein verlorenes Buch über die Wortwahl; dass der Asianismus nach dieser Seite sündigte, war schon dem Santra geläufig gewesen. Der zweisprachige Sikeliote und römische Bürger mochte sich den ‚Asianern‘ schon gesellschaftlich überlegen fühlen; der Bruch mit der Tradition ward ihm leichter, wenn er von Herkunft oder Glauben Jude war. In der späteren Zeit des Augustus giebt es in Rom asianische Declamatoren, die uns Seneca unter diesem nun zuerst auftretenden Namen vorführt. Wie sich damals ja auch andere Attici nennen, unbeschadet ihrer gut asiatischen Herkunft. Die Asiani scheinen allerdings auch der Abstammung nach Asiaten, und wenn einer, [6] als ihm der Kaiser ein Talent schenken will, sagt, ἢ προσθες ἢ ἄφελε μὴ Ἀττικὸν ἦι, so muss sich das Attische in einer einzelnen Vocabel, nicht in der Composition gezeigt haben, wie an Münzen der χαρακτήρ, das κόμμα ἀρχαῖον oder καινόν.[6] Für unsere Empfindung ist der Gradunterschied des Absurden zwischen allen diesen Declamatoren gering. Das Urtheil der Gebildeten jener Zeil giebt Strabon wieder. Er traut sich kein eigenes Urtheil in rhetorischer Technik zu, äussert aber den altstoischen Widerwillen gegen Redeschmuck selbst dem Poseidonios gegenüber (147), und über Hegesias sagt er ὃς ἦρξε μάλιστα τοῦ Ἀσιανοῦ λεγομένου ζήλου παραφθείρας τὸ καθεστὸς ἔθος τὸ Ἀττικόν. Er macht das noch boshafter, indem er Hegesias mit einem Musiker vergleicht, der ebenso die ehrbare Weise verlassen hätte, und diese Zusammenstellung wird ermöglicht durch die Versetzung des Hegesias von dem Magnesia am Sipylos nach dem am Maeander (648). Bekanntlich hat Strabon nichtsdestoweniger eine Phrase des Hegesias angewandt, um sich eine Beschreibung Athens zu sparen (396); er hatte sie doch wohl als Knabe in Amaseia auswendig gelernt. Endlich tadelt noch Theon in den Progymnasmen (S. 71) die ἔμμετρος καὶ ἔνρυθμος λέξις des Hegesias und der Ἀσιανοὶ καλούμενοι ῥητορες, die aber auch bei Epikur vorkäme. Theon erwähnt als jüngste den Theodoros von Gadara und den Apion,[7] [7] der Kreis der Lectüre, den er voraussetzt, umfasst nur Klassiker, Redner gar nicht mit Vorliebe, von Historikern Theopompos, Ephoros, Philistos, von Dichtern nicht Tragödie oder Lyrik, dagegen mit Vorliebe Menander: das ist, wie mich dünkt, im 2. Jahrhundert undenkbar, so dass ich mit denjenigen Übereinstimme, die die Schrift um die Mitte des 1. Jahrhunderts ansetzen. Dazu stimmt auch die Nennung der Asianer, die freilich der Vergangenheit angehören können, aber doch noch bekannt sind. Denn es ist ihre letzte Erwähnung. Wenn Plutarch von Antonius (2) sagt, dass er dem ζῆλος Ἀσιανός angehangen hätte, ἀνθῶν ἐπ’ ἐκείνου τοῦ χρόνου, so entnimmt er das seiner Quelle, bezeugt zudem ebenso wie Quinlilian, dass diese Stilrichlung nicht, mehr existirte. Das ist alles.[8] Constatiren wir dem gegenüber, wer den Ausdruck nicht kennt. Agatharchides, der doch mit Hegesias so streng ins Gericht geht, Sextus, dessen Buch wider die Rhetoren vorciceronische Doctrin giebt, Philodem, Cicero de inventione, der Rhetor ad Herennium, Gorgias von Athen, der die Asiaten anstandslos als Muster braucht, die Schrift π. ὕψους, der jüngere Seneca und alle Späteren. Es ist ein Schlagwort, ausgegeben in Rom um die Mitte des 1. Jahrhunderts, das kaum zwei Menschenalter vorgehalten hat. Es richtete sich gegen die Redner, die in der Gegenwart in der Provinz Asia herrschten, wo die Römer ihre rhetorischen Studien zu machen pflegten, und deren Vorbilder, die denn freilich nicht alle Asiaten waren, sondern Timaios Sikeliote, Matris Thebaner, Epikur gar Athener. Gegen sie spielte man die ‚Attiker‘, d. h. die alten Classiker, aus, über deren Auswahl man immer noch so verschieden urtheilen konnte, wie Cicero und Brutus, Dionysios und Caecilius. Der Gegensatz von Attisch und Asianisch ging nicht die διάνοια, sondern ausschliesslich die λέξις an, dies in doppelter Weise, einmal die Rhythmen, d. i. die σύνθεσις ὀνομάτων, wo man denn wieder verschiedenes tadelte, zum anderen ἐκλογὴ ὀνομάτων. Dies zweite tritt zufällig in unserer Ueberlieferung zurück, da Cicero, der Lateiner, es nicht behandeln kann, [8] und die betreffende Schrift des Dionysios verloren ist; aber es muss eigentlich den Ausgangspunkt gebildet haben. Wenn die barbarischen Elemente Asiens für die Verderbniss verantwortlich gemacht wurden, so musste ihr Einfluss sich in der Correctheit und Präzision des Ausdruckes fühlbar machen, in den Rhythmen höchstens mittelbar. So finden wir die asianische Sprache unzweifelhaft von dem bedeutendsten Feinde der Phryger, von Caecilius bekämpft, und unser vielleicht ältester Zeuge Santra redet auch von ihr. Als unter. Augustus die griechischen Rhetoren sich nach Rom zogen, so dass die Römer nicht mehr nöthig hatten, ihre Ausbildung in Asien zu suchen, haben sich natürlich nicht gleich alle der dort bereits herrschenden Mode unterworfen, und der eine Kraton ist als muthiger Bekennen des Asianismus zu rühmen, aber es liegt schon in dem Verstummen der Polemik, dass der Atticismus mindestens theoretisch rasch einen vollkommenen Sieg errungen hat. Mit der Polemik gegen sie verschwinden auch die Stilmuster des Asianismus. Wenn Rutilius Lupus in dem veralteten Musterbuche des Gorgias noch eine Menge Beispiele hellenistischer Zeit übersetzt hat, so beweist das nur seine Unbildung. Es kann Niemand bezweifeln, dass, von Hegesias und allen den von Cicero gerühmten Rhetoren zu schweigen, auch die Historiographie der hellenistischen Zeil, Timaios an der Spitze, aus den Händen des Publicums vollkommen verschwanden, ganz im Gegensatze zu dem Urtheile und der Praxis von Cicero und Varro. Nur aus stofflichem Interesse hat man sie noch gelesen, nicht mehr in weiten Kreisen. Selbst Plutarch, der doch Hieronymos, Aratos, Phylarchos und viele geringere für seine Biographien aufgesucht hat, rechnet sie nur als Vermittler der Thatsachen; einem Aristides liegen sie schon völlig fern. Man kann nicht bezweifeln, dass die Romane, Milesiaka, Assyriaka und wie sie hiessen, derselben Verachtung verfielen, lediglich der Form wegen, und diese sogar spurlos, da sie als Historie denn doch nicht genommen wurden. Oder vielmehr sie haben sich auch transformirt, schliesslich in die erotischen Romane, Briefe u. dgl., der Sophistik.[9] Die Unterballungslilteratur der breiten Masse ist ja immer modern, aber immer ephemer und niemals original. Es scheint freilich so, als wäre die alte Sophistik, von der Philostratos stolz ausgeht, durch Niketes II. von Smyrna und Dion von Prusa unter den Flaviern plötzlich wieder aufgelebt. Aber bei näherem Zusehen stellt es sich ganz anders. Erstens fehlen zwischen Aischines und Niketes so gut wie alle Namen, und die sich finden sind nichts mehr als Namen und waren es auch nicht für Philostratos. Er hat von der gesammten rhetorischen Litteratur zwischen den attischen Klassikern und der Flavierepoche gar nichts gewusst, geschweige gelesen. Die Asianer und die Rhodier, die Declamatoren der augusteischen Zeit und noch die der neronischen sind für ihn verschollen. Man würde aber schwer irren, wollte man glauben, dass er von den alten Sophisten mehr wüsste, so dass sie etwa wirklich Vorbilder der neuen gewesen wären. Denn was von Protagoras, Prodikos, Hippias, Polos, ja sogar Thrasymachos bei ihm steht, zeigt, dass er, oder besser seine ganze Zeit sie nicht mehr kannte. Gorgias[10] und Kritias (dieser durch Herodes entdeckt, von Philostratos besonders nachgeahmt) sind noch gelesen, wie Aischines und Antiphon und Isokrates,[11] obwohl er auch von [10] allen diesen ganz flüchtig handelt. Also die ganze Anknüpfung an die alle Sophistik ist nur ein Coup, bestimmt, die Würde der Kunst zu erhöhen: in Wahrheit wollte er über die Sophisten handeln, von denen er durch Tradition und, lange nicht von allen, durch ihre Werke Kunde hatte.[12] Also fängt mit den Flaviern darum noch lange keine neue Periode an, weil anderthalb Jahrhunderte später die Erinnerung und die in den Händen des Publicums erhaltene Litteratur nicht weiter zurück reichte. Auch diese Litteratur ist immer modern und ephemer und nie original. Wie wäre es gegangen, wenn wir Philostratos nicht mehr hätten? Was wären uns Niketes und Lollian, Hippodromos und Skopelian? Wie ist es denn den Sophisten nach ihm ergangen, Proaeresius, Kallinikos, Minucian u. s. w.? Und wenn wir Seneca den Vater nicht hätten, was besässen wir von der Blüthe der augusteischen Declamation? So viel wie jetzt von den lateinischen Declamatoren zwischen Seneca und Quintilian, die doch wahrhaftig ihrer Zeit bedeutend waren. So lange die Litteratur sich irgendwie fortentwickelt, zerstört sie unweigerlich die Masse dessen, was für den Tag Bedeutung, hatte, aber über den Tag hinaus zu wirken, die Kraft verlor. Die Nachwelt trifft eine Auswahl, nicht absolut gerecht, aber doch mit geschichtlich erkennbarer Notwendigkeit. Aber wer die Entwicklung der Litteratur verfolgen will, muss nicht nur was dauernd, sondern auch was momentan wirkt, erwägen. Was die Byzantiner an Litteratur übernahmen, setzt in breiter Massenhaftigkeit mit dem 4. Jahrhundert ein, das in den grossen Klassikern der christlichen Kirche des Orients auch rhetorische Vorbilder hinterliess, deren Geltung nicht mehr angefochten worden ist, weil keine neue kräftige Zeit mehr kam; zu ihnen gesellt sich Libanios, von dem sich nur zu viel erhalten hat, der am strengsten attische und archaistische Rhetor des Jahrhunderts. Daher hat er das Uebergewicht erhalten. Aber es sind neben ihm doch nicht nur Julian und Themistios, sondern auch Himerios erhalten, ein [11] Haupt der athenischen poetisirenden Richtung, dieser bezeichnender Weise nur in einer Handschrift, weil die Erneuerung der Kunstprosa seit Photius mit diesem Stile nichts mehr anlangen konnte und wollte.[13] Nimmt man die reiche rhetorische Doctrin, Genethlios und Menander an der Spitze, dazu, so kann man wohl sagen, dass wir über die Prosa des 4. Jahrhunderts ausreichend unterrichtet sind. Aber die Heroen des Philostratos? Mit den drei kleinen Declamationen des Herodes und Polemon, zu denen die beiden des Lesbonax kommen, den jener auffallender Weise vergessen hat,[14] ist wenig erreicht: sie haben sich in Miscellanbänden von Musterstücken erhalten, vereinigt wohl mit den immer noch zahlreicheren Musterdeclamationen der classischen Zeit (Gorgias, Alkidamas, Antisthenes). Dion ist nicht als Rhetor, sondern durch das philosophische Interesse gerettet, das man seit Synesios an ihm nahm[15]; aus demselben Interesse haben wir, allerdings mehr durch glücklichen Zufall, den Tyrier Maximus, uns als Rhetor und Stilist sehr wichtig, von Philostratos aber verschmäht. Dagegen ist Favorin verschollen, weil seine Skepsis dem Christenthume unsympathisch war. Wirklich in mächtigem Einflusse ist nur Aristides geblieben, Classiker schon für Longin, und schon für ihn aus dem Grunde, der ihn immer oben gehallen hat, weil er wirklich den attischen Stil so vollkommen wie kein anderer erreicht hat.[16] Die [12] Schule hat entschieden, und sie ist oder wird immer wieder classicistisch. Es hat doch auch die attische Diction ganz wesentlich dazu beigetragen, dass sich die Schriftenmasse Lukians immer behauptet hat, und in ihr eine Anzahl an sich geringer, nun für uns als Proben höchst schatzbarer Declamationen. Sonst haben in diesem Zusammenhange die Schriftsteller nicht zu erscheinen, die für Philostratos und seine Zeit keine Sophisten sind. Würden wir so aus dem Bestände der erhaltenen Litteratur unmöglich auf das schliessen, was uns nun durch Philostratos als zweite Sophistik geläufig ist, so fehlt es uns nicht an Zeugnissen, dafür, dass das erste Jahrhundert genau ebenso reich an grossen Rednern erscheinen würde, wenn ein Philostrat der hadrianischen Zeit etwa von ihm erzählte. In der 18. Rede, einem Erzeugniss seiner Sophistenzeit, führt Dion neben den Klassikern keinen einzigen Redner der Zwischenzeit als Muster an, wohl aber von den neueren Antipatros, Theodoros (wohl den Gadarener), Plution und Konon, die uns doch kaum mehr als Schatten sind. Die rhetorischen Techniker der Zeit zwischen Theodoros und Quintilian und Alexander Numenios, darunter Leute wie Theon, Neokles und der Schriftsteller vom Erhabenen, müssen doch auch als ausübende Redner gelten, und auch die Fortbildung der Theorie bis auf Quintilian ist keineswegs verächtlich. So klafft die Lücke höchstens in unserer Ueberlieferung. In der augusteischen Zeit ist die Fülle der Namen thatsächlich kaum geringer als in der Zeit, von der Philostrat berichtet, und das kann man von dem ganzen ersten Jahrhundert vorher, wohl auch der zweiten Hälfte des zweiten sagen, dank Seneca dem Vater, Strabon und Cicero. Insbesondere charakteristisch sind die Erwähnungen der asiatischen Berühmtheiten, die [13] Strabon, natürlich nicht aus irgend welcher Quelle, sondern aus seiner exacten und dem Greise wunderbar präsenten Kenntniss bei den einzelnen Städten namhaft macht. Es sind ausser Leuten von immer dauerndem Ruhme im Wesentlichen die Nolabilitäten, die etwa noch zwei Menschenalter vor Strabons eigener Geburt in dieser Geltung standen, wohl schon viele sonst verschollen, als der alte Herr ihrer erwähnte. Das reicht etwa so weit zurück, wie die Erwähnungen Ciceros, der mit den Erinnerungen seiner eigenen Studienzeit wirthschaftet. Die Rhetoren von Alabanda und Diophanes von Mytilene, den seine Verbindung mit Tiberius Gracchus im Gedächtniss hielt, sind wohl die ältesten. Vor der Mitte des 2. Jahrhunderts scheint dann eine grosse Leere zu sein, bis empor zu den letzten Attikern, Demochares und Charisios. Aber das liegt nur an unsere Ueberlieferung. Zopyros von Klazomenai,[17] Kleochares von Myrlea,[18] Hermesianax,[19] Matris von Theben,[20] die ihrer Zeit Geltung genug gehabt haben müssen, waren eben um 100 schon ziemlich verschollen. Und wenn wir keinen einzigen Namen kennten: die Zeit, welche einen neuen Stil und ein neues rhetorisches System ausgebildet hat, kann bedeutender oder wenigstens ihrer Zeit gefeierter Redner nicht entbehrt haben. So ist denn in Wahrheit eine ununterbrochene Continuität der [14] praktischen Uebung in Schule und Leben von der alten Sophistik bis in die neue und weit über sie hinaus. Es ist dieselbe Sophistik zur Zeit des Isokrates und des Hermagoras, des Molon, des Theodoros, Theon, Din und Aristides, und weiter des Hermogenes und Lachares, wenn man will bis Gregor von Korinth und Michael Akominatos. Es ist durchaus richtig, dass die asianische Beredtsamkeit in der des Niketes und Polemon lebt, aber sie lebt nicht plötzlich wieder auf, am Wenigsten durch Zurückgreifen auf die längst verschollenen hellenistischen Redner, und dieselbe Rhetorik des Niketes und Polemon ist zugleich auch die fortlebende Sophistik des Isokrates, wenn man will des Gorgias und Thrasymachos, aber auch das nicht durch plötzliches bewusstes Zurückgreifen, sondern in der stillen Continuitat des Lebens, plus çα change, plus c’est la même chose. Nur einmal ist ein partieller Bruch eingetreten, durch die atheistische Reform der Sprache und des Rhythmus. Doch von der reden wir noch nicht; die Continuität der rhetorischen Praxis tangirt sie auch nicht. Ohne Zweifel liegt ein stärkerer Anspruch auf Können und Wissen darin, wenn sich die Redelehrer und Redekünstler Sophisten nennen, als wenn sie nur Rhetoren sein wollen, worauf doch gerade Gorgias bei Platon mit Scharfe seine Ansprüche beschränkt. Aber wir stehen zu sehr unter dem Banne der platonischen und aristotelischen Terminologie, wenn wir meinen, dass der Sophistenname je den Nebenton des falschen und trüglichen nothwendig in sich getragen hätte, der für uns mit ihm verbunden ist. Das neue Marmor Parium hat gelehrt, dass der parische Schulmeister seine Knaben das Todesjahr des Philosophen Platon, aber des Sophisten Aristoteles auswendig lernen liess, offenbar, weil nur der Letztere auch Redelehrer gewesen war. Und Philodem hat gelehrt, dass Epikuros den Namen Sophist durchaus auf den Schulredner so angewandt hat, wie es Philodem selbst für seine Zeit auch thut, und wie es Philostratos thut. Gerade einem der schärfsten Atticisten giebt auch Strabon diesen selben Namen.[21] Dion aber kämpft nach seiner Bekehrung zur Philosophie immer gegen die Sophisten, was ihn nicht davor bewahrt hat, selbst, in ihrer Reihe einen Ehrenplatz zu erhalten. Also kann das Hervorziehen dieses Namens in keiner Weise Epoche machen; nur ein Gradmesser für die Ansprüche [15] mag es sein, die von den Rhetoren erhoben wurden. Mehr noch hat der allgemeine archaisirende Zug der Zeit gethan. Wenn man immer so that, als wäre die ganze Zeit nach Alexander gestrichen und lebte man beinahe im 4. Jahrhundert, so machte es sich fast von selbst, dass man Gorgias und Isokrates als Collegen behandelte. Also die zweite Sophistik ist in dem Sinne keine festumgrenzte Periode, dass um 100 n. Chr. irgend etwas Neues begänne, was damals auch kein Mensch empfunden hat. Wenn wir den Namen weiter brauchen, um die grosse Masse Litteratur zusammenzufassen, die uns im Gegensatze zu der Aermlichkeit des 1. Jahrhunderts aus dem 2. vorliegt, so sollen wir uns seiner sehr bedingten Richtigkeit bewusst sein. Aber er ist ganz praktisch, weil das Selbstgefühl und die sociale Geltung der Rhetoren der Kaiserzeit in ihm ausgesprochen ist, die allerdings etwas Neues ist und namentlich mit der Verachtung contrastirt, die Aristoteles und Epikuros dem widmen, was sie Sophist nennen. Dies zu begreifen, müssen wir das halbe Jahrtausend und die säcularen Schwankungen in den Beziehungen zwischen Philosophie und Sophistik mit einem raschen Blicke überschauen.[22] Es ist das durch das tiefe erste Capitel in Arnims Dion erleichtert, dem ich die längste Stecke des Weges einfach folgen kann. Das 5. Jahrhundert sah an seinem Ende, wie den Tod des nationalen Staates der Hellenen, so den Tod der hohen Poesie. Aber es waren zwei Mächte erstanden, die sich anheischig machten, die verlorenen Ideale zu ersetzen. Die Rhetorik beanspruchte die Erziehung der Jugend, versprach durch eine allgemeine formale Bildung den Menschen sittlich und politisch zu erziehen und tüchtig im praktischen Leben zu machen; sie getraute sich auch Kunstwerke zu erzeugen, die in jeder Weise die Poesie, die Lehrmeisterin der Erwachsenen, ersetzen konnten. Die Wissenschaft forderte die [16] Jugendbildung, ebenfalls, damit ein Geschlecht heranwüchse, das sich ein neues besseres Leben zimmerte. Sie wollte in dem Anschauen der durch eigene Arbeit erschlossenen Wahrheit auch einen höheren ästhetischen, Genuss erschliessen, als es die ‚Nachahmungen‘ der Poesie gewähren konnten. In Platon und Isokrates stehen sich diese beiden Mächte in scharfem Gegensätze gegenüber. Platon negirt diese Welt: er negirt auch die Rhetorik. Aristoteles will die Wissenschaft fähig machen in dieser Welt zu herrschen: er macht sich auch die Rhetorik dienstbar. Zunächst bedeutet das den vollkommenen Sieg, und die Sophistik hat sich eine Weile verkriechen müssen. Aber Wissenschaft, die durch individuelle Arbeit errungen, wird, lässt sich nicht als Massenartikel produciren und selbst das Bedürfniss und die Nachfrage, kann die Production von wissenschaftlich wirklich befähigten Denkern und Lehrern nicht hervorrufen. Die allgemeine Bildung dagegen kann ihre Bettelsuppen in jeder erforderlichen Portionenzahl kochen; die Suppe wird höchstens etwas dünner. Als nun durch Alexander die hellenische Welt so ungeheuer erweitert ward, fand der Rhetor weite Strecken, wo ihm der Philosoph noch keine Concurrenz machte. Und in den autonomen Städten Asiens gab es noch Jahrhunderte lang eine Art municipalen und selhst politischen Lebens, in dem die alte politische Beredtsamkeit praktisch nicht entbehrlich war. Vollends aber in der schönen Litteratur hatte Aristoteles selbst, ein Bewunderer des isokrateischen Kunstwerkes, der Rhetorik sehr weite Concessionen gemacht. Sein Freund Theodektes war ein rhetorischer Tragiker, seine Schüler Demetrios und Kallisthenes und Doris wandelten stilistisch in den Bahnen der Rhetorik. Absurder als Klearchos von Soloi kann kaum ein ‚Asianer‘ gewesen sein. Das 3. Jahrhundert sieht die Einzelwissenschaften sich von der Philosophie emancipiren, die dadurch an Macht zunächst nicht einbüsst, aber in dem dialektischen Kriticismus des Arkesilaos und dem scholastischen Dogmatismus des Chrysippos Methoden ausbildet, deren sich auch die Scheinwissenschaft der Rhetorik bedienen kann. Grosse Kunstwerke werden nicht erzeugt; Arkesilaos verschmäht die Schrift, Chrysippos ist aus dem Princip des Professorendünkels langweilig und geschmacklos. Beide mögen die Rhetoren so über die Achsel angesehen haben, wie wir es von Epikuros wissen, von allen Philosophen der Diadochenzeit annehmen dürfen. Aber als am Ende des 3. Jahrhunderts auf allen Schulthronen unbedeutende [17] Nachtreter sitzen, wagt sich die Rhetorik wieder hervor. Sie hat von der philosophischen Methode so viel angenommen, um ein System zu zimmern. Wer die Lehre des Hermagoras mit dem sogenannten Anaximenes vergleicht, findet einen ungemeinen Fortschritt der Methode. Diese Rhetorik zielt zwar auf die Beredtsamkeit des praktischen Lebens, insbesondere die gerichtliche, von der die Declamation ein Abbild ist, aber sie beansprucht theoretisch die πολιτικὰ ζητήματα auch so weit sie τὰ καθ’ ὅλου umfassen, zu behandeln.[23] Wir können ihren Erfolg direct noch nicht abmessen, und wir entbehren insbesondere ganz der Proben von dem, was praktisch geleistet ward: aber die Philosophie muss ihre Stellung als bedroht angesehen haben, denn alle Schulen gingen zum Angriff vor, Kritolaos, selbst ein eleganter Schriftsteller,[24] Diogenes von Babylon, Karneades.[25] So ist die zweite Hälfte des 2. Jahrhunderts von dem Kampfe erfüllt, εἰ τέχνη ἡ ῥητορική, und über ihr τέλος und ἔργον. Auf Seite der Rhetorik wissen wir von einer Gegenschrift des Molon κατὰ φιλοσόφων, und die Rhetorik halte keine schlechte Position; es ist ihr nicht wieder gegangen wie im 4. Jahrhundert, sondern sie hat sich theoretisch überaus vervollkommnet. Praktisch kam ohne Zweifel sehr viel darauf an, dass die Herren der Welt, die in dem gewaltigsten politischen Kampfe standen, nach der Waffe des Wortes und der Schrift griffen, die ihr die Rhetoren fertig geschliffen darbieten konnten. Es ist namentlich durch die bahnbrechenden Ausführungen von Marx klar geworden, dass die Reredtsamkeit und Publicistik der römischen Revolution, zu der die Historiographie ganz gehört,[26] von der zeitgenössischen griechischen Rhetorik beherrscht ist, nicht bloss in der Lehre, sondern viel weiter als wir es verfolgen können [18] in der Praxis. Und die römische Poesie der Revolutionszeit tragt ebenfalls den rhetorischen Stempel. Aber die jungen Römer kamen nach Asien, Athen und Rhodos und hörten dort auch gelegentlich die Philosophen. So erfassten diese das hohe Ziel richtig, die Herrscher der Welt zu überzeugen, dass sie bei ihnen Höheres erhalten könnten, damit sie allmählich einer tieferen hellenischen Bildung zugeführt wurden, wie das in kleinem Kreise der Besten Panaitios schon vollbracht hatte. Dazu gehörte aber eine beträchtliche Concession an die rhetorische künstlerische Form und den rhetorischen Unterricht. Poseidonios, der Geschichtsschreiber der römischen Optimatenoligarchie,[27] der encyclopädische Gelehrte, der noch einmal in aristotelischer Weise die Summe des Wissens in sich vereinigt und in platonischer Weise die Bedeutung der Mathematik und der Mystik gleichermaassen zu würdigen weiss, ist nicht nur im Gegensatze zu seiner Schule ein vollendeter Stilist mit allen rhetorischen Künsten, sondern er disputirt noch als Greis über ein rhetorisches Thema vor einem römischen Grossen. So hat er die Wissenschaft salonfähig gemacht. Ohne ihn wäre Varro gar nicht denkbar,[28] und Cicero ist ihm für vieles verpflichtet, was dann am tiefsten gewirkt hat. Aber es ist in Rom wenig mehr als Salonwissenschaft aus der Anregung des grossen Apameners erwachsen. Philon von Larissa übermittelt dem Cicero das neue Ideal des wissenschaftlich gebildeten Redners, nach dem die Rhetorik eine der Philosophie untergeordnete Potenz ist, deren sich der wahrhaft gebildete Philosoph bedient, um im praktischen Leben zu wirken. Was Cicero in den Büchern von Redner aufstellt,[29] ist das höchste Lebensideal, [19] zu dem sich vor Augustinus ein Römer aufgeschwungen hat, und gewiss hat Philon so durch Cicero ungemein viel Segen gewirkt. Aber es war doch ein Abfall von Platon, wenn der Akademiker der Rhetorik in seiner Schale einen so breiten Raum uberliess, und den Vortheil hat schliesslich nicht die Wissenschaft und demnach auch nicht die Erziehung der Jugend gehabt. Denn wenn sein Schüler Cicero die letzten Lebensjahre darangesetzt hat, der Philosophie in seinem Volke eine Stätte zu bereiten, so hat das keinen Fortgang gehabt. Die vornehmsten Geister der nächsten Generation, Augustus, Vergil und Horaz sind tief von der Philosophie durchtränkt, von der Rhetorik unverdorben; aber dann bricht sie herein und beherrscht auf alle, Zeit Poesie und Leben. Man braucht nur Seneca und etwa Ovid dabei zu lesen, um zu sehen, wie die Rhetoren, die sich nun in Rom festsetzten, der römischen Stilentwicklung den Weg gewiesen haben. Es ist gewiss richtig, dass die romische Litteratur bis auf ihren Meister Seneca uns stilistisch die hellenistische ‚asianische‘ Weise am besten zeigt. Die Philosophie dagegen ward ganz zurückgedrängt, ja sie begann nun die unheilvolle Wendung, sich der Feindin anzubequemen. Vielleicht schon Areios, sicherlich Papirius Fabianus, der Lehrer Senecas, sind halb Philosophen, halb Rhetoren, wie später Dion und Favorin. Und in dem Mischling pflegt das schlechtere Element das Uebergewicht zu haben. Von jetzt ab ist die Rhetorik thatsächlich in der Jugendbildung das Fundament für altes. Das zeigt z. B. Theon,[30] und solche Progymnasmen wie er sie vorschreibt, [20] hat fortan jeder Knabe verfertigt. Endlich ist es ein Römer, Quintilian, der diese neue erhabene Rhetorik in einem vielbändigen Lehrgebäude darstellt, wie Arnim sehr wahr ausspricht, trotz allem Anschlusse an Cicero in ganz anderem Sinne: die Philosophie ist zu einem ἐγκύκλιον παίδευμα herabgesunken; man macht auch einmal einen Cursus in ihr durch, aber die Bildung des Lebens ist durch die Rhetorik fundirt, und nur auf diesem Fundamente baut das Leben weiter. Mehr konnte auch ein Aristides nicht verlangen. Er muss freilich noch kämpfen, denn unter Griechen konnte äusserlich die Philosophie nicht verleugnet werden, deren trivialisirte Doctrinen bekannt blieben, wie sie etwa Lukians βίων πράσις zeigt[31]; sie erhielt jetzt gerade staatliche Unterstützung, was ihr nichts half, aber bezeichnender Weise jetzt nothwendig schien. Das Standardwerk der Epoche aber waren die Reden des Aristides gegen Platon, auf die keine entsprechende Antwort erfolgt ist. Es war wirklich ein vollkommener Umschlag erreicht, seit Platon den Gorgias schrieb. Das Salz der Welt war dumm geworden, der Untergang der Cultur war besiegelt, denn die allgemeine Bildung hatte über die Wissenschaft triumphirt. Aber wer wollte es den Journalisten verdenken, wenn sie sich stolz als die Besitzer der Weisheit proclamirten; die Welt glaubte ihnen ja. Die Continuität, die wir verfolgt haben, ging vor Allem durch die Schule, in der die Tradition nie abreisst und die über alle ihre Macht ausübt, die sie besuchen. Damit hängt die unablässige Neubearbeitung der Lehrbücher zusammen, die gerade in dieser ständigen Metamorphose ihre Consianz beweisen. Wir müssen uns schon freuen, dass die Byzantiner neben Aphthonius und anderen Spätlingen wenigstens Hermogenes erhalten haben, und aus älterer Zeit ein und das andere Stück: aber immer nur aus der Kaiserzeit, von der wir bis auf Aristoteles[32] zurückspringen müsstten, wenn die Lateiner nicht wären, die uns wenigstens ein Lehrgebäude der rhodischen Schule und einigermaassen die Grundzüge des Hermagoras [21] erkennen lassen.[33] Weiter ward die Continuität gewahrt durch die praktischen Aufgaben, die das griechische Leben in so zu sagen politischen und recht vielen epideiktischen Casualreden auf Götter[34] und Menschen dem Rhetor stellte. Dazu trat die Uebung der fictiven Gerichtsrede, die Declamation, die ungleich wichtiger war als die wirkliche. Gerade in der Declamation hat sich seit den Tagen des Demetrios von Phaleron und Zopyros sehr wenig geändert. Also in dem was geredet ward, ist kein tiefgreifender Unterschied jemals hervorgetreten. Die Themata bleiben, und was den antiken Rhetoren schon als neue Gedanken erschien, ist für unser Urtheil oft nur eine neue Wendung. In der That kam es nicht so sehr auf das was an, als auf das wie, und zumal hier fragen wir nur nach den Worten. Es kann scheinen, als befände ich mich so mit Norden in voller Uebereinstimmung, der als seine Resultate hervorhebt, dass wir in der Entwicklungsgeschichte der Kunstprosa eine direkte Verbindungslinie zwischen dem 5. Jahrhundert v. Chr. und dem 2. n. Chr. ziehen dürfen (I 299) und dass diese Linie sich bis zum Ende des Alterthums verfolgen lässt (391). Allein er will bewiesen haben, dass der Asianismus der allen Zeit eine naturgemässe Weiterentwicklung der sophistischen Kunstprosa der platonischen Zeit ist: das unterschreibe ich auch; weiter, dass [22] derjenige Stil, den Seneca am vollendetsten repräsentirt, den Quintilian die corrupta eloquentia nennt, die Fortsetzung des Asianismus ist, und dass weiterhin‚ sich zwei Richtungen gegenüber stehen, die Archaisten und die Neoteriker des Stiles, jene anknüpfend an die attischen Classiker, diese an die Sophisten der platonischen Zeit und die mit diesen ihrerseits verwandte asianische Rhetorik‘. Bei den Archaisten findet er Erstarrung, bei den Neoterikern Fortbildung. Hier kann ich nicht mehr mit. Zum ersten: was ist denn bei der Fortbildung herausgekommen? Diese ganze sogenannte neoterische Richtung hat ja so wenig erreicht, dass die griechische Sprache immer wieder auf den Classicismus zurückgegriffen hat, den die Lehrbücher predigen und dessen vollkommenste Vertreter, Aristides, Lukian und Libanius sich erhalten haben, während kein einziger Neoteriker zu irgend einer Zeit classisch geworden ist, die meisten spurlos verschwunden sind.[35] Und ist etwa zwischen ihnen, sagen wir zwischen Favorin und Himerius, ein Zusammenhang? Die sich lebendig fortentwickelnde Sprache kennen wir Dank den Schriften des Urchristenthums und den Papyri: gravitirt sie nach der angeblich entwicklungsfähigen, angeblich neoterischen Richtung? Kein Gedanke. Sobald das Christenthum sich der Bildung erschliesst, regirt auch in ihm der Classicismus. Das Volkstümliche bleibt kaum als Unterströmung; so erfolgt denn statt einer lebensvollen Ausgestaltung der wirklichen Sprache die völlige Mumificirung des litterarischen Attisch. Ferner hat sich bereite gezeigt, dass ein directes Anknüpfen an die Sophistik des 4. Jahrhunderts oder an die hellenistische Kunstprosa nicht vorhanden gewesen ist, sondern die Continuität eben in dem beständigen Abstossen der älteren nachclassischen Litteratur besieht, während die classische dauernd das Fundament bleibt. Endlich hat sich ergeben, dass sich die Bezeichnung der gesammten neoterischen Rhetorik als asianisch aus dem antiken Gebrauche des Terminus nicht rechtfertigen lässt; geographisch genommen ist sie so wie so ein Unding. Nun könnte es ja unschädlich scheinen, einen bequemen kurzen Terminus einzuführen, auch wenn er ganz oder in seiner [23] weiteren Ausdehnung modern wäre; allein die bedenklichen Missbräuche, die mit dem hoffentlich endgiltig abgethanen stilus Afer getrieben sind, rathen zur Vorsicht, und es schillert allzu modern naturwissenschaftlich, wenn eine gewisse Stilrichtung aus localer Disposition hergeleitet zu werden aoch nur scheint, die Ueppigkeit und Weichheit des ionischen Klimas sich auch in der asianischen Rede durch die Jahrhunderte offenbart. Daher wollen wir lieber die Thalsachen constatiren. An der alten sophistischen Rhetorik hat Asien, so weit es ionisch ist, gar keinen Antheil. Thrasymachos von Chalkedon, Theodoros von Byzanz, Theodektes von Phaselis sind aus Orten dorischer Sprache; Alkidamas von Elaia, Ephoros von Kyme sind Aeoler, und Naukrates von Erythrai, Anaximenes von Lampsakos sind aus ionischen Orten mit starker äolischer Unterlage; auch Isokrates aus dem politischen Apollonia kann nicht als vollblütiger Ionier gelten. Es ist das bemerkenswerth und leicht begreiflich, Ionien hatte eben eine kunstmässige Prosa ausgebildet, ehe die attische begann, und die Sophistik ist von Anbeginn attisch. Ionien hatte die wissenschaftliche Prosa ausgebildet, bis zu einer solchen Vollendung, dass sie auch äusserlich attisch geworden sich nie verleugnet hat.[36] Wenn also der Asianismus in der alten Sophistik wurzelt, so ist seine Wurzel ganz und gar nicht asiatisch. Aber auch das Wesen der alten ionischen Kunst, die wir nun endlich zu erkennen beginnen, hat wahrhaftig mit dem nichts verwandtes, was die corrupta eloquentia mit den motus Ionici und den ionici cinaedi[37] gemein zu haben scheinen kann. Andererseits ist Athen keineswegs durch eine Naturnotwendigkeit zum Sitze der sana eloquentia prädestinirt. Im 4. Jahrhundert n. Chr. ist das üppige Antiocheia durch Libanius die Burg des Classicismus, in Athen treibt der Athener Himerius die tollsten Sprünge des ‚Asianismus‘. Und in der Zwischenzeit [24] ist es nicht besser um die Verbindlichkeit des Terminus bestellt; wir haben gesehen, dass Timaios und Epikuros des Asianismus bezichtigt werden, von den Atticisten aber ist, so viel ich weiss, kein einziger aus Athen, dagegen Apollodoros und Dionysios von Pergamon und Dionysios von Halikarnass sind Asiaten. Doch lassen wir das Wort. Wenn wir die corrupta eloquentia mit dem ‚Asianismus‘ identificirt als einen bestimmten seines Zieles bewussten Stil hinstellen, machen wir den Fehler, einen negativen Begriff als positiv zu verwenden. Corrupta eloquentia, Schwulst, Ziererei, Verstiegenheit, weichliche Rhythmen, zerhackter Satzbau, falsches Pathos, und was es alles von solchen Fehlern geben mag, das sind alles Prädicate von dem Standpunkte einer Gesundheit und Correctheit aus, der sehr schön und richtig sein mag, aber den die Urheber der also kritisirten Reden niemals anerkennen werden. Aus Princip ist man weder geziert noch geschmacklos, und wenn man es in anderer Augen ist, so tbeilt man deren Princip nicht, es sei denn man sündigt aus Unfähigkeit. Das versteht sich doch wohl von selbst, dass es zu allen Zeiten und in allen Stilen Leute mit und ohne Geschmack gegeben hat,[38] Leute, die erhaben und die einfach sein wollten, die sich weiss und roth schminkten, die echte und falsche Brillanten trugen, die rechts und links vom Pferde fielen. Ich erlaube mir Aelian eben so unausstehlich zu finden wie Herodian, Chariton wie Alkiphrons Parasitenbriefe, und um ihrer selbst willen würde ich von keinem Rhetor des Philostratos oder des Seneca eine Zeile lesen, einerlei ob Attiker oder Asianer. Albern sind sie alle mit einander. Damit ist aber für die Stilprincipien, die der Einzelne bekennt, gar nichts gesagt. Ein positiver Begriff wird die corrupta eloquentia auf dem lateinischen Gebiete durch Quintilians Polemik, die auf Norden [25] stark eingewirkt hat, weil neben dem wohlmeinenden aber flachen Rhetor der grosse Historiker steht,[39] der die Abstractionen zu beleben weiss und einen Vertreter des Neuen einführt, der denn auch weit entfernt ist, seinen Stil für corrupt zu halten. Und noch viel mehr trägt aus, dass wir lateinische Schriftsteller besitzen, die den Stil in voller Meisterschaft und mit voller Ueberzeugung vertreten, der dem Quintilian corrupt ist, Seneca und im Grunde auch trotz dem Dialoge Tacitus. Aber wenn das Lateinische, nachdem es die classische Höhe in Cicero erreicht hat, nun eine Periode des Barockstils durchmacht, die in so hervorragenden Schriftstellern gipfelt, und wenn es dann mit dem durch Quintilian inaugurirten Classicismus, der bald in Archaismus ausartet, in entsetzliche Oede versinkt, aus der es erst durch das Christenthum erlöst wird, so trifft es schon durchaus zu, dass die ehedem sogenannte Silberne Latinität dem Griechischen der hellenistischen Periode entspricht, eben auch einer Barockperiode, aber auf das gleichzeitige Griechisch darf man es nicht übertragen und noch viel weniger die unendlich grössere Mannigfaltigkeit aus der geradlinigen römischen Entwicklung erklaren.[40] Was hat es für Zeit und Mühe gekostet, dass begriffen wurde, wie Tacitus gleichzeitig den Dialog im Stil des ciceronischen Dialoges, den Agricola in dem des Enkomions, (Prototyp Xenophons Agesilaos, Polybios’ Philopoimen), die Germania in dem der ethnographischen. Ekphrasis (Ahnenreihe: Herodot, Theopomp, Timaios, Poseidonios, Sallust) verfassen konnte. Uns Modernen wird es eben schwer, die Einheit des persönlichen Stiles daran zu geben und die Forderungen [26] der litterarischen Gattung anzuerkennen. Und doch ist das für die griechische Litteratur der Kaiserzeit mit Händen zu greifen. Arrian ist ein tüchtiger Bithyner, ein ordentlicher Soldat dazu, und mit Recht ist er doch als ein chamäleonhafter Stilist bezeichnet worden, der mindestens auf vier ganz verschiedene Weisen geschrieben hat. Aristides ist ein strenger Classicist, aber wenn er eine Monodie macht, so muss er singen, das liegt darin; und wenn er eine Grabrede hält, so muss er heulen, das liegt auch darin; sollen wir dann sagen, er redete asianisch[41]? Es ist eine vollkommene Verkennung der geltenden stilistischen Gesetze, wenn man die Gegensätze innerhalb der Werke des Plutarch und Lukian auf eine stilistische Entwicklung der Personen zurückführt, die höchstens darin liegen kann, dass die Schriftsteller zu verschiedenen Zeiten verschiedene Gattungen pflegen. Die εἴδη der Prosa sind eben starr und fest geworden, wie es seit 500 Jahren die der Poesie waren, und ein jeder, der eine ἔκφρασις oder eine προλαλιά oder eine διάλεξις verfasst, ist gehalten, bestimmte Farben und Stimmungen zu wählen, ganz wie es für Tragödie und Komödie gefordert war. Innerhalb derselben Gattung aber, und ganz besonders in der eigentlichen Beredtsamkeit, stehen noch die verschiedenen, aber auch längst fest ausgearbeiteten Stilarten (γένη, σχήματα, ζῆλοι, χαρακτῆρες, ἰδέαι zu verschiedenen Zeilen genannt) zur Wahl. Man kann grossartig oder einfachlich, herb oder süss, weltmännisch oder naiv (πολιτικῶς oder ἀφελῶς) schreiben, so weit nicht auch hier die bestimmte Aufgabe (Grabrede z. Β. oder Hochzeitsrede) das eine oder andere forderte. Was Norden asianisch nennt, ist meistens das süsse oder blumige oder auch das erhabene.[42] Der einzelne Redner mochte sich nach eigener Neigung oder mit Rücksicht auf den Geschmack des Publicums für diesen, oder jenen Charakter entscheiden, und er mochte das Charakteristische mit mehr oder weniger Geschick und Mässigung anwenden; das wird Unterschiede hervorrufen, die zu bemerken unsere Ohren sicherlich sehr viel weniger fein sind, als die des zeitgenössischen Publicums: an den Stilprincipien und ihrer strengen Verbindlichkeit ändert das nichts, und so ähnlich zu verschiedenen Zeiten die Prädicate des Lobes und des Tadels klingen, die Objecte werden durch [27] sie nicht gleich gemacht. Die Anerkennung, von festen Gattungen und Stilen schliesst strenggenommen jeden Fortschritt aus, es kann und darf ja nichts Neues mehr geben: wir sehen ja bei den Romanen im Laufe der Zeiten öfter, bei uns in gewissen Kreisen noch jetzt diese Starrheit der classicistischen Doctrin. So ist es in der griechischen Poesie schon früh, so ist es seit dem Siege des Classicismus unter Augustus auch in der griechischen Prosa gewesen. In der Poesie nach Menander, in der Prosa nach Poseidonios ist alles gemacht, wenn auch vieles vortrefflich gemacht, oder es ist doch künstlich gezogen; lebendiges Wachsthum beginnt erst wieder mit dem Christenthume – auch nur auf kurze Zeit. Die Unterscheidung der Stilarten war in Ausführung aristotelischer Gedanken von Theophrastos mit vollkommenstem Erfolge durchgeführt und den richtigen Gattungen waren ihre παρεκβάσεις zur Seite gestellt worden.[43] Es genügt an die Fortwirkung dieser bedeutenden Gedanken gerade in dem feinsten, was Cicero, Dionysios und Demetrios lehren, zu erinnern. Aber wenn man meinen möchte, die Asianer würden sich dagegen gewendet haben, so wäre man in schwerem Irrthum. Der Rhetor ad Herennium giebt im vierten Buch 11–16 die drei Gattungen an, die er σχήματα nennt,[44] σεμνόν μέσον ἰσχνόν und ihre ἀντικείμενα ἁμαρτήματα, φυσῶδες διαλελυμένον εὐτελές,[45] und hat für alle gute Proben verfertigt. Ohne Frage könnte man nach diesen Regeln die Fehler brandmarken, die Cicero an den Asianern tadelt, und an denen dieser Rhetor selbst wie wenige krankt.[46] Er ist sich also eines Gegensatzes zu der theophrastischen Doctrin gar nicht bewusst gewesen. Man hatte nur die einzelnen Gattungen viel charakteristischer und voller herausgearbeitet als die Classiker, die man verehrte, aber überwunden hatte. So etwa mag der Rhetor gedacht haben. Es ist zweierlei, ob man gegen Ausschreitung und κακὰ ζηλώματα kämpft, oder ob man das allein seligmachende Evangelium des Rückschrittes verkündet. Es ist zweierlei, ob man die Attiker als musterhafte Stilisten anerkennt, von denen man sehr viel lernen kann, oder ob man gebietet zu schreiben wie sie. Das erste ist sehr berechtigt; es ist auch während der ganzen Zeit des Hellenismus anerkannt worden. Das zweite ist nur so weit berechtigt, als es das erste ist: was darüber ist, ist das Princip der Imitation, der μίμησις statt des ζῆλος: das ist der falsche Classicismus, der die Entwicklung hemmt und das Leben ertödtet. Dies Princip hat die Rhetorik der augusteischen Zeit nicht nur verkündet, sondern zum Siege geführt: daher ist dies die entscheidende Stunde in der Entwicklung der ganzen griechischen Sprache und Litteratur. Dass Isokrates und Demosthenes niemals aufgehört haben, als Muster der Rede studirt zu werden, bedarf keines Beleges[50]; man [30] hat ihnen ja so viel Fremdes untergeschoben. Die kritische Beschäftigung mit ihnen ist aber auch gerade für einen Asianer, Kleochares von Myrlea, bezeugt.[51] Lysias mochte man eher vergessen glauben, aber ihm hat man den Epitaphios untergeschoben, Anfang des 3. Jahrhunderts, wie ich schätze, und damals bekannte sich Charisios zu seinem Vorbilde, und danach gar Hegesias, dessen Declamationen eine uneingeschränkte Bewunderung Athens zeigen. Offenbar war es eine Richtung, die im Gegensatze sowohl zu Demosthenes wie zu Isokrates in der privaten Gerichtsrede die periodisirte Stilisirung verwarf; für epideiktische Rede, wie den Epitaphios, galt das natürlich nicht. Den Hypereides haben aus ähnlicher Tendenz die Rhodier auf den Schild gehoben, deren durchaus modern gesonnenes Haupt Molon den Spruch abgegeben hat, ἀνάγνωσις τροφὴ λέξεως.[52] Es hat auch nicht an solchen gefehlt, die wie die Caracci im Barocco die Vereinigung aller Vorzüge aller Meister als Programm verkündeten.[53] Cicero versichert, dass alle seine griechischen Lehrer ihn auf Demosthenes hingewiesen hätten. Bei Philodem kommen ζηλωταί verschiedener Attiker neben denen der Modernen vor,[54] dasselbe zeigt das Musterbuch des Gorgias (Rutilius). [31] Ich bin ausser Stande eine abschätzige Beurtheilung der ἀρχαῖοι bei den hellenistischen Rednern aufzuzeigen. Erst in der Fehde, die der Atticismus begann und die er bis zu der Verwerfung des Platon wie des Pheidias trieb,[55] wird auch von den Anhangern des modernen Stiles kräftiger vorgegangen sein. Es scheint mir aus einer Stelle Quintilians zu folgen, dass man im Gegensatze zu der Bevorzugung der archaischen Sculptur und des polyklelischen Kanons gewagt hat, dem Vorwurfe des Castratenstiles zum Trotze das Ideal des mannweiblichen Megabyzos zu vertreten,[56] pikanter Weise sich mit dem Geschmacke des Classicisten Winckelmann berührend.[57] Aber freilich, die Bewunderung der attischen Classiker hemmte die selbständige Fortbildung des Stiles nicht, die man nicht auf eine Weise bloss versuchte, und die Herrschaft über die Kunstmittel führte zu den Uebertreibungen nach den verschiedenen Seiten, die dann die Reaction hervorriefen. [32] Wir haben gesehen, dass erst diese den Begriff der Asianer schafft, dass sie bei Dionysios so weit geht, die gesammte hellenistische Prosa zu verwerfen; wir wollen nun sachlich prüfen, was man den Asianern vorwarf: wenn unsere Rechnung stimmt, so muss das in der Rhetorik der Kaiserzeit überwunden sein, ganz so wie die hellenistische Litteratur wirklich bei Seite geworfen ist. Der eine Vorwurf ging den Rhythmus an; sie sollen gesündigt haben, theils durch die Wahl zu weicher Rhythmen, theils durch die durchgängige Rhythmisirung (ἔμμετρα ποιεῖν), womit die Zerhackung der Rede in lauter einzelne Sälzchen zusammenhing, theils durch die Eintönigkeit, welche die Bevorzugung weniger Schlüsse zur Folge hatte. Von dem ersten sehen wir besser ab, da unser Urtheil über die Wirkung und Qualität der einzelnen Rhythmen schwerlich objectiven Werth hat.[58] Die beiden anderen Vorwürfe hängen mit den beiden Compositionsarten zusammen, die in der griechischen Prosa unbeschadet der Zeit und Stilrichtung nebeneinander bestanden haben, seit es eine gab, die periodisirte und die kommatische Rede. Die Periode ist von Isokrates, dem Schüler des Gorgias, vollendet; sie wird in ihrer Structur passend mit der Architectur verglichen,[59] man darf aber auch den strengen Bau eines Musikstückes vergleichen,[60] Harmonie ist für beide Künste unentbehrlich. So kommt es in diesem Stile dahin, dass ein geübtes Ohr den nothwendigen Abschluss vorausempfindet und sich die Schlussglieder der Periode, so weit sie die Klangwirkung angehen, von selbst ergänzt. Erwachsen ist die Periode, in deren Namen die Rückkehr zum Ausgange und der harmonische Abschluss liegt, aus den Figuren des Gorgias, Parisose und Antithese, die gern durch das lediglich musikalische Mittel des Reimes und der Assonanz hervorgehoben werden. Aristoteles hat in Theorie und Praxis die Periode von Isokrates übernommen, und so regirt sie in der hohen Prosa, namentlich der Geschichtschreibung, durchaus. [33] Der muss Polybios sehr obenhin gelesen haben, der bei ihm die Arbeit verkennt, die in der Periodisirung steckt; selbst ein Diodor hat darin seine stilistische Ambition, und wenn ein Fachmann ein gelehrtes Werk ohne alle stilistischen Aspirationen verfasst, so verfehlt er nicht in den Widmungen periodisch zu schreiben.[61] Dieser Stil hat also seine Parallele nicht in der Poesie, sondern in der Musik.[62] Ihm steht eine andere Weise gegenüber, die wie die Poesie von der Sylbenquantität ausgeht, die von der Sprache ganz ebenso gut unmittelbar geliefert wird wie der Klang. Aristoteles bezeugt uns, dass Thrasymachos zuerst auf diese rhythmische Wirkung geachtet hat; daher heisst es, dass er den metrischen Begriff κῶλον zuerst gebraucht habe.[63] Natürlich fielen bestimmte Rhythmen nur im Anfange und am Schlusse des Satzes deutlich in das Ohr. Wer also auf solche Wirkung ausging, der kam dazu, die Rede in einzelne rhythmische Glieder und Gliedchen zu zertheilen, so dass sie ganz und gar als rhythmisch empfunden ward. Dann unterschied sie nur die Regellosigkeit der Rhythmenfolge von der gelesenen Poesie: ein durchgehender Takt würde sie ganz dazu gemacht haben. Aber schon die Wahl der Paeone, die Thrasymachos empfahl, zeigt, dass er sich hütete, den Unterschied der Gattungen zu verwischen. Die gleichzeitige Poesie hatte das Ziel fast erreicht, auch in den Versgattungen, welche den Hiatus unter Verkürzung einer schliessenden vocalischen Lange nach dem homerischen Vorbilde zuliessen, hiatuslos zu bleiben, wie immer in Iamben und Trochäen geschehen war.[64] Das musste diese Prosa [34] aufnehmen, da der Hiatus den Rhythmus mindestens unkenntlich macht. Gleichzeitig war in der modernsten Poesie, dem Dithyrambus, und danach im Drama immer weiter die Responsion aufgegeben: es verstand sich ganz von selbst, dass von ihr in der rhythmischen Prosa keine Rede sein konnte, wie es Aristoteles auch ausschliesst.[65] Es ist das ein sehr wesentlicher Unterschied von der musicalischen Prosa, die freilich keine quantitirende, aber doch eine logische, meist antithetische Responsion verfolgte, und in dem architectonischen Aufbau der Periode nothwendig zu symmetrischen Gliedern gelangte. Nun trat schon bei Isokrates eine Verbindung beider Principien ein; namentlich empfahl sich die Rhythmisirung zur Hervorhebung des Abschlusses der Glieder innerhalb der Periode, so wie man auch Reim und Assonanz verwandte, wohlgemerkt ohne Responsion. Ebenso hat Isokrates die Vermeidung des Hiatus durchgeführt, ja wohl er zuerst mit unerbittlicher Consequenz und diese doch auch im musicalischen Klange sehr fühlbare Kunst mit seiner Periodisirung der ganzen folgenden Kunstprosa übermittelt.[66] Andererseits empfindet man bei Demosthenes, so viel er bei Isokrates gelernt hat, eine viel weitergehende Berücksichtigung des Rhythmus, der zu Liebe er, wie die erhabene Poesie, die Häufung kurzer [35] Sylben vermeidet[67]; dagegen hat er sich die ängstliche Regelmässigkeit der isokrateischen Periodisirung nicht aufgezwungen; gerade durch κόμματα wirkt er oft überwältigend. Eben durch seine Rhythmik ist er der specifisch hellenische Meister der erhabenen Kunstrede geworden, denn die Rhythmen konnte selbst Cicero nicht imitiren. Auf die Schlüsse der Glieder und Sätze hat er hohen Werth gelegt, aber mit Freiheit, und selbst die Paeone oder den Schluss Kretiker und Spondeus hat er wohl mehr unbewusst gewählt als mit Bedacht gesucht.[68] In der hellenistischen Rhetorik, die Demosthenes und Isokrates gleichermaassen als Vorbilder überkam, strebte man danach, beider Vorzüge zu vereinen, und die rhythmische und musicalische Wirkung zugleich zu erzielen: die Gefahr war damit gegeben, dass die Rede wirklich ἔμμετρος würde. Das klar in seiner Wirkung zu beurtheilen, müssten wir vollständige Proben der Beredtsamkeit besitzen. Der Vorwurf wird ja oft erhoben. Ferner mussten die Bhetoren auf der Bahn des Thrasymachos und Aristoteles fortschreitend bestimmte, besonders belobte Rhythmen für die correspondirenden Glieder der Periode empfehlen und anwenden, was dann monoton ward. Norden hat das an dem heiligen Gesetze des Antiochos vou Kommagene gezeigt, das wohl jeder, der diese Studien selbständig aus den Quellen treibt, so verwerlhet hatte. Da herrschen die Clauseln –⏑––⏑, –⏑–⏑, –⏑– –⏑– mit den wenigen Abwechselungen, die durch Auflösung einer Länge entstellen. In der That eine Illustration zu der Monotonie, die Cicero dem Menekles nachsagt. Immerhin wird, für mein Gefühl wenigstens, der gewollte Eindruck der Feierlichkeit und kirchlichen Salbung erzielt. Ich weiss nicht, wie mau den Bombast unserer Doctordiplome ertragen kann und auf Antiochos als ‚Asianer‘ mit Steinen werfen. Zu Demosthenes Zeiten hatte die periodisirte Rede, die κατεστραμμένη, wenigstens die erhabene Prosa so sehr beherrscht, dass sie die einzig mögliche schien. Aber es konnte nicht ausbleiben, dass daneben die εἰρομένη sich regen musste, wäre es auch nur [36] aus Uebersättigung. Wenn sie kunstvoll sein wollte, bedurfte auch sie der Rhythmen. Es mag wohl sein, dass Hypereides in dieser Richtung gewirkt hat,[69] obwohl das nicht gesagt wird, sondern Lysias als Vorbild des Charisios gilt, bei dem Rhythmik nicht zu holen war, dagegen gorgianische Künste nichts seltenes sind, wie der Verfertiger des Epitaphios wohl gewusst hat. Jedenfalls hat Hegesias an Charisios und durch ihn an Lysias ausgesprochenermaassen anknüpfen wollen, als er seinen Stil aufbrachte, der in der epideiklischen Rede[70] wenigstens rhythmische εἰρομένη ist. Und hier haben wir denn wirkliche ἔμμετρα, ἐκεῖνο Λεωκόριον, τοῦτο Θησεῖον,[71] das ist ἰήιε Φοῖβε σοὶ δὲ ταῦτ’ ἀρέστ’ εἴη, und in den κομμάτια, die Agatharchides tadelt, sind Schlüsse wie –⏖–⏖– (τῆς μεγάλης Σιπυλεύς), ⏑–⏖–⏖–⏖–⏑–⏑|–⏑–⏑–– (ὁρώντα τὰ λείψανα τῆς πόλεως παρόντα μοι συνικετεύειν) ⏖⏑–|–⏑–|––⏖–⏑––||⏖–⏖–⏖–⏑–⏑–– (archebuleisch) ||⏑–⏑–|––||––⏑–|–⏑–|–⏑–|–⏑–| δύο γὰρ αὗται πόλεις τῆς Ἑλλάδος ἦσαν ὄψεις· διὸ καὶ περὶ τῆς ἑτέρας ἀγωνιῶ νῶν· ὁ μὲν γὰρ εἷς αὐτῶν ὀφθαλμὸς ἡ Θηβαίων[72] ἐκκέηοπται πόλις. Vergleichen wir nun diese Stilisirungen mit denen der späteren Prosa, so ist das erste, dass man sieht, die asianischen Clauseln der periodisirten Rede haben in Rom in der [37] Gracchenzeit ihren Einzug gehalten,[73] ihnen hat sich auch Cicero nicht entzogen, dessen von Tacitus verspottetes esse videatur eine solche ist, und sie regieren bei Seneca, obwohl der die εἰρομένη vorzieht, und weiter bei Cyprian und noch lange, als im Griechischen die Quantität überhaupt aufgegeben ist.[74] Also ist freilich die romische Rhetorik ohne jede Unterbrechung von der hellenistischen Tradition beherrscht worden; wenn man das asianisch nennen will, mag man’s thun. Aber für die griechische Prosa gilt das nicht. Das zu beweisen reichen die Partien in Nordens Buch hin, die für die entgegengesetzte Behauptung geschrieben sind.[75] Denn wenn er keinen einzigen namhaften Schriftsteller anzuführen hat, so sollten die Exempel, die er aufgetrieben hat, der Brief des Ptolemaios an Flora, Favorins korinthische Rede, und ein paar Phrasen aus Philostrat, vielmehr beweisen, dass die Bevorzugung der an sich daraus ernsten und durch Demosthenes und Aristoteles empfohlenen Rhythmen in ein paar Reden, zu denen gar noch die Monodie des Aristides gerechnet wird, alles andere als neoterisch gemeint war. Wenn aber die gewaltigen Massen slilisirter Rede, Philon, Plutarch, Aristides, Maximus, Dion, Philostratos so wenig boten, so ist zu constatiren, dass die Tradition abgerissen war. Nicht die Rhythmen überhaupt sind verboten, höchstens die κεκλααμένοι, die denn auch fehlen, sondern die Eintönigkeit: und die Imitation der Attiker hat die Weise des Demosthenes und Isokrates wiederhergestellt. Der grosse Gegensatz zwischen silberner Latinität und gleichzeitigem Griechisch in den Rhythmen ist der sinnfällige Erfolg des Atticismus.[76] Wie diese Reaction sich siegreich hat erheben können, ist freilich eine bedeutende Frage, die mit dem Hinweis auf einen Menschen oder ein einzelnes Moment nicht gelöst wird.[85] Der erste wichtige Factor ist die Grammatik, der allgemein der erste Jugendunterricht zufiel. Die aller Orten im Dunkel wirkenden Schulmeister, so viel weniger Ansehen sie genossen als die Rhetoren, hatten doch von Wissenschaft einen Hauch verspürt, als sie bei den wirklichen Grammatikern studirten. Zur Wissenschaft geworden war die Grammatik in Alexandreia, wo ihre Blüthe nur vorübergehend gestört ward, als Euergetes II. dort wüthete. Die Vertreibung [42] der Aristarcheer und des Aristarchos selbst ist ihrer Verbreitung nur zu Gute gekommen, und Rhodos namentlich ein wichtiger Platz auch hierfür geworden.[86] In Alexandreia sass man auf einer Sprachinsel und hatte keine wirklich hellenische Volkssprache wie in Asien unter sich. Da also ist der Gedanke auf die Sprache überhaupt; die hellenische Sprache und ihre Mundarten insbesondere gerichtet worden. Die Lexicographie entwickelt sich schon im 3. Jahrhundert aus der Glossographie, die Behandlung einzelner Dialekte beginnt mit Dionysios Iambos, die Sammlung der Litterat ur führt zur diplomatischen Kritik, die Aesthetik der Peripatetiker zur philologischen Exegese. So kennt schon Eratosthenes falsche Attiker,[87] Aristophanes aber muss puristische Uebertreibungen kennen, sonst konnte er nicht περὶ τῶν δοκούντων μὴ εἰρῆσθαι τοῖς ἀρχαίοις schreiben, so dem späteren Antiatticismus vorarbeitend. Er stellt in der allgemeinen Sprachbetrachtung das Princip der Analogie auf, das dann Aristarch mit der Autorität eines gewaltigen Schulhauptes verficht, die Regel und die beweisbare Correctheit gegenüber dem allezeit lässlichen, widerspruchsvollen Gebrauche des Lebens. All dies gravitirt nach der Normalisirung der Sprache, der Aufstellung fester Regeln, der Kanonisirung eines bestimmten durch Muster festgelegten Griechisch. Und so viel ist an dem sogenannten alexandrinischen Kanon[88] auch wahr, dass in der Poesie trotz ihrer alexandrinischen Blüthe und trotz dem, dass die Gelehrten theils selbst Dichter waren, wie Eratosthenes und Aristophanes, theils mit Dichtern befreundet, wie Aristarchos mit Moschos, ein Strich gezogen ward, der die Classiker abschloss. Der Strich ist bei Alexander gezogen; der Atticismus hat ihn einfach auf die Prosa übertragen. Wenn also auch die Grammatiker keine Redner, vielleicht überhaupt keine attischen Prosaiker in den Kreis der Interpretation, also noch viel weniger in den der Knabenschule zogen, so war doch ihre Tendenz bereits δυνάμει atticistisch, ablehnend auch im Stile gegen die νεώτεροι, und sie ward es ἐνεργείαι, als sie in Rom dem Bedürfniss gemäss auch Redner erklärten, aber nur attische Redner. Wie viel Didymos [43] dafür schon gethan hat, sieht man bei Harpokration. Damals kommt es auch zu der Anlage eines Onomastikons, also eines griechischen Wörterbuches, durch den scharfen Analogetiker Tryphon[89]: wer wollte darin eine mächtige Waffe der classicistischen Spracherneuerung verkennen. Wer auch immer die Auswahl der Lectüre für den Redner gemacht hat, die wir bei Dionysios, Quintilian, Tacitus, Dio befolgt finden, ein Grammatiker ist er gewesen, ein Classicist auch, und welchen Einfluss er gewonnen hat, zeigt die weite Geltung seiner Auswahl. Gleich mächtig ward die Philosophie, gerade weil sie in ihrem Unterrichte nun auch der Rhetorik einen Platz gewährte. Die Akademie, von der diese Bewegung ausging, hatte in Piaton nicht nur den erbitterten Feiud der κομμωτική als Patron, sondern, auch das unvergleichliche Vorbild edelster menschlicher, aber auch attischer Rede. Die leeren formalen Künsteleien konnten hier gar nicht das Uebergewicht erlangen. So sehen wir denn in Ciceros drittem Buche de oratore Stilprincipien ausgesprochen und Forderungen erhoben, die der sana eloquentia wahrhaftig entsprechen[90]; wer diese philosophische Rhetorik in sich aufnahm, dem ward die sophistische Rhetorik an sich zuwider, und wenn er Höheres anstrebte, so kam er nothwendig auf den Anschluss an die wirklich grossen Stilisten, zuerst zu Platon, dann den Historikern und Rednern. Diesem Unterrichte, seiner philosophischen und zwar akademischen Bildung, verdankt doch Cicero, dass er ein wirklicher [44] Classiker geworden ist. Die peripherische Schule[91] hat nach Kritolaos keine Bedeutung, und als sie durch Aristonikos die Wendung nimmt, die Werke des Stifters zu commentiren und paraphrasiren, wird ihre Lehre vollends esoterisch. Sie zeugt damit für den allgemein rückwärts classicistisch gerichteten Geist der Zeit. Aber eine aus der rhetorischen Lehre des Aristoteles und Theophrastos stammende und nie unterbrochene Anregung wirkte doch sehr stark auf den stilistischen Geschmack. Die Grundlage der Stillehre des Dionysios ist ja theophrastisch. Die sophistische Rhetorik des Hermagoras hat, so viel wir wissen, die φράσις über die εὕρεσις stark vernachlässigt; wir haben von ihm keinerlei Vorschriften über sie. Ciceros Rhetorik nennen wir aus demselben Grunde de inventione, und noch von Apollodoros von Pergamon haben wir nichts Stilistisches. Dagegen ist das letzte Buch der Rhetorik ad Herennium ein sehr werthvoller Tractat π. λέξεως, dessen asianische Form zu den verständigen Lehrsätzen in seltsamem Contraste steht. Die theophrastische Grundlage ist auch hier unverkennbar: der rhodische Rhetor hat offenbar, vermuthlich durch Vermittelung der Grammatik, eine Lehre vorgetragen, die auf Sprache und Stil reformirend wirken musste, sobald man sie in der Praxis ernst nahm. Die Postulate, dass die Rede rein und dass sie griechisch sein sollte, die Warnung vor den Fehlern des βαρβαρισμός und σολοικισμός hat wohl immer auch in der rhetorischen Techne gestanden: auch hier war die sprachliche Reaction und die Forderung des Anschlusses an die Attiker nothwendig, so bald man die Frage, was ist Griechisch, mit festen positiven Regeln und Belegen beantworten wollte, wie es die Grammatiker zumal in Rom mussten und thaten. Dies führt zu der Betrachtung des Factors, den Dionysios als Urheber der Geschmacksänderung bezeichnet, Roms. Wenn er fortfährt [45] und die δυναστεύοντες κατ’ ἀρετὴν καῖ ἀπὸ τοῦ κρατίστου τὰ κοινὰ διοικοῦντες dafür lobt, dass sie der übrigen Gesellschaft ihren Geschmack aufzwingen, so geht das auf den bekanntlich überzeugt classicistisch gesonnenen Kaiser Augustus, dessen persönliche Haltung gewiss sehr viel gewirkt hat; aber die atticistischen Forderungen sind schon fast ein Menschenalter früher erhoben worden. Schon damals galt, was er von Rom sagt, dass es als Centrum der Welt den Ton angab; aber Römer können ihn unmöglich angegeben haben. Die Herren der Welt mussten Griechisch lernen, der Grammatiker und dann der Rhetor, immer mehr auch der Philosoph erhielten die Aufgabe ihnen die Sprache und Bildung zu vermitteln. Die Frage, was ist als griechisch zu lernen, was ist als musterhaft zu interpretiren, drängte sich dadurch in neuer Weise auf. Das hat wohl seine Wichtigkeit; allein Rom hatte im 2. Jahrhundert den Hellenismus in seiner modernsten, asiatischen Form begierig aufgenommen, Rom hat gerade, während Dionysios sein Triumphgeschrei erhob, die Arellius Fuscus und Hybreas als Stilmuster allen Atticisten vorgezogen. Die römischen Attiker vollends, die Cicero bekämpft, sind Leute, denen eigene Initiative nicht zugetraut werden kann: es wäre naiv, einen Thucydides tyrannus Atticae febris, eine Imitation des Lysias oder Xenophon spontan auf lateinischem Gebiete erwachsen zu glauben. Die Stilmuster sind ja immer Griechen, uns als solche auch durch Griechen bekannt, und es versteht sich von selbst, dass die jungen römischen Redner, die diese Imitation gegen Cicero ausspielten, sowohl ihre verschiedenen Vorbilder wie das Princip der μίμησις von ihren griechischen Lehrern hatten, die freilich keine Rhetoren gewesen zu sein brauchen. Nicht die Römer haben den Griechen beigebracht, wer ihre Classiker wären, sondern die Griechen haben in Rom sich auf ihre Classiker besonnen, die Macht, die ihnen einzig noch blieb. Seit der Verwüstung Asiens und vollends seit der Annexion von Aegypten ist Rom auch für die griechische Litteratur der Hauptsitz. Hier fast allein erscheinen die neuen Litteraturwerke,[92] hierhin zieht sich auch Grammatik und Philosophie. Und dass die Griechen in fremdem Lande sind, eine fremde Sprache [46] lernen müssen, eine fremde, wenn auch hellenisirte Litteratur neben sich haben, beeinflusst ihre Wissenschaft und ihren Geschmack. Die Grammatik ist dies eine Mal durch die Heranziehung einer fremden Sprache zu einer tieferen Erfassung der Sprachbaues angeregt worden: Philoxenos und Seleukos haben wirklich noch Fortschritte gemacht.[93] Das Weltreich kam den Philologen in dem Centrum seines Regimentes ganz anders als Einheit zum Bewußtsein als in den hellenischen Winkeln: nur hier konnte ein Alexander die Archäologien aller barbarischen Volker, darunter der Römer, konnte ein Strabon seine populäre Erdbeschreibung verfassen.[94] Es gab kein hellenisches Reich mehr. Die Welt war in den Bahnen fortgeschritten, die Polybios und Poseidonios geweissagt hatten. Der letzte Versuch des Widerstandes, den Hellas mit dem Anschlüsse an den schlimmeren Barbaren Mithradates gemacht hat, war in die Zertrümmerung Asiens und Athens ausgegangen. Die Mächte dieser Welt hatten nicht geholfen: da besann der Hellenismus sich auf die ewigen Machte, durch die er seine Herren trotz Allem beherrschte, seine classische Litteratur, seine Wissenschaft und seine Sprache. Damit war der Classicismus gegeben. Ohne Zweifel ist kein einzelner Mann im Stande, eine solche fundamentale Umkehr des Geschmackes zu bewirken; eben so selbstverständlich muss eine geistige Bewegung ihre Führer haben, und man darf nicht aufhören nach diesen zu suchen. In Rom, in der Zeit von Ciceros höchstem Ansehen müssen sie aufgetreten sein, lehrend vielleicht mehr als schreibend. Die entscheidenden Gedanken können nicht im Hirne eines Rhetors entstanden sein: die allgemeine Bildung schwimmt immer mit dem Strome. Aber da es sich wesentlich um den Stil handelt, kommen die Professoren der Stilistik für die Verbreitung der neuen Principien stark in Betracht. Ich schäme mich dessen nicht, dass ich einst auf Apollodoros von Pergamon gerathen habe, denn dessen Schüler, Augustus, [47] Dionysios von Pergamon der Attiker und Caecilius, nur die grössten zu nennen, sind Attiker. Ausserdem kennen wir die Principien, auf denen das System des Apollodoros aufgebaut war, durch die Polemik des Alexander Numenius.[95] Sie sind von pedantischer Strenge. Die Rede zerfällt in vier Theile, diese sind obligatorisch und haben auch ihre feste Reihenfolge. Es ist offenbar, dass darin eine ganz scharfe Reaction gegen die casuistische Scholastik des Hermagoras liegt, eine Beschränkung auf das abstract logisch als nothwendig Erweisliche, und die Aufstellung eines festen Kanons. Das ist noch viel archaischer als die Rhetorik, mit der sich Platon im Phaidros befasst, nicht ohne die modernen Distinctionen des Theodoros und Euenos zu verlachen. Es liegt nahe, bei Apollodoros ein Zurückgehen auf die älteste Doctrin anzunehmen, und seine Schüler bedienen sich auch des Argumentes: so haben es die Alten gemacht. Dennoch mache ich jetzt den wichtigen Unterschied, dass Apollodoros zwar in seiner Sinnesart dem Classicismus angehört und, nach dieser Richtung wirken musste, wie denn die Apollodoreer klärlich Attiker sind; aber dass er die μίμησις der attischen Sprache gefordert hat, dafür fehlt jeder Anhalt.[96] Seine Doctrin gilt auch viel einseitiger als die des Hermagoras der Gerichtsrede, und von dieser Enge kann die Reform des ganzen Prosastiles nicht ausgegangen sein. Wir haben auch nicht ein Wort von ihm über die λέξις. Die Berufung auf die Alten kann sehr wohl seinen Schülern zugeschrieben werden. Immerhin hat er persönlich an dem Siege seiner Geistesrichtung auch auf sprachlichem Gebiete vermuthlich mehr Antheil als irgend ein anderer, denn er hat die rhetorische Ausbildung des Augustus geleitet, und wenn Caesar ihn seinem Erben zum Lehrer gab, so wissen wir, was er von ihm erwartete. Caesar war doch Analogetiker und im Stile der unerreichten Meister, zwar nicht classicistischer, aber classischer, im besten Sinne attischer Rede. Dazu hat ihn kein Rhetor gemacht; die Wissenschaft, die ihn gereizt hat, ist die Grammatik und zwar die alexandrinische. So würden wir schliesslich dazu geführt, zu fragen, woher jene Wandlung in der Volksseele gekommen sei, die sie von der Gegenwart und der Tradition weg zu der Nachahmung dessen trieb, was 300 und mehr Jahre zurücklag und einer Form des Lebens und Fühlens in Staat und Gesellschaft angehörte, die so wenig wiederkehren konnte wie die alten Götter. Aber das ist eine Frage, auf die die Geschichte, so anmaasslich sie sich geberde, keine Antwort haben kann, wo ich mich mit der Philosophie Platons begnügen muss.[103] Wir verfügen nur über die Erweiterung des Beobachtungsmateriales, das zwei weitere Jahrtausende der Vergleichung bieten. Mir ist, seit ich sie kennen lernte, die Entwicklung der modernen Kunst vom Cinquecento bis zum Classicismus, der vor beiläufig 100 Jahren den Bruch brachte, die beste Erläuterung der hellenistischen Entwickelung, und in diesem Sinne habe ich die Schlagwörter der modernen Kunstgeschichte allezeit gebraucht.[104] So wenig wie wir noch etwas Herabsetzendes sagen wollen, wenn wir ein Werk der bildenden Künste barock nennen, so wenig dürfen wir uns die Beurtheilung der antiken Classicisten, gar des armen Gesellen Dionysios, gegenüber der hellenistischen Litteratur und Kunst aneignen. Wenn das antike Barocco weiter asianisch heissen soll, so muss der Verachtung des Asianismus ein Ende gemacht, muss namentlich die lebendige Sprache, auch in ihren Neologismen und ihrem lärmenden Schmucke, so schwer uns das [52] zunächst fällt, in ihrem Rechte anerkannt werden,[105] das doch das beste ist, das Recht des Lebendigen. Dem kommenden Jahrhundert der Philologie fällt als eine grosse und schöne Aufgabe die Erschliessung der hellenistischen Jahrhunderte zu, in jeder Beziehung; nur das Verständniss der hellenistischen Philosophie wird ihm von dem scheidenden bereits übergeben. Aber auch, so weit sie die Sprachen und einige Werke des Alterthums in der Schule zur Bildung unserer Knaben verwendet, darf die Philologie nicht vergessen, dass es zwar Classicismus gewesen ist, der die Griechen in den Jugendunterricht erst wirklich eingeführt hat, dass sie aber diese Stellung nicht zu behaupten verdienen, wenn sie diesem überwundenen Geiste dienen sollen. Nicht μίμησις, sondern ζῆλος ist das wahre, und nicht wie sie den Classicisten der augusteischen oder der goethischen Zeit erschienen, sondern wie sie im lebendigen Lichte ihres Tages lebten, gar nicht als Classiker, sondern in heissem Kampfe strebend und irrend, wie irrend und strebend die Wissenschaft sie in heissem Kampfe immer wahrer und lebendiger erfassen lehrt, werden die grossen und ganzen Menschen Asiens und Athens nimmer die Kraft verlieren, den Geist zu befreien und die Seele zu erheben, mit jener ewig jungen und verjüngenden Kraft, die allein das Lebendige besitzt. Diesem Lebendigen kann und wird die Philologie weiter dienen, fröhlich und siegesgewiss; ihre Todten müssen die Todten begraben. Westend. U. v. WILAMOWITZ-MÖLLENDORFF.
[Bearbeiten] Anmerkungen
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