Auch eine Dotation
| [272]
Auch eine Dotation.
An alle Deutsche im Vaterland und in der Ferne.
Ein deutscher Lenz! Von heller Lerchenweise 5
Welch’ buntes Spiel der Farben und der Lichter!O, welch’ ein wonnig Duften dort und hier! 10
Nach eines deutschen Lenzes sonn’gem Blau’n;Ein Dichter, nah’ dem Abend seines Lebens, 15
Er schafft in Londons rußgeschwärzten GassenVom frühen Morgen bis zum Abendschein! 20
Er zäumt nicht mehr sein stolzes Flügelroß!Er sieht am Rheinstrom nicht die Reben blühen, 25
Fast zwanzig Jahr’ verbannt vom Heimathheerde,Verbannt in Englands Nebelqualm und Rauch! 30
Dem, was tief innen lodernd ihm gebrannt!Du sollst ihn liebend an den Busen ziehen 35
O, hol’ ihn heim! Noch wachsen RebenrankenUnd Saaten in dem deutschen Land genug. 40
Die ungebeugte, frische Manneskraft!
45
Gieb endlich Ruh’ dem alten Ruhelosen!Nicht sei sein Grab dereinst am fremden Strand! Emil Rittershaus.
Für Ferdinand Freiligrath, für den edlen Dichter eines großen Volkes, ertönt unser Ruf. Sein Name ist bekannt, so weit die deutsche Zunge klingt, denn seine Lieder leben im Herzen unseres Volkes. Sein Lebenslauf ist kein froher und sorgenfreier gewesen. Nach den Jahren der Bewegung, die auch ihn aus dem Volksleben herausrissen, die seinen regen Geist mächtig erfaßten, war er gezwungen das Brod der Verbannung zu essen. Ein bitteres Loos für einen deutschen Dichter! Auf englischem Boden gelandet, belastet mit der Sorge um eine zahlreiche Familie, begann sein Kampf um die Existenz. Er hat ihn tapfer durchgeführt. Indem er sich seinem Berufe, seinen Pflichten gegen Weib und Kind ausschließlich widmen mußte, lehnte er seine Leier an die Seite und nur selten noch entlockte er ihr Töne, die dann aber hinüberklangen über den Canal und Wiederhall fanden im deutschen Lande. So hat er die Herzen unserer Jugend entflammt, so hat er in unser aller Brust zu erhalten gewußt die Frische und Begeisterung für das Gute, Edle und Schöne, ohne welche der Genius unseres Volkes das hohe Ziel der Größe unseres Vaterlandes, welches heute nicht allein mehr in unsern Hoffnungen lebt, niemals erreichen würde. Das Ziel, nach dem er unter angestrengter Arbeit strebte, hat er nicht erreicht. Nach fast zwanzigjährigen Mühen und Sorgen auf fremder Erde, am Abend seines Lebens stehend, schaut er in eine ungewisse, unsichere Zukunft. So wenden wir uns an die deutsche Nation. Ihre Pflicht ist es, dem ergrauten Dichter die Lebenssorgen zu erleichtern und ihm dadurch den Dank und die Anerkennung seines Vaterlandes darzubringen. Wie oft ist es unserm Volke vorgeworfen worden, daß es die Todten zu feiern, den Lebenden nicht zu huldigen weiß! Die eigenen Worte Freiligrath’s rufen wir ihm zu: O lieb’, so lang Du lieben kannst! Es sei ein Weck- und Mahnruf! Die Unterzeichneten, persönliche Freunde des Dichters aus dem Wupperthal, in welchem er einige Jahre seines Lebens verbrachte, sind zunächst zusammengetreten, um die Initiative zu einem Nationalgeschenk für Freiligrath zu eigreifen. Sie fordern die Freunde und Verehrer des Dichters auf, in allen Städten Special-Comités zu gleichem Zwecke zu bilden, oder sich dem hiesigen Comité anzuschließen. Zugleich ersuchen wir alle Zeitungs-Redactionen um gütigen Abdruck dieses Aufrufs und um Entgegennahme von Beiträgen. Wir hoffen somit in den Stand gesetzt zu werden, dem verdienten Manne zu seinem Geburtstage im Sommer oder spätestens zu Weihnachten einen ansehnlichen Fond übergeben zu können – im Auftrage der Gelber und im Namen des deutschen Volkes. Barmen, im April 1867. F. A. Bölling. Ludw. Elbers. Ernst von Eynern. Reinh. Neuhaus. Emil Rittershaus. Eduard Schink. Karl Sibel.
In Rheinlands Metropole steht an der Spitze des Comités: Classen-Kappelmann. Für diejenigen unserer Leser, denen des Dichters letzte Schicksale unbekannt sind, bemerken wir ausdrücklich, daß nur fremde Schuld, daß das plötzliche Aufhören des Geschäfts, dem er Jahre lang seinen ganzen Fleiß gewidmet hatte, ihn und seine Lieben schwerer Sorge überantwortet, und daß um so lauter die Theilnahme für den rastlosen Mann und den edlen Dichter zu sprechen hat. Die Redaction der Gartenlaube bietet freudig die Hand zur Durchführung auch dieses nationalen Unternehmens und wird Dotationsbeiträge annehmen und öffentlich quittiren. Redaction der Gartenlaube.
|
