Auf Waltersburg

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Autor: J. D. H. Temme
Titel: Auf Waltersburg
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 34–39
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Fortsetzungsroman in 6 Teilen // Heft 2–7
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[34]
Auf Waltersburg.
Novelle von J. D. H. Temme.


1. In Schloßhof und Park.

Auf dem Schloßhofe der Waltersburg standen zwei Männer beisammen, die man auf den ersten Blick für Herren aus dem Schlosse hätte halten können, die sich aber bei näherer Betrachtung als Diener desselben darstellten. Sie befanden sich beide in vorgerücktem Alter; dem Einen war, wie von der Bürde des Alters, der Rücken bereits gekrümmt, und sein Haupt glänzte silberweiß; dem Anderen war das blonde Haar, das er gescheitelt und hinter den Ohren sorgfältig geringelt trug, nur erst grau gemischt; bei gerader Haltung hatte er ein behäbiges Ansehen, während an Jenen die den Körper austrocknenden Tage des Alters schon seit ein paar Jahren herangetreten sein mußten. Die Kleidung Beider war eine sorgfältige, schwarz vom Kopfe bis zu den Füßen, nur die Halsbinden waren weiß, schneeweiß, wie die baumwollenen Handschuhe, mit denen ihre Hände bekleidet waren. In dem Gesichte des Aelteren gewahrte man nur die stille Ergebenheit des Dieners, dem die Treue ein Lebenselement, der Gehorsam zur Lebensgewohnheit geworden. Er war der Diener der Schloßherrin, der Jüngere der des Schloßherrn.

Das Schloß Waltersburg hatte in früheren Zeiten der Stein von Waltershausen geheißen; bis in diese alte Zeit leitete der gegenwärtige Besitzer des Schlosses seinen Stammbaum zurück, wie auch seine Gemahlin einem alten Geschlechte angehörte. Die Ehe war kinderlos.

Die beiden Diener standen in lebhafter Unterhaltung wartend vor dem Portale des Schlosses. Sie waren die einzigen lebenden Wesen, die man auf dem weiten Schloßhofe sah. Auf diesem und in dem großen Prachtschlosse, wie in den Nebengebäuden herrschte die tiefste Stille, und diese Einsamkeit und Stille bildeten den Gegenstand der Unterhaltung der Beiden.

„Lange wird es hier nicht so bleiben,“ bemerkte der Jüngere.

Der Aeltere schwieg.

„Heute Abend schon,“ fuhr Jener fort, „vielleicht noch früher, wird es hier unruhig genug aussehen.“

Der Aeltere hatte auch darauf keine Erwiderung.

„Es war immer so still und ruhig hier, und nun auf einmal dieser Lärm, diese Angst –“

„Immer?“ unterbrach ihn der Aeltere. „Es gab auch Zeiten hier –“ Er brach ab.

„Ja, ja,“ stimmte der Andere bei, um sofort doch zu widersprechen. „Es gab hier wohl Zeiten, in denen kein rechter Friede da war –“

„Um den Unfrieden im Hause darf der Diener sich nicht kümmern,“ fiel der Aeltere ein, „am wenigsten aber soll er davon sprechen.“

Er sprach strenge. Der Andere gab sofort nach.

„Ich wollte nur sagen, daß die Ruhe hier im Schlosse niemals gestört wurde. Das Leben ging immer seinen ruhigen Gang, den einen Tag wie den anderen. Und nun auf einmal soll das vorbei sein –“

Nochmals unterbrach ihn der Aeltere und diesmal strenger als vorher.

„Soll? Hast Du darüber zu bestimmen?“

„Aber,“ entgegnete der Jüngere, „Sie können doch nicht leugnen, Friedrich, daß die Bauern rund um uns her nahe daran sind, zu revoltiren, daß sie die Edelsitze stürmen und plündern und auch Schloß Waltersburg von ihnen bedroht wird. Der Bauernadvocat wühlt schon seit drei Tagen unten im Dorfe, macht die Bauern unruhig, widerspenstig. Selbst der Pfarrer, der die Liebe Aller hat –“

Der alte Friedrich mußte doch noch einmal darein reden.

„Liebe!“ sagte er. „Liebe der Bauern! Der Bauer muß durch Furcht in Ruhe und Gehorsam gehalten werden, und wenn er die Säbel und Karabiner der Husaren sieht, so – und er wird sie hier oben finden.“

Der Jüngere mußte sein Recht behalten.

„Wir müssen,“ sagte er, „doch die Husaren haben, und da ist es mit der Ruhe hier vorbei.“

Die Unterredung der Beiden wurde abgebrochen, da ein Herr aus dem großen Portale des Schlosses trat. Er war ein hübscher Mann, vielleicht in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre, zart gebaut und von frischem, gesundem Aussehen. Sein feines, fast mädchenhaftes Gesicht zeigte Gutmüthigkeit in jedem Zuge. Er schien einen Spaziergang machen zu wollen, denn er blickte beim Heraustreten in den Schloßhof zum Himmel hinauf, wie um das Wetter zu prüfen, richtete dann den Blick in die Ebene hinunter, die weit ausgebreitet vor ihm lag, und stützte sich dabei auf ein spanisches Rohr, das ihm zum Spazierstock diente. Der stattliche Mann war der Schloßherr, Freiherr Adalbert von Waltershausen, auch Stein von Waltershausen genannt.

Bei seinem Erscheinen hatten die beiden Diener sich getrennt. Der alte Friedrich, der Kammerdiener der Schloßherrin, trat zur Seite nach dem Schloßportal zurück, wohl um seine Herrin zu erwarten, während Konrad sich zu seinem Gebieter, dem Schloßherrn begab, um dessen Befehle in Empfang zu nehmen. Es entstand dann auf dem Schloßhofe eine bewegungslose Stille. Der Baron rührte sich nicht, die beiden Diener rührten sich nicht, und erst nach einer Weile wurde die Stille unterbrochen.

Ein feingebauter, noch junger Mann trat aus dem Schlosse in den Hof. Auf den ersten Blick glaubte man, er stehe erst in den zwanziger Jahren, gar in deren Anfange, dann aber mußte man ihn älter finden. Die knabenhafte Röthe seines glatten Gesichts und eine kindliche Gutmüthigkeit in den weichen Zügen gaben ihm ein jugendlicheres Aussehen, einzelne Umrisse um den Mund und in den Augenwinkeln ließen freilich auf ein reiferes Alter schließen. Er war der Baron Kurt von Waltershausen, der jüngste Bruder des Schloßherrn. Alles an ihm war gewählt und elegant. Freundlich grüßend ging er an dem alten Diener Friedrich vorbei zu dem wartenden Schloßherrn.

„Hört man noch nichts?“ fragte er den Bruder.

„Es ist Alles ruhig,“ war die Antwort.

„Es wird schon kommen,“ versicherte mit einer eigenthümlichen Bestimmtheit und Wichtigkeit der Baron Kurt.

Der Schloßherr achtete auf die Worte nicht.

„Du kommst allein?“ fragte er. „Ohne Emma?“

[35] „Wir werden sie im Parke finden,“ erwiderte er.

Der Schloßherr, der Baron, wie er ohne Hinzufügung seines Taufnamens genannt wurde, zeigte Verwunderung über diese Antwort.

„Wer sagte es Dir?“ fragte er.

„Ihre Kammerfrau, als ich sie in ihrem Zimmer suchte, um sie zu der Promenade abzuholen.“

„Sie war nicht in ihrem Zimmer?“

„Sie sei schon vorausgegangen, theilte die alte Lene mir mit.“

„Sonderbar!“ sprach der Baron für sich. „Konrad,“ wandte er sich dann zu seinem Kammerdiener zurück, „rufe den Friedrich hierher!“

Konrad ging zu dem alten Friedrich, der noch wartend an dem Portal stand, und kehrte mit ihm zurück.

„Ging meine Frau aus?“ fragte der Baron den alten Diener.

„Die gnädige Frau,“ antwortete dieser, „befand sich nicht ganz wohl, bedurfte der frischen Luft und suchte den Park auf.“

„Allein?“

„Allein, Euer Gnaden! Wenn die gnädige Frau ihre Migräne hat, so fühlt sie das Bedürfniß, sich von jeder Gesellschaft zurückzuhalten.“

„Ja, ja! Ertheilte sie Ihnen keine Befehle?“

„Sie befahl mir nur, wenn der gnädige Herr nach ihr fragen werde, zu berichten, daß sie den Park aufgesucht habe. Sie hoffte aber vor der Promenadenzeit schon zurück zu sein.“

Um drei Uhr Nachmittags wurde im Schloß die Tafel aufgehoben, und um vier Uhr fand eine gemeinschaftliche Promenade der Herrschaft statt, welche etwa eine Stunde zu dauern pflegte. Das Leben im Schlosse war ein nach der Uhr geregeltes.

„Um welche Zeit,“ fragte der Baron noch, „ging die gnädige Frau aus?“

„Es ist noch nicht sehr lange her.“

Die Antwort wurde mit einer gewissen Befangenheit gegeben, wie denn das Benehmen des alten Kammerdieners von Anfang an nicht ohne Befangenheit gewesen war. Mit bekümmertem Gesicht zog er sich wieder auf seinen Posten am Schloßportale zurück.

„Mich wundert nur,“ nahm Baron Kurt das Gespräch wieder auf, „daß es noch immer so still bleibt.“

Der ältere Bruder antwortete darauf nicht.

„Die Bauern,“ fuhr der Andere fort, „sind doch schon seit dem Morgen versammelt, und zum Abend soll es losgehen. Da müßte man etwas von ihnen hören.“

„Wenn es losgeht, werden wir es schon hören,“ entgegnete der Baron.

„Mögen wir es nur nicht zu spät hören!“

Der Baron schwieg darauf wieder.

„Ja, ja,“ meinte der jüngere Bruder, „Du bist immer so ruhig. Ich kann es nicht sein.“

„Sei auch Du ruhig, Kurt!“

„Bei der Gefahr, die uns droht?“

„Ja! Du bist nicht der Mann, darin zu handeln, und auch ich bin es nicht. Ueberlassen wir Alles Emma und dem alten Bannhart! Emma ist klug und muthig, und unser Haushofmeister hat schon manchen Krieg mitgemacht und in blutigen Schlachten gekämpft; er wird den Kopf nicht verlieren.“

Der Baron hatte mit einer Energie gesprochen, die um so mehr auffallen mußte, je mehr sie gegen sein sonstiges schlaffes, apathisches Wesen abstach.

„Was nur Emma in dem Parke macht?“ fragte Baron Kurt. „Gerade jetzt?“

„Sie wird Anordungen zu treffen haben,“ meinte der Baron.

„Allein?“

„Mit Bannhart, der schon vor längerer Zeit das Schloß verließ.“

„Ja, sie hat Muth.“

„Machen wir jetzt unsere Promenade!“ forderte dann der Baron den Bruder auf.

Kurt hatte auf einmal Bedenken.

„Hm, lieber Adalbert, auch heute die Promenade? Bleiben wir doch lieber im Schlosse!“

„Warum?“ fragte der Baron.

„Dem Schlosse könnte Gefahr drohen.“

„Welche Gefahr?“

„Ein Ueberfall der Bauern.“

„Wir Beide könnten ihn nicht abwenden, Bruder Kurt.“

„Nein, nein! Aber draußen sind wir noch weniger sicher. Wir könnten bei jedem Schritt überfallen werden.“

Es lag wohl keine Logik in dem Einwande des guten Baron Kurt. Der Baron Adalbert dachte dennoch über ihn nach.

„Gehen wir doch!“ sagte er. „Zu Emma! Sie könnte in Gefahr gerathen. Sie ist allein mit Bannnhart fort.“

„Könnten wir ihr helfen?“ fragte jetzt Kurt.

„Wir müssen doch den Muth haben.“

Der jüngere Bruder sann einen Augenblick nach.

„Ja, Adalbert!“ sagte er dann entschlossen. „Wir wollen den Muth haben. Es ist ein Ritterdienst gegen eine Dame. Die Chronik unseres edlen Hauses –“

Er schwieg.

„Gehen wir!“ forderte der Baron Adalbert ihn auf.

„Wohin?“

„In den Park.“

„Ah, und wo finden wir sie in dem Park? Er ist groß.“

„Wir suchen sie.“

Der Baron sagte das, indem er nach dem Parke hin sich in Bewegung setzte, und Kurt konnte nicht zurückbleiben. Beiden folgte der Kammerdiener Konrad.

Schloß Waltersburg war ein Prachtgebäude. Ausgeführt in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, trug es nicht den Baustil jener Zeit und war dadurch zu einem einfachen, edlen und großartigen Bau geworden, bestimmt für die Dauer von Jahrhunderten, für jedes Jahrhundert ansprechend. Es lag auf einer vorspringenden Anhöhe, die lange Façade frei, mit einem weiten Blick über den größten Theil des Parkes hinweg, in ein längeres Thal, auf das Dorf Waltershausen, auf Fluren und Weiden, auf den hohen Wald hinter dem Dorfe, auf die blauen Berge, die hinter dem Wald am fernen Horizont sich erhoben. Seine drei anderen Seiten waren von dichter Waldung umgeben, und ein geräumiger vergitterter Hof umzog das Schloß mit seinen Nebengebäuden nach allen Seiten.

Die beiden Brüder hatten den Park betreten; sie gingen schweigend weiter, den Diener immer in der gemessenen Entfernung von zehn Schritten hinter sich. Rings um sie her herrschte tiefe Stille, in der Nähe, wie in der Ferne, in dem Schlosse hinter ihnen, in dem Dorfe, das vor ihnen im Thale lag. Wühlte da unten der Bauernadvocat, so war es bis jetzt nur ein stilles Wühlen, das freilich um so gefährlicher werden, um so größeren Lärm, um so dringendere Gefahr nach sich ziehen konnte.

Die beiden schweigenden Spaziergänger lenkten ihre Schritte dem Dorfe zu. Sie kamen an Alleen, an grünen Rasenplätzen, an blauen Weihern, an dunklen Bosquets vorüber. An der Mündung einer Allee machte der Baron plötzlich Halt, er hatte hineingeblickt; ein einzelner Mann kann darin näher.

„Bannhart!“ sagte der Baron verwundert. „Allein? Ohne Emma? Erwarten wir ihn!“

Sie warteten auf denn Nahenden. Der Mann ging langsam, in Gedanken, wie es schien, aber auf einmal stand er still, er hatte die beiden Brüder gesehen – er stutzte.

„Was hat Bannhart?“ fragte sich der Baron.

„Gehen wir ihm entgegen!“ meinte Kurt.

„Wir erwarten ihn,“ entschied der Schloßherr.

Der Haushofmeister setzte sich wieder in Bewegung und erreichte bald die Herrschaft. Er war eine ganz eigene Persönlichkeit. Daß er nahe an siebenzig Jahre zählen mußte, konnte man ihm nachrechnen, wenn auch Niemand, er selbst vielleicht eingeschlossen, sein Geburtsjahr kannte. Bei der Husarenschwadron, in welcher der Freiherr von Waltershausen, der Vater der auf der Waltersburg lebenden Brüder, als Lieutenant gestanden hatte, diente Bannhart als Unterofficier. Der tüchtige und erfahrene Mann wurde der Unterweiser des jungen, unerfahrenen Lieutenants. In den vielen blutigen Kriegen jener Zeiten hatten sie manche gemeinschaftliche Gefahr zu bestehen, und bald hieb der Unterofficier den Lieutenant, bald der Lieutenant den Unterofficier heraus. Der Unterofficier wurde Wachtmeister, und der Lieutenant [36] avancirte zum Rittmeister – sie blieben verbunden, der Rittmeister wurde etatsmäßiger Stabsofficier, zuletzt Oberst und Commandeur des Regiments, aber der Wachtmeister konnte nicht weiter avanciren. Verbunden blieben die Beiden gleichwohl auch jetzt, und als der Oberst mit dem Charakter als General seine Entlassung nahm, erbat er auch für den Wachtmeister Bannhart den Abschied mit dem Gesuch, ihm den Grad eines Lieutenants zu verleihen, was dem tapferen und angesehenen General von Waltershausen nicht abgeschlagen wurde – er und sein Lieutenant blieben weiter mit einander verbunden. Sie gingen nach der Waltersburg, der General machte hier seinen alten Waffen- und Kriegsgefährten zu seinnem Haushofmeister, damit er von den Strapazen des langjährigen Kriegsdienstes ausruhen konnte, und der Lieutennant konnte, auch wenn die vornehmste Gesellschaft da war zur Tafel und zu anderen Haus- und Familienfesten zugezogen werden. Freilich mußte er immer seinen Soldatenrock tragen, gewöhnlich die Interimsuniform, wie auch der General sie trug.

Die Stellung des Lieutenants im Schlosse erlitt durch den Tod des Generals keine Veränderung; denn sie war eine gewohnheitsmäßige und Allen unentbehrliche geworden. Der alte Herr hinterließ drei Söhne, von denen wir zwei kennen gelernt haben, sie bedurften einer kräftigen, zuverlässigen männlichen Stütze, welche sie an dem Lieutenant Bannhart auch fanden. Ein dritter Bruder war noch da, der zweitgeborene, Freiherr Ottokar, er wurde dem Soldatenstande gewidmet, gleich seinem Vater, und ihm wurde der alte Bannhart zugleich Instructeur.

Kehren wir in den Park zurück!

Der Haushofmeister hatte die beiden Freiherren erreicht. Er war trotz der Mitte seiner sechsziger Jahre eine derbe, kräftige, hochaufrechte Wachtmeister-Gestalt, der Rücken ungebeugt, das Gesicht starkknochig, das etwas struppige Haar grau, nicht weiß, die Haltung stramm, der Gang fest, die Interimsuniform von unten bis oben zugeknöpft. Es mußte heute etwas Ungewöhnliches an ihm wahrzunehmen sein; denn der Baron Adalbert fragte ihn sofort:

„Was ist Dir begegnet, Bannhart?“

Die beiden Brüder durften „Du“ zu ihm sagen – eine Gewohnheit aus ihrer frühesten Knabenzeit. Für alle anderen Bewohner des Schlosses war er „der Herr Lieutenant“, der Schloßherrin gegenüber hatte er freilich wieder eine besondere Stellung.

In dem knorrigen Gesichte des Lieutenants zeigte sich bei dieser Frage eine gewisse Verlegenheit; er schlug die Augen nieder.

„Begegnet ist mir wohl nichts, Herr Baron, aber muß man nicht in jeder nächsten Minute etwas erwarten?“

Er sprach ungewiß, die Augen konnte er noch nicht wieder erheben.

„Vernahmst Du etwas?“ fragte der Baron.

„Noch ist es ruhig da unten im Dorfe – es scheint wenigstens so.“

„Sahst Du meine Frau? Wir suchen sie.“

Die Verlegenheit des alten Mannes steigerte sich durch diese Worte des Barons zu einer auffallenden Angst.

„Gehen Sie nicht weiter, Herr Baron!“ ermahnte er, bat er.

Der Baron blickte ihn verwundert an.

„Aber warum nicht? Ist sie im Park? Sahst Du sie?“

Bannhart hatte sich gefaßt, in der Einsicht, daß er durch Unvorsichtigkeit etwas verrathen hatte, was er sorgfältig hatte verbergen wollen.

„Herr Baron,“ erwiderte er, „ich bitte Sie, kehren Sie um! Jeder Schritt weiter kann Sie in Gefahr bringen. Der Bauernadvocat ist schon seit drei Tagen im Dorfe, wühlt und hetzt die Bauern auf, und jetzt sind sie im Dorfkruge beisammen, schon den ganzen Tag. Jeden Augenblick können sie sich gegen das Schloß in Bewegung setzen. Ihr nächster Weg ist durch den Park, und sie haben hier zugleich den Vortheil, sich unbemerkt nähern zu können. Bedenken Sie, wenn die Menschen betrunken, aufgeregt, Ihnen hier begegneten!“

Die Mahnung war nicht ohne Wirkung geblieben. Der Baron Adalbert sann still nach. Kurt aber rief lebhaft:

„Laß sie kommen! Es sind Bauern. Sie sollen Respect vor ihrer Herrschaft haben.“

Der eigenthümliche Muth des zarten Herrn mit dem knabenhaften Gesichte konnte zwar den älteren Bruder nicht entflammen, kaum seine natürliche Ruhe stören, aber sie weckte die Erinnerung in ihm an den Zweck, der ihn in den Park geführt, den er wenigstens dem Bruder angegeben hatte.

„Meine Frau ist im Park, und sie könnte in Gefahr gerathen. Wir müssen sie aufsuchen.“

„Ja, ja!“ bestätigte der Baron Kurt.

Die Angst des alten Lieutenants hatte sich vermehrt.

„Sie werden sie nicht im Parke finden,“ erwiderte er ängstlich. „Kehren Sie mit mir um! Ich versichere Sie, es ist am besten so.“

Seine Dringlichkeit schien den Baron um so zäher gemacht zu haben.

„Ich kann meine Frau nicht im Stich lassen.“

„Und ich meine Schwägerin nicht,“ rief der Baron Kurt.

„Aber wo wollen Sie die gnädige Frau suchen?“

„Zunächst im grauen Pavillon. Sie geht am liebsten dahin.“

Durch das Gesicht des Lieutenants zog eine flüchtige Blässe. „Sie werden sie dort nicht finden,“ rief er.

„Und woher weißt Du das?“

Der Lieutenant hatte keine Antwort.

„Gehen wir zu dem Pavillon!“ drängte der Baron Kurt den Bruder und nahm dessen Arm. Beide gingen weiter in die Allee hinein, aus welcher der alte Bannhart gekommen war, und der Diener folgte ihnen. Bannhart sah ihnen mit den Zeichen des Schrecks nach. Nach einer halben Minute setzte er seinen Weg fort, dem Schlosse zu. – –

Der alte Bannhart hatte wohl Veranlassung gehabt, die beiden Brüder, besonders den Baron Adalbert, von einem Aufsuchen der Baronin in dem grauen Pavillon zurückzuhalten. Eine Viertelstunde vorher hatte in der Nähe dieses Pavillons sich etwas zugetragen, von dem der alte Soldat, wenn auch nur zum Theil, so doch immerhin genugsam Zeuge geworden war, um sich zu sagen, daß großes Unheil entstehen müsse, wenn außer ihm noch irgend Jemand Kenntniß davon erhalte.

Eine einsame Dame ging in der Nähe des grauen Pavillons unter hohen Bäumen und zwischen dichten Gebüsch auf und ab, eine auffallend schöne Frau, eine hohe Gestalt, die Gesichtszüge fein und edelgeformt. Sie war nicht mehr ganz jung; die erste Hälfte der zwanziger Jahre hatte sie jedenfalls überschritten, und für Augenblicke konnte man sie sogar für älter halten. Wie das Glück verjüngt, so machen Kummer, Schmerz und Gram den Menschen vor der Zeit alt. Kann doch eine einzige Nacht voll Angst und Schmerz den rüstigsten Mann in einen Greis verwandeln.

Die ganze Erscheinung der Dame verrieth einen tiefen inneren Schmerz, aber sie verrieth noch mehr, aus den großen dunkeln Augen, aus der Gluth, die sich plötzlich durch ihre bleichen Wangen ergoß, leuchtete eine wilde, unbezähmbare Leidenschaft hervor, die dieses schöne Weib zu verzehren drohte. Sie schritt unruhig, hastig umher. Plötzlich machte sie eine Pause; sie horchte auf, sie glaubte einen Schritt, ein Geräusch zu vernehmen. Jähe Gluth durchströmte ihr Gesicht. Allein Niemand näherte sich – sie hatte sich getäuscht, ihre Wangen wurden wieder bleich, und um ihre Mundwinkel zuckte der Schmerz. Unruhig, hastig schritt sie weiter.

In diesem Moment hatte der alte Bannhart sie gesehen und eine Weile beobachtet. „Arme, unglückliche Frau!“ mußte er sich mitleidig sagen und dabei doch mißbilligend das graue Haupt schütteln. Er durchstreifte den Park, um sich von der Bewegung und den etwaigen Schritten der Bauern zu überzeugen, von denen noch zum Abend ein Ueberfall erwartet wurde.

Lange stand er unschlüssig, ob er seine Gegenwart der Dame zu erkennen geben, ob er sie anreden, sie mit sich zum Schlosse zurücknehmen solle. Sie war die Schloßherrin, die Gemahlin des Freiherrn Adalbert.

„Nein,“ sagte er sich zuletzt. „Ich würde Oel in diese wilde Flamme gießen.“

Er konnte aber auch nicht zurückkehren; denn er mußte wissen, was sich weiter begeben werde. Der Hufschlag eines Pferdes wurde laut. Er ertönte aus dem Dickicht der Waldung, und zwar von einem Wege her, der zum Abholen des Holzes aus dem Walde diente und meistens nur den Arbeitsleuten des Schlosses, freilich auch den Gutsjägern, bekannt [38] war. Die Schloßherrin wußte, wer ihn jetzt ritt. Der Weg war holperig, mitunter steil; er führte aus dem Thale, in das hinein sich die Waldung erstreckte, zu der Anhöhe hinauf, wo Wald und Park sich vereinigten. So konnte denn das Pferd nur langsam näher kommen. Die Schloßherrin eilte ihm entgegen, mit klopfendem Herzen, mit fliegendem Athem, mit wogender Brust. Bei einer Biegung des Weges stand sie vor dem Pferde, vor dem Reiter.

„Ottokar!“

Die Stimme versagte ihr, und ihr Gesicht war schneeweiß, alles Blut war ihr zum Herzen gedrungen – sie war dem Umsinken nahe.

Der Reiter sprang vom Pferde, er warf dem Thiere die Zügel über den Hals und fing die Sinkende auf. Beide lagen einander in den Armen.

Sie waren ein schönes Paar, die Freifrau von Waltershausen und der Husarenrittmeister Freiherr Ottokar von Waltershausen. Sie, die feine, elegante, bleiche Dame, er, der gewandte, kräftige, elastische Soldat, dem die knappe Uniform wie angegossen saß, aus dessen Augen die Kühnheit blitzte, dessen ganzes Aeußere den sicheren männlichen Muth zeigte. Sein Gesicht trug die Formen und Züge seiner beiden Brüder, aber wie war er ein ganz Anderer, als diese, von denen der Eine träge Apathie, der Andere gar den Mangel an Geist zu Tage legte!

„Ottokar!“

„Emma! Endlich durfte ich Dich wiedersehen. Jahrelang warst Du grausam.“

„Ich war es nur gegen mich.“

„Gegen uns Beide war es das Geschick.“

„Es wird, es muß es bleiben, so lange wir leben. Aber laß uns diesen Augenblick genießen, Ottokar! Die nächste Stunde gehöre nur uns!“

Sie führte ihn auf dem Wege unter die Bäume des Waldes zurück. Sie gingen fest umschlungen und das Pferd folgte auf ein Zeichen des Officiers klug und gehorsam in einer Entfernung von wenigen Schritten.

Emma von Bartenfeld war die Nichte der verstorbenen Generalin von Waltershausen und eine Waise, ihr Vater war als armer Officier gestorben, und ihre Mutter hatte sie schon früher verloren. Die Tante nahm sich der Waise an, nahm sie zu sich. Emma wuchs auf und wurde mit ihren beiden Vettern Adalbert und Kurt erzogen. Die Brüder, in geistiger Beziehung von der Natur stiefmütterlich ausgestattet, konnten eine öffentliche Laufbahn nicht verfolgen und waren nur für ein stilles, zurückgezogenes häusliches Leben bestimmt. Dafür suchte die Mutter sie auszubilden; dazu gab sie ihnen die stille, gemüthvolle, mit reichen Geistesgaben ausgestattete Nichte zur Gesellschafterin und Erzieherin, aber dem Erbherrn Adalbert sollte sie später noch mehr werden. Bei seiner Unselbständigkeit bedurfte er einer verständigen und willenskräftigen Führerin.

„Emma,“ sagte die Tante eines Tages, „willst Du ihm die sichere, treue Lebensgefährtin werden? Willst Du, kannst Du mir und ihm dieses Opfer bringen?“

„Dir könnte ich jedes Opfer bringen, liebe Tante; denn Dir verdanke ich Alles. Aber Adalbert hat ein stilles, bescheidenes, genügsames Herz, die selbstlose Gutmüthigkeit, und ich bringe kein Opfer, wenn ich seine Gattin, Deine Tochter werde.“

Die Generalin umarmte die Nichte, die künftige Schwiegertochter. „Möge er auch Deinem Herzen theuer werden können, meine Emma!“ sagte sie.

„Ich werde ihn lieben.“

„Versuche es!“

Ich werde ihn lieben. Das achtzehnjährige Mädchenherz hatte es versprochen, hatte den Willen, das Versprochene zu halten. Da brachte der General seinen zweiten Sohn Ottokar auf Urlaub mit sich nach Hause. Er war Officier, junger Lieutenant in dem Regimente seines Vaters, und als Nachgeborener sollte er, gemäß der Gewohnheit des Adels, eine militärische Laufbahn einschlagen, worauf ihn sein ganzes Wesen auch hinzuweisen schien. Er hatte eine kräftige, gewandte, wohlgebaute Gestalt, einen kühnen Muth, ein feuriges Temperament und verband damit Geist und Edelmuth.

So sah Emma ihn; so sah sie ihn im Contraste zu seinen Brüdern. Und Ottokar Waltershausen konnte in dem still waltenden, verständigen und anspruchslosen schönen Mädchen nur das Opfer erblicken, das einer gewiß wohlgemeinten, aber unglücklich ersonnenen Combination gebracht wurde.

War es ein Wunder, daß die Beiden sich liebten, um so inniger und heißer sich liebten, als sie ihre Gefühle nicht austauschen, nicht einmal zeigen dürften, um so gewaltiger und verzehrender sich liebten, als endlich doch in einer glücklichen und doch so unglücklichen Stunde die Herzen sich fanden, sich einander entdecken mußten? Wohl trennten sie sich dann mit dem Schwure, sich ewig zu lieben, aber sich nie wiederzusehen. Den Schwur hielten sie. Sie sahen sich in vielen Jahren nicht wieder, und ihre Liebe war um so inniger geblieben, zu einer stillen verschwiegenen, um so süßeren Sehnsucht angewachsen.

Da wurde auch die Waltersburg von einem jener Bauernüberfälle bedroht, die damals wie eine furchtbare Volksepidemie durch das ganze deutsche Land sich zogen, die mit ihren Gewaltthätigkeiten, Plünderungen, Zerstörungen noch heute in dem Gedächtnisse Vieler leben. Man mußte sich bei Zeiten dagegen zu sichern suchen. Der Rentmeister, der erste Beamte des Schlosses, begab sich zu seinem Herrn.

„Herr Baron, überall im Lande haben die Bauern sich gegen ihre Gutsherrschaften empört, sie überfallen die Schlösser, plündern sie, stecken sie gar in Brand, verlangen Erlaß aller Abgaben, Befreiung von Diensten –“

„Man liest es in den Zeitungen,“ unterbrach der Baron den Beamten. „Aber unsere Bauern haben sich noch völlig ruhig verhalten.“

„Nichts, Euer Gnaden, steckt mehr an, als der Geist des Aufruhrs. Es dürften daher mindestens Vorsichtsmaßregeln geboten sein.“

„Ich denke,“ unterbrach ihn nochmals der Baron, wir sind hier sicher. „Das Schloß ist fest, denn es ist auf allen Seiten von dem vergitterten Hofe eingeschlossen.“

„Wir dürften doch in einer gefährlichen Lage sein, Euer Gnaden. Das Gitter würde dem ersten Anpralle weichen, und die entfesselte Menge, einmal im Schloßhofe, könnte schon an Thüren und Fenstern Verwüstung genug anrichten.“

„Sie hätten nichts davon, Heimann.“

„Sie hätten ihre Zerstörungswuth befriedigt, Rache ausgeübt.“

„Aber, mein lieber Heimann, die Bauern sind ja noch vollkommen ruhig.“

„Aeußerlich, Euer Gnaden. Der durch seine Hetzereien berüchtigte Bauernadvocat ist schon seit drei Tagen im Dorfe.“

„Heimann,“ sagte der Baron, „lassen Sie den Menschen arretiren! Geben Sie sofort dem Dorfschulzen den Befehl dazu!“

„Gnädiger Herr, wir würden dadurch den Aufruhr in helle Flammen treiben.“

„Aber was fangen wir denn an?“

„Dürfte ich mir erlauben, Euer Gnaden einen Vorschlag zu machen, so würde ich unterthänig anheim geben, zur Sicherheit des Schlosses von der Regierung ein Militärcommando hierher zu erbitten.“

„Ah, mein Bruder Ottokar!“ rief der Baron.

Der Rentmeister hielt den neuen Gedanken seines Herrn fest, er hatte damit einen Anker für seinen Zweck gewonnen.

„In der That!“ sagte er. „Wenn Euer Gnaden mir den Befehl ertheilen würden, so könnte ich noch heute abreisen, den Oberpräsidenten um das Commando bitten und zugleich den Wunsch Eurer Gnaden zu erkennen geben, daß das Commando unter den Befehl des Herrn Baron Ottokar gestellt würde.“

„Thun Sie das, besorgen Sie Alles, lieber Heimann!“

„Darf ich noch eine Bitte unterthänig hinzufügen?“

„Sprechen Sie!“

„Kein Dritter darf von der Sache wissen. Wir liefen sonst Gefahr, daß die Aufrührer etwas erführen und sofort losbrächen.“

„Sie haben Recht, Heimann. Kein Wort darüber soll über meine Lippen kommen, nicht einmal Kurt gegenüber. Darf auch meine Frau nichts wissen?“

„Es würde die gnädige Frau unnöthig beunruhigen.“

„Ja, ja!“

„Ich darf also unverzüglich abreisen?“

„Auf der Stelle, und kommen Sie sobald wie möglich zurück!“

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Autor: J. D. H. Temme
Titel: Auf Waltersburg
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 3, S. 52–57
Fortsetzungsroman – Teil 2


[52] Der Rentmeister reiste unverzüglich in die Hauptstadt der Provinz ab, hatte hier zunächst eine Besprechung mit dem Rittmeister Ottokar von Waltershausen, dessen Regiment zu der Garnison der Stadt gehörte, und fand ihn zu der Expedition bereit. Er brachte seine Anträge bei dem Oberpräsidenten der Provinz vor und erhielt deren Genehmigung in allen ihren Theilen. Mit dieser Nachricht war er in der Nacht wieder auf der Waltersburg. Hier hatte der brave Mann, der Vertraute aller Geheimnisse des Schlosses, zunächst eine schwere Aufgabe zu erfüllen. Er sah noch Licht in dem Zimmer der Baronin, ließ sich durch ihre alte Kammerfrau sofort bei ihr melden und wurde angenommen. Sie erwartete ihn mit bleichem Gesicht.

„Ich komme aus der Stadt, gnädige Frau.“

„Ich weiß es.“

„Sie wußten es?“

„Ich errieth es.“

Ein Seufzer, ein trauriges Lächeln begleiteten ihre Worte.

„Sie wollten,“ fuhr sie fort, „uns Hülfe holen gegen einen Ueberfall der Bauern. Sie erhielten sie?“

„Ich erhielt sie.“

„Und Sie wollen mir Nachricht bringen – über den Officier, der das Commando führt?“

„Der Herr Baron Ottokar.“

„Ich hatte es erwartet. Wann wird mein Schwager eintreffen?“

„Morgen gegen Abend.“

„Haben Sie meinem Manne schon die Meldung gemacht?“

„Bei dem gnädigen Herrn sah ich kein Licht mehr.“

„Und bei mir sahen Sie es noch? Ich danke Ihnen. Haben Sie noch eine besondere Mittheilung für mich?“

„Nein, gnädige Frau.“

„So habe ich einne Bitte an Sie.“

„Befehlen Euer Gnaden!“

[54] „Ich hätte mit meinem Schwager, bevor er sich im Schlosse vorgestellt hat, wenige Worte zu sprechen. Geheim! Niemand darf davon erfahren. Werden Sie es vermitteln?“

„Gnädige Frau,“ sagte der Beamte, „Sie kennen meine Treue, meine Verschwiegenheit. Befehlen Sie über mich!“

„Wohlan! Machen Sie meinem Manne Ihre Meldung! Beordern Sie dann einen reitenden Boten, der sich bereit halte, in der nächsten Viertelstunde auf dem Wege zur Stadt zu sein, und kehren Sie darauf zu mir zurück!“

„Zu Befehl, Euer Gnaden!“

Der Rentmeister ging kopfschüttelnd zu dem Baron, den er, nach dem früher erhaltenen Befehle, sofort mußte wecken lassen.

„Aber sie ist eine brave Frau,“ sagte er sich und war doch nicht beruhigt.

Er ließ den Baron wecken und theilte ihm den Erfolg seiner Sendung mit. Der Baron rieb sich vergnügt die Hände.

„Das ist ja reizend, mein lieber Heimannn. Jetzt mögen die Bauern kommen! Treffen Sie alle Anstalten für die Aufnahme der Husaren – die Appartements für meinen Bruder stehen doch bereit?“

„Zu Befehl, gnädiger Herr!“

Der Baron schlief weiter. Der Rentmeister bestellte den reitenden Boten, kehrte zu der Baronin zurück und empfing von ihr ein versiegeltes Billet ohne Aufschrift.

„Legen Sie es in ein Couvert, das von Ihrer Hand die Adresse meines Schwagers trägt!“

Nach einer Viertelstunde war der Bote mit dem Billet auf dem Wege zu der Hauptstadt der Provinz. Es war Mitternacht vorüber, als er abritt.

Nachdem an dem Tage, welcher dieser Mitternacht folgte, die Mittagstafel im Schlosse beendigt worden war und die Schloßherrschaft eine Stunde später ihre gewöhnliche Nachmittagspromenade antreten wollte, war die Schloßherrin nicht zu finden und es hieß, sie sei in den Park gegangen, wahrscheinlich um mit dem Haushofmeister Bannhart irgend etwas anzuordnen.

Im Parke war sie, und der Herr Bannhart war auch da, aber nur zufällig hatte er sie hier getroffen und zwar nicht sie allein, sie hatte ihn nicht gesehen, und er war nach langem Kampfe mit sich zum Schlosse zurückgekehrt. Das war der Moment gewesen, wo der Baron Adalbert und der Baron Kurt ihm auf dem Rückwege begegnet waren, wo er sie vergebens zurückzuhalten gesucht, sich zum grauen Pavillon zu begeben, denn dorthin hatte die Schloßherrin den Rittmeister geführt.

Die Beiden gingen Arm in Arm, fest umschlungen, in dem stillen weiten Walde, in dem sie sich allein glaubten, in dem sie die Nähe eines Menschen nicht ahnen konnten. Die Herzen, die an einander schlugen, hatten sich geöffnet. Sie hatten sich seit einer Reihe von Jahren nicht gesehen, in keiner unmittelbaren Verbindung mit einander gestanden; nur durch Dritte hatte Eins von dem Andern Nachricht erhalten, auch Grüße, kalte Grüße durch Dritte. Und ihre Herzen schlugen so heiß für einander, und sie konnten es sich nicht sagen. Heute endlich konnten sie es. Aber durften sie es?

„Das Schicksal war grausam gegen uns Beide,“ hatte er gesagt.

„Es ist noch so,“ erwiderte sie.

„Auch heute, Emma?“

„Immer! Es muß so bleiben.“

„Nein, nein, Emma! Du beschiedest mich hierher, und Du liebst mich, wie ich Dich liebe. Wir haben uns wiedergefunden, und nichts kann, nichts soll uns mehr von einander trennen. Keine Macht! Wir gehören nur uns an. Nur uns! Sage auch Du es mir!“

Seine Augen leuchteten in dunkler Gluth, und er umschlang sie mit seinen Armen, preßte sie an sein Herz. Ihre Wangen erglühten – sie zitterte.

„Du gehörst mir, Emma. O, sage es, sage es!“

„Mein Ottokar!“ flüsterte sie leidenschaftlich.

Dann bedeckte Leichenblässe ihr Gesicht; sie zitterte nicht mehr; – sie riß sich von ihm los und stieß ihn zurück. Ein lauter Schrei entfuhr ihren Lippen.

„Ich bin eine ehrliche Frau, ich will es bleiben.“ Ein Strom von Thränen entstürzte ihren Augen.

Einen Moment war der Rittmeister, der kräftige Mann, der tapfere Soldat, wie erstarrt, wie von einem schweren Schlage zerschmettert. Dann raffte er sich auf.

„Emma, verzeihe mir!“

„Nie!“ rief sie. „Nicht Dir, nicht mir!“

„Emma, meine geliebte, theuerste Emma!“

„Ottokar,“ unterbrach sie ihn. Sie war ruhig geworden; ihr Gesicht war noch mit Leichenblässe bedeckt, aber es zeigte Festigkeit und Klarheit, und fest und klar fuhr sie fort: „Wir haben eine schwere Minute hinter uns, wir haben sie überwunden, und sie soll wie eine ewige Scheidewand zwischen uns stehen. Gieb mir Deine Hand darauf!“

Sie hielt ihm ihre Hand hin, und er legte die seinige hinein; er konnte es nur zögernd thun. Sie blickte ihn fest mit klaren Augen an, und er mußte scheu seinen Blick zur Seite wenden. Sie zog ruhig ihre Hand aus der seinigen zurück.

„Gehen wir zum Schlosse!“ sagte sie.

Sie schlugen den Weg dahin ein. Ihr Gesicht blieb leichenblaß, und dunkle Röthe bedeckte das seinige. Sie sprachen kein Wort mit einander. Es war ein seltsamer Anblick, dieses schöne Paar; stumm und kalt gingen sie neben einander her, keinen Blick wechselnd, zweien Menschen gleich, die sich völlig fremd sind. Und die Liebe zu einander brannte in ihren Herzen. Das Roß des Officiers folgte ihnen, from wie ein Lamm, mit klugen Augen, als ob es Alles wisse.


2. Eine Bauernversammlung.

Im Kruge von Waltershausen war fast die gesammte erwachsene männliche Einwohnerschaft des Dorfes versammelt. Die geräumige Gaststube hatte kaum die Hälfte der Zuströmenden aufnehmen können; man hatte sich daher zu der Kegelbahn begeben, die unmittelbar hinter dem Hause lag. Die Bauern Waltershausens gehörten zu den wohlhabendsten der Gegend; denn die Fluren des Dorfes lieferten reiche Erträge an Getreide jeglicher Art, und der vortreffliche Stand der Waldungen sicherte ihnen einen Handel mit Brenn- und Nutzholz, der bis über die Landesgrenzen hinaus eine Berühmtheit erlangt hatte. Die Abgaben der Bauern waren gering. Außer den allgemeinen Staatsabgaben, hatten sie nur an die Gutsherrschaft aus der Waltersburg einen mäßigen Zins und an den Pfarrer geringe Kalenden sowie für seine besonderen Amtshandlungen Gebühren nach dem Belieben eines Jeden zu entrichten. So hatten sie seit Menschengedenken gute Tage gehabt, und sie hatten es dankbar anerkannt, waren zufrieden gewesen, hatten sich nicht überhoben, weder gegen die Gutsherrschaft noch gegen den Pfarrer. Zu Unzufriedenneit gegen diesen wie gegen jene hätten sie auch sonst keine Veranlassung gehabt. Der alte General von Waltershausen war zwar ein rauher Soldat, der manchmal aufbrausen konnte, aber er war auch ein Mann von strengem Rechtssinn und frommen und mildem Gemüth, der keinem Menschen Unrecht thun, keinen bedrücken konnte. Sein Sohn Abalbert hatte bei aller Apathie und Beschränktheit das mildeste Herz von der Welt, was aber den Pfarrer des Dorfes betraf, so war er der Vater der Armen, der Tröster der Unglücklichen, der Stifter und Erhalter des Friedens in der ganzen Gemeinde. „Wir würden für unsern Pfarrer Reif durch’s Feuer gehen,“ sagten die Leute laut, und für seine blasse, unglückliche Tochter hatten sie eine stille Verehrung, wie für eine Heilige, wenn sie auch den Grund ihres Unglücks nicht kannten, vielleicht gerade weil sie ihn nicht kannten.

Die guten Tage, wenigstens die zufriedenen Tage der Bauern in Waltershausen sollten mit einem Male ein Ende nehmen.

Ein revolutionärer Geist hatte das deutsche Volk erfaßt. Jahrhunderte lang hatte es den Druck erduldet, die Fesseln getragen, durch welche die politische Unmündigkeit aufrecht erhalten werden sollte. Jetzt gelangte es zu dem Bewußtsein seiner Mündigkeit, und wälzte den Druck von sich, zersprengte die Fesseln. Wenn ein Strom, lange eingedämmt und in seinem Laufe gewaltsam eingehalten, seine Dämme endlich durchbricht, zersprengt und zerwühlt, so stürzt er unaufhaltsam weiter; seine Fluthen reißen nieder, was ihnen im Wege ist, zerstören Aecker, Wiesen und Weiden, Wälder, Dörfer und Städte. Sie können nicht anders; es muß so sein – es ist ein Naturgesetz.

Der Bauernstand war viele und lange Jahre der gedrückte Stand auch in deutschen Landen und zwar wohl ganz besonders [55] in deutschen Landen. Bauernkrieg, Bauernaufruhr, Bauernunruhen sind vielfache Episoden in der deutschen Geschichte; sie bilden die grausamsten, die zerstörendsten, die traurigsten Phasen dieser Geschichte. Wie konnte es auch anders sein? Hatten doch die reichen Klöster von ihren „eigenbehörigen“ Bauern das lateinische Sprüchwort: „Rustica gens optima flens, pessima ridens“. Wir werden bald eine deutsche Uebersetzung der Worte kennen lernen. Und eine wie unendlich bessere Lage hatte der Klosterbauer gegenüber dem „eigenbehörigen“ Amts- oder Gutsbauer!

Die Bauernunruhen gingen in der Zeit, aus der wir erzählen – sie liegt kaum zwei Generationen hinter uns – wie eine entsetzliche Epidemie durch deutsche Lande; sie verbreiteten sich von Dorf zu Dorf, von Kreis zu Kreis, von Provinz zu Provinz. Sie waren in erster Linie gegen die Gutsherren gerichtet, in zweiter Linie gegen die Pfarrer.

Das Dorf Waltershausen war lange von ihnen verschont geblieben. Da eilte eines Tages durch das Dorf die Nachricht, der Bauernadvocat sei da, sei im Kruge; er bringe eine neue Lehre mit, das Bauernvolk frei, reich und glücklich zu machen. Er wolle die Lehre auch den Bauern in Waltershausen, seinen Landsleuten, verkünden; wer sie hören und frei, reich und glücklich werden wolle, brauche nur zu ihm in den Krug zu kommen. Wer wäre da nicht gekommen?!

Doch! Es gab in dem Dorfe manche, besonders ältere Leute, die an dem Spruche festhielten: „Neue Lehr’, Irrlehr’!“ und die von den neuen Propheten um so weniger etwas wissen wollten, als sie auch einen anderen Satz anerkannten: „Daß der Prophet in seinem Vaterlande nicht gelte.“ Aber die älteren Leute sind überall die wenigeren, und der Verständigen sind noch weniger.

Georg Hausmann, ein früh verlebter, früh verkommener Mensch, mit einem grauen, aufgedunsenen Gesicht, mit frechen, falschblickenden Augen, halb städtisch halb bäuerisch gekleidet, war ein Kind des Dorfes. Schon als Knabe trotzig und aufsässig in der Schule, dann ebenso als Bursch in der Kinderlehre beim Pfarrer, hatte er später noch weniger gut gethan, als Faulenzer und Zecher in den Kneipen herumgelungert, betrogen und gestohlen und der Bestrafung sich endlich durch die Flucht entziehen müssen. Lange hatte man dann nichts von ihm gehört, bis man erfuhr, er habe in der Fremde sein Glück gemacht; er sei Schreiber bei einem Advocaten geworden, dessen rechte Hand er sei. Freilich kamen dann wieder andere Nachrichten über ihn; es hieß, der berühmte Advocat sei ein berüchtigter Rabulist; Georg Hausmann habe ihm bei seinen schlechten Streichen geholfen, dann ihn selbst betrogen und bestohlen, wie seine früheren Herren, diesmal habe er aber seiner Strafe sich nicht entziehen können; er sitze im Zuchthause. Dann hörte man wieder nichts von ihm, bis er plötzlich im Dorfe erschien und den Bauern sich selbst als Advocat vorstellte, der ihnen an Ausführung ihrer Rechte gegen die Bedrückungen der Gutsherrschaft behülflich sein wolle. Die Bauern in Waltershausen wollten nichts von ihm wissen. Er mußte seinen Wanderstab weiter setzen, und man vernahm, daß der Bauernadvocat – so nannte man ihn jetzt – in einer anderen Gemeinde sein Glück gemacht habe. Da brachen die Unruhen im Lande aus. Georg Hausmann erschien wieder im Dorfe und wurde jetzt der Prophet seiner Heimath.

Er war nicht allein gekommen. Ein junger, feiner, bildschöner fremder Herr sei in seiner Begleitung, hieß es. Gesehen hatte Niemand den Begleiter. Allein an demselben Abend, an dem der Bauernadvocat eintraf, war noch spät im Kruge ein Fremder erschienen, der ein Nachtquartier und Nachtessen bestellt, sich sogleich in sein Zimmer verfügt und dieses nicht wieder verlassen hatte. Nur die aufwartende Magd wollte seiner einen Augenblick ansichtig geworden sein; sie versicherte, daß er sehr vornehm, aber auch sehr blaß aussehe.

Zum Kruge hatte Georg Hausmannn die Bauern auf den Tag nach seiner Ankunft eingeladen, er habe ihnen eine Ansprache zu halten, und sie über ihre Menschenrechte zu belehren. Er hatte noch alte Bekannte im Dorfe, die zu seinen Diensten waren. Wo fände ein verkommener Aufwiegler nicht solche verkommene Genossen? So hatte denn mehr als das halbe Dorf im Kruge sich eingefunden; die Neugierde hatte dazu beigetragen; denn Alles wollte zugleich den geheimnißvollen, vornehmen Fremden sehen. Die Meisten waren wohl zugleich mit Mißtrauen erschienen, aber sie waren doch da. Und Georg Hausmann, wenn er sie auch allein, ohne seinen geheimnißvollen Begleiter empfing, hatte sogleich Worte für sie, die sie noch nicht gehört hatten.

„Meine theueren und geehrten Landsleute, der Bauer ist lange ein Sclave gewesen, der Knecht Anderer, der Pflug und der Dreschflegel für Andere, für Blutsauger, die er mästen mußte, während er selbst hungert und darbt. Das muß anders werden. Auch der Bauer soll ein Mensch werden und Menschenrechte haben. Er soll nicht mehr der Diener hochmüthiger Edelleute, habsüchtiger heuchlerischer Pfaffen sein. Fort mit solchem Gezücht! Fort, fort!“

Jedes Wort Hausmnann’s war ein Blitz, der einschlug und zündete, und er hätte sicher damit sein Spiel zu gewinnen vermocht, denn die Menge ist leicht zu verführen, aber er wollte noch ein besonderes Spiel; er wollte ein Schauspiel aufführen.

„Von Eurer Schloßherrschaft hier, von Euren geistlichen Herrn soll Euch ein Anderer sprechen. – Ah, da ist er. Da kommt er gerade zur rechten Zeit – mein hochverehrter Reisegefährte und Freund.“

Ein Fremder war in dem Augenblicke in die Versammlung eingetreten, ein feiner, bildschöner junger Mann, wie man ihn schon geschildert hatte. Sein vornehm geschnittenes Gesicht war bleich und trug das Gepräge tiefer Melancholie. Seine Haltung war eine edle, seine Kleidung eine gewählte. Er war still eingetreten, als ob er nicht bemerkt sein, nicht die geringste Störung verursachen wollte. Als Georg Hausmann auf ihn aufmerksam machte, erröthete er und schlug die Augen nieder, die Blicke aller Anwesenden richteten sich auf ihn. Um so interessanter war seine Erscheinung den Bauern, und ihre Mienen teilten es einander mit. Er ließ sich in einem Winkel nieder.

Georg Hausmann fuhr in seiner Anrede sort: „Mein hochverehrter Freund! Der Freund jedes Armen, Unterdrückten, Mißhandelten, der selbst so viele Mißhandlungen erdulden mußte! Laßt Euch von ihm erzählen! Doch nein! Das Herz würde ihm brechen. Höret von mir seine Schicksale, seine Leiden! Er ist der Sohn eines hohen, angesehenen Beamten. Auch ihn, den studirten Mann, erwartete eine ausgezeichnete Laufbahn im Staatsdienste. Da machte er die Bekanntschaft einer Dame, die jung und schön war, vielen Verstand hatte und ein gutes Herz zeigte, das aber in Wahrheit voll Tücke, Bosheit und Hinterlist war. Sie fing den arglosen jungen Mann in ihren Netzen, heuchelte ihm Liebe, entzündete sein Herz, betörte seinen Verstand, das Alles, damit er ihr zum Deckmantel diene für ein lasterhaftes Leben, das sie mit einem andern Manne führte. Ihr, meine verehrten Landsleute, kennet die Dame, kennet den Mann. Ich nenne sie Euch hier nicht öffentlich; Zorn und Wuth, die ich nicht in Euch heraufbeschwören will, würden Euch ergreifen. Aber mein Freund – nein, auch er soll sie Euch nicht nennen, es wäre seiner unwürdig, als Denunciant vor Euch aufzutreten. Und doch müssen Euch Beweise erbracht werden. Erwählt daher aus Eurer Mitte zwei Männer, die ältesten und verständigsten, zu denen Ihr das meiste Zutrauen habt! Sendet sie zu mir, und sie sollen die Namen von mir erfahren, Namen, über die sie, über die Alle erschrecken werden, welche sie hören. Das aber nachher. Jetzt berathen wir zunächst über Euch, über Eure Lage, über den Druck, unter dem Ihr gehalten werdet, und über die Mittel, Euch ein anderes Leben zu verschaffen, Euch die Freiheit, ein würdiges Dasein wieder zu geben. Zwei Feinde hat der Bauer, den Gutsherrn,dem sein Leib eigen ist, und den geistlichen Herrn, der ihm die Seele unterjocht, vergiftet. Wißt Ihr, wie sie über den Bauer denken? Sie haben ein Sprüchwort, welches heißt: ‚Wenn der Bauer lacht, er seinen Herrn veracht’; wenn er weint, ist er unser Freund.‘ Wenn Euch wohl zu Muthe ist, wenn Ihr Freude in und am Leben habt, dann sieht der Edelmann und der Pfaff Euch als seine Feinde an, wenn es Euch aber schlecht geht, wenn Ihr ihnen zinsen und schaarwerken und selbst mit Weib und Kindern darben und hungern müßt, dann seid Ihr ihre lieben Freunde. Soll das ferner so bleiben? Wollt Ihr das noch immer geduldig auf Euch nehmen, wie Ihr es schon so lange gethan habt? Es hängt nun von Euch ab, freie Menschen zu werden. Es ist so leicht. Ihr habt nur zu thun, wie es Hunderte, wie es Tausende von Gemeinden im deutschen Vaterlande schon gethan haben. Ziehet auf das Schloß zu Eurem Gutsherrn, leget ihm eine Urkunde zum Unterschreiben [56] vor, worin er feierlich, für alle Zeiten, für sich und seine Nachkommen, verspricht, daß Ihr freie Leute sein sollt, keine Abgaben mehr an ihn zu entrichten und ihm keine Dienste mehr zu leisten habt! Und will er nicht unterschreiben, nun, so greift zu Eurer letzten Kraft!“

„Und unsere letzte Kraft ist?“ fragten die Bauern, die mit offenem Munde und leuchtenden Augen zugehört hatten.

„Wißt Ihr, was der rothe Hahn ist?“

Die Bauern wußten es und sahen sich doch unter einander erschrocken an. Der Bauernadvocat aber fuhr ruhig fort:

„Und was Euren Geistlichen betrifft, so habt Ihr mit dem noch kürzeren Proceß zu machen. Euer Gutsherr hat ihn eingesetzt, als der Patron der Pfarre. Ist der Edelmann Euer Gutsherr nicht mehr, so ist er auch nicht mehr der Patron der Pfarre. Die Gemeinde, Ihr Bauern selbst, seid der Patron, und also ist der Pfarrer hier kein Pfarrer mehr. Ihr schickt ihn einfach fort und setzet einen neuen ein. Das ist Euer Recht, ein Recht, das schon hundert Gemeinden ebenfalls ausgeübt haben. Und auch Ihr müßt es ausüben, schon um zu zeigen, daß Ihr den Muth habt, für Euer Recht einzustehen. Der Feige hat kein Recht. Jetzt habe ich Euch gesagt, was ich Euch zu sagen hatte. Daß ich es gut mit Euch meine, daran werdet Ihr nicht zweifeln können. Was Ihr beschließen und thun werdet, ist Eure Sache. Berathet Euch darüber als freie Männer – und jetzt verlasse ich Euch mit meinem Freunde. Niemand darf sagen, daß wir auf Euren Entschluß eingewirkt hätten. Der Ruhm muß der Eure bleiben, wenn Ihr keinen Muth habt, freilich auch – die Schande. Vergeßt nicht, die beiden Vertrauten zu mir zu senden! Sie finden mich in meiner Wohnung, die Ihr kennt.“

Hiermit endete der Bauernadvocat seine Ansprache und verließ die Versammlung mit seinem Freunde. Er hatte bei einem alten Ohm im Dorfe Quartier genommen. Dorthin gingen er und sein Freund.

Die Bauern sandten ihm die beiden Vertrauten nach, und er machte diesen seine geheime Mittheilung, welche die Männer mit Schrecken entgegen nahmen. Das hatte sich begeben am Abend vor dem Tage, von dem wir einzelne Scenen aus dem Schloßleben der Waltersburg mittheilten und an dem Rittmeister Ottokar von Waltershausen auf dem Sitze seiner Ahnen eintraf.

Au diesem Tage ereignete sich dann auf dem Schlosse und im Dorfe Weiteres. Schon in der Nacht war im Dorfe Manches vorgefallen, aber es war im eigentlichen Sinne des Wortes hinter den Gardinen geblieben. Die Bauern waren am Abend mit der Ueberzeugung nach Hause gekommen, daß der Bauernadvocat ein guter Advocat sei und in Allem Recht habe; sie waren daher auch entschlossen, am andern Tage in Allem ihm zu folgen, dem Gutsherrn, wenn er ihnen nicht nachgebe, den rothen Hahn auf das Dach zu setzen, den Pfarrer aber mit den Seinigen, besonders mit der schlechten, falschen Tochter, ohne weitere Umstände die Thür zu weisen. Aber sie mußten am Abend nach Hause, und da kamen über Nacht andere Gedanken über sie; die Entschlüsse der Menschen sind veränderlich. Veränderlich freilich wie das Wetter, das an einem Tage drei- bis viermal umschlagen kann. Das wußte auch der Bauernnadvocat Georg Hausmann, und er war gefaßt darauf, daß am andern Morgen Niemand zu ihm in den Krug kommen werde. Kommt der Berg nicht zu Mohammed, so kommt Mohammed zu dem Berge, dachte auch er als guter Prophet und suchte seine Bauern auf, die er kannte. Er fragte sie, ob sie alte Weiber und ihre Weiber die Männer seien, erinnerte sie an die gute alte Bauernregel, daß Buchweizensaat und Weiberrath alle sieben Jahre nur einmal gedeihen, und ehe im Dorfe die Mittagsglocke läutete, hatten die Bauern in einer neuen Versammlung in der Kegelbahn des Kruges sich feierlich wieder zu den Entschlüssen des vorigen Abends bekannt, die Ausführung auf den Abend festgesetzt und den Abvocaten beauftragt, den Pfarrer zur gutwilligen Räumung der Pfarre aufzufordern, den Ueberfall des Schlosses aber heimlich vorzubereiten. Der Pfarrer konnte keinen Widerstand leisten; im Schlosse sollte man sich zu einem Widerstande nicht vorbereiten können.

Als die Mittagsstunde vorüber war, begab Georg Hausmann sich zur Pfarre, in Begleitung seines hochverehrten Reisegefährten und Freundes. Als die Beiden in der Pfarre ankamen, war die Pfarrersfamilie soeben von dem Mittagstische aufgestanden.

„Sie haben die Henkersmahlzeit gehalten,“ sagte lachend der Bauernadvocat zu seinem Begleiter.

Emil Brunn – denn dies war sein Name – erwiderte nichts darauf, wie er überhaupt eine ernste, stille und schweigsame Natur war oder spielte.

Der Pfarrer Reif war Wittwer. Er lebte in der Pfarre mit seinen vier Kindern, seiner ältesten Tochter Regina, zwei Knaben von vierzehn und zehn Jahren und einem Mädchen von drei Jahren. Die Geburt dieses jüngsten Kindes hatte der Mutter den Tod gebracht. Bald nachher war Regina zur Führung der väterlichen Wirtschaft aus der Hauptstadt zurückgekehrt, wo sie beim Tode der Mutter noch ihrer weiteren Ausbildung obgelegen. Die drei anderen Kinder unterrichtete der Pfarrer selbst, den ältesten Knaben, Johannes, der mit Gottes Hülfe dereinst sein Nachfolger werden sollte, auch im Lateinischen und Griechischen.

Der Pfarrer zog sich nach Beendigung des Mittagsmahles in seine Studirstube zurück. Die drei jüngeren Kinder waren in der Wohnstube geblieben, während Regine, nach dem Abtragen des Tisches durch die alte Magd Lisbeth, mit einem Buche sich in den Garten hinter dem Hause begeben hatte. Es war so die Gewohnheit des Hauses, und es mußte eine alte Gewohnheit sein. Auch Georg Hausmann kannte sie, theilte sie seinem Freunde mit und setzte hinzu:

„Ich gehe jetzt zu dem Pfarrer hinauf, suche Du Deine Schöne im Garten auf! Wahrscheinlich findest Du sie in der reizenden, verschwiegenen Laube von Jasmin.“

Sie trennten sich.

Emil Brunn schritt durch ein unverschlossenes Pförtchen in den Pfarrgarten, in welchem die Stille der Mittagszeit herrschte. Niemand war darin zu sehen. Aber die Jasminlaube war da, von der Georg Hausmann gesprochen hatte und zu ihr nahm er seinen Weg. Er ging langsam, ohne Geräusch, wie es seiner wahren oder angenommenen Natur angemessen war. Jemand, der in der Laube in ein Buch oder in seine Gedanken verlieft war, konnte sein Nahen nicht wahrnehmen. Er trat in die Laube – eine junge Dame saß darin. Bei seinem Eintreten blickte sie auf. Ihr Gesicht wurde weiß wie frischgefallener Schnee und sie schrie laut auf:

„Unglücklicher! Elender!“

Sie wollte aufspringen und die Laube verlassen. Er hielt sie.

„Nicht von der Stelle!“

Sie sank gehorsam auf die Bank zurück, von der sie aufspringen wollte.

Regine, die älteste Tochter des Pfarrers in Waltershausen, war eine schöne junge Dame. Sie mochte ein- oder zweiundzwanzig Jahre zählen. Auch Emil Brunn war ein schöner junger Mann und in diesem Augenblicke schöner als sie. Sein vornehmes Gesicht war zwar bleich, aber es trug nicht jene Kreidefarbe, und es war nicht durchfurcht von Schreck und Angst wie das seines Gegenüber; es wohnte eine stille Melancholie darin. Neben der Bank stand ein Gartenstuhl, den der junge Mann nahm, er setzte sich Reginen gegenüber. Dann sah er lange schweigend in ihr Gesicht, in ihre Augen, die sie nicht aufzuschlagen wagte.

„Mein Fräulein,“ sprach er darauf, „wir sahen uns zuletzt unter anderen Umständen, in einer anderen Lage, als heute.“

Sie blickte nicht auf, sie hatte keine Antwort.

„Die Erinnerung daran,“ fuhr er fort, „wird Ihnen keine angenehme sein, ich muß mir dennoch die Erlaubniß nehmen, sie in Ihrem Gedächtnisse aufzufrischen. Nicht zu einer Genugthuung, die für mich eine berechtigte wäre, aber um Sie auf eine Katastrophe vorzubereiten, die unvermeidlich ist, und um Ihnen zugleich die Ueberzeugung Ihrer Mitschuld, vielleicht gar Ihrer ausschließlichen Schuld an dieser Katastrophe zu verschaffen. Hierin könnte nun freilich auch eine Genugthuung für mich zu finden sein. Indessen Sie werden sie mir ja nicht mißgönnen.“

Er sprach mit einer so entsetzlichen Kälte und Ruhe, daß man sie eine teuflische hätte nennen können, wenn das bleiche Leidensgesicht nicht einen solchen Gedanken hätte zurückweisen müssen. Die junge Dame wand sich unter der Wucht seiner Worte, als ob sie sich unter den Krallen eines Ungethüms fühle.

Der junge Mann sprach weiter, kalt und ruhig wie vorher:

[57] „Lassen Sie mich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen! Sie ist noch nicht alt; erst wenige Jahre sind verflossen, seit sie sich zutrug; die Wunden, die sie schlug, sind noch nicht vernarbt, werden nie vernarben. Der Sohn einer der angesehensten Beamtenfamilien der Provinz, der einzige Sohn, die Hoffnung einer Wittwe, hielt sich in der Hauptstadt der Provinz auf, um nach Beendigung seiner Studien für seine weitere Carriere bei einer höheren Behörde sich vorzubereiten und gleichzeitig seiner Militärpflicht als Einjährig-Freiwilliger nachzukommen. Er war bei dem in der Stadt garnisonirenden Husarenregiment eingetreten, und seine Familienverhältnisse, seine Stellung verschafften ihm Aufnahme in den ersten Häusern der Stadt. Seine persönlichen Eigenschaften mochten wohl dazu beitragen, wenn diese Aufnahme eine freundliche und zuvorkommende war. In einem dieser Häuser traf er mit einer liebenswürdigen jungen Dame voll Geist und Anmuth zusammen, die sich zu ihrer Ausbildung in der Stadt aufhielt. Ihre Mutter war eine Jugendfreundin der Hausfrau. Die junge Dame verstand auch ein edles, treues, für alles Schöne und Gute warm schlagendes Herz zu zeigen, aber sie war eine herzlose Heuchlerin und Intrigantin. In dem Hause verkehrte die beste Gesellschaft, unter dieser befand sich der Freiherr Ottokar Stein von Waltershausen, Officier in dem Husarenregimente, unmittelbarer Vorgesetzter des einjährig-freiwilligen Husaren. Der Freiherr war ein schöner Mann, ein nobler Mann, aber er war unglücklich – den Grund seines Unglücks kannte Niemand, mit Ausnahme der jungen Dame, die seine Landsmännin war. So fand sie doppelt leichte Gelegenheit, sich dem jungen Officier zu nähern, sich ihm interessant zu machen, dann die Vertraute seiner Leidenschaft und zuletzt die Nebenbuhlerin seiner Liebe zu werden. Aber sie hatte auch eine heftige Leidenschaft in dem Herzen des jungen Freiwilligen zu entzünden gewußt. Dem gewagten Spiel, das sie spielte, war sie doch nicht ganz gewachsen; sie verlor es. Geliebt hatte sie nicht den Einen, nicht den Andern; denn Gefallsucht, Eitelkeit, Ränkesucht sind keine Liebe, lassen in dem verdorbenen Herzen keine Liebe zu. Der Officier hatte Briefe aus der Heimath erhalten. Ein alter Verwalter oder sonstiger Beamter der Waltersburg hatte Geschäfte in der Stadt, nahm die Gelegenheit wahr, den Bruder seiner Gutsherrschaft zu sehen, hatte dabei Allerlei aus dem Schlosse erzählt, und – von diesem Tage an erschien der Officier seltener in dem Hause, in dem die junge Dame sich befand, wurde gegen diese kälter, zog sich von ihr zurück. Das Haus ganz zu meiden, erlaubte ihm seine Stellung nicht. Sein Benehmen reizte die Dame, verletzte ihre Eitelkeit, forderte ihren Trotz heraus; sie legte endlich ihr Herz zu seinen Füßen. Sie liebte ihn mit jener Gluth des Wahnsinns, deren nur die verschnmähte Liebe eines weiblichen Herzens fähig ist. Und der junge Freiwillige? Er sah diese Liebe; er mußte sie sehen. Er sah sich betrogen, und auch er wurde vom Wahnsinne ergriffen – von dem der Eifersucht. Sein Wahnsinn forderte ein Opfer, wandte sich gegen den vermeintlichen Nebenbuhler. Er suchte diesen auf, mißhandelte ihn, und das war ein schweres Verbrechen gegen die militärische Subordination. Der Verbrecher wurde zum Tode verurtheilt. Auf Verwendung seiner Familie und in Anbetracht seiner Jugend wurde die Todesstrafe in lebenslängliche Festungsgefangenschaft verwandelt. Eine Amnestie, die in dieser sonderbaren ernsten Zeit der Revolutionen erlassen wurde, gab ihm die Freiheit zurück, aber nicht seine vernichtete Existenz. Meine kleine Geschichte ist zu Ende,“ schloß Emil Brunn.

Textdaten
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Autor: J. D. H. Temme
Titel: Auf Waltersburg
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 4, S. 72–74
Fortsetzungsroman – Teil 3


[72] „Noch bin ich mit meiner kleinen Erzählung nicht ganz zu Ende,“ fuhr Emil Brunn nach wenigen Augenblicken fort. „Ich erfuhr erst später, was der alte Bekannte von Schloß Waltersburg dem Officier erzählt hatte. Der Freiherr Ottokar von Waltershausen stand in einem Liebesverhältnis mit seiner schönen Schwägerin. Die junge Dame, deren Geschichte ich erzählt, hatte einen Triumph ihrer Eitelkeit darin gesucht, die schöne Schwägerin, die vornehme Schloßfrau, bei dem Freiherrn, wie man zu sagen pflegt, auszustechen. Es war ein ordinärer Weg, den die schöne Pfarrerstochter eingeschlagen, mein Fräulein,“ schloß der junge Mann dann wirklich, „ich habe mich auch einmal zu einem solchen Wege hinreißen lassen. Ich mußte doch meine Rache oder vielmehr Sie mußten Ihre Strafe haben. Das Schwerste, das Härteste einer Strafe pflegt zu sein, daß sie mit dem Schuldigen auch Unschuldige trifft. Kehren Sie zu Ihrem Vater zurück! Sie werden von ihm das Nähere erfahren. Und damit leben Sie wohl!“

Er verließ die Laube. Draußen an der Hecke des Gartens erwartete ihn sein Freund und Genosse, Georg Hausmann. Der Bauernadvocat hatte sein Geschäft mit dem Pfarrer schneller beendigt, als sein hochverehrter Freund das seinige mit der Pfarrerstochter. Die beiden Freunde entfernten sich. Regine Reif war lange nicht im Stande, sich von der Bank der Laube zu erheben, aber als sie einen Schritt vernahm, raffte sie sich doch mit angestrengter Kraft auf. Sie sah ihren Vater im Garten langsam auf- und abgehen.

Der Pfarrer Reif war ein stattlicher Mann in der Mitte der fünfziger Jahre. Sein ganzes Wesen zeigte Muth und Kraft, aber in diesem Augenblicke lastete ein schwerer Druck auf ihm; er ging gebeugt, und die Züge seines Gesichts waren voll Kummer.

„Vater –“ sagte Regine sich erhebend und ihm entgegentretend. Thränen erstickten ihre Stimme. Er wollte sich voll Unmuth von ihr abwenden, aber er vermochte es nicht, war sie doch sein Kind. Sie ergriff seine Hand.

„Vater, kannst Du mir verzeihen? Was der Mensch, der bei Dir war, Dir, uns Allen angedroht hat – ich allein habe es verschuldet. Ich kenne den Inhalt seiner Drohung nicht. Theile ihn mir mit, damit ich mit Dir trage, was getragen werden muß!“

Der Pfarrer schaute noch finster vor sich nieder.

„Wohlan!“ sagte er endlich.

Georg Hausmann, der Bauernadvocat, hatte nur eine kurze Unterredung mit dem Pfarrer gehabt.

„Herr Pfarrer,“ hatte er begonnen, „ich bin hier als Abgesandter der Gemeinde, um Ihnen den Beschluß zu verkünden, den sie gefaßt hat. Der Tag der Freiheit ist für die Völker angebrochen. Der Unterschied zwischen Hammer und Amboß soll und muß aufhören. Auch der Bauer soll nicht mehr der Leibeigene des Edelmanns sein, die Gemeinde nicht mehr die willenlose Heerde des Geistlichen. Zwischen der Schloßherrschaft und uns haben wir jedes Band zerrissen. Von dem Pfarrer wollen wir uns nicht sofort lossagen, denn die Abfindung mit der Kirche läßt sich nicht so schnell bewerkstelligen. Sie sollen noch bei uns bleiben, Herr Pfarrer. Aber nicht als unser geistlicher Herr. Unser Pfarrer soll nur der Diener an der Kirche sein, die uns, der Gemeinde, gehört. So haben wir Sie heute gewählt und in Ihrer Stellung bestätigt. Und ich bin an Sie abgesandt, Ihnen das zu verkünden und Sie zu fragen, ob Sie die Wahl annehmen wollen.“

Georg Hausmann schwieg oder machte eine Pause, die Erwiderung des Pfarrers abzuwarten. Dieser hatte ihn mit Ruhe angehört.

„Seid Ihr zu Ende, Georg Hausmann?“ fragte er jetzt ebenso ruhig.

„Ich bin zu Ende.“

„Haben Eure Bauern Euch keinen Auftrag für den Fall gegeben, daß ich ihre Forderungen zurückweise?“

„Ja, Herr Pfarrer.“

„Und er lautet?“

„Er lautet dahin, daß Sie durch die Zurückweisung selbst Ihre Entlassung nehmen und daß Sie noch heute die Pfarre zu verlassen hätten.“

Der würdige Pfarrer bedurfte keines Augenblicks des Nachsinnens über die Antwort auf diese Drohung.

„Georg Hausmann, kehrt zu Euern Bauern zurück und sagt ihnen Folgendes: Auf ihre Forderungen einzugehen, verbietet mir mein Amt und mein Gewissen. Mein Amt ist mir aufgetragen von der gesetzlichen, verfassungsmäßigen Obrigkeit des Landes; nur diese kann es nach Recht und Verfassung mir wieder nehmen. So lange das nicht geschehen ist, fordert mein Gewissen von mir, es treu zu verwalten nach den Pflichten, die es mir auferlegt und die ich beschworen habe.“

Und ruhig, wie der Pfarrer gesprochen hatte, erwiderte der Bauernadvocat:

„Ist das Ihr letztes Wort, Herr Pfarrer? Besinnen Sie sich wohl, ehe Sie antworten! Der Beschluß der Gemeinde ist unabänderlich.“

„Ihr habt mein letztes Wort gehört, Georg Hausmann.“

„Besinnen Sie sich noch einmal, Herr Pfarrer! Sie haben treue Freunde in der Gemeinde, die Sie nicht missen möchten. Sie haben aber diese Freunde verloren, wenn Sie bei Ihrem Entschlusse bleiben.“

„Ich bleibe bei ihm.“

Die Ruhe verließ den Bauernadvocaten nicht, denn er war ein geriebener Mensch. Aber der Trotz und die Frechheit seiner gemeinen Natur waren mindestens so groß wie seine unerschütterliche Ruhe.

„Herr Pfarrer, so weichen Sie von hier! Mit dem Untergange der Sonne müssen Sie die Pfarre und das Dorf mit Ihren Kindern und Ihrem Eigenthum verlassen haben. Aber Sie dürfen nur Ihr persönlich erworbenes Eigenthum mit sich nehmen, kein Stück, das zur Pfarre gehört. Wir werden Ihren Abzug überwachen. Und sollte der letzte Strahl der Sonne Sie noch hier antreffen, so, Herr Pfarrer, müßten Sie mit Gewalt aus der Pfarre entfernt werden. Die Macht ist jetzt auf unserer Seite.“

Der Pfarrer wandte ihm schweigend den Rücken.

„Nun?“ fragte ihn Georg Hausmann trotziger.

Auch diesmal keine Antwort.

„Auf Wiedersehen also!“ rief der Bauernadvocat. „Und, Herr Pfarrer, wenn Sie ein glückliches Paar sehen wollen, gehen Sie in Ihren Garten! In der Laube von Jasmin werden Sie Ihre schöne Tochter mit dem Herrn Emil Brunn finden.“

Hausmann entfernte sich mit einem höhnischen Lachen.

Seine letzten Worte waren ein Donnerschlag für den Pfarrer. Er mußte unter Aufbietung seiner ganzen Willenskraft sich sammeln. Dann begab er sich in den Garten, seine Tochter aufzusuchen. Mit widerstreitenden Gefühlen war er ihr entgegengetreten. Sie hatte Schmach gehäuft auf ihr eigenes, auf sein Haupt und das Gemüth der Mutter mit dem bittersten Schmerze erfüllt, mit einem Schmerze, welcher dieser den Todesstoß gegeben. Sie hatte, verstoßen von der Familie, deren Gastfreundschaft sie so schnöde mißbraucht, die Stadt verlassen und in das elterliche Haus zurückkehren müssen, beladen mit Schuld und Schmach. Die [73] Mutter verzieh ihr in ihrer Sterbestunde, das Herz des Vaters aber vermochte sich erst nach längerer Zeit ihr wieder zu öffnen. Als er ihre aufrichtige Reue sah, als er länger als ein Jahr erfahren und erprobt hatte, mit welcher Liebe und Hingebung sie ihren jüngeren Geschwistern die Mutter zu ersetzen suchte und zu ersetzen verstand, als Alles an ihr ihm die Ueberzeugung gewährte, daß eine völlige Umkehr sich in ihr vollzogen habe, da erst löste ihr stilles Leiden die Kruste, die sich um sein Herz gelagert hatte; die Liebe des Vaters umfing sie wieder – er verzieh ihr. Sie war wieder sein geliebtes Kind geworden.

„Wohlan,“ sagte der Vater, als seine Tochter bittend seine Hand ergriffen hatte. Er theilte ihr mit, was der Bauernadvocat ihm eröffnet hatte.

Als sie ihm auch den Inhalt ihrer Unterredung mit Emil Brunn mittheilen wollte, sagte er ruhig:

„Laß’ das! Die Ausdrücke, gar die Drohungen seiner unedlen Leidenschaften will ich nicht hören. Beschäftigen wir uns lieber mit dem, was wir zu thun haben! Ueberlegen wir ruhig! Wir stehen einer rohen, leidenschaftlichen Gewalt gegenüber, ohne irgend ein Mittel des Widerstandes, der Vertheidigung. Unterwerfen wir uns also der eisernen Nothwendigkeit! Ein Unterkommen werden wir bei meinem Bruder in der Kreisstadt für heute Nacht finden, aber wir werden es nur für kurze Zeit bedürfen, denn es ist eine vorübergehende Krankheit, die das Volk ergriffen hat, ein Rausch, der schnell verfliegen wird, wie er schnell entstanden ist. Treffen wir unsere Anstalten! Der letzte Strahl der Abendsonne darf uns hier nicht mehr finden.“

Vater und Tochter kehrten zu den jüngeren Kindern zurück, und ihre Ruhe theilte sich auch diesen mit; ohne Klage und Murren machten Alle ihre Vorbereitungen zum Auszuge aus der Pfarre.


3. Ein Ueberfall der Bauern.

Der Rittmeister Ottokar von Waltershausen und seine Schwägerin Emma hatten durch den Park den Weg zum Schlosse eingeschlagen. Sie gingen, wie gesagt, stumm und kalt neben einander, wie zwei fremde Menschen. Nur einen Augenblick hatte das Herz der Frau, die so arm an Glück, so leer an Freude war, sich schwach erwiesen, aber dieser Augenblick der Schwäche lastete wie eine schwere Schuld auf ihr. Glühende Röthe und Leichenblässe wechselten in ihrem Gesichte, als sie dem Gatten und dem Schwager begegnete.

Die Ueberraschung der beiden Brüder war so groß wie ihre Freude.

„Ah,“ jubelte laut, wie ein glückliches Kind, der Baron Kurt, „da bist Du ja, meine gnädige Schwägerin. Und unter dem Schutze unseres tapferen Ottokar. Auch Du –“

Er wollte den Bruder begrüßen, aber er trat bescheiden zurück, denn der erste Gruß gehörte dem Schloßherrn, dann erst kam die Reihe an den apanagirten jüngeren Bruder.

Und der Baron Adalbert trat vor, ernst und gemessen, wie es dem Stammherrn geziemt, und ruhig, wie er immer war.

„Willkommen, lieber Bruder Ottokar! Doppelt willkommen, da Du so treu zu unserer Hülfe herbeigeeilt bist! Wir sahen uns lange nicht. Du siehst gesund aus.“

Er küßte den Bruder auf beide Wangen.

„Ja, ja, lieber Ottokar,“ sagte dann Baron Kurt, „nun Du hier bist, haben wir nichts mehr zu fürchten. Mögen die Bauern nur kommen! Wir werden sie zu Paaren treiben! Ah, wo hast Du denn Deine Husaren? Und wie bist Du mit unserer theuren Schwägerin zusammengetroffen? Erkläre mir diese Räthsel!“

Sie waren Beide verlegen geworden, die Baronin wie der Rittmeister. Emma’s Gesicht übergoß sich wieder mit glühender Röthe. Ottokar suchte nach einer Antwort.

„In der That – durch welches glückliche Ungefähr fandet Ihr Euch?“ fragte jetzt auch der Baron Adalbert.

Der Rittmeister mußte antworten. Konnte er die Wahrheit sagen? Durfte er eine Lüge vorbringen?

„Es war wohl nicht ganz ein Ungefähr, mein Bruder,“ sagte er. Dann stockte er.

Da trat rasch und entschieden die Baronin vor.

„Mein lieber Adalbert, ich hatte Gründe meinen Schwager vorher allein zu sehen; ich theile sie Dir nachher mit! Gehen wir jetzt zum Schlosse! Ottokar bedarf der Ruhe, und wir Alle müssen uns sammeln, um zu überlegen, was am Abend zu thun.“

„Du hast immer den besten Rath, meine liebe Emma,“ sagte der Baron, indem sie zum Schlosse zurückgingen.

Kaum waren sie dort angelangt, als die Nachricht eintraf, die Bauern im Dorfe hätten früher, als man erwartet, sich bewaffnet und zusammengerottet und seien im Anzuge gegen das Schloß. Sie hätten Kunde davon erhalten, daß Husaren zum Schutze des Schlosses im Anmarsch seien, daß ein Officier ihnen durch den Park vorausgeritten sei, um ihre Ankunft zu melden und die schleunigsten Vorbereitungen zur Vertheidigung einzuleiten. Da hätten auch die Bauern sich beeilt, um vor den Soldaten im Besitze des Schlosses zu sein. Dem Rittmeister wurde die Nachricht Veranlassung zu einem um so schleunigeren und energischeren Handeln.

„Bruder Adalbert, erlaubst Du mir, hier alle Anordnungen zu treffen, die zur Vertheidigung des Schlosses erforderlich sind?“

„Lieber Ottokar, Dein militärisches Commando macht Dich zum Herrn des Schlosses. Wir Anderen alle, auch ich, müssen uns Dir unterwerfen. Befiehl!“

Der Rittmeister traf seine Anordnungen nach allen Seiten. Diener des Schlosses mußten sich auf die Pferde werfen, den Husaren entgegen zu sprengen und sie auf dem nächsten Wege durch den Park zum Schlosse zu führen. Andere Diener wurden ausgesandt, um auszukundschaften, von welcher Seite, in welchen Trupps und wie bewaffnet die Bauern anrückten. Noch Andere verschlossen überall das starke eiserne Gitter, von dem die Schloßgebäude, wie wir früher erwähnt, umgeben waren. Wieder Andere hatten die Thore und Thüren des Schlosses und seiner Nebengebäude zu verschließen, zu verbarrikadiren und die Fenster mit Läden zu versehen.

Die Befehle des Rittmeisters wurden mit Umsicht ertheilt, mit Pünktlichkeit vollzogen. Die Kundschafter waren noch nicht zurückgekehrt, die Husaren noch nicht angekündigt, von den Bauern hatte man nichts wieder vernommen, als der Rittmeister, der überall die Befestigung überwachte, die Erklärung abgeben konnte, gegen den ersten Anprall sei man geschützt, bevor sie einen zweiten versuchen möchten, seien seine Husaren da. Man erwartete mit Spannung das Weitere. Jedermann war auf seinem Posten. Die Schloßherrschaft hatte sich in dem Familienzimmer versammelt. Der Rittmeister ging im Zimmer auf und ab, horchte nach allen Seiten, blieb bei jedem Geräusche stehen, mied die Blicke des älteren Bruders und seiner Schwägerin, wich selbst denen des jüngsten Bruders aus. Und gerade auf ihn, den Helfer, den Retter, waren die Augen der Anderen gerichtet. Freilich nicht die der Baronin. Ihre Blicke suchten Niemanden auf. Sie hatte einen Lehnstuhl in einem Winkel des Zimmers eingenommen; dort saß sie, den Kopf in die Hand gestützt, vor sich niederblickend, mit ihren Gedanken beschäftigt. Nur zuweilen schaute sie plötzlich auf, sie war unruhig geworden, ihre Augen suchten den Gatten, sie wollte sich erheben, sich zu ihm begeben. Sollte sie ihm den bittersten Kelch seines Lebens reichen? Hatte sie dem Gatten nicht versprochen, sie wolle kein Geheimniß vor ihm haben? Der Baron Adalbert saß, in jener glücklichen Ruhe da, die keine Gefahr kennt, mußten doch die Husaren jeden Augenblick eintreffen. Der Baron Kurt endlich! Seine Gedanken reichten gerade so weit wie seine Augen; er sah die Unruhe des Rittmeisters, die innere Aufregung seiner Schwägerin, die absolute Ruhe des Schloßherrn. Seine Neugierde erwachte. Was haben jene Beiden denn? Aber er konnte es nicht errathen, fragen durfte er in der augenblicklichen Lage nicht. „Ich werde es ja später erfahren.“

Tiefe Stille herrschte im Zimmer, im Schlosse, in der ganzen Umgebung. Im Zimmer vernahm man nur das leise Klirren der Sporen des langsam aus- und abschreitenden Rittmeisters; kein anderes Geräusch wurde im Innern laut, drang von außen herein. Auf einmal aber wurde es lebendig auf dem Schloßhofe. Der Rittmeister stand schon an einem der Fenster des nach dem Hofe und zu ebener Erde gelegenen Zimmers und schaute hinaus.

„Bannhart kommt, bringt Nachrichten.“

Die beiden Barone waren aufgesprungen, während die [74] Baronin in ihrem Lehnstuhle blieb. Es war, als beruhige die äußere Gefahr, die Unruhe der Anderen ihr Inneres.

Der Haushofmeister, Lieutenant Bannhart, erschien im Zimmer. Das graue knorrige Gesicht des alten Husarenwachtmeisters verkündete nichts.

„Was bringst Du, Bannhart?“ rief ihm der Baron entgegen.

„Die Husaren, Bannhart?“ fragte Baron Kurt, der ihm entgegen gesprungen war. Aber der alte Bannhart antwortete weder dem Einen, noch dem Andern. Er war wieder Soldat, nur Soldat. Als solcher hatte er nur dem Rittmeister zu rapportiren, der das Obercommando im Schlosse führte.

„Herr Rittmeister,“ sagte er, „die Bauern sind im Anzuge.“

„Und die Husaren?“ rief der Baron Kurt.

Der Lieutenant ließ sich in seinem Rapport nicht unterbrechen.

„Herr Rittmeister, die Bauern rücken in drei Haufen heran. Einer auf das große Schloßthor zu; der zweite durch den Park, der dritte vom Walde her auf die Hintergebäude des Schlosses los.“

„Von wem hast Du die Meldungen?“ fragte der Rittmeister, der, wie sein Bruder, aus alter Gewohnheit den Lieutenant duzte.

„Von den Posten, die ich aufstellte. Sie machten mir gleichzeitig die Meldung; die Bauern waren pünktlich zu der gleichen Zeit am Schlosse eingetroffen.“

„Sie scheinen gut disciplinirt zu sein,“ bemerkte der Rittmeister.

„Ja wohl, Herr Rittmeister,“ sagte der alte Bannhart. „Daß jetzt jeder Mensch Soldat werden muß, hat seine guten, aber auch seine schlimmen Seiten. Ich habe es immer vorausgesagt, wenn das Gesindel disciplinirt wird –“

„Lassen wir das jetzt, Bannhart!“

„Zu Befehl, Herr Rittmeister!“

„Wie sind die Leute bewaffnet?“

„Auch das ist eine schlimme Sache, Herr Rittmeister! Da haben unsere Bauern von den Polen Anno Einunddreißig gelernt. Sie sind mit Sensen und Mistgabeln versehen; manche haben gar noch die Landsturmpiken von Anno Dreizehn; die großen Bauern tragen Jagdflinten, manche Büchsen, und drei Böller, in die sie Steine laden können, haben sie noch von den hohen Geburtstagen her. Endlich, Herr Rittmeister, führen sie auf Karren, wie auf Laffetten, große und schwere Hebebäume zum Aufsprengen von Thoren und Thüren mit sich.“

„Hm, Bannhart, wie viele sind dieser bewaffneten Bauern?“

„Jeder Haufen soll seine sechszig bis siebenzig Mann zählen.“

„Sind sie schon am Schlosse?“

„Sie waren noch etwa hundert Schritte entfernt, als meine Kundschafter zu mir eilten.“

„Und man hört noch nichts von ihnen?“

„Die Disciplin wieder, Herr Rittmeister. Sie waren von einander getrennt und werden wohl Zeichen zum gleichzeitigen Angriff verabredet haben. Auf diese warten sie vermuthlich noch.“

Die Mienen des Rittmeisters stimmten dem alten Wachtmeister bei. Er überlegte dann schweigend einen Augenblick.

„Wir sind Belagerte,“ sagte er. „Die Belagerer können in einer Minute überall auf dem Platze sein, in wenigen Minuten ihre Arbeiten beginnen. Die eisernen Gitter, die das Schloß umgeben, sind gegen starke Hebebäume ein schwacher Schutz; sie können in wenigen Minuten niedergeworfen werden, gleichviel ob an einer oder an mehreren Stellen. Die Gesammtheit der Belagerer kann sich dann in den Schloßhof ergießen. Dem bewaffneten, überlegenen Haufen können die wenigen und meist unbewaffneten Bewohner des Schlosses das Eindringen in den Hof nicht wehren, aber die starken Mauern des Schlosses sprengt kein Hebebaum, kein Böller. In spätestens einer Viertelstunde müssen meine Husaren hier sein, und durch sie werden die Belagerer zu Belagerten. Der Lieutenant von Steinmann führt meine Soldaten, er ist ein ebenso tapferer wie umsichtiger Officier und wird nicht vorrücken, ohne das Terrain recognoscirt zu haben. So wird er die Breschen des Gitters entdecken, sie besetzen lassen und den Eingedrungenen den Rückzug abschneiden.“

Ottokar von Waltershausen war ein unerschrockener Mann; er wollte auch den Muth seiner beiden Brüder kräftigen. Auch den seiner Schwägerin? Sie war muthig wie er – er wußte es. Er suchte ihre Blicke, während er sprach, aber sie hatte sich von ihm abgewandt, und das beunruhigte ihn. Er kannte seine Schwägerin, seit der letzten Stunde hatte er sie ganz kennen gelernt. Sie hatte zu ihrem Gatten gesagt: „Ich hatte Gründe, meinen Schwager vorher allein zu sehen: ich theile sie Dir mit.“ Er kannte ihren edlen und festen Willen und wußte, daß sie ihr Wort halten werde; er war überzeugt, daß sie dem Gatten die Wahrheit nicht verschweigen werde, weil sie als ehrliche Frau es nicht durfte. Und als ehrliche Frau hatte sie sich bekannt und bewiesen. Dies Alles beunruhigte ihn nicht blos, indem er es rasch überdachte: es erschreckte ihn.

Sie darf Adalbert nicht sprechen. Ich könnte ihm nicht wieder unter die Augen treten. Ich wäre geächtet, vernichtet.

Aber wie sollte er sie zurückhalten? Sollte er sie darum bitten? Welch’ anderes Mittel stand ihm zu Gebote? Er suchte einen Blick von ihr zu erhaschen, nur einen einzigen. Er erfuhr durch ihn ihren Entschluß. Sie hatte sich von ihm gewandt, sie mied ihn geflissentlich und wollte in ihrem Entschlusse nicht wankend werden. Angst befiel ihn, und doch mußte er Muth haben und ihn zeigen. Den Muth, in den Tod zu gehen. In den Tod? Ja, gegen den Todten hatte sie keine Anklage mehr.

Geräusch, Getöse wurde laut, es erhob sich hinten an dem Gitter an den Wirthschaftsgebäuden des Schlosses und fast in demselben Moment vorn an dem Gitterthore, das in den großen Schloßhof führte. Mit Hebebäumen wurde dort gegen die starken Eisenstäbe gerannt, und Hebebäume sollten hier die nicht minder starken Stäbe niederwerfen. Ein wildes Hurrah begleitete jeden Stoß, und Schüsse halfen den Schreck der Schloßbewohner vermehren.

Textdaten
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Autor: J. D. H. Temme
Titel: Auf Waltersburg
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 5, S. 85–89
Fortsetzungsroman – Teil 4


[85] In dem Zimmer waren drei Gesichter erbleicht: das des Schloßherrn, das seines Bruders Kurt und das der Schloßherrin. Dunkle Röthe deckte dagegen die Wangen Ottokar’s. Er hatte einen Entschluß gefaßt, der sofort zur That werden sollte.

„Bannhart,“ befahl Ottokar dem alten Wachtmeister, „laß’ auf der Stelle die Fenster mit den Laden verschließen! Dann haltet Euch hier Alle ruhig und verlaßt nicht das Zimmer, was auch draußen sich ereignen möge! In wenigen Minuten müssen meine Husaren hier sein, und bis zu ihrer Ankunft dringt keiner jener Rebellen in das Innere des Schlosses; denn so lange leisten Mauern, Thore und Fenster ihren Angriffen Widerstand.“

Der alte Bannhart hatte das Zimmer schon verlassen, den ihm gewordenen Befehl zu vollziehen, und der Rittmeister war im Begriff ihm zu folgen. Der Schloßherr und Baron Kurt waren leichenblaß geworden, die Gefahr, die wie eine Bombe in der nächsten Secunde losplatzen und Alles in ihrer Nähe zerschmettern konnte, hatte Beiden die Gedanken völlig geraubt. Noch einen Blick, ehe er sich entfernte, richtete Ottokar von Waltershausen auf seine Schwägerin. Ihr Antlitz war blutleer, und als er sich rasch wieder abwenden wollte, war sie schon an seiner Seite.

„Ottokar, was hast Du vor?“

„Ich muß meine Anordnungen zum Schutze des Schlosses treffen.“

„Unglücklicher –!“ Sie stockte. „Bleibe, Ottokar!“ bat sie.

„Ich muß auf meinen Posten.“

„Nein, nein – wohin Du willst, da ist nicht Dein Posten.“

Sie hatte seine beiden Hände gefaßt, als ob sie ihn mit Gewalt halten wollte, die schwache Frau den starken Mann.

„Ich beschwöre Dich – bleibe bei uns, bei mir!“ bat sie dringender und unter Thränen.

„Emma!“ rief er.

„Ich beschwöre Dich,“ flehte sie noch einmal.

„Ich darf nicht, Emma. Ich muß auf meinen Platz. Ich darf nicht feige sein. Es gilt meine Ehre.“

„Ja, ja!“ sagte sie. „Es gilt Deine Ehre, und die – ach, ich Unglückliche!“ brach sie schluchzend ab und ließ seine Hände los.

„Lebe wohl!“ rief er, indem er das Zimmer verließ.

Die Schloßherrin fiel erschöpft, einer Ohnmacht nahe, auf einem Fauteuil nieder.

„Mein Gott, Adalbert,“ rief der Baron Kurt dem Bruder zu, „was ist mit Emma geschehen? Sie liegt da wie eine Ohnmächtige.“

„In der That!“ sagte überrascht der Baron. „Rufe ihre Kammerfrau herbei! Ich werde bei ihr bleiben.“

Der Baron Kurt eilte fort.

Ottokar von Waltershausen war inzwischen in’s Treppenhaus gelangt, eine hohe, weite Halle. Er schritt zu dem großen Portal, welches, obwohl von festem, starkem, überall mit Eisen beschlagenen Eichenholz, dennoch von innen mit einer Barricade versehen war. Zur Seite des Portals befand sich ein schmales, niedriges Pförtchen, eine Art Nothpforte für den Portier bei besonderen Gelegenheiten. Es war stark und fest, wie das Hauptthor, aber noch nicht verbarricadirt, bei einem etwaigen Angriff konnte es indessen in wenigen Minuten stärker befestigt werden.

Dieses Pförtchen ließ der Rittmeister sich öffnen. Der Portier [86] sah ihn erst verwundert, dann erschrocken an, als der Befehl wiederholt wurde.

„Sie allein, gnädiger Herr?“

„Oeffne nur, alter Thomas!“

„Aber die Bauern sind in Zorn und Wuth.“

„Ich werde schon mit ihnen fertig werden.“

Der Portier gehorchte dem entschiedenen Befehle.

Es waren noch mehrere Diener in der Halle, alte, treue Untergebene des Hauses. Alle liebten und verehrten sie den braven Ottokar, der ebenso vornehm wie leutselig, ebenso tapfer wie human war.

„Bleiben Sie, gnädiger Herr! Begeben Sie sich nicht in die Gefahr!“ baten sie.

„Seid unbesorgt um mich! Ich thue meine Pflicht. Dafür bin ich Soldat.“

Der Portier hatte aufgeschlossen.

„Daß Keiner mir folgt!“ mahnte der Rittmeister. „Das Pförtchen verschließest Du hinter mir!“ befahl er dem Portier.

Er war draußen im Schloßhofe, und Keiner war ihm gefolgt, denn der Portier hatte hinter ihm die schmale, niedrige Pforte verschlossen, wie er befohlen. Die Zurückgebliebenen hatten keinen Blick nach außen, aber um so gespannter horchten sie.

„Er ist verloren,“ flüsterten sie, „sie sind mit Flinten und Büchsen bewaffnet, und ihre Kugeln bestreichen den ganzen Platz. Jeden Augenblick kann das Gitter eingerannt werden. Was er nur vorhat, er allein, der brave Herr? Muth hatte er immer, aber warum er sich wohl in diese Gefahr begiebt?“

Etwa hundert, vielleicht über hundert Bauern hielten das große Hofthor mit dem Gitter zu seinen beiden Seiten belagert. Sie waren mit ihren Hebebäumen beschäftigt, das Thor einzurennen, und versuchten an anderen Stellen, das Gitter zu sprengen. Bisher waren ihre Bemühungen fruchtlos geblieben; Thor und Gitter waren noch überall unversehrt, und noch Niemand hatte in den Schloßhof zu dringen vermocht.

„Die Leitern her!“ riefen einzelne Stimmen.

„Noch nicht!“ entgegneten andere. „Die durch den Park kommen, müssen erst da sein.“

„Der Hof ist ja leer,“ riefen jene wieder. „Wir können es wagen.“

„Nein, es ist gegen die Abmachung,“ war die Antwort.

Der Rittmeister hörte Rede und Gegenrede, während er durch das Schloßportal schritt.

„Sie haben einzeln keinen Muth,“ sagte er sich. „Nur die Massen wollen sich voranwagen. Die Elenden!“

Er trat in den Hof hinein – er, der Einzelne, hatte den Muth. Und es war seltsam, wie sein plötzliches Erscheinen auf die Menge wirkte. Er war plötzlich da, er war ruhig, langsam vorgetreten, nur zehn Schritte weit, und dann machte er Halt und schaute sich nach der Menge um. Der Säbel an seiner Seite war seine einzige Waffe, aber die kühn blitzenden Augen, die sorglose Haltung des schönen stolzen Mannes zeigten, daß er an die Waffe nicht dachte. So stand er da, so sah ihn die Menge, und wie sie ihn so sah, standen sie Alle stumm und regungslos.

„Die Elenden!“ sagte er sich noch einmal, und ein Blick der Verachtung begleitete seine Worte. Er schritt dem Thore näher – die Bauern blieben stumm und unthätig, und es war, als ob sie ihn erwarteten. Sie erwarteten ihn in der That, und er war darauf vorbereitet.

„Was hat Euch hierher geführt, Ihr Männer?“ fragte er. „Was sucht Ihr hier und was wünscht Ihr?“

Seine Stimme klang ruhig und furchtlos.

Sie sahen sich unter einander an. Einer nahm dann das Wort: „Wir wollen unsere Rechte haben. Wir wollen frei sein.“

„Frei ist,“ erwiderte Ottokar von Waltershausen, „wer die Gesetze ehrt und die Rechte seiner Mitbürger achtet.“

„Wir wollen andere Gesetze. Gesetze, nach denen auch wir Rechte haben.“

„Andere Gesetze? Sind die hier in diesem Schlosse für Euch zu finden?“

„Wir wollen keine Leibeigene des Gutsherrn mehr sein.“

Ein schmerzliches Lächeln durchflog das schöne, muthige Gesicht des Freiherrn.

„Ah, dafür seid Ihr die Leibeigenen eines gemeinen Betrügers und Fälschers geworden, der im Zuchthause saß.“

Der Bauer, der bisher geredet hatte – es war ein alter Mann – schwieg beschämt. Aber hinten aus dem Haufen drang eine wüste, schreiende Stimme hervor:

„Schießt ihn nieder, den Schurken, den Bauern- und Rekrutenschinder!“

Es war die Stimme des Bauernadvocaten. Der Elende hatte sich in dem sicheren Hinterhalte versteckt und wagte sich noch nicht heraus. Die Bauern sahen sich wieder unter einander an, und Einige erhoben unschlüssig ihre Flinten. Ottokar aber trat ihnen unerschrocken entgegen und bot ihnen voll seine Brust dar.

„Ja, schießt nur!“ rief er. „Laßt Euch von dem feigen Menschen, der sich selbst nicht an’s Tageslicht wagt, auch noch zu Mördern machen!“

„Schießt, wenn Ihr Muth habt!“ rief der Bauernadvocat.

Zwei Burschen legten ihre Gewehre auf den Freiherrn an.

Er stand ruhig, ohne zu zucken, fest die Augen auf die Mündungen der Gewehre gerichtet.

„Keinen Mord!“ rief der alte Bauer, und die Burschen zogen beschämt die Gewehre zurück.

Trompeten schmetterten: „Husaren heraus!“ Sie schmetterten im Parke, bei den Nebengebäuden hinter dem Schlosse und in der breiten Allee, die zu dem Thore des Schloßhofes führte.

„Ah!“ sagte mit der Befriedigung des Soldaten der Rittmeister, „meine Husaren, mein braver Steinmann! Zu gleicher Zeit und zur rechten Zeit!“

Mit dem Schalle der Trompeten vermischte sich der dröhnende Hufschlag von Pferden, und im Galopp flogen die Husaren in der Allee herbei und aus dem Parke die Anhöhe zum Schlosse heraus. Zwischen den Speichern, Scheunen und Wirthschaftsgebäuden widerhallte der Lärm der Heranziehenden.

„Schießt den frechen Burschen nieder!“ rief noch einmal die Stimme des Bauernadvocaten. „Er ist der Führer; ist er nicht mehr da, so haben sie ihr Haupt verloren. Sie wissen nicht, wohin, noch was sie sollen. Schießt ihn nieder, wenn Euer eigenes Leben Euch lieb ist! Es ist kein Mord; es ist Selbstvertheidigung und Nothwehr. Und sie ist das Recht, die Pflicht jedes Menschen. Schießt, wehrt Euch, habt Muth!“

„Begeht keinen Mord!“ warnte abermals der alte Bauer.

„Seid Ihr feige Memmen?“ fragte Georg Hausmann.

Ein Dutzend heißblütiger junger Burschen hatte die Gewehre schon angelegt und die Mündungen auf die Brust des Rittmeisters gerichtet. Die Husaren waren da, am Gitter des Parkes und am Hofthore; von ihren Pferden herab sahen sie ihren Rittmeister, allein, ohne Schutz, gegenüber den wüthenden Bauern und den auf ihn gerichteten Gewehrläufen.

„Feuer auf die Schurken!“ wurde von zwei Stellen zugleich commandirt.

Die Husaren gaben Feuer, die Bauern schossen. Der Bauernadvocat floh in die Allee zurück und verbarg sich hinter den Bäumen. Die Bauern, als sie ihn flüchten sahen, eilten davon, ihm nach. Und der Rittmeister Ottokar von Waltershausen?


4. Der Abschied von der Pfarre.

Ein freundlicher, klarer Nachmittag nahte sich seinem Ende. Noch lag er ausgebreitet über Landschaft, Berg und Thal, über Wald und Flur, über dem schönen, stolzen Schlosse, das mit seiner langen Façade, seinen hohen Balconen und seinen weißen Markisen von der Anhöhe weit in die Ebene hinausschaute, über dem stattlichen Dorfe, dessen zerstreute Häuser und Höfe das geräumige Thal füllten, über der alten, grauen Kirche am Ende des Dorfes, über dem Kirchhofe, der mit seinen grünen Grabhügeln und den schwarzen Kreuzen darauf die Kirche umgab, über dem Pfarrhause mit seinen angstvoll harrenden Menschen darin. Das Alles lag in tiefer Stille. Ruhe und Stille geben einem hellen Frühlingsnachmittage, der sich zum Abende neigt, wohl die echte und rechte Weihe, aber für das Gefühl des Menschen vermögen sie es nur, wenn in unsern Herzen der Friede wohnt, wenn die Hände, die den Tag über geschafft haben, ausruhen, wenn die Augen sich weiden an dem Segen der Arbeit, der schon emporschaut aus dem Schooße der Erde, auf Aeckern und Wiesen, in Gärten und Wäldern.

Dieses Gefühl hatten die Bewohner von Waltershausen nicht. [88] Unruhe und Hader herrschten dort überall, nur an einer Stelle nicht, und doch wieder auch dort.

Die Kirche des Dorfes und der Kirchhof, der sie umgab, sie lagen beide so still und ruhig da, jene, als ob der Friede, den sonntäglich der würdige Pfarrer von ihrer Kanzel verkündete, seine unangreifbare Stätte dort aufgeschlagen habe; der Kirchhof – auf ihm ruhten ja Tausende in dem ewigen Gottesfrieden. Und Friede war auch in dem Pfarrhause, das durch den Kirchhof von der Kirche getrennt wurde. Aber in einem Herzen wohnte er hier nicht.

Vor der Thür des Hauses hielt ein mit einem Pferde bespannter Ackerwagen der mit Hausrath, Koffern und Kleidungsstücken stark beladen war. Bei dem Pferde, einem tüchtigen Braunen, stand ein Knabe von etwa vierzehn Jahren, ein prächtiger Bube, kräftig, frisch, mit intelligentem Gesicht. Es war Johannes, der älteste Sohn des Pfarrers; mit Gottes Hülfe – so hatte man gemeint und oft gesagt – sollte er der Nachfolger des Vaters in der Pfarre werden. Jetzt stand er wartend an dem Ackerwagen, auf den die Habseligkeiten der Familie geladen waren, und in der nächsten Minute mußte die Pfarre geräumt sein. „Für immer!“ war ihnen angedroht worden. Ein leiser Trotz wollte sich wohl in das frische Gesicht des Knaben drängen, aber sein frommes Gemüth wies ihn zurück – er wartete mit Ruhe und Ergebung auf den Vater und die Geschwister. In das Unvermeidliche müsse man sich sagen, sagte ihm sein Verstand; gegen die Fügungen Gottes dürfe der Mensch nicht murren, sich nicht auflehnen, sagte ihm sein gottesfürchtiges und auf Gott vertrauendes Herz.

Zu dem Wartenden trat aus dem Hause die ältere Schwester. Ihr Gesicht war bleich, ihre Gestalt gebeugt, aber sie war auch jetzt schön, wie immer, und daß ihr Muth ungebeugt war, zeigte die Sicherheit, die über ihrer ganzen Erscheinung ausgebreitet lag.

„Liegt Alles ordentlich und fest?“ fragte sie den Bruder, die Ladung des Wagens musternd. Sie fragte es, wie eine sorgsame Hausfrau, und ihre Stimme war klar und ruhig.

„Der Vater packte es ja zusammen,“ antwortete der Bruder.

„Wir können also abfahren?“ fragte sie weiter.

„Wenn wir müssen!“ antwortete Johannes, und der Schmerz ließ in diesem Augenblicke doch einen gewissen Trotz durchscheinen, dessen er sich nicht erwehren konnte.

„Wir müssen, Johannes.“

„Auf dem Schlosse erwarten sie Hülfe, den Rittmeister mit seinen Husaren,“ redete er darein.

„Zu einem blutigen Kampfe, Johannes! Von ihnen mag ihre Stellung, ihre Ehre ihn fordern. Unser Vater, ein Diener Gottes, der den Menschen den Frieden verkündet, darf um seinetwillen kein Blut vergießen lassen.“

„Wenn nun dieser freche Aufstand am Schlosse niedergeworfen würde,“ wendete der Knabe ein, „wenn die Bauern zurückgetrieben, ihre Rädelsführer gefangen genommen und nach Recht und Ordnung sofort standrechtlich erschossen würden? Der ganze Aufstand wäre damit unterdrückt, kein Bauer würde sich mehr aus dem Hause wagen und um uns würde Niemand sich fortan kümmern.“

Regine Reif wankte einen Augenblick in ihrem Entschlusse.

„Mag der Vater entscheiden!“ sagte sie dann.

Da tönten die Schüsse herüber, die am Schlosse fielen.

„Horch!“ rief Johannes, und die helle Röthe, die durch sein Gesicht flog, bezeugte den Muth und die Hoffnung seines Innern.

„Die Unglücklichen!“ preßte Regine aus der geängstigten Brust hervor, und indem sie aufhorchte, wurde sie noch bleicher als zuvor. In diesem Augenblicke trat der Pfarrer tief bekümmert aus dem Hause.

„Ich hörte schießen,“ sagte er, wie fragend, ob er richtig gehört habe.

„Am Schlosse,“ antwortete Johannes.

Alle schwiegen dann, sie standen horchend, was sich weiter begeben werde. Noch einmal fielen Schüsse, wieder am Schlosse und wie es schien an derselben Stelle, an der die früheren gefallen waren. Neue folgten, es wurde gekämpft.

„Vater!“ rief Johannes mit leuchtenden Augen.

„Was willst Du mir sagen?“ fragte der Pfarrer.

„Vater, wenn die aufrührerischen Bauern niedergeworfen würden!“

„Dann, mein Sohn?“

„Blieben wir in der Pfarre.“

„Wir wollten also das Ende eines blutigen Kampfes abwarten, auf das Morden von Menschen unsere Hoffnungen setzen und durch unser Bleiben gar neuen Mord hervorrufen?“

Der Sohn schwieg.

„Treten wir unsern Weg an!“ sagte der Pfarrer entschieden, und seine Stimme verrieth, wie schwer der Entschluß ihm geworden.

„Gehet jetzt in das Haus!“ fuhr er dann fort. „Nehmt Abschied von der Stätte, wo wir so lange geweilt, und holt Eure jüngeren Geschwister!“

Bruder und Schwester gingen in das Haus, und der Pfarrer blieb allein am Wagen. Er hatte schon Abschieb genommen von dem Innern des Hauses, von dem Garten, von allen den Stellen und Plätzen, an denen er ein Vierteljahrhundert lang gearbeitet und gewirkt hatte, an denen Freude und Leid ihm zu Theil geworden. Es war ihm schwer geworden, und der Schmerz hatte wohl manchmal den kräftigen, von dem edelsten Gottvertrauen getragenen Mann überwältigen wollen. Er hatte zu widerstehen vermocht, sein Auge war trocken, sein Muth war kräftig geblieben. Jetzt überschaute er noch einmal das Haus, den Garten, die Umgebung, die ganze Landschaft, die Fluren der weiten Gemarkung, die Wälder, das Schloß da oben, die Häuser des Dorfes, die Kirche und den Kirchhof. Alles, Alles mußte er verlassen. Für immer? Wilde Bewegungen zogen durch das Land, aber wilde Wogen verlaufen ja, und der Strom fließt wieder langsam und ruhig. Können seine Wellen zurückkehren? Kann er selbst es? Es wäre gegen die Gesetze der Natur. Hin ist hin; verloren ist verloren. Und doch ist auch das Hoffen ein Naturgesetz für das Leben eines Menschen. – Wie viele Gedanken zogen durch die Brust des schwer geprüften Mannes! Wie manche Hoffnung zog vorüber! Wie mancher Seufzer folgte ihr auf dem Fuße. Es ist ja nur Täuschung, leere Selbsttäuschung. Aber der Pfarrer verzagte nicht.

„Herr, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden!“

Die Kinder kehrten aus dem Hause zurück. Regine ging voraus, das dreijährige Schwesterchen an der Hand, und die beiden Knaben folgten. Jedes von ihnen trug sein Handgepäck; auch das Schwesterchen hatte einen kleinen Korb an den Arm gehängt. Sie traten still an den Wagen, zum Vater. Reginens blasses Gesicht hatte den bewährten Muth nicht verloren. Johannes aber sah die ruhige Milde in den Zügen des Vaters, und aus seinem Gesichte entwich der Trotz, der von Neuem hatte auftauchen wollen. Der zweite Knabe hatte noch Thränen in den Augen: er schämte sich ihrer und trocknete sie heimlich, als der Blick des Vaters ihn suchte.

Diese Wehmuth kam über den Pfarrer, als er alle die lieben, schönen Gesichter seiner Kinder sah. In Gesundheit hatte der Himmel sie ihm erhalten, sie aufblühen und sich entwickeln lassen. Welcher Zukunft kannte er sie entgegenführen? Wußte er nur, wo er, wo sie in der nächsten Nacht ihre Häupter niederlegen sollten?

„Zu der Mutter jetzt!“ sagte er.

Sie gingen auf den Kirchhof, an manchem Grabe vorbei. An einem der Grabhügel in der Nähe der Kirche aber machten sie Halt. Epheu faßte ihn ein; Blumen des Frühlings schmückten ihn, und ein grauer Sandstein erhob sich auf ihm. Die früh verstorbene Gattin des Pfarrers, die Mutter seiner Kinder, schlief hier den ewigen Schlaf. Neben dem Hügel war eine leere Grabstelle. Der Pfarrer hatte sie für sich bestimmt. Wer sollte sie nun künftig einehmen?

„Bringen wir der Mutter unsere Abschiedsgrüße!“ sagte der Vater zu seinen Kindern. Nur Grüße hatten sie ja zu bringen, keine Blumen, keinen grünen Zweig. Nichts hatten sie mitzunehmen, was zur Pfarre gehört. Der Bauernadvocat hatte es ja anbefohlen. Sie umgaben schweigend das Grab, schauten zu der Erde nieder, in der die Mutter ruhte, sandten ihr stille Grüße und weihten die Grüße durch ihre Thränen. Sie standen lange, lange so – es war ja der letzte Abschied von der Heimath.

„Gehen wir!“ sagte endlich der Vater.

Sie verließen den Kirchhof, still, wie sie ihn betreten hatten, und kehrten dann zur Pfarre zurück. Schwere Augenblicke warteten hier noch ihrer. Sie hatten den Wagen ohne Aufsicht vor dem [89] Hause zurücklassen müssen. Der alten, treuen Magd, die viele Jahre in der Pfarre gedient, hatte der Bauernadvocat schon am Vormittage befohlen, sofort das Haus zu verlassen; es dürfe von jetzt an nur noch freie Menschen im Dorfe geben. Keiner dürfe von nun ab dem Andern noch dienen, jeder dem Andern nur Hülfe leisten. So wolle sie der Pfarrerfamilie helfen, hatte die Magd gesagt. Dem Pfarrer, war ihr erwidert worden, dürfe auch Niemand mehr helfen – das sei der Beschluß der Gemeinde, und sie habe sich dem zu unterwerfen, wenn sie nicht als Rebellin gegen die souveraine Gemeinde behandelt werden wolle. Sie hatte dem Menschen folgen müssen, nachdem sie unter den bittersten Thränen von dem Pfarrer ihren Lohn empfangen, den sie erst nach schweren Kämpfen mit sich selbst angenommen.

Bei der Rückkehr der Familie vom Kirchhofe befand sich der Wagen vor dem Pfarrhause unter der Aufsicht des Bauernadvocaten. Der Pfarrer übersah den häßlichen Mann mit dem grauen Gesicht und den boshaften, falschen Augen absichtlich. Johannes ging an ihm vorüber, die Führung des Pferdes zu übernehmen. Regine wandte sich mit Verachtung von ihm ab, und die beiden jüngsten Kinder hatten nur scheue Blicke für ihn. Er sah ihnen Allen höhnisch nach.

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Autor: J. D. H. Temme
Titel: Auf Waltersburg
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 6, S. 104–107
Fortsetzungsroman – Teil 5


[104] Johannes hatte die Zügel des Pferdes genommen und führte den Wagen den Weg entlang, der zwischen Kirche und Pfarre, vom Dorfe abwärts, lief. Neben dem Wagen ging Regine mit den beiden jüngeren Geschwistern, das Schwesterchen an der Hand, und hinter Allen schritt der Vater, auf Alle und auf Alles achtend. Zu ihm gesellte sich der Bauernadvocat.

„Ein schwerer Tag für Sie, Herr Pfarrer!“

Der Pfarrer achtete nicht auf ihn.

„Und ein saurer Weg, Herr Pfarrer!“ fuhr der häßliche Mensch fort. „Sie erlauben doch, daß ich Sie auf einige Schritte begleite?“

„Georg Hausmann,“ antwortete nun der Pfarrer ruhig, aber mit Bestimmtheit, „Euer Weg war immer ein anderer als der meinige. Laßt es auch heute so sein!“

Abermals lachte Georg Hausmann höhnisch.

„Hoho, Herr Pfarrer! Sie haben so Manchem dieser Gemeinde auf seinem letzten Wege das Geleite gegeben, da darf ich ja wohl auch Sie auf Ihrem letzten Gange aus der Pfarre eine Weile begleiten. Ich habe zudem noch ein paar Mittheilungen für Sie, auch für die Pfarrmamsell noch eine.“

Noch einmal suchte der Pfarrer sich des Menschen zu entledigen: „Ich bitte Euch aber, mich und meine Kinder allein unsern Weg machen zu lassen.“

„Die Landstraße ist frei, Herr Pfarrer, und sobald ich fertig bin, sollen Sie von mir befreit werden.“

Der Pfarrer schwieg.

„Herr Pfarrer,“ fragte zunächst der Bauernadvocat. „Sie dürfen mir doch sagen, wohin Sie sich zu wenden gedenken, wo Sie, wenn auch nur vorläufig, eine Zuflucht zu finden hoffen?“

„Wozu die Frage?“ wich der Pfarrer aus.

Georg Hausmann lachte.

„Zu Ihrem Besten, Herr Pfarrer! Ich gebe die Hoffnung nicht auf, Sie zu bekehren, der Bock den Hirten. Wenn Sie versprechen wollen, ein treuer Diener unserer Kirche, also auch der Gemeinde zu sein, so zweifle ich keinen Augenblick, daß diese Sie wieder aufnehmen wird. Geben Sie mir diese Erklärung um Ihrer Kinder willen! Besonders die Kleinen thun mir leid. Wohin wollen, wohin können Sie mit ihnen? Noth und Sorge ist jetzt überall im Lande, und Jeder hat mit sich selbst zu thun. Wohin Sie auch kommen – sollte man auch noch Ihre Noth und Sorge auf sich nehmen? Geben Sie mir die Erklärung, Herr Pfarrer! Ich lege sie noch heute der Gemeinde vor. Die Bauern halten auf Sie, und ich setze Ihre Zurückberufung durch. Sagen Sie mir, wo ich Sie treffe, und ich hole Sie morgen sicher zurück.“

„Georg Hausmann,“ erwiderte der Pfarrer ruhig und entschieden, „gebt Euch keine Mühe! Ich wies Euern Antrag schon einmal zurück, denn von meiner Pflicht kann ich mich nicht entfernen und die Achtung vor mir selbst werde ich mir stets bewahren. Verlaßt uns jetzt! Laßt uns in Frieden ziehen!“

Georg Hausmann gab nicht nach.

„O, Sie verlassen sich wohl darauf, daß wieder andere Zeiten in’s Land kommen werden?“ fragte er bitter; „die Hoffnung können Sie getrost aufgeben. Wir sind die Sieger überall, und in wenigen Tagen sind wir die Herren im ganzen Lande. In dieser Gegend sind wir es schon. Sie haben doch vorhin das Schießen gehört? Sie auch, Mamsellchen? Ach, ich hatte ja für Sie noch etwas Apartes. Sie wissen doch, daß der Freiherr Ottokar da oben eingetroffen ist, mit seinen Husaren?“

Regine erbebte.

„Ja, ja, mein Püppchen! Er ist da, zum Schutze seiner schönen Schwägerin. Sie hatte wohl lange schon Verlangen nach ihm gehabt, und er nach ihr. Da kamen die unruhigen Bauern ihnen Beiden gelegen. Und er hatte ja auch sogleich Gelegenheit, sich ihr als Held, als tapferer Ritter zu zeigen. Sie hörten doch das Schießen da oben? Ich war auch dabei. Unsere Bauern hielten sich brav. Schuß fiel auf Schuß. Die Kugeln flogen hin und her, und wenn auch nicht alle trafen, manche fand doch ihren Mann, und –“

Er brach plötzlich ab.

Der Weg, den sie verfolgten, zog sich durch eine kleine Waldung, und hier wartete ihrer unter den Bäumen eine Ueberraschung. Ein Haufen von Männern und Frauen hatte sich aufgestellt, sie zu empfangen. Es waren Bauersleute aus dem Dorfe, in denen der Pfarrer und seine Kinder den besseren, ruhigeren Theil der Gemeinde erkannten. Sie waren in ihrer Sonntagskleidung und erwarteten in feierlicher Stille die Pfarrersfamilie, um Abschied von ihr zu nehmen. Den Pfarrer ergriff eine tiefe Bewegung bei ihrem Anblicke. Georg Hausmann gerieth einen Augenblick in Verlegenheit, aber seine Frechheit siegte. Er hatte geschwankt, ob er umkehren solle, allein sein Trotz litt es nicht.

„Ah, mein Püppchen,“ unterbrach er sich, „die braven Leute bringen Ihnen ja im Voraus den Balsam auf die Wunde, die ich Ihnen schlagen muß. Gehen Sie zu ihnen! Ich warte hier.“ Er trat zurück.

Die Bauersleute schritten vor; an ihrer Spitze ein Greis, der älteste Mann der Gemeinde.

„Lieber Herr Pfarrer,“ begann er seine Ansprache, „wir sind die getreusten Mitglieder Ihrer Gemeinde. Wir haben Sie immer geliebt und verehrt; denn wir Alle sind Ihnen vielen Dank schuldig. Sie haben uns und unsern Kindern stets das Wort Gottes rein und lauter gelehrt. Sie haben uns getröstet in Drangsal, uns aufgerichtet, wenn schwere Zeit an uns herantrat, uns beigestanden wenn wir in Nöthen waren; darum mußten wir unsern Dank Ihnen darbringen, aber im Dorfe, in der Pfarre konnten wir es nicht; denn die Schlechtigkeit, die jetzt dort die Oberhand hat, hätte es uns verwehrt. Da versammelten wir uns hier, und, lieber, verehrter Herr Pfarrer, nehmen Sie unsern Dank freundlich an und die geringen Gaben, die er Ihnen darbringt! Sie kommen aus gutem Herzen.“

[105] Der Greis schwieg. Er trug eine schwere Rolle in der Hand, die er in die des Pfarrers legen wollte.

Diesem waren Thränen in die Augen getreten; ein leises Zittern durchschauerte ihn – er zog die Hand zurück.

„Nein, nein!“

„Es kommt aus gutem Herzen,“ wiederholte der alte Bauer. „Nehmen Sie es, Herr Pfarrer! Sie haben es hundertfach an uns verdient, und können es in der schweren Zeit gebrauchen, die über Sie hereingebrochen ist.“

Der Pfarrer nahm die Rolle, und der Bauer zog sich zurück, um keine Worte des Dankes zu empfangen und Anderen Platz zu machen, den Frauen. Die Frauen stellten sich in einem Kreise um die Kinder des Pfarrers auf, und Jede überreichte dann jedem einzelnen Kinde eine Gabe, feine Leinewand für Regine, Taschentücher für Johannes, Zeug zu einem Sommeranzuge für den kleinen Knaben, zu Kleidchen für das kleine Mädchen, für Beide Aepfel und Nüsse, die sie noch aus dem Winter aufbewahrt hatten. „Es kommt aus gutem Herzen,“ sagten auch sie dabei, und die Kinder weinten vor Rührung – die Frauen mußten mit ihnen weinen.

„Nun aber fort!“ sagte zu seiner Begleitung der Greis. „Der Herr Pfarrer wird noch einen weiten Weg haben, und der Abend ist nahe.“

Sie nahmen Abschied.

„Nicht für immer, Herr Pfarrer,“ sagte der alte Mann. „So Gott will, nur für kurze Zeit! Aber sollte es auch lange dauern, ehe Sie wieder kommen, Sie wissen immer, wo wir zu finden sind – unser Pfarrer soll niemals Noth leiden.“

Der Greis schüttelte dem Pfarrer die Hand und wandte sich, um mit seiner Begleitung in’s Dorf zurückzukehren. Da gewahrte er den Bauernadvocaten, der zur Seite getreten war. Seine Züge verfinsterten sich und nahmen den Ausdruck der Verachtung an.

„Du elender Bursch!“ rief er ihm zu und machte einen Schritt ihm entgegen. „Du warst Zeuge, wie ein braver Mann geachtet und geehrt wird. An Dir selbst wirst Du erleben, wie man mit Schurken und Bösewichtern umgeht. Ich würde mich nicht wundern, wenn ich von Dir hörte, daß man Dich an einem Baume aufgeknüpft hat. – Gehen wir jetzt, Ihr Leute, zu unserm armen Dorfe zurück!“

Still kehrten die Bauersleute zurück. Still zog der Pfarrer mit seinen Kindern weiter. Aber zu ihm hatte sich bald wieder Georg Hausmann gesellt.

„Herr Pfarrer, die Landstraße ist frei,“ begann der abscheuliche Mensch mit seiner ganzen Frechheit und Widerwärtigkeit, „sie ist frei für Jedermann, für Sünder und Gerechte, auch für solche, die sich zu den Gerechten zählen. Indessen, Sie sollen in Frieden ziehen. Nur für Ihre Mamsell Tochter habe ich noch ein paar Worte, etwas Apartes, wie ich schon sagte. Hören Sie mir jetzt zu, Mamsellchen! Der Rittmeister, der schöne, tapfere, vornehme Freiherr Ottokar, war da oben angekommen, und seine schöne Schwägerin hatte sich ihn wohl expreß verschrieben – zum Schutze für das Schloß natürlich. Er kam auch sogleich, aber nicht gleich mit seinen Husaren; denn die Dame hatte wohl noch zuerst allein mit ihm zu sprechen. Frauen haben oft Geheimnisse, und ehe ihn seine Husaren nachkommen konnten, waren unsere Bauern am Schlosse, und es kam zum Schießen zwischen den Bauern und den Schloßleuten; der Herr Rittmeister meinte als vornehmer Herr, wenn er sich dem Bauernpack nur zeige, so werde Alles vor ihm davon laufen. Er hatte aber die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Die braven Bauern hielten Stand, und in dem Hin- und Herschießen fiel eine Kugel, die nun Rittmeister und Freiherren, um zärtliche Edelfrauen und Pfarrerstöchter sich nicht genirte. Sie war gut gezielt auf den tapferen Freiherrn, und – leben Sie wohl, Mamsellchen!“

Der Bauernadvocat war damit unter den Bäumen des Wäldchens verschwunden, dessen Ende sie gerade erreicht hatten. Der Pfarrer mußte seine Tochter stützen, die umzusinken drohte.


5. Im Friedenthal.

Unter den Bäumen des Waldes war es schon dunkel; ihre Kronen leuchteten noch im Sonnenglanze. Auch auf der Landstraße, die durch den Wald führte, verflochten die Zweige sich zu einem schützenden Laubdache, schützend gegen den Sonnenschein am hellen Tage, schützend gegen Regen und Schnee, wenn der Himmel mit dunkeln Wolken oder der unendlichen grauen Schneedecke behangen war. Immer tiefer und tiefer kam man unter dem dichten Laubdache in den Wald hinein; immer stiller wurde es rings umher. Kein Laut wurde aus der Ferne, wurde in der Nähe vernommen; kein Rufen oder Zwitschern eines Vogels in den Bäumen; kein Schleichen einer Eidechse aus dem Moose des Bodens. Hörte denn die Welt hier auf?

Der Weg machte eine jähe Biegung und setzte sich dann, breiter werdend, nach rechts in fast schnurgerader Richtung fort. Die Kronen der Bäume zu beiden Seiten verzweigten sich oben nicht mehr, denn die Stämme standen von einander zu weit entfernt. Ueber sich sah man den blauen Himmel, neben sich hohe, steil ansteigende Bergwände: der Weg führte in ein schmales Thal hinein, in dem dieselbe Stille herrschte, die den Wald umfangen hatte. Sie erschien traulicher, heimlicher zwischen den sich fast berührenden Bergwänden als unter den Bäumen des Waldes, dessen Ende das Auge nicht gewahren konnte. Das Thal weitete sich nach einiger Zeit, aber nur allmählich; der Waldcharakter verschwand, und der Weg lief zwischen Wiesengründen hin. Irgend eine Cultur des Bodens durch thätige, schaffende oder nachhelfende Menschenhand war nicht wahrzunehmen, aber plötzlich änderte sich auch das. Ein kleiner Waldbach, der zwischen Gesträuch, Moos und Gestein dem Auge sich verborgen hatte, trat jetzt näher an den Weg heran und durchschnitt ihn quer. Eine kleine Brücke führte über ihn, und jenseits derselben befand man sich in einem Garten mit den schönsten Spalieren, Gruppen von Obstbäumen. Blumenbeeten, Bosquets, Wiesenland und sich schlängelnden Pfaden. Ein Landhaus zeigte in einer Entfernung von kaum zwanzig Schritten seine weiße Façade. Es war einfach gebaut, und über seinen hohen Parterre erhob sich nur ein Stockwerk; es hatte an der Fronte nur drei Fenster. Aber es war frisch und sauber, seine Verhältnisse harmonisch, seine ganze Erscheinung freundlich und anspruchslos; so lag es in ruhiger, friedlicher Abendstille, und die untergehende Sonne goß ihre goldenen Strahlen mild darüber aus.

Welch ein wunderbar schöner Platz zum Ausruhen von den Mühseligkeiten des Lebens in dieser Einsamkeit, in dieser Abgeschiedenheit von der Welt und ihrem Getümmel, ihrem Treiben und ihren Kämpfen! Auch zum Ausruhen für immer, zum Sterben?

Zwei Menschen, die an dem Abend des Tages, von dem wir erzählen, die kleine Brücke hinter sich hatten, an den Spalieren, Bäumen und Beeten vorübergekommen waren und nun aus dem letzten Bosquet hervortraten, sie richteten wohl die Frage nicht an einander, aber jeder an das eigene bange, beklommene Herz.

Der Besitzer des freundlichen, einsamen Landhauses war ein alter Herr; er schien ein Sechsziger zu sein, aber man wußte, daß er schon in der zweiten Hälfte seiner siebenziger Jahre stehe. Er war klein, sehr klein, dürr und verwachsen; der Kopf steckte zwischen den erhöhten Schaltern und lehnte sich hinten an einen Höcker. Aber dieser Kopf war der schönste Kopf eines Greises, den man sehen konnte; er zeigte ein feines Oval; die etwas zurückliegende Stirn war hoch, die Nase ein wenig gebogen. Stirn und Nase in solcher Harmonie bekunden den durchdringenden Verstand, den sicheren, festen Mannesmuth: der erste Napoleon sah bei seinen Generalen darauf. Die Lippen des kleinen alten Herrn waren schmal in seinen alten Tagen, aber sie bezeugten noch heute in ihrer Feinheit den guten Geschmack des Mannes, der wohl zu leben weiß, des Geistes, der bei ernsten Denken den Scherz liebt, Satire und Witz übt, oft auch derben und paradoxen. Gutmüthigkeit zeigten die großen, dunkelblauen, klugen Augen. Die Kleidung des alten Herrn war eine gewählte, die Wäsche glänzend weiß; weiß waren auch die Weste, die Halsbinde, die Hemdskrause, die Manschetten, die bis zu den Wurzeln der langen schmalen Finger hinunterhingen; hellgraue Beinkleider und ein gleicher Hausrock vollendeten den Anzug. Das Haupt war mit einem Käppchen von schwarzem Sammt bedeckt, unter dem wenige schneeweiße Haare hervorschauten.

So lag der kleine alte Herr unter einer Veranda an der Rückseite des Landhauses auf einem Sopha ausgestreckt, behaglich die letzten Strahlen der Abendsonne auf den Spitzen der Berge verfolgend, blaue Wölkchen aus seiner feinduftenden Cigarre zum Himmel hinaus sendend und mit den Augen sie verfolgend. [106] Ein aufgeschlagenes Buch lag neben ihm; er hatte wohl bis vor Kurzem darin gelesen. So ruhte er still in der vollen Stille des Abends, des Thales und des Waldes, der das Thal einschloß.

Vom Eingang des Thales her wurde der Trab von Pferden und das Rollen von Wagenrädern laut. Er horchte auf, nur einen Augenblick.

„Ah!“ sagte er. Er horchte weiter. „Ja, ja! Sie kommen schnell.“

Er nahm ein feines silbernes Glöckchen, das neben ihm auf dem Sopha lag, und ließ es leise ertönen. Ein alter Mann trat an seine Seite, sein Diener.

„Empfange die Herrschaft,“ sagte der alte Herr. „Führe sie –“ er stockte, sann einen Augenblick nach und fuhr dann fort: „Führe sie hierher, wenn sie zu mir kommen können! Sonst rufe mich!“

„Welche Herrschaft erwarten der Herr Doctor?“ fragte der Diener.

„Alter Thomas, Du wirst vergeßlich. Hörten wir nicht Beide die Schüsse da hinten? Die alte Margarethe, der in dieser Einsamkeit nichts entgeht, hatte uns zuerst darauf aufmerksam gemacht.“

„Der Herr Doctor meinen also –?“

„Ja!“

Der Diener ging. Der Doctor legte die Cigarre auf einen Tisch, der vor ihm stand, erhob sich, wie um besser horchen zu können, verließ aber schon in demselben Augenblicke sein Ruhebett, als ob er des Horchens nicht weiter bedürfe.

Da hielt ein Wagen an der Vorderseite des Hauses, und hastig und erschrocken erschien eine alte Dienerin aus der Veranda.

„Herr Doctor, die Herrschaft aus dem Schlosse!“ rief sie. „Der arme Herr – ach, ich weiß nicht, ob er noch lebt.“

„Leben wird er ja wohl noch,“ sagte der Doctor. „Einen Todten bringen sie mir nicht hierher.“

Der alte Diener kehrte mit einem trübseligen Gesicht zurück.

„Der Herr Doctor hatte Recht. Die Herrschaft kann nicht hierher kommen.“

„So gehen wir zu ihr.“

Der Doctor verließ die Veranda; Diener und Dienerin folgten ihm.

Doctor Fabricius war lange Jahre hindurch, seit Menschengedenken, ausübender Arzt in der benachbarten Kreisstadt gewesen und hatte den Ruf eines vorzüglichen Mediciners und wohlwollenden Menschen. Er war unverheirathet geblieben. „Ein Mann mit einem Höcker,“ pflegte er zusagen, „und eine Frau passen nicht zusammen; der Höcker auf dem Rücken könnte einen auf der Stirn nach sich ziehen.“ Er hatte sich trotz seiner Uneigennützigkeit ein beträchtliches Vermögen gesammelt, von dem er in seinen alten Tagen behaglich leben konnte. Für diese Tage hatte er in dem stillen, einsamen Thale einen weiten Platz angekauft; er ließ das freundliche Landhaus darauf bauen und es mit Gartenanlagen umgeben. Seiner Praxis entsagend, zog er dann sich hierher zurück, nur begleitet von den beiden alten Dienern, die über ein Menschenalter lang bei ihm gelebt hatten. Es war ihm ein Bedürfniß geworden, sich von der Welt zu trennen, aber er war kein Menschenhasser geworden. „Ich liebe die Menschen,“ sagte er oft, „und um mir diese Liebe zu bewahren, meide ich sie. Der Greis versteht die Jugend nicht mehr, nicht einmal das reife Mannesalter. Dem Manne gehört die Welt, obwohl die Jugend meint, daß sie ihr gehöre. Beide spotten über die Drohne, die nicht mehr schaffen kann, um nicht aus dem Korbe geworfen zu werden, verläßt sie ihn daher freiwillig. Das erhält die Liebe, die Freundschaft.“

Auf der Pfarre in Waltershausen und auf dem Schlosse Waltersburg war er während seines ganzen Aufenthaltes in der Kreisstadt ein treuer Hausarzt gewesen. Er blieb es auch jetzt, da sein Tusculum dem Schlosse und dem Dorfe noch einmal so nahe lag, wie die Kreisstadt. In beiden Häusern war er ein hochgeehrter Freund, dem kein Familiengeheimniß fremd war, der für Alle die innigste Theilnahme hatte.

Mit der Welt außerhalb seines Thales hatte er keinen Verkehr. Seine Besitzung lieferte ihm den größten Theil seiner Lebensbedürfnisse, und was etwa fehlte, kaufte der alte Diener monatlich einmal in der Stadt ein. Monatlich einmal brachte ihm dieser auch eine Zeitung der Provinz mit. Nicht einmal der Postbote kam in sein Haus; denn eine Correspondenz unterhielt er nicht. Die Nahrung, die sein Geist bedurfte, gewährte ihm, neben einer reichhaltigen Bibliothek, die Beobachtung des mannigfachen, stets wunderbare Lebens der Natur.

Der heutige Tag sollte den Doctor in die Wirren des Weltgetriebes zurückwerfen.

Vor wenigen Tagen hatte der alte Thomas bei seiner letzten Rückkehr aus der Stadt die Zeitungen mitgebracht und dazu allerlei Neuigkeiten, die in der Stadt das Tagesgespräch bildeten. Das Volk war fast überall in den deutschen Landen unruhig geworden und hatte sich gegen Verfassung und Regierung erhoben. In der Stadt waren schon Beispiele der Nachahmung erlebt worden, und die Besseren hatten mit Schrecken den nahenden Umwälzungen entgegengesehen. Der alte Thomas kam mit Jammer und Wehklage zurück; die alte Margarethe hörte es zitternd an, aber in dem Gesichte des Doctors verzog sich beim Anhören der Nachricht keine Miene. Er durchblätterte ruhig seine Zeitungen, und als er sich über die Sachlage näher unterrichtet hatte, sagte er zu dem alten Diener:

„Was wehklagst Du denn? Das Geschwür, das seine bösen Säfte nach innen abzulagern drohte, ergießt sich nach außen. Der Kranke ist gerettet, wenn – Doch das verstehst Du nicht.“

Bei sich selbst fuhr er fort: Die Katastrophe ist noch nicht da, erst die Krisis. Wohin wird sie führen? Bei jeder Action, auch bei denjenigen der Natur, hängt der Ausgang von der Reaction, vielmehr von den Reactionen ab. Halten sie Maß, so ist der Ausgang ein günstiger; es tritt ein normaler Zustand ein. Ueberschreiten sie aber das Maß, so wird der vorige Zustand zurückgerufen; er steigert sich, wird gefährlicher, zuletzt zerstörend. – Und hier? Es handelt sich um eine schwere Krankheit.

„He, Thomas,“ wandte er sich wieder zu seinem Diener. „Glaubst Du, daß der Aufruhr auch bis hierher in meine Besitzung, in mein stilles ‚Friedenthal‘, vordringen könnte?“

„Das wäre wohl unmöglich, Herr Doctor. Die ganze Gegend verehrt Sie ja, fühlt nur Dank für Sie.“

„Hm, Du gläubiger Thomas! In Zeiten, wie diese, werden die Bande der Verehrung und Dankbarkeit zu allererst zerrissen. Ich würde mich gar nicht wundern, wenn – Hm, sprach man in der Stadt nicht von den Bauern in Waltershausen?“

„Herr!“ rief entrüstet der alte Diener. „Gegen wen sollten die denn revoltiren? Die Schloßherrschaft ist die beste von der Welt.“

„Eben darum, Thomas! Aber genug davon!“

„Ja, Herr, man soll den Teufel nicht an die Wand malen.“

„Den Tag aber auch nicht vor dem Abend loben.“

Der Doctor ging in sein Studirzimmer. – –

Zwei Tage waren seitdem in Ruhe vergangen. Am dritten Tage erschienen die beiden Dienstboten mit leichenblassen Gesichtern bei ihrem Herrn.

„Herr Doctor, Sie hatten Recht. In Waltershausen soll es noch heute losgehen.“

„So? Von wem habt Ihr Eure Nachrichten?“

„Der alte Invalide mit dem Stelzfuß ist da. Er fragt, ob er es Ihnen erzählen soll.“

„Ich danke ihm. Ich liebe diese alten Invaliden mit ihren Rathschlägen nicht.“

„Sie geben ihm doch monatlich seine zwei Thaler, Herr Doctor,“ warf die alte Margarethe ein.

„Ja, weil die Regierung ihm nur Einen Thaler giebt.“

„Sie haben also doch Mitleid mit dem armen Menschen.“

„Mitleid?“ sagte der Doctor wieder für sich. Mitleid? Mit dem armen Teufel wohl, aber nicht mit der Gattung von Menschen, welcher er angehört. Haben diese Burschen doch sich dazu hergegeben, Muth zu zeigen und sich zu Krüppeln schießen zu lassen für eine Sache, von der sie nichts verstehen, die sie oft nicht einmal kennen, die sie zumal in jenen Zeiten nicht kannten, als dieser alte Invalide noch jung war. Sie werden belohnt, bezahlt, mit den herkömmlichen Trompetenstößen, die ihre Thaten als Heldenthaten in die Welt hineinposaunen, und außerdem mit dem monatlichen Gnadenthaler. Und sie sind damit zufrieden und fristen ein trauriges Leben. Freilich, was haben sie mehr verdient, für all das Elend, für all den Jammer, den der Krieg, ihr Schlachten und Morden über das Land gebracht haben? Und [107] die Regierung, was kann sie, die all ihr Geld – ihr Geld? – für den Krieg verbraucht, was kann sie denn mehr geben, als den einen Thaler monatlich? O, dieser Invalidenthaler ist das entsetzlichste Zeichen der Zeit, von dem und von der die spätesten Jahrhunderte als Zeichen und Zeit der tiefsten Verkommenheit noch reden werden. – Hier, gebt dem Burschen heute vier Thaler! Er hat mir einmal wieder eine wohlthätige Gemüthsbewegung gemacht. Die ewige Ruhe bringt oder ist eigentlich schon Fäulniß. Er soll mir aber nicht vor die Augen kommen.“

„Wollen der Herr Doctor auch nicht hören, was er erzählt hat?“ fragte die alte Magd.

„Nein!“

„Aber es könnte uns hier nahe angehen.“

„So werde ich es ohnehin erfahren.“

Die alte Margarethe mußte dennoch ihre Neuigkeiten an den Mann bringen. „Die Bauern im Dorfe,“ sagte sie, „sind in voller Revolution. Der Bauernadvocat ist da und hetzt sie gegen die Schloßherrschaft, ja gegen den braven Pfarrer. Es soll Alles fortgejagt werden.“

„Ja, ja! Geht jetzt!“

„Noch heute fortgejagt werden,“ fügte Margarethe noch schnell hinzu. Dann folgte sie dem Diener, der schon gegangen war.

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Autor: J. D. H. Temme
Titel: Auf Waltersburg
aus: Die Gartenlaube 1878, Heft 7, S. 122–124
Fortsetzungsroman – Teil 6 und Schluß


[122] Das war des Nachmittags geschehen. Der Doctor hatte sich dann auf die Veranda begeben, wie jeden Tag, wenn das Wetter gut war, um der Ruhe zu pflegen, zu lesen, zu rauchen und sich seinen Betrachtungen und Gedanken zu überlassen. Gegen Abend, als die Strahlen der Sonne hell in das Thal fielen, vernahm er Schießen, der Ton kam von Westen her. Auch die beiden Dienstboten hatten es gehört, die alte Margarethe zuerst. Sie meinten, es komme von der Waltersburg und meldeten es dem Doctor, mit Angst und Schrecken in den alten Gesichtern. Die feinen Züge des alten Herrn blieben unverändert.

„Trefft Anstalten,“ sagte er nur, „daß wir Besuch aufnehmen können!“

„Die Rebellen?“ rief entsetzt Margarethe.

„Nein! Geht!“

Sie gingen. Er las wieder und rauchte und hatte seine Betrachtungen und Gedanken, bis die Sonne aus dem Thale verschwunden war und ihre letzten Strahlen nur noch die Bäume oben auf den Bergen vergoldeten. Er legte das Buch zur Seite und verfolgte die Strahlen und die feinen blauen Wölkchen seiner Cigarre. Da hörte er einen Wagen heranfahren; er ließ sein silbernes Glöckchen ertönen, das vor ihm auf dem Tische stand, und befahl dem eintretenden Diener, die Herrschaft zu empfangen und zu ihm zu führen. Der Wagen hielt an der Hausthür. Die alte Magd meldete mit leichenblassem Gesichte, die Herrschaft von Schloß Waltersburg sei da, ob der arme Herr noch lebe, wisse sie nicht. Der Doctor erhob sich, verließ die Veranda und trat an den Wagen, der vor dem Hause hielt.

Er erschrak. Er hatte erwartet, den Schloßherrn zu sehen, [123] aber er stand vor einem unglücklichen Paare, an das er nicht hatte denken können, denn in dem Wagen saßen der Rittmeister und seine Schwägerin. Sie waren ein paar arme, unglückliche Menschen.

Als der Rittmeister sich allein auf den Schloßhof begeben, hatten die Bauern nicht den Muth gehabt, auf ihn zu schießen. Da stürmten die Husaren heran, und auf beiden Seiten wurde geschossen. Der Freiherr Ottokar von Waltershausen fiel. Der Kampf wurde ein wüthender, und die Kugeln flogen hin und her.

In den Kampf hinein stürzte aus dem Schlosse eine von Schmerz und Wahnsinn gejagte Frau. Sie hatte sich nicht um die Menschen gekümmert, die im Schlosse sie hatten zurückhalten wollen, nicht um die Kugeln, die sie aus dem Hofe umflogen. Sie warf sich über den Mann, der in seinem Blute am Boden lag, hob ihn auf mit der Riesenkraft der Verzweiflung und trug ihn in’s Schloß. Als sie ihn den Kugeln entrissen hatte, sank sie erschöpft zusammen.

Der Verwundete wurde untersucht. Er hatte eine unaufhaltsam blutende Wunde in der Brust. Da im Schlosse kein Wundarzt war, so wurde schnell ein vorläufiger Verband angelegt.

„Nach Friedenthal!“ rief dann die Schloßherrin, die wieder zu sich gekommen war. „Angespannt! Sofort!“ befahl sie.

Sie hatte den einzigen Ausweg gefunden, der offen stand, und Niemand widersprach ihr. Der Wagen wurde angespannt und der Verwundete in Betten hineingetragen. Die Schloßherrin setzte sich zu ihm, und ein paar alte Diener begleiteten sie.

„Adalbert,“ sagte sie zu ihrem Gatten, der ebenfalls in den Wagen steigen wollte, „Ehre und Muth gestatten Dir nicht, Dein Schloß und Deine Leute in der Gefahr zu verlassen.“

„Ja, Adalbert,“ meinte auch der Baron Kurt, „unser Ehrenplatz ist hier.“

Die beiden Brüder blieben. Durch ein Hinterthor mußte der Wagen das Schloß verlassen, und an den Oekonomiegebäuden entlang seinen Weg nehmen, denn der Kampf zwischen den Bauern und Husaren dauerte fort.

Man erreichte ohne Gefahr durch einsame Waldwege das Landhaus des Doctor Fabricius. Dieser fand den Verwundeten, umfangen von den weichen Armen der schönen Frau, im Zustande völliger Ermattung und Erschlaffung, einem Todten gleich.

„Möchten Sie helfen, möchten Sie retten können!“ sagte Emma von Waltershausen.

„Hoffen wir!“ erwiderte der Arzt.

Der Verwundete wurde in ein Zimmer gebracht und auf ein Bett gelegt. Er schlug die Augen nicht auf.

„Jetzt, gnädige Frau,“ sagte der Arzt, „muß er mir gehören. Darf ich bitten, sich in ein Gemach zu begeben, das meine alte Margarethe für Sie hergerichtet?“

„Muß es sein?“ fragte die Dame.

„Es muß sein, um Ihretwillen und um seinetwillen.“

Sie verließ, von ihrer Kammerfrau begleitet, das Zimmer.

Der Arzt begann die Untersuchung des Verwundeten; sein alter Diener und der der Baronin unterstützten ihn. Die Kugel war in die Brust gedrungen, tief in die rechte Lunge hinein.

„Werde ich leben, Doctor?“ fragte der Rittmeister, jetzt erst die Augen aufschlagend.

„Ihr Leben steht in Gottes Hand,“ antwortete der Doctor, „ich will aufrichtig sein, wie der Arzt gegenüber einem Manne, der den Tod nicht fürchtet, es sein darf. Die Kugel muß aus dem Körper entfernt werden, wenn Sie genesen sollen, und es muß schleunigst geschehen, lieber Baron. Die nächste Viertelstunde entscheidet über Ihr Leben.“

„Ich danke Ihnen,“ sagte Ottokar von Waltershausen. „Darf ich meine Schwägerin sehen?“ fragte er dann.

„Ich führe sie zu Ihnen.“

Der Doctor ging zu der Baronin. Sie las in seinem Gesichte die Nachricht, die er ihr zu bringen hatte.

„Er stirbt; ist er schon todt?“

„Er lebt!“ erwiderte der stets ruhige Arzt.

„Aber muß er sterben? Und ich bin seine Mörderin.“

„Gnädige Frau, er wünscht Sie zu sprechen. Es muß sofort eine Operation vorgenommen werden, um die Kugel aus der Brust zu entfernen. Ich habe wenig Vertrauen, daß sie gelingt. Ich kenne vollkommen Ihre Lage gegenüber Ihrem vortrefflichen Schwager. Machen Sie in den wenigen Minuten, die Sie ihm noch widmen können, sich keinen Vorwurf! Jeder solcher Vorwurf würde für ihn ein Fluch sein, mit dem er vom Leben scheiden müßte. Geben Sie mir als muthige Frau Ihre Hand!“

„Gehen wir!“ sagte sie und reichte ihm die Rechte.

Sie gingen in’s Zimmer des Verwundeten. Beide sprachen kein Wort weiter mit einander. Der Arzt gab den Dienern einen Wink und entfernte sich mit ihnen.

Emma von Waltershausen war mit ihrem Schwager Ottokar allein. Sie war leise eingetreten, und der Arzt hatte ihre Anwesenheit dem Freiherrn nicht mitgetheilt: dieser lag mit geschlossenen Augen auf seinem Lager; er hatte also auch ihr Eintreten nicht wahrgenommen. Aber er hatte ja den Arzt gebeten, sie zu ihm zu führen und konnte durch ihr Erscheinen nicht überrascht werden. Sie setzte sich leise auf einen Stuhl vor dem Bette und regte sich nicht, wartend, bis er die Augen aufschlagen werde; sie durfte seinen Schlummer, und wenn er auch nicht schlummerte, seine Ruhe nicht stören. Ihre Augen waren auf ihn gerichtet, auf die schönen männlichen Züge, die auch in der Nähe des Todes den Ausdruck der Kraft, des Muthes bewahrt hatten.

Der Verwundete schlug die Augen auf, und sein Blick begegnete dem ihrigen. Er wollte ihren Namen aussprechen, aber die Kräfte versagten ihm. Sie legte ihre Hand leicht und weich auf die seinige.

„Ottokar,“ hauchte sie, „mein theurer Ottokar!“

Sie wollte weiter sprechen, allein ein leiser Druck seiner Hand hinderte sie. Sie sah ihn fragend an. Seine Augen baten sie um eine Pause – er schien sprechen zu wollen. Sie möge sich zu ihm neigen, winkte er ihr dann. Sie that es, und er sprach flüsternd zu ihr:

„Emma, ich fühle den Tod herannahen. Er befreiet mich; denn in seiner Nähe darf ich Dir sagen, wie unendlich ich Dich liebe. Dem Sterbenden verzeihst Du auch die unglückliche Stunde des heutigen Tages –“

„Ich trieb Dich in den Tod, Ottokar,“ unterbrach sie ihn, „o, diese unglückliche Stunde! Ich war herzlos –“

Sie wand sich in Schmerz; sie hätte sich auflösen mögen in Thränen. Er aber hatte angesichts des Todes sich die Ruhe des muthigen Mannes bewahrt.

„Nein, meine Emma! Du triebst mich nicht in den Tod. Als ich Dich wiedersah nach so langer Zeit, als es mir zum klaren Bewußtsein wurde, daß ein Leben ohne Dich mir eine Qual sei, da – ich gestehe es – kam der Gedanke über mich, die Qual von mir zu werfen, den Tod zu suchen. Aber Herr wurde der Gedanke nicht über mich. Meiner Ehre und meiner Pflicht, ihnen allein wollte ich folgen; ihnen folgte ich, als die tödtliche Kugel mich traf.“

Sie hatte sich gefaßt.

„Du bist großmüthig,“ sagte sie.

„Ich bin nur aufrichtig, Emma. Und, um es Dir ganz zu beweisen, wiederhole ich meine Bitte. Verzeihe mir jene Stunde! Vertilge sie aus Deinem Gedächtnisse!“

Ruhig, wie er, konnte auch sie nun sprechen.

„Ottokar, ich hatte Dir in dem Augenblicke verziehen, da ich Dir zürnen wollte. Aber für mich hatte ich keine Verzeihung. Ich trug eine schwere Schuld, ich allein – und ich mußte hart, zurückstoßend gegen Dich scheinen, um Dir nicht zu verrathen, wie unendlich mein Herz litt. Jedes Wort hätte Deine Leidenschaft wieder anfachen müssen; ich fühlte meine Schwäche, und ich wollte eine ehrliche Frau bleiben.“

„Habe Dank, Emma!“

Es waren seine letzten Worte. Noch einmal drückte er ihre Hand. Dann griff er krampfhaft nach dem Herzen. Die Stimme versagte ihm; seine Augen waren gebrochen; sein Herz hatte aufgehört zu schlagen.

Die unglückliche Frau umklammerte die theure Leiche und preßte heiße Küsse auf die Lippen, die Augen und die Stirn des Todten. Der Tod gab ihr, was das Leben ihr versagt hatte, sie durfte ihn küssen.

Der Arzt hatte draußen die Bewegung im Zimmer gehört. Er trat ein und sah das Antlitz des Todten.

„Er starb den Tod des Glücklichen!“ sagte er. „Kommen Sie, unglückliche Frau!“ fügte er hinzu und zog sie sanft von dem Todten hinweg. „Ihr Platz darf hier nicht länger sein.“

[124] Noch einmal wollte in ihr die Leidenschaft aufflammen.

„Ich bleibe hier. Hier ist mein Platz. Ich will, ich muß mit ihm sterben.“

„Unglückliche!“ sagte der Arzt.

Aber ihre Kraft war gebrochen, plötzlich, nach allen den Aufregungen des Tages. Sie war in ihren Stuhl zurückgesunken.

„Gehen wir!“ bat der Doctor nach einigen Augenblicken und nahm ihre Hand.

Sie erhob sich und folgte ihm wie ein müdes Kind. Er führte sie in ihr Gemach und schickte ihre Kammerfrau zu ihr. Seiner wartete schon eine andere Liebespflicht.

Die Dunkelheit des Abends war eingetreten, mit ihr hatte tiefe Stille sich über das Thal ausgebreitet, über Berg und Wald umher. Durch Dunkel und Stille drangen sonderbare Töne zu dem Landhause herüber; sie kamen näher und näher. Der alte Thomas, der draußen stand, hatte sie zuerst vernommen.

„Ein Wagen?“ fragte er sich. „Aber die Räder knarren so besonders. Und es kommt so langsam heran. Und doch!“ Er horchte verwundert und blickte erwartungsvoll in das Dunkel unter den Bäumen, aus dem das Erwartete zum Vorschein kommen mußte.

„In der That ein Wagen! Und welche Ladung trägt er denn? Nur ein Pferd zieht ihn, und vier – nein fünf Menschen bei ihm! Kleine Kinder? Was wird uns da gebracht?“

Er wollte in’s Haus eilen und seinem Herrn ankündigen, was er gehört und gesehen hatte, welcher neue, unbekannte Besuch dem Landhause bevorstehe. Der Doctor war schon in der Hausthür erschienen. Auch er hatte unbestimmt das Nahen eines Wagens gehört, und als er draußen es deutlicher vernahm, wußte er, wer es war, der da kam.

„Ja, ja,“ sagte er nur für sich.

Dann ging er dem Gefährt und den Menschen, die es begleiteten, entgegen.

„Armer Freund, auch Sie! Aber wir sind ja – rasch genug – in eine Zeit eingetreten, in welcher alles Gute und Edle verfolgt wird und die Gemeinheit und Niederträchtigkeit triumphirt. Seien Sie mir willkommen mit Kind und Kegel, mit Sack und Pack!“

Er schüttelte dem Pfarrer die Hand und drückte sie jedem der Kinder; als er sie Reginen drückte, durchrieselte diese ein Schauer. Durch die Dunkelheit traf sie ein Stechen seiner Augen, vor dem sie die ihrigen niederschlagen mußte. Ruhig sprach er dann weiter, indem sie dem Hause sich näherten.

„Und meinen besten Dank nehmen Sie, daß Sie gleich an mich dachten, den alten Freund! Ich wäre, wenn die Bauern mich von hier vertrieben hätten, nur zu Ihnen gekommen. Und noch einen anderen Grund des Dankes habe ich: Sie bringen wieder das Leben in das Haus des Todes.“

Der Pfarrer blickte ihn fragend an.

„Ja,“ erhielt er zur Antwort, und sie war nicht allein an ihn gerichtet. „Ja, der arme Ottokar von Waltershausen – seine Schwägerin brachte ihn hierher – er wurde vor wenigen Minuten von seinen Schmerzen erlöst.“

„Der Rittmeister –?“ rief der Pfarrer.

Er erhielt keine Antwort; denn der Doctor sah Regine wanken und war schnell an ihrer Seite; er stützte sie.

„Ja, Regine,“ sagte er, zu dem Mädchen gewandt, das er hatte aufwachsen sehen wie die übrigen Kinder des Pfarrers, und für das er daher noch immer ein vertrauliches Du hatte, „Du kommst zu einer Leiche. Und Du kannst mit einer Unglücklichen, mit einer anderen Unglücklichen,“ verbesserte er sich, „an das Todtenlager treten –“

Es waren wohl seltsame Worte, und noch mehr mußte der Ton auffallen, mit dem er sie gesprochen hatte. Nur die Baronin hatte er zuerst eine Unglückliche genannt. War sie, Regine, denn nicht auch eine solche? Sie zuckte an seinem Arme heftig zusammen; erst da nannte er auch sie so. Und dann gab er der Regung seines guten Herzens noch mehr Folge.

„Regine,“ fuhr er so leise zu ihr fort, daß nur sie es hören konnte, „Du mußtest einmal die Wahrheit von mir hören. Es ist geschehen. Ich bin fortan nur noch Dein verzeihender Freund.“

Sie hatten das Haus erreicht.

„Seid mir Alle willkommen!“ drückte der Doctor ihnen noch einmal die Hände.

Dem alten Thomas befahl er dann, den Wagen abzupacken und für die Sachen und das Pferd zu sorgen. Margarethe mußte der kleinere Kinder sich annehmen, er selbst aber hatte zunächst noch die andere Unglückliche aufgesucht. Er fand die Baronin, sie, die an Dulden und Entsagen gewöhnt war, gefaßt. Er durfte ihr mittheilen, wer angekommen.

Es durchzuckte sie. „Regine!“

„Sie ist auch eine Unglückliche,“ sagte der Doctor, „und –“

Er brach ab, ging ein paar Mal im Zimmer auf und ab und trat entschlossen wieder zu der Baronin.

„Ja, meine liebe Frau Baronin, es sind Unterschiede zwischen Ihnen und Jener. Lassen Sie mich hier von allen nur einen hervorheben! Sie haben gebüßt; denn ganz ohne Schuld waren auch Sie nicht. Regine muß noch büßen, mehr als Sie; sie trägt an einer schwereren Schuld. Erleichtern Sie es ihr, durch eine freundliche Verzeihung dessen, was sie gegen Sie verbrach!“

„Führen Sie mich zu ihr!“ sagte die Baronin, indem sie sich erhob.

„Ich bringe sie zu Ihnen.“

Er ging zu Regine zurück.

„Begleitest Du mich zu der Baronin?“

Sie erschrak.

„Ihr sollt Freundinnen werden.“

Sie folgte ihm. Die beiden Frauenherzen weinten bitterlich mit einander, und die Thränen hatten einen festen Freundschaftsbund eingeweiht. –

Der Friede der Herzen, die Ruhe des Todes sollte in dem Friedenthal noch einmal gestört werden. Der Bauernaufruhr in Waltershausen war schnell niedergeworfen worden. Pferde sprengten in das Thal; Waffen klirrten; laute Rufe ertönten. Alles war auf den Fersen eines gehetzten Menschen, der um sein Leben lief. Ein Schuß fiel; der Mensch sank mit einem dumpfen Schrei zusammen. Der Bauernadvocat, von den Husaren verfolgt, war tödtlich getroffen worden.

Von Emil Brunn hat man niemals wieder etwas gehört. Ob er beim Bauernaufruhre gefallen oder entflohen – man weiß es nicht.