Bittet, so wird Euch gegeben!

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche
Textdaten
<<<
Autor:
Titel: Bittet, so wird Euch gegeben!
Untertitel:
aus: Aus dem Märchenschatz der Kaschubei, S. 43–46
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 1909
Erscheinungsdatum: 1930
Verlag: Fuchs & Cie.
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Danzig
Übersetzer: Friedrich Lorentz
Originaltitel: Proszta, a będze wom dany!
Originalsubtitel:
Originalherkunft: Gryf 1, 73–75
Quelle: Pomorska Digitale Bibliothek, Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Aus dem Märchenschatz der Kaschubei.djvu
Bild
{{{EXTERNESBILD}}}
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[43]
Bittet, so wird Euch gegeben!

Es war einmal ein hochbetagter Mann, der war schon über achtzig Jahre alt. Er las einmal: „Wer bittet, dem wird gegeben werden, wer sucht, der wird finden, und wer anklopft, dem wird man öffnen.“ Da dachte er bei sich: „Kann das wahr sein? Würde man mir die Königstochter geben, wenn ich um sie bitte, mir armen Greise?“ Und er beschloß, zu erproben, ob sich die Worte berwahrheiten würden.

Er machte sich auf und ging geradeswegs zum königlichen Schlosse. Der König hatte eine sehr schöne Tochter, um die sich die Königssöhne von [44] weit und breit bewarben. Der Greis klopfte an die königliche Tür, und man öffnete ihm. Da sagte er zu sich: „Das ist also wahr: wer anklopft, dem öffnet man!“

Als man ihn beim König eintreten ließ, saß dieser auf einem goldenen Thron und neben ihm seine Tochter. Der Greis verbeugte sich ehrfurchtsvoll und bat den König, ihm seine Tochter zur Frau zu geben.

Der König wunderte sich sehr, daß solch’ armer Greis um seine Tochter zu bitten wagte, aber er sagte: „Du sollst meine Tochter zur Frau haben, wenn du mir ein Stück Bernstein bringst, das so groß ist, wie dein Kopf.“ Der Bernstein war nämlich früher wertvoller als Gold.

Da dachte der Greis an das Wort: „Wer sucht, der wird finden“, und sprach zu sich: „Ich werde suchen und sehen, ob sich auch dies Wort bewahrheitet.“

Er suchte und suchte, aber er fand nichts. Zuletzt kam er in einen großen Wald. Als er dort an einer Espe vorüberging, hörte er eine Stimme: „Laß’ mich hinaus.“ Er sah sich um, konnte aber niemand erblicken. Schon wollte er weiter gehen, da hörte er zum zweiten Male dieselbe Stimme: „Laß mich hinaus!“ Er blickte sich überall genau um und sah endlich eine winzig kleine Flasche an einem Zweige der Espe hängen, aus der die Stimme kam.

In der Flasche saß eine kleine ganz schwarze Gestalt, die nochmals sagte: „Laß mich hinaus!“ Der Greis wunderte sich sehr und fragte: „Wie bist du dort in die Flasche gekommen?“ „Das hat der Glatzkopf (Glatzkopf nennen die Teufel die Priester) getan“, antwortete es aus der Flasche. „Ich bin einer von den Teufeln aus der Hölle und saß in einem besessenen Menschen. Der Glatzkopf hat mich ausgetrieben und in dieser Flasche an den Baum gehängt.“

[45] „Wenn es so ist“, antwortete der fromme Alte, „so kann ich dich nicht herauslassen.“ Aber der andere begann ihm Versprechungen zu machen: „Wenn du mich hinausläßt, so will ich dir geben, was deine Seele nur begehrt.“

Der Greis fragte: „Würdest du mir ein Stück Bernstein bringen, das so groß ist, wie mein Kopf?“ „Das bringe ich dir,“ antwortete der Teufel, „wenn du mich nur hinausläßt.“

Da zog der Alte den Pfropfen aus der Flasche, und der Teufel, klein, wie er war, sprang heraus. Aber er wuchs schnell und wuchs vor den Augen des Alten zu einem großen Manne heran. „Mein Versprechen werde ich halten,“ sagte er zu dem Greise, „in kurzer Zeit sollst du ein Stück Bernstein haben, das so groß ist wie dein Kopf.“

Mit diesen Worten verschwand der Teufel, und es dauerte nicht lange, da kam er mit einem Stück Bernstein zurück, das so groß war wie ein Menschenkopf.

Der Alte aber dachte: „Wehe! was habe ich getan, daß ich den eingeschlossenen Teufel wieder in die Welt kommen ließ! Wie bekomme ich ihn nur wieder in das Fläschchen zurück?“

Da kam ihm ein guter Gedanke und er sagte zu dem Teufel: „Du bist doch nicht derselbe Teufel, den ich aus dem Fläschchen herausließ? Vorher warst du so klein und jetzt bist du so groß!“ Der Teufel antwortete: „Ich bin wirklich derselbe!“ Aber der Alte wollte es nicht glauben und sagte: „Das glaube ich nicht früher, als bis du mir zeigst, wie du in der Flasche Platz finden konntest.“

„Das will ich dir gleich zeigen“, antwortete der Teufel, schnell machte er sich kleiner und kleiner, sprang auf die Flasche und kroch durch den Hals hinein. Der Alte aber nahm schnell den Pfropfen und verschloß die Flasche, hängte den Teufel an den Baum und sagte: „Jetzt sitze nur weiter!“

Darauf nahm er sein Stück Bernstein und ging geradeswegs zum königlichen Schlosse. Unterwegs aber sprach er zu sich: „Das ist also wahr, und hat [46] sich an mir erfüllt: wer sucht, der wird finden. So, wie zum Beispiel ich das Stück Bernstein.“

Als der Greis mit dem Stück Bernstein zum König kam, saß dieser auf dem goldenen Throne, auf einem kleineren Throne saß seine Tochter und rings herum standen viele vornehme Herren.

Der König sagte zu dem Greise: „Ich habe dir meine Tochter verspochen, wenn du mir ein Stück Bernstein von der Größe deines Kopfes bringen würdest. Diese Bedingung hast du erfüllt, und ich will auch mein Wort halten. Nimm meine Tochter.“

Der Greis verbeugte sich und sagte: „Lieber Herr König! Das Stück Bernstein schenke ich dir, aber deine Tochter will ich nicht, ich bin alt, und sie ist jung, das würde schlecht zusammen passen. Ich wollte nur sehen, ob die Worte wahr wären, die ich in dem Buche las: Wer anklopft, dem wird aufgetan, wer sucht, der wird finden, wer bittet, dem wird gegeben werden. Ich habe an die Tür deines königlichen Schlosses geklopft, und man hat mir geöffnet, ich habe im Walde gesucht und das Stück Bernstein gefunden, ich habe um deine Tochter gebeten, und du wolltest sie mir geben. Das wollte ich nur sehen und weiter nichts.“

Da freute sich der König sehr und schenkte dem Alten viel Geld, daß er ohne Sorgen leben konnte.