Briefe Richard Wagners an eine Putzmacherin
Inhaltsverzeichnis |
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[II] Von diesem Werk wird zugleich eine Vorzugsausgabe von hundert nummerierten Exemplaren auf Büttenpapier in feinem Leder gebunden aufgelegt. [III]Briefe Richard Wagners an eine Putzmacherin veröffentlicht von
Verfasser der Wiener Spaziergänge Unverkürzte Ausgabe
Verlagsbuchhandlung Carl Konegen (Ernst Stülpnagel) [IV] Alle Rechte, auch das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten [V] Einbegleitung [VII] Die hiemit in Buchform publizierten Briefe Richard Wagners an eine Putzmacherin[WS 1] erschienen im Jahre 1877 in der »Neuen Freien Presse«[1] und wurden damals von dem als Verfasser der geistvollen »Wiener Spaziergänge« bekannten Daniel Spitzer in der hier unverkürzt vorliegenden Fassung veröffentlicht. Ungeachtet des außergewöhnlichen Aufsehens, das diese Enthüllungen [VIII] bei ihrem Erscheinen, sechs Jahre vor Wagners Tode, zur Folge hatten, und so heftig die Jünger des Komponisten – nicht etwa gegen den Inhalt, sondern gegen die Bekanntgabe der Briefe – protestierten, gerieten die Schriftstücke allmählich in Vergessenheit. Die Aufsätze wurden nämlich seither nicht nachgedruckt und zählen heute zu gesuchten Raritäten im Antiquariatshandel. So kam es, daß eine bedeutsame Quelle für die richtige Wertung des Menschlichen, ja Allzumenschlichen in Richard Wagner verschüttet ward und es bis jetzt auch blieb. [IX] Ob der Zufall oder berechnende Absicht dabei im Spiele war, ist gleichgiltig. Sollte es nun überhaupt noch einer Motivierung dafür bedürfen, daß diese »documents humains« neuerdings ans Licht treten, so möge die Wahrheit der Geschichte für sie zeugen und einstehen. Der Wahrheit obliegt es, eine uns ohne diese Selbstbekenntnisse nur halb verständliche Seite des Menschen und Künstlers Wagner aufzuhellen. Wenn es dem ebenso scharf blickenden wie schreibenden Spitzer darum zu tun war, mit einem Kennworte diesen Briefen die Signatur [X] aufzudrücken, so fand er mit dem ihnen vorangestellten Motto: »Wie gleicht er dem Weibe!« im Jahre 1877 sein Auslangen. Als scheinbar zureichender Kommentar genügte dies harmlose Zitat aus der »Walküre« vor drei Dezennien vollauf ihm und der damaligen Leserwelt. Für unser heutiges Zeitalter jedoch, dem wohl die Leidenschaftlichkeit in der Beurteilung nacktester Menschlichkeit allgemach verloren gegangen ist, und das die Lehren eines Lombroso, Krafft-Ebing und Nordau der breitesten Allgemeinheit zugänglich macht; für unser Streben nach Erkenntnis jener Beziehungen, welche die körperliche [XI] Natur des Menschen mit seinen geistigen Schöpfungen zu einem unlösbaren Ganzen verknüpfen; vor allem für den unbefangenen Biographen, der die Einheit von Psyche und Physis nicht geflissentlich übersehen darf, bedeuten diese sonderbaren Atlasbestellungen ein nicht zu unterschätzendes Beobachtungsmaterial. Diese sechzehn Briefe sind in mehr als einer Hinsicht wichtig für den sterblichen Wagner; dem Künstler und Schöpfer so vieler unsterblicher Meisterwerke sollen und können sie nichts anhaben. Daß die Episteln an die Putzmacherin mit dem unverändert gelassenen [XII] Texte Daniel Spitzers wieder aufleben, findet seine Begründung darin, daß die von ihm gewählte Darstellung, zumal durch Veröffentlichung in einer führenden Tageszeitung, heute literarhistorische Bedeutung erlangt hat. Ganz abgesehen davon soll mit der Buchausgabe zugleich eine Rehabilitierung verbunden sein, welche die gerechte Nachwelt dem Satiriker schuldet. War er doch wegen dieser Feuilletons von seinen Widersachern als Verläumder und Lügner in Acht und Bann getan worden. Ihnen und insbesondere jenen, die sich an dem klardenkenden und [XIII] ehrenhaften Manne für ihre gekränkte Überempfindlichkeit dadurch zu entschädigen vermeinten, daß sie ihn schließlich geradezu der Manuskriptenfälschung bezichtigten, seien seine treffenden Worte entgegengehalten: »Unsere großen Männer haben noch nie etwas in dem Ansehen der Welt verloren durch die Veröffentlichung ihrer intimen Briefe. Das hat man nicht dem Zartsinne derjenigen zu danken, die sie herausgegeben, sondern dem Charakter Jener, die sie geschrieben.« P. T.[WS 2]
[XV] Die Originalbriefe Richard Wagners an eine Putzmacherin befinden sich im Besitze der »Gesellschaft der Musikfreunde« in Wien. („Walküre“, 1. Aufzug, Hunding.) [5] In einem jüngst von einem Autographenhändler veröffentlichten Kataloge einer »hochinteressanten Kollektion von Original-Musik-Manuskripten« fand ich auch sechzehn Briefe Richard Wagners aus den Jahren 1864—1868 »sonderbaren Inhalts« zum Verkaufe angeboten. Kein Mensch wird zwar von den Briefen eines Original-Genies erwarten, daß sie etwa nicht sonderbaren Inhalts seien, [6] aber dennoch fesselte diese vielversprechende Andeutung des Katalogs mein Interesse so sehr, daß in mir der Wunsch rege wurde, mich in den Besitz dieser Manuskripte zu setzen. »Sonderbar?« — rief ich kopfschüttelnd — »höchst sonderbar!«. Nun hat aber Richard Wagner als Mensch wie als Dichter, Pamphletist und Komponist uns schon mit so vielen Sonderbarkeiten überrascht, daß der Phantasie bezüglich des Inhalts dieser Briefe ein sehr großer Tummelplatz geboten war. Handelte es sich vielleicht um Freundschaftsbriefe an seinen lieben Freund Bülow oder um Liebesbriefe, oder um Briefe an irgend eine deutsche [7] Jungfrau oder einen deutschen Jüngling? Wie sonderbar, dachte ich, müßten Privatbriefe von ihm an einen deutschen Jüngling sein, da schon das, was er über diesen drucken ließ, so außerordentlich merkwürdig ist. In dem achten Bande seiner »Gesammelten Schriften und Dichtungen«, und zwar in dem zweiten Abschnitte seines Aufsatzes über »Deutsche Kunst und deutsche Politik«, Seite 49, fanden wir nämlich folgende reizende Stelle: »Heil dir, Schiller, der du dem wiedergeborenen Geiste die Gestalt des ,deutschen Jünglings' gabst, der sich mit Verachtung dem Stolze Britanniens, [8] der Pariser Sinnenverlockung gegenüberstellt! Wer war dieser ,deutsche Jüngling'? Hat man je von einem französischen, einem englischen Jünglinge gehört? Und wie untrüglich deutlich und greifbar faßlich verstehen wir doch sogleich diesen ‚deutschen Jüngling'! Diesen Jüngling, der in Mozarts keuscher Melodie den italienischen Kastraten beschämte, in Beethovens Symphonie männlichen Mut zu kühner, welterlösender That gewann.« Herr Richard Wagner verrät nichts weiter über den musikalischen Entwicklungsgang, den der »deutsche Jüngling« genommen, aber wir glauben [9] die gegebenen Andeutungen im Sinne des Meisters zu ergänzen, wenn wir annehmen, daß es die Aufgabe dieses mysteriösen »deutschen Jünglings« in unserer Zeit sei, einem Wagner-Vereine beizutreten und fanatischer Wagnerianer zu werden, und daß »die kühne, welterlösende That«, zu der er in Beethovens Symphonie den männlichen Mut gewann, nunmehr in nichts Anderm bestehen könne, als in Wagners Opern mit Mannesfäusten zu applaudieren und so wie in Mozarts keuscher Melodie den Kastraten, in des Meisters weniger keuschen »Walküre«, jeden Claqueur zu beschämen. [10] Der ziemlich hohe Preis, der für die erwähnten Briefe verlangt wurde, verringerte wohl ein wenig meine Kauflust, steigerte aber dafür in hohem Grade meine Neugierde, und da die letztere glücklicherweise von der Redaktion der »Neuen Freien Presse« geteilt wurde, ward ich bald in den Stand gesetzt, jene anzukaufen und sie nun zur Erheiterung des großen Leserkreises dieses Blattes zu veröffentlichen. Die Briefe sind weder an Bülow noch an Cosima, noch an einen deutschen Jüngling, sondern an ein deutsch-österreichisches Fräulein gerichtet, an eine Wiener Putzmacherin nämlich, die nach den eifrigen Forschungen, [11] die ich angestellt habe, in ihrem Fache äußerst gewandt und tüchtig sein soll, und die daher das Vertrauen, das der Meister ihrem Geschmacke bezüglich der Anfertigung des Aufputzes der zahllosen Atlas-Schlafröcke und Atlas-Bettdecken, von denen in diesen Briefen die Rede sein wird, in vollem Maße geschenkt hat, auch wirklich verdiente. Richard Wagner sagt in dem Vorbericht zu einigen, übrigens vollständig mißlungenen Aufsätzen, die er »Censuren« betitelt (Gesammelte Schriften, 8. Band, Seite 253): »Doch habe ich mit dieser Sammlung etwas Ernsteres vor, als Bücher zu schreiben; mich verlangt [12] es, meinen Freunden Rechenschaft von mir zu geben, damit sie über manches an mir schwer Verständliche sich aufzuklären vermögen.« In diesem Bestreben will ich denselben durch Veröffentlichung der nachfolgenden Briefe unterstützen, und dadurch, daß auch ein Anderer als er selbst sich der nach seiner Ansicht so überaus ernsthaften Beschäftigung widmet, zur Aufklärung über ihn beizutragen, dürfte dem Übelstande vorgebeugt werden, daß das Publikum ihn nur in jenem Lichte sieht, in dem er gesehen zu werden für zweckmäßig hält. Maler und Bildhauer haben bereits aus seinem Kopfe alle [13] schnöden und häßlichen Züge, die sich dem Beobachter auf den ersten Blick aufdrängen, hinwegidealisiert; seine Anhänger haben auch den Menschen Wagner mit einem Nimbus umgeben, der ihn bis zur Unkenntlichkeit umstrahlt, und wenn auch derjenige, der zu lesen versteht, in den Schriften Wagners den wirklichen Charakter desselben herausfinden könnte, so hat der Meister doch, wie Wotan seine Tochter, die Walküre, seine Geisteskinder mit einer »wabernden Lohe« von Langeweile, Verschwommenheit des Ausdrucks und Unklarheit des Gedankens gegen den Leser geschützt, [14] »der frech es wagte, dem freislichen Felsen zu nahen«. Er scheint selbst das Ungenießbare der meisten seiner Aufsätze zu ahnen, wenn er auch seine Fehler bei den Rücksichten, die er sich schuldet, in äußerst milder und nachsichtiger Weise beurteilt. So spricht er in der »Einleitung zum dritten und vierten Bande« (III. Band, Seite 3 und ff.) von der »begeisterten Erregtheit, welche durchwegs meinen Stil beherrschte und meinen Aufzeichnungen mehr einen dichterischen als wissenschaftlich-kritischen Charakter gab«; er erklärt ferner, daß »der Einfluß eines unwählsamen Hereinziehens philosophischer [15] Maximen der Klarheit meines Ausdruckes« nachteilig war; er teilt mit, daß er den Schriften Ludwig Feuerbachs »verschiedene Bezeichnungen für Begriffe entnommen hatte, welche ich auf künstlerische Vorstellungen anwendete, denen sie nicht immer deutlich entsprechen konnten«; er erwähnt »eine leidenschaftliche Verwirrung, welche sich als Voreiligkeit und Undeutlichkeit im Gebrauche philosophischer Schemata kundgab«, und macht endlich darauf aufmerksam, daß er für ganz klare Bezeichnungen Schopenhauers aus unbegreiflichen Gründen gänzlich unklare gewählt habe u. s. w. [16] Die Briefe Richard Wagners an eine Putzmacherin, die ich der Öffentlichkeit übergebe, haben daher einen unleugbaren Vorzug vor seinen anderen Schriften, die er selbst veröffentlicht hat — sie sind nämlich klar, und Wagner spricht in ihnen, wie er denkt, höchstens daß in ihnen manchmal die »begeisterte Erregtheit« herrscht, wenn er der Putzmacherin schildert, wie der Schlafrock, den er benötigt, aufgeputzt und gefüttert sein müsse; aber daran liegt nichts, denn kein billig Denkender wird von einer solchen Abhandlung verlangen, daß sie einen »wissenschaftlich-kritischen Charakter« an sich trage. Dagegen entlehnt [17] er hier weder Ludwig Feuerbach noch Schopenhauer Bezeichnungen, um sie unrichtig, etwa auf gesteppte Bettdecken anzuwenden. Ebenso hütet er sich vor dem »unwählsamen Hereinziehen philosophischer Maximen«, die der Klarheit seines Ausdrucks nachteilig werden könnten, und vor »leidenschaftlicher Verwirrung«, denn mit einer Putzmacherin muß man vorsichtiger sein, als mit dem Leser von ästhetischen Abhandlungen. Wenn nämlich dieser den Autor nicht richtig aufgefaßt hat, so liegt weiter nichts daran, da er ja in der Regel auf das Gelesene ohnehin kein Gewicht legen und es in der nächsten Stunde vergessen [18] haben wird. Die Putzmacherin legt aber auf jedes Wort Wagners Gewicht und vergißt nichts: wenn sie ihn mißversteht, so macht sie einen Schlafrock statt aus dunklem Rosa-Atlas aus violettem Rosa-Atlas, und man wird aus den Briefen entnehmen, wie sehr der Meister einer solchen Verwechslung vorzubeugen trachtet. Man wird die herbe Männlichkeit, sowie den Haß gegen alles Frivole, die der Meister in seinen Schriften zur Schau zu tragen bemüht ist, in den folgenden Beiträgen aus seiner Feder leider vermissen; man wird an dem Schreiber derselben auch nicht die geringste Spur von dem »deutschen [19] Jüngling« zu entdecken vermögen, »der sich mit Verachtung der Pariser Sinnenverlockung gegenüberstellt«, auch nicht den kleinsten Überrest von dem »deutschen Jüngling«, der »den italienischen Castraten beschämte«, sondern man wird einen deutschen Mann im Schlafrock sehen, mit dem sich auch die putzsüchtigste Pariserin nicht zu messen vermag. Es ist eine Posse, die ich dem Publikum biete, es möge darüber lachen, aber nicht vergessen, daß auch diese im Dienste der Wahrheit steht. Liebe Fräulein Bertha!
Richard Wagner.
Bald darauf folgte ein Brief aus Starnberg: [21]
Der erste Brief ist aus Penzing bei Wien datiert. Wir entnehmen aus [25] demselben, daß die geschäftlichen Beziehungen des Meisters zu der Putzmacherin schon seit längerer Zeit bestehen, denn er sieht sich bereits veranlaßt, sie mit der Bezahlung auf die Zukunft zu vertrösten. Wie so viele deutsche große Genies, wie Lessing, Schiller, Mozart und Andere, finden wir auch Wagner häufig in Geldverlegenheiten, nur tröstet uns der zweite Brief sofort darüber, daß es, dem Himmel sei Dank, nicht wie bei Jenen gemeine Nahrungssorgen sind, die ihn bedrängen, sondern daß nur der Luxus, dem er bezüglich seiner Schlafröcke fröhnt, daran schuld ist, wenn es ihm »nicht nach Wunsch [26] geht« und er von »auswärts« die fehlenden Geldmittel erwartet. Man wird bei den verschwenderischen Anforderungen, die er bezüglich des Stoffes und des Aufputzes seiner Schlafröcke, Bettdecken u. s. w. stellt, sich nicht verwundern, daß deren Bezahlung einen deutschen Musiker in augenblickliche Verlegenheit bringen kann. Man denke nur an den im zweiten Briefe unter Nummer 5 angeführten weißen Atlas-Schlafrock »mit geblümtem Muster«, wie ihn dessen Träger zum Unterschiede von seinen anderen Atlas-Schlafröcken weißer Farbe in Klammern näher bezeichnet, und an das Futter »aus schwerem [27] carmoisinfarbenen Atlas«. Die Geldklemme, in der sich der Kompositeur dieser Schlafröcke im März 1864 befand, ist vielleicht geeignet, auf das siebenstrophige Gedicht: »Dem königlichen Freunde«, das er an den freigebigen König von Bayern im Sommer desselben Jahres 1864 richtete (Gesammelte Schriften, VIII. Band, Seite 1–4), ein interessantes Streiflicht zu werfen. Das überaus schwülstige, teilweise ganz unverständliche Gedicht ließe sich nur dadurch entschuldigen, daß es eigentlich nur als eine gereimte Quittung zu betrachten wäre. Wir entnehmen auch aus demselben, daß Wagner seinen Schiller nur halb [28] gelesen hat, denn wir verdanken dem großen Dichter nicht nur den »deutschen Jüngling«, von dem Wagner so schwärmt, sondern auch den »Männerstolz vor Königsthronen« von dem Wagner gar nichts zu wissen scheint, da in den sieben Strophen auch nicht eine Spur von demselben zu finden ist. Er apostrophiert seinen Gönner: „O König! Holder Schirmherr meines Lebens, Dann nennt er Se. Majestät: »Du bist der holde Lenz, der neu mich schmückte«, und Dank dem Umstande, daß dessen »hehrer Segensgruß« ihn »wonnenstürmisch dem Leid entraffte«, [29] ist der Dichter in der angenehmen Lage, mitzuteilen: So wandl’ ich stolz beglückt nun neue Pfade Er schlägt aber, von der Gnade verwirrt, hierauf den nachfolgenden Irrpfad poetischer Ausdrucksweise ein: Wie könnte nun ein Wort den Sinn dir zeigen, Doch ich will nicht weiter zitieren und mit dieser unheilvollen Prophezeiung [30] des Dichters für die königliche Zivilliste schließen.
Richard Wagner.
Noch voll von den Eindrücken seiner großen Reise, bestellt der Reformator der deutschen Kunst eine Rosa-Bettdecke, mit weißem Atlas gefüttert. Nach einigen anderen Bestellungen ruft er zum Schluß befriedigt: »So! nun denk’ ich, ist’s genug.« Aber der Mensch denkt und Gott lenkt, denn, wie man aus den folgenden Briefen entnehmen wird, ist’s noch lange nicht genug, sondern es fängt im Gegenteile erst recht an. [33]Hier schicke ich Ihnen fl. 500. Es ist mir in dieser Zeit nicht möglich, mehr aufzutreiben. Vielleicht kann ich bald etwas mehr schicken. Sie wissen, daß ich mich sobald nicht auf starke Zahlungen gefaßt machte. Jetzt sehen Sie, wie Sie zu Stand kommen. Geben Sie mir Nachricht. München, 1. April 1865. (Beilagen.) [35]
Mit Rosa Atlasband — reich geschoppt — beste Qualität, rings eingefaßt und mit ebensolchen Schleifen reich garnirt. Mit diesem Briefe, der aus dem »sommerlichen Königreich der Gnade« datiert ist, schickt der große Atlas-Konsument 500 fl. ein. In den Beilagen, die neue Bestellungen enthalten, befinden sich drei Streifen Atlas als Muster angeheftet. Aus der ersten Beilage entnehmen wir den besonders interessanten Umstand, daß der Meister auch Atlasjacken und, was ihn gewiß sehr graziös kleidet, Rosa-Atlashöschen, mit weißem Atlas und weiße [36] Atlashöschen, mit lichtem Rosa-Atlas gefüttert, trägt. Denkt man sich ihn in einem solchen mit weißem Atlas gefütterten lichten Rosa-Atlashöschen und in einem Rosa-Atlas-Schlafrock, »mit schwerem schönen weißen Atlas à sechs bis sieben Gulden gefüttert«, so reizt es wohl zum Lachen, wenn man sich gegenwärtig hält, daß derselbe Mann mit der Miene eines Asketen den Kompositeur des »Barbier von Sevilla« in seinem Aufsatze »Oper und Drama« als »den im üppigsten Schoße des Luxus dahinlächelnden Rossini« bezeichnet und weiter von dem »lüstern schweifenden Auge des wollüstigen Sohnes Italias« spricht [37] oder den »so leichtsinnigen Meister« witzig »die ausgestochene Courtisane« nennt. (Gesammelte Schriften, III. Bd., S. 315 und 317.) Nebenbei bemerkt, wimmelt gerade der Aufsatz »Oper und Drama« von sehr pikanten Bildern und Vergleichen, die sich dem Verfasser aus dem Satze, den er aufstellt: »Die Musik ist ein Weib«, von selbst ergeben. Er schildert uns die Liebe der »Lustdirne« (italienische Opernmusik), der »Kokette« (französische Opernmusik), von deren »kaltem Lächeln wir uns wohl in Verzweiflung zur italienischen Lustdirne hinwenden«, und endlich der »Prüden« (III. Bd., S. 389–393). Wenn wir [38] auch die erwähnten Bilder und Vergleiche mit Rücksicht auf deren satirischen Beigeschmack durchaus nicht anstößig finden (praesente medico nihil nocet), so erscheint uns dagegen das liebevoll ausgeführte obszöne Bild auf Seite 322, Zeile 18–23 von oben, im höchsten Grade ekelerregend, und es wird erst recht anwidernd, da es mit einer sentimentalen Tirade schließt. Um ein solches Bild zu ersinnen, mag es sehr förderlich sein, im Rosa-Atlas-Schlafrock und im Rosa-Atlashöschen auf dem Rosa-Atlas-Kanapee sich auszustrecken. [39]
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Der fünfte Brief enthält die gewöhnliche Mitteilung, daß der Meister vorläufig kein Geld habe, zugleich [46] aber verspricht dieser, sich in Zukunft bessern zu wollen. Wir wollen hoffen, daß dieses Versprechen ernst gemeint ist. Der sechste Brief ist das wertvollste Stück der ganzen Sammlung, ja, er ist ein Unikum, indem er zwei Federzeichnungen von des Meisters Hand enthält, nämlich die Zeichnung des mit Eiderdaunen gefütterten Schlafrockes aus Rosa-Atlas, ein Prachtstück, in dem jede Hofdame Furore machen würde, sowie die kleinere Zeichnung der fünf Ellen langen Schärpe, von der wir nur besorgen, daß ihr Träger, der kleiner Statur ist, über sie beim Gehen häufig stolpern werde. Die [47] Zeichnung des Schlafrockes verrät eine außerordentliche Bildung nach den besten Mustern der Mode-Journale. Die »abgenähten Carrés« sind mit sanften Strichen ausgeführt und verraten eine große Zartheit der Empfindung. Die »geschoppten Rüchen und Maschen« zeigen uns eine breite Federführung und eine energische Hand. Der »geschoppte Einsatz« vorne ist phantastisch ausgeführt — in Callots Manier. Und welches Leben ist in dem Ganzen; die Liebe des Meisters zu ihm hat ihn belebt, wie die Pygmalions die Statue. Ja, dieser Schlafrock hat eine Seele; in diesen abgesteppten Carrés pulsieren die Eiderdaunen; [48] diese Rüchen sind nicht geschoppt, es schwellt sie die Empfindung; diese Maschen atmen. Es liegt ein zielbewußtes Streben in diesem Schlafrocke, es ist, als ob er nach vorwärts stürmte und eine Stimme in ihm triumphierend riefe: »Ich bin kein gewöhnlicher Schlafrock; unter mir wogt nicht der verwerfliche Busen einer jüdischen Bankiersfrau; in mir schlägt das Herz des großen Reformators der deutschen Kunst; mich trägt Wagner. Wohl weiß ich, daß ich bald werde sterben müssen und vielleicht einem geblümten weißen Atlas-Schlafrock Platz machen werde; aber was liegt [49] daran, besser acht Tage von dem großen ernsten Manne, der mich ergründet hat und versteht, als durch lange Jahre von einem »im üppigsten Schoße des Luxus dahinlächelnden Rossini« getragen zu werden, diesem »wollüstigen Sohne Italias«, »dessen lüstern schweifendes Auge meine Reize kalt lassen«. Wenn die Wagnerianer den Meister als Musiker über alle Musiker vor ihm und nach ihm und als Dichter neben Sophokles gestellt haben, so werden sie, nachdem er dieses Bild geschaffen, ihn als Schlafrock-Rafael in die Reihe der größten Maler stellen. [50] Wenn wir in dem letzten Briefe den Meister als großen Zeichner bewundert haben, so geben uns die folgenden Briefe Gelegenheit, über den Farbensinn desselben zu staunen. Seine Briefe entwickeln einen immer größeren Farbenreichtum. Wir finden in denselben alle Farben vom blassen Rosa bis zum dunklen Grün, vom unschuldsvollen Weiß bis zum glühenden Carmoisin erwähnt. Ich habe den Wagnerianern die Bezeichnung Schlafrock-Rafael für ihn vorgeschlagen; vielleicht ziehen sie es nach Durchlesung dieser ferneren Briefe vor, ihn den Schlafrock-Tintoretto zu nennen. [51]
Diese beiden Briefe erfüllen den Leser mit einer gewissen Wehmut. [55] Wir sehen in dem sechsten Briefe den Meister von der Sehnsucht nach dem gesteppten Schlafrock aus Rosa-Atlas verzehrt. Ungeachtet seines Drängens machte die Putzmacherin von dem Schlafrock sich nichts wissen »und hatte nicht geschrieben, ob er gesund geblieben«, wie es in Bürgers »Lenore« heißt. Er macht ihr über ihr Schweigen sanfte Vorwürfe, aber schon im folgenden Briefe (im achten) finden wir ihn resigniert auf die Verwirklichung seines Ideales verzichten. »Lassen wir es demnach jetzt«, ruft er schmerzlich, »mit dem Hausrock«. Benützen wir die Pause, die durch das tiefe Schweigen der Putzmacherin entsteht, um die [56] Rechnung durchzusehen, die er entworfen und einem seiner Briefe beigelegt hat.
Die neue Rechnung beträgt dreitausendzehn Gulden! Das scheint vielleicht Manchem viel für die Rechnung eines deutschen Mannes [59] bei einer Putzmacherin; aber es ist gewiß nicht zu viel, wenn wir an die unzähligen Ellen von Atlas denken, die er dafür verbraucht hat. Wir entnehmen der Rechnung, daß auch seine Stiefelchen aus Atlas sind, so daß die Harmonie seiner Erscheinung durch keinen fremdartigen Stoff gestört wird. Es ist in den Stiefelchen nicht nur, wie David in den »Meistersingern« singt, da er dem Herrn Walther »der Meister Tön’ und Weisen« aufzählt, »der rote, blau’ und grüne Ton«, sondern auch der graue, gelb’ und weiße Ton. Ferner zieht unsere Aufmerksamkeit ein Spitzenhemd zu vierhundert Gulden auf sich. Unter Rosa-Atlasgewändern [60] kann der Meister, wenn er sich konsequent bleiben will, wohl kein anderes Hemd tragen, und es läßt sich daher auf ihn das Sprichwort: »Außen hui und innen pfui« gewiß nicht anwenden. Erstaunt waren wir nur über den Verbrauch des Meisters von Rosenguirlanden und Bouquets. Denn in seinem »Lustspiel in antiker Manier«: »Eine Capitulation« (Gesammelte Schriften, IX. Band), das ich allen Freunden mißlungener Satire auf das beste empfehlen kann, finden wir folgende Verhöhnung der Bouquets; Chor: Er späht! Gambetta, was siehst du jetzt? [61]
Chor: Ah! — Wir sind hienach berechtigt, unserm Aristophanes selbst, der ja ebenfalls »ganz mit Bouquets besät« ist, mit Perrin zuzurufen: »Das rechte Ballett-Kostüm!« Liebe Fräulein Bertha!
Diesen zweitausendfünfhundert Gulden für Hauskleider will ich eine ganz [64] kleine Schneider-Idylle aus dem Leben Schillers gegenüberstellen. In den von Frau Emilie v. Gleichen-Rußwurm veröffentlichten Kalendern Schillers, die er eigenhändig führte, befindet sich unter den Wirtschaftsausgaben im Jahre 1802 auch der bescheidene Posten: »MeineKleider… 75 Thaler.« Man sieht welche Fortschritte unsere Unsterblichen seither in der Toilette gemacht haben! Liebe Fräulein Bertha!
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Nun! Genug für heute! Ich danke noch schönstens, und erwarte bald schöne Dinge. Luzern, 30. März 1867. Der mit Eiderdunen gefütterte Schlafrock, dessen Verlust wir schon betrauern zu müssen glaubten, fängt in diesem Briefe wieder an zu spuken. Bis zu dem so sehnlich erwarteten [69] Eintreffen desselben sucht der Meister sich durch ein größeres Rosa-Atlas-Muster (hundert Ellen), ein klein wenig blasses Rosa (zwanzig Ellen), ein Restchen grünen Atlasses (achtunddreißig Ellen) und ein ganz kleines Stückchen schweren Rosa-Atlas (zwölf Ellen) zu zerstreuen. »Kurz, versorgen Sie uns schön!« ruft der Meister, vertrauensvoll in die Zukunft blickend. Auffallend unterscheidet sich dieser Brief von allen anderen, daß darin auch neben dem Atlasmotiv das Zahnpulver-Motiv vorkommt. Da sich der Meister nie »mit Kleinigkeiten abgegeben« hat, bestellt er auch von dem Zahnpulver »eine [70] recht große Quantität«. Die Ahnung, die ich bezüglich dieses Zahnpulvers hatte, bestätigte sich, als ich dasselbe sah: die Farbe desselben ist Rosa und harmoniert so mit der Farbe der Schlafröcke, Höschen und Stiefelchen Wagners. Liebe Fräulein Bertha!
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Halleluja, der Rosa-Schlafrock ist angekommen! Mit neuem Mute geht der unermüdliche Meister sofort an weitere Bestellungen. Aber was nützen alle Atlasvorräte der Welt gegenüber dem Danaïdenfasse Wagners, das nicht zu füllen ist, und die neu bestellte Sendung wird ihm nur genügen, um, wie er schreibt, »für einige Zeit versehen zu sein«. Liebe Fräulein Bertha!
[74] Dieser Brief vom 11. Oktober verrät eine Lücke in der Korrespondenz, da darin eine Bestellung von »gestern« erwähnt wird, ein Brief vom 10. Oktober aber nicht vorhanden ist. Man muß schon dem Tone der Briefe nach, der auf einen ununterbrochenen Verkehr schließen läßt, annehmen, daß dies nicht die einzige Lücke ist, und daß somit, wenn nicht der Meister selbst, angeregt durch meine Veröffentlichung, die fehlenden Daten ergänzen wollte, die Welt nur von einem Teile, vielleicht nur von einem verschwindend kleinen Bruchteile seines Atlasverbrauches erfährt. So viel ist gewiß, daß Wagner nicht nur bei der Dame, [75] an welche diese Briefe gerichtet sind, sondern auch in mehreren unserer großen Seidenwaren-Handlungen Bestellungen der hier erwähnten Art gemacht hat. Wir können nur im Interesse der so schwer bedrängten französischen Seidenindustrie den Wunsch aussprechen, daß der große Konsument durch fernere Bestellungen die aufgestapelten Vorräte lichte, und so zur Erleichterung des Marktes beitrage. Der Psychologe wird vielleicht in dem Briefe einen Zug finden, der die ungemessene Leidenschaft Wagners für den Putz in interessanter Weise charakterisiert. Er hat nämlich nur, [76] wie er mitteilt, vergessen, eine Bettdecke von Rosa-Atlas zu bestellen. Er begnügt sich nun nicht damit, diese nachzubestellen, sondern benützt diese Gelegenheit, um gleich eine neue Bestellung von zehn bis zwölf Ellen Spitzengrund zu machen, und da er den Brief schon geschlossen hat, reut es ihn wieder und er wünscht in einer Nachschrift statt des bestellten Einen Stückes »vom blauen Band« gleich lieber zwei Stück.
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[78] Ich habe hier nichts zu kommentieren. Zweihundertfünfzig Ellen Atlas, vier Atlas-Schlafröcke und drei Bettdecken auf einmal sprechen deutlich genug. Ich fange an, Wagner zu begreifen — den Menschen, den Dichter und den Künstler! Liebe Fräulein Bertha!
[80] In dem dreizehnten Briefe wird der durch das Wandern unter unzähligen Bestellungen etwas ermüdete Leser wieder durch das Versprechen einer Abschlagszahlung von fünfhundert Gulden erfrischt. Das ist wohl nicht viel, aber das Geld ist eben »knapp«. Doch was liegt daran: Rosen auf den Weg gestreut und des Harms vergessen. Der Meister bestellt daher hundert Ellen Rosen-Guirlanden und fünfzig bis sechzig Stück »besonders feine Rosen«. Dieser Vorrat reicht, denke ich, hin, um ein Dutzend betrübte Familien ihren Harm vergessen zu lassen. Auch von Spitzen, meint er, weise auf die ungewisse [81] Zukunft bedacht, »wäre noch etwas Vorrath gut« (zwanzig bis dreißig Ellen). Mein Gott, wie leicht können die Spitzenklöppler über Nacht reiche Oheime beerben, und dann möge man schauen, woher man Spitzen bekommen will. Liebes Fräulein Bertha!
Der vierzehnte Brief enthält den verzweifelten Ausruf: »Nur mit dem [83] Rosa-Atlas kommen wir noch nicht aus!« Der Gerechte wird den Meister von jeder Schuld hieran freisprechen. Er hat das Seinige getan, und wenn trotz aller Bestellungen, die genügen würden, den Rigi mit einem Rosa-Atlasüberzug zu versehen, jener noch immer nicht ausreicht, so muß der Teufel seine Hand im Spiele gehabt und vielleicht die Hölle Rosa tapeziert haben. »Gott weiß«, fährt der Meister fort, »was davon drauf geht, wenn man es hübsch haben will.« Das kann allerdings nur Gott wissen, menschliche Weisheit vermag das nicht zu berechnen! [84]Liebe Fräulein Bertha!
Der Atlas, den ihm die Putzmacherin zugesendet hat, ist zwar [85] nicht »sonderlich schwer«, aber die Farbe sagt ihm zu, und da ein leichter Atlas noch immer besser ist, als gar keiner, bestellt er gleich zwanzig Ellen davon. »Wir können’s gebrauchen!« ruft er. O gewiß, für einen Atlas, der leicht schmutzt, findet man in einem größeren Haushalte immer eine Verwendung. Liebe Fräulein!
Dieser letzte Brief[WS 4] ist zwar der einzige in der ganzen Sammlung, der auf Rosapapier geschrieben ist; aber, ach, sein Inhalt ist durchaus nicht rosig. Die Briefe tönen so elegisch aus, wie sie begonnen: Der Meister hat seine »Noth mit dem Geld«. * * *
Ich glaube, der Leser wird, nachdem er diese Briefe gelesen, das [87] Motto gerechtfertigt finden, das ich denselben mitgegeben habe: »Wie gleicht er dem Weibe!« Hunding, der Mann Sieglindens, ruft dies in der »Walküre«, nachdem er die Züge seines Gastes Siegmund gemessen, und fährt fort: »Der gleißende Wurm glänzt auch ihm aus dem Auge.« Wenn man diese an eine Modistin gerichteten Briefe liest, wenn man sieht, wie in denselben ausschließlich und mit dem lebhaftesten Interesse vom Putz gesprochen wird, und wenn man von den großen Summen erfährt, die für gleißenden Atlas verschwendet werden, man müßte glauben, läse man nicht die Unterschrift eines [88] Mannes, es seien die Briefe eines Weibes. Wagner leitet den IX. Band seiner »Gesammelten Schriften und Dichtungen« mit einem Gedichte ein, das er »An das deutsche Heer vor Paris« im Januar 1871 gerichtet hat. Es heißt darin: Es rafft im Krampf Die deutsche Heldenarmee hätte ihre unsterblichen Siege nie errungen, wenn die Männer, die Deutschland »züchtet«, so verweichlicht gewesen wären, wie Jener, der sie besungen. [89] Unsere großen Männer haben noch nie etwas in dem Ansehen der Welt verloren durch die Veröffentlichung ihrer intimen Briefe. Das hat man nicht dem Zartsinne derjenigen zu danken, die sie herausgegeben, sondern dem Charakter Jener, die sie geschrieben.
Wien, 1. Juli 1877.
Die »Briefe Richard Wagners an eine Putzmacherin«, die ich vor kurzem [16. und 17. Juni 1877] zu veröffentlichen in der erfreulichen Lage war, haben allgemein jene große Heiterkeit erregt, die nach der Behauptung erfahrener Ärzte zur Verdauung so wesentlich beitragen soll, und es müßten daher jene Dokumente, namentlich in der Sauren-Gurkenzeit, in der wir uns befinden, auch vom [94] hygienischen Standpunkte aus mit Beifall begrüßt werden. Die Unzahl von Briefen, die ich aus diesem Anlasse erhielt, haben von dem dankbaren Gemüte meiner Leser beredtes Zeugnis abgelegt, und obgleich sich diese Empfänglichkeit nicht immer durch Zustimmung, sondern auch, allerdings nur vereinzelt, durch Schmähungen Luft zu machen suchte, so haben die letzteren gleichfalls sowohl durch ihre Einfalt, wie durch ihren unschuldsvollen, noch nicht durch die Schnürbrust der Grammatik eingeengten Stil und ihre kindliche Orthographie meinem Herzen wohlgetan. Es gibt überhaupt nichts Angenehmeres [95] für einen Autor, als zum Frühstück einen derartigen Schmähbrief zu lesen. Wenn ich so morgens den goldgelben Tee schlürfe und eine ausgezeichnete Zigarre rauche und die Wutausbrüche meiner Gegner mit der eigenen Zufriedenheit vergleiche, dann ruft dieser Gegensatz eine wohltuende, behagliche Stimmung in mir hervor; ich freue mich über jede, auch die kleinste Albernheit meines braven Feindes und danke inbrünstig seinem Schöpfer, der ihm so wenig Verstand gegeben. Noch angenehmer und bequemer ist es, solche Schmähungen gedruckt in der Zeitung zu lesen; man strengt dann das Auge nicht [96] mit der Entwirrung eines verworrenen Gekritzels an und braucht auch keinen Scharfsinn bei der Lektüre aufzuwenden, da ein freundlicher Korrektor die orthographischen und grammatikalischen Eigentümlichkeiten des trefflichen Journalisten schon beseitigt hat. Nun schreibe ich aber, wie vielleicht schon einige meiner Leser bemerkt haben, humoristische Feuilletons, und meine Gegner benützen regelmäßig diese kleine Schwäche, um auf mein Bischen Mutterwitz mit jener Verachtung herabzusehen, zu der sie das sichere Bewußtsein ihrer eigenen Witzlosigkeit berechtigt, und mir mit ihrem Ernste und ihrer Würde zu [97] imponieren, die freilich leider in nichts Anderm bestehen, als daß sie die unglaublichsten Albernheiten mit der feierlichen Miene einer Hebamme vorbringen, die eine Mißgeburt ans Licht der Welt befördert. So erging es mir wieder nach der Veröffentlichung jener Briefe. Jeder, der eine Kultur- und Sittengeschichte einmal zur Hand genommen hat, wird darin zur Charakterisierung der Sitten einer bestimmten Zeit erzählt finden, wie viele Fuder Wein irgend ein tapferer Ritter ausgetrunken, wie viele Maitressen ein hochverehrter Kirchenfürst ausgehalten und welche Niederträchtigkeiten ein Landesvater [98] begangen habe, um seinen Lüsten fröhnen zu können. Es wird beispielsweise erzählt, welcher komische Luxus in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts von Einzelnen mit den Pluderhosen getrieben wurde, und der Sittenschilderer vergißt dann nicht, den brandenburgischen Hofprediger Muskulus zu erwähnen, der eine Vermahnung und Warnung vor dem »zucht- und ehrverwegenen pludrichten Hosenteufel« schrieb. Man sieht daraus, daß auch eine Hose in der Kulturgeschichte von Wichtigkeit sein kann, und wenn der Luxus in Pluderhosen zur Charakterisierung der Sitten des sechzehnten Jahrhunderts [99] dient, dann scheint mir, daß für den denkenden Menschen der zucht- und ehrverwegene pludrichte Atlasschlafrock- und Hosenteufel, dem sich Wagner verschrieb, und seine Briefe an eine Putzmacherin über diesen Gegenstand einen wichtigen Beitrag zur Charakteristik des Meisters liefern sollten. Allerdings aber haben sich die Ansichten über Hosen seitdem sehr geändert, denn während man vor dreihundert Jahren gegen den Hosenluxus schrieb und diesen als unwürdig bezeichnete, hält man in unserer Zeit nicht etwa die zahllosen Atlashosen Wagners, sondern sich darüber lustig zu machen, für unwürdig. [100] Kaiser Josef befahl, als er erfuhr, es seien Schmähschriften gegen ihn an den Straßenecken angeschlagen, dieselben niedriger anzubringen, damit sie bequemer gelesen werden, und da die Schmäh-Artikel der Wagnerianer gegen mich nur in Zeitungen, die sich eines kleinen Leserkreises erfreuen, erschienen sind, will ich denselben durch die Mitteilung ihres Inhalts in diesem Blatte eine weitere Verbreitung verschaffen. In einem Feuilleton der »Dresdener Nachrichten«[WS 5] über die Briefe wird zuerst konstatiert, daß diese in den Zeitungen »behaglich die Runde machen zur Abwechslung mit der Seeschlange«. An diesem [101] behaglichen Rundgange seien die Juden Schuld, so daß nach meiner Ansicht die Zeitungs-Abonnenten diesen zu Dank verpflichtet sind, da ihnen sonst ausschließlich Seeschlangen vorgesetzt worden wären. Ich will gleich hier bemerken, daß in dem Artikel ein äußerst verschwenderischer Gebrauch von den in der Speisekammer eines jeden Wagnerianers vorrätigen Juden gemacht wird, denn es wird von »jüdischen Preßbengeln«, von einer »jüdelnden Absicht«, Witze zu machen, von dem »Judentum in der Musik und der Presse«, von »Abraham Meyer« und »Isidor Kalau« u.s.w. mehrfach gesprochen. Man hüte sich wohlweislich, [102] erklärt der Feuilletonist, mit den Zeitgenossen Gounod, Offenbach, Dumas, »die das Geld scheffelweise einsacken und mit vollen Händen ausstreuen«, Wagners Wirtschaft zu vergleichen. »Dafür aber«, fährt er fort, »greift man zurück auf — auf Cäsar? der sich die Schlafmuster eben auch selbst entwarf? — nein, auf Schiller und jene Armut und Bescheidenheit der Geistesproduzenten, die endlich überwunden zu haben die Deutschen stolz sein sollten«. Ich bin mit der Bemerkung des Feuilletonisten, obwohl ich dieselbe ganz anders stilisieren würde, einverstanden, daß die Deutschen stolz sein sollten, die Armut [103] und Bescheidenheit der Geistesproduzenten endlich überwunden zu haben; nur haben leider die Deutschen noch lange nicht Grund, stolz zu sein, da jene Geistesproduzenten, die ihre Unabhängigkeit bewahren und nicht Könige oder andere Freunde in der ausgiebigsten Weise anpumpen wollen, ja selbst diese sich noch immer keiner Wohlhabenheit erfreuen. Weshalb aber hätte ich Wagner mit Gounod, Offenbach und Dumas vergleichen sollen? Ich beabsichtigte ja nicht, indem ich jene Briefe veröffentlichte, die Verschwendung Wagners zu geißeln, sondern dessen mehr als weibische Putzsucht, und Gounod, Offenbach [104] und Dumas verschwenden ihr Geld nicht auf Schlafröcke, Höschen und Stiefelchen aus Atlas, obwohl ich nicht bezweifle, daß solche sie mindestens ebenso gut kleiden würden, wie Herrn Wagner. Daß ich Wagner nicht mit Julius Cäsar verglichen habe, wie mir der Feuilletonist vorwirft, geschah wirklich nicht aus Böswilligkeit, und ich würde dieses Versehen gerne wieder gutmachen, wenn ich nicht besorgte, daß meine bescheidenen Kräfte nicht ausreichen, um einen Vergleich zwischen Julius Cäsar und Richard Wagner zur Zufriedenheit der Leser durchzuführen. Der Feuilletonist gibt mir keinen andern Anhaltspunkt [105] für eine solche Parallele, als daß Cäsar »sich die Schlafmuster eben auch selbst entwarf«; nun weiß ich aber gar nicht, was das heißen soll. Cäsar hätte sich etwa mehrere Siebenschläfer zum »Schlafmuster« nehmen können, aber der Feuilletonist spricht ja davon, daß Cäsar sich die Schlafmuster »eben auch selbst entwarf«, und man kann sich doch nicht einen Siebenschläfer eben auch selbst entwerfen. Es tut mir leid, aber das eben auch selbst entworfene Schlafmuster Cäsars ist für mich das reine Hebräisch. Der gebildete Dresdener weist mich dann unter Anrufung Gottes wegen der Parallele, die ich zwischen der [106] Putzsucht Wagners und der Einfachheit Schillers gezogen, zurecht: »Du lieber Gott! Schiller hat in seinem Arbeitstisch faulende Äpfel stecken gehabt, deren Geruch ihm paßte. Hätte er Hummern und Austern riechen mögen, um sich ein harmloses Vergnügen zu verschaffen, es wäre dann wohl beim guten Willen geblieben. Und doch hat auch Schiller Farbe und Stoff seiner Kleider brieflich bestellt und detailliert beschrieben.« Ich glaube nicht, daß Schiller so harmlos war, wie ihn der Feuilletonist schildert, und wenn er in der Lage gewesen wäre, sich Austern und Hummern anzuschaffen, würde er sich wohl nicht [107] begnügt haben, zu diesen zu riechen, sondern ich traue ihm die Bosheit zu, daß er sie auch gegessen hätte. Übrigens hätte sich Schiller immerhin ein solches Frühstück erlauben können, wenn er in der Manier seines großen Epigonen, der alle Freuden mit seinen Freunden teilt, indem er sie genießt und diese sie bezahlen müssen, beispielsweise Freund Goethe die Sorge überlassen hätte, die Austern und Hummern, die er verzehrte, zu bezahlen. Wäre aber auch Schiller so kolossal reich gewesen, um in seinen Arbeitstisch statt faulender Äpfel Austern und Hummern »stecken« und sich an deren Geruch erfreuen zu [108] können, so würde er deshalb doch nicht mit einer Putzmacherin in einen jahrelangen ununterbrochenen brieflichen Verkehr getreten sein, um fortwährend Atlasgewänder nach eigenen Zeichnungen zu bestellen. Daß Schiller sich nicht ganz der Willkür seines Schneiders überließ und es nicht dessen Gutdünken anheim stellte, ob er ihm eine weiße Sommerweste oder einen blauen Winterpaletot schicken wolle, sondern Farbe und Stoff seiner Kleider selbst angab, versteht sich wohl von selbst, und der große Dichter ist deshalb noch immer kein weibischer Dandy. Nach diesem mißlungenen Rechtfertigungsversuche schaltet der [109] Feuilletonist eine etwas kindische Satire gegen die Bedürfnislosigkeit der Kabylen und die jüdelnde Absicht, à tout prix Skandal und Witz zu machen, ein, durch die, wie ich ernstlich besorge, weder die Kabylen zu Atlasschlafröcken sich bekehren, noch die Freunde des Komischen sich von der jüdelnden Absicht abschrecken lassen werden, über eine Posse, wie jene, die ihnen Wagner geboten, herzlich zu lachen. »Was hat Wagner denn eigentlich getan?« ruft der ernste Feuilletonist. »Er hat Stoffe und Muster so minutiös bestellt, als sei er selbst ein Stück Schneider. Und ist er das nicht? [110] Ist er nicht als Universal-Regie-Talent selbst von dem Judentum in der Musik und in der Presse anerkannt worden?« Ich bin keineswegs so rechthaberisch, um, falls ich die Richtigkeit eines Arguments meines Gegners einsehe, dieselbe dennoch bestreiten zu wollen. Wenn also der Dresdener fragt, ob Wagner nicht ein Schneider sei, so antworte ich: Jawohl, er ist ein Schneider! Und da bei der Anpreisung des Meisters nur die Superlative erlaubt sind, so möchte ich Wagner, wenn er als Dichter nur mit Aeschylus verglichen wird, als Schneider nur mit Gunkel vergleichen. Der Verfasser fährt dann in [111] der Rechtfertigung Wagners fort: »Ist es bei dem Manne so verwunderlich, daß er einen wundersam entwickelten Farben- und Formensinn hat, und auch in seiner Häuslichkeit bis zu den Hosen seiner Frau das Zusammenstimmende herzustellen strebt?« Der Feuilletonist erklärt hier den kolossalen Atlasverbrauch Wagners aus dessen Sinn für Farbenharmonie. Nur glaube ich, daß der Erklärer sich von seinem Eifer zu weit fortreißen läßt, wenn er der Ansicht ist, auch die Hosen der Frau müßten mit der Zimmer-Einrichtung zusammenstimmen. Denn die Hosen einer Frau gehören doch nicht, wie mir scheint, [112] zu den ohneweiters sichtbaren Toilettestücken, und ich glaube daher, daß der Farben- und Formensinn Wagners ein bischen zu »wundersam entwickelt« wäre, wenn er selbst an die verborgenen Hosen seiner Frau die Anforderungen stellte, daß sie stilisiert sein und mit den Fenstergardinen harmonieren sollen. Ja, mit den Strumpfbändern hat es, obwohl sie auch zu den geheimen Toilettegegenständen gehören, eine andere Bewandtnis. Ich entnehme das aus der Antwort einer Dame, die sich beklagt hatte, daß man in Wien nicht so reich ausgestattete Strumpfbänder wie in Paris bekomme, und die, als man [113] verwundert bemerkte, ein Strumpfband, das man nicht sehe, brauche doch nicht besonders reich zu sein, ausrief: »Ach, Sie wissen nicht, wie zudringlich jetzt die Männer sind!« Der Dresdener Feuilletonist zeigt uns dann den Meister als Förderer des Gewerbfleißes, indem er meint: »Wagner verdient schließlich heidenmäßig viel Geld und er liebt es nun einmal, dasselbe dem Kunstgewerbe und Handwerk zuzuwenden, als es in Monaco zu verspielen«. Man kann bei der reichen künstlerischen Ausstattung der Hauskleider Wagners die Putzmacherei vielleicht zu den Kunstgewerben rechnen, und allerdings [114] würde diese bei der fieberhaften Schnelligkeit, mit der Wagner seine Schlafröcke abträgt, nicht unbedeutend gefördert, vorausgesetzt, daß der Meister das heidenmäßig viele Geld, das er verdient, wirklich auf die Bezahlung der Modistenrechnungen verwendet. Es ist also für die Modistinnen besser und für Herrn Wagner bequemer, wenn er sein Geld bei ihnen vertut, als wenn er es in Monaco verspielt und alle acht Tage die beschwerliche Reise hin und von dort zurück machen müßte; aber während wir einen Künstler, der sein Geld in Monaco verspielt, bemitleiden, verspotten wir einen, der sein Geld aus [115] weibischer Putzsucht verschleudert. Der Dresdener schließt seine Rechtfertigung Wagners mit einer ätzenden Satire gegen die Sparsamkeit: »Abraham Meyer und Isidor Kalau haben eben minderen Kunstgeschmack, mindere Bedürfnisse und ärgern sich folglich über des Giaur Wagners Verschwendung, und das ist der Sinn ihrer Verkleinerungssucht, die sie an einem Genie üben, an das sie kritisch nicht herankönnen«. Man würde hienach Wagner aus Sparsamkeitsrücksichten anfeinden, und doch kenne ich Unzählige, welche behaupten, daß gerade die Freundschaft mit Wagner zu den kostspieligsten Gefühlen gehöre. Da [116] bekanntlich die Sachsen riesige Verschwender sind, ist es kein Wunder, wenn sich ein schwelgerischer Dresdener Feuilletonist über die »minderen Bedürfnisse« lustig macht, und es ist gewiß nur die Verkleinerungssucht, der auch die größte Verschwendung nicht heilig ist, welche einen Sachsen erzählen läßt, er und seine Freunde seien gestern so lustig gewesen, daß sie beinahe Wein getrunken hätten. Ich gestehe dem bedürfnisvollen Dresdener Feuilletonisten zu, daß Abraham Meyer und Isidor Kalau »minderen Kunstgeschmack« haben, und das ist wahrscheinlich der Grund [117] weshalb sie so eifrige Wagnerianer sind. Der Dresdener Feuilletonist lese nur den von Herrn Davidssohn herausgegebenen »Berliner Börsen-Courier«, und er wird darin nicht nur den minderen Kunstgeschmack finden, sondern auch den höheren Wagner-Fanatismus. Ich weiß nicht, wieso eine Börsenzeitung dazu kommt, auch in Musik zu machen. David hat vor der Bundeslade getanzt, und es wäre daher allenfalls begreiflich, wenn Davidssohn sich für das Ballett interessierte; aber was geht ihn die Musik an? Der »Berliner Börsen-Courier« ist wütend über die Briefe Wagners, »denen das Weltblatt so bereitwillig [118] seine Spalten geöffnet hat«. Der Herausgeber eines Börsenblättchens ist allerdings zufrieden, wenn er seinen Lesern mitteilen kann, Abraham Meyer sei nunmehr zum drittenmal von der Börse »ausgeblieben«, denn wenn er seine Spalten auch noch so bereitwillig öffnet, so macht doch kein Journalist, der nicht mindere Bedürfnisse hat, von dieser Öffnung Gebrauch. In einem Weltblatte aber veröffentlicht man gerne seine Arbeiten, und da dieses von tüchtigeren Männern redigiert wird, als ein Winkelblättchen, so öffneten diese den so charakteristischen Briefen eines Richard Wagner bereitwilligst die Spalten ihres Blattes. »Der Gegenstand [119] der Korrespondenz«, fährt der minder bedürftige Börsen-David und Wagner-Courier fort, »sei kein anderer, als daß vor nunmehr nahezu anderthalb Jahrzehnten Richard Wagner bei dieser Putzmacherin Atlasschlafröcke und Atlashosen zum Hausgebrauche bestellt hat«. Die veröffentlichten Briefe datieren noch aus dem Jahre 1868 und es ist im hohen Grade auffallend, wenn ein Börsenblatt, das schon über »ein Achtel« mehr oder weniger in die größte Aufregung gerät, mit solcher Gemütsruhe aus neun Jahren anderthalb Jahrzehnte macht. Wahrscheinlich sucht der »Berliner Börsen-Courier« die Briefe so weit [120] zurückzudatieren, damit es den Anschein gewinne, als habe Wagner diese Atlasbestellungen in der Unüberlegtheit der frühesten Knabenjahre gemacht. Ich erschrak anfangs, als ich von den anderthalb Jahrzehnten las, denn wir würden jetzt 1883 statt 1877 schreiben. »Hat mir«, rief ich traurig mit Walther von der Vogelweide, »mein Leben geträumet, oder ist es wahr?« Ich sah in derselben Nummer des »Berliner Börsen-Courier« die Jahreszahl nach, fand aber 1877. Die Quelle war allerdings nicht ganz sicher, und das Datum hatte daher nicht wahr zu sein brauchen, aber der Kalender widerlegte die Behauptung [121] des »Berliner Börsen-Courier«, als seien die Briefe vor anderthalb Jahrzehnten geschrieben, bestätigte aber die auf dem Börsenblatte angegebene Jahreszahl. Der »Berliner Börsen-Courier« schließt mit der Behauptung, man habe früher Wagner die Briefe zum Kauf angeboten, »und der Umstand, daß man versuchte, von Wagner durch die in dieser Offerte enthaltene versteckte Drohung Geld herauszubekommen, lasse die Veröffentlichung durch die ,Neue Freie Presse‘ nicht eben in einem angenehmen Lichte erscheinen«. Diese Verläumdung ist zwar eine der niedrigsten Art, aber sie bedarf keiner weiteren Widerlegung. [122] Eine Erpressung bei dem immerfort geldbedürftigen Richard Wagner zu versuchen, wäre, um mit Talleyrand zu sprechen, mehr als ein Verbrechen, es wäre eine Dummheit.
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Anmerkungen (Wikisource)
- ↑ Bertha Goldwag, geboren in den 1830er Jahren, heiratete 1868 einen Kaufmann namens Maretschek und starb 1912 über 80jährig in Wien.
- ↑ Paul Tausig (1881-1923), Österreichischer Schriftsteller, Journalist und Historiker
- ↑ Rüsche (franz. ruche), dicht gefalteter, aufrecht stehender Besatz als weiblicher Putz.
- ↑ Dieser Brief ist gegenwärtig (Februar 2010) zum Preis von 2400€ auf dem Antiquariatsmarkt erhältlich. Der Antiquar schreibt: "Mit dem kleinen Stempel der Österreichischen Nationalbibliothek, die dieses Stück nach der Beschlagnahme durch die Gestapo 1938 mit der Sammlung und Bibliothek von Valentin Rosenfeld beherbergt und 2003 an die Erben restituiert hat."
- ↑ richtig: Dresdner Nachrichten. Die anonyme Rezension erschien am 23. Juni 1877, Ludwig Hartmann war der Feuilleton-Leiter
Zur Publikationsgeschichte (Wikisource)
1906 erfuhr Ludwig Karpath – Musikkritiker des „Wiener Tageblatts“ –, dass Ferdinand Goldwag, der als Bote täglich die Börsenberichte abgab, der Bruder der Putzmacherin Bertha Goldwag sei, dass diese noch lebe und in Wien wohne. Karpath suchte sie sogleich auf und unterhielt sich mit ihr über Wagner. Das Gespräch publizierte er unter dem Titel Zu den Briefen Richard Wagners an eine Putzmacherin. Unterredungen mit der Putzmacherin Berta. Ein Beitrag zu Lebensgeschichte Richard Wagners, Harmonie-Verlag, Berlin o.J. [1906]. Darin sagt sie, dass es ihr schleierhaft sei, wie die Briefe Wagners an die Öffentlichkeit gelangen konnten. Eines Tages war das Bündel Briefe, das sie „sorgfältig übereinandergeschichtet als ein einziges Päckchen“ im Wäscheschrank aufzubewahren pflegte, verschwunden. „Daß mir die Briefe gestohlen worden sind, darüber kann es keinen Zweifel geben.“
Ernest Newman schreibt in seinem Buch Wagner as Man and Artist (1914) S. 130, dass Karpath ihm bedeutet habe, er würde den in ewigen Finanzproblemen steckenden Mann Louis Maretschek für den Dieb der Briefe halten.
Ludwig Kusche (Richard Wagner und die Putzmacherin oder Die Macht der Verleumdung. Wilhelmshaven 1967, S. 37) behauptet, Spitzer habe „die bewußten Briefe weder in einem Antiquariatskatalog entdeckt noch von einem Autographenhändler erworben, sondern ein berufsmäßiger Börsenmakler, mit Namen Kafka, hatte sie ihm 1877 um den damals außerordentlich hohen Preis von hundert Gulden angeboten.“ Wobei Kafka ein jüdischer Mitbürger sei, der die Briefe „zweifellos schon aus zweiter Hand erworben“ hat.
Bereits am 11. Juli 1877 berichtet die Deutsche Zeitung: Betreff der ‚berüchtigten‘ Briefe Wagner’s an eine Putzmacherin wird uns mitgetheilt, dass dieselben Wagner selbst zum Ankaufe angeboten, jedoch von diesem zurückgewiesen wurden, es würde daraus hervorgehen, dass Wagner die Publication derselben sehr gleichgültig ist. Auch unserer Redaction bot man dieselben für fünfzig Gulden an. Es kaufte sie dann ein hiesiger Componist Namens Kaffka, der sie dann nochmals unserem Musik-Referenten anbot, welcher abermals ablehnte." Einen Tag später, am 12. Juli 1877, muss sie korrigieren: "Herr Heinrich Kaffka ersucht uns mitzutheilen, dass er nicht jener Componist Kafka sei, der unserem Musikreferenten die ‚berüchtigten‘ Wagner-Briefe zum Kaufe angeboten habe."
Nach der Publikation hat Spitzer die Briefe an den Wiener Großindustriellen Arthur Faber verkauft, der seinerseits 15 der 16 Briefe an Johannes Brahms (ein begeisterter Autographensammler) weitergab (der wiederum die Neu-Publikation veranlasst haben soll.) Mit dessem Nachlass, der von Dr. Josef Reitzes in Wien verwahrt wurde, sind sie in das Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien gelangt. Die Brahms-Sammlung – und damit die Putzmacherbriefe – wurden 2005 in das Memory of the World-Register der UNESCO aufgenommen.
Auszug aus Unterredungen mit der Putzmacherin Berta
„Die Beziehungen zu Berta begannen damit, daß erstere Wagner, als er in einem Wiener Hotel wohnte, ein Sophakissen änderte. Wagner klatschte vergnügt in die Hände und sagte: »Das ist famos! Ich schätze mich glücklich, Sie gefunden zu haben. Sie sind meine Leib- und Hoflieferantin für alle Zeiten.«: »Von nun ab blieb ich mit Wagner bis zum Jahre 1868, in welchem ich heiratete, in ständigem Verkehr. Ausgenommen davon sind einige Wochen, nach Wagners Flucht von Wien. In der ersten Zeit lieferte ich bloß seidene Hemden. Dann mußte ich verschiedene Samtbarette anfertigen, und schließlich seidene, hochschließende Jacken und verschiedene Schlafröcke. Die Wände wurden mit Seide ausgeschlagen und ringsherum wurden Guirlanden angebracht. Vom Plafond herab leuchtete eine wundervolle Ampel mit gedämpftem Lichte.«
»Den ganzen Boden bedeckten schwere, ungemein weiche Teppiche, in denen der Fuß förmlich versank. Das Meublement dieses Boudoirs – so möchte ich diesen Raum benennen – bestand aus einem kleinen Sopha, einigen Fauteuils und einem kleinen Tisch. Alle diese Sitzgelegenheiten waren mit kostbaren Decken und Kissen, die er zumeist zum Aufstützen der Ellbogen benutzte, bedeckt. Ich hatte sie alle angefertigt. Das Zimmer durfte nie von jemanden betreten werden, Wagner hielt sich darin immer ganz allein auf, und zwar immer am Vormittag.« Aber weniger die Wärme war es, die Wagner brauchte, wie Berta meint, als das Weiche, als das Weibliche: »Aber auch bei den Hausschuhen kam es hauptsächlich darauf an, daß sie so schwer wie möglich gefüttert seien. Der Schuster Helia in der Wollzeile, bei dem ich die Stiefel arbeiten ließ, erklärte mir, eine so ungeheuere Masse von Pelz und Watte hätte sich an einem Lederschuh überhaupt nicht anbringen. Wagner liebte alles Weiche. Als ich bei ihm in München war, klagte er mir, daß die Möbel beim König alle so steif und hart seien, er fühle sich wie ein anderer Mensch, wenn er sich in den Fauteuils seiner eigenen Wohnung niederlasse, die eben alle weich gepolstert und von schmiegsamsten Formen waren.«“
Zitiert nach: Heinrich Pudor Nachschrift zu dem Artikel „Richard Wagners Bisexualität". In: Geschlecht und Gesellschaft, Band 2, S.475-476. Verlag der Schönheit, Berlin/Leipzig/Wien 1907 Google-USA*
Sekundärliteratur
- Nadja-Irena Orfei: Wiener Spaziergänge mit Wagner – Daniel Spitzers satirischer Blick auf Richard Wagner. Freiburg 2007, Dissertation Uni Freiburg (CH), pdf

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