Das Wesen des Christentums/Erste Vorlesung
| « Titel und Vorwort | Adolf von Harnack Das Wesen des Christentums |
Zweite Vorlesung » | |||
|
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
|
|||||
|
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
|||||
| [1]
Erste Vorlesung.
Es hat etwas Rührendes, zu sehen, wie jeder mit seinem eigenen Standpunkt und Interessenkreise sich in diesem Jesus Christus wiederfinden oder doch einen Anteil an ihm gewinnen will — es wiederholt sich hier stets aufs neue das Schauspiel, welches schon das zweite Jahrhundert im „Gnosticismus“ bot, und welches sich als ein Kampf aller denkbaren Richtungen um den Besitz Jesu Christi darstellt. Sind uns doch jüngst nicht etwa nur Tolstoi’s, sondern sogar Nietzsche’s Ideen in ihrer besonderen Verwandtschaft mit dem Evangelium vorgeführt worden, und vielleicht läßt sich selbst darüber Beachtenswerteres sagen als über den Zusammenhang so mancher „theologischen“ und „philosophischen“ Spekulation mit der Predigt Christi. Aber alles in allem genommen, ist doch der Eindruck, den man aus diesen widersprechenden Urteilen gewinnt, ein niederschlagender: die Verwirrung scheint hoffnungslos. Wem kann man es da verdenken, wenn er, nach einigen Versuchen, sich zu orientieren, die Sache aufgiebt? Und vielleicht fügt er noch hinzu, daß im Grunde die Frage doch eine gleichgültige sei. Was geht uns eine Geschichte, was geht uns eine Person an, die vor neunzehnhundert Jahren gelebt hat? Unsere Ideale und Kräfte müssen präsent sein; es ist barock, es ist aussichtslos, sie aus alten Manu-[3] skripten mühsam zu entwickeln! Wer so spricht, hat nicht unrecht, aber doch nicht recht. Was wir sind und haben — im höheren Sinn —, haben wir aus der Geschichte und an der Geschichte, freilich nur an dem, was eine Folge in ihr gehabt hat und bis heute nachwirkt. Davon aber eine reine Erkenntnis zu gewinnen, ist nicht nur Sache und Aufgabe des Historikers, sondern eines jeden, der den Reichtum und die Kräfte des Gewonnenen selbständig in sich aufnehmen will. Daß aber das Evangelium hierher gehört und durch nichts anderes ersetzt werden kann, haben die tiefsten Geister immer wieder ausgesprochen. „Mag die geistige Kultur nur immer fortschreiten, der menschliche Geist sich erweitern, wie er will; über die Hoheit und sittliche Kultur des Christentums, wie es in den Evangelien schimmert und leuchtet, wird er nicht hinauskommen.“ In diesen Worten hat Goethe nach vielen Versuchen und in unermüdlicher Arbeit an sich selbst das Ergebnis seiner sittlichen und geschichtlichen Einsicht zusammengefaßt. Spräche auch der eigene Wunsch in uns nicht, so wird es sich doch schon um des Zeugnisses dieses Mannes willen lohnen, dem ein ernstes Nachdenken zu widmen, was ihm als so wertvoll aufgegangen ist; und wenn im Gegensatz zu seinem Bekenntnis heute Stimmen lauter und zuversichtlicher ertönen, welche verkündigen, die christliche Religion habe sich überlebt, so soll uns das eine Aufforderung sein, sie, deren Totenschein man bereits ausstellen zu können glaubt, näher kennen zu lernen. In Wahrheit aber ist heute diese Religion und das Bemühen um sie lebendiger als früher. Wir dürfen es unserer Zeit zu Lobe nachsagen, daß sie sich ernstlich mit der Frage nach dem Wesen und Wert des Christentums beschäftigt, und daß heute mehr Suchens und Fragens ist als vor dreißig Jahren. Auch in dem Tasten und Experimentieren, in den seltsamen und abstrusen Antworten, in den Karikaturen und dem chaotischen Durcheinander, ja selbst in dem Hasse ist doch wirkliches Leben und ein ernsthaftes Ringen zu spüren. Nur sollen wir nicht glauben, daß dieses Ringen exemplarisch ist und wir die Ersten sind, die sich nach Abschüttelung der autoritativen Religion um eine wahrhaft befreiende und eigenwüchsige bemühen, wobei denn viel Verworrenes und Halbwahres auftauchen muß. Vor 62 Jahren schrieb Carlyle: „In diesen zerfahrenen Zeiten, wo das religiöse Prinzip nach seiner Vertreibung aus den meisten Kirchen entweder ungesehen in den Herzen guter[4] Menschen einer neuen Offenbarung sich entgegensehnt und entgegen arbeitet oder aber heimatlos, wie eine Seele ohne Körper, ihre irdische Organisation sucht – in einer solchen Zeit kleidet es sich versuchs- und übergangsweise in manche sehr seltsame Formen des Aberglaubens und des Fanatismus. Der höhere Enthusiasmus der menschlichen Natur ist für eine Zeit lang ohne einen Exponenten, und doch bleibt er unzerstörbar, unermüdlich thätig und arbeitet blind in der großen chaotischen Tiefe. So entsteht eine Sekte nach der anderen und eine Kirche nach der anderen und zergeht wieder in eine neue Metamorphose.“ Wer unsre Zeit kennt, der wird urteilen, daß diese Worte lauten, als wären sie heute niedergeschrieben. Aber in diesen Vorlesungen wollen wir uns nicht um das „religiöse Prinzip“ bemühen und seine Evolutionen, sondern die bescheidenere, aber nicht minderdringliche Frage wollen wir zu beantworten suchen: was ist Christentum? was ist es gewesen, was ist es geworden? Wir hoffen, daß aus der Beantwortung dieser Frage ungesucht auch ein Licht auf jene umfassendere fallen wird: was ist Religion, und was soll sie uns sein? Haben wir es doch in ihr schließlich nur mit der christlichen zu thun; die anderen bewegen uns im Tiefsten nicht mehr.
Die Apologetik hat in der Religionswissenschaft ihren notwendigen Platz, und es ist eine würdige und große Aufgabe, den Nachweis des Rechtes der christlichen Religion zu führen und ihre Bedeutung für das sittliche und intellektuelle Leben ans Licht zu stellen. Aber diese Aufgabe darf man nicht mit der rein geschichtlichen Frage nach dem Wesen dieser Religion vermengen, sonst bringt man die geschichtliche Forschung um jeglichen Kredit. Dazu kommt, daß wir für die Apologetik, wie wir sie heute brauchen, noch kein wahrhaft großes Muster besitzen. Einige Ansätze zum Besseren abgerechnet, befindet sich diese Disziplin in einem traurigen Zustande: sie ist sich nicht klar darüber, was sie verteidigen soll,[5] und sie ist unsicher in ihren Mitteln. Dazu wird sie nicht selten würdelos und aufdringlich betrieben. In der Meinung, es recht gut zu machen, preist sie die Religion an, als wäre sie eine Ramschware oder ein Universalheilmittel für alle Gebrechen der Gesellschaft. Auch greift sie immer wieder nach allerlei Tand, um die Religion aufzuputzen, und während sie sich bemüht, sie als etwas Herrliches und Notwendiges darzustellen, bringt sie sie um ihren Ernst und beweist im besten Falle nur, daß sie etwas ganz Annehmbares, weil Unschädliches sei. Endlich kann sie es nicht lassen, irgend ein kirchliches Programm von gestern unter der Hand hinzuzunehmen und mit zu „beweisen“; denn in dem lockeren Gefüge ihrer Gedanken kommt es auf ein Stück mehr oder weniger doch nicht an. Welcher Schade dadurch angerichtet worden ist und noch immer um sich frißt, ist unsäglich! Nein, die christliche Religion ist etwas Hohes, Einfaches und auf einen Punkt Bezogenes: Ewiges Leben mitten in der Zeit, in der Kraft und vor den Augen Gottes. Sie ist kein ethisches oder soziales Arcanum, um alles mögliche zu konservieren oder zu bessern. Schon der verwundet sie, der in erster Linie fragt, was sie für die Kultur und den Fortschritt der Menschheit geleistet hat, und danach ihren Wert bestimmen will. Goethe hat einmal gesagt: „Die Menschheit schreitet immer fort, und der Mensch bleibt immer derselbe.“ Nun, auf den Menschen bezieht sich die Religion, auf den Menschen, wie er mitten in allem Wandel und Fortschritt der Dinge sich gleich bleibt. Darum soll die christliche Apologetik wissen, daß sie es mit der Religion zu thun hat in ihrer einfachen Art und Kraft. Gewiß, die Religion lebt nicht nur für sich, sondern in einer innigen Gemeinschaft mit allen Thätigkeiten des Geistes und ebenso mit den sittlichen und wirtschaftlichen Zuständen. Aber sie ist doch nicht nur eine Funktion oder ein Exponent derselben, sondern ein mächtiges Wesen, das hemmend oder fördernd, verwüstend oder befruchtend eingreift. Sie gilt es zunächst kennen zu lernen und ihre Eigenart zu bestimmen – einerlei, wie sich das betrachtende Individuum zu ihr stellen mag, und ob es sie in dem eigenen Leben für wertvoll hält oder nicht. Aber auch die religionsphilosophische Betrachtung im strengen Sinne des Wortes schließen wir von diesen Vorlesungen aus. Würden wir sie vor sechzig Jahren gehalten haben, so würden wir uns bemüht haben, durch Spekulation einen Allgemeinbegriff von[6] Religion zu finden, und nach ihm die christliche zu bestimmen versuchen. Allein wir sind mit Recht skeptisch geworden in Bezug auf dieses Verfahren. Latet dolus in generalibus! Wir wissen heute, daß Leben sich nicht durch Allgemeinbegriffe umspannen läßt, und daß es keinen Religionsbegriff giebt, zu welchem sich die wirklichen Religionen einfach wie die Spezies verhalten. Ja man kann sogar fragen: giebt es überhaupt einen gemeinsamen Begriff „Religion“? Ist das Gemeinsame vielleicht nur eine unbestimmte Anlage? Bezeichnet etwa das Wort nur einen leeren Fleck in unserem Innern, den jeder anders ausfüllt und mancher gar nicht bemerkt? Ich bin nicht dieser Meinung, bin vielmehr überzeugt, daß es hier im Tiefsten etwas Gemeinsames giebt, was sich aus der Zerspaltung und der Dumpfheit im Laufe der Geschichte zur Einheit und Klarheit emporgerungen hat. Ich bin der Überzeugung, daß Augustin recht hat, wenn er sagt: „Du, Herr, hast uns auf Dich hin geschaffen, und unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in Dir.“[WS 1] Aber dieses nachzuweisen und auf dem Wege psychologischer und völkerpsychologischer Untersuchung das Wesen und das Recht der Religion darzustellen, soll nicht unsre Aufgabe sein. Es bleibt bei dem rein geschichtlichen Thema: Was ist christliche Religion? Wo haben wir den Stoff zu suchen? Die Antwort erscheint einfach und zugleich erschöpfend: Jesus Christus und sein Evangelium.[AU 1]Allein so gewiß dies nicht nur den Ausgangspunkt, sondern auch den hauptsächlichen Inhalt für unsere Untersuchung bietet, so wenig dürfen wir uns damit begnügen, lediglich das Bild Jesu Christi und die Grundzüge seines Evangeliums darzustellen. Wir dürfen es deshalb nicht, weil jede große, wirksame Persönlichkeit einen Teil ihres Wesens erst in denen offenbart, auf die sie wirkt. Ja man darf sagen, je gewaltiger eine Persönlichkeit ist und je mehr sie in das innere Leben anderer eingreift, um so weniger läßt sich die Totalität ihres Wesens nur an ihren eigenen Worten und Thaten erkennen. Man muß den Reflex und die Wirkungen ins Auge fassen, die sie in denen gefunden hat, deren Führer und Herr sie geworden ist. Deshalb ist es unmöglich, eine vollständige Antwort auf die Frage: was ist christlich? zu gewinnen, wenn man sich lediglich auf die Predigt Jesu Christi beschränkt. Wir müssen die erste Generation seiner Jünger – die, die mit[7] ihm gegessen und getrunken haben – hinzunehmen und von ihnen hören, was sie an ihm erlebt haben. Aber auch damit ist unser Stoff noch nicht erschöpft: wenn es sich in dem Christentum um eine Größe handelt, deren Geltung nicht an eine bestimmte Epoche geknüpft war, wenn in ihm und durch dasselbe nicht einmal, sondern fort und fort Kräfte entbunden worden sind, so müssen auch alle späteren Hervorbringungen seines Geistes mit hinzugenommen werden. Nicht um eine „Lehre“ handelt es sich ja, die in einförmiger Wiederholung überliefert oder willkürlich entstellt worden ist, sondern um ein Leben, das, immer aufs neue entzündet, nun mit eigner Flamme brennt. Wir dürfen auch hinzufügen, daß Christus selbst und die Apostel davon überzeugt waren, daß die Religion, die hier gepflanzt war, in Zukunft noch Größeres erleben und Tieferes schauen werde als in der Zeit ihrer Stiftung: sie vertrauten dem Geiste, daß er von einer Klarheit zur andern führen und höhere Kräfte entwickeln werde. Wie wir eine Pflanze nur dann vollständig kennen lernen, wenn wir nicht nur ihre Wurzel und ihren Stamm, sondern auch ihre Rinde, ihre Äste und Blüten betrachten, so können wir auch die christliche Religion nur auf Grund einer vollständigen Induktion, die sich über ihre gesamte Geschichte erstrecken muß, recht würdigen. Gewiß, sie hat eine klassische Epoche erlebt, und noch mehr, sie hatte einen Stifter, der das war, was er lehrte – in ihn sich zu vertiefen, bleibt die Hauptsache –; aber auf ihn sich zu beschränken, hieße den Augenpunkt für seine Bedeutung zu niedrig nehmen. Selbständiges religiöses Leben wollte er entzünden, und hat es entzündet; ja das ist, wie wir sehen werden, seine eigentliche Größe, daß er die Menschen zu Gott geführt hat, auf daß sie nun ihr eignes Leben mit ihm leben – wie können wir da von der Geschichte des Evangeliums schweigen, wenn wir sein Wesen kennen lernen wollen? Man kann einwenden, daß die so gestellte Aufgabe zu schwierig werde, und daß ihre Lösung von vielen Fehlern und Irrtümern bedroht sei. Das soll nicht geleugnet werden; aber um der Schwierigkeiten willen die Aufgabe selbst einfacher, d. h. in diesem Falle unrichtig, stellen, wäre eine sehr verkehrte Auskunft. Ferner aber, mögen auch die Schwierigkeiten wachsen, die größer gestellte Aufgabe erleichtert andererseits die Arbeit; denn sie hilft uns, das Wesentliche in der Erscheinung zu fassen und Kern und Schale zu unterscheiden.[8] Jesus Christus und seine ersten Jünger haben ebenso in ihrer Zeit gestanden, wie wir in der unsrigen stehen, d. h. sie haben gefühlt, erkannt, geurteilt und gekämpft in dem Horizont und Rahmen ihres Volkes und seines damaligen Zustandes. Sie wären nicht Menschen von Fleisch und Blut, sondern gespenstische Wesen gewesen, wenn es anders wäre. Freilich, siebzehn Jahrhunderte hindurch hat man gemeint, und viele unter uns meinen es noch, der „Menschheit“ Jesu Christi, welche auch sie lehren, sei bereits genügt, wenn man annehme, er habe einen menschlichen Leib und eine menschliche Seele gehabt. Als ob es so etwas ohne individuelle Bestimmtheit gäbe! Ein Mensch sein heißt erstlich, eine so und so bestimmte und damit begrenzte und beschränkte geistige Anlage besitzen, und zweitens, mit dieser Anlage in einem wiederum begrenzten und beschränkten geschichtlichen Zusammenhang stehen. Darüber hinaus giebt es keine „Menschen“. Hieraus folgt aber unmittelbar, daß nichts, schlechterdings nichts, von einem Menschen gedacht, gesprochen und gethan werden kann ohne die Koeffizienten seiner eigentümlichen Anlage und Zeit. Mag auch ein einzelnes Wort wahrhaft klassisch und für alle Zeiten gültig erscheinen – schon in der Sprache liegt eine sehr fühlbare Beschränkung. Noch viel weniger aber vermag sich die Totalität einer geistigen Persönlichkeit so zur Darstellung zu bringen, daß man die Schranken, und mit ihnen das Fremdartige oder das Konventionelle, nicht empfindet, und diese Empfindung muß sich notwendig steigern, je weiter der Betrachtende zeitlich entfernt steht. Für den Historiker, der das Wertvolle und Bleibende festzustellen hat – und das ist seine höchste Aufgabe – ergiebt sich aus diesen Verhältnissen die notwendige Forderung, sich nicht an Worte zu klammern, sondern das Wesentliche zu ermitteln. Der „ganze“ Christus, das „ganze“ Evangelium, wenn man unter dieser Devise das äußere Bild in allen seinen Zügen versieht und zur Nachachtung aufstellt, sind ebenso schlimme und täuschende Schlagworte wie der „ganze“ Luther u. a. Schlimm sind sie, weil sie knechten, und täuschend sind sie, weil selbst die, die sie ausgeben, nicht daran denken, mit ihnen Ernst zu machen, und versuchten sie es, sie vermöchten es nicht. Sie vermögen es nicht, weil sie nicht aufhören können als Kinder ihrer Zeit zu empfinden, zu erkennen und zu urteilen. Es sind hier nur zwei Möglichkeiten: entweder das Evan-[9] gelium ist in allen Stücken identisch mit seiner ersten Form: dann ist es mit der Zeit gekommen und mit ihr gegangen; oder aber es enthält immer gültiges in geschichtlich wechselnden Formen. Das letztere ist das Richtige. Die Kirchengeschichte zeigt bereits in ihren Anfängen, daß das „Urchristentum“ untergehen mußte, damit das „Christentum“ bliebe; so ist auch später noch eine Metamorphose auf die andere gefolgt. Von Anfang an galt es Formeln abzustreifen, Hoffnungen zu korrigieren und Empfindungsweisen zu ändern, und dieser Prozeß kommt niemals zur Ruhe. Eben dadurch aber, daß wir, wie den Anfang, so den ganzen Verlauf überschauen, verstärken wir unseren Maßstab für das Wesentliche und wahrhaft Wertvolle. Wir verstärken ihn – aber wir brauchen ihn nicht erst der Geschichte der Folgezeit zu entnehmen. Die Sache selbst giebt ihn an die Hand. Wir werden sehen, daß das Evangelium im Evangelium etwas so einfaches und kraftvoll zu uns sprechendes ist, daß man es nicht leicht verfehlen kann. Es sind nicht weitschichtige, methodische Anweisungen und breite Einleitungen nötig, um den Weg zu ihm zu finden. Wer einen frischen Blick für das Lebendige und wahre Empfindung für das wirklich Große besitzt, der muß es sehen und von den zeitgeschichtlichen Hüllen unterscheiden können. Und mag es auch an manchen einzelnen Punkten nicht ganz leicht sein, Bleibendes und Vergängliches, Prinzipielles und bloß Historisches zu unterscheiden – es soll uns nicht so gehen wie jenem Kinde, welches, nach dem Kerne suchend, einen Wurzelstock so lange entblätterte, bis es nichts mehr in der Hand hatte und einsehen mußte, daß eben die Blätter der Kern selbst waren. Auch die Geschichte der christlichen Religion kennt solche Bemühungen; aber sie verschwinden gegenüber den anderen, durch welche uns eingeredet werden sollte, hier gebe es weder Kern noch Schale, weder Wachstum noch Absterben, sondern alles sei gleich wertvoll und alles bleibend.
Anmerkungen des Autors (1908)
Anmerkungen (Wikisource)
|
| « Titel und Vorwort | Adolf von Harnack Das Wesen des Christentums |
Zweite Vorlesung » | |||
|
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
|
|||||
|
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
|||||