Das teutsche Dichterroß
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[Bearbeiten] Liste der Parodierten
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[Bearbeiten] Prolog
13 zur fünften Auflage
Du alte Musenmähre,
Das hast du wohl selbst nicht gedacht -
Was hat dir Zucker und Ehre
Dein tolles Hopsen gebracht!
Ja ja, die ernsten Leute!
Sie geizen mit ernstem Applaus:
Doch lachen das Gestern und Heute
Immer mit Freuden sie aus.
Viel' Seelen lassen sich drucken,
Nicht viele munden der Well,
Das Pathos muß sich ducken —
Aber der Spaß gefällt.
[Bearbeiten] An den Pegasus
14
Hervor aus deines Goldstalls Rosenduft —
Ein Reiter ruft!
Nur nicht gebäumt! Ich will dich nimmer zwingen
Zu neuen Dingen.
Ein Roß wie du, so fügsam und geduldig,
Ist nichts mehr schuldig.
Ich will, was du gelernt von Kavalieren,
Nur repetieren,
Durch aller Dichterhimmel Herrlichkeiten
Die Schule reiten!
Erst jenes brave, teutsche Zotteltraben
Der alten Knaben,
Dann englisch eleganter, leichten Schwung,
Galopp und Sprung,
Den span'schen Tritt, die Volten kreuz und quer,
Und was da mehr,
Die Hetze dann, der Sporen wüsten Lohn —
Du weißt ja schon!
Hast du's besorgt, geplagter armer Schlucker,
Dann kriegst du Zucker.
[Bearbeiten] Gangarten
[Bearbeiten] Abendlied
15
Mein Schifflein ruht im Hafen
Zu schauernder Abendstund',
Ein Posthorn tönt verschlafen
Aus kühlem Buchengrund;
Es rauschen so prächtig die Wälder,
Da wird mir die Seele so weit —
Die Muttergottes kommt über die Felder
Im glitzernden Sternenkleid.
nach Joseph Frhr. von Eichendorff
[Bearbeiten] Nächtlicher Gang
16
An dem öden Schilfgestade
Streift der finst're Jäger hin,
Denkt nicht mehr an Himmelsgnade,
Brütet schwarzen Höllensinn.
Manchmal schielt mit krassem Lachen
Er nach seiner Büchse Lauf:
Mitternächt'ge Donner krachen,
Und verzweifelnd schreit er auf!
Ach, er hat sein Lieb verloren,
Und sein Herz ist todeswund;
Trauernd, mit gesenkten Ohren
Schleicht ihm nach sein dunkler Hund.
nach Nikolaus Lenau
[Bearbeiten] Schwerer Unglücksfall
17
Urahne, Großmutter, Mutter und Kind
Sitzen neben einander vorm Ururspind
Auf dem Urstuhl, Großmutterstuhl, Mutterstuhl, Stühlchen.
Das Kind spricht: „Ich lob' mir mein Kinderspielchen.“
Die Mutter: „Ich bin so voll Mutterglück.“
Großmutter: „Den Großmutterstrumpf ich strick'.“
Urahne: „Mir ist so urahnungsvoll —“
Da stürzt das Spind mit Donnergeroll!
Erschlagen sind vom Ururspind
Urahne, Großmutter, Mutter und Kind.
nach Gustav Schwab
[Bearbeiten] Im Stübchen beim Liebchen
18
Sieh, im Gemächelchen
Alle die Sächelchen
Rings in den Fächelchen
Bis an das Dächelchen —
Ach, ach, ach, ächelchen!
Was für ein Ställchen
Hat mein Mamsellchen,
Gesellchen, Margellchen!
Alle die Zellchen
Und die Gestellchen,
All' die unzähl'gen
Kryställchen, Pastellchen,
Deckchen und Fellchen!
Welch' ein Pêle-Mêle'chen!
Was hat das Mädelchen
Alles für Fädelchen,
Nädelchen, Rädelchen,
Schädelpomädelchen!
All' die Packetchen
Und Kettchen und Blättchen
Und Amulettchen
Von meinem Nettchen!
In Lädchen, auf Brettchen
Corsettchen, Chemisettchen,
Und Bettchen, Spinettchen
Auf dem Parkettchen!
Und was für Kästchen,
Quästchen und Restchen
Von Tänzchen und Festchen
Schmücken das Nestchen!
|19 Ach, und die Nischchen,
Tischchen und Wischchen,
Dazwischchen Goldfischchen!
Alle die Schnipfelchen,
Zipfelchen, Tüpfelchen,
Alle die Wickelchen,
Zwickelchen, Strickelchen!
Und Perpendikelchen
Ticken ihr Tickelchen
Dreien Karnickelchen,
Herzigen Dickelchen,
Und einem Zickelchen.
Aber das Krönchen
Ist doch dein Persönchen:
Aphrodité'chen
Vom Köpfchen zum Zehchen!
Ach, und die Löckelchen
Vorn an den Bäckelchen,
Hinten am Näckelchen —
Neckische Geckelchen,
Niedliche Schneckelchen,
Winzige Döckelchen,
Hühnchen und Göckelchen,
Flimmernd wie Flöckelchen,
Klingend wie Glöckelchen,
Goldige Dingelchen,
Schleckige Züngelchen,
Schlängelnde Schlingelchen,
Ringelchen, Kringelchen!
nach Friedrich Rückert
[Bearbeiten] Liebesjubel
20
Ich ritzt' es gern in alle Rüben ein,
Ich stampft' es gern in jeden Pflasterstein,
Ich biß' es gern in jeden Apfel roth,
Ich strich es gern auf jedes Butterbrod,
Auf Wand, Tisch, Boden, Fenster möcht' ich's schreiben:
Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben!
Ich schör' es gern in jede Taxusheck',
Graviert' es gern in jedes Eßbesteck,
Ich sät' es gern als lecker grüne Saat
Ins Gartenbeet mit Kohlkopf und Salat,
In alle Marzipane möcht' ich's drücken
Und spicken gern in alle Hasenrücken
Und zuckerzäh auf alle Torten treiben:
Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben!!
Ich möcht' mir zieh'n ein junges Känguruh,
Bis daß es spräch' die Worte immerzu,
Zehn junge Kälbchen sollen froh sie brüllen,
Hell wiehern hundert buntgescheckte Füllen,
Trompeten eine Elefantenheerde,
Ja, was nur kreucht und fleucht auf dieser Erde,
Das soll sie schmettern, pfeifen, quaken, bellen,
Bis daß es dröhnt in allen Trommelfellen
Mit einem Lärm, der gar nicht zu beschreiben:
Dein ist mein Herz, und soll es ewig bleiben!!!
nach Wilhelm Müller
[Bearbeiten] Prinzessin Trude
21
Ich bin die Prinzessin Trude
Und wohne im Drudenhain —
Komm' mit, du schöner Jude!
Wir wollen selig sein.
Ich bin die Prinzessin Trude
Und wohne im Drudenwald:
Komm' mit auf meine Bude!
Hier außen ist's viel zu kalt.
Wir wollen küssen und scherzen,
Wie du nie gescherzt und geküßt,
Ich will dich kosen und herzen,
Als wärst du ein frommer Christ!
Ich habe die weißesten Brüste,
Ich hab' auch das goldenste Haar,
Ich kenne die heimlichsten Lüste
So zaub'risch und wunderbar ..
Ich bin die Prinzessin Trude
Und wohne im Drudenwald —
Komm' mit, du schöner Jude!
Hier außen ist's wirklich zu kalt.
nach Heinrich Heine
[Bearbeiten] Das Galgenlied
22 (In der kalten Hopserweis)
Die Nacht ist trüb und trostlos,
Die Nacht ist schaurig und stumm;
Wir seufzen und ringen die Hände,
Und stolpern klagend herum.
Es spielt auf der Galgenwiese
Der gelbe Mondenglanz,
Dort knixen und hopsen die Geister
Im quirlenden Nebeltanz.
Feinsliebchen, wir wollen uns hängen,
So wie es der Liebe Brauch:
Und morgen Nacht, Feinsliebchen,
Da knixen und hopsen wir auch.
nach Heinrich Heine
[Bearbeiten] Moritz
23
Seh' ich einen jungen Freier,
Wird mir immer unerquicklich
Wie bei einer Leichenfeier;
Aber Moritz ist sehr glücklich.
Stolzbefrackt am Traualtare
Läßt er heute sich beschauen,
Denn er glaubt, reelle Ware
Sei'n die wunderschönen Frauen.
Frisch gekauft im ersten Vorwitz
Sind sie zum Entzücken freilich:
Aber später, armer Moritz —
Später werden sie abscheulich.
nach Heinrich Heine
[Bearbeiten] Schlangenringelreime
24
- Der Wind durchfährt die Gassen,
- Die Wolken durchfährt der Blitz
- Ich sitze hier verlassen,
-
Verlassen hier ich sitz'.
- Der Wind durchfährt die Gassen,
- Der Blitz das Wolkenrevier —
- Ich sitze hier verlassen,
- Verlassen sitz' ich hier.
- O Wind, Blitz, Wolken, Gassen,
- Ihr seid kein Trost für mich!
- Ich sitze hier verlassen,
- Hier sitz' — verlassen — ich.
nach Heinrich Heine
[Bearbeiten] Ballade
25
- Das ist der alte, traurige Traum,
-
Wir sitzen unter der Linde,
- Dein kahles Köpfchen faßt es kaum,
-
Daß ich so hold dich finde.
- Und leise seufzt dein wurmiger Mund:
-
Ich bin doch schon angemodert —
- O sage mir, warum jetzund
-
Dein krankes Herz noch lodert?
- Es haben von meinen Wangen bereits
-
Zwei hungrige Ratten gefressen:
- Und du, du willst mich deinerseits
-
Noch immer nicht vergessen?
- O sag' mir, bleicher Heinerich,
-
Ich bin doch im Grab gelegen,
- Und doch noch immer liebst du mich —
-
Ich frage dich: weswegen?
- Und ich entgegne dir gequält:
-
Mir fehlen zum Buch der Lieder
- Noch sieben Nummern wohlgezählt —
-
Drum lieb' ich dich schon wieder.
nach Heinrich Heine
[Bearbeiten] Der Frühlingsabend
26
Du weicher Frühlingsabend,
Wie hab' ich dich so gern!
Nur hier eine weiche Wolke,
Und dort ein warmer Stern.
Wie warmer Himmelsodem
Wehet so weich die Luft,
Es steigt aus weichen Thalen
Ein warmer Veilchenduft.
Ich möcht ein Lied ersinnen,
Das dieser Weiche gleich,
Und kann den Klang nicht finden
So wunderbutterweich!
nach Emanuel Geibel
[Bearbeiten] Alles kommt Anders
27
Schlich im Feld, und Aehren ließ ich
Glitschern, zwitschern durch die Hand —
Ach, ein blaues, liebes blaues
Blümlein da mein Auge fand!
Schlich im Kies — ein Falter hüpfte
Holdig, goldig von dem Sand,
Schwankte, schwebte, strebte, bebte,
Küßte zärtlich meine Hand!
Schlich im Wald: zu lesen dacht' ich,
Ach, zu lesen mit Verstand —
Doch dies winzige, süße, winzige
Liedchen schrieb ich an den Rand!
nach Adolf Bekk
[Bearbeiten] Ordnung muss sein!
28
Unter den Bäumen
Mußt du träumen!
Unter den Fichten
Mußt du dichten!
Unter den Rosen
Mußt du kosen!
Unter Reseden
Mußt du reden!
Unter den Birken
Mußt du wirken!
Unter den Eichen
Mußt du erbleichen!
Unter den Erlen
Reihe Perlen,
Unter Kastanien
Denk' an Spanien!
Unter den Linden
Wirst du sie finden!
Unter den Buchen
Mußt du fluchen —
Doch unter Palmen
Singe Psalmen!
Unter der Haselnuß
Gib deiner Bas' 'n Kuß!
Unter den Feigen
Mußt du schweigen.
nach Adolf Bekk
[Bearbeiten] Ziehende Schwalben
29
- Die Schwalben, ja, die Schwalben,
-
Beim Hirten sind sie gern,
- Und wenn die Blättlein falben,
-
Zieh'n sie wohl in die Fern' —
-
Gern — gern —
-
Fern — fern!
- Zu jedem Lämmlein plaudern
-
Sie noch ein heimlich Wort:
- „Wir dürfen nicht mehr zaudern,
-
Wir müssen fort, ja, fort —“
-
Wort — Wort —
-
Fort — fort!
- Der munt're Hirte singet:
-
„Seht ihr nach meinem Sinn
- Ein Mägdelein, so bringet
-
Ihm meine Grüße hin!“
-
Sinn — Sinn —
-
Hin — hin!
- Die Schwalben ziehen munter
-
Zum grauen Nebelstreif:
- Der Hirte zieht hinunter
-
Durch grauen Winterreif.
-
Streif — Streif —
-
Reif — Reif.
- |30 Die Schwalben kehren wieder —
-
Des Hirten froher Sinn,
- Des Hirten frohe Lieder,
-
Wo sind sie hin, wohin?
-
Wieder — Lieder??
-
Hin — hin!
nach Julius Mosen
[Bearbeiten] König Donalds Zunge
31
- König Donald, schau' nicht immer voran,
-
Schau' um dich links und rechts —
- Schon sank dein letzter Panzermann
-
Im Föhnsturm des Gefechts!
- König Donald schaut nicht hin noch her,
-
Und jetzt war's all' zu spät:
- König Helge mit gezücktem Speer
-
Als Sieger vor ihm steht.
- Da wallte Donalds Nordmannssinn —
-
Er bat nicht für sein Loos,
- Er bäumte hochauf das Löwenkinn
-
Und bleckte die Zunge bloß!
- Wohl lag er schnell vom rächenden Stich
-
Durchstoßen und hingestreckt,
- Doch ob ihm der Athem des Lebens entwich:
-
Seine Zunge, die blieb gebleckt!
- Wohl eilte heran König Helge's Sohn
-
Und schlug mit Zornesblick:
- Doch der Heldenzunge Todeshohn
-
Wich keinen Zoll zurück.
- Wohl sprangen herzu die Mannen all'
-
Mit tobendem Lärmen und Schrein —
- Trotz Fingerdruck und Fäusteprall
-
Die Zunge, die wollt' nicht hinein.
- |32 Und als man den Sarg im Siegeszug
-
Hinführte durchs festliche Thor,
- Hing blauschwarz zwischen dem Bleigefug'
-
Die trotzige Zunge hervor.
- Wie braust der Jubel so donnernd laut!
-
König Helgen nicht laut genung:
- Er reitet finsteren Blicks, und schaut
-
Auf König Donalds Zung'.
nach Moritz Graf Strachwitz
[Bearbeiten] Am Plauderquell
33
Du Quell mit deinem Plaudermund
Am trauten Waldespförtchen:
Wie tauschest mit der Rose du
So leise Liebeswörtchen!
Was sollt' ich sagen, käm' ein Mann
Zu mir ans stille Oertchen?
Nicht wahr, hab ich 'mal auch ein Lieb,
Lehrst du mich solche Wörtchen!
nach Oskar von Redwitz
[Bearbeiten] Waldvögelein
34
Waldvögeleini wie singst du heut'
So herzigfromm, wie nie zuvor —
Möcht' fliegen wie ein Weihrauchduft
Vor lauter Freud' zu Gott empor!
Hast du denn auch, Waldvögelein,
Heut' Nacht dein Lieb im Traum geseh'n?
O herzigfrommes Vöglein du —
Mit dir und mir wird 'was gescheh'n!
nach Oskar von Redwitz
[Bearbeiten] Wehmuth
35
Das machen die Zweiglein und Läublein all',
Daß der Wald nicht so sonnig ist:
Das macht die herztausigste Maienzeit,
Daß das Röslein so wonnig ist!
Mein's Schätzeleins Lieb' war das Röslein roth,
Das duftet' am Waldesrain,
Und die Zweiglein braun und die Läublein grün,
Das waren Gedanken mein!
Nun ging die herztausigste Maienzeit,
Die herztausigste Liebe zur Ruh:
Nun fallen die Läublein und Zweiglein herab
Und decken das Röselein zu.
nach Otto Roquette
[Bearbeiten] Letztes Schlachtlied der Vandalen
36
Erspäht ihr durch die Nacht
Karthago's Mondenglanz?
Dort triumphiert die Pracht
Der Griechen von Byzanz.
O stolze Stadt des Ruhms,
Daß wir dich lassen mußten,
Stern des Vandalenthums,
Perlen der Wüstenpußten!
O Schmerz, laß' heut' den Pfeil
Auf schwarzem Bogen rosten,
Daß nicht mit Wehgeheul
Wir seinen Giftdorn kosten!
Hoch stand auf hohem Thurm
Der König Geiserich
Und blitzte durch den Sturm —
Doch all' sein Blitz erblich.
Nur Leichen schwemmt die Fluth,
Wrackvoll sind alle Riffe,
Das Meer ist roth von Blut —
O ihr Vandalenschiffe!
Auf, König Gelimer,
Jetzt schmettr' uns in die Schlacht —
Du flackerst vor uns her
Wie Fackelbrand zur Nacht!
Wir aber thun dir's gleich
An Flammenmuth und Wundern —
Es soll dein Königreich
Noch lange fortjahrhundern!
|37 Schon saust der Feinde Schaar
Empor vom blut'gen Meer —
Zerstich den Belisar,
O König Gelimer!
Ob auch der Göttersinn
In ew'gem Tod sich büßte:
Denk' du an Glyzerin,*)
Den Heldenstaub der Wüste!
Wirf ihn, den Belisar,
Und tritt ihm auf die Zähne —
Es ströme tausend Jahr'
Des Griechenweibes Thräne!
nach Hermann von Lingg
*) Oder hieß er Mycerin, jener hochgesinnte Egypterkönig? Ich weiß es nicht mehr genau.
[Bearbeiten] Augenraub
38
Hoch ruht die Bergeshalde,
Darunter ruht der Wind,
Die Zweige hangen herunter,
Darunter ruht ein Kind.
Sie sitzt im Thymiane,
Sie sitzt in lauter Duft,
Sie sitzt im Fliegenschwarme
Und schaut nur in die Luft.
Die Lerchen lachen von ferne
Wer hätt' es nur geglaubt?
Sie hat die grünen Augen
Der Waldesfee geraubt.
nach Theodor Storm
[Bearbeiten] Rührung
39
O wenn du Lieb' im Herzen trägst,
So trage sie, und trag' sie still —
Wie mancher läßt sie fallen, ach!
Der sie nicht länger tragen will.
Und wenn du je ein Herz gerührt,
O rühr' es fort, o rühr' es treu,
Sonst bleibt es künftig ungerührt —
Drum rühr es immer stets aufs neu'!
Und wenn du keine Lieb' mehr hast,
So gib den Rest doch ohne Trug —
Und nahm man dir den Rest sogar:
Gib, was du hast! es ist genug.
nach Georg Scheurlin
[Bearbeiten] Bescheidenheit
40
- Es steht eine Lind' auf grünem Rain,
- Da fliegen hundert Vögelein
-
Wohl aus und ein:
-
Die wollen nichts als singen.
- Sie singen, wenn der Tag erwacht,
- Sie singen in der finster'n Nacht;
-
Ich hört' es lustig klingen,
-
Ja klingen!
- Und unter der Lind' auf grünem Rain,
- Da saß ein blutjung's Mädel fein
-
So ganz allein:
-
Die wollte nichts als weinen.
- Ach, Vöglein hat wohl seinen Schatz —
- Doch auf des Kirchhofs grünstem Platz
-
Begrub man heut' den meinen,
-
Ja meinen!
- Und von der Lind' auf grünem Rain
- Zum Kirchhof ging das Mädel fein
-
Im Abendschein:
-
Sie wollte nichts als sterben.
- Sie legte sich ins grüne Gras,
- Bis sie vom Leben ganz genas.
-
So geht das Glück in Scherben,
-
Ja Scherben!
nach August Becker
[Bearbeiten] Das Minnerlein
41
- Es war ein ärmstes Minnerlein
-
Im Herzen sterbekrank:
- Ihm bot die Allerliebste sein
-
Nicht Gruß noch Habedank.
- Sie war so hart wie Kieselstein,
-
Ach! wollt' ihn nicht versteh'n —
- O weh! du ärmstes Minnerlein,
-
Jetzt ist's um dich gescheh'n!
- Er schlich so trüb von Haus zu Haus —
-
„Gott Herre, dich erbarm'!
- Kommt denn kein Mägdlein, ach! heraus
-
Und schließt mich in den Arm?“
- Horch, horch! da pocht's ans Fensterlein,
-
Wink, wink! mit weißer Hand —
- Schau schau, du kluges Minnerlein:
-
Mägdlein gibt's mehr im Land!
- Die Zweite lieben Kuß ihm bot,
-
Das schuf der Ersten Gram:
- Drum weint' sie sich die Äuglein rot,
-
Bis daß er wiederkam.
- Nun wußt' er nicht mehr aus und ein,
-
Welch' Mägdlein süßer sei —
- Juchhe, du kühnes Minnerlein:
-
Jetzt hast du ihrer zwei!
nach Julius Wolff
[Bearbeiten] Mailied
42
- Boten sendet uns der Mai,
-
Ob wir's nicht vergaßen —
- Tandaradei! zum Ringelreih!
-
Ruft's in allen Straßen.
- Spielmann, wirf die Geig' ans Kinn —
- Horch' doch, liebes Magedin!
-
din derin
-
din din.
- Leg' dich doch an meine Brust —
-
Will dich dort schon halten:
- An der Jungen Koselust
-
Letzen sich die Alten!
- Hüpfefuß hat Hüpfesinn —
- Hupf' doch, liebes Magedin!
-
din derin
-
din din!
- Halt! den Kuß noch, Mündel rot,
-
Darfst du nicht versagen,
- Wirst die kleine Schmatzenot
-
Nicht der Mutter klagen!
- Schmatze her und schmatze hin —
- Lach' doch, liebes Magedin!
-
din derin
-
din din!
nach Julius Wolff
[Bearbeiten] Rosen, Disteln und Hänschen
43
- Röschen aus der Hecke blickt.
-
„Ei, das muß ich brechen!“
- Hänschen doch ist ungeschickt,
-
Und die Dörnlein stechen.
- Aus der Hand des jungen Mann's
-
Kommt das Blut geronnen:
- Seinen Finger taucht der Hans
-
Seufzend in den Bronnen.
- Saß ein Seherweib am Born,
-
Sprach mit weiser Zunge:
- „Keine Rose ohne Dorn —
-
Merk' dir das, mein Junge!“
- Hänschen glättet sein Gesicht,
-
Dreht dem Strauch den Rücken,
- Weil die dumme Rose sticht,
-
Disteln sich zu pflücken!
- Disteln haben gleichen Stolz —
-
Unbescheid'ne Dinger!
- Ach! schon sitzt der Stichebolz
-
Tief in Hänschens Finger.
- Hänschen, sei doch nicht so dumm!
-
Willst du dich erbosen?
- Dreh dich lieber noch mal um,
-
Pflücke wieder Rosen!
nach Rudolf Baumbach
[Bearbeiten] Wassertopf und Deckel
44
- Unter den Zweigen in schwüler Nacht
-
Dacht ich an scherzende Küsse:
- Siedete mir im Kopf mit Macht
-
Brodelnde, brausende Süße.
- Siedet im Topfe ein Wässerlein fein,
-
Bleibt der Deckel nicht liegen —
- O wie flott in die Lüfte hinein
-
Ließ ich mein Strohhütlein fliegen!
- Ob sich der Deckel zum Topf erkor
-
Anderen Kopf — kann ich's wissen?
- Da ich lange den Kopf verlor,
-
Kann ich das Deckelchen missen!
nach Paul Heyse
[Bearbeiten] Rosa von Awein
45
Die hehrste Dame in dem Land ist Rosa von Awein,
Und mein ist sie mit Herz und Hand, und soll es ewig sein!
Am Lindenbaum im Abendgold fand ich die süße Maid,
Sie selbst so sanft und mild und hold wie gold'ne Abendzeit;
O Maid — so sprach ich — in dem Kahn auf blauer See Euch wiegt:
Wie lieblich, wenn auf leiser Bahn Ihr durch die Wellen fliegt!
„Will mich nicht wiegen auf blauer See, noch auf der Wellen Schaum:
Es bannt mich in der Linde Näh', weiß nicht, welch' tiefer Traum.“
O Maid, kommt auf die Hünengruft, wo die wilde Rose steht:
Wie lieblich, wenn ihr milder Duft im Abendwinde weht!
„Nicht zieht mich von der Linde fort der Hünenrose Flor:
Mir ist, ich find' an diesem Ort ein Kleinod, das ich verlor.“
Weil hier zuerst du mich erkorst, drum ist das Geh'n dir leid:
Das Kleinod, das du hier verlorst — ist's nicht dein Herz, o Maid?
Da ward sie still, da ward sie rot und senkte die Wimper fein,
Und lächelnd sie die Hand mir bot: „So mag es, Ritter, sein.“
Die hehrste Dame in dem Land ist Rosa von Awein,
Am Lindenbaum mit Herz und Hand im gold'nen Abendschein!
nach Felix Dahn
[Bearbeiten] Die Haide
46
- Wenn still das verheißende Haiderot
-
Hergeistert über die Haide,
- Wenn die Haide liegt so leichentot,
-
So weit du nur schauest, die Haide,
- Wenn der Haidemond mit bleichem Schein
- Umzittert den heidnischen Haidestein,
- Und der heisere Haidewind wimmert darein
-
Auf der Haide, der Haide, der Haide,
-
Der Haide, der heiligen Haide:
- Dann ist die unheimliche Haidezeit,
-
Schleich' leis da über die Haide,
- Und horch' auf des Haidewinds Heimlichkeit,
-
Auf den Haidehauch auf der Haide!
- Das Haidegeheimnis, es wird dir kund
- Aus dem Haidegras und dem Haidegrund
- Wie dem Haideschaf und dem Haidehund
-
Auf der Haide, der Haide, der Haide,
-
Der Haide, der heiligen Haide.
nach Hermann Allmers
[Bearbeiten] Nachtlied
47
Lieg' ich weltbemäkelt,
Unlustabgeekelt
Nachts im Grübelrausche,
Bis ich, überrege,
Meiner Blutkopfschläge
Ticketon erlausche:
Müde dann der Pfühle
Such' ich Schnatterkühle
Auf dem Windaltane,
Wo aus Erdwehstreite
In die Milchstraßweite
Ich hinaus mich ahne.
Tausend Silberschaaren,
Zitterflitt'rer, fahren
Bess're Bundesbahnen:
Klammernd klein dagegen
Sorgen, Singen, Segen,
Menschenplapperplanen!
Doch sogleich dem Kleinmuth
Folgt zu stolzem Nein Muth!
Allrath ließ ja reifen
Auf dem Staubgestirne
Denkerdämmerhirne,
Selbst sich zu begreifen.
nach Wilhelm Jordan
[Bearbeiten] Truppeneinzug nach dem Manöver
48
-
Wer kommt? wer?
-
Sie ziehen daher,
-
Sie rücken ein
- Durchs Brandenburger Thor herein —
- Hurra! dreizehn Regimenter,
- Lauter Herrgottsakermenter,
- Eins zwei, eins zwei, Schritt und Tritt!
- Allpreußenherzen marschieren mit.
- Hut ab! Hurra ohne End' —
- Vivat hoch das Leibregiment!
- Füsiliere, Grenadiere,
- Kavallerie dann — schöne Thiere!
- Leutenants von Itzenplitz
- Grüßen mit der Sporenspitz'.
- Vierundzwanziger, Fünfundzwanziger,
- Meckelnburger, Hamburger, Danziger,
- Zweiunddreißiger, Dreiunddreißiger —
- Vierunddreißiger waren noch fleißiger,
- Schwitzten im Sande tapfer und brav,
- Einen sogar der Hitzschlag traf —
- Haben wir's nicht gestern gelesen?
- Aber die Andern, die sind genesen.
- — Hunderttausend auf Zehenspitzen
- Spähen nach den Itzenplitzen.
-
Wer kommt? wer?
- Achtziger, Neunundneunziger,
- Uckermärker —
- Die sind noch stärker!
- Knoten und Knüppel —
- |49 Conferantur: Schanzen von Düppel!
- Lösten sich ewig von jeder Sünde
- Bei Fohlenkoppel und Angermünde.
- Wer kommt jetzt? — 'samster Diener —
- Hurra! das sind die Berliner!
- Werfen die Beine federleicht,
- Tragen den Schnurrbart „es ist erreicht“,
- Und dazu noch Veilchensträuße —
- Schnell den Berlinern eine Weiße!
- Was! noch immer wehen die Tücher?
- Ja freilich! jetzt kommen die Oderbrücher!
- Keine Verknatt'rer und Pulververschlemmer,
- Lauter treffsichere Eisenhämmer,
- Durchgedrückt die Knochen am Knie
- Für Preußens Größe, pour la patrie!
- Und zuletzt? ich habe die Ehre!
- Da sind noch die Herren Ingenieure
- Zwischen rothen und todten Husaren,
- Wumdibumpauken und Kraftfanfaren.
-
Halt!!
- Vor des alten Fritzens Erzgestalt.
- Aber der dreht im Sattel sich um:
- „Merci, Messieurs! das ist mir zu dumm“
nach Theodor Fontane
[Bearbeiten] Fragen
50
- Ich stand auf grüner Halde,
-
Ich stand so still .
- Was wohl im grünen Walde
-
Die Tanne will?
- Da haucht aus grünem Walde
-
Der Wind mir zu:
- „Du Mann auf grüner Halde —
-
Was willst denn du?“
nach Martin Greif
[Bearbeiten] Der Eierkuchen
51
Am heiligen Charfreitag
Grub ich ein Kräutlein fruh:
In einem Eierkuchen
Schickt' ich's dem Liebsten zu.
Es wird ihm gar nichts schaden,
Ihr blonden Schwestern, wißt!
Er ißt es mit dem Fladen,
Und meiner nie vergißt.
nach Martin Greif
[Bearbeiten] Die Wolke
52
Die Wolke zieht zum Firne,
Ein Tropfen fällt vom Baum,
Er fällt mir auf die Stirne —
Es ist mir als im Traum.
Bald ist es ganz verflogen,
Und alles wieder schwül;
Doch ob es hingezogen,
Es bleibt noch ein Gefühl.
nach Martin Greif
[Bearbeiten] Die Wiese
53
Verschleiert sich die Ferne
Am grünen Wiesenplan,
Dann schau' ich mir so gerne
Die lieben Berge an.
Wohl manchmal bin ich fröhlich,
Doch traurig bleibt mein Sinn,
Und immer wieder stehl' ich
Mich auf die Wiese hin.
nach Martin Greif
[Bearbeiten] Der Knabe von Tirol
54
- Du kamst doch sonst so seelenfroh
-
Von deinen Bergen her:
- Was macht dir denn mit einem so
-
Das junge Herze schwer?
- O weh, ach weh, dir ist nicht wohl,
-
Du holder Knabe von Tirol!
- Die Mägdlein kennen nimmer dich,
-
Und keinem machst du's recht,
- Es fehlt dir sicher innerlich,
-
Und sonst auch geht dir's schlecht;
- Weh, weh im dünnen Camisol,
-
Du holder Knabe von Tirol!
- Ach, deine Lippen rot und jung,
-
Sie finden keinen Kuß,
- So drückst du dich mit scheuem Sprung
-
Durch kalten Regenguß.
- Komm', komm'! komm' unter's Parasol,
-
Du holder Knabe von Tirol!
- Du tust mir so von Herzen leid,
-
Ich kann dich gar nicht sehn,
- Ich möcht' in meiner Traurigkeit
-
Für dich zu Grabe gehn!
- O weh, ach weh! wie welk der Kohl —
-
Fahr' wohl, du Knabe von Tirol!
nach Martin Greif
[Bearbeiten] Reinemachen
55
Erst zum Schinder
Die mit dem Zylinder!
Dann totgedroschen
Die mit den Galoschen!
Was muckerbeflissen,
Ins Müllfaß geschmissen!
Zerbläut elendig,
Was nicht wurzelständig!
Die Dämmerungsgeister
Ertränkt in Kleister,
Die in Wolken schwärmen,
Gehenkt an den eigenen Blähungsdärmen!
Wer noch übrig ist dann,
Der ist mein Mann:
Forsch und wacker
Bestell' er den Acker
Und such' sich ein redliches Frankenbett!
Dann hat er das Glück komplett.
nach Michael Georg Conrad
[Bearbeiten] Tragödie
56
1.
Die Treppe —
Die Schleppe —
Das Tuch ..
O Fluch!
Aus Ketten
Sich retten?
Vorbei ..
Es sei!
2.
Oho!
Wieso?
Ja freilich —
Erst neulich!
Da drüben
Zu lieben —
Ein Wort ..
Dann fort.
3.
Schenk' ein!
— „Ach nein“ ..
Getrunken —
Gesunken .
Jetzt Puder ..
Ein Luder.
Ah bah —
Haha!
nach Verschiedenen
[Bearbeiten] Die Attacke
57
-
Bä b ä bäbä bäh
-
Tätä tätä täh —
- Klingt es nicht, als ob Trompeten
- Zur Attacke tätterätähten?
-
Nein, die junge Schäferin
-
Gertet ihre Schafe hin;
- Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben —
-
Keines ist zurückgeblieben.
-
Rackerchen du!
-
Und zur Ruh'
-
Setzt sie sich nieder
-
Auf den Stein,
-
Lüftet das Mieder,
-
Und richtet sich ein,
- Mitten unter den lieben Schafen
- Halb zu träumen und halb zu schlafen.
-
Bäh bä bäbä bäh —
-
Täh tä tätä täh ...
- Aber da bummelt schon her der Junker,
-
Am Sturmhut die Klunker,
-
Mit flottem Geflunker,
-
Er hat erspäht,
-
Wo ein Röckchen weht,
-
Und denkt sich: Blitz —
-
Das gibt 'n Witz!
-
Das liebe Mädchen,
-
Schon eingenickt,
-
Erschrickt,
-
|58 Aber nicht sehr:
-
Und er
-
Ist schon über sie her
-
Wie eine Bracke —
-
Bä b ä bäbäbäh,
-
Tä t ä tätätäh,
-
Marsch marsch, zur Attacke!
-
Pianpi a no, fortf o rte,
-
Und ganz ohne Worte.
- Ich kann nicht sagen, was weiter geschah,
-
Doch die Schafe bäbähten: Viktoria!
nach Detlev Frhr. von Liliencron
[Bearbeiten] Mädchen im Frühling
59
- Mein junges Laub zittert im warmen Sturm —
-
So wach bin ich von mir,
- Und doch so sprossend träg und schräg,
-
Ich sehnendes, dehnendes
-
Menschenbäumchen!
- Mir wird so süß von mir,
-
Ich bin so süß nach dir,
- Liebschlau spiel' ich mich hin vor dich,
-
Du mein doppelter Tag
-
Mit deinen zwei Lodersonnen,
-
Du!
-
Siehst du denn nicht,
- Wie ich so leckerschön bin nach dir,
- Wie ich zuckerzucke nach dir?
- Jetzt geht meine Seele noch baden,
-
Dann kommt sie zu dir,
-
Ja?
nach Peter Hille
[Bearbeiten] Zwischen Feldern und Wäldern
60
- Über Wunderwiesen ein Knabe sprang,
-
Rick rack, ticketackte sein Herz,
- Seine Augen glitzfunkten so jauchzebang,
-
Rick rack, ticketackte sein Herz.
- O Blühefelder,
-
So schön, so schön,
-
O Raunewälder,
-
So schön, so schön!
-
O du Braune, du selber,
-
So schön,so schön!
-
Rick rack, ticketackte sein Herz.
- Hin tanzte der Knabe im Sauseschritt,
-
Rick rack, ticketackte sein Herz,
- Nahm Rankebuntwinden und Nicknelken mit,
-
Rick rack, ticketackte sein Herz.
-
Durch Blähefelder
-
Zu dir zieht's mich hin,
-
Durch Raunewälder
-
Zu dir zieht's mich hin,
-
O du Braune, du selber,
-
Zu dir zieht's mich hin!
- Rick rack, ticketackte sein Herz.
- Zwischen Feldern und Wäldern die Rieke stand —
-
Rick rack, ticketack, schau schau!
- Hielt über die Augen die Guckeguckhand,
-
Rick rack — so 'ne kleine süße Frau I
-
Durch Blühefelder,
-
Da kommt er jetzt her,
-
Durch Raunewälder,
-
Da kommt er jetzt her —
- |61 Und da kommt er schon selber, und da kommt er schon her,
-
Rick rack, ticketack, schau schau!
nach Otto Julius Bierbaum
[Bearbeiten] Sommermädchenküssetauschelächelbeichte
62
An der Murmelrieselplauderplätscherquelle
Saß ich sehnsuchtstränentröpfeltrauerbang:
Trat herzu ein Augenblinzeljunggeselle
In verweg'nem Hüfteschwingeschlendergang,
Zog mit Schäkerehrfurchtsbittegrußverbeugung
Seinen Federbaumelriesenkrämpenhut —
Gleich verspürt' ich Liebeszauberkeimeneigung,
War ihm zitterjubelschauderherzensgut!
Nahm er Platz mit Spitzbubglücketückekichern,
Schlang um mich den Eisenklammermuskelarm:
Vor dem Griff, dem grausegruselsiegesichern,
Wurde {m|w}ir so zappelseligsiedewarm!
Und er rief: „Mein Zuckerschnuckelputzelkindchen,
Welch ein Schmiegeschwatzeschwelgehochgenußl“
Gab mir auf mein Schmachteschmollerosenmündchen
Einen Schnurrbartstachelkitzelkosekuß.
Da durchfuhr mich Wonneloderflackerfeuer —
Ach, das war so überwinderwundervoll ..
Küßt' ich selbst das Stachelkitzelungeheuer,
Sommersonnenrauschverwirrungsrasetoll!
Schilt nicht, Hüstelkeifewackeltrampeltante,
Wenn dein Nichtchen jetzt nicht knickeknirschekniet,
Denn der Plauderplätscherquellenunbekannte
Küßte wirklich wetterbombenexquisit!!
nach O. J. Bierbaum und anderen Wortkopplern
[Bearbeiten] Unterm Süssmandelbaum
63
Sieben kleine Mandolinen klangen,
Sieben Himmelsenglein spielten sie,
Saßen hoch auf dem Süßmandelbaum:
Säuselten die Mandolinchen kaum
Ihre zarte, süße Melodie.
Wie mit sieben Ohren mußt' ich lauschen
Aufwärts in des Mandelbaums Geäst;
Schlugen leis den Takt die Zuckerbeinchen
All der lieben, rosenroten Kleinchen —
Sieben Stunden währte so mein Fest.
Sieben letzte Mandolinchentriller,
Sieben süße Mandeln sinken sacht ..
Sieben Tag und sieben Nächte sinn' ich:
Sieben Silberliedchen engelsinnig
Sind in meinem Herzen aufgewacht.
nach Gustav Falke
[Bearbeiten] Trinklied
64
- Näher und näher die Nacht schon stapft:
- Trinkt, bis der Seher sich selbst verzapft —
-
Stürzt das Faß!
- Schaut, wie im Blute die Sonn' ersauft,
- Weil sich die Gute nun wärmer tauft —
-
Hoch das Glas!
- Singt mir vom rötlichen, tödlichen Leben —
- Dagloni maroni lazzaroni sasa,
- Gleiala kling klang gloria ..
- So trinkt doch, Donner und Doria!
- Knickeknackreben, süßtriefende Wunden,
- Singt mir das Lied von droben und drunten,
-
Wallalalei juchuh!
- Der Mond hängt seine rote Zung'
- Über den Berg — gute Nacht, min Jung'!
-
Sonne, hist hott!
-
Feuert den Pott,
-
Kracht in die Ecke zum Gott —
-
Hui!
- Näher und näher schon schlurft die Nacht.
- Im Gurgelstrom ein Gegack', ein Gezuck' —
-
Noch einen Schluck!
-
Hört ihr, wie's kracht?
-
Fürchtet ihr den schwarzen Mann??
-
Da kommt er schon an,
-
Der Morian,
-
Hopp hopp, im Galopp,
-
Und der Kopp so salopp —
-
Huputui!
- |65 Singt mir vom rötlichen, tödlichen Leben!
- Maroni mahagoni —
-
Klirrlala, g'schirrlala,
-
Klingelingkling klimbim gloribúsvallera.
-
Hussa! wir streben und kleben und schweben
- Immer darüber und immer daneben —
-
Juch!
nach Richard Dehmel
[Bearbeiten] Die entscheidende Schlittenpartie
66 Aus „Zwei Menschen“
Zwischen zwei Rappen jappjachtert ein Schimmel!
Getümmel, Gebimmel, Verschwimmelgewimmel ..
Ein Weib und ein Lümmel
Hetzen dahin zwischen Erd' und Himmel!
Das Weib schwingt die Peitsche, der Lümmel die Zügel,
Jetzt reckt er sein Kinn über Tal und Hügel:
„Sarah! seit meiner Jugend Gewitter
Rast' ich noch nie so im Glitzergeschlitter!
Aber noch herrlicher raste ich gestern,
Als ich im Sturm deinen Namen schrie, Weib,
Meinen Orkangott hervor zulästern,
Mit ihm zu ringen Knieschneib' an Kniescheib',
Daß du nun frei,
Daß wir zwei
In einem Schrei
Zwei sind, aber auch einerlei!
Schleif mich, Zyklongott, rund um den Erdenball,
Sei der nun mulmig oder rein —
Ob auf die Nas' ich oder verkehrt fall':
Hingeschmissen will ich sein!
Sage mir, du! jetzt muß ich es wissen —
Bist auch du so hingeschmissen?
Schreist du, Weib, vor allen Damen
Ebenso rasend auch meinen Namen?
Kennst du den Wahnsinn dieser Gottähnlichkeit??“
— Das Weib umklaftert ihn purzelbereit:
„Nenn' es nicht Wahnsinn, nenn's lieber Ahnsinn,
Nenn's nicht Profansinn, nenn's Nahedransinn!
|67 Isidor, schau' — in den furchtbaren Wochen
Hast alle Knochen
Du mir schon zerbrochen ..
Doch ob mir auch graust:
Ich will, muß, kann,
Willmuß, mußwill,
Kannwillmuß, willmußkann
Fliegen mit dir, o Mann!
Ja, Isidor, rase! Reck' deine Nase!
Laß brechen, laß biegen,
Laß dich, laß mich,
Laß michdich, dichmich fliegen!!“
Schwupp! da saust
In den Graben das Paar, das durchtobte ..
Zwei Menschen empfehlen sich als Verlobte.
nach Richard Dehmel
[Bearbeiten] Im kalten Hain
68 Aus „Zwei Menschen“
Zwei Menschen gehn durch einen kalten Hain,
Der Mond läuft mit, sie schaun hinein.
Das Weib geht schwer, wie zum Hochgericht —
Die Stimme eines Weibes spricht:
„Ich trag' ein Kind, doch 's ist nit dein ..
Ich sag's erst jetzt im kalten Hain!
Bin auch mit Anderen gegangen —
Ich hatte eben schon Verlangen
nach einem Inhalt, ehe du
Mir gabst die ganze Seelenruh'!“
Die Stimme eines Mannes spricht
(Nun geht auch er, als hätt' er die Gicht):
„Sei du getrost! Das macht doch nichts,
Wenn du nur selbst ein Kind des Lichts!
Es ist um dich ein großes Glänzen,
Und das verwischt mir alle Grenzen!
Kam auch dies Kind vom Andern dir:
Gebären kannst du's doch noch mir!
Daß, wenn ein Weib nach meinem Sinn,
Ich leider nie der erste bin,
Das war ich ja von je gewohnt!“
Zwei Menschen schauen in den Mond.
nach Richard Dehmel
[Bearbeiten] Promenade
69
- Putz' mir meine Neese,
- Roter Irokese,
- Denn wir gehn spazieren —
- Uns zum Lohne,
- Aller Welt zum Hohne
- Hüpfen wir auf allen Vieren!
- Unser grünes Nashorn
- Hüpft voran,
- Weil das grüne Nashorn
- Alles besser kann.
-
Hurrah!!
nach Paul Scheerbart
[Bearbeiten] Der Mustersaal
70
Kluges Klappetappen tippt, klippt und wippt
Durch wüst getonnte Kahlgewölbe.
Träufeln leise, trotzerlöst
Gekröpfte Kugelköpfchen?
Busig blähn sich verblasene Beutelbälle,
Schleuderquellen umquirlen
Das spitzige Zipfelzapfengezause —
Tausendfinger betupfen
Die zuckenden Zackenhallen!
Schlanke Birnekegel, knappe Apfelknorpel
Triefen traumselig
In die Tröpfeltröge.
Zu zähem Sudseim
Zersehnt sich der Stockestein!
Knaufknoten recken zu Ränderbäuchen
Die lingernden Leckezungen!
Strahlzerrissen sprühen
Spellende Spritzespitzen
In klaffendes Kuppeltraubengeträne.
Zopfzierzinnen
Rieseln, rinnen und spinnen.
Formflausen flattern hinter dem Fallball —
Spielwillig schlingeverschlungen
Schlampt und rollt der Rohteig
In schwillendem Raserausch,
Hochwärts säulenfrierend
Zum riesigen Fransenfriesedach!
Winklig stülpestopfen
Die keulgekerbten,
Raspelgerippten,
Splitterumspießten
|71 Schäumedolden und Mähegarben!
Die Dorredistelstrahlen,
Die krustigen Gräteborsten
Und Sprießespane
Vergürtelgittern
Mit Kerberiemen und Ätzegerten
Das hart umhakte,
Schlitzdurchfächerte
Sprühsprungspreizegerüst!
Zerfetzte Bastebündel
Lockern des Zickzackgetakels
Zerschrammte Starrstromstrünke!
Die Schönheit schafft —
Der Allgeist schwebt durch den Saal!
nach Paul Scheerbart's „Paradies“
[Bearbeiten] Abwehr
72
- Der Weise lächelt, wenn das Gewürme sich
- In frechem Wahn olympische Größe träumt:
-
Er sieht ja täglich, daß im Tümpel
- Selbst die verächtlichsten Wässer keimen.
- Er steht, das Haupt im Schimmer der Sternenwelt.
- Zu Füßen ihm der Menschen Erbärmlichkeit,
-
Und seiner Schöpferhand entwirkt sich
- Dankbar das leuchtende Bild der Schönheit!
- Was soll das, Lore? lasse das Kitzeln bloß!
- Kind, sei doch ernst — dies Kitzeln ist ärgerlich!
-
Komm' etwas später! dichten muß ich
- Jetzt in der griechischen Pathosstrophe.
nach Otto Erich Hartleben
[Bearbeiten] Der Fußwärmer
73
Es kreischen die Krähen, das kalte Pack
Der Menschen vergnügt sich mit Lieben —
Ich bin wie ein alter Wärmesack
Unterm Tische liegen geblieben.
Mein Wolfspelz, der unter dem Wetzen litt,
Ist schäbig, nur Löcher, und mehr nicht —
Komm, Schicksalsfuß, gib mir den letzten Tritt,
Und schnell' mich hinaus ins Kehricht.
nach Frank Wedekind (erste Periode)
[Bearbeiten] Mine Haha Succuba
74
Zur Erziehung der jungen Mädchen
Kind, wie bist du ungeschickt!
Muß man alles dir noch zeigen?
Wenn dich nicht der Teufel spickt,
Wirst du immer Trübsal geigen!
Glaubst du, daß er dich betrügt,
Weil die Welt so schwarz ihn malte?
Jede, die sich ihm gefügt,
Rühmt, wie vornehm er bezahlte!
Hebe dein Pilasterbein,
Tritt den Grabstein der Gesetze —
Doch in Höschen hüll' es ein,
Daß die Hölle ganz dich schätze!
Schöner lockt der Rosenstrauß
In durchbrochenen Manchetten,
Und das gleiche zeichnet aus
Allerzarteste Koteletten!
Glaube, so wie ich gesinnt,
Sind die besten Erdengeister —
Und nun gute Nacht, mein Kind,
Mache Freude deinem Meister!
nach Frank Wedekind
[Bearbeiten] Der Freischwimmer
75
Heil dir, Henckell!
Schlenkre die Schenkel,
Schlag dir die Brust
Siegesbewußt!
Klatsche der Waden
Schimmernde Gnaden,
Patsch' in die Hände,
Streichle die Lende!
Lasse die Hüften
Lustig sich lüften —
Keck um den Kopf
Schüttle den Schopf!
Sicher vor Tücken
Recke den Rücken
Weit aus dem Wasser,
Herrlicher Prasser —
Nimmer bezopft
Freu' dich, wie's tropft,
Juble dich heiser,
Heimlicher Kaiser!
nach Karl Henckell
[Bearbeiten] Frühling
76
Seht ihr den Frühling seine Räder schlagen
Im goldgestickten, wundergrünen Flaus?
Nun ist's zu Ende mit den grauen Tagen,
Und was nur Beine hat, das läuft heraus!
Die kleinen Kinder gehen Kätzchen fangen,
Die größer'n spielen lachend unterm Tor,
Und selbst der Registrator kommt gegangen
Und guckt bedächtig in die Sonne vor.
Backfischchen kichern im Vorübergleiten,
Und jede glüht wie eine junge Ros':
Kußhändchen regnet's jetzt von allen Seiten Herr Gott von Bentheim, ist die Welt famos!
nach Karl Busse
[Bearbeiten] Der junge Gott
77
- Heil, Heil und Herrlichkeit dem Sohn der Kraft!
- Die Adler Schreiens, und der Vorhang reißt
- Am Allerheiligsten — die Welt wird hell.
- Aus meinen Tiefen strahlt das Urgeheimnis,
- Der dreimal glüh'nde rote Gottesring ..
- Es geht in mir wie Purpursonnenflut
- Und wogt empor, und ebbt in Andachtsstille.
- Ich bin erwacht, und ich bin Gott, und strahle —
- Und all' mein Strahlen ist ein Dankgebet
- Zu mir, mir selbst ...
-
die weißen Lilien schauern
- Und neigen sich vor mir und meiner Liebe.
- Heil, Heil und Herrlichkeit dem Sohn der Kraft!
nach Franz Evers
[Bearbeiten] Erinnerungen
78
Die Mädchen unter den weißen Zypressen
Zittern: sie können noch nicht vergessen,
Scharren mit ihren Schattenschuhn,
Reihn sich zum Reigen, und möchten doch ruhn,
Netzen leisnagend die Lippen sich naß,
Küssen sich — aber die Küsse sind blaß,
Und das Lächeln ist lahm und leer,
Und so weh der Winter am müden Meer.
nach Rainer Maria Rilke
[Bearbeiten] Der Gefangene
79
Nachtbild aus einem italienischen Hotel
Meine Hand hat nur noch eine
Gebärde, mit der sie verscheucht —
Über meine Beine
Kommt, was hüpft und kreucht.
Ich höre das hastige Ticken
Der Uhr — mein Herz hält Schritt ..
Vor ersten Tagesblicken
Vergeht, was dunkel ich litt!
Tickt' es doch noch schneller!
Kommt da wieder ein Tier?
Wird es nicht schon heller?
Aber was wissen wir ...
nach Rainer Maria Rilke
[Bearbeiten] letzter besuch
80
ob noch ein trost entquille jetzt uns beiden
ich hofft es wohl ich kam zum lampenmahle
doch da ich heißer dürste tief im leiden
dich trinken will entziehst du mir die schale
ich berge schweigend mich im beigemache
die unentschloßnen qualen zu verschonen
denn einsam fahle liebe, törig schwache
sie kann nicht meine träume mehr bewohnen
und glimmt noch jetzt durch leere nacht der zunder
in bitternis dich an mir festzulegen
so will ich deines grams geheimes wunder
mit sanftem saft mit meinen tränen pflegen
nach stefan george
[Bearbeiten] american bar
81
ein ruhgelaß schrägab dem rädertreiben
da müden seelen in gedämpfter stille
sich mälich wieder ebnet sinn und wille
im schimmerglast der zarten kräuselscheiben
umschmiegt von feingebräunter holzbeschalung
bleichhell getönt verwölben sich die wände
und friedlich labt den blick verstreute spende
der dämmerkunst in altersdunkler malung
der fliese mattes rot wer könnt es singen
die schneegedecke die willkommen sagen
der schlummerlehnen schmeichelndes behagen
der silbernen geräte leises klingen?
vielleicht doch lieber wink ich mit den augen
dem kellner in der milden weißen bluse
zum wohle meiner nervenschwachen muse
blaßkühlen saft durch hohles Stroh zu saugen
nach stefan george
[Bearbeiten] stammtisch der vorgeschrittenen
82
die höher Schwedens harren auf dem tische
beflimmert von dem blendeglanz der birnen
und säfte warten schwül verführerische
zu röten feuchte längst erblaßte Stirnen
die fahlen bärte formen sich bewußter
die äugen tränen in verborgnen träumen
und durch das fenster zischelt der liguster
und heisern regens trübes gossenschäumen
wir schaun uns fragend in die leeren höhlen
und wissen nicht was wir uns sagen sollen
es netzt uns heilig mit gesparten ölen
ein weiheguß den wir nicht deuten wollen
nach stefan george
[Bearbeiten] Und sehr ...
83
Ballade des äußeren Lebens
Und Kinder wachsen mit sehr weißen Zähnen,
Die dann so gelb doch werden wie die Primeln,
Und alle gehen wir uns müd, und gähnen.
Und grüne Pflaumen hangen in den Himmeln,
Die blau wie tote Schwalben niederschlagen
Und sehr bekümmert liegen, und verschimmeln.
Und immer weht der Wind in unsern Tagen,
Und immer reden wir sehr viele Worte,
Und selten solche, die uns selbst behagen.
Und Wege laufen sehr umher, und Orte
Sind da und dort, und auch bemerkenswerte,
Von dieser sehr und auch von jener Sorte:
Und Formen sind auch manchmal, sehr verehrte,
Und wo sie sich zu einer Wölbung fügen,
Da scheint sehr nah, was ferne sich verwehrte ..
Allein wozu ? Sehr flüchtig ist ihr Trügen
Und sehr belanglos dies gesehen haben,
Da wir uns selbst nur sehr und meistens rügen.
Was frommt dies Spiel uns früh gebleichten Knaben,
Die einsam wir und so verschieden sind
Und gern uns mit uns selber nur begaben?
Wie könnten wir an allem dem genesen?
Und dennoch sagt sehr viel, der „Pleite“ sagt,
Ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt
Wie stille Tropfen aus den hohlen Käsen.
nach Hugo von Hofmannsthal
[Bearbeiten] Am Brunnen
84
Fahl erhöht zu gesprenkeltem Hochschuß
Morgenrötet das Steigrohr,
Krummausröhrend in bleigrauer Demut.
Schläfrig schleimig ranzt der Trog,
Moosbesaugt, schwärzlich brummend.
Fischblau strudelt das Erdblut,
Braun verqualmend
Zwischen grünen Giftküssen
Lila bröckelnder Moderkrumen.
Weiches Sonnengelb glimmt flüsternd
Auf dürr verzweifeltem Schmachten
Und silberner Tränennässe.
Goldblaurot röchelnde Perlen
Singen und lachen im Tropftod.
Ahnungslos heiße Schneesterne
Geigen Honig entgegen.
Weinrot schluchzt eine Gänseblume —
Stahlkühl schweigt der Sickergrund.
nach Maximilian Dauthendey (erste Periode)
[Bearbeiten] Taschenspieleraugen
85
- Einst lag ein Mensch vor dir.
- Aus seinen Augen flogen wunde Adler,
-
Umklagten dich —
-
Du gingst vorbei.
- Dann stand ein Mensch am Weg.
- Aus seinen Augen schwirrten Spatzenschwärme
-
In schrillem Spott —
-
Da bliebst du stehn.
- Ein dritter stieß dich an!
- Aus seinen Augen krochen krumme Spinnen,
-
Bespieen dich —
-
Den liebtest du.
nach Maximilian Dauthendey
[Bearbeiten] Im Dunkeln ist gut funkeln
86
-
Hart hustet die Nacht.
-
Alt starrt die Erde.
-
Weich ist mein Herz.
- Ich bin ein heißer Mensch, und funkle.
- Ich möchte mein weiches Herz
- In den eisigen Weltraum hängen,
- Mein siedendes, funkelndes Herz,
- Daß auch der Weltraum warm bekäme.
nach Maximilian Dauthendey
[Bearbeiten] Melancholie
87
- Meine Augen sind voll Asche.
- Meine Ohren hob' ich verloren.
-
Arm und Bein
-
Sind Gestein;
- Auch die Sprache fällt mir nicht mehr ein,
- Und die Gedanken werden leichenkälter —
-
Man wird älter.
nach Maximilian Dauthendey
[Bearbeiten] In der Bibliothek
88
Es kauern Herzen dort im Bücherspinde,
Verweint, verschwollen, dann in bleicher Weißglut
Des Leids gedorrt .. ach ja — ich wollte lesen!
Ich hol' mir so ein Herz. Es bricht und platzt
Hier auf dem Tisch — verstocktes und verstaubtes
Urväterblut verstreut sich auf die Platte,
Wie einer hundertjährigen Blutwurst Füllung,
Wie dunkelroter Schnupftabak. Die Luft
Wächst eng — ich ginge lieber. Doch da hockt
Ein gelbverschrumpfter alter Schmöker, bohrt
Pupillenleer mich an, und drosselt mich!
Er möchte, daß ich eine Träne träufle —
Und alle Kauerherzen in den Spinden,
Sie möchten, daß ich endlich Tränen träufle.
nach Maximilian Dauthendey
[Bearbeiten] Das Gartenhaus
89
-
Motto:
-
Ist das nicht ein Gartenhaus ?
-
Schaut da nicht ein Mann heraus?
-
Alte Volksweise.
Gerüche bauten uns ein Gartenhaus,
Dort, wo man wusch die Leiche meiner Matter,
Wo Winde funkeln, wo die Wellen nicken
Und Finken fiedeln unter reifen Sternen.
Mit tausend Kelchen riechen liebeschwer
Ringsum die Rosen sich, doch sehnend saugen
Sie ferneher den feiner'n Duft von dir
Und deiner Liebe — meine Hunde schnuppern
Entgegen, winseln, denn du tust zu wohl ..
Den furchtbar stummen Kater schloß ich ein,
Und gegenüber aus den Gitterkammern
Mit glüh'nden Augen glotzen mürbe Katzen —
Kein Dunst von ihrer Liebe soll den Duft
Der unser'n und der Rosen stören. Komm'!
nach Maximilian Dauthendey
[Bearbeiten] Im Spiegelturmgemach
90
Im grauen Schloß,
Umschlichen vom Glasglast
Der hohen Klause
Hinter den Schattenriegeln,
Über und unter den Spiegeln
Laß uns schweigend beharren
Und bis zum Grund der Schwindelgründe starren.
Sei nicht erschrocken
Von den Gedankenträumen —
Lasse dich locken
Von den getrunknen Räumen!
Ihr Stürzen ist Ragen —
Laß dich tragen
Und fallen
Von allen zu allen!
Aber denke der Tiefe nach!
Du mußt es spüren,
Wie sie dich führen
Dahin, wo keiner dich riefe,
Weil jeder schliefe —
Das ist die Tiefe.
Denk', o denke der Tiefe nach,
Denk' an die Schauerferne der Nähe —
Sieh, dann erhebt sich das Spiegelgemach,
Weib, und wir fliegen zur Höhe!
Denn dann ist es, wie's damals war,
Als mein gesamtes Mobiliar
Erst mahnend gekracht,
|91 Dann auf sich gemacht
Mit mir in die Nacht,
In die Höhen der Gründe,
Wo ich mein Schweigen verkünde.
nach Wilhelm von Scholz
[Bearbeiten] Schwüle Mädchenstunde
92
Jetzt ist mir alles einerlei —
Brünstig gellt mein Liebesschrei!
Ist keiner, der vor Tau und Tag
In meine Kammer kommen mag?
Oder der mich hole,
Bevor ich ungestillt verkohle??
nach Karl Maria
[Bearbeiten] Unentschlossenheit
93
Nebel nässen überm Wasser,
Dennoch rudr' ich dich hinaus,
Und wir werden naß und nasser,
Doch die Sehnsucht bleibt uns aus.
Lautlos sitzen wir, verbittern:
Angst und Qual, doch keine Sucht —
Endlich rudr' ich dich mit Zittern
Rückwärts, rückwärts in die Bucht.
Werden wir verrückt, Maria?
nach Hans Bethge
[Bearbeiten] Der Verliebte
94
O du, du, du —
Du ... Butziwackel!!
Ich finde keinen anderen Ausdruck.
nach Verschiedenen
[Bearbeiten] Genesung
95
Nein.
Es ist nichts.
Auch dies.
Auch dies —
Und dies.
Nichts ..
Gar nichts!
Verpaffter Rauch —
Rauch ..
Asche.
Eins nur — eins!
Du.
Dich.
Dich so sehen!
So! Ganz so!
Ja.
Und heute —
Heute ..
Da sah ich dich —
Dich ..
So —
Ganz so ..
Dich .....
Oh!!
Und
Mein
Verstand
|96 Stand
Still.
.....
Still.
.....
Ganz still.
nach Arno Holz
[Bearbeiten] Vortrag
97
- Ich singe ihnen meine Lieder vor,
- Den Herzen aus Speckstein und Nagelfluh.
-
Der Blüthnerflügel
-
Vergießt Tränenströme,
-
Mein Herz schluchzt mit,
-
Das ganze Parkett wird naß.
- Meine Stirn' bohrt sich in die Tasten,
-
Ich schau' nicht um:
-
Denn da hinten hocken
-
Lackierte Ölgötzen:
-
Rauchtopasaugen,
-
Iltiszähne,
-
Igelohren,
- Aber doppelknöpfige Handschuhe.
-
Ich spiele forte,
-
Crescendo,
-
Fortissimo —
-
Sie müssen!
- Zuletzt schrei' ich, spring' auf,
- Würge, übergebe mich ..
-
Da liegt's,
-
Blutrotzuckend,
- Ein laatschiger, quatschiger Matsch —
- Mein Herz!!
-
— Ich lächle betreten.
- |98 Die Ölgötzen klatschen ein bißchen.
-
Sie warten noch immer.
-
Ich würge weiter —
-
Würge, würge ...
-
'raus!!
- Aber es kommt nichts mehr.
nach Arno Holz
[Bearbeiten] Metamorphose
99
Einst
War meine Seele ein sanftes Ferkelchen.
Das
Packten sie,
Schoren ihm gierig die weißen Börstchen,
Stießen ihm mit dem Stiefelabsatz
Das rosige Schnuffelschnutchen blutig.
Sein jämmerliches Quieckquieckquieck
Rührte sie nicht.
Meine Blutkrusten
Wurden Hornhäute;
Zur harten Stachelkröte wuchs ich
Mit dreißig strotzenden Giftdrüsen.
Nur näher getreten,
Herrschaften!
Alle beiß ich euch in den Bauch!!
Denn das ist mir die liebste Stelle.
nach R. W. Martens (Arno Holz-Schule)
[Bearbeiten] Frühlingserwachen
100
Auf einem wippenden Wickenreis
Sitzt ein Distelfink,
Piepst.
Dicht an der wippenden Wicke
Trippelt nervös
Die horchende goldne Prinzeß ..
Wird gleich auch piepsen!
Denn der Frühling kommt.
nach Ludwig Reinhard (Arno Holz-Schule)
[Bearbeiten] Rücksicht
101
Mein kleines, blasses Schwesterchen
Sitzt auf ihrem weißen Töpfchen
Mit dem blauen Blumenmuster,
Und kuckt in eine grüne
Bonbondüte.
Sie ist sehr beschäftigt.
Und ich will sie nicht stören.
nach der Arno Holz-Schule
[Bearbeiten] Kontrollversammlung
102
Endlich wieder ein angenehmer Tag!
Herbstkontrollversammlung
Meiner fünfhundert Sehnsuchten.
Lauter Reservisten.
Ausgemergelte Fetische
Mit Augen von Glasperlen,
Altgebackene Engel
Mit frischgewaschenen Flügeln.
Einen nach dem andern
Laß' ich antreten,
Pack' ihn beim Schlawittchen,
Beutle ihn,
Nick' ihm noch einmal wohlwollend zu,
Und kragle ihn ab.
nach der Arno Holz-Schale
[Bearbeiten] Dank
103
Wenn aber mein Gehirn nachläßt,
Dann nähren kleine Dinge
Freundlich meinen Geist:
Ein Tintenklex auf meinem Federhalter,
Ein hinterlaßnes Fliegentüpfelchen
Auf meiner Buttermilch.
Dank, Klex!
Dank, Tüpfelchen!
Ihr gebt mir wieder Gedanken.
nach der Arno Holz-Schule
[Bearbeiten] Die Hoffnung
104
Meine Hoffnung
Ist ein altes, zusammengeklapptes,
Lustverludertes, runzelverledertes
Lumpenweib!
Tag und Nacht heult sie
Bei einer Talgpfunze
In ihre rostige Gießkanne,
Schlampt damit
Zum Kirchhofwinkel,
Und will ihre toten Bankerte
Tränken —
Als ob die noch Durst hätten
nach Vettelgeflenn!
nach Georg Stolzenberg (Arno Holz-Schule,
[Bearbeiten] Der Tote
105
In meinem Grab
Stinkt längst ein Andrer.
Ich bin nur mehr
Eine Nasenwurzel;
Durch meine Löcher scheint der Mond,
Das tut weh,
Noch mehr als der And're.
Wanderer, hast du keine Zigarette für mich?
— Wenn ich wenigstens noch niesen könnte!
nach Robert Reß (Arno Holz-Schule)
[Bearbeiten] Die Versilberung
106
- Mein Hirn ist draußen auf dem Meer
- Im nassen Wind auf dem Segelschiff.
-
Wasser, Wasser.
-
Es planscht.
- Ein Mummelgreis hinkt über die Gasse.
-
Er will zu mir.
- Ich hör' ihn tapern auf der Stiege —
-
Möven hacken sich Futter
-
Von seinem Scheitel.
-
Es klopft. Er kommt.
-
Ich schlottre im braunen Mantel.
-
Er schüttelt mir die Hand.
-
Ich nicke. Er hustet.
-
Die Schiffsglocke bimmelt.
-
Es regnet Platz in Südsüdwest.
- Der Tapergreis quetscht meine Daumen,
-
Einen nach dem andern,
-
Und horcht in mein Antlitz —
- Sein Auge stochert in dem meinen,
-
Und findet den Menschen nicht —
-
Ein fauler Fisch
-
Hebt schleimigblau
-
Sein Moderhaupt aus dem Schlamm —
- Die Möven kreischen durchs Gemach
- Und suchen Futter auch auf meinem Scheitel.
- |107 — Als ich erwachte, seufzte tief das Meer
- Und stierte nach dem Mond. Bei mir im Boot
-
Saß bockstarrsteif der Tapergreis,
-
Doch silbern jetzt, mit einem Silberhelm
-
Auf seinem Haupt — der Möven wegen?
- Ich griff nach ihm, und griff in leere Luft ..
-
Doch halt' es abgefärbt,
- Denn meine Hand, sie war versilbert
-
Wie eine Weihnachtsflitternuß.
- Ich sprach: Du bist so silberkalt,
- In Silberadern rinnt dein Silberblut
- Und keiner Möve gibst du Nahrung mehr —
-
Im Silbermondlicht wohnst du hier,
- Du Silberner, und hast nichts, hoffst nichts, willst nichts
-
Als nur dein Silber!
-
Er sprach: Du bist so schauderhaft,
-
So göttlich scheußlich und abscheulich,
-
Ganz ekliche Geburtswehn nur — dein Antlitz
- Zerschmettert und verkohlt von Gier und Wahnsinn —
-
Du wohnst in Abendlandschaft, überschüttet
-
Von schmutzigem Schotter und von Riesenspinnen.
-
Von Regenwürmern und von Kellerasseln —
-
Du bist verrückt, du Göttlicher — du lebst!
-
Versilbert mußt du werden!
- — Und zärtlich ward der Greisgeist, fiel mir jäh
- Auf meine Brust, und färbte mir die Nase
- Mit Silberküssen, und ich fühlte hart
- Den Silberhelm die Stirne mir halbieren.
nach Alfred Mombert
[Bearbeiten] Schmerzen
108 (Aus dem Buche „Sehet die Schmerzen, die uns drücken!“)
∾∾ ∾∾
Bin ich nicht Mensch?
∾∾ ∾∾ ∾∾ ∾∾
Bin ich nicht Tier??
∾∾ ∾∾ ∾∾ ∾∾ ∾∾ ∾∾
Bin ich nicht, was ich bin???
∾∾ ∾∾ ∾∾ ∾∾
O Urwald!
∾∾ ∾∾ ∾∾
O Kulturwald!
∾∾ ∾∾
Au, au! meine Hühneraugen
∾∾ ∾∾ ∾∾
∾∾
nach Ernst Schur
[Bearbeiten] Wenn
109
Wenn jetzt auf diesem Stuhl die Frau säße, die ich
lieben könnte — — — — — — — — — — — - - - - - - -
— — — — — — — — — — — — — - - - - - - - - - - - -
— — — — — — — — — — — — — - - - - - - - - - - - -
Wenn jetzt auf diesem Stuhl die Frau säße, die ich
liebe — — — — — — — — — — — — — - - - - - - - - -
— — — — — — — — — — — — — - - - - - - - - - - - -
Wenn jetzt auf diesem Stuhl — — — — — — — - - - -
— —-- ---- ----- ------ ------ -------- ---------
------------ ---------------- -------------------
-----------------------------!
nach Ernst Schar
[Bearbeiten] Liebeslied
110
Du fleischernes Stücklein Welt,
Umhemdeter Happen von erdenem Binnenglück —
Umrinnt Blut durch dich,
Auszweigend in Arm, Becken, Bein,
Auslohend in Ohr!
Aug' äst Straßenstrang, Weizen und Wald,
Wimpern erwanken im Lichtwind —
Entlang meinen leisen Gestaden
Hinnüsternd zackt Nase,
Mund birst gehälftet rotbronzen breitauf!
Steil staunt meine Stirn,
Hirn heult Jubel —
Ob mir erspringt Wand und Gewölk!
Ermenschest du mich,
Blutknospe du im Erkelchen?
Weltenes Stücklein Fleisch,
Saftdauern sollst du mir —
Rauch reckt mein Brand nach dir,
Rauchsanft will ich dich selchen!
nach Ernst Lissauer
[Bearbeiten] Der bedauernswerte Sklave
111
Wie ist mein zuckendes Herz entbrannt
Nach dir, du Sklave von Samarkand!
Die Sonne lodert wie Glück und Grimm —
Ich bin dir gut, ich bin dir schlimm!
Komm' mit, komm' mit in mein weißes Haus,
Dort sott dich entzücken der Liebe Graus!
Ich fletsche dir blutig den blassen Mund —
Was schweigst du noch immer? Nieder, du Hund!
Ich trete dich, trete dich windelweich —
„Auh!“ — Striemen peitsch ich dir, Streich um Streich!
Oh, tut das wohl .. „Auauh!“ — Oh fein!
O Glück .. er blutet schon wie ein Schwein!
Noch einen Hieb! hat er schön gebrannt??
„Auweh!!“ — Ach, Süßer von Samarkand!!
nach Marie Madeleine
[Bearbeiten] Juxender Jux im Styx
112
Seltsame Sterne sah ich glänzen,
Gußeisenfarbne mit Sehnsuchtsschwänzen —
O mein Hyazinthentraum!
Vom Erkenntnisbaum
Kicherte spottgut die Blüte,
Weil ich verglühte;
Mondvater meckert' im Vollbackenschein ..
Da fiel es mir ein:
Gramjahrzehnte zuckte ich hin,
Schnurrte zurück und starb zurück,
Jubellahm
Im Blütenkeusch
Am zitternden Maientag,
Im Weltgeräusch
Ohne Lied,
Jedes Glied
Eine irrgewordene Lilie
Aus guter Familie!
Aber nun kam,
Was in wiegenden Trösten mich tragen mag!
Die Syrinx lacht —
Es kracht durch die Nacht
Mein Geschrei
Wie brüllende Ozeane!
Du Satan aller Satane,
Herbei!
Schaukle mich frei
Auf dem Ätherei,
Preß' mich an deine brandige Brust —
Du mußt!
|113 Mein Leben saust nach allen Seiten —
Wie süßer Südwind weht aus den Weiten
Der betäubende Duft
Von deinem sündigen Munde ..
Die Stunde
Ruft!
Komm' zu mir her,
Du mit der flatternden Lippen Begehr,
Du mit dem zackigen Augenbrau,
Hol' dir die Frau!
Komm'! ich bin nicht mehr töricht —
Komm' ins Geröhricht!
Wo die Faunsaugen grinsen,
Binden wir uns mit Binsen
Aneinander,
Mein Alexander!
Will nimmer entfliehen meinwärts —
Du Auswärts werde mein Einwärts!
Laß mich nicht heiß erfrieren
In meinen Urwaldgieren —
An deinen Zeusbart knüpf ich mich an,
Mann!
Meine Seele knurrt wie ein hungriger Hund -
Tritt sie gesund!
Liebe mich endlos
Und sakramentlos!
Meine Arme umlodern dich —
Mit Flammenstich
Dolchen auf dich meine Brüste!
All' meine bösen Lüste,
Rote Wildkatze,
Springen aus mir
|114 Mit Krallentatzen
Und beißen nach dir!
Meine Dürste mit Wutkraftglut
Egeln sich ein in dein girrendes Blut.
Soll ich ersticken im Feuerdunst?
Lösch' meine Feuersbrunst
Mitten im Styx —
Jüx!!
nach Else Lasker-Schüler
[Bearbeiten] Beelzebub
115
- Früh haben sich meine Süchte
-
Der Sünde zugewandt —
- Es wühlte in meinen Blüten
-
Unsauberer Höllenbrand!
- Meine Liebe ist vergiftet
-
Von wüster Liederlichkeit —
- Meine großen schamlosen Augen
-
Flackern lasterbereit!
- Ach, meine junge, ruhlos
-
Lauernde Seele weint,
- Es rufen die lechzenden Lippen
-
Noch immer Freund und Freund ..
- Zuletzt kommt einer gegangen,
-
Der lächelt zu meinem Schrei,
- Und reißt mir mit kühlen Händen
-
Das heiße Hemd entzwei!
- Der stillt mein verschmachtendes Bangen —
-
Den greif ich, wie nie ich mich hüb,
- In jauchzendem Lustverlangen:
-
Denn der heißt Beelzebub!
nach Dolorosa (Maria Eichhorn)
[Bearbeiten] Dichters Aufstieg
116
|
Finsteres Gestrüpp von Därmen |
|
|
|
|
Aus geschwollener Pferdkindaugen Köcher |
|
|
|
nach Johannes Becher
[Bearbeiten] Mondnacht
118
-
Mondnacht, du silberflietschiger Kitsch —
-
Ich bin alkoholisch erregt ..
-
O verflucht!
-
Und der Stiefel des ewigen Juden knarrt fortwährend da vor mir,
-
Quarr-quietsch, quarr-quietsch!
-
Der Mond rundwund verwest
-
Wie gespieene Milch,
-
Girrgirr bischt ..
-
O verflucht!
-
Und der Stiefel des ewigen Juden knarrt fortwährend da vor mir,
-
Quarr-quietsch, quarr-quietsch!
-
Ich fistle in ursachlosen Träumen,
-
Jihi diridih!
-
Doch die Irrenanstalt schnarcht traumlos,
-
Und der Stiefel des ewigen Juden knarrt fortwährend da vor mir,
-
Quarr-quietsch — o verflucht!!
-
Brücken wackeln mit ihren Buckeln,
-
Laternen nicken und knicken,
-
Klirrklick klagerack ..
-
O verflucht!
-
Und der Stiefel des ewigen Juden —
-
— Hick!
-
Mein Blick
-
Fängt ein besoffenes Vieh —
-
Diridih!
-
Das kotzt Bier
-
Hu-ah gurrgurrgurr
-
Bischt — platsch!
-
Ich gehe, hitsch, hatsch —
-
|119 Und der Stiefel des ewigen Juden —
-
— Hack!
-
So 'n Pack!
-
Auf der Terrasse
-
Überm verwesten Milchkanal
-
Sitzt Fischamsofa*), meine Geliebte ..
-
Unter taumelnden Sterntrapezen
-
Frißt sie Bretzen
-
Und säuft Sekt
-
Ganz verrucht —
-
O verreckt,
-
O verflucht,
-
Schluck auf Schluck —
-
Huck!!
-
Und zwanzig Onkels sind bei ihr,
-
Patschen ihre milchig verwesten
-
Mondkniee, die wundrunden ..
-
Pitsch patsch,
-
Pitschel patsch,
-
Pitschi pitschi patschelpatsch!
-
Olga Fischamsofa,
-
Lasest du Casanova?
-
Schunkelst du mit den Schenkeln?
-
Munkelst du mit den Önkeln??
-
Hick! Hack! Huck! Heck!!
-
O verflucht —
-
Jetzt lieg' ich im Dreck!!
-
Und der Stiefel des ewigen Juden vollführt auf meinem Nabel einen Niggertanz.
- *) Oder heißt sie Nischanova? Ich weiß es nicht mehr genau,
nach George Grosz
[Bearbeiten] Das Nordmordlicht
120
Nun will ich den Gehalt zusammenklammern,
Urrundwucht wickelt jetzt Euch aus den Wicken —
Morastig angelackt an Lasterkammern
Entwetz' ich mich zu Weltenwohlgeschicken!
Ich war im Heu Geheule meiner Fäule,
Doch glastet schon die Pfahlbaupfingstenpfunzel,
Daß ich feilgeile Gäule nun zerkeule
Und mein Kaumtraumbaum sich in mir verrunzel'!
Die Herzreimleiern klappt Kunzkunst so bitter,
Vernunftverdumpfter Wichte Knacksgeknaster —
Aus Schmerzschleimschleiern wabbt Brunstdunstgewitter,
Keilt den Koloßklotzklops aufs Wackelpflaster!
Ra, Ra, Fatum, furchtbares Flammenentstammen,
Dein Finger jetzt verpriestert das Empfundne —
Trarah-Datum, lurchbares Mammenwammen,
Nicht mehr verbiesterst Du das Rhythmischverbundne!
Ihr Augenzwinkerhaufen, Nackenmauer,
Spinndick bespickt mit gelben Giftfurunkeln,
Wie schwül ich Euch umschwirr auf Zunderlauer,
Verrät ein Schrumpfruck — Schnuppen fühlt Ihr funkeln!
Ihr Sündermünder, ekle Morchelohren,
Ihr Unzuchtzähne trüber Fieberbiber,
Ihr Spuk von Speichel vor den Höllentoren,
Nun würgt den Froschfrohgang ein Erdverschieber!
Du Schlenderschleudern der Geschlechtsgefechte,
Verkrampft zum Satansplastiksteinsymbole —
|121 Aus Deinem Thau der Techtelmechtelnächte
Bleichblicke blinzeln, tiefe, schrecklich hohle!
Ihr Katzenklumpen und Ihr Riesenschweine,
In Blumungsgluthen sollt Ihr Euch verbuntern —
Ich sammle Euch, zerstreute Menschenbeine,
Ob hundert Flundern sich in Flandern wundern!
Mit Angstschweiß, Sphinxe, sollt Ihr Euch befeuchten!
Keuchst Du, Kaukasier, schmarotzerroter?
Ins Tropfsteinloch die Kletterblitze leuchten —
Fluchtsucht des Fleisches, und Tumulte Todter!
Ich, der vom Weib sich gänzlich ausgespalten,
Handpalmen schäl' ich aus Manschettenschaften
Und fächle Euch mit Feuerfauchgewalten,
Ich Nordlichturgeist! mögt Ihr mich verkraften!
nach Theodor Däubler
[Bearbeiten] Das Oadelwoass
122
- O Berg — euch liab' ich allezoat,
- Ja selbscht im Winta, wenn es schnoat!
- Ich grüaß' den roanen Sunnenschoan,
- Und stoag' ins stoale G'wänd hinoan:
- Da wer'n miar wohl die Woadel hoaß,
- Doch grüaßt mich z'letzt oan Oadelwoaß,
-
Oan Oadelwoaß!
- O Liad, gediachtet still dahoam,
- Wie g'froat von diar mich jeda Roam!
- Jetzt kling' von Berg zu Bergen woat,
- Zum Proas der Alpenherrlichkoat!
- Und singt dich d'Senn'rin hoch am Oas,
- Dann bist auch du oan Oadelwoaß,
-
Oan Oadelwoaß!
nach einer „oberbairischen“ Dialektdichterin
[Bearbeiten] Gedichte In Prosa
123
[Bearbeiten] Der Schädel
124
Ein kahler Schädel kreiste um die Sonne, die große bleiche Totensonne.
Und der Schädel träumte von seinen Gliedern, die doch dazu gehörten und auf der großen bleichen Totensonne stehen müßten ...
Aber es war nur ein Traum. Der kahle Schädel kreiste zwanzig Millionen Meilen von der großen bleichen Totensonne, und zwischen ihm und ihr war leerer, leerer Raum.
Und der Traum des Schädels steigerte sich, bis aus dem Traum ein Gedanke wurde.
Und der Gedanke war, daß die Totensonne tot wäre, und daß er, der kahle Schädel, kahl sei ...
Da schloß der kahle Schädel die Augen, denn nun war es ihm einerlei.
Ein kahler Schädel kreist um die Sonne: ohne Träume und ohne Gedanken.
nach Paul Scheerbart
[Bearbeiten] Ugh und Mugh
125
Das schwarze All gähnte. Weit auseinander klafften seine bleichen Milchstraßenlippen, und ein kosmischer Magenrülpser fuhr dazwischen hervor.
Und der kosmische Magenrülpser ward ein kopfloser Komet.
Die Strahlen aber dieses Kometenschweifes, der keinen Kopf hatte, spannten sich Lichtjahre lang durch den zitternden Raum, als goldene Saiten einer gewaltigen Harfe.
Und von dem Nebelfleck der Andromeda her schritten die Riesen Ugh und Mugh. Ein jeder wollte auf den goldenen Saiten herumklimpern.
Und der Riese Ugh lief listig voran, übersprang den Großen Bären, langte zuerst bei der Harfe an und suchte den Akkord der goldenen Saiten zu spannen. Aber seine Hand erreichte kaum zwei von den Saiten.
Und der Riese Mugh kam zornig nachgestürmt, mitten durch die Ringeln der funkelnden Sternenschlange, daß sie ihm zappelnd um den Hals hing. Und er lachte über die Ohnmacht des Listigen, packte ihn und warf ihn als gelbgrüne Schlange auf den Sirius.
Als aber der Riese Mugh den Akkord der goldenen Harfe griff, zersprang sie. Denn der Riese Mugh war zu stark.
nach Paul Scheerbart
[Bearbeiten] Der Mann und die Buche
126
An der rostbraunen Berghalde stand eine mächtige Buche. Und an dem schwülen Himmel stand ein Gewitter.
Die mächtige Buche stand eine halbe Stunde allein, unter dem schwülen Himmel, an dem ein Gewitter stand. Dann aber stand ein finsterer schwarzhaariger Mann vor der mächtigen Buche und stieß einen schrecklichen Fluch aus. Der schreckliche Fluch hallte wider von der rostbraunen Berghalde und dem Gewitterhimmel, der noch immer darüber stand.
Gleich darauf stand der finstere schwarzhaarige Mann nicht mehr vor der Buche: denn es hatte zu hageln begonnen, und er hatte den Verstand verloren. Aber die Buche stand noch immer an der rostbraunen Berghalde, mitten im Hagel, denn es war eine mächtige Buche.
nach Paul Scheerbart
[Bearbeiten] Der Weise
127
Ein Weiser konnte sich nicht wundern. Aber er hatte einen Bart.
Darum riß er sich langsam seinen Bart aus, seinen schönen weißen Bart.
Da wunderte sich der Weise zum ersten Male, weil es wehe tat.
Aber nun hatte er keinen Bart mehr. Und das war das Schlimmste.
nach Paul Scheerbart
[Bearbeiten] Die Tat
128 Ein Inkarnat
In seiner schwarzen Höhle lag der schwarze Lindwurm. Und es war schwarze Nacht um ihn.
Aber es kam der Held, in schwarzer Rüstung und schwarzem Visier, daß er den schwarzen Lindwurm beschliche.
Mit geschwärztem Schwerte trat er in die schwarze Nacht der schwarzen Höhle.
Und es graute ihm vor der großen Schwärze, daß er den Arm nicht heben konnte.
Aber der schwarze Lindwurm hatte Halsschmerzen. Daher öffnete er den schwarzen Rachen, und fauchte. Da sah der Held die langen weißen Zähne leuchten — und stieß dem Lindwurm aufatmend das Schwert ins Herz.
Da wurde alles rot ...
nach Paul Scheerbart
[Bearbeiten] Heisa!
129 Ein Tanzlied
Unter dem gelben Tische der Weltgeschichte tanzt alles, was unter den Tisch gefallen ist.
Oben hockt die dicke, giftige, rotbepustelte Kröte und lacht mit hopsenden Backen über das Lumpenvolk da drunten, und je giftiger sie lacht, desto violetter glühen die Pusteln. „Ihr Narren!“ pustet die bepustelte Kröte, „ihr Tröpfe! Betrunken seid ihr — nur darum seid ihr unter den Tisch gefallen!“
„Natürlich sind wir betrunken!“ jubeln die drunten, „natürlich! Tanzten wir sonst?“
Und alles, was unter den Tisch gefallen ist, tanzt wilder und wilder, bis der gelbe Tisch der Weltgeschichte wackelt, bis er stürzt, und die pustelige Kröte rücklings zur Erde purzelt, so daß man ihren bläulichweißen Bauch sehen kann ..
Da ist es natürlich mit ihr vorbei, denn sie gehört zum Geschlecht der faulen Fische.
Die Andern aber tanzen weiter und weiter, über ihren Kadaver und über die Trümmer des gelben Tisches hinweg, träumend von dem grünen Tische der Hoffnung, unter den sie nicht zu fallen brauchen.
nach Paul Scheerbart
[Bearbeiten] Der Staub
130 Eine Meditation
Es staubte.
Denn er glaubte.
Er glaubte, daß es staubte.
Nur weil er glaubte, daß es staubte, darum staubte es.
Und eines Tages glaubte er nicht mehr, daß es staubte.
Da staubte es nicht mehr.
Aber da glaubte er auch nicht mehr.
nach Paul Scheerbart
[Bearbeiten] Enttäuschung
131 Ein Trauerspiel
Tralala! rief der mächtige Zauberer.
Trululu! rief die mächtige Zauberin.
Sie konnten sich beide nichts anhaben.
Darum heirateten sie sich.
Nun riefen sie beide: Traulaulau! traulaulau!
Aber das hatte nicht die geringste Wirkung mehr.
nach Paul Scheerbart
[Bearbeiten] Marvilljuse
132 Andante con moto
Die lange, breite, moosgrünseidene Schleppe schlürft langsam über den Sand.
Die Schleppe gehört der Prinzessin Marvilljuse. Der Sand aber ist mattweiß, denn er ist der salzige Niederschlag von den Tränen ihrer unglücklichen Verehrer.
Alle Verehrer der Prinzessin Marvilljuse sind verduftet: bis auf den mattweißen Salzsand ihrer unglücklichen Tränen. Prinzessin Marvilljuse aber gefällt sich darin, über das weiße Salzfeld hin ihre lange, breite, moosgrünseidene Schleppe zu schleifen. Denn sie langweilt sich jetzt.
Kokettierend hebt sie, weitausschreitend, die moosgrünseidene Schleppe von den blaßrosabestrumpften Knöcheln. Spricht keiner mehr ein kühnes Wort? Na?
Aber der mattweiße Tränensand bleibt stumm: stumm und sehr trocken.
Immer koketter bewegt sich die Prinzessin, immer weiter schreitet sie in das Tränensalzfeld hinein.
Da weicht mit einem Mal der Boden unter ihren Füßen. Sie ist in die tiefste Stelle des Salzfeldes geraten: dorthin, wo die siebenundsechzig deutschen Jünglinge sich ausweinten. Prinzessin Marvilljuse versinkt. Nur die Pfauenfeder auf ihrem Barette, nur noch diese dünne, blaugrüngelbrotgoldene Pfauenfeder winkt aus dem mattweißen Salzsand wie ein Unkraut, winkt und winkt immer schneller ..
Na? Na?
nach Paul Scheerbart
[Bearbeiten] Die Entdeckung
133 Ein Seelenstand
Langsam schlenderte er, ganz langsam. Beinahe langweilig. Schritt um Schritt querauswerfend, links, rechts, und wieder rechts. Und um die Ecke, und wieder zurück. Ganz langsam.
Wie gesagt: beinahe langweilig.
Die Maximiliansstraße hinauf, und wieder zum Hofgartentor. Und wieder, und dann zurück, und wieder zurück. — Aber endlich, vor dem Tor, die Schritte zusammenwerfend, querein, hielt er an, sah hinauf und hinunter, hinunter und hinauf, und wieder, lange. Und dann streckte er sich und gähnte.
Gähnte.
Gähnte schwelgend, langausarbeitend, mit Behagen, beinahe.
Und da kam etwas Reinigendes, Zufriedenstellendes. Erst nur wie Ungeduld, und so unbestimmt.
Aber doch etwas.
Etwas wie Ärger, daß er mit plötzlichem Antrieb die Halbschuhe scheuern ließ, rasch und rascher, wieder queraus.
Aber dann blieb er dennoch stehen. Denn jetzt wußte er es immer deutlicher.
Das heißt: es wollte kommen. Es keimte herauf, mit ersten weißgrünen Hoffnungsspitzen, durch die schweren Schollen seiner Empfindung, zerbröckelnd, siegreich. Es war ein Wunsch, ja. Ein Verlangen, beinahe.
Und da war es wieder, wahrhaftig!
Und wuchs immer höher.
Höher.
Leider. Denn es war ihm noch nicht klar.
|134 Und doch war es etwas. Und schon da, beängstigend, beinahe.
Und er wußte noch immer nichts.
Nichts, ganz unzweifelhaft.
Und es sollte doch sein! Er sollte ja doch ringen darnach, ehrlich, lebhaft, beinahe.
Das wußte er, freilich. Nun ja. Und endlich mußte es doch klar werden. Dennoch.
Es kam ja nur auf ihn an. Er brauchte ja nur zu warten. Und er wartete ja bereits, ohnedies.
Sonst konnte es nicht kommen. Woher denn sonst?
Vielleicht redete er es sich eben nur ein, das Ganze.
Vielleicht nur vom Gähnen. Es war so unvermutet gekommen. Eine Störung, Medizinisches, Zirkulation, oder dergleichen.
Oder Liebe? Eine Kokotte?
Nein. Er mußte lächeln. Die Lederwangen zurück, schlaff, quappelig, runzelnd, wie die Hautringe einer Griessuppe, und die Zähne vor, grellweiß ans Tageslicht. Eingesetzt, natürlich. Schon lange.
Oder Hunger, vielleicht?
Er lächelte wieder, lachte, beinahe. Davon kam er ja. Er konnte sich erinnern. Der Kellner, und fünf Mark hatte es gemacht. Ein Knopf war abgesprungen, von dem Frack, ganz oben, und er hatte ihn aufgezogen, zum Nachtisch, unbarmherzig, und kein Trinkgeld obendrein. Das wußte er also doch. Und genau.
Aber was? Es blieb doch seltsam.
Hin und her, bohrend, ohne Beschwichtigung, wie Geburtswehen, beinahe, und immer seltsamer. Als sollte etwas Ganzes dabei herauskommen — ganz etwas Ganzes.
|135 Wenn er nur einmal das Gefühl hatte, auf der Zunge, namentlich, dann konnte es ja wohl herauskommen. Denn dann kam wohl auch schon der Begriff.
Auf der Zunge, ja. Das Gefühl, und auf der Zunge mußte es kommen. Auf weichen, träumerisch himmelblauen Fittichen der Erfüllung. So mußte es kommen, wahrhaftig!
Experimentieren, also.
Und er durchschmeckte, durchspürte, durchstöberte, durchstocherte, durchschnupperte sich, selber sich selbst, peinlichst, ob er nichts entdecke, in tausend qualvollen Reizungen, mit hochgezwungenen Brauen, vorgedrücktem Rückgrat und eingekniffenen Hüften, gekrampft, beinahe. Aber da kam es, allmählich.
Allmählich.
Aber sicher.
Beseligend.
Erlösend.
Berauschend, wie feiner Duft ..
Nein — die Zunge!
Die Zunge mußte er festhalten. Nur keine Zersplitterung, jetzt.
Zwar, allerdings, es schien etwas wie Geruch dabei, neben dem Geschmack.
Aber festhalten,und standhaft! Die Zunge! nur die Zunge. Und er klemmte sie zwischen die falschen Zähne, daß sie festlag, leiszitternd, in keuchender Erwartung, mit ahnenden Poren und gereckten, tastenden Wärzchen.
Wenn er nur die Spur nicht verlor!
Wenn er nur nicht ermüdete, wenigstens!
Da!
Der Lohn, der Sieg! Immer deutlicher.
|136 Der Form nach walzig, heranrollend, näher und näher — braun, schmutzigbraun, lechzend, verzückt, ermattet, verröchelnd, verstöhnend, mit einem Stich ins Aschgraue, aber nur ganz leise.
Aber waren das nicht die Augen? Die Zunge? Ja so.
Also.
Und er schloß die Lider, schwer herab, wie lackierte und verschwollene Jalousieen, aber kräftig, mit Entschluß.
Die Zunge! Nur die Zunge.
Das war es.
Und da kam es, von der anderen Seite.
Von der richtigen.
Auf der Zunge, ganz nur. Untadelhaft.
Typisch, beinahe.
Tropenarom, kraftbrenzelnd, und doch knospenhaft zärtlich und mild wie ein junger Kuß ...
Manila!
Ja.
Da warf er die Lider zurück, gierheulend wie ein hungriges Raubtier, endlich über der Beute, und stürzte den Blick herum, und erhaschte ein Ladenfenster, und riß die Tür' auf, schmetternd, und durchwühlte den Vorrat mit bebenden Fingern, und, abgeschnitten, angebrannt, hinaus und fort, saugend, jauchzend, pustend, in kurzen, wilden Bissen, gehässig, beinahe. Und immerfort.
Ja, das war es.
Und nicht einmal bezahlt, nämlich!
Vergessen, in der Eile. Gleichviel.
Aber das war es.
von einem guten Schüler Hermann Bahrs
[Bearbeiten] Übersetzungsscherze
137
[Bearbeiten] Fanchette (französisch)
138 Pariser Cabaretlied von Theodore Botrel
Französisch, hochdeutsch und oberbayerisch
- Amis, quittons cette assemblée
- Et fuyons le son des binious,
- Que l'on remplisse ma bolée
- D'eau de vie et de cidre doux;
- Je vais vous conter une histoire,
-
Verse à boire,
- Plus belle qu'un Sône breton,
-
Buvons donc!
- Vous connaissiez tous la Fanchette,
- Que j'aimais avant d'embarquer:
- C'était bien la plus mignonnette
- Des garçailles à reluquer
- Entre la Vilaine et la Loire,
-
Verse à boire,
- Entre Douarnenez et Redon,
-
Buvons donc!
- Elle avait promis de m'attendre
- Jusqu' à mon retour du Tonkin,
- Mais elle avait un coeur trop tendre
- Pour être femme de marin —
- Quand j'ai doublé le promontoire,
-
Verse à boire,
- Je n'ai pas vu son cotillon,
-
Buvons donc!
- Pendant que je faisais campagne
- Tout là-bas au lointain pays,
- |139 Elle a quitté notre Bretagne
- Avec un Monsier de Paris;
- Pour la chasser de ma mémoire,
-
Verse à boire,
- Pour oublier son abandon,
-
Buvons donc!
- On m'a conté, que la Fanchette
- Avait un renom très fameux,
- Que ses baisers, que l'on achète,
- Atteignaient des prix fabuleux, —
- Amis, pour trinquer à sa gloire,
-
Verse à boire,
- A la santé de la gothon
-
Buvons donc!
- Si je retrouve l'infidèle
- Un jour dans la ville d'enfer,
- Je saurai me venger sur elle
- Du chagrin, que j'aurai souffert ..
- Je lui briserai la mâchoire,
-
Verse à boire,
- J' écraserai son blanc téton,
-
Buvons donc!
- Si la première elle se fâche
- Et me fait chasser comme un chien —
- Je l'aime tant, je suis si lâche,
- Je ne lui reprocherai rien;
- En baisant sa robe de moire,
-
Verse à boire,
- Je lui demanderai pardon —
-
Buvons donc!
[Bearbeiten] Fanchette (hochdeutsch)
140
- Kommt, Freunde, nun fort aus dem Saal,
- Wo der Dudelsack lärmt ohne Ruh,
- Und füllt mir einen Pokal
- Mit Branntwein und Most dazu!
- Ich weiß eine Mär', die ist fein —
-
Schenkt mir ein!
- Kein Sang der Bretagne gleicht ihr:
-
Trinken wir!
- Ihr alle, ihr kanntet Fanchette,
- Mein Lieb, eh' an Bord ich gemußt!
- Hab keine so zierlich und nett
- Zwischen Loire und Vilaine gewußt
- Unter den Mägdelein —
-
Schenkt mir ein!
- Unter allen im weiten Revier —
-
Trinken wir!
- Sie schwur, zu warten auf mich,
- Bis von Tongking ich wiederkam:
- Doch im Herzen fühlte sie sich
- Für ein Seemannsweib zu bequem;
- Und als ich ans Land kam herein,
-
Schenkt mir ein!
- Da schaut ich vergeblich nach ihr —
-
Trinken wir!
- Derweil ich die Kriegsfahrt gemacht
- Da drunten in fremder Fern,
- Verließ sie das Land über Nacht
- Mit einem Pariser Herrn!
- |141 Damit ich vergesse die Pein,
-
Schenkt mir ein!
- Daß nimmer ich träume von ihr,
-
Trinken wir!
- Gewaltigen Ruf gewann,
- So hört ich, Fanchette gar bald,
- Ihre Küsse hat mancher Mann
- Mit Märchenpreisen bezahlt:
- Dies Glas ihrem Ruhmesschein —
-
Schenkt mir ein!
- Aufs Wohl von der Dirne, dem Tier,
-
Trinken wir!
- Treff ich einst in der Teufelsstadt
- Sie, die mir gebrochen den Eid,
- Dann trinkt meine Rache sich satt
- Für alles erduldete Leid!
- Dann schlag ich sie kurz und klein —
-
Schenkt mir ein!
- Die Schneebrust zerschmettere ich ihr —
-
Trinken wir!
- Doch zürnt sie zuvor, und jagt
- Recht wie einen Hund mich fort —
- Ach, ich lieb sie, ich bin so verzagt,
- Ich sag ihr kein böses Wort;
- Ihr Seidenkleid küß ich allein —
-
Schenkt mir ein!
- Und stammle: Verzeihe mir ...
-
Trinken wir!
[Bearbeiten] Dö Fanni (oberbayrisch)
142
- Kemmts, Buam, jetz drucka mar uns!
- Dö Musi, dö hob i jetz dick —
- I kaaf mär a Maßl, a gsunds:
- 's werd angstochen, sechts? mir ham Glick!
- Und a Neiigkeit herts jetz vo miar —
-
Kelln'rin, a Biar!
- Buam, dö Gschicht hot a Gwolt ...
-
Saaf'n ma holt!
- Dö Fanni, dö habts ös ja kennt,
- Mein'n Schatz, eh s' mi mitgnomma ham —
- Nach der san s' grod aso g'rennt,
- Dö Schlierseer Buam allezsamm,
- Denn die Schönst' war dös im Reviar —
-
Kelln'rin, a Biar!
- A Gsichterl hot's habt ois wia g'molt ..
-
Saaf'n ma holt!
- „I wart' auf di, Sepp,“ hot s' g'reert,
- „Bis d' z'ruckkimmst von Aafrika —“
- Ja Schnecken! koan Pfenning war s' wert,
- G'rod a Meensch wia di Andern war s' a a!
- Denn wia ma san z'ruckkemma miar —
-
Kelln'rin, a Biar!
- War koa Fanni da, sapperawolt!!
-
Saaf'n ma holt!
- Wernddem daß ma g'rafft ham da drunt
- Mit dö Kaffern von Agra Bequen,
- Is s' durch mit an noblichten Hund —
- So a Münchna Stodherr is's gwen!
- |143 Daß i 's Meensch aus'm Kopf valiar' —
-
Kelln'rin, aBiar!
- Ganz kolt will i wer'n — ganz kolt ..
-
Saaf'n ma holt!
- A Berihmtheit is s'wor'n, was i her',
- Dö Fanni, da drinn in da Stod:
- Hundert Markl ham s' zohlt, und mehr,
- Für an oanzigs kloans Busserl g'rod!
- Stoßts an, sie soll leb'n und wia —
-
Kelln'rin, a Biar!
- Weil ma gar a so vüll für sie zohlt,
-
Saaf'n ma holt!
- Bal i 's treeff', dös Luada, dös schlecht,
- In da Malafizdeifisstod drinn,
- Da g'freits mi, da kimmt's ma grod recht,
- Da kon s' wos erleb'n — da is s' hin!
- Da geh i drauf los wiar a Stiar —
-
Kelln'rin, a Biar!
- Da zamaatsch'i ihr d' Dutten, daß's schnollt!
-
Saaf'n ma holt!
- Aba zwidert s' mi an, und schreit:
- „Gehst weida, du daamischa Bua!'
- Wißt's, gern hob is' do — na' is's gfeit,
- Na hob i koa Schneid dazua!
- Na bussel i 's Gwand a' von ihr —
-
Kelln'rin, a Biar!
- Und sag': Geh, sei wieda dö Olt ...
-
Saaf'n ma holt!
[Bearbeiten] Rosa La Rouge (französisch)
144 Pariser Cabaretlied von Aristide Bruant
Französisch und münchnerisch
- J' suis Rosa ... c'est Bazouge, qu'est le mien.
- J' ai les cheveux roux, une tête d' chien ...
- Quand'je passe, on dit v'là la Rouge
-
A Montrouge!
- Y a des homm's, qui, voient tout en blanc,
- J' sen boulott'nt, i's ont pas de sang!
- L'mien en a, mais y voit tout rouge
-
A Montrouge!
- V'là son blot: lui c'est mon pepin
- Y saigne un homme comme un lapin
- Y a pas gras la nuit quand il bouge,
-
A Montrouge!
- Quand je tiens l'mosieu dans un coin
- Il est a côté ... pas ben loin,
- Et l'lendemain l'sergot trouv' du rouge
-
A Montrouge!
[Bearbeiten] Dö fuchsate Rosl (münchnerisch)
145
- Dö Rosl bin i, da Sepp is mei' Schotz —
- Hab a G'friaß wiar a Hund, rote Haar', wiar a Kotz ...
- Bal s' mi' segn, sog'n s': da laaft s', die söll fuchsate, schau',
-
Vo' der Au!*
- Mecht s' Mo'sbuida sei', und seid's allawei' guat?
- Ös Leetschfeig'n, ös habt's ja koa Schneid und koa Bluat!
- Der mei', der haut ois bluatig und blau
-
I' der Au!
- Wißt's, der hat Finess'n! Wia's der aso macht,
- Da gibt 's koane Würschtln, bal a kimmt bei da Nacht!
- Der stiecht enk an Meensch'n ak'rat wiar a Sau
-
I' der Au!
- Bal i mit an fein' Herr'n in an Winkel drin bi',
- Is er aa scho' glei' da, und der anderne hi'!
- In da Fruah' schaugt si's Bluat an da Schandarm, da Wauwau,
-
I' der Au!
- *) Die „Au“ ist eine Vorstadt im Osten Münchens.
[Bearbeiten] Goethes „weder-weder« und Schillers „noch-noch“
146
Zwei Weimarer Festvorträge
von Professor Dr. Immanuel Tiefbohrer
[Bearbeiten] Vorwort
Nachstehende in Weimar gehaltene Gedächtnisreden, die erst nur ihrem besonderen Zwecke dienen sollten, haben bei dem erlesenen Auditorium ein so ungewöhnliches Interesse gefunden, daß ich dem Drängen mehrerer Fachgenossen nachgebe und sie hiermit auch der weiteren Öffentlichkeit zugänglich mache. Es mag dies auch insoferne nicht unberechtigt erscheinen, als die eine der beiden aufschlußreichen Textstellen bisher noch nicht in ihrer ganzen schwerwiegenden Bedeutung gewürdigt, die andere aber seltsamerweise überhaupt noch jeder wissenschaftlichen Beachtung entgangen war.
Weimar, im Wonnemond 19...
Dr. Immanuel Tiefbohrer.
[Bearbeiten] I. Goethe-Gedächtnisrede, gehalten am 22. März.
147 Hochgeehrte Versammlung!
Der Genius läßt sich nur dann wahrhaft nachgenießen, wenn wir mit Anspannung aller unserer geistigen Kräfte versuchen, seinen Spuren auch bis in die kleinsten Einzelheiten seines Wollens und Vollbringens ehrfürchtig zu folgen. Nachdem mir heute die Auszeichnung zuteil geworden ist, Ihnen, meine Damen und Herrn, den Vortrag zum Gedächtnis unseres großen Meisters halten zu dürfen, glaubte ich daher dieser hohen Aufgabe nicht besser gerecht werden zu können, als indem ich Sie in das Verständnis eines solchen Einzelphänomens Goethescher Dichtkunst einführe, dessen wahrer Wert und weittragende Bedeutung durch kurzsichtige Bedenken profan-grammatikalischer Art bis heute eine traurige Verschleierung, ja fast eine trübe Negation erfuhren. Ich meine jene Stelle in dem großen Lebenspoem des Meisters, wo Gretchen Faustens erster Annäherung entgegnet:
- „Bin weder Fräulein, weder schön,
- Kann ungeleitet nach Hause gehn.“
Noch heute gibt es, Gott Apollo und den Musen sei es geklagt, allerlei schwächere Intellekte, die nicht begreifen können, welche tiefen inneren Notwendigkeiten den Meister hier zwangen, von der grammatikalisch üblichen Form „weder — noch“ in kühner Überzeugungssicherheit abzuweichen und dafür die ungewöhnliche, aber jedes wahrhaft unbefangene Empfinden schon an |148 sich höchst reizvoll berührende Form „weder — weder“ zu gebrauchen. Ich will, meine verehrten Damen und Herrn, ganz auf den wohlfeilen Hinweis verzichten, daß der Genius stets seine ureigensten Bahnen wandelt, und daß es daher gar nicht überraschen könnte,wenn er ganz grundsätzlich und bei jeder Gelegenheit sich in Widerspruch mit der gemeinen Normalgrammatik setzen würde. Allein, wie gesagt, die begeisternde Wahrheit der schrankenlosen Abnormität des Genius ist ja uns allen so gegenwärtig, daß sie keiner näheren Beleuchtung bedarf. Vielmehr möchte ich zeigen, daß dieser allgemeinen Tatsache, die den Genius nur negativ von uns minderwertigen Sterblichen unterscheidet, in jenem besonderen Falle der Abweichung auch sehr positive Rechtfertigungen zur Seite stehen, und zwar in Hülle und Fülle. Ich maße mir nicht an, diese Fülle der positiven Rechtfertigungen zu erschöpfen: würden doch meine bescheidenen Kräfte hierfür ebenso wenig ausreichen als Ihre eigene physische Ausdauer. Aber ich hoffe, meine verehrten Damen und Herrn, daß meine Ausführungen Ihnen das freudige Bewußtsein von jener unbeirrbar elementaren Treffsicherheit unseres Meislers geben werden, die sich ausspricht in seinem herrlichen Wort:
- „Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange
- Ist sich des rechten Weges wohl bewußt;“
oder vielleicht noch bezeichnender in der Gedichtstelle
- „Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg.“
Nach diesen notwendigen Vorbemerkungen trete ich meinem Thema mit der bewährten Sonde der literar-ästhetischen Forschung näher und frage:
|149 Warum ließ Goethe an jener Stelle sein Gretchen „weder — weder“ sagen, und nicht „weder — noch“? Die Antwort lautet erstens: weil Goethe ein Klassiker war und sich dementsprechend auch immer streng-klassisch ausdrücken mußte. Denn was allein läßt sich als strengklassische Ausdrucksweise bezeichnen? Offenbar nur jene Ausdrucksweise, welche der Antike am innigsten angenähert ist. Wie aber sagte der antike Kulturmensch für „weder — noch“? Er sagte als Römer „neque — neque“, und er sagte als Grieche „???? — ????“, das heißt: er wiederholte dasselbe Wort! Es ergab sich daher für den Klassiker Goethe einfach die immanente Notwendigkeit, auch seinerseits das gleiche Wort zu wiederholen! Allerdings muß man dabei annehmen, daß er längere Zeit überlegte, ob er „noch — noch“ oder „weder — weder“ schreiben sollte: und jeder Feinfühlige wird noch heute die Qualen nachfühlen können, die seine Dichterseele bei diesem schwierigen Dilemma durchlitt. Zuletzt aber half wieder der kategorische Imperativ seines strengklassischen Formbewußtseins. Denn das Wort „noch“ war nur einsilbig, das Wort „weder“ aber zweisilbig, genau wie das Wort „neque“ oder „????“, ferner kam für Goethe mehr das römische „neque“ in Betracht als das griechische „????“, weil er zwar in Rom war, aber nicht in Athen; und da zeigte sich ihm dann zu seiner frohen Überraschung, daß das Wort „weder“ zugleich in vokalischem Betracht völlig der klassisch-römischen Vorlage entsprach, indem wir in „weder“ ganz wie in „neque“ den zweifachen E-Laut beobachten. Somit ist sonnenklar nachgewiesen, daß schon der Drang des Goetheschen Genius, sich möglichst klassisch der Antike |150 anzuschließen, geradezu gebieterisch die Form „weder — weder“ forderte.
Aber auch noch andere Gründe trieben den Meister zu dieser reizvoll-aparten Formgebung. Vor allem zweitens: die Notwendigkeit des korrekten und gefälligen rhythmischen Versflusses. Man höre nur, wie der fragliche Vers grammatikalisch korrekt sich anhören würde:
- „Bin weder Fräulein noch schön“ — —
Hätte das nicht entsetzlich abgehackt geklungen? Und anderseits war es für den Genius völlig ausgeschlossen, Gretchen auf die Frage Faustens mit einem Satze antworten zu lassen, der auf ihrer Seite irgendeine geistige Selbständigkeit verraten hätte, indem er sie zur Versfüllung noch irgendwelche anderen Ausdrücke hätte gebrauchen lassen als jene, die ihr Faust ohnehin in den Mund legt. Das hätte einen schreienden Widerspruch bedeutet gegen die süße Unberührtheit und Einfalt des holden Bürgerkindes! Es gab also auch in rhythmischer und psychologischer Hinsicht nur die eine Möglichkeit „weder — weder“.
Drittens aber, meine sehr verehrten Damen und Herrn, war diese Form auch eine schlichte Notwendigkeit im charakteristischen Sinne der momentanen dramatischen Situation. Der E-Laut hat in unserer geliebten deutschen Sprache etwas Ablehnendes und Feindseliges an sich, wie schon die Worte „Ekel“, „Weh“ und „Pest“ deutlichst bezeugen. Die dramatische Stimmung der so liebenswerten vorläufigen Sprödigkeit Gretchens konnte daher gar nicht entsprechender herbeigeführt werden als wieder durch die Form „weder — weder“, die den fast gehässig ablehnenden E-Laut viermal nachdrücklichst wiederholt. Ich kann mir hier |151 nicht die Nebenbemerkung versagen, daß auch schon der Name von Faustens erotischem Objekt für jeden Einsichtsvollen in überraschender Weise demselben Zwecke dient; denn auch der Eigenname „Gretchen“ enthält diesen vorläufig zurückweisenden E-Laut zweimal, und zudem erfreut er durch die weitere Tiefgründigkeit, daß er klanglich dem Diminutivum von Gräte — ich meine die Fischgräte — ähnelt: also jenem Knochensurrogat der Wasserbewohner, das den Genußfreudigen zunächst durch stachlige Feindseligkeit abwehrt; man vergesse dabei nicht das Backfischalter Gretchens, und man vergleiche in diesem reizvollen Zusammenhang auch Goethes unsterbliches Gedicht „Heideröslein“, in dem es bekanntlich heißt:
- „Röslein sprach: ich steche dich“,
und die mystisch geniale Notwendigkeit auch der Namengebung „Gretchen“ wird Ihnen allen unmittelbar einleuchten.
Viertens aber entsprach die Form „weder — weder“ dem dramatischen Augenblick auch im mimischplastischen Sinne für die Schauspielerin, der die Darstellung des Gretchen anvertraut ist. Es liegt in der Natur der schauspielerischen Wiedergabe jenes Moments der Ablehnung, daß Gretchen ihre Entgegnung, sie halte sich für kein Fräulein und auch nicht für schön, mit einem reizend schnippischen Kopfwerfen erst nach links und dann nach rechts begleitet. Für beide Kopfbewegungen aber muß nach dem künstlerischen Gesetz der Symmetrie selbstverständlich genau derselbe Zeitraum zur Verfügung stehen: und dies wiederum ist nur denkbar, wenn das zweite, den schnippischen Kopfwurf nach rechts einleitende Wort genau ebenso lang ist wie |152 das erste, das den schnippischen Kopfwurf nach links einleitet. Auch in der Wahrnehmung der rein schauspielerischen Interessen hat also hier der Genius instinktiv dem Gesetze der höchsten Schönheit gehorcht.
Aus der Fülle weiterer künstlerischer Forderungen, die den erhabenen Meister ganz ebenso zu der Wahl des „weder — weder“ nötigten, will ich nur noch eines hervorheben: nämlich, daß diese Form auch im Sinne einer packenden Symbolik des Ewigweiblichen die einzig entsprechende war. Wir haben Gretchen bekanntlich als ein Wesen aufzufassen, das a) von bezaubernder Jugendfrische, b) ausnehmend schön, c) kindlich fromm, aber d) auch sehr sinnlich veranlagt ist, das ferner e) sich erst sehr spröde verhält, endlich aber f) sich in ihrer selbstlosen Hingabe sogar verführen läßt — kurz, meine verehrten Damen und Herrn: wir sehen in Gretchen den idealen Inbegriff der deutschen Jungfrau, welcher seinerseits wieder der ideale Inbegriff des deutschen Weibes ist. Was aber lag nun näher, als diese bedeutsame Repräsentation der echtesten und schönsten Weiblichkeit durch Gretchen auch lautlich-symbolisch zum Ausdruck zu bringen? Auch dies wollte der Genius des unsterblichen Meisters nicht verabsäumen, auch dieser Forderung genügte er durch die nachdrückliche Wiederholung des wunderbarweich-wollüstig-weiblichen Konsonanten „W“ in jenem herrlichen „weder — weder“ l Ich sage daher nicht zuviel, wenn ich zusammenfassend behaupte, daß die europäische Dichtkunst, ja wohl die gesamte menschliche Kultur nichts von gleicher Bedeutsamkeit diesem faustischen „weder — weder“ an die Seite zu stellen hat: weder bisher, weder in allen kommenden Aeonen!
[Bearbeiten] II. Schiller-Gedächtnisrede, gehalten am 9. Mai.
153
Hochgeehrte Versammlung!
Als ich im März die Auszeichnung hatte, Ihnen Goethes „weder — weder“ in seiner ganzen Bedeutsamkeit und in der Fülle seiner ästhetischen Begründungen darzulegen, ahnte ich nicht, daß mir mit fast beschämender Einstimmigkeit auch die Rede für den heutigen Gedächtnistag unseres herrlichen Friedrich Schiller anvertraut werden sollte. Noch weniger aber ahnte ich, daß sich mir für diesen meinen zweiten Versuch, einem Großen gerecht zu werden, völlig unverhofft, ja wie durch höhere Fügung ein Gegenstand bot, der die Aufeinanderfolge dieser beiden Vorträge noch in weit höherem Maße rechtfertigen kann, als es die mich so tief bewegende Wertschätzung meiner bescheidenen Kräfte an sich vermöchte. Denn dieser Gegenstand schließt sich nicht nur aufs innigste an das Thema meiner Ausführungen am verflossenen Goethe-Gedächtnistage an, er bedeutet auch geradezu eine notwendige Ergänzung zu dem damals Gesagten, und zwar im Sinne jener geheimnisvollen inneren Gewißheit, die uns die geliebten Dichter-Dioskuren gar nicht anders vorstellen läßt als wie unser heimisches Denkmal sie zeigt: verschiedenen, ja gegensätzlichen Wesens, aber Schulter an Schulter in Ebenbürtigkeit vereint!
Es war vor fünf Wochen, am ersten April nachmittags nach 4 Uhr — ich stelle den Zeitpunkt mit möglichster Genauigkeit fest, weil ich die Entdeckung, |154 von der sogleich die Rede sein soll, historisch für mich in Anspruch nehmen muß —, es war also am 1. April, 4 Uhr 15 Minuten nachmittags, da durchblätterte ich in Überlegung eines geeigneten Themas für die heutige Gedächtnisrede auch den zweiten Akt von Schillers glutvollem Jugenddrama „Don Carlos“. Und da wurde mein Auge plötzlich auf eine Dialogstelle jenes zehnten Auftritts zwischen Domingo und Alba gelenkt, die ominöser Weise beginnt:
- Domingo
-
„Was wollen Sie mir sagen?
- Alba
-
Eine wicht'ge Entdeckung, die ich heut' gemacht ..“
als ob der große Dichter hier schon prophetisch auf die Entdeckung hätte hinweisen wollen, die mich selbst in jener gesegneten Stunde beglücken sollte! Auf die Frage Albas, wer es auf sich zu nehmen habe, den König über die erotische Relation zwischen seiner Gemahlin und dem Infanten aufzuklären, läßt Schiller nämlich den Domingo erwidern:
- „Noch Sie, noch ich“ — —!
Ich sehe, meine Damen und Herrn: die Wucht dieser Enthüllung übt auf Sie zunächst ganz dieselbe fast schreckhaft lähmende Wirkung aus wie auf mich in jenem geschichtlichen Augenblick. Aber wie es mir geschah, sobald ich imstande war, mir über die außerordentliche Erscheinung klarer zu werden, so werden auch Sie, meine verehrten Damen und Herrn, an der Hand meiner Erläuterungen alles erschreckend Befremdliche von diesem Phänomen abfallen sehen, Sie werden überzeugt werden, daß es sich nicht etwa um einen |155 Widerspruch gegen die Feststellungen meiner letzten Goethe-Gedächtnisrede handelt, sondern daß uns vielmehr in dieser Schillersehen Textstelle und ihrer geheimnisreichen Beziehung zu dem „weder — weder“ Goethes eine unerhörte Offenbarung über unser teures Dichterheroenpaar geschenkt ist: und auch Sie werden sich in freudiger Ergriffenheit sagen, daß etwas, was ich philologische Vorsehung nennen muß, dieses Gnadengeschenk nur einem Weimarer Forscher anvertrauen konnte, damit es, wie allein recht und billig, von unserer geliebten Klassikerstadt aus seine segensreichen Wirkungen verbreite!
Meine verehrten Damen und Herrn! Schon zu jener Zeit, da die beiden Dichterfürsten noch auf diesem durch sie geweihten Boden wandelten, Goethe mit dem breiten Tritt ruhvollen Behagens, Schiller aber in einer Gehweise, die ihn bei aller Energie des Auftretens immer auch elastisch, gleichsam auf Schwingen des Ideals halb zu den Sternen emporhob — schon zu jener begnadeten Zeit, sage ich, litt die Welt unter der bangen Unentschiedenheit des Streites, welcher von den beiden Dichtern der größere sei. Welch hohe Bedeutung auch Goethe dieser Frage beimaß, erhellt aus der bekannten Tatsache, daß er Eckermann gegenüber ausführlich darauf zu sprechen kam; aus seiner ausweichenden Bemerkung aber, die Nation möge den Streit nicht weiter verfolgen und sich nur freuen, „zwei solche Kerle zu besitzen“, spricht vernehmbar der quälende Schmerz, daß das Problem nicht zu lösen sei: und die Folgezeit schien dieser Resignation auch durchaus recht zu geben. Heute aber, meine Damen und Herrn, wissen wir auf Grund jener parallelen Textstellen, die bei |156 Goethe wie auch bei Schiller die größte dichterische Kraft in einem kleinsten und feinsten Punkte gesammelt zeigen, daß keiner dem ändern etwas nachgab!! Schon in meiner Goethe-Gedächtnisrede habe ich mit gebührendem Nachdruck darauf hingewiesen, wie Gretchens „weder — weder“ den Dichter in jener totalen Unabhängigkeit von der profanen Grammatik zeigt, die das sicherste Symptom des überragenden und beherrschenden Genius ist; nun denn: Domingos „noch — noch“ zeigt auch Schiller im Besitze dieser überragenden und beherrschenden Genialität, und zwar, als hätte die Vorsehung uns diese Einsicht ganz besonders erleichtern wollen, an genau demselben sprachlichen Beispiel! Hinter Goethe wie hinter Schiller lag hier das Gemeine in wesenlosem Scheine, und zwar hinter jedem gleich weit! Auch der Verdacht, daß Goethe durch die Schillersche Textstelle, oder Schiller durch die Goethesche erst zu einem bezüglichen Wetteifer entflammt worden wäre, auch dieser schon an sich unwürdige Verdacht läßt sich literarhistorisch sofort entkräften, findet sich doch das „weder — weder“ Goethes bereits im Urfaust, den Schiller noch nicht kannte, als er im Jahre 1783 mit fester Hand sein „noch — noch“ in den „Don Carlos“ setzte. Nein: völlig unabhängig von einander bewährten die beiden Großen an demselben Gegenstand dieselbe freie Meisterschaft! Aber — und dies führt in die tiefsten Mysterien des individuellen Schaffens — aber jeder von den beiden Heroen bewährte sie in seiner besonderen Weise, in der Form, die allein seiner künstlerischen Persönlichkeit und der ihr vorliegenden dichterischen Aufgabe entsprach. Wir haben seinerzeit gesehen, aus welchen zwingenden Gründen |157 Goethe das „weder — weder“ auch dem „noch — noch“, das sicher auch durch seine Seele ging, vorziehen mußte: und heute, meine verehrten Damen und Herrn, werden wir sehen, aus welchen nicht minder zwingenden Gründen Schiller seinerseits gar nicht anders schreiben konnte als „noch — noch“!
Da ist denn vor allem hinzuweisen auf Wesen und Richtung der Schillerschen Produktion im allgemeinen. Während Goethes beschaulich umfassende Universalität das Dramatische nur mit einschloß als eine dichterische Ausdrucksform neben vielen anderen, deren er sich bediente, war Schiller, wie wir ja alle wissen, in erster Instanz Dramatiker. Zu den entscheidendsten Erfordernissen der dramatischen Kunst zählt aber die möglichste Knappheit des sprachlichen Ausdrucks. Als sich auch für Schiller in jenem Augenblicke der Produktion intuitiv die allgemeine Notwendigkeit ergab, die Fesseln der Vulgärgrammatik zu sprengen, mußte er daher sofort auch die zweite Notwendigkeit fühlen, den Sprachgebrauch nach Seite der konzisen Zusammendrängung zu verbessern. Schon aus diesem Grunde kam für ihn nur mehr das „noch“ in Betracht, nicht aber das breiter ausladende „weder“. Dabei konnte sich ihm nicht wie Goethe das ernste Bedenken entgegenstellen, mit dem zweisilbigen „weder“ auch den Wetteifer mit den altklassischen Vorbildern „neque“ und „????“ zu verabsäumen; wissen wir doch heute, daß die Klassizität Schillers im Grunde weit mehr auf dem starken Einflüsse der Klassiker des französischen Dramas, namentlich auf dem Einflüsse Racine's beruhte. Die französische Sprache aber gibt in dem fraglichen grammatikalischen Falle nur ein |158 ebenso einsilbiges „ni — ni“ von sich, das obendrein mit dem „noch — noch“ den Konsonanten „n“ gemeinsam hat: so daß also Schiller durch sein klassisches Vorbild in der Entscheidung für das „noch — noch“ nur bestärkt werden konnte.
Sieht man aber genauer zu, so geboten Schiller auch noch andere, künstlerisch-speziellere Gründe mit aller Entschiedenheit die Wahl des „noch — noch“. Vergegenwärtigen Sie sich zu diesem Behufe den betreffenden Auftritt des Carlos-Dramas. Der finstere Alba und der schwarze Domingo stehen beisammen, nächtiges Unheil brütend. Dieser tiefdüsteren Färbung des Auftritts mußten auch die Laute der ersten, knappen Worte von Domingos Antwort auf Albas Frage möglichst entsprechen, und zwar vor allem in ihren Vokalen. Diese Vokale mußten also möglichst dunkel sein, um so mehr, als der helle I-Laut in „Sie“ und „ich“ nicht zu vermeiden war; die gleichfalls sehr hellen Vokale des „weder — weder“ hätten die ganze Stimmung der Szene vernichtet, und auch das profan-korrekte „weder Sie, — noch ich“ hätte da so gut wie nichts gebessert, weil es gerade am Beginne der Antwort gleich drei der hellsten Vokale gebracht hätte, gegen deren Lichtfülle das vereinzelt nachhinkende dunkle „noch“ gar nicht mehr erfolgreich hätte ankämpfen können. Als einzig künstlerische Möglichkeit blieb daher unserem Schiller nur mehr das „noch — noch“ übrig, das obendrein den unschätzbaren Vorteil bot, Domingos Antwort gleich mit dem tiefdunklen O-Vokal zu beginnen und hiermit die charakteristisch düstere Wirkung des Auftritts suggestiv zu erzwingen. Dabei ist auch sehr zu beachten, daß die Vokalfolge |159 „o — o“ in „noch — noch“ zugleich der nämlichen Wiederholung des O-Vokals in dem dumpf dröhnenden Namen „Domingo“ völlig entsprach, so daß „noch — noch“ auch zugleich die Nachtgestalt von Philipps furchtbarem Beichtvater sozusagen in einem intensiv tonmalerischen Symbol wiedergibt; ferner, daß sich in diese Vokalfolge „o—o“, die ja rein klanglich auch als „oh, oh“ gedeutet werden kann, zugleich auch die ganze ethische Mißbilligung des Dichters selbst flüchten und suggestiv dem Publikum sich mitteilen konnte! Aber auch die Konsonanten des „noch — noch“ waren hier geeignet, der höchsten künstlerischen Vergegenwärtigung zu dienen. Der lichtscheue schleichende Mönch, der in feuchtkalt-finsteren Kloster-, Kapellen- und Grufträumen aufgewachsen ist, konnte sich sicher keiner intakten Atmungsorgane und Stimmbänder erfreuen, ein chronischer Rachen- und Kehlkopfkatarrh war bei ihm mit aller Bestimmtheit anzunehmen, und dieser Rachen- und Kehlkopfkatarrh bedingte eine heiser keuchende Sprechweise. Wie aber hätte dieses heisere Keuchen Domingos dem Schauspieler näher gelegt werden können, wie auf zuverlässigere Art von ihm erzwungen werden als durch Schillers wundervolles „noch — noch“, das den rauh keuchenden und fauchenden Rachenlaut „ch“ zweimal kurz hintereinander bringt und durch das dritte „ch“ des unmittelbar darauf folgenden Wortes „ich“ sogar noch gewaltig verstärkt wird? Aber die eminente persönlichkeitmalende Kraft des „noch — noch“ ist damit noch nicht erschöpft; auch in seiner vokalisch-konsonantischen Gesamtheit diente es diesem Zweck, und zwar in bezug auf die allgemeinere Körperbeschaffenheit |160 Domingos. Daß der intrigante, von Fanatismus und Streberei verzehrte Mönch sich einer behäbigen Wohlbeleibtheit erfreut haben könnte, muß ausgeschlossen erscheinen; man kann sich seine Gestalt nur in dürrknochiger Hagerkeit vorstellen. Und nun, meine verehrten Damen und Herren, lassen Sie an Ihre akustische Einbildungskraft noch einmal die Schallwellen des „noch — noch“ schlagen! Deutlich werden Sie jetzt auch heraushören: „Knochen — Knochen!“ Ja, meine Damen und Herrn, — auch die dürren Knochen Domingos hört man klappern in diesem unerhört plastischen, malerischen, musikalischen, die Situation wie die Persönlichkeit erschöpfend schildernden „noch — noch“!
Was vor allem, hochverehrte Versammlung, macht den großen Dramatiker? Äußerste Knappheit und Schlagkraft des Ausdrucks, restlos eindringliche Zeichnung der vorgeführten Gestalten! Beides bewährte, wie wir sahen, unser Schiller mit seinem „noch — noch“; immanente Notwendigkeit nötigte ihn zu der Neubildung, genau dieselbe immanente Notwendigkeit des Genius, die Goethe aus ganz anderen Gründen zur Erschaffung des „weder — weder“ zwang! Die Verschiedenheit des künstlerischen Zwecks forderte die Verschiedenheit der Form: aber Vollkommenheit, Erfüllung sämtlicher Gebote der Kunst bewundern wir hier wie dort. Meine verehrten Damen und Herrn! Beseligt durch diese Erkenntnisse lassen Sie uns jetzt im Geiste noch einmal andachtsvoll vor das gemeinsame Bild der Dioskuren, vor unser geliebtes heimisches Denkmal treten! Da sehen wir den einen und einzigen Lorbeerkranz von beiden erfaßt: und wir erkennen in diesem Lorbeer |161 die ruhmreiche Verwandlung des vulgären „weder — noch“ in eine Form von reinster und freiester künstlerischer Bedeutung. Aber wir sehen auch, wie Goethes Hand in ihrer ganzen Breite auf dem Kranze ruht, während Schiller ihn nur mit halber Hand berührt: und es ist uns, als sähen wir in dieser Differenzierung schon Goethes breites, vierfüßiges „weder — weder“ und Schillers dramatisch knappes, zweifüßiges „noch — noch“ zum Ausdruck gebracht, wie durch vorahnende Eingebung des großen Bildhauers. Staunende Ehrfurcht läßt uns verstummen; in unseren Herzen aber klingt der Jubelruf: Weder noch Goethe, noch weder Schiller — nein, sowohl als auch Schiller, als auch sowohl Goethe ist unser Größter!
