Der Abschied des Leonidas
aus Wikisource, der freien Quellensammlung
|
[75] IV.
Der Abschied des Leonidas.
(Aus Glovers Leonidas, Buch I. nach der neuesten Londner Ausgabe.)
Vorerinnerung.
Eine der schönsten Stellen in Glovers Leonidas ist Unstreitig der Abschied des Helden von seiner Gattin und seinen Kindern. Als er, nach dem Spruch des Orakels: daß Lacedämon sich gegen die hereinströmende Macht des Persers nur durch den Tod eines seiner Könige schützen könne; freywillig sein Leben dem Vaterlande dargeboten hatte, mußte sein Herz noch einen schweren Kampf bestehn. Er war geliebter Gatte und zärtlicher Vater. Indem seine Seele im vollen Gefühl der Erfüllung einer großen Pflicht den eignen Beyfall, und die Dankbarkeit der Mitwelt und Nachwelt vorausgenießt, zieht ihn das Bild seiner verlassenen Gattin, und seiner jammernden, bald verwaisten Kinder von der hohen Bahn des Ruhms, die seine patriotische Tugend wandelt, in den stillen Kreis der häuslichen Sorge, herab, [76] und nur der Gedanke: Lo! thy country calls, hebt ihn über diese überwallenden Empfindungen. In diesen Betrachtungen findet ihn Agis, der Bruder der Königinn, und mahnt ihn, über der Größe der That, die jetzt in Riesengestalt vor seiner Seele stehe, nicht sie zu vergessen, der dieß Opfer am meisten koste. „Wie könnt ich die Sorgen der vergessen,“ erwiedert Leonidas, „die mehr geliebt ist, als jeder, obwohl minder theuer, als alle!“ – Und nun fährt der Dichter fort: So sprach der Held. Von sanfter Liebe floß 5
Saß stumm, bewegungslos die Königinn.Ihr schwimmend Auge hieng am Boden fest; 10
Der Mond durch all’ den Dunst das LichtgewandVon Silberstralen über der Natur 15
Es naht der Held. Sobald mit sanftem Wort[77] Sein wohlbekannter Ton ihr mattes Herz 20
Wenn so, Leonidas, dein Blick, dein WortDes Kummers tiefste Nacht mit einmal scheucht, 25
Nicht seh’ den Blick, vor dem mein Kummer lächelt.
30
Das alles stieg jetzt schreckenvoll gemischtVor ihren Geist. Sie rief in bittrer Qual: In Sieg gekleidet und in Ehrenstaub 35
Beutst du dem Vaterlande deinen GrußUnd Freude deiner Wohnung. O zu Kühner! 40
Uns allen minder werth, für Sparta fallen.Jetzt weint ein jedes Aug’ in meinen Schmerz, 45
In jedem Bürger sich der Rettung hebt,Durch unsre Qual erkauft. – Doch ach! du merkst 50
Hier schloß des Schmerzes unaussprechlichesGefühl den Mund. – Drauf sprach Leonidas: Des Vaters Liebe nimmer so gefühlt. 55
Ach! es war nie empfindungslos für dich,Wenn es auch noch so heiß der Ehre schlug. – 60
Mir keine Wahl, als was zu scheuen Schande,Zu thun nicht Tugend war. Drum wähne nicht, 65
Mein Vaterland – sie fordern meinen Tod. – –O, theure Trauernde! was schwellt von neuem 70
Ich – o der Schand! ein Leben weigerte,Das Freyheit, Ruhm, Gerechtigkeit und Zeus 75
Vergaß ich je der Liebe heil’ge Sorgen? –Jetzt zeigt am wärmsten, zeigt am treusten sich Die Sorgfalt dieser Liebe. Wenn dein Mann 80
Von den Unsterblichen bin ich erwähltEin Volk zu retten. So mein zagend Herz 85
Der schweren Unterjochung mit ihm tragen.Schau deine Söhn’ – itzt ihres Namens werth 90
Auf eignen Thaten, auf des Vaters Ruhm,Wenn er der Sparter Freyheit sicherte, 95
Der Gram der Tugend Stimme. Keine KlageJem heil’gen Schweigen – keine Thräne mehr – [81] Sieh! vor dem Pallast stehn im Waffenschmuck 100
Den Führer. – Da erwacht der Fürstin Schmerz;Zu groß für Worte hemmt er jeden Seufzer; 105
Gedrängt, wie hängen sie an seinen Knieen!Wie decken sie mit Küssen seine Hand! – 110
Steht er, von seinen Kindern rings umschlossen,Und giebt der Zärtlichkeit und Liebe sich 115
Gieb diesem treuen Weibe – ihre TugendVerdienet deine Huld – des Friedens Stunden. Da mich der Heldengeist – von dir geerbt – 120
Von ihnen weg zum sichern Schicksal reißt,Sei du ihr Schützer; lehre sie, wie du W. Fink.
|
